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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der letzte Bauer?

1
Herbstfeuer

Es war Spätherbst. In langen Reihen, sieben, acht Hackende nebeneinander, standen sie auf dem Acker und machten Kartoffeln aus, Sixta, die Bäuerin, und alle anderen Leute vom Michelshof. Neben ihr schwang Urban seine Haue, dann kam Martin. Dies waren die jüngsten Sprossen des Hofes, Zwillinge und Erben, Jünglinge, denen der erste Flaum um Mund, Kinn und Wangen blühte.

Martin hielt nicht so säuberlich Ernte wie Urban. Er hackte lässig und schüttelte lang an den Knollennestern herum, die brüchige Erde davon zu entfernen. Und seufzte manchmal unwillig auf dazu. Wenn nur ein Rabe über den Wald her krächzte, nahm er Anlaß, mit stechend dunklen Augen den Himmel abzusuchen und die Fronarbeit im Schweiße seines Angesichts zu unterbrechen, ja sie vollends zu vergessen, bis ihm seine ernste und flink schaffende Mutter ein weckendes Wort hinrief. Martin schob die Brauen zusammen, daß sie in strengem Bogen die ganze Stirn ohne Lücke durchzogen, schloß den schmallippigen Mund so fest, daß er weiß wurde, und warf aus den Augenwinkeln einen Blick auf Urban.

»Nur geschafft, junges Bürschle«, sagte Matt, der Taglöhner, »das macht Muskle fürs Militär.«

Immer er und immer er. Nie jemand anders. Deshalb lachte die junge Magd Fine frech und stieß mit dem linken Ellenbogen die alte, knifflige Magd Lina an, die auch einen schadenfrohen Blick nicht verhehlen konnte.

Sixta tupfte ihn: »Lies die Erdäpfel in die Körb, Martin! Leer sie in den Wagen, Martin!«

Sixta, die Bäuerin, sagte nichts mehr, aber in der Art, wie sie hastig die Hacke schwang und dennoch sorgfältig ins Erdreich fuhr, keine Frucht zu verletzen, spürten alle ihre Mahnung: Schaffet, schaffet!

Urban, blond, helläugig und rothäutig, ließ sich nicht aus seinem Zeitmaß bringen. Er schwang die Haue und löste die Früchte. Er bedauerte den Bruder, der litt, während ihm das 4 Herz aufging in dieser zu allen Teilen gut ausgefallenen Erntezeit, deren Ende nahe war. Die Rüben mußten nur noch eingegraben werden. Die goldengelben Bunde der Brotfrucht hatten sie glückhaft heimgebracht, das gab einen Drusch, bei dem man jauchzen konnte, und Mahlgänge wie im Märchen.

Wie hatte es gerauscht, das Korn! Wie hatte das gerauscht! Er hatte Sonntags, im Abend, nahe an der Ernte, drüben am Weizenfeld die Agnes Ganther im Arm gehabt und gedrückt und geküßt. Hinterm Ohr trug sie glühenden Mohn am braunschwarzen Rauselhaar. Sie lachte so sehr, daß man es nicht mehr vergaß, nachts klang es auf mitten im Schlaf. Wenn man schärfer lauschte, war es jedoch einer Eule Hexengelächter. Seither war sie nicht mehr sein gewesen. Wenn sie einmal wiederkäme, wieder ihm entgegen an einsamem Acker, eine Blume hinterm Ohr, es gäb noch ein anderes Wunder als diese feuchten Küsse. Das Blut schoß ihm auf und nieder, wenn er daran dachte. Von all seinen Kameraden mußte er es in schlecht versteckten Andeutungen hören, daß sie bei irgendeiner Magd wissend geworden. Martin freilich lächelte spöttisch, wenn sie davon sprachen, man bekam aber nicht heraus, ob er auch bereits wissend war.

Urban geriet nicht aus dem Takt bei seinen Gedanken, er schaffte froh und kraftvoll, wenngleich diese Arbeit nicht so sehr der großen, leidenschaftlichen Bauerngebärden bedurfte wie das Mähen und das Säen. Aber die Erde roch so gut, das erinnerte eben an Agnes Ganther. So duftete die braune Haut ihrer Wangen. Immer wenn er ein Bollennest von der Krume schüttelte, quoll der Ruch ihn an. Er schaffte in dem Maße froh, wie der Bruder es feindlich tat. Sie ähnelten einander so wenig wie Nacht dem Tag. Und doch, sie konnten sich nicht missen, sie mußten beisammen sein wie Licht und Schatten. Einer suchte den andern, bis er ihn fand. So war es wohl vom ersten Tag ihres Lebens ab gewesen. Sie wurden als Zwillinge in selber Stunde empfangen und geboren, war es ein Wunder, daß sie unzertrennlich blieben? Nur in einem unterschieden sie sich und schieden sich ausschließlich: Urban liebte den Ackerbau, Saat, Mahd und Ernte, Haus, Hof und Vieh; Martin jedoch liebte den Wald und das Wild, Wind und Wetter.

Er sagte oft und warf den schmalen, dunklen Kopf in den 5 Nacken: »Der erste Mensch war Jäger, ein freier Mann und nicht dem Acker untertan.«

Urban war langsamer im Denken und unbeholfener im Sprechen. Er steckte daraufhin bloß seine Hände in die Hosentaschen und spreizte die festen Beine und nahm so, auf der Scholle stehend, gewissermaßen die Erde in Besitz. Er wuchs auf eigenem Grund.

Agnes Ganther kam ihm nicht aus dem Sinn. Wenn er sich in letzter Zeit so vor dem beredten Bruder aufstellte, sah er, wenn er das Wort Acker derart unter die festen Füße nahm, roten Mohn, eine braune Wange und spürte erdrüchiges Wehen. Das verband sich mit Agnes Ganther im Felde.

Es kam ihm nicht in den Sinn – wie hätte er es auch ahnen sollen –, daß hinter dem kernigen Spruch des Bruders ein wirres, braunes Gelock stand, wie Himbeerhecken störrig, und ein Mund rot wie die reife Frucht und süß: Agnes Ganther im Walde.

*

Nun waren die Michelshofer schier fertig mit dem Acker. Die Quecken, unausrottbares fressendes Gewächs, lagen in wahllosen Lagern gehäuft. Sixta ließ als erste die hochgeschürzte Hippe über den Unterrock fallen, nahm nach ihrer Gewohnheit das Kopftuch ab, strich das Haar energisch glatt und band das Tuch frisch um. Ihre großen, in tiefen bräunlichen Schatten ruhenden Augen sahen scharf von einem ihrer Helfer zum andern, als ob sie ergründen wollte, was mit dem nur halb vollendeten Nachmittag noch anzufangen sei; denn der letzte Acker war nun geräumt, im Nu trugen sie die gefüllten Körbe an den Wagen, der gerüttelt voll wurde. Es blieb nichts übrig, als abzuziehen und im Hof noch einiges zu schaffen.

»Was macht ihr jetzt?« fragte sie die Söhne in schlechter Laune. Die beiden Burschen zuckten die Achseln, sahen an der Frau vorüber, als besännen sie sich, und sagten dann beinahe wie aus einem Mund: »Ha, Feierabend.«

»Es tut amend auch einmal gut, früher als sonst den Buckel grad zu biegen, Mutter«, fügte Urban beschwichtigend hinzu.

Es war ihnen ungewohnt, die Frau zu kränken, die eine strenge, doch gute, zuweilen sogar lustige Bäuerin war und die nur den einen Fehler besaß, hart hinter der Arbeit her zu 6 sein, hinter ihren Söhnen, die nicht minder schuften mußten als die Ehalten. Der Besitz des Michelshofes dehnte sich weit aus; zweihundert Morgen Land und hundert Morgen Wald wollten betreut sein, es galt sich zu regen.

Sixta blieb stumm nach den Antworten der beiden Buben, sammelte das Geräte auf, Haue und Buttermilchkrug, den runden Deckelkorb, daraus sie das Vesper genommen. Die anderen Helfer zogen jetzt gleichmütig ab mit dem Wagen. Daß die Bäuerin ihnen nachher die Zeit schon mit Arbeit auffüllte, war gewiß.

Urban stapfte noch ein bißchen über die unordentlich aufgeworfelte Erde des ausgeräumten Feldes, las zum Zeitvertreib die Spuren von Quecken auf, trat mit dem Fuß besonders grobe Erdbollen klein und pfiff leise vor sich hin.

Martin stand, die Hände in den Hosentaschen, mit Messer und Schrotkugeln und seinem Uhrenschlüssel klingelnd, am Ackerrand und schien gänzlich abwesend in seinen Gedanken. In Wirklichkeit lauerten die drei aufeinander.

Oben an der Straße, die den Wald entlang lief, tauchte ein Kopftuch auf, man hörte leichte Schritte, eine weiche dunkle Stimme summte. Martin erkannte diese Stimme sofort, er stellte den Kopf und spähte scharf hin. So summte und ging nur Agnes.

Auch Urban sah sie. Jedoch mußte er sein hochrot durchschossenes Gesicht in andere Richtung drehen, damit Mutter und Bruder nicht aufmerksam wurden.

Agnes Ganther blieb nicht stehen, aber sie rief keck hinunter: »Machet ihr schon Feierabend? Man sieht, wer's gut hat!« Dahinter lachte sie auf seltsame Art; das hatte in der Tat Eulenhaftes im Klang, wie es in etlichen langgezogenen Stößen herauskam, weich, hohl und eigen lockend. Sie schien keinen Gegenruf zu erwarten. Ihre Tritte federten auf dem harten Straßenboden, man hörte ihren Takt sehr gut.

Sixta hatte nur kurz hinaufgesehen und dann das gespannte Gesicht Martins bemerkt und, von Ahnung getrieben, darauf Urban angeschaut, dessen entzündetes Gesicht ihr auch etwas verriet. Sie wurde heftig ärgerlich: »Gucket da, die Buben, lassen sich von diesem Fratz heiß machen.« Laut sagte sie: »Das wisset, die Ganther Agnes will ich nie und nimmer bei einem 7 von euch antreffen. Das ist ein Luder, hat's mit jedem Hergeloffenen. Ihre Sippe ist verkommen, ihr wißt es, sie hängt am Schnaps und am Kartenspielen. Der Vater war Brandstifter und Wilddieb. Hat er nicht seinen großen, schönen Hof völlig verdorben, und die Bäuerin ist hintersinnig geworden darüber? Daher kommt kein Glück, nur Elend. Laßt sie laufen, die Agnes hat den bösen Trudenblick. Wenn ich daran nie geglaubt hab, bei der muß man ihn erleben.«

»Ha, Mutter, Ihr schwätzt auch«, sagte Urban bedrückt, Martin jedoch warf den Kopf auf, schob die Unterlippe dünn vor und nahm einen Stein vom Boden, ihn weit in hartem Schwunge dem Mädchen nachwerfend, das in der Ferne ging. Man sah nur noch das Kopftuch über den Brombeerhürsten schweben. Der Stein konnte sie niemals erreichen, aber beim Ton seines Auffallens blieb das Kopftuch plötzlich eine kleine Weile stehen, das Eulengelächter klang kurz auf, dann bewegte sich der weiße Punkt weiter.

Martin zuckte gelassen die Achseln, indem er die Bäuerin ansah und boshaft lächelnd sagte: »Mutter, erzählt keine Räubergeschichten!«

»Ihr, o ihr bösen Kerle«, brach jetzt Sixta los, »wenn ihr nur lügen und hinterhältig tun könnt, was hat eine arme Witwe von ihren Kindern, die sie mit Opfern und Schinden und Plagen zu rechten Menschen aufzieht? Undank und Schande.« Die Söhne schwiegen. »Ihr habt nie gefragt«, fuhr sie fort, »nie, gar nie, was man schaffen muß, ihr habt nur gewartet, bis ich euch mit der Nase draufgestupft hab. An alles, alles, alles muß ich heut noch denken und hinterdrein sein, wenn ihr irgendwo seid, damit recht gefuhrwerkt wird. Wendet man den Rücken, herrjere, da stehn sie und stecken die Händ in die Säck. Ja, ja, bei euch heißt's auch: Nix tu ich lieber, als ein verrecktes Gänsle hüten.« Sie hielt atemlos inne. Heiser überschlagend brach ihre Stimme ab.

Martin lachte verlegen, doch trotzig tuend hinaus. Der Bruder kam mit langen Schritten über den Acker her, legte neckend den Arm um der Bäuerin Hüfte und sagte beschwichtigend in seiner breiten, schweren Art zu sprechen: »Mutter, Mütti, was schiltst denn so arg? Sei doch zufrieden, wir folgen ja aufs Wort.« 8

Sie schüttelte ihn ab. »Folgen? Ja, wie die jungen Hund folgen, kriechig und unwillig, namentlich du, Martin. Zieh nur keine Grimasse, bist eineweg ein dürres, häßliches Gestell, bild dir nur nicht so viel ein. Ein Baron könnt kaum hoffärtiger sich stellen wie du, aber da gehört etwas ganz anderes dazu, mehr Grütz und mehr Feinheit im Kopf. Die Flinte über die Achsel werfen ist nicht das einzige, was die Herrenleute können müssen. Ich weiß wohl, wie dir die jungen Fürsten auf der letzten Auerhahnjagd in die Nase gestochen haben. Bild dir nur gar nichts ein. Du bist und bleibst ein Bauernbub, aus seiner angeborenen Haut kann keiner, und deine ist gesund und fest angeboren.«

Sie beruhigte sich bei den letzten Sätzen, die alte Sixta kam wieder zum Vorschein, die selten schalt und laut wurde, sondern sonst nur besonnene, gut sitzende Mahnungen austeilte. Die fliegende Hitze und leichte Erregbarkeit ihres in der Umwandlung begriffenen Frauenwesens gab solchen Auftritten, die jäh hereinbrachen und nur langsam wieder verebbten, den Boden. Nun wandte sie sich zum Gehen. Urban blieb neben ihr, indes Martin finster kundgab, er wolle die Quecken verbrennen.

Seine Stimme zitterte ein wenig, aber die beiden hörten es nicht. Kaum waren sie seinen Blicken entschwunden, abgestiegen gegen den Michelshof, über Hügelwellen hinüber und Hänge hinunter, da wandte er den Kopf gegen die Straße, auf der Agnes zurückkehren mußte, wenn sie ihre Preißelbeeren im Schulhaus abgeliefert hatte, das etwa eine Viertelstunde weit weg lag. Der Steinwurf galt ein für allemal als Geheimzeichen zwischen beiden, daß eines das andere erwartete, an eben der Stelle, von wo aus der Stein gesandt wurde. Sie hüteten gerissen vorsichtig und ahnungsreich die verbotenen Zusammenkünfte. Sie wußten, wie verboten ihre Gemeinsamkeit war.

 

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