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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3
Stoffel wird Bauer

Es gingen doch Wochen ins Land. Agathe wurde zuweilen irr an ihrer Wahl. Der Bauernhochmut setzte ihr zu, daß sie sich herabgebe, einen Knecht zu ehelichen. Doch wenn sie Stoffel rank über den Hof gehen sah in seiner Sorge um alles, da lüpfte sich der glitzrig bestickte Sammetlatz auf der Brust über einem starken Herzklopfen, und sie hatte Freude an dem geraden Burschen, daß es ihr fast den Atem verschlug.

Ihn dagegen verdaibte ihr zugeschlossenes Wesen, wenn sie neben ihm wegblickte, als wäre er nichts, ein Häuflein Mist vor der Tür, das man verachtet. Er glaubte nicht mehr so fest an das gute Aufgehen seiner Rechnung. Und nicht allein dieser Unglauben spukte in seinen Gedanken, er wurde viel schlimmer geplagt von einer sonderbaren Jast, die ihn heiß anfiel, wenn er die Frau sprechen oder gar mit einem der Erntehelfer lachen hörte. Das hitzte ihm das Blut höllisch, er wäre am liebsten davon gerannt.

Eines Tages ging Agathe ins große Dorf hinab, wo sie zu kramen hatte. Es war das Kirchdorf für die umliegenden 37 Gemeinden, hatte ein stattliches Ansehen, beinah ein städtisches, und hieß Buchenbronn. Es wohnten viele Uhrenmacher in dem Dorfe, Uhrenschildmaler und Holzschnefler. Die Einwohner hatten zwei, drei Kühe im Stall, Hühner und Geißen, etwas Kartoffel- und Krautfeld, etwas Futterwiese und trugen alljährlich ihr gewisses Geld heim von der Handelsgesellschaft, der sie ihre Uhrenarbeiten in der nahen Stadt ablieferten. Das war in damaligen Jahren ein blühendes Gewerbe und brachte Wohlstand in manches Haus. Selbst auf Bauernhöfen waldauf, waldab machte man winters Uhren oder wenigstens Teile davon, die zusammengesetzt wurden. Die fertigen Uhren trugen dann Händler in alle Lande, nach Welschland, nach Böhmen, ins Russische und weiß Gott noch wohin. Mit den Wachtel-, Kuckucks- und Spieluhren, welche auf der Krätze sorgsam angemacht wurden, dazu noch Strohhüten und oft auch Glaswaren, zuweilen in der Hand auch einen Vogelkäfig mit Kanarien, zogen sie von dannen und verschleißten ihre Ware. Aus dem Böhmischen brachten sie schöne neue Glasmuster mit, aus Frankreich feines Werkzeug zum Uhrenmachen und sonst noch viel Berichte, was in der Welt an Wundern und Wesen umging.

Mit dem Überlandwandern kam etwas aus dem Bauernblut, das seltsam gegen die sonst starre Gebundenheit an die Scholle abstach. Diese ziehende, nicht einzuschläfernde Unruhe, die so manchem das Leben sauer gemacht und anderen den Bettelstab in die Hand gedrückt hat, je nachdem diese Wandersehnsucht, die man genau wie das Heimweh als Weh benennen mag, nämlich als Fernweh, fand ihre Nahrung in den Fahrten der Glasträger und Uhrenhändler in die Fremde und ist, soweit man auch in alemannischen Gauen darnach forschen wollte, eine tiefe, oft schmerzliche, oft sinnenfreudige Lust, die nie auszusterben scheint. Das »übers Große Wasser gehen« ist ein Graus und ein Großtun zugleich im Volke. Es trifft fast auf jede Familie, die seit Jahrhunderten frei und fest auf der Scholle zwischen Wäldern wohnt im kaum veränderten Haus, fast auf jede dieser Edelbauernsippen trifft ein Abenteurer, der auszog, etwas zu suchen. Es überkommt solche Leute oft plötzlich, daß sie vermeinen, nicht mehr Odem ziehen zu können in der Heimat, sie verkaufen nicht selten Haus und Hof und ziehen von 38 dannen. Manchmal steht dann solch ein Haus lange, lange Jahre verödet, niemand braucht es, die Äcker gehören dem Nachbarn, und es geistern nur Mäuse und Spinnen, Marder und Eulen im Gebälk.

Um die vierziger Jahre wurden viele solcher Höfe leer. Mancher Unruhige hatte sich den Revoluzzern in verstiegener Heimlichkeit zugesellt und mußte nachher außer Landes fliehen. Er wäre wahrscheinlich auch ohnedies, was ja die Teilnahme an der Empörung beweist, von seinem unruhigen Blut fortgetrieben worden. Natürlich kehrten viele wieder heim, nachdem sie draußen entweder zu Glück gekommen oder gescheitert waren.

Und dann gibt es eine Besonderheit unter diesen Unruhigen, das sind die Künstler. Die Schwarzwälder Maler, deren Namen die Zeit ihrer Wirksamkeit überdauert haben, reichen alle in ihren Lebensabläufen irgendwie in das tragisch Verlorene hinab. Sie lösen sich vom Ursprung los, weil sie ins Große, das heißt ins Geistige, wollen. Die große Kunst geht aber über ihr Können, und so verraten sie ihr Eigenes, schämen sich seiner, erzwingen das allgemein Gültige und geraten in die Not und den Zwiespalt des Halben und Unerfüllten. Das bringt Schwermut und Elend in ihr Dasein, sie kehren heim, zerschlagen an Leib und Seele, suchen den Ursprung wieder und finden ihn schal. Sie haben einmal gemalt, Bildnisse edler Bauernvögte und reicher Einödsfürsten, die in ihrem Umkreis und für ihre Bildung köstlich geschaffen sind und sich auf Kind und Kindeskind vererben, auch farbige, würdige und in ihrer ursprünglichen Schlichtheit herrliche Denkmale einer Landeskultur bedeuten.

Auf dem Wege nach Buchenbronn mußte Agathe durch das Schiltebachtal, das sich eine Stunde weit, leicht abwärts fallend, an den Siehdichfür schloß. Die rauhe Ebene sackte hinter dem Wald auf einmal über einen raschen Buckel hinunter und öffnete sich einem heiteren Bachtal, in dem sogar Kirschbäume standen. Das Tal war breit. Man sah über die großen Matten zu beiden Seiten des Baches hinweg, verstreut meist an einen lind gewölbten Hügel gelehnt, etliche stattliche Höfe. Agathe erinnerte sich hier an die Lieblichkeit des Reichenbachtales, das sie so sehr in das Herz geschlossen hatte, verhielt die Schritte 39 und spähte die Höhe aus. Es fiel ihr ein, daß ihr Knecht Stoffel Goetz hier beheimatet sei. Zwar sah man den Götzenhof nicht, er lag hinten im Tal auf einer Anhöhe, aber der Vetter Stoffels hauste ganz nah an der Straße, die nach Buchenbronn führte, im Uhrenmichelshof. Scheu sah Agathe hin. Er lag völlig in Sonne gebadet.

»Wie die es alle hell und warm haben, man meint, es könne nie Winter werden hier. Wenn ich an das Schattenloch denk', wo wir hausen müssen!«

Sie schüttelte sich, als ob es sie jetzt schon friere. Da kam der Uhrenmichel hinterm Backofen hervor, der wie bei allen alten Höfen etwas abseits, unter einem Holderbusch stand, und rief mit seiner meckernden Stimme, die man unter hundert herauskannte, die Bäuerin an. Es war ihr nicht recht, aber sie mußte stehen bleiben und freundlich tun. Man durfte sonst freilich den Schiltebachern von seiten der Siehdichfür- und Reichenbachsippe schon ein schiefes Maul ziehen, aber Stoffels wegen ging das nun nicht an. Außerdem galt beim David Kuß, dem Uhrenmichelbauer, eine Ausnahme; denn als einziger von Schiltebach war er mit denen vom Siehdichfür verwandt und auch sonst angesehen, wo er sich einfand.

Sein Vater Salomon Kuß hatte eine aus der Fallersippe geehelicht, das heißt geradezu kaufen müssen. Der alte Faller stand vor einem abgewirtschafteten Hof nach vielem Unglück, als der Kuß um seine Kreszentia warb. Das Paar war sich seit langem schon hold. Der Salomon war dieser Liebe wegen in die Fremde gewandert, weil er an der Unmöglichkeit ihrer Ehe verzweifelt wäre. Als Uhrenhändler zog er dazumals aus dem stolzen Michelshof, den er erben sollte, heimlich ins Ausland. Er verstand sich auf das Uhrenmachen. Im Winter bastelten ja alle irgend etwas, womit ein wenig Bargeld einkam. So machte er allerlei Uhren und malte auch Schilder. Er besaß eine sehr geschickte Hand. Nach manchen Abenteuern kam er nach Moskau, dann nach Odessa, woselbst er hängen blieb und einen Weinhandel anfing, der einträglicher schien. Er schaffte und rackerte. Sein verzweifelter Antrieb war der Gedanke, in die Heimat als reicher Mann heimzukehren und das Kreszenzli einfach zu holen. Es hatte auf Ehr und Seligkeit geschworen, treu zu bleiben, wohin er auch gehe und wie lange er auch 40 fortbleibe; sie indessen glaubte an ein Glück, das sie zusammenfüge. Und richtig, eines Tages kam Salomon Kuß als fremdländisch gekleideter Herr im Reisewagen über Berg und Tal, sparte nicht mit Trinkgeldern, wenn er Hüterbuben um den Weg fragte, und hatte es gar eilig, irgendwohin zu kommen, und zwar an dem Uhrenmichelshof, den ein Pächter inne hatte, geradewegs vorüber, bergauf schier im Trab, zur Kreszenz Faller auf der Wegscheide zwischen dem Siehdichfür und dem Reichenbachtal.

Das gab Aufsehen und Geraune, soweit man sehen konnte. Der hartnäckige Faller tobte wie ein Teufel, als die Kreszenz mitten vom Futterladen weg dem Fremdling an den Hals sprang und dann leblos zusammensank, da sie sich überfreut hatte. Er wollte durchaus nicht den Schiltebacher als Tochtermann.

»Eine Schand wär's für die ganze Gemeinde!«

Man würde ihm die Ehr annähen, wohin er käme, weil er einen aus der Sippe herbringe, von der die Alten berichteten, sie hätten eines Nachts alle Grenzsteine zu ungunsten der Gemarkung Siehdichfür versetzt. Und dann das Wasser besprochen, daß es das Vieh töte, und sie hätten den Schwangeren mit dem bösen Blick das Kind im Leibe gezeichnet und viel Schlimmes mehr getan. Fast schien es, als glimme aus dieser Bauernfeindschaft der Haß der Dunklen gegen die Hellen empor, als dichteten die dunklen Schattenhöfler des rauhen Siehdichfür den lichten Schiltebachtälern das böse Träumen ihrer eigenen Seele an. In der Stube dann, umringt von elf Kindern, von denen Kreszenz das älteste war, keifte und kämpfte der Bauer gegen das Paar, vorab gegen den mutigen Mann, der nicht locker ließ. Bis dann die Bäuerin den Faller zur Besinnung rief, er möge doch ihrer und der Kinder gedenken, was aus allen würde, wenn sie vom Hofe müßten. Der stecke tief in Schulden. Da lenkte der Faller ein und nahm Geld vom Tochtermann, ertrug aber die Schmach nicht lange und erhängte sich eines Tages.

Das Paar jedoch zog nach Rußland, und Jahre hindurch hörte man nichts. Da fuhr eines Abends wieder der Reisewagen über Berg und Tal, hielt aber diesmal vor dem Uhrenmichelshof. Da stiegen Salomon und Kreszenz heraus, alte 41 Leute, mit einem Sohn von etwa fünfzehn Jahren, dem David Kuß. Die Alten starben, der Sohn David zog noch etliche Male hin und her zwischen Odessa und dem Schiltebach, bis er endlich Sitzleder bekam und im Michelhof blieb, ein fleißiger Junggesell, der sich indessen gern mit Weibsleuten abgab, obschon er ein Krittler ohnegleichen war. Er konnte Witze machen, ganz trocken und unerwartet, daß die Bauern sich die Seele aus dem Leib lachten am Wirtstisch, ohne daß der David auch nur mit der Wimper zuckte.

Während nun Agathe dem Michelsbauer ein paar Schritte entgegenging und sie zum Gruß die Handflächen gegeneinander legten, denn ein Handschlag ist nur Sitte nach einem Kauf oder bei einem Versprechen, da fiel es Agathe ein, den David ein wenig über seinen Vetter Stoffel auszuforschen. Drum ließ sie sich eigentlich wider das Herkommen nötigen, im Stall nach den jungen Säuen zu schauen und die fremdartigen Leghühner zu bewundern, die David von weither hatte schicken lassen. Er sparte der Worte nicht, all seine schönen Sachen im Stall und im Garten selber zu rühmen. Sie mußte in die Stube treten, bloß um ganz rasch zu betrachten, wie schön er das Getäfel aufs neue bemalt, freilich nur die alten Bilder von des Großvaters Hand wieder aufgefrischt, farbiger gemacht, daß es nur so funkelte in der Stube von rot und gelb und blau. Es war wahrhaftig auch eine feine Stube, überall an den Wänden und an der Decke nichts als Holz. Die Decke war in vertiefte Vierecke geteilt wie eine Waffel, und im Innern jedes Vierecks strahlte lieblich ein buntes Blumensträußchen auf blauem Grund, als scheine der Himmel herein.

Agathe mußte dies aus tiefem Herzensgrund bewundern, ließ sich dann nicht gar zu heftig nötigen niederzusitzen, ein Glas Heidelbeerwein zu trinken zu einem großen Stück Speckkuchen. Das ist ein flaches, würziges Gebäck aus Brotteig, das stets hergestellt wird, wenn der Backofen in Tätigkeit ist. Der Michelsbauer war am Backen. Agathe sagte ein paarmal: »Ha nein, Bauer, ihr kommt in Schaden«, wenn er wieder das Glas vollschenkte und ein neues Stück Kuchen vor sie hinsetzte. Sie saß wie auf Nadeln, immer in Angst, jemand könne sie, die Witwe, bei dieser seltsamen Gasterei antreffen und sie dann mit dem Junggesellen weit in der Gegend herumschreien. Es 42 kam ihr so schon vor, als habe der David ein Aug auf sie und wolle sie vielleicht mit dem starken Beerwein lustig machen.

Der tobte ihr bereits ein wenig im Kopfe, sie hatte jetzt das Herz, sich ordentlich in der Stube umzuschauen, und blieb gern mit den Blicken auf den beiden Bildnissen haften, welche die Eltern des David darstellten, in städtischem Anzug, so wie es damals Mode sein mochte in Moskau und Odessa. Die Kreszenz war ziemlich entblößt am Hals und an den Armen – daß sie sich nicht schämte! – und trug viele Spitzen und Kramanzelzeug am Kleid und in den Haaren. Freilich sah sie fein aus. Ein anderes Bildnispaar zeigte dann die beiden im reifen Alter, nachdem sie wieder für immer heimgekehrt. Dort trug zwar Salomon noch den glänzenden Zylinderhut, aber die Kreszenz zeigte sich in der schönen Reichenbacher Tracht mit dem feinen, bunten Seidentuch um den Hals und der Kappe, welche den hübschen, schwarzen Spitzenrand hat, der so gut zu dem Gesicht steht. Da sah die Michelsbäuerin wahrhaft schön aus und stattlich. Der alte Lukas Moser soll dieses Bildnispaar gemalt haben.

David erzählte viel, und da er merkte, wie gern die Bäuerin lauschte, trotz ihrer Unruhe und Furcht, so kam er vom Hundertsten ins Tausendste, ganz entgegen der sonst wortarmen Art der Wälder, und zuletzt auch auf den Götzenhof und den Stoffel. Was den Hof betraf, so ging es dort traurig zu und mit Riesenschritten bergab. Und was den Stoffel betraf, so herrschte über diesen eitel Lob. Er sei ein Schaffer. Er hure nicht und saufe nicht, er halte sich gesondert und sei ein Mann, wenn es von ihm verlangt würde. Seinesgleichen weit und breit gäb es gewiß auch keinen mehr, und schad sei's, daß er nicht im eigenen Sach wirtschaften könne, er bringe gewiß alles aufwärts. Dabei sah der David Kuß in alle Winkel, bloß nicht Agathe ins Gesicht. Sie merkte, was die Uhr geschlagen, warum der Bauer so zutunlich war.

»Amend haben sie's abgekartet, die beiden«, dachte Agathe ärgerlich, und doch wallte eine kleine Freude mit Herzklopfen hoch. Das Blut schlug ihr in die Backen. Sie stand auf, strich die Brosamen von der gestickten Seidenschürze und meinte: »Ich mach meinen Dank, Michelsbauer, ich hoff, ihr kommt auch 43 einmal in unsere Gegend, dann will ich es auswetzen. Nun heißt's aber eilen; denn vor es zudunkelt, möcht ich noch heim.«

Sie legte rasch ihre Hand an die des Bauern, der ein Spottvogelgesicht machte und nichts mehr sagte außer dem Gruß.

Beim Kramen war die Bäuerin so unaufmerksam, daß sie alles verkehrt machte. Ständig dachte sie an Stoffel und an das, was der Michelbauer ihm zum Lobe gesagt hatte.

*

Nach der Bäuerin Rückkehr wurde es auf einmal anders im Bruderhof. Es war, als schiene immer eine heimliche Sonne im Haus, obwohl es draußen regnete. Stoffel war mit zwei Taglöhnern am Dreschen. Durch alle Tagesstunden, früh von der Hahnenkraht ab bis zum Dunkelwerden, schlug der harte Flegeldreitakt durch das Haus. Die Männer schwitzten und fluchten, knurrten hie und da einen derben Witz und fielen über die Mahlzeiten her, gierig wie Winterwölfe. Agathe kochte festlich. Sie hätte aller Welt etwas Gutes gönnen mögen, und die drei hungrigen Männer galten ihr wie einer. Sie beachtete nicht den einzelnen, alle drei zusammen galten als Stoffel. Ihr Blut fuhr heiß durch das Herz. Sie verrichtete alles mit zitternden Händen, in alle Arbeit drängte sich Hast und Unruhe.

Als die Helfer mit gutem Lohn aus dem Hause gingen, atmete Agathe doch auf. Nun stank die Stube nicht mehr so nach fremdem Schweiß, und das hinterhältige Lachen verstummte samt dem klopfenden Lärm der Schlegel. Der Drusch war beendet, es regnete auch nicht mehr.

Ein herrlicher Herbst vergoldete das Land.

Die Unruhe in Agathe legte sich nieder, sie ward wieder heiter und gelassen. Stoffels Augen gingen ihr nach. Sie fühlte das. Sie war verliebt bis ins Innerste, und wie ein junges Ding voller Eitelkeit und stolzem Getue ließ sie ihre Augen in seinem Gesicht spazieren schauen, wie in einer freundlichen Landschaft und machte ihn dadurch erröten. Wenn er täppisch zärtliche Gegenblicke versuchte, wandte sie sich ab und streckte zimpferlich die Nase in die Luft.

Nachts, manchmal schlaflos daliegend, schalt Stoffel sich aus über seine Feigheit. Ein Kerl, der dazu noch Soldat war, geht auf sein Ziel los wie Blücher und troddelt nicht um das 44 Frauenzimmer herum. Morgen pack ich's, geh es, wie es will! Aber am Morgen, wenn er das aufgelockerte Mieder, die schlohweißen Hemdsärmel und die festen Beine der Bäuerin sah, da sie über den Hof ging, sank ihm der Mut, und er sagte sich halb traurig, halb zornig: »Sie spielt Katz und Maus mit dir.«

Das ewige Hin und Her verleidete beiden. Agathe wußte, es bedurfte nur eines Wortes, um Stoffels Zunge zu lösen, und Stoffel fühlte, daß eine Anrede von ihm erwartet wurde. Endlich an einem Sonntagmorgen, die Bäuerin rüstete sich gerade zum Kirchgang, betrat er gestiefelt und gespornt nach dem Frühstück noch einmal die Stube, war kirschrot im Gesicht und hielt den runden Hut zum Lachen steif vor die Brust. Er hatte nämlich einen Maien an die Seite gesteckt wie ein Hochzeiter. Die Bäuerin stand vor dem Tisch, hübsch aufgeputzt in seidener Schürze und stark gefälteltem, hochwattiertem Rock, vornehm dunkel gekleidet, nur die Hemdsärmel, über zartem Spitzenbund hoch gepufft, waren blendend hell und ließen die braunen, schlanken Arme frei. Da sie sich dem Eintretenden zuwandte, rauschte ihr Rock laut um die Knöchel. Sie lächelte merkwürdig, vielleicht verlegen und belustigt zugleich, und fragte: »Nun, was ist?«

Da legte der Stoffel los, besinnungslos fast, überhaspelte die ersten Worte, wurde dann gelassener und geriet geradezu in wohlgesetzte Rede. Es klang nicht schlecht.

Agathe band sich vor dem handgroßen Spiegel, der an der Wand hing, die Kappe auf und ließ nach seinem letzten Wort Schweigen eintreten. Nun machte sich der Stoffel, wie einer, der um fast Unmögliches kämpft, vor Angst breit neben sie, als wäre er ein Draufgänger, stieß den Stock auf den Boden und setzte den Hut auf.

»Bäuerin«, sagte er laut und barsch, »Bäuerin, nun Ihr ins Pfarrort geht, wär' es ein Weg zum Anmelden, müßt ich halt mitgehen!«

Er bebte nun doch ein bissel mit der Stimme. Agathe band sorgfältig langsam die Masche unterm Kinn, zog mit der linken Hand die Bänder am Rücken herunter, glättete die Schürze und nestelte am Miederbändel. Stoffel wich schon tief erblaßt gegen die Tür zurück, er fürchtete das Nein, da sagte die Bäuerin: »Gehn wir halt miteinander, die Leute werden lachen, hören sie, 45 daß ich dich freien will, der du doch jünger bist als ich. Aber mir ist es gleich.«

Da sprang sie Stoffel mit einem überhohen Jauchzer an, drehte sie wirbelnd rundum und drückte ihr herzhaft Küsse auf, wohin sie trafen. Als er sie freigab, atmete sie schwer und rückte ihre Bänderkappe wieder zurecht. Sie wurden verlegen umeinander und verließen wortlos das Haus.

Je länger sie dahinschritten, um so freier wurde es Agathe zumut neben Stoffel. Sie wiegte sich in den Hüften und freute sich, daß sie so gut zu Fuß war. Sie nahm es mit den Jüngsten auf! Auch Stoffels Beklommenheit wich, er begann sogar selber von der Zukunft zu sprechen, wünschte baldige Hochzeit und entwickelte Pläne für die Arbeit in Wald und Feld.

Agathe dachte bei sich: »Vielleicht wird es anders, Stoffel, als du glaubst, vielleicht wandern wir und lassen den finsteren Hof in seiner Einsamkeit dahinten. Vielleicht gibt es etwas Günstiges im heiteren Tal, im Reichen- oder Schiltebachtal, das wär mir gleich.«

Sie konnte es dann doch nicht verhalten und mußte Stoffel Andeutungen machen; aber damit kam sie schlecht an. Der flammte ordentlich auf und redete sich Fransen an den Mund im Loben und Preisen des Bruderhofes. Das sei Heimat, die man nicht verachten könne, ohne ins Unheil zu langen. Eine Sünde, solche Dinge auszudenken.

Agathe gab keine Widerrede. Sie hielt es nicht für klug, jetzt gleich ihre geheimen Wünsche aufzudecken. Zudem brachen nun von allen Seiten Straßen und Wege aus den Wäldern ringsum in die Hochebene, die sich hinter dem Kreuzungspunkt der Pfade zu neigen begann. Die breite Straße nahm die dunklen Gruppen der Kirchgänger des gesamten Kirchspiels auf und lenkte sie gemeinsam eine halbe Stunde weit in ernstem Strom, den hie und da Bernerwägele wie Schnellen durchbrachen, zur Kirche hinab nach Buchenbronn. Alle kannten sich, und indem sie würdig aneinander vorübergingen im großen, wiegenden Spannschritt der Weithergewanderten, tauschten sie Grüße, leise Zurufe, alles fast ohne Gebärde, ohne den Schritt zu verhalten. Verstohlen musterten sie sich dabei und merkten scharf aufeinander.

Agathe und Stoffel mußten viel aushalten. Verwunderte 46 Fragen, immer dieselben, stachen stumm auf sie ein. Es gibt doch nichts Neugierigeres als das Bauernvolk, das so abgeschlossen und weltfern lebt. Auf alles Besondere wird gelauert und gepaßt wie beinahe auf die ewige Seligkeit. Der Kirchgang der beiden vom Bruderhof bedeutete etwas. Irgendwie waren die sich einig.

Als das Paar gegen die Stadt kam, Stoffel innerlich noch nicht beruhigt über Agathens Plan, trennten sie sich, weil sie das Getuschel nicht allzusehr nähren wollten. Er griff einen Burschen auf, der mit ihm einstmals Lesen und Schreiben gelernt hatte, und Agathe schlug sich zu einer Gruppe älterer Frauen, die in dunkler, breithüftiger Woge daherkamen. Von denen war eine, die große, ihre Base Balbine aus dem Reichenbachtal. Gerade dieser begegnete jetzt Agathe zwar nicht gern, die hatte ein böses Mundstück und eine unangenehme Art, andere Menschen in Spott und üble Nachrede zu bringen. Mit süßlichem Lächeln und steifer, üblicher Handreichung wurde sie denn auch von der Base empfangen.

»Wenn die erst wüßte, was ich vorhabe!« dachte Agathe halb belustigt. In unbändiger Neugier auf das Gesicht der Balbine beschloß sie, ihr gleich alles zu sagen, dann wußten es doch die anderen auch schnell, das war besser, als wenn ein unlauteres Geraune hinter ihr und Stoffel herging. So begann sie der Balbine gleich zu erzählen, weshalb sie jetzt mit dem Stoffel – sie wisse doch, es sei der erste Sohn aus dem Götzenhof – in die Kirche gekommen: eben just, um das Aufgebot zu bestellen. Sie bitte aber die vielliebe Base herzlich, doch diese Neuigkeit, die sie nur ihr allein im Vertrauen gesagt, für sich zu behalten; es mache sie geschämig, wenn man jetzt schon über sie tuschle und das Maul darüber offen habe, daß sie wieder heirate.

Die Nase im hartknochigen Gesicht der Balbine wurde spitz und stach fast nach den Worten Agathens. Sie klappte hörbar mit den eckigen Kiefern, ehe sie etwas Deutliches zu sagen vermochte. Sie streifte auch mit scharfem Blick Agathens runde Hüfte.

»So, eilt's amend?« fragte sie boshaft, ließ Agathe gar nicht zu Wort kommen, redete rasch und in giftsüßer Vertrautheit weiter: »Nun ja, das begreife ich wohl, gut begreift man es, daß du einen Mann brauchst. Aber so einen jungen?« 47

Agathe wurde zornig. »Oha, ich bin noch lang nicht die Älteste.« Sie reckte ihre Brust schwellend voraus und warf den Kopf herum wie eine junge Stute, daß ihre starken Zöpfe der Base ins Kreuz schlugen.

»Ja, sauber bist wohl, du«, meinte Balbine beschwichtigend; »aber ich bleib dabei, um deinen Mund blüht's halt nimmer so frisch.«

Agathe raffte die Oberlippe trotzig auf, ging ein paar Schritte wortlos neben der Base her und mußte an sich halten, ihr nicht alle Schande zu sagen. Gottlob, der Kirchplatz lag da! Der Base war es sicher recht, wenn sie nun von ihr wegging; denn die Neuigkeit wühlte der im Blute, verlangte ausgespien zu werden. So reichte sie Balbine gemessen die Hand und trat noch zu einer Gruppe Jugendkameradinnen und wechselte Grüße, mehr gab es nicht; denn sie war allen entfremdet in den Ehejahren auf dem Einödhof. Als sie an dem Rudel Weiber, die um Balbine herumstanden, vorüberging, ohne bemerkt zu werden, hörte sie: »He, aber auch en Knecht, en Knecht und so eilig, wer weiß!«

»Man hängt mir schmutzige Wäsche an«, dachte Agathe und begab sich rasch in die Kirche. Eine trotzige Erregung schnürte ihr fast den Hals ab. Warum haßte man sie? Ach ja, sie gehörte früher auch zu den wüsten Weibern, die mit hämischen Worten und Gebärden sich von einer abwandten, die etwas Außergewöhnliches tat, etwa ein lediges Kind hatte von einem Burschen, der nicht ans Heiraten dachte, oder von einer Magd, die Bäuerin wurde und nie als voll galt, oder von einem Bauernmädchen, das einen Knecht nahm. Der Hochmut der Sippen war groß und streng, das sollte sie nun am eigenen Leibe büßen. Und noch kein volles Jahr lag der Bruderhofer unterm Boden.

Agathe zerpflückte ihr Sonntagssträußchen; der würzige Rosmaringeruch belebte sie. Sie zog tief Atem und fühlte sich langsam entlastet. An der rechten Schläfe berührte sie eine sonderbare Wärme. Unwillkürlich wandte sie den Kopf und sah in die Augen Stoffels, die sie mit hellem Leuchten gesucht hatten. »Ach, der hat mich lieb, nimmt nicht nur die Frau als Dreingabe zum Hof. Schöner und fester ist der als alle Männer im Kirchspiel.«

Von der alten Orgel flatterte in mageren Tönen eine kleine, 48 fromme Weise herab, und dann sang man: »Wie schön leucht't uns der Morgenstern.« Agathe bekam feuchte Augen, während sie mit ihrer hellen, starken Stimme sang, die über all die zaghaften, schleppenden Frauenstimmen wie ein Jauchzen und Schluchzen zugleich emporstieg. Der neue Pfarrer predigte leise und sanft. Es war ein junger Mensch mit einem kranken und traurigen Gesicht. Agathe träumte vor sich hin, wandelte in die Mädchenzeit zurück und dachte an ihren ersten Brautgang mit Tobias Faller. Er war nicht freudig gewesen, freundlich ja, aber ohne Zärtlichkeit. Der Schlußchoral weckte sie auf: »Befiehl du deine Wege . . .« Mit tiefer Inbrunst, völlig wach in der Gegenwart stehend, ohne Bangen und Unsicherheit, sang sie das Lied und schritt aus dem Gotteshaus mit freundlichen Augen gegen alle Frauen, die sie grüßen mußte.

Vor dem Eingang stand Stoffel, gesellte sich zu ihr und schlug, ohne ein Wort zu sagen, den Weg ins Pfarrhaus ein. Ehe sich noch der dunkle Sippenknäuel auf dem Kirchplatz gelöst hatte, um heim oder ins Wirtshaus zu wandeln, traten sie schon wieder heraus, das Aufgebot beim Pfarrer hatte sich ohne Umschweife abgewickelt, der milde, junge Mensch sprach ohne Bedenken seinen Segenswunsch und setzte den Hochzeitstag fest. Darnach begab sich das Paar in den »Adler«, der voller Bauern mit ihren Weibern war und dick voller Pfeifenrauch. Sie fanden mit Mühe zwei Plätze für sich am Tisch der Schiltebacher, aßen und tranken ziemlich schnell und gingen heim.

Auf dem ganzen Wege besprachen sie, wie die Hochzeit zu halten sei. Stoffel wollte still und ohne Umstände getraut werden, ein gutes Mahl im »Adler« halten, dann im Schesle (Chaise) ein wenig durch das Land fahren. Das wäre Agathe auch das liebste gewesen; aber der Stolz auf den Reichtum regte sich doch in ihr. Gerade mit einer großen Hochzeit kann man den wüsten Leuten das Maul stopfen. Die ganze Verwandtschaft und Freundschaft sollte sehen, wie vornehm sich der junge Bauer machte, wie mäßig er trank, mit welchem Anstand er die Worte setzte und wie stolz er den Gastgeber machen konnte. Agathe setzte sich durch. Stoffel fühlte sich selber gehoben, aus dem Knechtsdasein gewachsen zum Herrn. Wie elend dagegen wirtschaftete der Bruder Jakob auf dem Götzenhof. Die anderen sollten sehen, was er, der Knecht, vermochte! 49

So stellte er sich. Von früh bis spät war er auf den Beinen und werkelte umeinander, flickte das Dach, setzte einen neuen Brunnentrog vor das Haus, weißelte die Ställe und zimmerte neue Sautröge und Futterraufen. In die Füllungen der Stubentür malte er Blumensträuße, er frischte die Farben an der Bettstatt auf, strich die Fensterkreuze und das Milchhaus neu an, lackte das Schesle, wichste das Pferdegeschirr und fummelte die Messingbeschläge, daß es nur so funkelte. Er war überall und nirgends. Agathe lachte. Sie hatte es noch nie erlebt, daß in dem alten Haus etwas verschönert wurde. Man hielt sauber, scheuerte die rauhen Tannendielen und war stolz auf die blütenweiße, buchene Tischplatte; aber malen und blankputzen, daran dachte keiner. Stoffel steckte Agathe an mit seinem Eifer. Wenn sie auch vor Müdigkeit kaum mehr sitzen konnte, so stichelte sie doch an neuen Vorhängen herum, rieb die Fenster hell und holte die gehäkelten, noch nie benützten roten Vorhangbänder aus dem Schrein. Schließlich konnte man sagen, es fehle das Tüpfelchen auf dem i nicht mehr im Bruderhof, so freundlich und gepflegt sah es selbst in verborgenen Winkeln aus.

Stoffel trieb es in den Augen Agathens manchmal zu bunt; er dachte nicht daran, mit seiner Braut zu schäkern; saßen sie wirklich im Dämmerlicht noch ein wenig auf der Bank, dann machte er unaufhörlich Pläne, und es sprach nur Eifer, nie mehr Zärtlichkeit aus ihm.

Agathens Klugheit bestand herbe Proben. Sie wußte, daß nichts gewonnen sei, ihn jetzt von all den Sachen, die ihn erfüllten, abzudrängen. Sie paßte darum ihre Stunde ab; wenn alles getan war und mehr winterliche Ruhe in den Tag kam, würde es sich schon schicken, daß der Stoffel merkte, zu den toten willfährigen Dingen gehöre auch etwas Lebendiges: die stattliche und gesunde Frau.

*

Sie holten noch das Ohmd heim und einen Teil Kartoffeln. Dann feierten sie Hochzeit. Ein leuchtender, kräftig durchsonnter Oktobertag stand über den Wäldern, an denen der Widerhall der Böller frühmorgens hin und her donnerte. Agathe war eine schöne Braut, ihr kräftiger Wuchs hielt dem Stoffel stand. Sie hatte sich trefflich herausgeputzt. Auf dem Kopfe saß in glitzriger Farbenpracht die gläserne, große Brautkrone, der Schäppel, 50 silberne Ketten und Gehänge glänzten auf dem Samtmieder und der seidenen Schürze. Die weißen Strümpfe, flaumig mit schneeigen Hasenhaaren verstrickt, spannten sich stramm am Rist überm derben Spangenschuh. Stoffel betrachtete die Frau und freute sich ihrer stattlichen Schönheit; als er, ehe die Sippe kam, noch einmal in seinen blühweißen Hemdsärmeln durch die Ställe ging, schwenkte er den runden, glänzenden Hut und juchzte leise dazu, daß die Kühe ganz verdutzt herumsahen. Jetzt erst überwältigte ihn sein Glück. Am liebsten wäre er über die Bäuerin hergefallen, aber es schickte sich nicht, daß ihn ankommende Verwandte bei der Braut betrafen, war es doch so schon eine Ausnahme, daß der Hochzeiter im Brauthause umherging vor der Trauung. Auch der Schäppel Agathens war wider die Sitte, Witwen trugen sonst die Kappe. Doch Agathe, besessen von ihrem Trotz gegen die Umwelt, sagte sich: »Ich bin eine Braut, ich habe keine Kinder.«

Die zwei jungen Basen, welche ihr den Brautstaat anziehen halfen und auch Schäppel trugen, waren voll des Lobes über die noble Hochzeiterin. Agathe lachte viel und fast zu laut. Eine Schwere lag ihr auf der Brust wie Atemnot. Wie würde alles gehen! Die Zukunft stand doch dunkel, undurchdringlich, gleich dem finsteren Wald überm Schattenrain. Nur nichts merken lassen, daß etwas Trübes sie anfiel und sich der helle Glauben an das Glück verdüstert hatte. Ahnte sie denn irgendein Unheil? Die Sonne schien so warm, das Haus, so düster es im Schatten kauerte, spiegelte mit blanken Scheiben das goldene Licht. Aber ein feines Glas, mit blauen und gelben Blumen bemalt, glitt ihr am Morgen, da sie es aus dem Glasschrank mit vielen anderen nahm, aus der Hand und zerbrach. Stoffel hatte es so sehr gelobt, während er dabeistand, und dann leise gesagt: »He, aber auch, just das schönste!« und hatte dann ärgerlich die Stube verlassen. Und dann nahm sie einen Stechpalmenzweig in die Hand, ihn hinter den Spiegel zu stecken. Stoffel stand wiederum daneben. Da stach sie sich heftig in die Finger, und beinahe fiel der Spiegel von der Wand: Blut am Hochzeitsmorgen! Und es wollte sich nicht stillen lassen, so klein die Wunde war.

Die Schäppelmädchen, helle heitere Dinger, raunten einmal verstohlen einander zu: »Unheimlich ist's hier.« 51

Die von der Sippe, welche der Weg beim Bruderhof vorüberführte, kehrten an zur Morgensuppe. Sie bekamen Kaffee und Schmalzgebackenes, die Männer auch einen Trunk starken Heidelbeerwein. Die Reichenbacher Fallers mußten alle über den Siehdichfür wandern nach Buchenbronn, und auch viele Hofbauern des Siehdichfür nahmen den Weg über die Straße oberhalb des Bruderhofes nach dem Pfarrort. Die meisten fuhren einspännig mit Bernerwägele vor, das heißt sie ließen das Fuhrwerk an der Straße stehen und kamen die Sommerhalde herab. Schließlich gab es doch einen reichen Brautzug, an dessen Ende Stoffel und Agathe zweispännig dahinsprengten, unterwegs angehalten durch den Vorspann. Burschen hielten Ketten und Seile über den Weg, leierten ein uraltes Sprüchlein her und verlangten Lösegeld. Stoffel ließ sich nicht lumpen. Er zahlte tüchtig, indem er ganz gleichgültig in die Tasche griff und, ohne die Taler in der Hand zu überblicken, sie dem Sprecher hinreichte. Flintenschüsse und Freudenlärm hallten ihnen nach. Vor dem »Adler« stand die ganze Freundschaft und die Buchenbronner Bevölkerung. Auch die Musik spielte einen Tusch, da Stoffel Agathe vom Wagen hob, was er langsam und gelassen tat, daß man ordentlich sah, wie stark er war, solch stattliches Weib spielend vom Sitz zu lupfen. Auch Agathe zeigte sich. Sie machte ein paar rasche Bewegungen, daß die silbernen Ketten und Gehänge klirrten, und stellte sich mit Absicht in die Sonne, um nämlich den Glanz des Schäppels und der schönen Seide zu erhöhen.

Die Frauen traten zu ihr, die Männer zu Stoffel, wie es Sitte war, und in feierlichem Zuge zog man vor das Rathaus und in die Kirche. Voran sprangen lustige Kinder, dahinter schritten die Spielleute, dann die Schäppelmädchen mit der Braut in ihrer Mitte und die Frauen alle, dann die Männer mit dem Christoffel Götz, der sie fast um Haupteslänge überragte. Die meisten Bauern trugen schwarze Anzüge, einige aus fernen Zinken hatten rote Westen unter langen Gehröcken an, wenige Reichenbacher trugen kurze Kittel aus Glanzstoff mit rotem Futter. Und alle kamen in runden, glänzendschwarzen Hüten mit niedrigem Kopf. Das Rosmarinzweiglein fehlte wohl bei keinem am Rockaufschlag.

Nun standen Agathe und Stoffel vor dem Altar, der 52 segnende junge Pfarrer mußte an ihnen hinaufsehen, so schmächtig war seine Gestalt vor dem Paar.

Hintennach sagten die Leute, das Ja der Braut habe zu laut geklungen, auch habe sie keine Träne vergossen, obgleich das Weinen Sitte sei, von der kaum eine Braut abzugehen wage. Agathe artete also dem Vater nach, der zeitlebens vieles anders gemacht hatte, als es üblich war, und einen Starrkopf ohnegleichen in allen Dingen gezeigt, die ihm über den Weg kamen.

Oha, der Stoffel konnte sich zusammennehmen! Das Getuschel nach dem heiligen Abendmahl, das die Brautleute nahmen, brauste wie ein Blasbalgwehen ohne Orgelmusik durch das Kirchenschiff. Man bemerkte mit leisem Gruseln, daß die Vermählten sich unwillkürlich beim Hinsetzen und Aufstehen von den Stühlen vor dem Altar den Rücken wandten, statt einander das Gesicht zuzukehren; es bedeutete nichts Gutes. Auch behauptete eine Neunmalkluge, sie habe aufgepaßt, Agathe sei mit dem linken Fuß zuerst die Altartreppe hinuntergestiegen, eine üble Vorbedeutung auf jeden Fall. Äußerlich merkte man den Bauern nichts an, daß sie tief erregt waren. Sie wandelten in schwerfälliger Würde aus dem Gotteshaus, legten zum Gruß die Handflächen an die des Nachbarn oder Vetters, sprachen nicht viel, lachten auch nicht. Man sah zu, daß man einen guten Platz bekam im »Adler«, wo das Hochzeitsmahl eingenommen wurde. Jedermann konnte teilnehmen, wenn er seine Zeche selber bezahlte, nur die Schäppeljungfern und nächsten Verwandten wurden freigehalten.

Die Musik, ein Bläserkleeblatt und ein Baßspieler, wackere Männer des Städtchens, ihres Zeichens Schneider und Uhrmacher, spielte munter auf und trank nicht minder in den Pausen. Agathe und Stoffel saßen in der Mitte der langen Tafel und machten freundliche Mienen gegen die Gäste. Feierliche Trünke mit Segenswünschen gingen um, steif saßen die Männer und neugierig die Weiber beisammen. Würde geht dem Schwarzwälder über alles. Es fällt kein lautes Gelächter, kein derbes Zurufen über den Tisch in die gemessene Haltung der Gesellschaft. Die Stimmen raunen durcheinander wie die Tannen im Winde, man ist vorsichtig, abwägend im Gespräch, man wartet, was der Nachbar sagt, man rühmt, er habe gepflegtes Vieh auf der Weide und läßt so nebenbei einfließen, 53 selber habe man sich einen Simmentaler Stier verschrieben, koste soundso viel, aber ein Prachtskerl, wiege zehn andere auf.

»Wohl, wohl, ist gut, wenn man mit der Zeit geht. Wer's vermag, wohl, wohl.«

Es gibt Bauern, die über irgendeine Erzählung des andern tief nachsinnen und etwa eine Viertelstunde lang nur durch ein alle Minuten etwa sich wiederholendes »wohl, wohl« dem Nachbarn verraten, daß das Gespräch noch gleichsam in Gedanken weiterfließt; aus dem stets wechselnden Zeitmaß und Tonfall dieses »wohl, wohl« hört der schlitzöhrige Bauer allerlei heraus.

Nach der dicken Nudelsuppe, der das Rindfleisch mit Salaten und Meerrettich und Eingemachtem folgte, lockerte sich die Würde ein wenig. Manche Männer knöpften verstohlen das Brusttuch auf, junge Frauen lachten auch hier und da herzhafter hinaus. Der mächtige Schweinebraten mit dem Sauerkraut verschwand vom Tisch wie weggezaubert; man konnte sich nicht denken, wohin das alles gegessen wurde. Nun wurde der Gugelhupf aufgetragen und besserer Wein. Dann gab es Torte und Kaffee und wieder Schmalzgebackenes mit Wein. Es dämmerte bereits, und man tafelte noch. Dann trat eine Essenspause ein. Das Brautpaar ging hinauf in den Saal und trat zum Ehrentanz an. Agathe wunderte sich, daß der Stoffel so schön zu tanzen verstand, er sprang nicht wie so mancher Bursch gleich einem Dreschflegel umeinander, daß einem fast die Kleider vom Leibe gerissen wurden, und doch, so gelassen er die Schritte und Hüpfer nahm, war das ein Tanz, der das Blut wild machte. Agathe hätte grad hinausschreien mögen vor Stolz und Glück. Sie freute sich, daß die Mädchen glitzrige Augen machten gegen den jungen Bauern und doch sehen mußten, wie fest er die Frau hielt, als gönne er sie keinem.

»Du bist die Schönste«, sagte er, als der endlos lange Tanz zu Ende war, »ich hab' das bisher nicht gewußt.«

Man tanzte dann bis zum Abendessen. Das Brautpaar hatte genug zu tun, all den Pflichtrunden mit den Ehrenjungfern und Ehrengesellen gerecht zu werden. Atemlos und schwitzend ließen sie sich am Tisch nieder, und das Mahl, nicht weniger reichlich als am Mittag, begann. Noch ehe es fertig war, lösten sich Stoffel und Agathe, gänzlich unbemerkt von den Gästen, aus 54 dem Qualm und Lärm und der Hitze und gingen ein Stück weit zu Fuß bis an das letzte Haus der Gemeinde, wo der Polizeidiener sein Gütle hatte, in dessen Stall Stoffel sein Gespann heimlich hatte einstellen lassen. Im Trab fuhren sie, müde und schweigsam geworden, durch die nebelfeuchte Nacht dem Bruderhofe zu. Sie sannen wohl beide dem Feste nach; denn Agathe sagte auf einmal: »Schau, ich bin nicht bös, daß sich keines vom Götzenhof hat sehen lassen.«

»Ha, die Eltern hab' ich doch vermißt; aber der Vater ist ein Dickkopf, sähe es lieber, ich bliebe Knecht irgendwo, als daß ich auf den Siehdichfür heirate, du kennst ja die alte Feindschaft. Kein Mensch weiß, woher so was Böses kommt.«

»Außer dem Uhrenmichel war nicht ein Schiltebacher da, aber der ist, glaub ich, kein unrechter Mensch, so arg man ihn herumschreit«, meinte Agathe und gähnte herzhaft.

Stoffel legte den freien Arm um ihre Hüfte, es war die erste Zärtlichkeit, die seit Wochen über ihn kam, und sagte leise und fast bewegt: »Frau, wir wollen miteinander schaffen.«

»Haja, was sonst?« lachte sie spöttisch, enttäuscht über seine karge Art.

»Was sonst?« fragte sie noch einmal, müde aufseufzend.

Sie duselte ein, träumte etwas Banges, fuhr plötzlich auf und sagte: »Der Bruderhof frißt die Sonne.«

Auch Stoffel fuhr aus einem Gedankentraum auf, langte nach der Geißel und pfitzte über die Pferderücken: »Hü!« – Und »Hü noch einmal«, pfitzte er heftiger. »Wir haben's gleich, Bäuerin, noch fünf Minuten!«

Einsam glühte ein rotes Licht aus dem Grunde durch den dünnen Nebel. Eine ältere Magd, die seit kurzem gedungen war, hatte den Hof gehütet und wartete in der Stube auf das Paar. Es roch nach stark verkochtem Kaffee. Agathe, die fröstelte, schlürfte dankbar den heißen Trank, der sie wieder munter machte. Stoffel versorgte die Pferde, man hörte seine knarrenden Hochzeitsschuhe durch die Ställe und Schuppen gehen. Er konnte nicht zur Ruhe kommen, ehe alles noch einmal überprüft war, jeden Abend.

Die Kuckucksuhr schlug elf, als der Bauer wieder in die Stube trat. »Wir packen's jetzt, morgen früh ist die Nacht 55 vorbei«, versuchte Stoffel zu scherzen und legte Agathe die Hand auf die Schulter.

»Löscht die Lichter gut«, mahnte er noch und schritt in die Kammer hinüber, indessen Agathe mit der Magd die Öllämpchen löschte, die in Küche und Stube in größerer Zahl als sonst brannten.

 

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