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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6
Krieg

In den Frühsommermonden des Jahres 1870 brenzelte es merkwürdig in Westeuropa; wer von den Schwarzwäldern das Blättle las und Grütz im Kopf hatte, roch es. Außerdem hatte der »Lahrer Hinkende Bote« auf das Jahr 1870 allerlei zwischen den Zeilen der hohen Politik gelesen und ein wachsam Aug auf die Rothosen überm Rhein geworfen. Im übrigen, so gern die Bauern auf der Bierbank die Staatsgeschäfte auf ihre Art unters Korn nahmen, vom Deutschen Reich, soweit die deutsche Zunge klingt, wußten sie nicht viel. Sie waren in erster Linie Badener, das heißt Schwarzwälder, allenfalls noch Süddeutsche mit einer Freundschaft zu den schwäbischen Nachbarn und einer leisen Vorsicht gegen die Bayern, die als »verruckte Kerle« galten, rauflustig, blindwütig und schier chinesisch redend. Der »Preuß« war unbeliebt noch vom Jahre 49 her. Indes, seit der Großherzog die »preußische Prinzessin« als Gemahlin heimgeführt, begann sich der Riß zu schließen, schon deshalb, weil der Großherzog verehrt wurde weit und breit. Der Franzose galt seit 1812, dem fürchterlichen Russenzug, der vielen Badenern den Tod im Elend gebracht hatte, als Kinderschreck, und wenn er überm Rhein drüben seinen Schnabel zu weit auftat, ballte jeder ordentliche Bauer die Faust im Sack.

Nun standen Woche für Woche seltsame Forderungen und Meinungen im Anzeiger, im »Echo vom Wald« oder in sonst einer Zeitung. Es handelte sich um die Besetzung eines Thrones 27 in weltfremder Gegend, um die sich anscheinend ganz Europa stritt, auf höfliche, sogenannte diplomatische Weise, wie es eben der hohen Herren Art ist. Wenn man dem Nachbarn ins Gesicht schaut, so lächelt man höflich und tut schier verliebt, wendet er aber den Rücken, so streckt man ihm die Zunge raus, oder etwas anderes wird anzüglich gewiesen. Nicht viel feiner, so meinten die Bauern um den Tisch im »Adler« nach der Kirche, täten einander die noblen Herren Diplomaten am Narrenseil herumführen. »Und das Letzte wird sein«, sagte der achtundvierziger Revoluzzer Josua Albiez, der damals für sein vorwitzig Maul in den Rastatter Kasematten den Hosenboden durchgesessen hatte, »das Letzte wird sein, daß sie Krieg anfangen wegen dem Pulverfäßle unterm Thron von Mexiko, und wir müssen uns die Köpfe blutig schlagen.«

»Sei still, Albiez«, riefen manche, »mucks dich nicht, wenn der Rothos schlecht ist zu uns, dann versohlen wir ihn eben.«

Das sagten junge Männer, die noch nicht lange den Reservistenstock in der Stubenecke stehen hatten und sich noch in Wehr und Waffen fühlten.

»Es geht bloß um den Rhein und wird immer wieder um ihn gehen«, meinte der alte Baptist Pfrengle, ein ehemaliger Lehrer, »wegen seiner gibt's Krieg, so sicher wie zweimal zwei vier ist.«

Das alles hörte Markus gelassen mit an. »Am End weiß keiner was«, dachte er spöttisch und verließ ihren hitzköpfigen Kreis. Aber unterwegs malte er sich doch aus, wie es gehe, wenn der Krieg wahrhaftig ausbräche. Er muß mit, das bedenkt man ja nicht weiter; denn rennen nicht alle Männer an den Rhein, eine Mauer zu bilden gegen Westen, so klettert der Rothos, flink wie er ist, den Wald herauf, haust, raubt, mordet, wie es in früheren Zeiten schon geschah. Aber wer hütet seinen Hof und hilft der Frau? Schwere Gedanken umdunkelten das Gemüt des Bauern. Es ging gegen Abend, im Westen türmte sich ein Wetter auf, ein düsteres Zeichen der Zeit. Markus beeilte sich; denn ein Gewitter, von woher es auch kam, war stets mit Gefahr für des Schwarzwälders Haus geladen. Er fürchtete es.

Daheim fand er bei Sixta seine Patin Lioba, die über drei Bergen drüben wohnte. Beide schauten erschreckt den Bauern 28 an und hatten die weißen Sacktücher im Schoße liegen, als wären sie am Weinen. Lioba, die Großbäuerin von fünfzig Jahren, Junggesellin aus freier Wahl, war sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber auch sie war blaß.

»Was ist mit euch?« fragte Markus, als sie stumm auf seine Anrede warteten, so, als wüßten sie schon, was kommen konnte.

»Mußt in den Krieg!« schluchzte die Sixta heraus.

Markus sah an ihr vorüber.

»Mal doch den Teufel nicht an die Wand, Weib!«

»Er braucht nimmer angemalt zu werden«, sagte nun Lioba ruhig, »er stolziert leibhaftig herum. In Wahrheit, der Krieg ist erklärt.«

Und Lioba, die sich gern einer etwas gedrechselten, gebildeten Sprache befleißigte, was von ihrem leidenschaftlichen Bücherlesen herkam, erzählte, was sie in Freiburg gehört und gesehen hatte. Sie sei beim Professor Soundso gewesen, wegen ihres offenen Fußes, wie sie angab; in Wirklichkeit aber besuchte sie fürs Leben gern die Münsterstadt. Dort wimmelte es jetzt von Soldaten, und man sehe immer mehr junge Männer mit Köfferchen und Kisten den Kasernen zueilen. Wie im Bienenschwarm gehe es her, nichts als Uniformen blitzten, und ein gewöhnlicher Christenmensch gelte in keiner Wirtschaft etwas neben den Soldaten. Die Studenten sängen die Wacht am Rhein, auch ohne das gezählte Maß Bier im Bauch zu haben, und kleine Buben lauerten an allen Ecken, ob nicht die Soldaten einen Auftrag für sie hätten, weil sie auch mit am Kriegmachen helfen wollten.

Markus horchte wortlos zu, indes Sixta trotz des Jammers nicht ihre Pflichten vergaß und im Stall nachschaute, ob die Mägde molken und die Knechte fütterten. Die Kinder lagen bereits in der Kammer.

»Wenn es so ist, meld' ich mich, da kann die Sixta umsonst jammern«, sagte Markus und richtete sich auf.

»Sie wird dich nicht halten; wär' ich ein Mannsvolk, ich stürmte auch mit an den Rhein.«

Lioba und der Bauer besprachen noch manches. Lioba gab dem Markus die Hand, fest wie ein Bursch, und gelobte, sooft es angehe, nach Sixta zu schauen, wenn der Bauer im Krieg sei. 29

*

Am nächsten Morgen brach Markus auf und gesellte sich zu den Schiltebachern und Buchenbronnern, die auf der Landstraße fuhren und gen Freiburg wanderten. Wie ein Lauffeuer war die Kunde von der Kriegserklärung bis in die fernsten Täler gedrungen und hatte die Mutigen aufgestöbert.

Sixta wandelte sich über Nacht. Sie schrie nicht, als Markus sie verließ, und nahm in ernster Ruhe von ihm Abschied.

»Kannst ruhig gehen, ich schaff es schon allein, ein bissel langsamer eben.«

Er gab ihr einen Kuß: »Kannst ruhig an mich denken, Sixta, es geschieht mir nichts.«

»Das steht in Gottes Hand«, murmelte sie noch und sah mit klaren, großen Augen in die Ferne.

Auf der Straße zogen Männer vorüber, riefen und winkten, und Markus ging mit ihnen fort. Wenige Tage später ritt der eine Knecht mit zwei Pferden davon, die er abliefern mußte. Er selber kam auch nicht mehr zurück, der hohe Mut der Soldaten in der Stadt hatte den Landstürmer so begeistert, daß er freiwillig in der Kaserne blieb.

In der Karlskaserne fand sich Markus Götz wie im Traum zurecht. Mit seltsamer Sicherheit, als schiebe ihn ständig jemand zu fremden Tätigkeiten hin, verrichtete er alles.

Einer zusammengetriebenen Herde wilder Schafe gleich rasten die Männer, aus allen fernen und nahen Gegenden herbeigekommen, durcheinander in den Höfen und Gängen, schrien, riefen, knurrten und brummten, und keiner wußte genau, wohin er gehörte. Das ging zwar nicht länger so als einen halben Tag, dann besaß jeder der Männer seine Kluft, gutsitzende Schuhe, Waffen und Soldbuch. Und jedem waren auch schon eine Menge Schimpfwörter von irgendeinem Schnauzbart in tadellosem Waffenrock zugegangen, dessen grobgünstiger Herrschergewalt niemand widerstehen durfte.

Als nun Markus ein Gewehr in die Hand bekam, ein schweres, aber handliches Ding, zitterten ihm auf einmal die Arme, und vor seinen Augen stieg der Wald auf, blaudunkel, hoch und steil gestämmt. Und er bereute es, ohne jede Aufforderung sich der Herde der Kriegsfreiwilligen angeschlossen zu haben. Was focht ihn an? Wer trieb ihn, Haus und Herd preiszugeben um dies? Trommeln wirbelten auf. Hörner stießen 30 grelle Luft aus. »Blechmusik«, grinste Markus vor sich hin, straffte aber unwillkürlich die Brust.

Er wurde kein schlechter Soldat. Man gewöhnte sich an vieles. Nur daß man gefangen war in den Mauern, mehr noch in einer Unzahl zäher, grausamer Verbote, das begriff man nicht so schnell. Wenn die anderen, abgebraucht vom Drill, nachts wie Maltersäcke lagen, blieb dann so ein Schwarzwälder schlaflos. Heiß zuckte das Blut in den Schläfen. So viele fremde, eigentümliche Menschen mischten ihren Atem, hörten einander wirre, geheime Traumworte ab und schimpften schlaftrunken, wenn einer schlegelte, daß es dröhnte, oder schnarchte, daß das Eisengestell der Bettstätten bebte. Markus schlief schlecht und horchte den Geräuschen der Kameraden zu. Manchmal meinte er, der Atem bleibe ihm aus oder der wandelnde Sinn stehe ihm still im Kopfe. Schwer und dumpf war dies alles. Der Dienst war streng. Heftig bläute man ihnen Dienstvorschriften und Exerzieren ein.

»Kerl, ich hauch dich an, daß dir die Seele im Leib verfault«, sagte der Feldwebel zu Markus, weil er einmal nicht lachen mußte über einen groben Witz des Gewaltigen. Markus mußte überhaupt nie lachen. Wenn die ganze Kameradschaft wieherte und brüllte vor Lachen, verzog Marks nicht das Gesicht. Er fand nicht heraus, weshalb die anderen sich solche Mühe gaben, fröhlich zu sein. Seine einzige Sehnsucht war, so schnell wie möglich aus der Stickluft der Kaserne ins Feld zu kommen, am besten gleich in die blutige Schlacht. Himmel über sich und Luft und nicht stets diese eingeengten Stunden: jetzt schlafen, jetzt Waffen reinigen, jetzt Parademarsch üben, jetzt dies, jetzt das. Doch die anderen Soldaten waren alle so lustig, neckten einander, erfanden Spottnamen füreinander, fummelten und pützelten an ihren Kluften herum und erhielten Besuche von Frauen. Sie sangen und pfiffen, sobald es erlaubt war, unerschöpflich an Liedern und Weisen, an Scherzen und Unbändigkeiten.

Man hörte erst nicht viel vom Kriegsschauplatz. Ungeduldige Kriegsdurstige spöttelten bereits im Liede: »Immer langsam voran, immer langsam voran.« Es war ein heißer Sommer, glühend heiß.

Markus dachte selten an daheim. Nachts, im leichten Eulenschlaf, geisterte Sixta fern, fern an ihm vorüber, der Hof lag 31 im Dämmerlicht, ein Kind schrie. Ernteten sie? Molk sie? Ging sie in die Kirche? Hatte Bleß ein Kalb? An solche Fragen dachte Markus kaum. Er schrieb nicht heim. Die anderen taten es wohl, aber Markus konnte nicht gut die Feder führen, wußte auch nicht, wie man so einen Brief schrieb. Wenn er nicht von allen seinen Dorfgenossen auf unbekannte Weise getrennt worden wäre bei der Einreihung in Kompanie und Stube, hätte er sich wohl weniger hilflos befunden. Einer hätte gesagt: »Schreibst nicht an Deine? Schau, das hab' ich heimberichtet.« So ging keine Zeile von ihm aus, und Sixta blieb fern, fern. Bis sie Sonntag morgens dastand, mitten in der frisch aufgezogenen Stube, als die Soldaten vom Kirchgang kamen. Ihre schöne, seidene Festtagstracht glänzte; denn sie stand in einer Sonnenstraße, die breit durchs Fenster fiel. Einige der Männer fragten gutmütig: »Fraule, auf wen wartest?«

Sie lächelte und gab Bescheid. Erfuhr dann, daß der Bauer bald käme.

»Ein Prachtsmensch«, meinte einer und strich um die junge Bäuerin herum.

Endlich kam Markus herein, erblickte Sixta, erbleichte und schritt auf sie zu: »Komm da weg!«

Die es gehört hatten, johlten auf. »Was, der Kopfhänger, Mucker, Mistbauer? Das Mönchsgesicht und Fuchsohr will sich höher machen? Wart, Alterle, wart nur!«

Sixta ging mit Markus erschrocken auf den Gang hinaus. »Was ist denn, mag dich keiner?« fragte sie, ängstlich in seinem Gesicht forschend.

»Wenn man so hoch trägt, geht man nicht unter die fremden Männer, überhaupt nicht«, murrte Markus und schaute auf ihre Schürze. Da wollte Sixta auf die Straße hinabeilen, wieder heim auf den Wald. Markus blieb neben ihr, hielt Schritt, schwieg aber zäh. Endlich rastete die Frau, atemlos und ermattet. Da ergriff der Bauer scheu ihre Hand: »Schau, ich kenn mich selber nimmer, der Teufel tobt in mir, mein Wald ist nirgends.«

»Heimweh hast«, sagte sie leise.

Er schaute sie groß an, als sehe er sie jetzt erst richtig, lächelte schmal, doch wie zur Freude erwacht: »Gut, daß du da bist, Sixta, gut.« 32

Und sie, erlöst vom Schrecken, begann zu erzählen und erzählte ohne Pause, was daheim geschehen, während er fort gewesen, was man gedacht und getan habe und wie jeder Tag unheimlich in die Nacht geschlupft sei, wenn wieder keine Botschaft aus Freiburg da gewesen, nicht ein Zeichen, ob der Mann lebe, ob er leide, ob er wohlauf oder elend sei, ob noch in der Kaserne oder längst in Feindesland. Da habe sie ausgepackt und sei mit dem Gabriel Schwenk nach Freiburg gefahren; der habe gepreßtes Heu in die Kaserne geliefert.

Am Abend fuhr dann Sixta wieder heim und verließ einen aufgeräumten Mann, dem der dumpfe Gram wie Nebel vor den Augen zerriß durch ihren Besuch und ihr lindes, mütterliches Zureden. Wie ein Liebespaar schritten sie am Nachmittag auf den Pfaden des Schloßbergs, und nie mehr seit Jahren besaßen sie sich für Stunden so ausschließlich und innig im Gespräch und Schweigen wie auf diesem Gang in der Fremde unter unzähligen Fremden. Gegen Blicke gefeit, gegen Lärm und Lachen taub, gegen Zurufe stumm, wandelten sie dahin, ganz in ihre eigene, merkwürdige Welt geschlossen.

Abends kam dann Markus so federnd und aufgerichtet auf die Stube, hellen Gesichts, wie keiner ihn je gesehen, und während sie ihn staunend anschauten, wobei jeder vergaß, daß man sich an ihm rächen wollte für seine Mißachtung am Vormittag, schritt Markus ein paarmal auf und ab und sagte dann: »Leut, wenn es Gelegenheit gibt, die nächste beste, ich zahl' euch eine Runde, auch zwei.«

Da sah man dann, was für große, gutmütige Kinder diese Soldaten im Grunde waren, versöhnlich und schnell zur Lust bereit.

 

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