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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14
Tod auf der Weide

Markus hatte wenig Zeit für seinen Wald, auch wenig Gedanken an ihn. Wenn gutes Wetter war, trieb er das Ackerwesen um; wenn es regnete, spaltete er Schindeln, damit im nächsten Frühjahr das Dach geflickt werden konnte. Das Schindelspalten war kein Spautz, man mußte geschickt sein, sonst ging gern ein Fingerballen mit ins Holz. Es regnete selten. Dafür zogen drei ungewöhnlich schwere Gewitter ins Tal, standen fast unbeweglich stundenlang an derselben Stelle. Unzählige Blitze zündeten im Hochwald, zwei Höfe brannten nieder in der Nachbarschaft; von sieben Pappeln, die um den Michelshof standen, büßten zwei ihre makellose Schlankheit ein durch zerschellende Schläge. Es regnete nur ein paar schwere Tropfen. Der Schiltebach blieb diesen Sommer ein fadendünnes, müdes Gerinnsel über braungoldenem Grund.

Andres hütete mit hirtenheiliger Inbrunst die Herde seines Vaters. Er wollte niemals dabei geholfen haben von seinen Geschwistern, höchstens von der zarten Salome, die so still wie er stundenlang mit Gräsern, Blumen, Steinen spielen konnte. Die großen Zwillingsmädchen mußten die Zwillingsknaben hüten und das Evlein, ein wusseliges, keckes Ding.

Jedes hatte sein Amt. Sixta hielt die Augen offen über den Kindern, sie sollten beizeiten schaffen lernen, an den Segen der Arbeit geführt werden, das Glück der Ruhe empfinden lernen nach schwerer Pflichterfüllung. Sie gab nicht nach, wenn eines bockte; in aller Fürsorge und Güte vergrößerte sie noch des Widerspenstigen Pflichtkreis und brach so unmerklich die harten Schalen des Trotzes auseinander. Bei den Zwillingsmädchen war dies nötig. Sie versuchten es immer wieder, sich aufzulehnen, vorab wenn sich die Großmutter aus dem Wendelshaus sehen ließ, die den Enkeln gern die Hände unter die Füße gebreitet hätte, so streng sie über den Fleiß ihrer 88 eigenen Kinder damals und auch jetzt noch wachte. Aber nun sagte sie dann und wann, wenn die Enkelinnen schiefe Mäuler zogen, zu Sixta: »Laß sie noch umeinander gumpen, solang die Röcke noch kurz sind. Später in der Hippe (Trachtenrock) lernen sie das Schaffen von selber. Sie haben ja lebhaftes Blut in sich. Das verträgt kein Faulenzen.«

Sixta widersprach nicht scharf, meinte nur: »Jung gewohnt, alt getan. Wer schaffen kann, wird nimmer Bettelmann.«

Dem Andres wich die Großmutter gern aus. Der Bub sah ja den Leuten durch den Leib, als wäre er aus Luft. Seinen hellen, unbestechlichen Augen schien nichts zu entgehen, er sah wohl alles und verschloß es in sich. Er ließ nichts mehr heraus. Er sprach ja nicht, lernte zu den wenigen Worten, die ihm Sixta mit sanfter Gewalt aufgezwungen, keine neuen mehr dazu. Er besuchte die Schule, schrieb fehlerfrei wie gestochen, rechnete flink und sauber auf der Tafel. Er benahm sich ohne Tadel. Den anderen Kindern hatte der Lehrer gesagt: »Andres kann eigentlich sprechen, aber er will nicht. Es ist kein Fehler an ihm.« Die Bäuerin gab ihm dies ein, damit man Andres nicht als Krüppel verschreie und verhöhne.

Freilich, die Schulkinder taten es doch, und auf den Höfen ringsum wußte man endlich, daß des Michelsbauern Bub halbstumm war. Man sprach fürderhin davon, daß von jeher unheimliches Walten im Michelshof geherrscht habe, und daß der Stoffel Götz um die weiße und vielleicht auch um die schwarze Magie gewußt habe. Sein Blick habe sichtbar das Glück von seines Bruders Hof abgezogen, dem Erbhof und Vatersgut der Götzenbauern. Er habe nicht geruht, bis der große Besitz nach Recht und Gesetz ungeteilt in seinen Besitz gekommen sei. Das Götzenhofhaus hatte vor Jahren der Blitz in Brand geschlagen, nun war an seiner Stelle ein Weizenacker, und das große Wald- und Weidegut grenzte jetzt an das des Michelshofes und bildete eine mächtige Einheit an Grundbesitz. Markus konnte mit Recht sagen, er sei der größte Bauer im Schiltebach, war doch sein Gut dreimal so groß wie das des Zweitgrößten. Man hängte dem hochgewachsenen, blonden Stoffel wohl eine geheimnisvolle Nachrede an, aber viele Bauern verhehlten nicht ihre große Achtung vor dem fleißigen Manne, der kein Schleicher war, kein Frömmler, kein Raufbold und 89 Saufkumpan, sondern ein kühner Kerl mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Er war ein Besonderer. Gescheit war er wie keiner, und man hätte ihm als Vogt folgen sollen, nicht eine Wand von alten Dickschädeln gegen ihn setzen. Geschehen ist geschehen! Der Schneider Albiez erzählte diese Dinge jedesmal, wenn er im Michelshof auf der Stör saß. Maulaffen feil hielt da am ärgsten der stille Andres.

»Ich will werden wie dieser Großvater Stoffel«, schrieb er dem Albiez einmal mit Schneiderkreide auf den Tisch.

»Hast Zeit, Büble, hast Zeit«, sagte der alte Josua dann und sandte einen mitleidigen Blick auf den unbeholfenen Mund des Knaben. Freilich äußerlich sah der Andres seinem Großvater ähnlich, wie aus dem Gesicht geschnitten, und war wie jener als Bub auch ein Träumer und hatte dieselben hellen Augen, die durch feste Dinge sahen wie durch Glas. Nur daß ihm eben die Zunge nicht recht gelöst war.

*

Der Sommer tat sein Bestes. Es war weder zu trocken noch zu naß. Das Gras stand fett, die Frucht in vollen Halmen. An einem Junitag im Morgengrauen geschah im Michelshof etwas Seltsames; alle Kinder in der Kammer begannen im Schlafe zu winseln und zu weinen. Sixta fuhr erschrocken auf, dachte schon an Feuer und Unheil und rannte hinüber. Graue, frostige Frühe lag über den bleichen, verzerrten Gesichtern der Kinder, nur Andres lag ruhig, man hörte seinen Atem nicht gehen. Sixta weckte eines nach dem andern. Sie kamen nur schwer zu sich.

»Hast du geträumt, Sälme?«

»Ja, bös.«

»Was denn?«

»Ich weiß es nimmer.«

»Und du, Genovev?«

»Auch.«

»Sag's doch, was?«

»Es fällt mir nicht mehr ein.«

So fragte die Mutter durch, die großen Zwillingsmädchen sagten das gleiche, die kleinen Buben konnten noch nicht richtig sprechen, aber sie hatten erbärmlich gewimmert vorhin. Sixta 90 hieß alle ruhig weiterschlafen. Sie beugte sich zuletzt über Andres, der lag auf der Seite, leicht gekrümmt in tiefem Schlaf, den nicht einmal das aufgeregte Sprechen der anderen zu wecken vermochte. Sixta staunte darüber; denn sonst schlief er wie eine Katze, beim geringsten Geräusch erwachte er und war sofort bei sich. Sie legte sich nur noch kurze Zeit auf das Bett, die Nacht schlich aus der Welt, das Grau schimmerte vor den Fenstern, hellte sich mehr und mehr auf. Sixta betete leise zu Morgen, erhob sich beim ersten Hahnenschrei und legte die Kleider an. Dann weckte sie den Bauern, die großen Kinder, das Gesinde.

Die Sonne war noch nicht oben, aber im Michelshof herrschte flinkes Leben. Kein lautes Wort fiel, jedes wußte, was es zu tun hatte. Sie verließen den Hof allesamt, um auf den Matten zu heuen, als die Sonne gerade über den Ruppertsberg hinterm Siehdichfür in die Höhe schoß. Andres trieb die Herde aus auf die Weide hoch oben am Waldsaum, von wo aus er die Matten überschauen konnte, auf denen Eltern und Geschwister mit Knechten und Mägden das Heu machten.

O wie schön war das, so in der Stille zu sitzen und doch nicht allein zu sein. Wie schön zuzusehen, wenn der Vater die Sense schwang im Takte mit dem Knecht und den zwei Taglöhnern und wie die Mutter mit den Schwestern und Mägden die Schochen verzettelte und mit großem Rechen das gestern gemähte Gras der Sonne hinbreitete. Die weißen Kopftücher leuchteten lustig herauf, zuweilen hoben die Frauen die Gesichter, er sah deutlich, wie sie zu ihm spähten und lächelten. Ach, fiel ihm denn nichts ein, womit er sie erfreuen konnte, die fleißigen Geplagten da unten? Die Mundharmonika drang nicht so weit. Singen hätte man vernommen, aber er konnte nicht. Flöten, halt ja, das ging. Überallhin wanderten diese hellen Töne, durch den dicksten Wald fanden sie den Weg. Er trug die Flöte immer bei sich. Sie war aus Weichselrohr. Er besann sich nicht lange, der Mutter Lieblingslied gelang ihm im Traume.

»Schönster Herr Jesu . . .«

Sie hob die Hand und winkte herauf, stand einen Augenblick aufrecht da, beschattete die Augen und lauschte. Die Mädchen rechten ruhig weiter. 91

Wie die Luft sang! Die ganze Luft sang mit, die Rinder sahen den Hirten an mit ihren großen, guten Augen. Ziegen kamen sogar ganz nahe, schienen versunken zu horchen, kauten nicht einmal. Nur die Schafe kümmerten sich nicht um die Musik. Ringsum wehten Wolken von Tanzmücken aus dem Heidekraut, das die Sonne beschien. Und überm Thymian orgelten die dicken Steinhummeln. Drüben überm Schiltebach, gegen Buchenbronn zu, wo der Wald in die langgedehnte Tiefe des Muhrseebeckens niederstieg, dampfte der Seenebel dick und schwer. Es war nicht gut, daß er jetzt noch sich sehen ließ, das bedeutete Regen in Bälde. Vielleicht Gewitter. Er hätte es dem Vater gern hinabgerufen, damit er alle zu großem Eifer antreibe. Vielleicht schaut der Vater auch einmal auf, wenn er hört, daß ich sein Lied spiele: »Innsbruck, ich muß dich lassen . . .«

Schon spielte er. Markus drunten hielt inne im Sensenwetzen, lauschte, schaute jedoch nicht auf. Da hörte Andres ein Schnauben hinter sich; aber ehe er sich umwandte, erhielt er einen Stoß gegen den Kopf, verlor die Besinnung. Der junge Stier stutzte, setzte noch einmal an und fegte den Knaben ein Stück weit über die Weide, lud ihn ab und stand zitternd still.

Da lag nun Andres still und blaß, die Flöte hielt er in der Hand, sie war in der Mitte geknickt.

Die in den Matten hatten nichts gesehen. Sonderbar benahmen sich die Rinder. Eins ums andere hörte zu weiden auf, kam heran, senkte das feuchte Maul auf des stillen Knaben Antlitz, bewegte unruhig zwei-, dreimal den Kopf hin und her, als suchte es hilflos etwas, und blieb dann stehen wie angewurzelt. Zuletzt standen alle im Kreise eng gedrückt und ängstlich murrend um den Reglosen, der Stier dabei, der hin und wieder laute Brülle ausstieß.

Ein feiner Wind machte sich auf und trug das dumpfe Klagen an das Ohr des Bauern. Er sah unwillkürlich die Weide hinauf, staunte über die Haltung der Herde, dachte aber bei sich: Der Andres führt wohl wieder irgendeinen Zauber aus, das Vieh tat ja so verständig mit ihm, als wäre es seinesgleichen. Daher mähte er weiter. Nach dem Stand der Sonne war es jetzt zehn Uhr. Er labte sich aus dem Krug mit Buttermilch, der kühl in einem Rieselgraben stand, und legte in großem Hieb Mahd um Mahd nieder. Nach einer Stunde 92 ungefähr wanderte sein Blick wieder zur Herde, und sieh, wie sonderbar, immer noch verharrte sie am gleichen Fleck! Jetzt fror es Markus auf einmal über die Achseln.

»Da muß etwas nicht stimmen«, dachte er, »aber was?«

Er legte die Sense hin und ging zu Sixta hinüber. Sie hatte das Seltsame noch nicht gesehen. Die Mädchen kamen neugierig zu Vater und Mutter, sie lasen Ratlosigkeit aus ihren erblaßten Gesichtern.

Da raffte sich Markus zusammen: »Ach was, dummes Zeug, dem Kerl will ich mal zeigen, wie man richtig hütet; er soll mir das Vieh nicht vom Fressen abhalten mit seinen Allfanzereien.«

Sixta sagte kaum beruhigt: »Ha jetzt, Vater, verlauf nur nicht den Weg, die Magdalen geht hinauf und richtet's ihm aus. Wir müssen hurtig sein, ich glaub', es gewittert heute noch. Die Luft ist so schwer, wie ein Alb drückt sie einem auf die Brust.«

Magdalen wehrte sich, sie wollte nicht hinauf, Marie auch nicht, auch Sälme und Ev nicht. Schier wie die Herde droben, so drängten sie sich um die Mutter.

»Verfluchtes Weibszeugs«, schrie der Bauer sie an, aber sie duckten sich bloß und wimmerten.

Markus spähte noch einmal lang und scharf hinauf, er pfiff plötzlich schrill durch die Finger, wie er es tat, wenn die Herde einfahren soll. Da brüllte der junge Stier laut auf, rannte aus der Reihe, stellte den Schwanz starr und hoch, stürmte den Berg herab, die ganze Herde hinterdrein. Vom Hirten sah man nichts. Da wurde es Markus unheimlich, Sixta erstarrte vor Schrecken. »Geh in den Hof, laß sie in den Stall«, rief Markus sie wach.

»Ihr«, befahl er dem zusammengelaufenen Gesinde, »schafft weiter. Ihr auch«, den Kindern. Sie gehorchten furchtsam. Dann sahen sie ihn mit großen Schritten hinaufsteigen, das Vieh an ihm vorüberrasen, ohne ihn zu beachten, und hörten es dann das Pflaster hinauf in den Stall stürzen. Niemand sprach ein Wort.

Eine Weile darauf brachte der Bauer auf seinen Armen eine dunkle Last, kam langsam den Berg herab. 93

Andres war tot, schon kalt und starr. Am Hinterkopf klaffte eine mächtige Wunde.

Niemand hatte im Grauen dieses Anblicks gemerkt, daß der Himmel sich verdüstert, bleiernes Gewölk im Süden und Westen rasend aufgestiegen war. Wie Markus den toten Hirten vor Sixta auf die breite Ofenbank hinlegte, erschütterte der erste Donnerschlag das Haus.

 

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