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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5
Marie Hebenstreits Heimkehr

An jenem Abend brachte Sixta nichts aus ihrer Tochter heraus, als daß sie ihrem Mann davongereist war und auf keinen Fall mehr gedenke, zu ihm zurückzukehren. Dann schüttelten sie Weinkrämpfe und Frost zugleich, daß sie völlig verelendet und schließlich gelbblaß wie eine Tote in dem breiten Himmelbett lag. Vor dem Einschlafen in tödlicher Müdigkeit glitt jedoch noch ein unsäglich zufriedenes Leuchten über der jungen Frau Gesicht. Sie preßte ihre Wange fest an die rauhe Hand der Mutter, die ihr noch eine Schüssel heiße Milch gereicht hatte, und sagte: »Daheim, ach daheim.« Darauf streckte sie sich wohlig unter dem hohen Federbett, neigte den Kopf zur Seite und ging in tiefen Schlaf ein. Sixta besorgte schnell mit dem heimgekehrten Gesinde das Vieh, legte sich dann vorsichtig neben Marie und hörte diese Nacht alle Stunden schlagen.

Am nächsten Tag hielt sie es für geraten, daß Marie sich nicht zeige, sondern in der Kammer bleibe, womöglich im Bett. Marie war glücklich darüber, sie fühlte sich in den vollen Kissen geborgen wie ein Kind und war froh, in der heimlichen Einsamkeit mitten im Vaterhaus ruhen zu dürfen. Beim Dreschen dann nahm die Mutter unauffällig Martin beiseite und berichtete, Marie sei gestern nacht krank vor Heimweh angekommen. Er solle es Urban sagen, aber niemand sonst. Man brauche nicht unnütz darüber zu reden.

Sixta schämte sich der Tochter, die ihrem Mann davongelaufen war. Wo war nun das große, große Glück geblieben, das sich Marie ertrotzen wollte, das hohe Ansehen einer Stadtfrau, die sich Samt und Seide und ein halb Dutzend Hüte 33 leisten konnte, in zierlichen Schuhen hintrippeln, spazierengehen, mit einem Sonnenschirm in der Hand, einem Hündchen an der Seite, Arm in Arm mit dem schönen, vornehmen Mann?

Sixta verzog den Mund zu spöttisch-wehem Lächeln.

Ja, alles muß ins Aug stechen bei derlei Leuten, und die Stadt ist ein Paradies für sie, bis sie ihre Launen kennen. Sie denken bloß an den äußeren Vorteil, derweil die Seele verkümmert. Die Marie hat hochfahrend über alle hinausragen wollen. Diese Bauern daheim sind gewiß nur halbe Menschen mit plumpen Schuhen und roten Händen gewesen. Ja, wenn's letz geht, dann findet man heim, dann ist der Hochmut schnell verflogen. Der liebe Herrgott sorgt dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Als Sixta mit der Mittagssuppe in die Kammer trat, saß Marie angezogen vor dem Bett im Ohrenstuhl und starrte in das Winterland hinaus. Ihre Hände lagen gelbweiß und mager auf dem dunklen Stoff ihres Kleides, und Sixta sah, daß der Ehering fehlte.

Was mochte da vorgefallen sein? Hatte sie nicht dem allzu nachgiebigen Bauern schon vorausgesagt, was für eine Ehe das geben würde zwischen der trotzigen und oft tollen Marie und dem ähnlich gearteten Spötter Hebenstreit?

»Warum bleibst nicht liegen, wenn dir elend ist?«

»Ist mir eher wohl, Mutter, als elend.«

»Nun, red endlich, wie du von Karlsruh hier heraufgekommen bist!«

Marie wechselte die Farbe mehrmals. Ihre Finger zerrten unruhig die Falten am Kleid zurecht.

»Mutter, Ihr müßt Geduld haben, ich kann nicht so vom Fleck weg berichten. Es ist eine lange Geschichte, vielleicht fehlen mir auch die Worte, alles zu sagen, dann ist's freilich eine ganz kurze. Ach Gott! Der Albin ist kalt mit mir geworden, warum, das weiß ich nicht genau. Nichts hat ihm gepaßt, er hat mir die Lust am Leben vergällt mit seinem ewigen Zurechtweisen. Karlsruhe ist eine schöne und lustige Stadt für mich gewesen. Ich bin halt gern vor die Läden gestanden und in ein feines Kaffee gegangen, wo Musik gespielt wurde. In der Wohnung stundenlang allein wurde mir angst und bang. Da ist mir das Atemholen schwer gefallen, und da hab ich 34 Heimweh bekommen. Die vielen Bücher und Bilder und Teppiche und Vorhänge in den Zimmern hab ich am Anfang gern gehabt, aber dann war es immer dasselbe, und alles hat mich daran erinnert, daß Hebenstreit immer sagte: ›Lern was, bilde dich, lies nun das und schau dir das genau an. Wir sprechen später darüber.‹ Und dann, wenn er mich aushorchte, hatte ich weder gelesen noch geschaut und war dumm wie Bohnenstroh. Was kann ich dafür, daß ich keinen Sinn für diese Sachen hab?

Ich bin dann oft unters Fenster gelegen und habe die Nachbarschaft angeguckt vor Langeweile. Es hatten hie und da einmal junge Herren, auch ältere, vornehmlich aber Offiziere und Studenten, mich in meinem Parterrefenster angelacht und später dann gegrüßt. Ich dankte ihnen und freute mich daran, ich tat jedoch nichts weiter; wurde ich gefragt um ein Stelldichein, lehnte ich zornig ab und sah ein paar Tage nimmer aus dem Fenster.

Nun kommt Albin grad dazu, wie ein besonders hartnäckiger Offizier unter dem Fenster halt macht, grüßt und, trotzdem ich ihn, auf Ehr und Seligkeit, Mutter, öfters barsch abgetrumpft hab, ein Gespräch anfängt. Albin kehrt rack um und geht die lange Straße zurück, mit käsweißem Gesicht, und kommt mir erst spät in der Nacht angetrunken heim.

Dies geht acht Tage so weiter. Ich weiß mir nicht zu helfen. Eines Mittags endlich kommt er wie früher pünktlich nach der Schule heim, ißt mit mir. Ich habe mir in jener Zeit große Mühe im Haushalt gegeben, aber er sagte nichts, er schaute mich nur manchmal traurig an. Ich weiß nicht, wie mir war, ich konnte und konnte nicht reden, Mutter, der Hals war mir wie zugeschnürt, wenn ich ihn sah. Auch deshalb vielleicht, weil ich ihn gar nicht mehr lieb hatte, nur voller Angst und Mitleid war. Und das Heimweh nach euch und dem Wald hat mir schier das Herz abgefressen. So saßen wir stumm wie Fische wiederum acht Tage beieinander; manchmal glaubte ich ihn wieder zu lieben, er ist solch ein feiner Mann, den seine vielen Freunde gern haben. Mit ihnen, die ihn jetzt oft besuchten, konnte er lachen wie ein Bub.

Glaubt mir, Mutter, ich bin elender geworden an diesem Lachen als von den Dingen sonst. Da klang etwas mit, das 35 bitter und grausam war. Ich sollt' das hören. Hebenstreit quälte mich. Eines Nachts, als er lang am Schreibtisch gearbeitet hatte und ins Schlafzimmer kam, nahm ich mir ein Herz, ihn zu fragen, ob ich für ein paar Tage heim dürfe, es würde dann gewiß besser werden mit uns. Wie es ausbrach, weiß ich nimmer, kurzum wir schalten uns bös und stritten gegeneinander mit giftigen Worten, bis nicht mehr ein Fünkchen Liebe in uns beiden war. Der Morgen hat schon gegraut, als er das letzte Wort sagte: ›Geh heim und komm mir nicht wieder. Wir finden den Weg doch nicht mehr zueinander.‹ Dies Wort, Mutter, klang ganz still und müde; es hat mich zum Weinen erschüttert.

Am frühen Morgen ist er dann aufgestanden, ohne daß ich es merkte, weil ich vor Gram eingeschlafen war, hat mir Geld auf die Bettdecke gelegt in einem Umschlag, drauf stand nur: Leb wohl. Und er ist dann in seinen Dienst gegangen. Es ist mir katzennüchtern zumut gewesen auf einmal, ich habe nur mein Geringstes zusammengepackt und bin auf den Zug gesprungen . . .

Nun, Mutter, hab' ich doch reden können, ganz von selber, es hat sicher noch manches andere mitgespielt, daß unser Glück so schnell vergangen ist. Ich glaub, mir hängt etwas vom Vater selig an, ich hab' ein unruhiges Herz. Schande bring ich über euch, wenn ich geschieden werde, das ist wohl in der Gegend noch nie vorgekommen.«

»Was Gott zusammengefügt, soll der Mensch nicht scheiden«, sagte Frau Sixta hart, doch barg sich eine dunkle Erschütterung dahinter, und die Bäuerin sah mit überweit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. Solche Augen wehren sich gegen Tränen.

Marie starrte in den Schoß und schwieg.

Endlich erhob sich Sixta, ordnete die Häkeldecke auf der Kommode, damit sie der Tochter den Rücken zukehren konnte, und sagte: »Deine Geschichte klingt schlimm, aber sie ist in Wirklichkeit nicht so arg, wie du meinst. Es gibt in jeder Ehe einmal Zeiten, wo sie nothaft scheint. Im Anfang ist sie eben nichts anderes als ein Kind, das seine Krankheiten durchmachen muß, um später gesund zu bleiben. Aber man braucht das nur mit Geduld und Gutheit zu behandeln und sich in nichts zu versehen, dann wird alles wieder recht. Bleib du jetzt nur eine 36 Zeitlang bei uns. Gut Ding will Weile haben.« Sixtas Stimme brach in Unsicherheit ab.

Hinterm Rücken der Mutter war Mariens Gesicht immer trotziger geworden, sie hob die Hand verächtlich auf und wies der Mutter Rat ab: »Ach Mutter, Euere Sprichwörter! Immer habt Ihr die bei der Hand. Das Leben richtet sich eben auch einmal nicht nach diesen Weisheitsregeln, das wäre ja schön bequem. Und – gut Ding – es ist kein gut Ding, diese Sache mit Albin und mir. Ich hab meine Schuld nicht bemäntelt, glatt gesteh ich sie ein, bin ein leichtes, hitziges, flattriges Wesen, das nur an sich denkt, eine faule Schlutte im Haushalt, auf der Straße ein Zieraff. Was Wunder, wenn ein rechter Mann in Amt und Würden einen da wegwirft?«

»Wer sich weggeworfen hat, weißt du!« unterbrach die Mutter streng.

»Recht habt Ihr, Mutter, Hebenstreit ist ohne Schuld.«

»Und du tust dich noch hochmütig stellen auf deinen Mut, die Schuld allein zu tragen, du einfältiger Fratz. Herrgott, du weißt es, meine Ehe mit Markus Götz war auch kein Paradiesspiel ohne Sorgen, im Gegenteil. Aber je wunder das Herz geschlagen wurde vom Gram, um so stolzer und stärker hielt es sich. Zuletzt waren Markus und Sixta Götz eben doch ein Elternpaar mit sieben Kindern, das sich sehen lassen durfte, geachtet und geehrt weit und breit. Keiner kann uns was am Zeug flicken. Und wir haben einander Liebe gezeigt auf unsere Art: man hat Geduld miteinander und geht füreinander durchs Feuer.«

»Ja, ihr, ihr seid eben Bauern«, sagte Marie.

»Gottlob sind wir das, und falls Städter andere Ansichten haben über das Sakrament der Ehe, so tut's mir hundertmal mehr leid, euch nicht auseinander getrieben zu haben, mit allen Mitteln damals, als ich so mißtrauisch war. Ihr hättet trotz allem Überrumpeln merken sollen, wer Meisterin im Haus war. Der Bauer hätte helle Augen bekommen, dafür wollte ich gesorgt haben.«

»Hätt', hätt', hätt', Mutter, nun ist's geschehen und vorbei.«

»Nein!«

»Doch!«

»Abermals nein!« 37

Sixta verließ die Kammer aufgerichtet und mit Anstand, trotz ihrer Erregung. Für Tage hatten die beiden ausgeredet. Marie saß nun überall herum, stickte zimperlich an einer Decke, die mit Kreuzstichen ausgefüllt werden sollte. Die Mutter litt es nicht, daß sie im Stall mit Hand anlegte. Marie wollte dies auch ernstlich nicht.

Eines Samstagmorgens überraschte die Bäuerin ihre Kinder damit, daß sie im Sonntagsstaat in die Stube trat und den Urban anschirren hieß mit den Worten: »Ich muß nach Freiburg fahren.« Den Zweck der Reise verriet sie nicht. Die Kinder fragten auch nicht; denn sie wußten, wenn sie nicht von selber Aufklärung gab, blieb alle Antwort dunkel. In Wahrheit fuhr diese entschlossene Bäuerin nicht nach Freiburg, sondern von dort im Schnellzug der Residenzstadt Karlsruhe zu. Von einem Dienstmann ließ sie sich kurzerhand vor das Haus führen, in dem Hebenstreit wohnte. Dann stand sie vor dem jungen Lehrer in seiner dämmrigen Studierstube, blickte ihm eine Weile wortlos ins blasse Gesicht, als wolle sie all sein Fühlen und Denken daraus absaugen, endlich, als er bat: »Sitzet, Mutter«, mit verdrückter Stimme, nahm sie den starken Blick von ihm, setzte sich auf den äußersten Rand des angebotenen Stuhles.

»Ihr kommt wegen der Marie«, machte er es ihr leicht, ihr Anliegen vorzubringen.

»Wohl«, sagte sie.

Schweigen.

»Wie geht es ihr?« fragte Albin.

»Recht«, sagte sie.

»Nun, sie wird sich wieder bei euch einfügen«, meinte Albin leicht ungeduldig über ihre karge Art zu antworten.

»Nein!« Sixta stand auf und trat an den Schreibtisch, hinter dem er saß, bleich und mit dem Falzbein spielend. Sie stützte beide Hände auf die braune Kante.

Die Wucht dieser reichen Frau, reich an Kleidung und edler Bauernschönheit, war prachtvoll. Hebenstreit bemerkte dies, trotz seiner Erregung.

Hier kämpfte eine Welt um ihren Bestand. Eine andere stellte sich ihr entgegen. Hebenstreit hatte viel um Marie 38 gelitten. Und kämpfte als Mann von reinen Sitten qualvoll gegen die Übermacht seiner Enttäuschung. Er dachte nicht daran, mit Marie wieder das gemeinsame Leben aufzunehmen, das eine gemeinsame ununterbrochene Qual bedeutet hätte. Er wurde beredt, er breitete vor Sixta den ganzen wunden Zustand seiner Ehe aus. Sixta erlebte, daß nun diesmal er die ganze Schuld auf sich lud. Sie hätte fast lachen müssen. Klug genug, die traurigen Tatsachen einzusehen, an denen Mariens Glück gescheitert war, selbst die Forderung einer Trennung, versuchte Sixta es nicht, Hebenstreit zu überreden, Marie wieder zu sich zu rufen. Auch gab ihr Mutterstolz das nicht zu. Albin wollte ja auch keine öffentliche Scheidung vorläufig.

Da fuhr Sixta wieder heim, nachdem sie in einem christlichen Hospiz übernachtet hatte, tief ermüdet vom Ungewohnten, und konnte sich nicht mehr dazu zwingen, gegen Hebenstreit zu grollen. Sie war noch zu lebensfrisch, zu sommerlich als Frau, um nicht von der ritterlichen Feinheit, mit der Hebenstreit sie und diese traurige Sache behandelt hatte, eingenommen zu sein.

Die anderen erfuhren nie von dieser Reise Näheres. Auch Marie nur so viel, wie Sixta für nötig hielt. Hebenstreit habe gesagt, sie könne bleiben, solange sie es brauche. Da hatte Marie nur bitter aufgelacht.

Ein Jahr verging darüber, da trug man die unglückselige junge Frau schon zu Grabe. Sixta wußte nichts von der verschlossenen Seele ihrer Tochter, die still und schattenhaft im Michelshof zu Ende gelebt hatte. Jedoch ahnte sie, daß Marie an Liebesstolz zugrunde gegangen war, besonders als sie unter dem Barchent des Kopfkissens, das sie nach Mariens Tod erneuerte, die mit Tränenspuren benetzten Briefe Hebenstreits aus der Brautzeit eingenäht fand.

Woran Marie eigentlich gelitten, und daß ihre Ehe gescheitert war, davon erfuhr niemand in der Nachbarschaft etwas Gewisses. Auf den Höfen wurde manches gemunkelt, jedoch als bei der Beerdigung Hebenstreit neben Sixta hinter dem Sarg herging, schien alles Gerede Lügen gestraft. So hatte Marie eben doch, wie sie auf dem Michelshof alle bereitwillig und voll ernster Teilnahme erklärten, das Heimweh aus der Stadt getrieben.

Sixta rief sofort nach Mariens Entschlafen mit einem 39 Telegramm, das Urban in Buchenbronn aufgeben mußte, Albin Hebenstreit an das Totenbett seiner Frau. Im geheimen litt sie tief, aber der Tod schien ihr doch die beste Lösung des Verhängnisses zu sein, das die Zukunft ihrer Tochter bedrohte. Und niemand brauchte in Unehren auf ihr Grab zu deuten und zu sagen: »Das ist die Frau, die ihren Mann verlassen hat, das ist die Ehebrecherin.«

Marie ruhte in Frieden. Hebenstreits Herz zuckte noch einmal jäh auf, als er sie mit abgezehrtem Gesicht entseelt liegen sah, gedachte er ihrer blühenden, geheimnisseligen Liebeszeit und geriet zuletzt in der bangen Mitternacht, die man ihm zur Nachtwache überlassen hatte, in die tiefe Verzweiflung der Selbstanklagen. Er suchte und fand in zähem Bohren alle Handlungen und Worte, in denen er sich Marie gegenüber versehen hatte, wieder, so daß vor seinen Augen schließlich ein Selbstbildnis grausamer Art entstand.

Er war nie ganz frei geworden von den überreizten Zuständen, die die Reifejahre geistig und seelisch Hochbegabter, aber etwas ungeordneter Menschen so schön und doch so gefährlich erfüllen, es fiel ihn auch jetzt im Fieberrausch des Erregten, der nachts einsam am Totenbett einer ehemals Geliebten wachte, die Versuchung fast schon wie ein Entschluß an, mit seinem Leben auch ein Ende zu machen. Er starrte in die Kerzenflammen, die in roten Glasleuchtern zu Häupten der Stillen lohten. Diese Gedanken waren aber immer wieder von anderen durchschossen, die mit Wenn und Aber in das Leben hinausführten, ganz alltäglichen Fragen und Dingen. Wie ein Netz spannen sich solche glatten Abgleitfäden über das schattendunkle Begehren einer geprüften Seele, das dadurch nicht zur Tat kommen konnte. Als der Tag graute, trat die Schwester Mariens, Sälme, durch die Kammertür in die Ehrenstube, wo sie die Tote liegen hatten, mit frischen Kerzen, löste die geschmolzenen Stummel aus den böhmischen Leuchtern und hieß Albin sich nun niederzulegen. Doch er regte sich nicht. Da setzte sie sich an die andere Seite der Toten und begann lange Gebete zu flüstern.

Sälme hockte da wie verwachsen, sie hatte auffallend schmale Schultern, darüber diesen groß geschnittenen Kopf, dessen hohe, geistige Schönheit nicht mit der unbedeutenden, ja schmächtigen 40 Gestalt zusammenklang. Ihre Haut war so blaß, daß sie leuchtete unterm nachtschwarzen, streng gescheitelten Haar.

Albin schaute sie an. Er staunte sie an, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Das Dämmern, das vor dem Fenster stand, vermischt mit dem Kerzenlicht, erhöhte noch den merkwürdigen Eindruck dieser Mädchengestalt, die in weit gebauschtem, schwarzem Rock versank mit Brust und Schultern und Armen.

»Geh schlafen, Albin!« sagte Sälme plötzlich in die Stille, und ihre Sprache klang gepflegt und von Wärme erfüllt. Sie blickte ihn voll an mit einem kleinen, frauenhaften Lächeln, nicht traurig, eher so, als ob eine Mutter ihren beschämten, verlaufenen Jungen wieder heimführte.

Albin stand auf mit schmerzhaften Knien. Er sah ins Gesicht der Entschlafenen zuckenden Mundes, als wollte er etwas sagen, und setzte sich wieder.

»Ich kann nicht allein sein« brachte er schließlich eigensinnig hervor.

»So bleib halt!«

Sie saßen bis zum vollen Tagwerden neben Marie, und es fiel kein Wort mehr zwischen ihnen. Am Mittag begruben sie die junge Frau.

 

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