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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Agnes auf dem Acker

Agnes Ganther ließ nicht lange auf sich warten. Als Martin ihr helles Tuch aufleuchten sah, legte er Feuer an die beiden Haufen, zu denen er noch dürres Reisig vom Waldrand 9 herabgeholt hatte. Sie lohten hoch auf, prasselten und zischten und ließen grauweiße, dicke Rauchschwaden wie Säulen in der Luft stehen, als die Glut langsam zurücksank. Martin vergaß nachzuschüren, er ließ das herannahende Mädchen nicht aus den Augen.

Endlich sprang ihm dieses wie eine Wildkatze an den Hals, schrie und gurrte und lachte, küßte ihn wohl hundertmal und kauerte dann schwer atmend am Feuer nieder, lustig in die glosende Glut blasend. Richtig, ja, wie ein kleines Teufelchen hockte sie da mit dem Rauselhaar, den festgeflochtenen, krummen, kurzen Zöpfen. Hinterm Ohr steckte nun wieder ein Bündel roter Preißelbeeren. Agnes Ganther war nicht ganz sauber und schmuck angezogen. Aus dem Rocksaum hatte sich irgendwie ein Stück verloren, die Schürze war verschoben, am Mieder fehlten Haken, das Sammetbändchen zum Schnüren war vielfach geknüpft. Sie trug keinen Schauben, so sah man halt, daß die Puffärmel vom Hemd nicht mehr blütenweiß schimmerten, und daß an einer Stelle die gehäkelte Spitze sich vom Bündchen losgelöst hatte. In der linken Ferse klaffte natürlich ein Loch im Strumpf, nur die Schuhe, zierliche Spangenschuhe, schienen tadellos.

Martin mit geschärfterem Blick als sonst – dies hatte Frau Sixta durch ihr Schmälen erreicht –, sah dies alles. Er konnte auf einmal ganz kalt dem närrischen Mädchen zugucken und ließ es ruhig sein dummes Wesen um das Feuer treiben. Sie tat es nicht lange. Sie wirbelte empor, tänzelte, liebelte, plänkelte um den störrischen Burschen her. Er flammte auf und gloste wieder ab, genau so wie das Queckenfeuer, es fuhr keine stetige und herrische Leidenschaft in ihn. Agnes holte mit einem Stecken angebrotzelte Kartoffeln aus der Glut, blies sie kühl und biß hinein. Sie gab dabei so wenig acht, daß sie sich im Gesicht schwarz machte. Sie hatte sonst ein sehr schönes Gesicht, regelmäßig geformt, eines, dem man ziemlich oft im Schwarzwald begegnet, das adelig römisch anmutet. Aber der schwarze Blaken an der Wange und am Kinn entstellte Agnes. Plötzlich geriet Martin in helle Wut, nahm ihr die angekohlten Kartoffelschalen aus der Hand, fuhr ihr, ehe sie sich wehren konnte, damit im Gesicht herum. Sie sah nun greulich aus, hatte ihm aber auch gehörig die Hand verkratzt. Doch er lachte 10 ob seiner wilden Grobheit, half ihr auf die Beine, während sie heftig weinte und schimpfte und, ohne sich die Schmutzmäler abzuwischen, davonrannte.

Martin rief ihr nach: »Adje für immer, ich hab dich satt.«

Sie blieb rack stehen, lachte eulenhaft und schüttelte die kleinen Fäuste.

Martin wollte sich nun heimmachen. Er starrte noch gedankenlos eine kurze Zeit in das glimmende Feuer, dann entdeckte er im Gehen zu seinen Füßen einen von Agnesens goldenen Ringen, die sie im Ohr trug, ein zartes, glattes Reifchen. Es war eigentlich ein Mannesohrring, wie ihn sonst die Bauern trugen. Im Michelhof freilich verschmähte man diesen Schmuck. Er hob ihn jedoch auf, von einer Regung unbehaglicher Verlegenheit verstimmt, und steckte ihn in die Brusttuchtasche.

Nun umkroch ihn dicker Nebel, die Nacht sank gewaltsam nieder. Ein Kauz ließ sich hören, lautlos flog etwas Gefiedertes durch den schweren Dunst. Martin bog unwillkürlich den Zeigefinger krumm: Wer jetzt schießen könnte auf den bösen Geist! Flüchtig dachte er an Agnes. Er hätte vielleicht nicht so grob sein sollen zu dem wilden Nest. Aber Gott, wußte er denn genau, ob sie nicht hinter seinem Rücken mit einem andern schön tat? Die Talbauersleute, die Mutter hatte recht, gehörten zum besseren Gesindel.

Wie tief es Nacht wurde und feucht! Der Weg dehnte sich gespenstisch. Martin verlor die Richtung des Schiltebachsteges, der zum Michelshof führte, er irrte leise fluchend ein Weilchen flußauf und -ab. Verhext, verhext! In dumpfem Rot schimmerte das Stubenlicht vom Vaterhaus her, die Kühe brummten, jemand rasselte mit Milchkannen. Die Geräusche quollen auf in der dämpfigen Luft, wie die Weidenumrisse aufquollen. Verdammt, wo war nur der Steg! Der Hofhund mußte seinen jungen Herrn ahnen, er jaulte wütend auf, die lange Laufkette klirrte. Martin pfiff ihn zur Ruhe, da bleffte er nur noch kurz und knapp unterdrückt. Martin geriet außer sich: wo er mit dem Fuß hintastete, war kein Steg. Der Bach war da ziemlich breit und riß ein wenig. »Geh es, wie es will«, knurrte er, nahm einen Anlauf und schwang sich hinüber, fiel auf die Hände, rutschte, ohne gleich Halt zu kriegen, die von 11 Feuchtigkeit schlüpfrige, leicht geneigte Uferböschung hinunter und geriet mit den Schuhspitzen doch ins Wasser. Als Martin sich aufrichtete und auf festem Grund stand, sah er ein paar Schritt weit entfernt eine Gestalt auftauchen, hörte einen klatschenden Schlag, als werfe jemand ein Brett auf den Boden.

»Oha«, dachte Martin und rief die Gestalt an. Urban gab Antwort.

»Jetzt nimmt's mich nicht wunder, daß ich den Steg nicht gefunden hab«, sagte Martin erregt im Näherkommen, »wenn man ihn heimtückisch wegnimmt. Kannst nicht warten, bis man daheim ist?«

»Ha, bist du schon fertig droben?« entgegnete Urban, und seine Stimme hörte sich sonderbar verstellt an.

Martin zuckte auf: »Wie fertig?«

»Wirst es eher selber wissen«, gab Urban in fremdem Tone zurück.

»Nichts weiß ich, gar nichts, als daß ich den ganzen Schlorum hier satt hab. Bin froh, wenn ich zum Militär muß und keinen Kuhdreck mehr an den Schuhsohlen herumtrage. Ihr könnt mich alle gern haben, alle miteinander.«

»Auch Agnes Ganther?«

»Woher weißt du – – oha, treff ich dich, Brüderle, am Spionieren? Tust mir leid. Hab alleweil Achtung vor deiner – – Dummheit gehabt.«

»Jetzt aber – –« Urban ließ ein dumpfes Röhren hören, schwer emporschießender Atem nahm ihm die Vernunft. Er stürzte gegen den Bruder vor; er sah ihn zwar nur schwach, jedoch schien der Nebel plötzlich vor ihnen auseinanderzugehen. Sie standen sich nahe, schwangen die Arme hastig umeinander und rangen stöhnend und verbissen. Sie schwitzten. Ihre Zähne knirschten. Sie lagen auf einmal so ineinandergekrampft am Boden, daß keiner auch nur ein Glied frei bewegen konnte. Jedoch waren sie am Ende ihrer ebenbürtigen Kraft. Sie lagen nur in harten Atemstößen, sonst unbeweglich. Da lachte eine Eule dicht über ihnen, kleines Flügelrauschen huschte über ihnen vorbei.

»Ach, Blödsinn«, keuchte Martin, es grauste ihn, »Blödsinn, wegen so einem liederlichen Mensch sich die Knochen zu verhauen. Ich hab ihr doch den Abschied gegeben.« 12

Er lachte häßlich aus rauher Burschenkehle. Urban entkrampfte seine Umklammerung. Martin gab ihn auch frei. Sie erhoben sich, indem sie einander gleichzeitig halfen. Standen ein wenig taumelnd noch, wandten sich dann schweigend dem Hause zu.

»Hast du sie gehabt?« fragte kurz vor der Tür Urban heiser.

»Natürlich doch«, knurrte Martin widerwillig.

»Da bin ich auch fertig mit ihr.«

»Das Beste, was du tun kannst; sie ist bloß ein Abenteuer, nicht mehr, ein wildes im Wald. Oh, wenn ich doch ein Jäger wär!« sang Martin plötzlich hellauf und warf den Arm über Urbans Schultern, so daß sie gemeinsam durch den Türrahmen in die Stube traten.

Sixta stellte gerade Kartoffeln und Milch auf den Tisch, alle Michelshofer hielten schon Löffel und Messer bereit. Die junge Fine, stubsnasig und sommerfleckig unterm rötlichen Haarwusch, stand zum Beten bereit.

Die Bäuerin sagte verweisend: »Nach dem Abendsegen lärmt man nicht mehr, merk dir's, Gesell.«

Martin lächelte sie bloß keck an. Sie wurde rot vor Zorn, und es verschlug ihr den Appetit. In der Stube war es dumpf. Die eingeschlossene Luft wurde durch den qualmenden Docht der Erdöllampe nicht besser. Die Blicke der Ehalten, fünf an der Zahl mit dem Hüterbuben Xaver und dem Taglöhner Matt, blieben verstohlen am sehr beschmutzten Kittel Urbans und am ausgerissenen Rockärmel Martins hängen. Ein Blinder konnte sehen, daß die beiden mit den erhitzten Köpfen und den zitternden Händen etwas miteinander gehabt hatten.

Die Bäuerin hob die Augen nicht vom Löffel auf. Da fuhren sie alle in die gerösteten Kartoffeln, die stark nach gebräunten Grieben rochen, in denen sie zubereitet worden waren. Die Esser griffen herzhaft zu, wenn auch in gelassenem Hin und Her des Löffels, zuweilen nahmen sie einen Schluck Milch aus der geräumigen Ohrentasse, die vor jedem stand. Nur Sixta kaute wie auf Stroh. Sie bekam in letzter Zeit meistens gerade beim Essen Angstanfälle, deren Ursache sie nicht ergründen konnte, die sie jedoch vor den anderen verbarg. Nun, das war doch wohl kein Wunder, daß man mit solchem störrischen Burschen wie Martin seine schweren Gedanken in die Zukunft hatte, dachte 13 Sixta bei sich, als dieser Angstzustand sie mitten in einem Schluck Milch überfiel. Sollte es denn kein Ende nehmen mit der Kümmernis?

Aus Karlsruhe kam auch keine Nachricht, wo die älteste Tochter aus dem Michelshof, Marie, an den Lehrer Albin Hebenstreit nicht ganz glückhaft verheiratet war. Als sie die letzten Ferien auf dem Michelshof verlebten, zeigten die beiden allzu oft grüne Gesichter, und Marie hatte von verhaltenem Ärger starre, gläserne Augen. Albin dagegen trug dann ein zuckendes Gesicht und ein lautes, künstlich heiteres Wesen zur Schau.

Sixta versank tief in ihre Muttersorgen und merkte nicht, daß alle, nachdem sie gesättigt waren, nur darauf warteten, aufstehen zu dürfen zum Nachtgebet. Sie warfen sich beredte, doch knechtisch beherrschte Blicke zu. Die Frau wurde ja wunderlich, man merkte es seit langem schon.

Martin, der Kecke, konnte es heute zum drittenmal nicht lassen, der Mutter überlegen zu begegnen. Er sagte, um sie aufzuwecken: »He, Frau Michelshoferin, machet Ihr das Bäckerexamen oder den Hundertjährigen Kalender?«

Da fuhr sie verwirrt lächelnd auf, sammelte sich aber sogleich und winkte Fine mit einem Blick vorzubeten. Sie sprach wie sonst mit frischer, voller Stimme mit, die Söhne bemerkten beide, daß über ihrem gesenkten Scheitel das helle Haar, vom Licht der Hängelampe beschienen, in lockigen Strahlen aufstrebte und einen Heiligenschein darstellte.

In ganz friedlicher Stimmung wünschte man sich Gutnacht und ging auseinander, froh, den vom vielen Bücken wunden Rücken niederlegen zu können.

Als Martin noch einmal unter die Haustür trat, nach seiner Gewohnheit gegen die Wälder hin lauschend, fand er den Nebel niedergeträufelt, die Luft sternenklar und sah, wie oben an der Kartoffelhalde ein rötlicher Schein im Nachtwind tanzte. Das Herbstfeuer glühte und lohte noch zuweilen auf.

Im Herzen Martins war es auch nicht ganz still, da spukte Agnes Ganther, die er ohne Anlaß häßlich gekränkt hatte. Er spielte mit dem Ohrring. Bei Gelegenheit konnte er ihr den zurückgeben mit einem netten Scherzwort, das sie umschmeicheln 14 und beschwichtigen würde. Sonst aber nichts mehr. Die Flamme brannte nieder.

Als er die Kammer betrat, die er mit Urban teilte, sagte er schon schlaftrunken zu ihm: »Den Steg hab ich ausgebessert, er war doch so wacklig und morsch. Vergiß nicht, ihn morgen gleich hinzulegen. Ich muß nach Buchenbronn, das Kalb von der Muschi auf den Markt treiben. Gern nicht! Gutnacht.«

Da ging auch sein Atem schon laut und satt in den Schlaf.

 

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