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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Kindersegen

Zwei Jahre liefen weiter in dem Gleichklang, den sie auf abgelegenen Siedlungen haben. Die Stunden eilen, die Tage zerrinnen, die Wochen wandeln, die Monde gehen dahin. Jahr schließt sich an Jahr, und wenn es deren viele an einer Kette sind, so sinken sie hinab. Der junge Mensch greift voraus in den Ring des zukünftigen Jahres und zieht ihn in seine Gegenwart, kaum daß er aus dem Dunkel blinkt, der Reife wartet gelassen und erwartet nicht zuviel, er kennt sein Ziel und hofft in steter Ruhe, der Alte fühlt die Last der Kette, die niederwärts zieht, er hat die Hände am Ring der Vergangenheit, damit ihm nichts entgleite.

Markus und Sixta gehörten noch zu den Jungen und Jähen, sie stürmten mit Plänen und Leidenschaften in die Zukunft, und ihnen ging die Zeit nicht einförmig durch, sie war erfüllt von leisen und lauten Dingen des nahen Beisammenseins, von guten und bösen Mächten ihrer Mischung. Sie hatten Kinder. Erst Zwillingsmädchen, zarte Christkindchen, schier im Schnee geboren; denn abgeschnitten war der Michelshof in jener Nacht von aller Welt durch hohe, weiße, windverwehte Wächten. Am Morgen schon ging es der Bäuerin schlecht, und man holte die Wehmutter. Im Schneesturm kam sie an und blieb zwei Tage und zwei Nächte da; denn niemand konnte vor die Tür. Inzwischen waren Marie und Magdalena auf die Welt gekommen 23 und hatten Sixta viel Müh und Weh bereitet. Der Markus stand linkisch dabei, verscheucht wie ein junges Schmaltier, und hätte doch um den Kampf einer Geburt wissen sollen, da er mehr als einmal das Reh beobachtet hatte, wie es Junge zur Welt gebracht. Eine Inbrunst und Demut war dann über ihn gefallen wie der fromme Schauder, da er zum erstenmal zum Abendmahl schritt. Jetzt, über dem Bett der Sixta und der blauen Wiege der Zwillinge, erschrak sein Herz und faßte sich schwer. Der Erbe hätte zuerst aufwachen sollen. Nun aber kam es so wunderlich anders. Er dankte seinem Weibe nicht für diese Gabe. Er blickte es vielmehr furchtsam an, weil es ihm fremd wurde und unbegreiflich. Dann, als Sixta die Augenlider zitternd hob, nach der halben Bewußtlosigkeit der Erschöpfung, lächelte er wirr und wandte sich ab.

Das ging vorüber. Markus vergaß überm Wald die Zwillingswahl des Geschickes, der beschäftigte ihn so und zog ihn an, sog ihn förmlich auf in sein Wesen, daß er eines Abends heimkam und in der Wiege seinen neugeborenen Sohn beim kräftigen Schreien antraf, indes die beiden Mädchen in der kleinen Kinderbettstatt selig und rotbäckig schliefen. Da schlug er die Hände vors Gesicht, um das Zucken zu verbergen, das ihn statt des Weinens überfiel.

»Diesmal ist's recht«, sagte Sixta und erwartete ein Wort der Freude. Der Bauer aber rannte vor das Haus und schoß die Fürstenflinte ab. Da kam trauriges Weinen über die Frau: »Immer noch die alte Liebste«, dachte sie; denn sie entsann sich seines früheren Spruches.

Den Sohn nannten sie Andreas.

Der Michelshof wuchs und gedieh, aber das lag nicht an des Bauern Umsicht und Kraft, sondern der Bäuerin mutiges Wirken und Walten ward gesegnet mit Gelingen und Fülle. Sixta sang nicht mehr so viel und schien zuweilen unlustig. Sie trug geheimes Leid um Markus. Der kümmerte sich bald nur noch um Wald und Wild, streifte tagelang ohne Heimkehr fort und ließ auch nicht ab von seiner Leidenschaft, als Sixta, überwältigt von Müdigkeit nach harter Ernte, ihm ihren Jammer in die Stube schrie und fortmachte durch die Nachtstunden bis zum Morgengrauen, wie ein im Talkessel gefangenes Gewitter. Erst redete Marks dagegen, kalt, ruhig. 24 Sie schwieg nicht. Dann kam er gröber. Sie konnte nicht schweigen. Er kroch ins Bett und versuchte zu schlafen. Sie stand die halbe Nacht am Fenster und schalt. Daß sie mit den kleinen Fäusten auf die Fensterbank schlug im Zorn, reizte Markus unerträglich. »Tut ihr denn das nicht weh?« fragte er sich. Er schlief trotzdem ein, weil er den ganzen Tag in regenkaltem Nord herumgelaufen war und einen leeren Magen hatte. Da träumte es ihm traurig; was es war, entfiel ihm, sobald er darüber nachdachte. Dann brannte ihm das Mitleid auf der Seele, er war nahe daran, aufzustehen und Sixta Versprechen und gute Worte zu geben, aber sein Rückgrat schien bocksteif, und in der Kehle saß ein Pfropfen Trotz. Durchs Fenster sahen keine Sterne mehr. Da endlich legte sich Sixta nieder, schluchzte leise und wie krank und schlief schließlich ein. Er mußte sie wecken, damit sie dem schreienden Andreas die Brust gebe. Sie taumelte aus dem Schlafe, blaß und bleischwer, und fand sich nicht zurecht. Markus reichte ihr das Kind, wachte über dessen Stillung und nahm den Knaben weg, sobald er gesättigt einschlief. Dieses Tun, nie vorher verrichtet, kam Markus wie Weihehandlung vor.

»Ich bin nicht schlecht«, sagte er leise.

Sixta fuhr auf: »Was – was ist?«

»Schlaf, ich schaff' in den Morgen«, antwortete Markus.

Sie sank zurück und seufzte auf, indes der Mann aus der Kammer schlich, mit Knechten und Mägden die erste Arbeit zu beginnen. Zwei Stunden darnach kam Sixta, war vor Marks verlegen, vor dem Gesinde freundlich und stolz wie sonst immer.

Der Mann hielt zwei, drei Tage stand. Am ersten hob er nicht einmal den Blick zum Wald empor auf der Höhe und ging abends fröhlich schlafen. Sixta gab sich in stiller Demut.

Am zweiten gegen Abend dachte er: »In dieser Zeit könnte ich die Flinten alle gründlich putzen und dann vielleicht für eine Weile wegtun, bis alles hereingeschafft ist im Herbst. Dann sind sie zur Hand für die Hochjagd.«

Gut, er tat's. Sixta fragte ein wenig spitzig: »Muß das jetzt sein?« Milderte aber sogleich ihren Ton, indem sie neckisch lachte und sagte: »Nun ja, Kindern, die Heimweh nach der Schoppenflasch haben, noch eh's Zeit ist, gibt man den Schnulli.«

Marks lachte grün: »Hast recht, Mutter.« 25

Am dritten Tag, morgens, schon als er Futter schneiden ging und der Wald grausilbern vor der aufgehenden Sonne stand, da trank sein Blick sich fest an den Stämmen, als müsse er sie zählen. Aber Marks biß sich auf die Lippen, pfiff schrill hinaus, um das Hasenpärchen im Kleefeld vor dem Wald aufzuschrecken, und schlenderte mit der Sense weiter. Es gab kein Stück beim Schaffen, den ganzen Morgen nicht. Die Sehnsucht nach dem Wald bohrte ihm in der Herzgrube. Und zum Mittag kam er nicht heim.

»Ist den Wald nauf«, sagte der Knecht bedeutsam zur Bäuerin; denn alle kannten den stillen Kampf der Eheleute.

»Er wird was nachschauen wollen«, beruhigte Sixta sich selber. Aber alle nahmen wieder ihre Arbeit auf, ohne daß der Bauer herabkam. Man heute jetzt auf den Götzenwiesen, die weit vom Hofe weg lagen und schwer zu behandeln waren, weil das Gelände bucklig und abschüssig verlief, kaum mit Gespannen zu bewältigen. So mußte das Heu in mächtigen Tüchern ein Stück weit getragen werden zu den Leiterwagen, eine in der Hitze mühsame Arbeit, die fast nur den Männern zukam. Da fehlte des Bauern starke Stämmigkeit an allen Ecken.

Sixta setzte sich wacker für ihn ein, trug Fülle um Fülle den Berg hinauf durch das steile Heidekrautland bis an die Waldstraße, wo das Ochsenfuhrwerk hielt. Das beste Heu wuchs gerade auf dieser Matte, sonst hätte man sich ihretwegen nicht so arg geschunden. Je mehr Trageten Sixta auf dem Kopf an Ort und Stelle schaffte, um so tiefer schürfte ihr Groll im Inneren. Sie war zuletzt so zornig, daß sie die beiden Mägdlein, die im Schatten neben der Matte bei dem kleinen Andreas saßen und einmal wie besessen schrien und sich schlugen, zum erstenmal im Leben heftig züchtigte. Plötzlich stand Marks neben dran mit scheuen Augen und sagte: »Wenn du doch grad dran bist . . .?«

Er kam schön an. Wie ein Blitz fuhr ihm das Wort Lump ins Gesicht. Noch ehe Markus begriffen, was geschehen, rannte Sixta davon zu ihrem Tuch, lud noch ein paar Gabeln voll hinein, die Kindsmagd half es binden und auf den Kopf heben. Im jähen Zorn merkte sie kaum, wie schwer die Last war und wie steil der Weg. Aber Markus sah es, sprang ihr nach und hob ihr die Fülle ab. Sie ließ es nur widerwillig geschehen. 26

Nun ging es ihr merkwürdig. Der Markus kehrte so flink von seinen Lastgängen zurück, daß man sich gehörig eilen mußte, das andere Tuch zu füllen, bis er ankam. Und als es Abend wurde, hatte er doppelt soviel Lasten getragen wie Sixta vorher mit dem Knecht zusammen. Und ihr Groll verwandelte sich zum zweitenmal in Scham und Reue, weil sie sich vor ihrem Manne vergessen hatte. Im peitschenden Gewitterregen fuhren sie dann den letzten Wagen heim, obendrauf saßen Sixta und die Kinder unter einer Juteplane wie in einem Nest und lachten miteinander.

 

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