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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3
Urban mit dem Kälbchen

Das knospende Licht im Rücken, das rötlich schimmernd überm Ostwald auftauchte, schritt Urban, als Gras und Hürste noch schliefen, neben seinem Kälbchen her nach Buchenbronn zum Markte. Er hatte auf den tiefen, kurzen Schlaf ein befremdlich rasches Erwachen gehabt, und seine Stirn stand voll Schweiß, seine Kehle schien schmerzhaft entzündet wie von starkem, langem Schreien. Urban spähte nach dem Fenster, um zu sehen, ob der Tag noch fern sei, aber er konnte keine Helle entdecken, im Gegenteil, je strenger er an den Ort hinguckte, wo der Fensterrahmen um ein graues Viereck hätte stehen sollen, desto tiefer wurde dort die Dunkelheit. Martins sonst schon leichter Atem ließ sich nun überhaupt nicht hören. Urban lauschte lange Zeit angestrengt und sehnte irgendein Geräusch herbei, das ihm anzeige, wo und wie er lebe; denn er wurde in dieser totstillen Dunkelheit daran irre, ob er träume oder wache. Er hob die rechte Hand, bewegte die Finger; auch das ging auf natürliche Art. Er hob auch den Kopf, das fand ohne jede Hemmung statt. Also lebte und wachte er. Wie konnten nur alle die gewohnten Haustöne jetzt schlafen, verschluckt sein von der Finsternis? Keine Stierkette klirrte im Stall, keine Turteltaube der Schar, die unterm Kachelofen nächtigte, lachte im Traum, auch der Dompfaff, der am Fensterpfeiler im geräumigen Käfig hing, knarfelte nicht mit dem Schnabel wie sonst immer. Auch der Hausmarder im Gebälk, den man in jeder Nacht dem Vergnügen der Mäuse- und Käferjagd frönen 15 hörte, schien gesättigt oder tot. Es krachte weder Diele noch Bank, und kein noch so leiser Wind blies an den geöffneten Fensterflügel, daß das Glas fein schetterte. Urban gefror nach diesem ergebnislosen Warten auf irgendwelchen Laut das Blut, er spürte keines seiner Glieder mehr deutlich und fühlte sich abgestorben. Nun wurde dieses Wachsein in der Stunde vor der Dämmerung zum unheimlichen Grauen und zum Traum, in dem man gepeinigt wähnt, im Grabe zu ruhen, von sich selber herzzerreißend betrauert. Urban erlebte zum erstenmal die Furcht der Finsternis und die Furcht vor der ewigen Nacht. Aber er schlief wieder ein, im Entgleiten vernahm er nun doch, daß sich Martin bewegte und anscheinend einen Arm vom Kissen herab auf die Bettdecke schwang, daß es dumpf klatschte.

Die wohltätige Verdämmerung des Bewußtseins konnte nur von kurzer Dauer sein; denn nun begann die dunkle Nacht auseinanderzuwogen, graues Licht schlich in die Lücken, vermischte sich mit der Kernfinsternis und umzitterte auch empfindlich Gegenstände und Schatten. Das Fensterkreuz wurde sichtbar. Die Dinge hatten doppelte Gestalt: eine dunkle und eine helle, die hinter dieser schwebte. Hinter dem schwarzen Fensterkreuz schien etwas abseits gerückt ein graues zu stehen, dahinter wieder ein dunkleres und dahinter wieder ein helleres. Die Kreuze schienen sich helldunkel nach der Seite aufgestaffelt zu verschieben.

Das sah Urban, als er wieder wach lag und ein Weilchen mit dem Aufstehen zögerte. Der Wecker, den Sixta von der ehelichen Schlafkammer aus in den Kammern der Söhne und des Gesindes zu gleicher Zeit in Bewegung setzen konnte, war vor einigen Minuten krächzend heruntergesurrt. Dieses Teufelswerk, zur Plage aller Siebenschläfer ersonnen, verdankte man dem Großvater Wendelin, Sixtas Erzeuger, der eines Tages seinen Werktisch im Uhrenwendelshaus verlassen hatte, um dem Michelshof dieses peinlich ausgeklügelte Weckerwerk einzurichten, weil es der frisch auf den Hof geheirateten Tochter in der schläfrigen und stundenfremden Unordnung des vernachlässigten Hauswesens nicht gefallen wollte. Alle Uhren, und es hingen deren nicht wenige im Uhrenmichelshofe, schwiegen damals, und ihre Räder, Hebel, Wagen, Pendel, ihr Glockenspiel und Kuckucksruf, das alles schlief im Staube den 16 Dornröschenschlaf. Emsig blies und pinselte der arbeitsfreudige Wendelin sie aus, ölte und leimte und brachte sie mit viel Geduld und noch mehr Uhrmachersleidenschaft in Gang. Zu dem Ticken, Schlagen und Rasseln, dem Klingeln und Kuckucken als Begleitung brachte Sixtas Mutter, die Uhrenhändlerin und Bötin, allerlei Vögel in allerlei Käfigen ins Haus und viele Topfblumen. Wellensittiche und Kanarienvögel, Stieglitze und Zeisige, Drosseln und Gimpel sangen den Uhren zuwett und spielten mit ihrem bunten Gefieder den Farben der Blumen zuwett, den Geranien und fleißigen Liesen, Lobelien und Fuchsien, den Hängenelken und den stachligen, befremdlich blühenden Kakteen. Blumen und Vögel führten, an die südliche Sonnenfensterreihe der Bauernstube gebannt, ein ganz liebliches und verwöhntes Dasein. Es fehlte ihnen nichts als die Freiheit. So wie der Bäuerin Sixta in ihrer Ehe mit dem Michelshofer, Markus Götz, nichts gefehlt hatte als die stetige Heiterkeit des geliebten Mannes. Die Blumen gediehen weiter, wie Sixtas Liebe standhielt, aber die fröhlichen Vögel, sehnsüchtig geworden in der Gefangenschaft, starben in dem allzu krassen Wechsel von Licht und Schatten, Hitze und Kälte dahin aus Schwermut, also starb auch der blühenden Frau Sixta freundliches, zärtliches Wesen hin neben dem sprunghaft launischen Manne.

Dieser Sinnbilder und Gleichnisse gab es viele in dem Lebensablauf der Michelshofer, der Götzensippe, die mit der Faller- und Brudersippe, der Ketterer- und Kussensippe verschwistert und verschwägert war auf doppelte und dreifache Weise, da sie im Kreise und übers Kreuz heirateten, Inzucht trieben, gemeinsame Blutströme noch in ihrer guten oder bösen Schicksalstracht steigerten. Es verdichtete sich alles Geschehen, bekam Zwiesinn, Hintersinn und Übersinn. Die Kinder dieser Sippen waren auf seltsame Art dieser Sinne kundig, zuweilen bewußt, meistens jedoch triebmäßig fühlend und sie im Ausdruck ihrer Persönlichkeit offen und sonderlich herweisend.

Die Erbmasse dieser Angehörigen einer fast adelsrein durchbluteten und gezüchteten Sippe war durchscheinend ins Unberechenbare, obgleich sie die Gestalt von landsmännisch gearteten Bauern hatte, von Schwarzwaldbauern, deren Typ in der ganzen Kulturwelt bekannt ist. Ihr Geist stellt sich 17 hartnäckig unruhig auf die greifbaren Dinge des Lebens ein, ihre Seele sucht die Ruhe in Gott. Nicht selten treibt der Geist die Seele aus dem Paradies, und wir haben einen finsteren Gottesleugner oder einen besessenen Laienprediger der göttlichen Allmacht vor uns. In den gierigen Lohen der Leidenschaft kann die Seele nicht ihr Schwebegesetz erfüllen; denn sie braucht die stetige Wärme der Inbrunst.

Zur Inbrunst fehlt dem Schwarzwälder das biegsam-hingebende Gemüt, das sein Ich im All auflöst.

Das Ich gibt ein Wälderbauer nie auf; wenn es zur Selbstaufgabe kommt, ist sein Geist verwirrt. Er hat sich dann hintersinnt.

Urban, der sein weißbraun geflecktes Kälbchen am Hanfseil an Kleeäckern und abgemähten Matten vorbeiführte, war noch ein viel zu junger Bursche, um eine charaktervolle Persönlichkeit darzustellen. Dennoch bildete er kein unbeschriebenes Blatt mehr im Rahmen der Dorfgemeinde Schiltebach. Als er vierzehn Jahre zählte, rettete er aus dem durch raschen Wolkenbruch wütend emporgeschwollenen Schiltebach nicht nur Kleinvieh und einen halbertrunkenen, jungen Stier auf eine kaum geklärte Weise, sondern auch unter Aufbietung aller Kräfte in höchster Lebensgefahr zwei Kinder, die auf schmalem Brettchen, einem weggerissenen Wiesenbachsteg, kauernd, über die tosenden Wirbel gesaust kamen. Sie stammten aus dem Erlengrund, waren Häuslerskinder, deren Eltern auf dem Erlenmooshof taglöhnerten. Der Volksmund der ganzen Umgebung raunte, es habe etwas auf sich mit dem Urban, in seinen strahlend hellen Augen wohne eine brennende Kraft, er brauche nur streng an etwas zu denken, was er tun wolle, so geschähe es fast ohne Handbewegung. So habe niemand gesehen, wie dem jungen Bub diese Rettungen, an die sich kaum ein Mann getraut hätte, auf so wunderbare Weise gelungen seien. Das hatte in der Tat auch niemand gesehen; denn der starke, junge Urban stand damals wie ein David bloß mit dem Stecken bewaffnet und in starrer Verwunderung ob diesem Naturschauspiel am Schiltebachufer zu Füßen seines Weideplatzes, als der Fluß urplötzlich zu brüllen anhub und sein Bett mit Wassermassen vollfüllte. Im Erlenmoos mußte sich das Gewitter verfangen haben; das schwefelgelbe Gewölk, das man schon einige Zeit 18 brütend am Ostrand der Wälder neben tiefem Himmelsblau hatte stehen sehen, mußte niedergebrochen sein mit furchtbarer Gewalt. Und während im Schiltebachgrund des Michelshofes, auch gegen Buchenbronn hin, der Sommerhimmel in blühender Reinheit stand, sonnenüberglüht, erfüllte sich in geringer Entfernung vom Sommerfrieden eine Tragödie des Naturgeschehens. In diesen Frieden des seidenblauen Himmels und der übergoldeten Flur sprang nun der tosende Schiltebach unvermittelt wie ein wildes Tier hinein. Da kamen Baumstämme aus den Fluten hergepoltert, sperrten das Tal, rissen Gartenzäune und Hühnerhäuschen mit. Sägböcke, Leitern, Melkeimer, Pferdegeschirr, Schweinetröge und Kinderwagen tanzten auf dem Gischt daher, alles, was im schmalen bis an den Bach besiedelten Tal nicht niet- und nagelfest war, mußte die wilde Reise mitmachen.

Da hatte nun Urban einsam, kühn wie David seine Wundertaten vollbracht. Daß ein Baumstamm sich festgeklemmt hatte zwischen den Ufern, und daß nur dadurch die Rettung der lebenden Dinge möglich war, wollte dem Helden niemand so recht glauben. Schon weil sein Bericht höchst merkwürdig klang und wenig überzeugend; denn während des Erzählens vergaß er Worte und Begriffe, Überanstrengung und Aufregung verwirrten ihm wohl die Sinne, er weinte sogar hilflos zornig darüber und sagte, nach Knabenart wild hinausschreiend im Schluchzen: »Ich weiß nichts mehr!«

Als er mit dem erschöpften Stier, der hinkte, mit ein paar Schafen und an jeder Hand eines der heulenden Kinder führend im Michelshof ankam, konnte er noch berichten, daß er sie aus dem Bach gezogen habe, jedoch kümmerten sich all die erregten, am Ufer mit dicken Bengeln umgehenden Michelshofer zunächst nicht viel um die Kinder, die sich verelendet dem Befehl des Bauern fügten, in der Stube niederzusitzen und ja sich nicht hier unten blicken zu lassen. Die Leute stießen die quergewirbelten Balken und Stämme vom Ufer ab; denn diese drohten, sich an der Bachbiegung vor der Michelshofmühle zu stauen, und hätten unfehlbar das Häuschen mitgerissen, die Fluten wären womöglich in andere Bahnen gestürzt, gegen das Wohnhaus zu, und dann Gutnacht! So wehrten sie verbissen, rauh einander zuschreiend, das Unheil mit Mühe ab. Ein Knecht, 19 der von einem zurückprallenden Bengel einen Stoß gegen die Brust bekommen hatte, wurde geisterbleich, übergab sich krampfartig und spie Blut aus. Sonst geschah niemand Unbill. Die Wasser kamen wieder in Ordnung, und nur die Berichte der Leiden, Ängste und Taten der Anwohner am wilden Schiltebach wanderten viele Monde lang von Mund zu Mund, darunter auch der Bericht über Urbans Tat, den die beiden geretteten Kinder, Notburg und Michele, nicht oft genug geben konnten und dessen Verbrämung mit einbildungsreichen Erfindungen die übermäßig gescheite und etwas eitle zwölfjährige Notburg übernahm. Michele, der erst neun Jahre alt war, knappte nur zu Schwesterleins abenteuerlichen Behauptungen. Aber Notburg war schuld daran, daß man Urban mit übersinnlichen Kräften bedacht glaubte. Das seltsame Mädchen sagte nämlich aus, und es lag dieser Aussage ganz gewiß die betreffende Legende von Jesus zugrunde, Urban habe überm Wasser gestanden, habe Haare wie Flammen gehabt so leuchtend, und Augen wie Kristallkugeln so hell, und wo er die Finger hingereckt habe, sei das Wasser still geworden, habe weder getost noch gezwirbelt. So habe sie, Michele an der Hand führend, ohne Gefahr ans Ufer kommen können. Urban auf dem Wasser sei, als sie neugierig zurückgeschaut habe, in der Luft hergeschwebt wie mit Flügeln, und plötzlich auf der Matte habe er sie und Michele an sich gerissen und sei dann, beide führend wie ein gewöhnlicher Mensch, mit ihnen auf den Michelshof gegangen. Stier und anderes Getier seien hinterdrein gestrichen wie demütiges Gefolge.

Die Leute, sie hörten dies gern. Manche hieben mit der Hand durch die Luft, um auszudrücken, wie verlogen dieser Bericht sein müsse; denn die Zeit der Heiligenwunder sei vorbei, überhaupt nie gewesen. Andere glaubten fröstelnd daran; wieder andere inbrünstig zu Gott, dem Allmächtigen gehoben. Aber alle hörten gern diese Mär, und Urban begegnete niemand in dem nächsten Jahr, der nicht hinter ihm dann drein sah wie hinter einem hohen Herrn oder einem Gezeichneten. Dabei sah Urban nicht besonders auffällig aus, damals noch weniger als jetzt, da er neben dem geduldig trottelnden Kälbchen herschritt.

Er war ein blonder, bereits ziemlich breitschultriger Gesell, mit starken, hohen Beinen und langen schlacksigen Armen. Sein 20 Gesicht leuchtete in gesunder Röte, seine Wangen waren noch knabenhaft rund und sein Kinn noch wenig ausgeprägt. Die Nase sprang nicht so schmalrückig vor wie die seines Bruders Martin, sie war sozusagen volkstümlicher geformt, derber, fleischiger. Sie war mit Sommersprossen gesprenkelt, die auch wie eine Brillenmaske unter den Augen her in breitem, bräunlichem Bogen gegen die Schläfen emporstiegen und, über die Brauen biegend, die Stirn durchzogen. Aus diesem lebhaft gefärbten Gesicht strahlten die hellen Augen, die, wenn man näher zusah, von einem hellen Blau waren, das mit einem dunkelgrauen Rändchen umzogen schien. Diese Augen hatte man bei Urbans Großvater Stoffel, dem ehemaligen Vogt, schon gesehen und ihrem Blick sagenhafte Gewalt zugetraut. Es wurde auch oft von älteren Leuten festgestellt, wie ähnlich überhaupt Urban dem Großvater Stoffel sah, jenem schicksälig umwitterten Großbauernsohn, Knecht, Emporkömmling, Vogt, Fürstenfreund, Menschenbanner und Sonderling.

Urban zottelte genau so linkisch in den Gliedern auf der Straße gen Buchenbronn hin wie das Stückchen Vieh, genau so willig und unabwendlich einem Ziele zu. Es war noch, dank der Frühweckkunst Frau Sixtas, so jung der Tag, daß die beiden Wanderer keine Menschenseele auf dem Wege trafen. Die Sonne schwamm jetzt in die Rosengärten der Morgenwolken, die Wälderkämme standen scharf und stumm in übermäßig erstarrter Andacht. Im Grunde murmelte der Schiltebach seine Morgenstrophen in kichernden Tonstürzen.

Urban gedachte der Rolle, die dieser nun so fromme, durchaus nicht wasserreiche Fluß in seiner Jugend gespielt hatte. Es lockte ihn, in das Wasser zu langen, er hatte immer gern das Wasser in seine Knabenspiele mit einbezogen. Eines seltsamen, schlichten Spieles wurde er nie müde: er suchte in der elterlichen Schlafkammer in der Haarschachtel der Mutter ein paar ihrer langen, goldfädigen, ausgekämmten Haare heraus. Hielt eines unter die Brunnenröhre, daß Tropfen daran hängen blieben, und ließ nun im Sonnenschein diese Tropfen an dem gespannten, goldenen Faden auf und niederreigen. Dazu sang er leise. Er badete gern im Bache, was Martin verschmähte. Er schüttelte sich niemals unwillig wie jener, höchstens belustigt, wenn ihn auf dem Feld ein Regen überraschte. 21

Urban ließ das Kälbchen saufen, nachdem er sich die Hände genetzt und selber aus der Handflächengrube getrunken hatte. Er machte sich auch das Haar naß, ließ Tropfen übers Gesicht rieseln und rieb es mit dem Sacktuch trocken. Er hatte wahrhaftig diesen Morgen vergessen sich zu waschen. Nun tat er es gründlich, während sich das Tier ohne große Freßlust an Schmehlen und Riedgras gütlich tat.

»Holla, hopp, Scheckerle«, brachte es Urban wieder auf den Weg zurück. Es fühlte sich wohl in der Wärme dieser Mannesstimme, versuchte ein paar neckische, ungemein kindliche Seitensprünge, die Urban mit lustigem Tadel hingehen ließ. Jetzt wurde es leuchtend Tag. Man sah Buchenbronns Spitznadelkirchturm, blau von Licht umronnen und mit goldenem Stern in den Himmel schnellen.

»Schick dich, Scheckerle«, mahnte Urban, »wir sollen dich zeitig losbringen. Der Jungbauer muß heim, das hast du ja gehört.«

»Der Jungbauer!« Er schoß einen unförmigen Jodelschrei in die Luft, als er sich selber so nannte.

Mittlerweile waren Matten und Seitenpfade herab Bauersleute mit Rindern und Pferden und quiekenden Schweinen auf die Landstraße gekommen, und Urban sammelte sich, um würdig seinen Einzug ins Städtchen zu bestehen. So als stehe ein Schicksal am Wege, mußte er indes am ersten Brunnen schon haltmachen, weil Agnes Ganther ihn von dorther anrief mit ihrer dunklen Zigeunerinnenstimme. Urban lächelte verlegen, denn das dumme Kalb war in seiner Scheu vor den vielen Leuten an dem lockeren Seil um seinen Treiber gerannt und verstrickte ihn so, daß er keinen Schritt mehr tun konnte, und zuletzt drängte es sich von hinten so nahe an Urban, daß er fast umgestürzt wäre. Agnes kam belustigt näher, beschaute den Gefesselten auf boshafte Art und ließ sich endlich herbei, ihn zu befreien, indem sie das zitternde Tier so führte, daß sich der Strick wieder lösen mußte.

Urban schämte sich vor ihr in den »Erdsgrundboden« hinein und suchte vergeblich nach einem Scherzwort, das dieses dumme Geschehnis witzig verkleiden könnte, fand aber nichts und mußte annehmen, daß ihn die Agnes für einen Tölpel erster Sorte hielt. 22

»He, feins Brüderle, feins Brüderle«, sagte sie zu ihm, seltsam spitzig lachend, blieb aber nahe bei ihm, schritt wie ausgemacht neben ihm her auf den Markt zu. Viel Vieh, Groß- und Kleinvieh, war hier zusammengetrieben. Händler und Bauern des ganzen Kreises versammelten sich, um zu tauschen und zu feilschen. Sauber geputzt standen die Ochsen, Kühe, Stiere und Kälber an ihren Plätzen, malmten unaufhörlich und beschauten mit großen, glanzlosen Augen träge die Vorübergehenden. Wenn ein Stierlein brüllte, erhob sich der Reigen der Kuhstimmen.

Waren es nicht Stimmen der tiefen Schwermut, mußte man nicht an einen riesigen Wald denken, urmächtig gewachsen und von der Einsamkeit dieser in scheuen Herden lebenden Tiere erfüllt? Urban, der sich alle Dinge genau und mit gesammelter Gedankenfülle ansah, empfand oft staunend, wie fremd diese Tiere zum Menschen standen, sie schmeichelten selten wie die Pferde etwa. Widerwillig, in sanfter, aber beständiger Widerwilligkeit verrichteten sie ihre Fron. Ein abgesprengtes, furchtsam wildes Tier zeigte erst, wie stark die Wucht seines Körpers und wie großartig schön der Zorn seines Auges war, da glänzte es, und in die gehfaulen Hufe sprang etwas von feuriger Kraft, die sie einst besessen, als über Steppen gejagt wurde im Nahrungstrieb und Liebesspiel.

Urban betrachtete jedes einzelne Tier, vergaß darüber sogar seine Begleiterin und das Kälbchen, bis ihm ein nasses Maul an die Hand kam. Agnes war entwichen, ihm klopfte das Herz vor Ärger. Er trat unter die Kälberschar, unterhielt sich ein wenig über Viehzucht und Wetter mit dem Bauernknecht neben ihm. Das Gespräch seinerseits wandelte sich nur spärlich ab: »Wohl, wohl, ja, ja, ha nein.« Wenn es üppig wurde, fiel die Wendung: »Meinet Ihr?« oder »Ha, sell glaub ich.« Freilich hatte der Knecht nur darum ein behenderes Maul, weil er im »Engel« einen Schoppen und einen Schnaps gelupft.

Urban wurde das Scheckerle wider Erwarten schnell los. Nachdem er die sechzig Mark eingenommen, umständlich im groben Lederbeutel versäckelt und in seiner Brusttasche verwahrt hatte, stiefelte er, statt sich im »Adler« ein Vesper zu genehmigen, über den ganzen Markt, blieb überall stehen, betrachtete Geißen, Pferde, selbst die Schafhämmel, welche bereits breit in der 23 Wolle standen, schätzte sie ab, machte unbedacht eine abfällige Bemerkung über eine alte Schlutte von Roß, die der Händler einem grünschnäbligen Bauernsohn als ein Rassepferd lobte. Belustigend, wie einig Händler und Scheinkäufer plötzlich wurden, indem sie dem erschrockenen Urban Ohrfeigen armvollweis antrugen. Er machte sich betreten aus dem Staube, aber sein Schicksal stand wiederum neben diesem lächerlichen Auftritt in Gestalt der Agnes, die alles mit angehört hatte und sich ihm mit ihrem unfröhlichen, spitzigen Lachen zugesellte, auch ihn nochmals »feins Brüderle« nannte.

Ach, dieses Schicksal zeigte sich bald verhängnisvoll wirksam. Wie es geschah, wußte Urban nie genau. Agnes Ganther, die schlaue, verschlagene, rachsüchtige Dirne, brachte es so weit, den tumben Tor der Trunkenheit zuzuführen und ihn ohne einen roten Pfennig auf den Heimweg zu schicken. Singend und torkelnd erreichte er in sinkender Nacht den Hof. Er sang das Lied, das einige Urlauber im »Adler« unaufhörlich und laut in sein Ohr gegrölt hatten: »Keinen Tropfen im Becher mehr, und der Beutel schlaff und leer.« Nun, das merkten Sixta und Martin wohl, als sie ihn in die Kammer schafften und das lederne Säckchen ausgeräumt fanden. Sie versohlten ihm beide im Zorn und in der Aufregung über diesen ersten Rausch des jungen Kerls ordentlich das Fell. Er schluchzte wie ein Kind, schlief dann tief und wunderte sich am nächsten Morgen beim Bade im Schiltebach nur über Schmerzen auf den Achseln und blaue Mäler auf den Lenden, abgesehen von der Scham über die unwürdige Art seiner Heimkehr. Alles Tatsächliche wußte er nicht mehr.

Martin grinste ihn frech an, wenn er ihm über den Weg lief. Frau Sixta jedoch schüttelte vor Urbans Augen in verbissenem Tadel seinen tönernen Sparapfel leer.

Wenige Wochen darauf sollte Urban auf der Mutter Geheiß aus dem kleinen Schrein in der Ehrenstube, so hieß die zweite Wohnstube, in der winters die Bauersleute getrennt vom Gesinde sitzen konnten und in die auch besonders werte Besucher zu einem Imbiß geführt wurden, aus dem kleinen Schrein, der Sixtas liebe Sachen verwahrte, sollte er aus der obersten Schublade den Zettel mit der Anschrift eines Erfurter Samenhändlers langen. Jede Lade hatte ihren besonderen Schlüssel, 24 Sixta gab ihm aus dem Ring nur den bestimmten. Er konnte nicht widerstehen, ein klein wenig in der Schublade zu kramen, und stieß sofort auf einen gelben Briefumschlag, in dem es klimperte. Er nahm ihn und entdeckte folgende Aufschrift: »Dieses Geld gehört Urban.« Der Umschlag war verschlossen, jedoch zählte Urban verschmitzt lächelnd mit den Fingerspitzen ab, daß es seine fünf Goldfüchschen aus der Sparbüchse waren. Also, so strafte die Mutter! Behutsam und beschämt legte er den Fund wieder an den Platz und brachte der Bäuerin, von heimlich zärtlichen Gefühlen für sie erfüllt, den gewünschten Zettel.

 

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