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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das schlafende Feuer

1
Stoffel, der Knecht

Der Knecht Christoffel Götz pflügte auf dem Siehdichfür, einer hochgelegenen, von düsteren Waldmauern dreiseitig umstandenen Ebene, deren eine Flanke hinter drei schmalen, langen Ackerriemen mäßig abwärts sank als lichte sonnseitige Bruderhalde. Eine fette, blumenreiche Wiese gedieh dort im Juni, die bis in den Grund der Mulde hinunterreichte, wo das Schattenreich des Winterhanges schon begann, an dessen Grenze, als sei mit dem Lichte zugunsten der Matte gegeizt worden, der Bruderbauernhof in das sonnenlose Gebiet hineinwuchs, mächtig bedacht über niederem Stockwerk, von altersher hier zu stehen bestimmt; denn das Holz des Gebälks, der Lauben und Umgänge schimmerte in tiefem Braun, auf dem Stroh des ansteigenden Daches gediehen graue Pilze und grüne Moose, es lebte aber auch in vielen anderen Farben, in huschenden goldenen und bläulichen und violetten Tönen; es lebte auch im köstlichen Spiel des alten, verwitterten, verbogenen und verfilzten Stoffes der Schindeln, des Strohes und der Pflanzen, des Taubenkots und Holzrußes und der Beize des Rauches, der durch das Loch über der Küche kam, nachdem er die langen Speckseiten und kräftigen Würste im Dachgebälk umschwelt hatte.

Christoffel sah gerade zu, wie der Rauch sich als seiner Nebel überm Dachfirst hinzog, so, als dampfe der ganze Hof von unsichtbarem Riesenfeuer her. Die Luft war gesättigt mit Feuchtigkeit und drückte den Rauch nieder.

»Es wird regnen oder vielleicht noch einmal schneien«, sagte Christoffel laut, obschon er allein war. »Das Hühneraug' sticht auch wieder.«

Die beiden Rinder, mit denen er pflügte, bewegten die Ohren. »Hü Bleß! Hoia Muni!« munterte Stoffel die schwerfälligen, breiten Tiere auf und brach mit ruhiger Wucht eine neue Schollenzeile um. Eben schien noch die Sonne stichig, als sie Stoffel auf den Nacken traf, daß ihm der Schweiß aus der Haut sprang, und im andern Augenblick, da Stoffel wenden mußte und die scharfen Strahlen ins Gesicht bekommen sollte, drängte ein steifer, plötzlich einsetzender West die dicke 10 Wolkenkatze, die überm Windkapfwald ob der Ebene gehockt hatte, vor die Sonne.

Stoffel sah zu, wie aus dem sich buckelnden Tier ganz rasch ein lauernd gestrecktes wurde, wie sich die mollige Riesenkatze in eine lange Schlange wandelte, ein unheilverheißendes Wolkenungetüm. Der Wind sprang kräftiger auf. Er stemmte sich gegen den Wald im Westen und schnellte mit aller Macht durch die Mulde zum Echohang im Osten hinüber. Dort orgelte der Wald und bewegte sich wie ein dunkles Meer.

Nun pflügte Stoffel im Winde. Der trocknete den Schweiß auf und kühlte die Stirne. Die umgebrochene Ebene roch nach jüngst geschmolzenem Schnee. Da lag eine schwere, dunkelrötliche Erde, die noch weich war vom Winterwasser und dem Einschnitt des Pflugmessers willfährig wie Butter. Große Krähen fielen mit lauten Flügelschlägen in den Acker ein, dicht hinter der Fuhre. Christoffel spuckte nach jedem Wenden in die Hände und mahnte stets im selben Tonfall die Tiere: »Hü Bleß! Hoia Muni!«

Seine volle, junge Stimme klang um keinen Deut lauter oder ungeduldiger denn vorhin, als die Sonne noch schien. Nur der Widerhall trug sie immer eine kleine Weile noch hin und her am Wald; der Westwind schluckte sie dem Manne gierig vom Munde weg.

Stoffels Beine setzten sich wie wandernde Forlenstämme gerade und sicher in natürlichem Takt hinter die Pflugschar, Krume fiel ihm über die Schuhe, die kleben blieb und die Füße unförmig machte. Der Knecht pflügte gelassen. Es rieselte bereits, und die Rinder muhten lauter. Stoffel hielt inne und aß, auf den Rücken des Muni gestützt, Speck und dunkles Brot. Er schnitzelte dünne Blättchen des nußharten Fettes ab und legte sie auf die Zunge. Ein großes Behagen beherrschte das Gesicht des Burschen, das noch etwas winterbleich schien, schmal und kühn geschnitten, mit einer scharfrückigen, dünngeflügelten Nase, kleinem, fast lippenlosem Mund und seltsamen, hellen Augen, die etwas starr wirkten in ihrem Schauen. Man wußte nicht, blickten sie in die Ferne oder nach innen, auf jeden Fall forschten sie irgendeine Weite aus, die wunderlich schien. Sie allein befremdeten seltsam die Wirklichkeitsfigur des Bauern, die schwarzwäldlerisch geformt war, mager, ohne dürr zu heißen, 11 knapp über Mittelgröße und dennoch überwüchsig scheinend, leicht vorgeneigt an den Schultern und so rundrückig wirkend, eine Absonderlichkeit des Menschen, der viel und oft schwere Lasten tragend bergauf steigen muß.

Stoffel tatschte dem Muni auf den festen, jungen Schinken, weil er das Murren lassen sollte. Das Dröhnen im Bauch des Tieres, an dem er lehnte, teilte sich seinem Körper mit, ein unangenehm kitzliges Gefühl, und dennoch mochte er nicht im kühlenden Wind die warme, dampfende Nähe Munis missen.

Es hörte wieder auf zu regnen. Fetzen niedrig hängender Wolken wurden aus den Waldlücken und Buchten gezerrt, wie zerschlissene Bettücher flatterten sie formlos ins Grau der Luft. Das ging alles so schnell. Die Böen wischten rasch empor und fort, was locker saß, Dampf und Rauch, Vogelfedern und Hasenhaare und dürres Zweigwerk. Am Himmel, den rasch dahinfahrende Wolkengebilde wild und locker bedeckten, zeigte sich von Zeit zu Zeit tiefes, lohendes Blau. Stoffel hob einige Male das Gesicht empor zu diesem wundersamen Blau, das nur im Frühling so lohend ob all der Nässe stand; aber er mußte jedesmal kräftig niesen, weil ihm die stichige Strahlenhelle des Wolkenloches das Wasser aus den Augen trieb und die Nasenwurzel reizte.

»Jesses Himmelvater«, haderte er belustigt, »man wird doch noch zu euch naufschauen dürfen!« und schwang die Geißel über die Tiere, die sofort allemal stehen blieben, wenn Stoffel unwillkürlich beim starken Niesen die Hände vom Pflugsteiß nahm, um sich den Kopf zu halten.

»Heja, niesen ist gesund«, meinte er, »das hetzt etwas Böses aus dem Leib.«

Und dann zog er schweigsam, nur in die Arbeit vertieft, zwei, drei Furchen kerzengerade weiter. Plötzlich kamen dünne, aufgeregte Glockentöne durch die weittragende Luft geeilt. Stoffel hob den Kopf und lauschte, verhielt die Tiere. Alles schien den Atem zu verheben.

Die Totenglocke! Nun war der Pfarrer von Buchenbronn gestorben, der achtundneunzigjährige Alte, von dem die Leute sagten, er sei seiner Lebtag so heiter und gut gewesen, daß er des ewigen Lebens schon auf Erden teilhaftig geworden. Stoffel hatte ihn am Sonntag noch mit seiner krähenden Greisenstimme 12 predigen hören und sich in die schlohweißen Hände verguckt, die wie die gebleichten, knöchernen Hände des Gevatters Tod selber aussahen und sich leuchtend von dem blauen Samt der Kanzelrampe abhoben. Stoffel hatte dagegen seine eigenen Hände betrachtet, die sehnigen langen Finger am schmalen, flachen Handteller, die braunhäutig und stark durchblutet waren. Die Daumen standen seltsam ab, wie Klauen gebogen und kräftig. Er sah verstohlen auf die Hände der Nachbarn in der Kirchenbank, die fast alle gespreizt auf dem dunklen Tuch der Kniehosen ruhten, rot und rissig wie die seinen und meistens sehnig und mager, bei denen auch die seltsamen Daumen nicht fehlten. Das kam gewiß vom Schaffen mit Pflug und Karst; immer gab es etwas zu umspannen, in die Kraft der Faust zu zwingen: den Stiel der Sense, den Schaft der Holzaxt, den Griff der Säge, die Flegelstange, die Kelterwinde beim Mostmachen und nicht zuletzt die Flinte. Er sann und dachte lang und gründlich an diesen Beobachtungen herum.

Auch jetzt wieder, obschon das Glöcklein immer noch wimmerte und sich nicht genug tun konnte in der Klage um den Pfarrherrn, kam Stoffel auf das Rätsel der Hände zu sinnen. Er schloß sie fest um den Griff und prüfte ihre Kraft. Herrjeh, was muß man schaffen und schinden! Wenn man die Kraft nicht hätte, das rote Blut nicht, in dem alle Gesundheit strömte! Ach, dann wäre man eben geistlich geworden! Zum Segnen und Bibelheben braucht's nicht viel Muskeln, das muß von innen kommen. Ja woher auch? So leicht sagt sich's: Von innen kommen! Das steht geschrieben in der Bibel.

Was ist innen?

Das Herz, das klopft, das rote Blut? Ein inwendig Feuer, um den Leib warm zu halten, daß er lebig bleibt. Ein Sack fürs Essen und Trinken, ein Gefäß für den Odem und – ja, und ein Leben, das man einem Weib geben muß, das neue Menschen tragen soll, wie der Acker die Frucht, die der Bauer sät. All das Innere kann nicht gemeint sein mit dem, was die Schrift meint, wenn sie von der inneren Kraft spricht.

Als das Glöcklein den letzten Seufzer verhedderte, indem es ganz kurz und atemlos noch ein paar Töne in die letzte volle Schwingung zuckte, war Stoffel an das Geheimnis der inneren Kraft nahe herangekommen. Wenn der Hansjörg Ebner ihm 13 ein freches Gesicht hinmacht und ein schlimmes Wort sagt, so stürzt er auf ihn los und drischt ihn wund und wehe. Der Ebner jedoch wischt sich das Blut ab und zenselt ein andermal wieder. Aber Stoffel kann auch an ihm vorübergehen, ihn nur still und fest anschauen, ohne Zorn und ohne Verachtung, vielleicht gut, vielleicht traurig, und der Hansjörg wendet sich ab, zieht die Achseln ein und läßt ihn für alle Zeit in Ruhe. Ist so die innere Gewalt, daß sie Böses zu schlagen vermag, ohne Blut zu vergießen, ohne Hieb und Wurf?

Stoffel merkte, es war nicht ganz sicher, daß so das Inwendige wirkte, wie er es sich ausdachte, aber etwas Gewisses erfuhr er: das Inwendige war nicht eingeschlossen in den Leib von Bein und Fleisch. Man konnte nicht sagen, da und da sitzt es, das begriff keiner; denn die Faust kann es so wenig halten, wie sie den Atem zu fassen vermag.

Als er das herausgesonnen hatte, merkte er erst, daß er fast fertig geworden mit dem Acker. Drei Zeilen noch, und der Morgen war herum. Der Westwind flügelte nur noch, das Gewölk, hochgestoßen und zusammengetrieben von der stärkeren Bodenluft, bekleidete in geschlossener Decke den Himmel. Es lag ein milchiger Schimmer überm Land, weich verhüllte Mittagshelle. Stoffel trieb die Stiere hinab in den Hof, tränkte und kettete sie dann im Stalle fest. Drauf nahm er Axt und Stemmeisen und stieg den Schattenrain hinauf. Es ging ziemlich steil empor, eine große Weidefläche bedeckte ihn, Grasnarbe und niedriges Heidegewächs, würziges Wurzel- und Wunderkraut aller Art. Fünf Brunnen bildeten in weiten Zwischenräumen, wie Stufen genau übereinanderstehend, die Halteplätze im Aufstieg. Es waren dicke, ausgehöhlte Baumstämme, quer an die Halde gelegt: den obersten speiste eine starke Quelle, und Rinnen aus dünnen, aneinandergefügten Stämmen leiteten das Wasser hinab von einem Trog in den andern, bis zu den zwei Brunnen, die im Hof vor der Haustür standen, der eine als Viehtränke, der andere zum Kühlen am Milchhäuschen. So wurden es sieben Brunnen. Alle waren uralt, und Stoffel gedachte sie zu erneuern. Beim obersten beginnend, der die Gewalt des Wassers und Wetters am schlimmsten zu spüren bekam, wollte er im Laufe des Jahres schließlich alle Tröge durch neue ersetzen. 14

Je höher er stieg, bei jedem Trog eine kleine Pause machend, um so mehr belebte sich das Land. Unten stand nur die dürftige Grasnarbe, ja ein Stück weiter, ganz unvermittelt, wurde der Boden weich und feucht, von Binsen und Wollgraswucherungen sommers heimgesucht, auch von Scharen schöngewachsener Trollblumen, deren kugelige, gelbe Blüten von den Leuten Butterbällele genannt werden. An der dritten Brunnenstelle trat schon der Besenginster auf, der im Mai seine hellen Flammenzeichen abbrennt, und an der vierten sprangen zierliche Birken empor, neben Stechpalmen und Wacholderbüschen. Heidekraut und Preißelbeeren gediehen hier, wo die Sonne wieder hinkam, während sie eine Brunnenstufe weiter unten nicht einmal die Grasspitzen streifte. Freilich, der Wind trieb oben kräftig sein Wesen. Der Wacholder krümmte sich da in mürrischer Ergebenheit, und die Bergföhren behaupteten, bucklig und verrupft zwar, mit Lust und Zähigkeit ihr karges Dasein.

Zuweilen geriet Stoffel ein wenig abseits von seinem Brunnenpfad, der an manchen Stellen moorig feucht wurde; dort bildete sich meist ein dunkles Rund voll seltsamer Pflanzen, von denen der hübsche, kleine Sonnentau die wunderlichste war, weil er Mücken bei lebendigem Leibe aufzehrte. Als Hirtenbub hatte sich Stoffel das lüsterne Schauspiel geleistet, eine winzige Fliege in den Sonnentaublattkrater zu werfen, um sie auf unglaubliche Weise verderben zu sehen.

Hinter dem Weide- und Heideland stieg der Berg noch ein wenig empor und war wie der Bruderhang drüben von dichtem Fichtenwald begrenzt.

Zu den Trögen hatte er sich jüngere Tannen ausgesucht, die etwas abseits und sonderlich standen. Nun lagen sie schön geschält, in bestimmte Stücke gesägt, nebeneinander, weiße Walzen, denen man kaum ansah, was sie jüngst gewesen waren.

*

Stoffel wollte erst verschnaufen und setzte sich auf den vordersten Stamm, stopfte umständlich seine Pfeife und stieß ein paar Stöße blauen Rauches in die Luft. Dann hieb die Axt und stemmte der Meißel Span um Span aus dem Stamm. Wie die Schläge eines Riesenspechtes hallte der Lärm am Waldsaum hin. Das Schimmern des Tages, die Eingeschlossenheit in 15 dieses zarte Licht der Frühlingsdämmerung im Mittag über feuchtem Wintergrund verstärkte Stoffels Hang zum Nachsinnen. Er atmete und schaffte mutterseelenallein, der einzige Mensch im großen, wald- und wolkenumhegten Geviert.

Die Bäuerin, welche frühmorgens in die Stadt gefahren, kam wohl nicht so bald zurück, sie hatte beim Notar zu tun in Erbschaftssachen. Der Bauer war vor Jahresfrist von der Tenne zu Tode gestürzt, der Hüterbub lag im Krankenhaus mit gebrochenem Bein. Sonst schaffte den Winter niemand auf dem Hofe als die junge Witwe und der Knecht Christoffel.

Zuweilen blickte Stoffel von seiner Arbeit auf und betrachtete das Werk, das mühsam vorwärts ging; denn der Bauch des Stammes war lang und breit. Er schweifte mit den Blicken über die Talmulde hin zu der Sonnhalde mit den Äckern. Ein samtig dunkler Streifen hob sich besonders ab: das frischgepflügte Morgenstück, neben dem ein Riemen Korn und ein Riemen Kartoffelland herlief. Hinter den Äckern stieg die Ebene, die etwa tausend Meter lang und meist von Wald bestanden war, leicht an und trug einen dunklen Forlenkranz. Was dahinter sich verbarg? Ob man wieder auf eine grüne, fruchtbare Halde sah, oder ob es steil an rotem Sandsteinschorf oder Granitbruch hinab in die Tiefe eines Wildtales schauerte, oder ob dahinten überhaupt ein Nichts, ein Tritt vor Undurchdringliches, Unheimliches und Ewiges war? Dunkel ernst und verschlossen stand der Wald.

Zwischen Forst und Äckern glitt die Landstraße dahin. Sie war so scharf und leuchtend in die Zweisamkeit von Wald und Scholle gekerbt, daß sie selber ihre heftige Linie zu spüren schien als etwas beschämend Freches und deshalb in bolzengerader Eile dahinflimmerte. Man hatte besonders an sonnigen Tagen die Empfindung, die Straße eile, weil dann die Granitblättchen des Schotters glitzerten, als rinne ein blankes Gewässer vor einem her, als bewege sich der in Härte gewalzte Geist des früheren grasbewachsenen Feldwegs, der sich einst so voll traumhafter Schönheit zwischen Matte und Wald schmiegen konnte, geschämig aus den Augen der Freunde, die vermeinten, ihn habe der Hochmut gepackt, daß er sich so modern aufspiele.

Christoffel gefiel die Straße auch nicht, obschon man natürlich auf ihr viel besser fuhrwerken konnte als auf dem 16 wetterwendischen Feldweg. Es hatte Streit gegeben mit dem Staat um den Bau der Straße; denn die Weggerechtsame waren sehr fest an den Besitz des Bruderhofes geknüpft, zumal der Wald, soweit man sah, und noch ein Stück dazu, das Heide-, Weide-, Öd- und Brachland, die Matten, Wässer und Äcker alle zum altererbten Hofgut unveränderlich gehörten. Der Staat hatte nach langem Prozessieren gehörig bluten müssen, aber der Bauer, damals der Anton Bruder, Vater der jetzigen Bäuerin, Agathe Faller, den das Geld kaum rührte, weil er davon genug besaß, mußte seinen Dickkopf beugen. Das fiel ihm bedeutend schwerer als dem Staat das Zahlen. Auch hätte die Länge des Gerichtsstreites dem kampflustigen Bauern nie zu schaffen gemacht, er brauchte den Gerichtshandel ebenso zur Lebensnotdurft wie den Tauschhandel mit dem Vieh und den Tauben. Viel nöbler sei dies, meinte er verkniffen hinterm Wirtstisch zum »Schwarzen Adler« am See drunten, viel nöbler als den Mägden ledige Kinder unters Schurzbändel hinzuzaubern. Das ging auf den Uhrenmichelsbauern, einen ältlichen Junggesellen, dessen Hof mit Findelkindern reich gesegnet war. Der Uhrenmichel wohnte im Schiltebachtal, einer schönen, fruchtbaren und anmutigen Gegend. Er galt als Spötter und als niezufriedener Mensch. Stoffel war verwandt mit ihm, zwar weitläufig, doch das tat nichts auf dem Wald, jeder Vetter gehörte eben unbedingt und stolz zur Sippe.

Stoffel dachte an viele Dinge seines Umkreises, wenn er an einer Arbeit war, die nicht ganz seine Aufmerksamkeit forderte. Man hieß ihn einen Träumer schon seit Knabenzeiten und schalt oder spottete deswegen. Gewiß, es kamen auch recht unnütze Gedanke an ihn, die er ruhig abweisen konnte, weil sie weder klug noch klar waren, das meinte Stoffel selber zuweilen, aber: »Wehr' den Bremsen, wenn sie ein Roß überfallen«, verteidigte er sich vor sich selber, »wehr' ihnen doch!«

Er kratzte sich dann hinterm Ohr in seinem gelbblonden Strohhaar und lächelte verlegen. Auch diese ihm eigene Bewegung ahmte man hämisch nach. Trotzdem war Stoffel fast immer der Erste in der Schule, und wenn er anklagend zur Mutter kam, meinte die immer tröstlich: »Laß sie schelten, du darfst auch später geistlich werden.«

Das tröstete; denn geistlich werden war eine Erhöhung 17 ohnegleichen über die Kameraden, Pfarrer werden hieß zuöberst an dem strahlenden Thron vom lieben Gott stehen. Und Stoffel hütete das Vieh, die achtzig Stück Rinder seines Vaters, dazu die Schafe und Geißen von früh bis spät und tat neben dem Grübeln kaum etwas anderes als laut die biblischen Geschichten in die Luft sagen, die Stimme Gottes besonders schmetternd und mächtig entwickelnd, wenn es galt, im Alten Testament ein Strafgericht zu verkünden. Der strenge, stolze, herrliche Gott der Schöpfung gefiel ihm weit besser als der milde Vater, von dem der Sohn im Neuen Testament predigte.

Stoffel wagte es sogar, die Geschichte von Kain und Abel zu spielen. Er war Abel, der sich von dem wilden Bruder erschlagen ließ; lieber noch lebte er sich erschauernd in die Rolle Kains ein, tötete im fiebernden Zorn den zarten Bruder, erlitt die Krämpfe des bösen Gewissens, sammelte die Wehr des Trotzes in sein Herz und ließ den Fluch Gottes auf seine Stirne sausen; doch aus Kain wuchs ein Volk, und das war groß, überwältigend erhaben. Und dann spielte er Abraham, mit dem Gott seinen Bund schloß, spielte den gewaltigen, reichen und starken Fürsten, dem, um Gott seine Treue zu weisen, das Opfer des Knaben Isaak nicht zu groß war. Oh, solche Taten, in denen etwas Unerhörtes heraufwuchs aus Leib und Seele, die liebte Stoffel glühend. Daran stählte er sein im Grunde stilles Wesen, das in Sehnsucht nach Kraft und Größe zu diesen heldischen und seltsamen Spielen trieb, die niemand belauschte auf der menschenfernen Viehweide ob den Tälern als der Himmel und die Erde selber.

Als er älter wurde, predigte Stoffel den Tieren, den Steinen und den Pflanzen. Ein unerbittlicher und strenger Prediger, obgleich sein Herz sich weh bewegte, wenn er glaubte, seine Gemeinde weine nun Tränen der Demut und Reue. So kasteite er die bange Seele . . .

Stoffel meißelte, schnitzelte und sann. Knecht war er auf fremdem Hofe, auf dem Hofe des Prozeßbruders, wie der Altbauer geheißen hatte, der ihm Götte gewesen.

Geistlich zu werden war ihm nicht gelungen. Ein halbes Jahr Lateinschule in der Stadt hatte ihn vor Heimweh an den Rand des Grabes gebracht. So blieb er als Hirt im Hofe, den nach der Überlieferung der jüngste Bruder erbte, ein wenig von allen 18 gering geachtet, auch von der enttäuschten Mutter. Und immer mehr Gedanken und Träume erfüllten sein scheues Wesen. Dabei wuchs er zu einem starken Kerl heran, der Riesenkräfte in seinen Armen spielen lassen konnte. Er übte sich im Heben und Werfen mächtiger Steinblöcke, die rundgewaschen und verwettert weitum zerstreut lagen in Wald und Weide. Brach an einem Wagen, der gut beladen war mit Kartoffeln, Frucht oder Futter, ein Rad, schlupfte er darunter und hob die Last mit seinem sehnigen Rücken, daß es nur so krachte. Um dieser oft bewiesenen Körperstärke willen entging er allein den bitterbösen Hänseleien der Burschen weitum; denn keiner fühlte sich ihm gewachsen.

Beim Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl, wo alle Hirten und Bauernsöhne, Knechte und Mägde am Pfingstmontag zusammenkamen, wo namentlich der Hüterbuben großer Festtag war und schlauer Kuhglockentauschhandel, hei, dort durfte er einmal den Meister zeigen!

Christoffel hielt inne im Schnefeln, zog wieder einen Ranken Speck und tiefbraunes Brot aus dem Sack, schnitzelte dünne Blättchen vom hartgeräucherten Fett und dachte in seiner eingehenden, zähen Art an das Vorkommnis von damals. Eine Schar Knechte hänselte die schwachsinnige Magd Rosine, bis sie in Zorneskrämpfen auf den Boden fiel und zum Gelächter der rauhen Gesellen sich häßlich entblößte. Da faßte den Stoffel blutroter Zorn, er stürmte wie ein wilder Stier in die freche Schar und verwamste mit grausamer Schnelle und Schwere einen Burschen mit dem andern. Von Stund an hängten sich die heimlichen und offenen Wünsche der Weibsleute an den starken Mann, der jedoch keine Schürze ansah. Er konnte mit Mädchen nicht sprechen, sie schienen ihm alle wie große Katzen, deren Gewandtheit und Weichheit ihn unsicher machte. Es war also nichts anderes als gewöhnliche Angst, die ihn von den Frauen trieb. Das Geheimnis ihrer Art verscheuchte ihn. Auch erlebte er im elterlichen Hofe nichts Gutes von seiten der Frauen, mit Ausnahme der Mutter. Da war vor allem die Frau seines jungen Bruders Jakob, der den Hof erben sollte, die ihm und anderen das Leben sauer machte. Anna, eines Großbauern Tochter aus dem Reichenbachtal, wußte mit sechzehn Jahren schon, welchem Mann sie zugehören sollte. 19

Die großen Schwarzwaldhöfe, die ringsum einsam und stolz auf den Zinken, an Halden, in Mulden liegen, sorgsam den natürlichen Bestimmungen und Sicherheiten der Landschaft angepaßt, besitzen altväterliche Familienverhältnisse. In der Wiege schon werden Söhne und Töchter auf die Höfe verteilt, die zur Ehe in Frage kommen. Dabei spielt auch die Neigung der Ortsbewohner zu der Nachbarschaft eine sehr wunderliche und strenge Rolle. Die im Reichenbachtal ehelichen nie in den Schiltebach hinunter, weil sie einander nicht riechen können seit undenklichen Zeiten schon, hingegen bilden die Hofbauern vom Siehdichfür, einer stark verstreuten Gemeinde wohlhabender Bauern, eine durch Inzucht, durch unzählige Verwandtenehen fest verknüpfte Sippe mit den Bewohnern des Reichenbachgebietes.

So kam die Anna Weißer an den Jakob Götz, dessen Erbe auf der Grenze der Gemarkungen Schiltebach und Siehdichfür lag. Sie machte mit den Eltern manchen Besuch auf dem Götzenhof, blieb oft sogar ein paar Tage da und war ein flinkes, rankes Mädchen, das nicht eben schön, aber stolz aussah und ein eifriges Mundwerk besaß. Mit ihren kohlbeerschwarzen Augen – sie gehörte zum Typ der dunklen, südlich gearteten Schwarzwälderinnen – betörte sie leicht das Mannsvolk. Der Jakob war bald Feuer und Flamme, aber dem Christoffel galt ihr Zünseln. Sie gab sich Mühe um den Spröden, der wahrhaftig nicht einmal aus dem Wege ging, wenn sie just ganz nah an ihm vorübereilen mußte zu irgendeiner Arbeit.

»Was sinnierst denn?« fragte sie ihn oft und schubste ihn in die Seite, »machst Kalender?«

Er lächelte nur und antwortete selten. Die Anna zopfte sich schlecht. Stoffel haßte nichts mehr als ein unordentliches Wesen. Selbst die Fransen, die um Annas schmale Fesseln tanzten vom zerrissenen Saum der weiten Hippe, bemerkte Stoffel, und er ärgerte sich darüber. Der Bruder merkte nichts. Die kränklichen Eltern drängten zur Heirat, um ins Leibding zu kommen. Von Stund an, da Anna Bäuerin war, tat sich für Stoffel die Hölle auf im Hofe. Annas Zuneigung verkehrte sich in Haß und Hochmut.

Stoffel, gerade einundzwanzig Jahre alt geworden, wurde zum Glück als Soldat ausgelost. Das waren drei herrliche Jahre in der fröhlichen Kameradschaft, nach den ersten saueren 20 Wochen fern der Heimat. Als er entlassen wurde und auf den Götzenhof zurückkehrte, freute er sich auf jede Handbreit Ackererde, die er betreuen würde, freute sich auf Pflug und Sense, Walze und Karst. Aber am Abend, da er den Hof betreten, im Leibding Vater und Mutter die Hand gereicht und die Soldatenkappe an die Stubenwand genagelt hatte, trug es sich zu, daß die Bäuerin Anna von der jungen, drallen Schecke Blut molk statt Milch. Darauf herrschte großer Schrecken im Stalle, die Magd Rosine schlug ein übers andere Mal das Kreuz. Der alte Knecht Ägidi schüttelte den Kopf und murmelte etwas von verhext, nur der Jungbauer Jakob blieb ruhig und sagte: »Wirst halt zu grob gemolken haben, wasch die Euter mit lauem Wasser und pfleg das Vieh besser.«

»Halt's Maul«, schrie die Bäuerin wütend, warf den halbvollen Melkeimer in den Futtergang und rannte aus dem Stall. Sie prallte auf Stoffel, der im Waffenrock unter der Tür stand. Sofort wandte sich die Zornige gegen ihn. »Nun weiß man's, der Ägidi hat recht, recht hat er, verhext ist die Scheck, von dem da.«

Eine Flut unflätiger Schimpfworte spie sie dem Schwager ins Gesicht, stampfte mit den Füßen und riß sich die Schürze vom Leib.

Zitternd kamen die Greise aus dem Leibdinghaus herbei.

»Der Teufel, der Teufel ist unter uns, die Schecke melkt Blut statt Milch«, brüllte sie nun die Alten an, »eine böse Brut habt ihr aufgezogen, ja ihr!«

Mutter Götz duckte sich angstvoll, jedoch der Altbauer flammte auf: »Bäuerin, seid nur still! Ihr seid eine Schlamp und eine Wildkatz. Hexen gibt's nicht mehr, aber Säue. Ich will nichts gesagt haben. Der Geiz frißt Euch selber noch einmal auf, wenn Ihr nicht vorher im eigenen Mist verstickt. So, nun ist's herunter, nun hat die arme Seel Ruh, das Wasser druckt, bis es seinen Auslauf hat. 's ist ungrad genug, vor den Leuten die Schande aufzudecken.«

Mit schweren Schritten auf seinen dünnen, steckigen Bauernbeinen entfernte sich der Alte wieder, während atemloses Schweigen alle gefangen hielt. Die Mutter ging dem Manne nach, der junge Bauer schwang sich auf die Bühne und warf Heu in den Futtergang. Knecht und Magd fütterten und molken 21 weiter. Wortlos taten sie dies. Anna und Stoffel allein standen hart einander gegenüber und sahen sich in die Augen.

Da bückte sich die Bäuerin plötzlich und strich mit einem Stecken, der auf der Erde gelegen hatte, scharf in den Lehmboden auf der Stallschwelle kratzend, das Drudenzeichen hinein, das alte zauberkräftige Pentagramm. Stoffel setzte, als sie einen Schritt davon zurückgetreten, den linken Fuß darauf, tat ihn wieder hinweg und bespie die Stelle. Anna schrie gell auf und fiel bewußtlos nieder. Seither betrat Stoffel nicht mehr den Stall. Er blieb noch eine Weile im Leibgeding, half den Eltern und war freundlich mit Jakob, der finsteren Sinnes umherging. Einmal sagte er zu Stoffel: »Halt's ihr zugute, siehe, Anna hat keine Kinder, es wär sonst alles anders.«

»Meinst du?« konnte Stoffel nur dagegen fragen. Da erlosch des Bruders Gesicht noch mehr. Er sagte barsch nach einer Pause: »Ich mein, ich zahl dich aus, und du gehst vom Hofe. Solang man dich hier sieht, ist kein Friede.«

Daraufhin schnürte Stoffel sein Bündel und zog als Knecht auf den Bruderhof. Das geschah kurz nach des Bruderbauern jähem Tod.

 

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