Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Eris Busse >

Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

15
Schwermut

Nun war wieder Frühling, wieder stand jene tiefblaue Glocke über den Wäldern, in der Gottes Auferstehung ruht. Und die Bachränder quellten über vom schweren Gold der Sumpfdotterblumen. An den blühenden Weiden saugten und summten Hunderte von Bienen, die Birken zitterten leise vom Sturm des jungen Saftes in ihrem Innern, und der grüne, zarte Flug ihrer Blätter umwehte sie wie ein Lächeln. Vogelwolken glitten über die Täler, Girlitze und Ammern. Das Gebüsch, die Wälder waren wieder erfüllt vom Wohllaut der Liebeslieder und vom Duft der blühenden Erde. Vom Eise befreit – vom Eise befreit war die ganze Natur, und die Sonne fuhr durch das tiefblaue Meer aus dem Morgen in den Abend. Flaumige junge Hasen tanzten im Klee, keck schlugen die Alten ihre Haken am Waldsaum; denn es war Schonzeit für sie, die schöne Zeit.

Über den Brachacker ging Markus hinter dem Pflug. Allein. Alles, was er tun mußte, schaffte er allein. Es ging mühsam, aber er ertrug es nicht, daß jemandes Schritt ihn in seinen Gedanken störte, er ertrug auch nicht, wenn einer sein Gesicht ausforschte. Was ging es andere an, wie er lebte? Sie sahen doch, daß seine Augen erloschen waren, und merkten, daß er kein Wort mehr wußte, nicht ein einziges, um mit anderen zu reden. Nicht einmal mit Sixta. Die Welt war leer geworden und alt.

Frühling, daß er nicht lachte! Wer wachte auf? Wer war auferstanden? Lüge, feige Lüge über der Welt. Der Tod ging 94 um, der Tod, und er verkleidete sich. Wo war denn Gott – wo, wo, wo? Der Tod, das war Gott und nichts sonst, nichts!

Markus spreizte die dürren Finger an den Pflugsterzen und klemmte sie wieder zusammen. Daß sie nicht klirrten? So nackt waren sie, Knochen nur noch. Er spreizte sie noch einmal, klemmte sie wieder, fort und fort in unheimlichem Spiel. Die Ochsen wendeten die schweren Köpfe nach hinten, erstaunt über den Stillstand mitten in der Zeile. Sie stießen laut den Atem durch die Nase. Der Bauer erwachte, stemmte den Pflug in die weiche Erde, drückte jäh. Hüooh – – – er pfitzte die Ochsen grob auf den Rücken mit der Geißel, sie zogen heftig an, Scholle an Scholle legte sich hin, glatt geschnitten, in fettigem Rot glänzend.

Neben dem Acker zog die alte Hochstraße her, die Handelsstraße nach Freiburg. Sie war unbelebt an diesem Morgen. Dahinter stand der Wald, überm Graben erst ein wildes Gerank von Weißdorn und Brombeerhürsten, ein noch blattloses Gitterwerk verkommener Buchen, dann Kiefern, ein Wald von Kiefern, uralt, wild, abenteuerlich. In diesen Kiefern wohnte der Nordsturm, darinnen erwachte er und toste erbost ins Tal, zerfranste die Strohdächer, stürzte Bäume um, peitschte die Gewässer in kaltem Grauen zu Eis. Wo er hinstürmte mit seinem klirrenden Atem, schrien die Bäume, und die Träume flohen.

Markus starrte in die finstere Wand, breithüftig standen sie da, die Riesenkiefern; hinter dem Wall ihrer schweren Äste hockte das Unheil. Er hatte im Winter begonnen, die Bäume von unten her auszuputzen, Äste zu kappen; aber sein Innerstes duckte sich scheu im unheimlich knarrenden Forst. Richtig, er hatte den Kiefernwald nie geliebt. Aber jetzt gab er sich Mühe, ihn zu putzen, vielleicht, daß die dunkelbärtige Bosheit daraus entwich, wenn er Luft schaffte. So schlug und sägte er Äste nieder, sie rauschten im Niedersausen wie die Fittiche des Teufels, nein, wie die einer riesengroßen Fledermaus – des Todes.

Dort, am oberen Ende des Waldes, hatte er angefangen, wo er an eine schmale Schneise stieß, über der drüben sein Weißtannenwald begann mit dem Mischwaldsaum, dem Wunderland des Wildes und der Vögel. Er hatte wütend geschafft, mit blutenden Händen, mutterseelenallein. Bis in die Nacht. Aber es 95 hatte kein Stück gegeben, trotzdem. Nur ein Tor wölbte sich hinein, aus den einseitig geputzten, nackten, mit Wunden bedeckten Stämmen gepfeilert, das Tor in die Finsternis. Er brachte nicht mehr fertig. Nun klaffte das Tor, er mußte es messen, seinen Blick hineinsaugen lassen in die tiefgrüne, dumpfe Finsternis des verwahrlosten Waldes. Dahinter lag ein Moor, rund und feuchtglänzend, nebelgrau wie ein krankes Auge.

Markus dachte: Unerbittlich wartet in diesem Wald der Tod; er braust eines Tages hervor mit seiner scharfen Sense; so unerbittlich, wie das Schicksal über das junge Leben seines Knaben Andreas gewaltet hat. Nichts ist's mit dem reinlichen Wandel ohne Sündenschuld, nichts mit dem Lohn der guten Taten, nichts mit der adeligen Frömmigkeit des Herzens. Pfaffengeschwätz! Erlösung? Ha! Auferstehung? Ha, ha! Fertig steht das Schicksal hinter den Dingen, hinter der Brunstwut eines Stieres so sicher wie hinter dem Dunkel dieses Tores in den Kiefern. Und das Schicksal, das heißt Tod.

Dir komm' ich bei! Dir komm' ich doch bei – du jäher, wüster Gesell. Dabei schüttelte Markus das Grauen, und der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn.

Er pflügte weiter. Unten im Tal lag der Michelshof breit, üppig hingelagert wie eine brütende Henne. Er lag in der schönsten Morgensonne. Wenn Markus hinabsah, mußte er immer erst ein Weilchen blinzeln, so blendete die Sonne seine vom Blick ins Dunkel lichtempfindlichen Augen. Und wenn sie sich an die Helle gewöhnt hatten, brauste es in den Ohren des Michelsbauern wie volles Glockengeläute: der Hof läutete doch nicht, die Sonne läutete doch nicht, der Himmel, die Luft? Da schien es, als wolle ein festlicher Atem die schwere Seele des traurigen Bauern aus dem Dunkel heben. Aber er sträubte sich, er wollte nicht; im Trotz verirrt, schloß er die Augen, wandte sich wieder dem Kiefernwald zu. Dort saß sein wahres Wesen und grinste hohl.

Als Markus fast fertig war mit dem mühsamen Pflügen, kam das Fuhrwerk des Schwenkengabriel die Straße von Freiburg her; es ging gemach bergauf, sechs Rösser zogen die Fuhre. Gabriel hielt auf der Höhe des Ackers an, die Pferde stallten. Er kam an den Rand des Ackers und grüßte Markus. Sein 96 rotbäckiges Fuhrmannsgesicht, vom vielen guten Essen und Trinken schön gepolstert, stand frisch wie das eines stämmigen Knaben über dem blauen Kittel mit den rotgestickten Achselstücken. Das Blau des oft gewaschenen weiten Leinenkittels vertiefte das Blau der fröhlichen Augen Gabriels. Er nahm die schwarze Schildkappe ab und wischte sich mit dem Ärmel die Tropfen von der Stirn, die in glitzrigem Weiß hart abstach von der Gesichtsfarbe. Man erlebte selten, daß Gabriel die Kappe abnahm. Eine Fülle hellen Haares starrte ihm struppig vom Schädel, schimmelblond oder greisenweiß, das konnte man nicht unterscheiden. So ohne Kappe sah der Mann noch lichter aus, wie ausstrahlend, dazu kamen die starken Zähne, die er beim Lachen in voller Reihe zeigte. Jedermann hatte Gabriel gern, man fiel nicht selten auf sein blankes Knabenwesen und Aussehen herein und mußte dann entdecken, daß man einem schlauen Fuchs in die Falle gegangen war. Bei Witz und Lachen machte Gabriel die lohnendsten Geschäfte. Es kam ihm viel über den Weg, er verpaßte keine Gelegenheit, wenn er fast Tag für Tag talauf, talab fuhr, talab meistens mit Uhren in Kisten verpackt und allerhand anderer Schwarzwälder Fracht, die mittels Wagen an die Eisenbahn geführt wurde. Oft traten all seine Fuhrwerke hintereinander die Fahrt an, wenn es noch Holländerstämme oder Wellenholz nach Freiburg zu fahren galt. Der Wald hallte wider vom Peitschenlärm der Fuhrknechte, vom Dröhnen der Stämme auf den langgezogenen Wagen, vom Kreischen der Räder, wenn die Mick talab zugedreht war. Alle waren lebendige, laute Kerle, witzig, gerissen, derb. Sie wiegten die Achseln im Schreiten, machten weite, schaukelnde Schritte; denn sie schwangen stets den ganzen Körper auf das Bein, das vorgesetzt wurde. Man kannte unter hundert Bauern den Fuhrmann heraus am Gehen. Und dann, schmuck sahen sie immer aus in ihren sauberen blauen Hemden.

Der Gabriel hielt überhaupt viel darauf, daß die Seinen reinlich daherkamen: Knechte und Rösser. Jedes Pferd hatte sein Geschell und hatte sein Fuchsfell am Kummet hängen und seine roten Schmuckbändel mit dem blanken Messingbeschläg. Und gern noch dazu einen Maien: Blumen vom Rain gepflückt, im Winter ein Tannenkreuzlein, im Frühling blühenden Ginster, im Sommer Heidekraut. Die Rösser glänzten vor 97 pflegsamer Behandlung, ihre Mähnen und Schwänze strotzten in Fülle und Pracht; sie gehörten großen, schweren Rassen an mit breiten Hintern, starken Fesseln und kurzen stämmigen Hälsen. Nur für den Postwagen besaß Gabriel leichtere Pferde, vier schlanke, hochbeinige, sehnige Füchse. Den Postwagen, der langweilig war, weil es immer dieselbe Strecke zu abgezirkelten Zeiten zu fahren galt, übergab der Meister einem Gesellen, dem sanften Fridolin Schwer, der einmal Pfarrer hatte werden sollen, aber vor dem Predigen, überhaupt vor jeglichem Hervortreten aus der Allgemeinheit eine Heidenscheu an den Tag legte, so daß man ihn in Gnaden aus dem Konvikt entließ. Nun tat er zwar auch etwas, was aus dem täglichen Kreislauf der Bauern herauslief, er fuhr als Schwager allen sichtbar durch die Landschaft, aber auf dem hohen Bock saß er sicher wie in Abrahams Schoß. Er konnte wunderlich süß das Posthorn blasen, das mahnte die Herzen der Reisenden an romantische Zeiten, die in der Welt draußen längst entschwunden waren und nur noch im unwirtlichen Gebirge, das noch keine Eisenbahn erschlossen, biedermeierlich ihr Dasein genossen. So blies Fridolin seine traurig-wehmütigen Lieder: »Seht die drei Rosse vor dem Wagen«, »Ich hört' ein Sichlein rauschen« und viele andere mit »Bravour« und Andacht und heimste dafür manchen Batzen ein. Daheim hatte er ein sparsames Weib, das zwei Köpfe größer war als er und voll rauher Liebe. Karline ging im Herbst in Rohrstiefeln auf die Bauernhöfe, mit dem Krauthobel auf dem Rücken, und schnitt Sauerkraut und Rüben ins Faß. Auf dem Heimweg rauchte sie dann die Pfeife wie ein Mann.

Markus war vielleicht der einzige Mensch weit und breit, der dem Schwenkengabriel nicht viel Butter aufs Brot gab. Schon früher nicht. Er fühlte sich bei allen ewig Fröhlichen nicht recht wohl. Und der Gabriel wußte nichts als Witze. Auch wenn er etwas Ernstes sagte, mußte man aufpassen, ob es nicht doch ein Spaß war, den er verkleidet hatte. Nun stand er am Straßenrand und zündete sich in den hohlen Händen eine der beiden Zigarren an, die ihm der Postmeister von Waldkirch geschenkt.

»Ein verdammt feines Kraut, das da«, sagte er zu Markus, der im Pflügen innehielt. 98

»Bi Gott, e guet Krütli sell«, sagte Gabriel noch einmal, fest an dem Tabakstengel ziehend.

Würzige Nebel schwebten vor das Gesicht des mürrischen Bauern; er, der selten ohne Pfeife zu sehen war, ließ sich betören und sog den Ruch gelüstig ein.

»Da, weil du's bist, Michelsbauer«, lachte der Fuhrhalter und reichte ihm die andere Zigarre hin. »Das bricht die Sorgen, wärmt's Gemüt. He jo bi Gott«, plauderte er weiter, gierig auf ein Gespräch nach dem langen Schweigen das Simonswäldertal herauf, »ich saß es schon, ich bin vielleicht der einzige, der deinen Kummer faßt; meine Alte hat nie ein Kind an der Brust gehabt, du hast noch sechs, aber ich faß dein Leid, aber schau, ich doch, ich hab' keinen Bub, kein Mädchen. Ein Mann ohne Sohn ist wie ein Ei ohne Dotter, wahrhaftig.« – Er gurgelte vor Lachen, in seine blauen Augen stürzte Nässe. Gabriel hatte die Verlegenheit übermannt, vor dem leidtragenden Bauern mit dem verwüsteten Gramgesicht verging ihm das dreiste Witzeln, er lachte nur so krampfhaft, um nicht in Tränen auszubrechen; denn die Ungnade auf seiner Ehe war der einzige wunde Punkt in Gabriels Dasein, und hier verstummte sein loses Maul.

»Aber du hast noch sechs andere und ein blühendes Weib, die Sixta«, sagte er zuletzt ganz gefaßt, zog heftig an der Zigarre, die er vernachlässigt hatte und die jetzt wie ein Reisbesen geborsten war.

»Ist ein heikles Rauchen, bi Gott, mit den Zigarren«, murrte er, trat aus dem Straßengraben, riß die Geißel vom Bock und knallte heftig, daß die Pferde anzogen. Ohne Gruß fuhr Gabriel davon.

Markus drehte die Zigarre zwischen den Fingern, sie schien ihm plötzlich nichts mehr wert, sein Gelüst war verflogen. Er ließ sie in die Rocktasche fallen und pflügte weiter. Nicht lang darnach flatterten runde Töne die Straße her. Die Postkutsche kam gemach vorüber, Fridolin blies ein Marienlied, eine süße, farbige Weise. Gehörte der Frühling nicht der Gottesmutter allein? Der holden Maienkönigin? Und der sehnsüchtig fromme Sinn des Knechtes Fridolin machte auf seinen Liedern eine Himmelfahrt in die selige Madonnenbläue über den Wäldern.

Ein Zitronenfalter segelte gen Süden, zwei Raubvögel, sichelflügelig, kreisten überm Wald und schraubten sich langsam in 99 der lustvollen Wonne des Fliegens in die blaue Unendlichkeit. Kuhglocken sangen in der Ferne. Irgendwo weidete die Herde des Michelshofes, doch Andreas hütete sie nicht, Genoveva und Sälme mußten nun sein Amt verrichten. Was der Knabe mit Lust, ja mit Leidenschaft getan hatte, war den Mädchen bald eine Last, sie murrten und nöhlten, so oft es hieß: »Ausfahren!«, und jagten wie besessen die Rinder, Ziegen und Schafe von der Weide, wenn durch hohle Hände Knecht oder Vater riefen: »Einfahren – iiifahre!«

Der schlimme Stier stand in Wendelins Stall; Markus hatte ihn nicht mehr sehen können, er hätte ihm am liebsten das Sackmesser in den wampigen Hals gestoßen. Sixta hatte darum das schöne, gesunde Tier in den Stall der Eltern geführt.

*

Es war ein Wunder, wie Sixta das große Leid trug. Das Leid um Markus wuchs über das um den toten Andreas hinaus. Die Bäuerin merkte wohl, wie tief der Mann sich an den Gram verlor, Gotteslästerungen über die schmalen, zerbissenen Lippen ließ, finstere Worte, die schlimmer schlugen als Peitschenhiebe, Worte, hinter denen die Fratze des Wahnsinns grinste. Sixta betete für ihn und klagte nicht; was halfen da andere Leute, der Pfarrer etwa, der Vater etwa, wo die eigene warme und von Liebe erfüllte Frau keinen Weg zum starren Herzen des Geliebten unbegangen ließ und dennoch nie Einlaß fand.

Es ist wahr, Sixta demütigte sich vor Markus, sie lief ihm nach und zeigte ihm Liebe, wie es nie Sitte ist im bäuerlichen Kreis. Sie schlang die Arme um ihn, daß er ihre Wärme fühlen sollte, er aber löste sie grob ab und verwies es ihr, ja, er mied sie tagelang. Sie konnten alle beim Essen sitzen, er folgte dem Ruf nicht, in die Stube zu kommen, und mit großer Mühe verbarg die Frau die Tränen vor Kindern und Gesinde. Er fuhr Sonntags in die Kirche wie früher, aber er saß auf seinem Platz gleich einem Bild aus Holz, starr und unergriffen, er betete nicht. Alles, was ein Bauer tun muß, wie es die anderen tun, was Sitte und Brauch ist, ungeschriebenes Gebot, das tat er. Er ging sogar zum heiligen Abendmahl zum Entsetzen Sixtas; denn sie allein wußte, daß er Gott verriet und Christus, daß er ein Mensch ohne Seele war. Ja, ohne Seele, dachte sie, und als 100 ihr diese Erkenntnis kam in schlafloser Nacht, da biß sie in ihr Kissen vor Weh und Zorn.

Der Himmel fiel nicht ein über der großen Sünde des Bauern Markus, der im Gotteszweifel das heilige Brot nahm, und keine Strafe folgte darauf. Die Tage schleppten dahin, alle mit ihrer gleichen Bürde und Pein. Sixta machte noch viele Versuche, verzweifelte, leidenschaftliche, auch stille und ausgeklügelt zarte – nichts heilte. Markus blieb finster, fremd. Da wurde sie müde, sie wurde seiner müde, ihr Herz kühlte ab, nun sank die Lohe ihrer Liebe zusammen, er stand ihr im Tag nicht störender als ein schmaler Schatten in der Sonne, er war nicht mehr der Geliebte, um den sie ihren Stolz vergaß. Sie hatte sich übernommen in der Liebe.

Das Leben im Michelshof ordnete sich in hartem Gesetz. Alle taten ihre Pflicht, aßen, schafften, schliefen. Den Kindern war Sixta eine gute Mutter, sorgte, daß sie reinliche Kleider und ganze Schuhe trugen, daß sie in die Schule gingen, daß sie in kranken Tagen gepflegt wurden. Kinder können immer fröhlich sein, sie spüren vielleicht die Schatten im Elternhaus, aber sie vergessen sie in jeder Minute wieder. So erfüllte Lachen und Tollen den Michelshof, ein quellendes, unhemmbares Wesen zwischen den kühlen Pfeilern Vater und Mutter. Doch die Singvögel, die Sixta damals aus dem Wendelshofe in die glückshellen Stuben des Michelshofes gebracht hatte, gingen ein. Die Kinder begruben einen Zeisig um den andern, das Wellensittichpärchen, die drei Kanarienvögel, den Dompfaffen und den lustigen Krüppel, die einfüßige Drossel. Einen Vogelkäfig um den andern zerhackte Sixta in der Küche mit dem Beil und warf ihn ins Feuer. Sie weinte nicht einmal. So gut wie das Lachen und Singen hatte sie auch das Weinen verloren.

*

Das seltsame Kind, die Sälme, verbarg ein Schulheft in der Lade, darinnen es alle Vögel abgezeichnet und mit Wasserfarben angemalt hatte. Sälme mußte, wo sie ging und stand, zeichnen. Sie bettelte vom Lehrer die Kreidestümpfchen zusammen, und keine Tür war vor ihrer geschickten Hand sicher. Spinnen und Stricken lernte sie nie; wenn ihr auch die Mutter noch so oft auf die Knöchel schlug, die Finger sperrten sich 101 einfach. Die Sälme war das einzige der Kinder, das es hin und wieder wagte, mit dem Vater ein Gespräch anzuknüpfen. Gab er ihr auch oft gar keine Antwort, so plauderte sie dennoch weiter, machte sich in seiner Nähe zu schaffen und fürchtete sich nicht. Sixta staunte darüber; wenn sie das Mädchen beobachtete, wie es heiter neben dem hölzernen Mann schaffte, so wollte ihr Herz warm werden und die Augen feucht, doch das leistete sie sich nicht, nur um alles in der Welt nicht wieder falsche Hoffnungen setzen, gar auf ein so schwaches und eigenwilliges Kind. Sälme hatte des Vaters Augen und Hände, war schmal, hochgewachsen, doch schwarzhaarig. Aber ihr Wesen war versonnen, licht; Angst kannte sie nicht. Von allen Kindern wurde sie geliebt und betraut; sie befahl nicht, und doch gehorchten ihr alle. Daß der Vater von ihrem Engelswesen nicht berührt wurde, zeigte, wie tief er in dunkler Verdammnis lebte. Die Mutter mußte ihr Kind meiden; denn sie wurde in der kühlen Bäuerinnensicherheit wankend und schaute wissentlich in ihr Elend. Das wollte sie nicht, sie hätte sonst im Haß versinken müssen. So ging das Leben schweren, zähen Gang im Michelshof.

 

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.