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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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23
Angst

Am nächsten Tag schon, in der Frühe, zur selben Zeit, als Markus mit glimmenden Augen und verwüstetem Antlitz die Michelshofstube betrat nach leidenschaftlich vergeudeter Nacht, warf Albin Hebenstreit seine Bewerbung um eine Stelle in Karlsruhe in den Briefkasten am Postamt. Marie indes empfing den Vater, entsetzt über sein Aussehen, in der Stube. Sie hatte tiefes Mitleid mit ihm. Sie starrte den verstörten Mann, der stöhnend auf die Ofenbank gesunken war, verängstigt an. Markus sagte auf einmal traurig, doch klar lächelnd: »So ein Lump ist dem Vater, das siehst du jetzt.«

Da schluchzte sie auf, warf die Schürze übers Gesicht und ging aus der Stube.

Markus brummte Unverständliches, stand auf und schloß den Eckschrank auf, drinnen er seine Flinten verwahrte, nahm eine nach der andern in die Hand, betastete und wog sie. Ergriff zuletzt die Fürstenflinte, lud sie, legte sie auf den Tisch und verschloß die andern wieder sorgfältig.

Sixta kam mit dampfender Suppe aus der Küche und sagte mit starkem Beben in der Stimme: »So bist da?« Nichts weiter. 167

Marie, verweint und blaß, brachte Brot. Als sie die Flinte sah, stieß sie einen kleinen, spitzen Schrei aus und starrte den Bauern an.

Der aß ruhig, nicht einmal der Löffel in der Hand zitterte.

»Was ist denn?« fragte Sixta.

Marie wollte sich wenden, fliehen, aber sie war noch nicht an der Tür, als diese aufflog und zwei fremde Jäger einließ. Nun fiel ihr ein, daß heute Jagdbesichtigung war. Sie lachte kurz auf vor Verlegenheit und Scham und machte, daß sie aus der Stube kam durch die Kammertür. Markus erhob sich schwerfällig, grüßte die fürstlichen Jäger und ließ ihnen Kirschwasser nebst Brot und Speck reichen. Er selber wusch sich am Brunnen, zog einen besseren Kittel an und rüstete sich gelassen zum Jagdgang. Von der Hochstraße herab hörte man die Jagdwagen der fürstlichen Gesellschaft rollen. Vor den Schuß würde ja nichts kommen, trotzdem trat man mit der Flinte an. Als die Jäger schon draußen waren und sich anschickten, die Halde zum Wald hinaufzusteigen, kehrte Markus noch einmal in die Stube zurück. Sixta und Marie räumten das Geschirr ab, die Zwillingsknaben hockten hinter den Ohrentassen und schlürften ihre Milch mit eingebrocktem Brot hinab, beide hatten schon den Schulranzen auf dem Rücken. Die stämmigen Buben schauten in stolzer Neugier den Vater an, der mit dem Fürsten nachher durch die Wälder gehen sollte. Markus tat nicht, als ob er etwas suche, er gab ganz offenkundig Sixta die Hand, ein seltenes Geschehen unter Bauerseheleuten, und wünschte ihr einen guten Tag. Sie erschrak darüber tief, aber Markus machte ein schier heiteres Gesicht, er gab auch Marie und den Buben die Hand, zögerte das Fortgehen jedoch merkwürdig hinaus, zog die Kuckucksuhr auf, streifte die anderen Uhren, streifte alle Dinge an den Wänden stumm mit dem glatten Lächeln von vorhin. Sixta wurde es unheimlich, Marie goß den Knaben frische Milch in die Schüsseln, um ihre Unruhe zu verstecken. Markus besann sich endlich und sagte klar: »Also machet's gut«, drehte sich auf dem Absatz herum und verließ die Stube.

»Wann kommst wieder?« rief ihm Sixta durch ein aufgerissenes Stubenfenster nach, nur um noch etwas gesagt zu haben, das warm klang in unbegreiflicher Angst. Er stutzte 168 am Brunnen, sah sie groß an und fragte langsam: »Warum fragst du?«

»Es geschieht was.«

»Was denn?«

»Markus!«

Seine Schultern zuckten vornüber, er fiel einen Augenblick zusammen, richtete sich jedoch unerwartet wieder auf, hielt Sixtas angstvollem Blick stand und sagte fest: »Mir geschieht nichts, glaube es.« Wandte sich ab und stieg den anderen nach.

Hinter Sixta war die Stube leer, als sie taumelnd zurücktrat. Die Knaben stürmten aus dem Hofe in die Schule, Marie stand lautlos weinend in der Küche. Sixta faßte sich, fuhr das Mädchen hart an: »Was heulst du denn, es ist nicht das erstemal, daß der Bauer eine Nacht verspielt hat, er hat dieses Laster in sich, ich hab' es vor euch heimlich gehalten. Nun plärr du nicht und mach es mir nicht schwerer als bisher, behalt alles für dich. In deiner Ehe wird auch einmal ein Schatten sein, ein Teufelsfuß zeigt sich überall. Die Männer sind keine Engel.«

Marie, die Unerfahrene, ließ sich beruhigen. Aber sie war noch lange Zeit nachher unfähig, etwas Rechtes zu arbeiten. Da schickte sie die Mutter nach Buchenbronn, Faden und Nadeln zu kaufen, weil in Bälde die Schneider auf die Stör kämen. Marie ging. Es betörte sie nicht, daß sie nun unverhofft Albin sehen konnte. Sie entschloß sich, merkwürdig getrieben, den beschwerlichen Weg auf der Hochstraße einzuschlagen, und zwar geheim. Sie sprang oberhalb des Michelshofes über den Schiltebach und stieg ungesehen durch die Erlenmoosersmatten zur Hochstraße hinauf, die der Vater kurze Zeit vorher begangen haben mußte. Sie schritt rüstig vorwärts, die Ohren auf die Geräusche der fürstlichen Gesellschaft scharf eingestellt. Nicht lange wurde sie hingehalten, als sie von einem seitwärts abzweigenden Holzschleifpfad her Stimmen hörte. Sie blieb stehen und spähte mutig in das waldige Dämmerlicht. Richtig kamen hinten zwei, drei Männer zwischen Stämmen heraus, betrachteten die Bäume und sprachen eifrig miteinander. Marie begannen die Knie zu zittern. Sie wollte weitergehen, furchtsam; denn man rief sie an. Sie konnte keinen Schritt weiter. Der Männer wurden es mehr, sie kamen ziemlich rasch näher, 169 lachten und lärmten. Einer löste sich ab, Mariens verschleierter Blick unterschied schlecht, und erst als die wohlbekannte Stimme an ihr Ohr schlug, sah sie erleichtert, daß es der Vater selber war, der ihr entgegenkam.

»Wie kommst du daher?« fragte er mild wie nie.

Sie sagte, was sie in Buchenbronn besorgen müsse.

»Aber dies ist der nächste Weg doch nicht, Marie?«

Da bekannte sie, mürb vom tiefen Schrecken dieses Morgens, ihre Sorge um den Vater.

»Also hast ihn lieb, den Vater?«

»Ja, arg, lieber als den Albin!«

Markus lachte kurz auf, sagte leise und rasch. »'S ist gut, hab' keine Sorg um mich, das ist ja zum Lachen, geh zu deinem Schatz und freu dich an ihm. Aber mach, daß du der Gesellschaft aus den Augen kommst; die Stadtherren sind keck.«

Seine Stimme klang warm. Da jubelte Marie fast: »O Vater, komm bald heim.«

»Komm bald heim!« sagte Markus vor sich hin, als er den im anderen Teil des Waldes verschwundenen Männern nachschlenderte. Er verfiel in tiefe Gedanken, vergaß die Gesellschaft, vergaß alles um sich her, versuchte sich aus der Versponnenheit in unzählige Bilder seines Wachträumens zu entwinden, wenn er ferne Rufe hörte, jedoch gelang es ihm nicht. Schließlich warf er sich, am entferntesten Rand des Götzenhofwaldes angekommen, in das sonnenheiße Heidekraut, nicht ahnend, wie lang er umhergegangen und wie tief in den Tag hinein. Er schlief sogleich ein.

Als er erwachte, war die Nacht nahe. Am Westhimmel stand ein hoher Bogen hellen Scheins, als wäre die Sonne eben hindurchgesunken oder als steige der Mond eben auf. Markus erhob sich, faßte kaum, wo er war. Er lief ein paar hastige Schritte hin und her, blieb plötzlich stehen, stierte eine Zeitlang vor sich nieder. Auf einmal schlug er sich kräftig an die Stirn, schulterte das Gewehr und ging weit ausholend durch den Götzenwald, den Michelshofwald, rannte den steilen Hang hinter der Mühle hinab. Er merkte, daß es noch nicht so spät war; denn aus dem Stall klangen noch Stimmen. In der Stube brannte kein Licht. Er tauchte die zitternden Hände in den Brunnen und betrat dann das Haus, legte Flinte und 170 Jacke ab im Finstern und ging über den dunklen Hausgang hinüber in den Stall, wo ihn Sixta sogleich kommen sah. Er sah, wie sich ihr Antlitz aufhellte, sogar rot wurde, wie sie sich jedoch Mühe gab, ihn nicht besonders zu beachten.

Wollte sie trotzen? Nun also, das konnte sie ja, war das Getue am Morgen nicht blödsinnig genug gewesen, indem er sich so aufspielte, als wolle er fort, um ein Ende zu machen? Und hatte er das denn nicht im Sinn gehabt? Ein Schuß – Schluß! Gewiß, dieses Spiel mit dem Tode trieb er schon oft, es war so grausig-schön zu denken, daß man mit einem einzigen Griff dem Elend ein Ende machen konnte . . ., aber welchem Elend denn? Was machte ihn elend, wer denn? – Er wußte es nicht, nur – er wußte, er hatte nicht gelebt, so wie er eigentlich hätte wollen und sollen, hatte falsche Wege eingeschlagen, feige Wahlen getroffen, scheele Alltagssicherheiten für volle Lebensgeltung genommen. Er hatte dies alles nicht wollen im Grunde, dieses Haus, dieses Weib, diese Kinder. Fremde Bilder schwebten in seine Träume, seltenes Treiben in ferne Gegenden. Zeitlebens stemmte sich sein Inneres gegen das Muß, das man ihm aufdrängte, gegen die Gebote des Vaters, der Schule, der Frau. Aber was hätte er denn gewollt, freudig angegriffen und vollendet, was auch?

So stark Markus nachdachte, auf der Heubühne stehend und langsam Büschel um Büschel durch die Luke in den Stall hinabwerfend, so stark er die Unzufriedenheit und Unfriedlichkeit seines Daseins erforschte, er kam nicht hinter sich, er löste sich nicht. Da steckte etwas im Blute, weiß Gott, es war wohl das gleiche dunkle Geschehen, das die Mutter fast zur Brandstiftung getrieben, die wilde Schwermut einer Krankheit an der Seele. Auf ihm lag ein Fluch. Markus knirschte mit den Zähnen, als wollte er diese aufdringliche Erkenntnis zerbeißen, er knurrte wie ein gefangener Wolf, wölfisch schmal und schwarz schoß auch sein Schatten an der vom Laternenlicht erhellten festgepreßten Heuwand hin, da er sich bückte, um die Büschel aufzuraffen.

Sixta war, ohne daß er es gehört hatte, über die Einfahrt auf die Bühne gekommen, sah den tierhaften Schatten, hörte das wilde Knurren des Mannes und fürchtete sich. Jedoch floh sie nicht. 171

»Es langt schon längst«, rief sie ihn an. »Willst nicht aufhören?«

Er drehte sich hastig um und richtete sich auf. Sixta nahm die Laterne vom Balken und schickte sich an, wieder hinauszugehen, da sprang der Bauer mit drei Schritten ihr nach, ergriff sie und preßte sie so gewaltsam in seinen Armen, daß sie aufschrie und die Lampe fallen ließ. Die erlosch. Dunkelheit umgab die keuchenden Menschen, verschüttete sie unheimlich lastend.

»So, du, du, du –« stöhnte Markus.

»Du, so roh?« keuchte Sixta, sich mit aller Kraft wehrend. Es nützte nichts. Markus starrte sie an, sie sah seine Augen in grünlichem Funkeln, wie die der Katze leuchten, begann zu zittern und haltlos zu weinen. Nun ließ er sie los, ließ sie an sich niedersinken auf den heubestreuten Boden. Sie weinte weiter, leise wimmernd. Ein Nachttier, Eule oder Fledermaus, taumelte gegen das Gebälk. Die Glocken der Kühe im Stall drunten klangen verträumt, man hörte das Mahlen der Wiederkäuenden, das feine Klirren der Stierketten, das zarte Meckern eines der jungen Geißlein. Ganz aus der Ferne die Stimmen der Zwillingsknaben, die wohl beteten, und wie aus dem Talgrund herauf das Singen zweier Mädchen, durch eine Terz im Klang gegliedert: »Schwesterlein, Schwesterlein, wann geh'n wir nach Haus –«

Weshalb immer diese traurigen Liebeslieder? Da sangen wohl Sälme und Marie, diese beiden, die den gleichen liebten, den Albin Hebenstreit.

Markus lauschte und dachte. Er hörte alles, er sah durchs Dunkel. Sein Hof, sein breitgelagertes Haus unterm riesigen Strohdach lag im Tal wie ein lauerndes Ungeheuer. Er sah es liegen, liebte es nicht. Niemals hatte er es wohl geliebt wie etwa der Vater Stoffel, wie etwa Sixta, die es mit den Augen warm umfing, jedesmal wenn sie auswärts gewesen. Er hatte nie daran gemalt, verschönert, gebastelt, nichts stammte von ihm, weder Bild noch Schnitzerei. Er hatte kein Gut gemehrt. Er hatte überhaupt nicht gewaltet in diesem Heim, nur wesenlos darinnen gelebt. Alles zusammengehalten hatte nur Sixta, sie hatte Kinder hineingeboren und Leben gesät. Markus überströmte es heiß und kalt. Er bohrte und bohrte grimmig. 172

Sixta weinte nicht mehr, lag ganz still, erschöpft. Die Mädchen sangen nicht mehr, die Jungen schliefen. Jemand rief: »Mutter!« Es war Genovevas Stimme. Die Frau hob mühsam den Kopf. Aber sie neigte ihn wieder. Eine Magd sagte, die Bäuerin sei beim Bauern auf der Bühne. Genoveva summte und ging unten durch den Garten. Marie kam zu ihr hinaus. Sie sprachen miteinander. Marie sagte: »Ich bin froh, daß der Vater daheim ist.«

Genoveva sagte: »Die Mutter war heut aber böse wie ein Teufel.«

»Sie hat Kummer, Eva.«

»Der Vater ist so seltsam, Marie.«

»Er ist schwermütig, Eva, und die Mutter zu kalt mit ihm.«

»Die Mutter, meinst du, hat ihn nicht gern?«

»Doch, hätte sie sonst Kummer, Eva?«

»Sag, Marie, wie ist das, wenn man einen gern mag?«

»Man trägt Leid.«

»Bloß das?«

»Auch Lust«

»Lust?«

»Ja, ich erfuhr es bisher nicht anders, Eva, drum ist die Liebe wohl nichts anderes als Leid und Lust.«

»Sie sagen, sie sei süß.«

»Das – weiß ich nicht!«

Sälme gesellte sich zu den sinnenden Schwestern. Im Garten neben der Einfahrt gingen sie auf und nieder. Eva sprach weiter: »Es muß doch hold sein, zu lieben; säng' und träumt' man sonst so viel davon?«

»Ich weiß es nicht« sagte Marie zögernd.

Sälme hob die Hände gegen Marie auf und fragte bebend: »Hast du nicht Albin gern?«

Marie wußte auch dieses nicht.

Eva lachte silbern auf: »Du hältst uns zum Narren, Marie, an nichts anderes denkst du bei Tag und Nacht, als an den Albin«

»Als an Albin«, sagte Sälme nach.

»Nun, wenn ihr's wißt, was fragt ihr noch?« sagte Marie. »Ihr seid mir rechte Schneegänse und horcht mir ab, was ihr noch gar nicht wissen dürft, ihr dummen . . .« 173

«Oh, ich weiß mir einen, an den denk ich, von dem träum ich, und er ist so schön wie keiner«, sang Eva spöttisch, aber man hörte ihr an, sie meinte es heimlich ernst.

Und Sälme sagte mit zitterndem Mund: »So wie ich, hat keine einen lieb.«

»O ihr jungen, gelben Gänsle«, lachte Marie, es klang aber falsch, »wer schaut denn schon nach euch. Laßt's ja nicht die Mutter wissen, sonst hängt sie euch den Schnuller um den Hals und steckt ein Nastüchle mit einer Sicherheitsnadel auf euern Kinderrock zum Die-grünen-Lichter-putzen.« Und sie sang ganz leise mit ihrer spröden Stimme: »Es wollt' ein Mägdlein früh aufstehn, drei Viertelstund vor Tag –« Die beiden anderen sangen mit, und um sie her begann die Nacht zu wogen und zu klingen, Düfte auszuströmen, blau zu wachsen über den Wäldern, hoch und tief.

Markus und Sixta hatten alles gehört. Er half ihr auf, sie standen in dieser zärtlich-traurigen Nacht wie ein neues Paar, steif und ohne Berührung beisammen, um wortlos dann wie tief gealtert nebeneinander in den nun verlassenen Garten hinab in die Kammer zu gehen.

Es fiel seit Wochen der erste Schlaf wieder über sie, denn keine Furcht beschlich sie.

 

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