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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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25
Der Baum der Ahnen

Der Bauer ließ sich wenig sehen, er hatte Arbeit in Hülle und Fülle. Die Felder mußten bestellt werden, und außerdem schafften im Götzenhofwald sieben Holzfäller, legten alte Riesen von Tannen nieder; denn der Wald verfilzte anfangs, so dicht war er stellenweise. Doch hatte diese übereifrige Arbeit noch einen anderen triftigen Grund. Markus wollte seiner Tochter eine glatt aufgerundete bare Mitgift geben und machte auf diese Art Geld flüssig. Er half zuweilen mit, schwang die Axt, biß sich tief ins weiße Stammholz. Am Rande des 184 Götzenwaldes standen ein paar uralte Tannen in Freiheit und Licht mit ungefesseltem Astwerk emporgesteilt, schwindelnd hoch. Eine wollte er fällen. Drei starke Männer mit breiten Brüsten und ausgewachsenen Armen konnten mit knapper Mühe diesen Stamm umfassen. Nun, man würde später die Ringe zählen und wissen, wie alt sie war. Wie vielen seiner Vorfahren sie schon gerauscht haben mochte, den Götzenhofbauern, darauf war Markus gespannt. Der Baum, das merkte er bald, bedeutete eine Welt. Merkwürdig, trotzdem Markus den Baum dem Tod weihte, der seine Kindheit und Mannesjahre wie die der Ahnen gesehen hatte, fühlte er sich dem großen, starken Kerl verbunden wie einem Freund. Er hielt Zwiegespräche mit ihm, durfte ruhig laut sprechen mit dem Baum, der meistens niemand anders war als der Vater Stoffel, zuweilen irgendein alter, uralter Ahne, der berichtete, wie weit früher der Wald wogte, Täler ausfüllte, riesenhafte Einsamkeiten hütete und Wolken und Winde. Ein Wald, der in den Stürmen Gottes donnerte und über den die wilde Sehnsucht der Adler kreiste. Ein Wald, über dem die Luft kühl und klar stand, der Himmel in blauem Halleluja über den vollen Orgeltönen der Wipfel frohlockte, den das Wild und die Vögel in unbändiger Lebenslust mit ihrem Wesen erfüllten, wo pfadlose Nächte heilig übers schwellende Moos und leuchtende alte Holz schwebten, die Pilze sagenhaft wuchsen und die wilden Beeren in süßer Reife ihren Duft verschwendeten. Wo ein einsamer Mensch zum erstenmal diese Schöpfung betrat und in scheuer Inbrunst die Gottheit spürte, die ihm eingab, hier sollst du bleiben und Hütten bauen.

Mühsam, mühsam.

Wenn Markus an diesen ersten Menschen dachte, so sah er aus wie sein Vater Stoffel. Groß, breit, mit Beinen so stark und schwer im Stehen wie Forlenstämme, mit hellfarbenen Augen, in denen Tage lohten und Nächte dunkelten, in denen alle Stürme und Stillen des Mannestums sich sammelten. Flammend heller Haarschopf über der breiten, durchrunten Stirn, runder, voller Kopf auf kräftigem Nacken. Um den Mund, den schöngeschwungenen, die Weichheit und Buntheit seltsamer Träume, im festgefügten Kinn widersprechend den Ausdruck rücksichtslosen Willens. So sah Markus den Vater. 185 Es hätte des von Lukas Kirner gemalten Bildnisses in der großen Stube daheim nicht bedurft, sein Bild im Sohne zu erhalten. Markus fand, daß eigentlich nie in seinem Leben das Wesen des Vaters fern von ihm gewesen, daß alle Warnungen und Entschlüsse dessen Tonfall hatten.

Der Baum rauschte durch Zeit und Ewigkeit. Markus vergaß völlig, wer er war, wenn er in stark ausgeschwungenen Hieben nach langen Pausen wieder neue Späne aus dem ungeheuren Stamm löste.

Ringsum begann der Bergfrühling seine holde Zeit. Das braungraue Steppengras kam in grünen Schuß, der Seidelbast blühte, die Haselkätzchen stäubten unterm Anflug der ersten Bienen. Die Birkenhaine vor den dunklen Wäldern tanzten hochzeitlich verliebt in Grün und Weiß. Bald mußten die Halden im Ginstergelb flammen und die Tannenzweige weiche, duftende Schosse ausstrahlen in lichtem Grün. Die Bergkirsche blühte bereits, ihre flatterhaften Blütenblätter wehten schon auf sanftem Wind davon. Die Nußbäume an der Talstraße entlang schimmerten in warmem, rötlichem Braun. Es war jedoch, trotzdem Ostern diesmal spät im Jahre lag, nicht gewiß, daß es diesmal ohne Schnee und Frost herumging. Solange die Eisheiligen noch in Sicht waren, mußte man den Winter fürchten. An unbesonnten Schattenhalden lag der Schnee ohnedies noch wie für die Ewigkeit verhärtet und atmete Grabeskälte mitten in den leichtfertig wehenden Südwind.

Sonntags stieg Markus auch zu der Tanne empor. Von weitem schon, im niederfallenden Dunkel, leuchtete die weiße Kerbe, jetzt bereits breit und tief. Es mußte nun bald so weit sein, daß man die Taglöhner mit den dicken Seilen brauchte, um den Riesen in bestimmter Richtung ohne Gefahr niederzulegen.

Die ganze Woche durch trug Markus ein gesammeltes, ruhiges Wesen zur Schau daheim, so, als erfülle ihn große Freude. Sixta lebte auf. Erst jetzt merkte sie, wie bedrückt sie seit langem schon umhergegangen. Sollten nun noch einmal lichte Tage einziehen? Ehe die Wege des Alterns beschwerlich wurden und einsamer? Sixta straffte ihre Glieder, trat so schön und stolz auf, daß alle es merkten und Markus mit ihr 186 lächelte. Freilich, es war dies Lächeln nicht, nach dem Sixta Verlangen trug, das sieghafte, lustvolle Manneslächeln, das noch einmal im Lohen des frühen Herbstes die Feuer des Frühlings entfacht. Aber schon das war tröstsam, daß er nicht mit tiefen Schwermutsfalten herumging, abends nicht zum schlimmen Spiel abzog in die »Krone« und im Morgengrauen verwüstet und schuldig heimwankte.

Fast hatte ihn Sixta in Verdacht, wieder eine neue Menschenseele gefunden zu haben, die ihn beruhigte und erfreute, wie damals Simon, den Soldaten, oder Andres, den Knaben, oder Wendelin, den Weltenbauer und Sterndeuter. Albin Hebenstreit schien ihm nicht so tief zu gehen wie die anderen. Sie konnte sich aber nicht denken, wer es diesmal sein mochte. Nach Tagen der Tränen und der Kümmernis war sie doppelt dankbar und bescheiden. Die Buben hörten mit Staunen, wie schön und laut die Mutter zu lachen verstand. Marie fand keine Ursache mehr, ihren Willen mit Maulen und Trotzen durchzusetzen, und Genoveva durfte, ohne zu erschrecken, die milde Mahnung der Mutter hören, nicht alles verkehrt zu machen vor lauter Gedanken an jemand. Merkwürdig, Mütter hören das Gras wachsen, dachte Genoveva. Es fiel ihr nicht ein. daß sie sich soundso oft verriet, wenn sie überall träumerisch die Anfangsbuchstaben des heimlich Geliebten hinzeichnete: mit dem Setzholz in den Sand der Gartenwege oder in ein frisch umgeraiteltes Beet, mit dem Reisbesen in den Staub der Straße, vor dem Hofe Samstags abends, statt des üblichen Rautenmusters, auf den Tisch mit dem verschütteten Kaffee.

»Du junges, dummes Ding«, dachte Sixta und lachte. Die Liebe schien noch ungefährlich; denn es gab kein Stelldichein und keinen Kirchgang, kein fremdes Mannsbild ließ sich im Umkreis sehen und hören. Also konnte Sixta noch sorglos lachen. Sälme allein zeigte sich still und leicht bedrückt, aber sie kränkelte nicht. Sixta bürdete ihr viel Arbeit auf; denn Müdigkeit am Abend brachte eine schlafselige Nacht, das war die beste, wenn auch gröbste Arznei für ein wehmütiges Herz.

Als Magdalen ihre Buben bekam, Zwillinge gleich, da schickte Sixta Sälme und Marie auf den Erlenmoosershof, die schwere Mutterstunde mitzuerleben. Sie sollten wissen, was für Nöte es gab, wenn man Frau war und Mutter wurde. 187 Marie kam erschüttert und zitternd zurück mit verängstigten Augen, Sälme leuchtend und glücklich.

Der nächste Tag, nach der Geburt der Zwillinge, war eben dieser Sonntag, an dem Markus unter seiner Tanne stand und dachte, es würde das letztemal sein; denn am Montag wollte man sie umlegen. Er kam von einem großen Gang kreuz und quer durch seine Waldungen her und erreichte etwas müde den Baum. Da er ruhig atmend stand, fiel ihm ein, daß er diesen Mittag allen seinen Angehörigen begegnet war.

Erst auf dem Saumpfad am Wintersberg Sixta, die zu der jungen Mutter pilgerte. Er trug der Frau Grüße auf an Magdalen und Sebald und besprach noch mit ihr die kommende Arbeit auf den Äckern. Sie konnten sich nicht recht einigen, ob man eben die steile Halde an dem Winterwald abwärts, die jetzt voller Ginster und Stockholz stand, frisch aufforsten solle, oder Reute brennen und vielleicht Klee und Hafer anlegen. Sixta, heiter und freudenvoll, kam nicht glatt mit einem Vorschlag heraus, obschon sie für neues Ackerland innerlich stimmte, sie wollte jedoch diesmal Markus nach seinem Gutdünken entscheiden lassen, mochte er dem geliebten Wald ein neues Stück anfügen. Er sprach ohnedies zuweilen den Wunsch aus, Jungwald neben sich heranzuziehen, den man wachsen sehen könne durch viele Jahre hindurch, der den Enkeln zugute käme, die in der Bewunderung der herrlichen Stämme sagen konnten: Ja, der Ahn, der Markus Götz, hat diesen Wald eigenhändig gepflanzt und von Grund auf seine Arme zu seiner Pflege geregt. So wie er denken konnte: Stoffel, der Vater, hat jenen Acker dem Ödland abgerungen und jene saftige Wiese dem Sumpf. Das war doch etwas, ein Denkmal für ewige Zeiten. Drum sagte er zuletzt zu Sixta, sie lächelnd anschauend, daß sie errötete: »Schenkst mir den Hang für meinen Wald?«

»Schenken?« Sixta lachte warm auf, blieb vor Markus stehen und legte ihm schwer die Arme auf die Achseln: »Alsdann setz Tannen, Mann, mögen sie wachsen mit den Zwillingsbuben der Magdalen, Großvater.«

Er stutzte. Großvater? Das war ihm noch nicht eingefallen. Jetzt schlug er sich auf den Schenkel, lachte: »Hä, hä, jo, Großmutter. Jetzt werden wir alt anfangs.«

»Ich tanz schon noch den ›Owerab‹ auf der Taufe«, protzte 188 sie und nahm die Arme von des Mannes Achseln: »Alt Eisen? Noch lange nicht!«

»Sell glaub' ich«, ging Markus sie übermütig an. Da floh sie mit jungen Schritten in den Wald und eilte gegen das Erlenmoos hinunter.

Nicht lange danach, Markus gelangte gerade wieder nach gelassenen und glückhaften Gedanken um sein gesundes Weib Sixta an das Traumspiel um den Baum, da kamen Hebenstreit und Marie eng verschlungen des Weges daher, lösten sich verlegen, als sie ihn entdeckten, blieben eine Weile plaudernd bei ihm stehen und wandelten davon wie im Traume. Sie hatten ihm die Hand gegeben zum Abschied. Er spürte lange noch die feine Mariens, die schmal und leise bebend wie ein Taubenflügel in der seinen gelegen hatte.

Danach strich Sälme durchs Gebüsch mit einer Strohtasche, in der sie ihr Malgerät verwahrt trug. Sie zeigte in rasch auflebender Aufgeschlossenheit dem Vater ihr Skizzenbuch und ein paar kleine, mit Rötel und Kohle gezeichnete Landschaften, Waldränder, Mühlen, Wiesenpfade. Saubere, tüchtige Arbeiten, die Markus sehr gefielen. Er empfand große Zärtlichkeit für diese Tochter, er hätte ihr am liebsten über die flaumigen Wangen und über die geschickten Hände gestreichelt, schämte sich aber der weichen Regung. So entließ er sie nur mit freundlichem Zunicken und sah ihr, von leiser Wehmut beschattet, nach, solange sie sichtbar war. Flüchtig kam ihm in den Sinn: »Ich wüßte sie lieber als Frau des Hebenstreit denn Marie. Zwei Feuer in einem Haus verbrennen den Frieden. Und sie sind zwei heiße Brände, Marie und Albin.« Aber die Gedanken des träumenden Bauern kreisten nicht, sie flossen weiter wie leichte Schiffe auf einem Fluß. Er hörte die Schafherdenglöckchen erklingen und war schon neben den Zwillingshirten Urban und Martin. Die saßen nebeneinander auf einem mächtigen Findlingsstein. Langgeformt und breitrückig, abgeschliffen waren alle Ecken und Kanten, und an den Schattenseiten grünte zartes Moos. Die beiden Knaben blinzelten schläfrig in die Sonne und dudelten vor sich hin mit geschlossenem Mund irgendein zweistimmiges Schullied. Als sie den Vater aus dem Wald kommen sahen, hielten sie verlegen inne und rutschten vom Steine hinunter. Die Schafe verließen ihre Schneigstellen 189 und trotteten neugierig zu dem Bauern. Er griff aus seiner Tasche eine Handvoll Salz, wie er es in der Gewohnheit hatte, und ließ ein paar Mutterschafe lecken. Als sie ihn alle richtig gesehen hatten, senkten sie die Köpfe und weideten weiter.

»Wir können uns alle drei da auf den Stein setzen«, sagte Markus zum Erstaunen der Buben.

Er saß nun zwischen Urban und Martin. Die beiden waren wie auf den Mund geschlagen und warteten ab, was der Vater von ihnen wollte. Der zündete seine Pfeife an, stieß geruhsam einige runde, weiße Wolken aus. Die Buben sogen den Tabakrauch wohlgefällig ein, warfen sich über Vaters Brust hinweg verstohlen Blicke zu, die heißen sollten: »Das ist doch etwas anderes als das Weihröhrle rauchen.« Die Weihröhrle wuchsen im Ried hinten im kleinen Schiltebachtal, das große Strecken weit sumpfig war und von schönem Schilf bestanden. Die weichhölzigen Stengel, Weihröhrle genannt, wurden allgemein zu den ersten Rauchversuchen der Siebtklässler verwendet. Sie beizten ebenso kräftig wie sie stanken. Aber die Jugend fühlte sich abenteuerlich wohl dabei, gewissermaßen als Dulder der Manneswürde.

Als errate er die geheimen Spinnereien der Buben, fragte Markus, ohne einen anzusehen: »Habt ihr auch schon Weihröhrle geraucht, ich hab' es getan, als ich so alt war wie ihr.«

»Wohl, wohl, Vater«, bekannte Urban, der Helle, und blitzte Markus begeistert an.

»Gesund ist's ja nicht«, warnte Markus, »mir sagte der Vater, also euer Großvater Stoffel, man wird Bettbrunzer davon und wächst nicht mehr.«

Martin machte eine verächtliche Handbewegung, während Urban kerzengerade hinauslachte.

Martin meinte: »Tabakrauchen ist sicher besser.«

»Für ausgewachsenes Mannsvolk schon«, schloß Markus wirkungsvoll ab.

Schweigen.

Martin suchte vorbeischwirrende Kerbtiere zu fangen. Urban dudelte wieder mit geschlossenem Mund. Markus atmete den scharfen Geruch der Knaben ein, Wald und Erdgeruch. Ihm war so wohl zumut zwischen den schlanken, sehnigen Kerlen. Er hätte gern ein neues Gespräch angefangen, aber es fiel ihm 190 wahrhaftig nichts ein. Er merkte jetzt, wie selten er sich um sie bekümmert hatte. Sie saßen neben ihm fremd und fern, als wären sie sieben Berg und Täler weit von ihm aufgewachsen und heute zum erstenmal an seiner Seite.

Martin hob die Hand und zeigte an den Himmel. Zwei Gabelweihe kreisten überm Muhrseewald in ruhigen, vollendet gelassenen Achtern. Alle drei weideten sich an dem Anblick, den die Wundervögel boten.

»Die Luft muß singen unter ihren Flügeln«, dachte Markus und belächelte gleich darauf dieses Gefühl, dessen Sinn ihm sofort wieder entfallen war.

Da sagte Urban mit seiner bereits gebrochenen Jünglingsstimme: »Denen ist die ganze Welt untertan.«

»Wieso denn?« fragte Martin.

»Nun, in der Luft stoßen sie nicht an, alles gehört ihnen, sie sind ganz allein am Himmel.«

Martin lachte. Er lachte noch hell und knabenscharf.

»Den Zeigfinger an den Flintenabzug, aufs Korn genommen, paff und paff – aus ist's mit der Luft und der Welt.«

Seine Augen glommen lüstern wie die einer wildernden Katze.

»Ich weiß einen Falkenhorst, Vater, in der alten Tanne, die Ihr fällt. Ich hol' mir ein Junges aus dem Nest und zähm' es mir, wie es die Ritter gemacht haben früher für die Reiherbeize.«

Markus nickte zustimmend, sein ureigen Blut sprang ihn an aus der jungen Gier des Knaben: So also, so vererbt sich das.

Er prüfte nun auch den Urban.

»Die Mutter meint, man soll am rauhen Hang vor dem Winterwald Reute brennen für Klee- und Haferäcker.«

Martin fuhr auf, jedoch wurde er von Markus nicht beachtet. Urban sagte nach kurzem Überlegen: »Das wär' schön, man müßte eben bloß die Ernte in der Blache heimbringen, anfahren kann man nicht gut. Aber«, fügte er altklug hinzu, »unsereiner hat nie genug Äcker«

»So?« klirrte Martins helle Stimme dagegen, »so? Und unsereiner kann nie genug Wald haben. Trumpf!« 191

»Da streiten sie sich schon ums Erbteil«, dachte Markus erschrocken, und siedend heiß fiel ihm ein, daß sich die beiden Nesthocker ja in den Hof teilen müßten, das heißt, jedem gehörte der ganze Besitz ungeteilt; denn nach strengem Gesetz durften geschlossene Hofgüter nicht getrennt werden. Es wußte wohl auch niemand, welcher von den beiden zwanzig Minuten früher oder später auf die Welt gekommen war. Er hörte gar nicht weiter dem Streit der Buben zu, sondern sann auf gute Wege aus dieser schwierigen Erbfolge und nahm sich schließlich vor, mit Sixta darüber zu sprechen und in nächster Zeit schon beim Notar und Gericht alles zu klären und zu regeln.

Als er wieder bewußt die Stimmen vernahm, stritten sie nicht mehr, sondern waren ganz einig auf eifrige Art, indem Urban das Reutestück aufgegeben hatte und es Martin zur Anpflanzung von Jungwald überlassen, wofür der jedoch Urbans Plan gutheißen mußte, dem Hof eine Sägmühle anzugliedern. Die beiden verteilten also bereits ihre Arbeitsgebiete, je nach ihrer Neigung, in dem großen Vätergut. Der eine war ein kluger Bauer, der andere ein geschmeidiger Jäger.

Nun, das traf sich fein. Markus verließ den Stein und lächelte fern, sagte zu den Knaben: »Machet's auch gut«, klopfte einem kräftigen Schafbock auf den Hals und schlenderte quer über die Weide in den Kiefernwald an der Hochstraße hinüber.

Ein Wagengerassel prasselte aus der Richtung von Triberg her, zwei flotte Rösser zogen ein Bernerwägele, in dem ein einzelner Mann saß, das Fuhrwerk schlenkerte nur so als unnützes Anhängsel hinter den feurigen Füchsen her.

»So ein Gehuddel, so ein dummes«, krittelte Markus bei sich, »es ist nicht viel anders, als wenn man einen Kinderwagen von zwei Jungstieren ziehen läßt. Das Kind wird in Gefahr kommen.«

Als die Pferde den Bauern plötzlich am Weg auftauchen sahen, stiegen sie erschrocken auf und tänzelten an Ort und Stelle. Markus schnalzte beruhigend. Der Insasse zügelte sie heftig, bis sie, in den Flanken zitternd, stehenblieben, sprang ab und ging auf den Bauern zu. Es war ein mittelgroßes, schmales, dunkles Mannsbild, jung und noch fahrig in den Bewegungen. Markus kannte ihn vom Sehen her, er gehörte 192 zuweilen zu den fürstlichen Jagdgästen. Es war der Uhrenfabrikant Michael Blessing von Sonnenkirch. Er streckte Markus Götz fröhlich die Hand hin, sagte ein paar Worte über die lustigen Pferde, die tagelang im Stall abgestanden seien und nun vor Übermut nicht wüßten, wo hinaus.

Er komme mit einem Anliegen. Der Bäuerin Schwester Tertia, des Baptist Kirner Frau, die wohl letzthin im Götzenhof vorgesprochen hätte, habe ihm beiläufig berichtet, es würde dort Stammholz gefällt. Nun wolle er solches kaufen und habe die Gelegenheit gepackt, übern Berg zu fahren und danach zu schauen.

»Wohl, wohl«, knurrte Markus und rauchte unmäßig. Irgend etwas an dem jungen Blessing fiel ihm auf, er kam nicht gleich dahinter. Der Junge betrachtete heimlich den Bauern, als wolle er ganz anderes von ihm wissen denn die Antwort wegen des Holzes. Ob das Holz nun wirklich feil sei, fragte er schließlich, indem er sich verlegen an den Sielen des Gespannes zu schaffen machte.

»Schon«, sagte Markus und stieß sehr laut den Rauch aus.

»Gut«, sagte Michael Blessing, richtete sich empor, zeigte auf einmal ein anderes Wesen, straffer, männlicher, sah den Bauern fest und freundlich an.

Markus wies mit der Pfeife den Weg vor, der eine Schneise entlang an den Götzenwald mit den Tannen führte, danach pfiff er grell durch die Finger, worauf sofort eine Knabenstimme Antwort gab. Schon ließ sich Martin sehen, der rasch heraufstürmte und nun die Pferde halten mußte. Es war kein Wort gefallen. Der Bauer setzte sich in Gang, ohne zurückzuschauen, ob der Fremde ihm folge. Michael dachte bei sich: Holla, das ist ein echter Großbauer, hochmütig und mächtig in seinem Gebiet.

Sie hielten an dem angekerbten Riesenbaum. Überrascht trat Michael sofort mit ausgereckten Armen an den Stamm, ihn zu messen. Markus lachte leise: »Drei breite Mannsbrüst mit Armen gut ausgewachsen und so weit wie möglich gebreitet, die reichen knapp.«

»Herrschaft noch mal! Es ist schier schad, daß man ihn umhaut«, entfuhr es Michael. 193

»Schon«, sagte Markus, sog ein paarmal an der Pfeife. »Aber seine Zeit ist um. Was bietet Ihr?«

Michael fragte dagegen: »Was ist er Euch wert?«

»Mir? Alles!«

Der Bauer war doch seltsam. Er klopfte die Pfeife am Stamm aus, legte die Hand in die Kerbe, lind wie in Watte gebettet. »Alles«, murmelte er noch einmal und tat, als habe er seinen Gast vergessen.

Michael sah dem Baum in den Wipfel, bog den Kopf tief in den Nacken und wurde fast schwindelig.

»Mein Urahn, irgendein Götzenhofbauer, hat ihn gesetzt«, begann Markus wie zu sich selber.

»Den Götzenhof hat das Schicksal verschlungen, ein Fluch, sagen die Leute, der Fluch meines Vaters. Der Baum steht noch. Hat allen Zerfall mit angesehen da drüben und alle Blüte im Tal drunten im Michelshof. Mein Vater hat etwas angenommen von der Kraft und dem Saft dieses alten Freundes. Ich bin erst richtig darauf gekommen, wie ich allein hier die Axt angelegt habe. Der Vater lebt noch um den Baum her, sein Wesen weht einen an, im Zweigrauschen ist seine Stimme.«

»Warum fällt Ihr ihn dann?« fragte Michael.

Markus hob jäh den Kopf. »Ja, warum? Ich wußte eher nicht, daß er mir so viel wert war. Nun ist die Kerbe da, seine Zeit wird erfüllt sein, was hätte mich sonst getrieben, so daß ich sogar nachts davon geträumt habe, ihn zu fällen?« Er fingerte aufgeregt an dem Stamm herum, las Harztränen ab.

»Also seid Ihr abergläubisch, Bauer?«

Wieder dieses jähe Indennackenwerfen des Kopfes, bei dem er die Augen schloß, aber mit den großen, dünnen Lidern heftig schwirrte.

»Abergläubisch? Nein! Es waltet aber ein Schicksal über uns, das nicht so abläuft, wie es in der Bibel steht. Man kann es nicht mit Bitten und Betteln aufhalten vor dem Thron Gottes. Es ist alles bestimmt. Ich muß den Baum fällen, den Ahnenbaum.«

Michael sagte beschwichtigend: »Um einen neuen zu setzen.«

»Einen ganzen Wald forsten wir dafür auf, dort die rauhe Halde.« Markus beschrieb mit dem geschwungenen Arm das 194 Gebiet. Seine Augen brannten in tiefen Höhlen düster. »Ganz vollkommen und gesund soll er gedeihen und vom Fluche frei«, murmelte er.

Michael Blessing wurde es unheimlich, obschon er dem Bauern nachfühlen konnte, was es hieß, ein Wachstum von Jahrhunderten mit Säge und Axt in Stunden zu vernichten. Tiefe Menschen erlitten dabei die Schwermut über der Erkenntnis alles Vergänglichen.

Da raffte sich Markus auf, hustete und sagte: »Nun, was bietet Ihr?«

Michael bot. Markus war es zu wenig. Er nannte eine erheblich höhere Summe, lächelte dabei immer noch, als spiele er. Michael wehrte sich, Markus blieb fest. Sie kehrten zum Wagen zurück, Martin rannte den Hang wieder hinab, die Männer schwiegen.

»Nun, es wird scheint's nichts aus dem Kauf mit uns zwei Eigensinnigen«, sagte endlich Markus und wollte sich zum Gehen anschicken, da kam Michael dem Bauern auf halbem Weg im Preis entgegen.

»Gut«, sagte Markus, offen lachend, »einig!« und gab dem Käufer die Hand. Er lud Michael ein, demnächst in die Michelshofstube zu kommen, um den Kauf festzumachen, wenn der Baum erst läge. Michael Blessing strahlte auf. Sie plauderten noch eine Weile miteinander. Da konnte es Michael nicht verheben, auf sorgfältige Art etwas von Genoveva zu hören. Und Markus mit dem überempfindlichen Ahnungsvermögen wußte alles. Er hielt nicht hinterm Berge, die schalkhafte Schilderung seiner Tochter klang dem jungen Freier so unglaublich, daß auch er wußte, wie die Uhr geschlagen hatte. Er war ein Draufgänger und nebenbei ein kluger Geschäftsmann, drum verstand er es, die Geschäftslage auszunutzen. So bekannte er sich zu Genoveva, und mit nüchternem Gleichmut riet ihm der Bauer, diese Sache mit der sehr wichtigen Bäuerin Sixta auszumachen, er selber stehe nicht dagegen. Nun konnte Michael Blessing abfahren. Wieder so wild und schlenkrig wie vorhin: »Grüßt mir sie, grüßt mir sie!«

Nun ja, Genoveva kam bald wohl vorüber, vom Erlenmoos her. Er konnte das ausrichten. Als Genoveva singend daherschlenderte, schämte sich der Bauer, dem Mädel ins erglühende 195 Gesicht diese Liebesbotschaft zu sagen. Er nickte ihr nur stumm zu und ging rasch zu seiner Tanne zurück.

Nun schien ihm der Tag vollendet. Er lehnte sich an den Stamm, wie stark ermüdet nach langer Wanderschaft. Im Michelshof kräuselte sich Rauch aus der Luke, man hörte das Vieh murren. Eigentlich brauchte man ihn jetzt da unten. Markus blinzelte schläfrig und rührte sich nicht. Die Bilder des Tages glitten bunt an ihm vorüber und fast wortlos, wie Abziehbilder. Still und groß sank der Abend nieder. Markus dachte an keine Umwelt mehr. Die einsamen Säume der Wälder ringsum, die so klar gegen den Himmel gestanden hatten, wuchsen in die blaue Dunkelheit der Nacht hinauf. Das Netz der Sterne überzog das hohe Gewölbe. Die Luft wehte feucht und von Föhnwärme weich und schwer an den Halden hin, duftete nach Blüten und Erde. Plötzlich lauschte der Bauer streng auf und stellte sein Ohr gegen den Wald im Rücken. Es knisterte und hoppelte so merkwürdig. Ehe er sich's versah, brach in schwarzem Schwalle ein Rudel Sauen in die Lichtung und schnurzte gierig getrieben hinab, rüsselnd und wühlend über die frisch gesetzten Kartoffeln.

»Jetzt die Flinte, Kreuzelement!« stöhnte Markus entsetzt. Er raffte einen der gekappten Tannenzweige auf und sauste den Sauen nach, die witterten ihn kaum, als sie auch schon wie das wilde Gejaid gespenstisch von dannen jagten. Der Acker freilich sah schon wüst verwühlt aus. Die Bäuerin würde eine Freude haben. Kreuzmillionen!

Markus war ganz wach geworden. Er besann sich, ob er heimgehen sollte; aber es lockte ihn nicht, so stieg er wieder zu seinem Baum empor, wie zu einem sehnsüchtigen Ziel.

Die Fenster des Michelshofes füllte rötlichmildes Licht. Die Wipfelkreuze der Tannen bewegten sich im Wind. Markus bekam einen heißen Kopf und Frösteln über die Achseln. »Der Föhn macht einem zu schaffen«, sagte er sich, »ein heuriges Häslein bist auch nimmer, Michelsbauer.«

Sein Herz klopfte stark. Er fühlte, wie ihm Stirn und Hände feucht wurden. Die Dinge ringsum, Steinblöcke, Hürste, Wacholderstumpen, Tännlinge, nahmen ihre Traumformen an, sie schienen in Gebärden und Haltung menschlich zu leben. 196

Die Lichter im Michelshof erloschen. Nachttiere wieselten übers Moos und kurze Gras. Markus Götz erlitt die Angst der Nacht, das nimmerschlafende Grauen der großen Einsamkeit. Die Menschen schliefen, die Dinge erwachten. Die Büsche krochen zueinander langsam wie Schnecken, die dunklen Wälle der Wälder wuchsen ringsum empor zu hoher Kammer; wenn es für Augenblicke windstill war, hörte Markus seinen Pulsschlag in den Stamm rinnen, an den er sich so fest lehnte, als wolle er mit ihm verwachsen.

Oh, das können, eintauchen in das weiße Holz, eingebettet liegen in den Menschenaltern dieses Baumdaseins, durchsaust von seinen Säften, überbraust von seinen Stürmen, geküßt im Wipfel von der ersten Sonne und silbern bestäubt vom ersten Schnee. Ein wilder Horst den freien Falken, ein süßes Obdach den kleinen, liebenden Singvögeln. Speise dem Eichhorn und der Haselmaus, Honigparadies den wilden Bienen. Demutdunkel eins geworden mit dem Ursprung des Seins, das aus dem Boden die Nahrung saugt, selig ins Licht zu steigen, höher und höher, Wipfel zu werden in des Glückes Vollendung.

Markus schmolz in sich zusammen. Er hatte das Gefühl, sich selber in der schmalen Fläche seiner Hand bergen zu können. Er wurde sich selber ein Traum. Sank nieder zwischen aufgebäumte, armdicke Spreitwurzeln. Kauerte in den Knien und merkte es nicht, wie das Blut aus den Füßen wich. Er schlief wohl tief ein. Er träumte, er ruhe im Schoß der Familie, wie Abraham in Gottes Schoß. Alle stützten und liebten ihn mit strahlenden Blicken. Er jedoch hatte ein schweres, müdes Herz, aber Augen, die in Flammen lohten. Es war merkwürdig: wenn er mitten im Traum daran denken wollte, wie warm er von seiner Familie gehalten wurde, wankte das geliebte Bild weg, und nichts anderes stand ringsum als der dunkle Wall der Wälder. Darinnen hockte er allein. Dann fühlte er, daß es stürmte, daß die Bäume brausten. Langsam schwebte aus dem kreisenden Wälderwall wieder die Familie her. Das Antlitz und die volle Gestalt der Bäuerin Sixta, der Siebenkindmutter, die junge Frau Magdalen, Marie, die blasse, dunkle Braut, Sälme, in zarter Leidensgüte, Genoveva, die Lichte, und die beiden Knaben Urban und Martin, hell und dunkel 197 zwillingshaft verschwistert. Das wechselte ein paarmal, im Traum sprach und dachte Markus darüber. Er sah sich dies erleben, er war sein Doppelgänger. Simon Gsell tauchte auf, verblaßte. Von einem Soldatenlied verlor Markus mitten im Singen Weise und Worte, sie fielen ihm wie Geldstücke aus durchlöcherter Tasche. Er bückte sich und las sie als Steine auf; wie er nahe hinsah, waren es aber mit der Laubsäge ausgeschnittene seltsame Figuren, mit farbigem Glanzpapier beklebt, Teile eines alten Kindergeduldspieles. Er paßte die Stücke aneinander, mühsam suchend, der Knabe Andreas half, und Wendelin Ketterer, unsichtbar neben ihm stehend, flüsterte Markus ins Ohr: »Da hast du nun mein Weltengeheimnis.«

Der Schwarmgeist Josua Albiez, mit rotem Tütenhut auf dem Kopfe, kam und wischte mit seinen spinnigen Schneiderkrallen das halbfertige Bild vom Tisch und sagte: »Siehe, nahe ist das Reich Elysium. Wachet und betet.« Er warf dabei den Tütenhut in den Wipfel der großen Tanne. Als Markus ihm nachsah, wuchs er, über den obersten Spitz gestülpt, unfaßlich weiter und stach in den Himmel. Der Mond schwebte darüber, wurde durchstochen und blieb als Heiligenschein messinggelb hangen. Langsam senkte sich dieser Tütenhut jetzt herab, die Riesentanne schnurrte zusammen, wurde klein. Der Zauberhut stülpte sich auch über Markus, daß ihm die Luft ausging. Es rauschte so furchtbar laut in dieser engen Hülle. War dies das Meer? Das Weltmeer, von dem Wendelin so viel erzählt hatte? Ein Sturmstoß hob gottlob diese Mütze wieder weg. Und auf einmal ruhte Markus geliebt wieder im Schoße der Familie, hatte keine Füße mehr, keine Arme. War nur noch Herz und Augen.

Tief und traumschwer schlief der Bauer, er wollte manchmal aufwachen, die Augen gewaltsam aufschlagen, tat es vielleicht auch, aber die Sterne tanzten ihm in die Regenbogenhaut und setzten seine Stirn in Brand. Es toste und brauste.

In Wirklichkeit stürmte es stark bei unnatürlich klarem Sternenhimmel. Die Bäume, die frei standen, bogen sich. Schon mehrmals hatte es im Stamm der Riesentanne merkwürdig geknistert. Beim stärksten und jäh in eine Stille hineinbrechenden Stoß krachte es hell wie ein Schrei, und der schwere Baum rauschte donnernd herab. So fand Markus Götz den Tod im Walde.

 


 

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