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Bauernadel

Hermann Eris Busse: Bauernadel - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleBauernadel
authorHermann Eris Busse
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleBauernadel
pages579
created20180531
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hart gegen hart

Es muß alles seinen Gang haben. Die Uhr läuft ab, bis die Feder nicht mehr spannt, dann steht sie still, oder das Gewicht fällt an der Kette nieder bis zur letzten Öse, dann steht das Werk wiederum still, und kein willkürlicher Pendelstoß bringt es zum Gehen. Stoffels Anstieg ist wohl auch ausgelaufen, das muß er denken, aber er schwingt sich immer wieder von neuem an: Vogt ist Vogt! Was man begonnen, muß man ganz tun, auch wenn der Widerwillen einem die Seele aus dem Leibe schabt. In den Vogtsrock zwingt ihn ein Krampf, der heißt Hochmut und Eigensinn. Er macht viele Wege, er läßt nichts ungetan, was seines Amtes ist. Daheim mag es mangeln an der starken Hand des Bauern, was tut's, es geht am Eigenen zugrund, was am Fremden niemals geschehen darf, solang er Vogt ist, gewiß nicht.

Stoffel ordnet die Sache mit der Allmend. Er ordnet die Angelegenheit des Straßenbaus zugunsten der Gemeinde. Es hielt schwer. Er mußte deswegen einmal sogar nach Karlsruhe. Er schaute sich nicht um in der Stadt. Wie ein Stier, den jemand bei den Hörnern zieht, so folgte er dem harten Rufe der Pflicht und seiner eigensinnigen Selbstzucht. Er aber erreichte, was er wollte. Die Straße kam, die Angrenzer wurden schön entschädigt, freilich verlor die Gemeinde einen guten Gewinn an Geld, doch die Straße, die den Ort an die Welt band und bald auch gen Freiburg zur Eisenbahn leicht lenkte, die wog allen Verlust auf. 145

Stoffel legte sich eine schöne Rede zurecht für die nächste Rathaussitzung. Er ging in der Stube auf und nieder und sprach vor sich hin. Agathe hörte es in der Küche und lächelte schmerzlich. Der Bauer, oh, der Bauer, er kennt nicht Weib noch Kind mehr vor lauter Vogtsein! Sie wußte, daß er in ein Sieb schaffe, seine Lasten und Sorgen, sein Rennen und Wagen, alles rann unfruchtbar durch; denn die anderen halfen ihm nicht, sie hatten harten, finsteren Argwohn gegen den jungen Vogt, und was er tat, fand ihre Billigung nicht. Und dann bekam Agathe beim letzten Kirchgang deutlich gezeigt, daß alles ungünstig stehe, man wollte sie kaum grüßen und nahm ihr auch nur zögernd den Gruß ab. Agathe fror die ganze Kirchzeit durch, daß sie nur mit Mühe das Zittern der Knie verbergen konnte, und das Wasser schoß ihr in die Augen. Sie nahm sich vor, zumal auch der Pfarrer sie nur lässig grüßte, in nächster Zeit den Gottesdienst zu meiden. Mochte Stoffel allein gehen.

Als er sich rüstete zur Rathaussitzung, das Haar mit Wasser glättete, weil es über der Stirn in kecker Locke sich rollte, was er nicht leiden konnte, seit er Vogt war, sah ihm Agathe zu. Ihre Glieder waren sonderbar schwer. Sie reichte Stoffel Rock und Hut, strich ihm über Kragen und Schultern, um die Schuppen davon abzuwischen, und sagte, als er ging, plötzlich von weher Sorge um den Mann ergriffen: »Stoffel –«, weiter kam sie nicht, die Tränen erstickten ihre Stimme, nur noch einmal: »Stoffel –«

Der drehte sich, schon im Schreiten, rack um, starrte sie an, wurde rot und wollte auf sie zu, tat es jedoch nicht, sondern zuckte die Achseln, wandte sich auf den Weg und sagte beschwichtigend, es klang noch niedergekämpfte Weichheit und Furcht darinnen nach: »Es wird schon recht werden, es wird schon –« und war mit Riesenschritten rasch entschwunden. Agathe begann schweren Herzens die Fenster zu putzen; denn Pfingsten stand vor der Tür.

Stoffel indessen trug ein scheues Herz von dannen. Er schwitzte und nahm den Hut ab. Richtig, die Locke legte sich schon wieder um. Verdammt auch, solch ein Weiberhaar! Er spuckte in die Handfläche und strich sich das Haar wieder gegen die Stirn vorn glatt. Alle Bauern trugen so das Haar. Muß 146 es bei ihm denn anders sein? Aber die Wut auf das Haar lenkte das Herz nicht von seiner Scheu ab. Oder war es am End Angst, die solche Schläge gegen die Brust und an die Kehle heraufstieß?

Im Rathaussaal standen wider Erwarten die Räte schon beisammen, rings um den Schreiber Albiez, wie Stoffel mißtrauisch bemerkte. Er grüßte laut und warf den Hut an das Rehgeweih an der Wand, das zu Häupten seines Sitzes hing. Zäh löste sich der Knäuel um Albiez, und jeder Gemeinderat nahm seinen Platz ein und sagte, ohne Stoffel anzusehen: »Grüß Gott, Vogt!«

Stoffel stand auf und berichtete. Im Reden lockerte sich der klamme Bann über der Brust, er reckte sich und sprach lauter, voller, sicherer. Mürrisch schwiegen die Bauern. Die Straße – was der sich davon alles versprach, man kannte das, man kannte den Staat –, Steuern gab das bloß wieder, Pflichten! Wo soll da ein Gewinn sein? Die Uhrenmacherei saß in Furtwangen, Lenzkirch und Triberg fest. Auf die Schiltebacher haben die gerade gewartet! Haha, ein Hund überläßt doch dem andern nicht den guten Knochen! Und man weiß, wieviel Schwindel getrieben wird; ein volles Jahr muß der Uhrenmacher oft warten, bis er vom Packer oder Händler sein Geld kriegt.

»Das soll geregelt werden«, meinte der Vogt.

Sie wehrten ab. Sie warfen sich spöttische Blicke zu. Der Ratschreiber schrieb nicht weiter am Protokoll, er kaute am Federhalter und lächelte. Alles, was Stoffel überhaupt vorbrachte, wurde mit hochmütiger Rede abgetan. Alles sollte bleiben, wie es war. Da merkte er, daß man etwas herausfordern wolle. Furcht wollte ihn schnell anfallen, aber er rüttelte sich auf: Nicht, – nicht! Eisern sein, harthölzern, stiernackig! Die sollen mich kreuzweis –

Er stellte sich breit hin, knöpfte seinen Rock zu, stemmte die Hände auf den Tisch und sah der Reihe nach jedem in die Augen. Sie konnten alle nicht anders, sie mußten in seinen glasharten Blick geraten.

»Sind wir am Wirtstisch, Gemeinderat, wo man derlei Art, wie es euch beliebt, euern Vogt zu stellen, beobachten kann, oder sind wir am Ratstisch, wo es gilt, alle für einen und 147 einer für alle? Die Gemeinde sind wir, hier sind wir die wachen Augen und die treuen Herzen der Gemeinde, nicht der und jener. Ich bin der Vogt. Einfach: ich habe das Amt, ich führe es gut nach Recht und Gewissen, zum Teufel auch, ich war immer mehr Vogt als Bauer, seit ich die Ehre angenommen habe. Aber ihr tut, als sei es mein Vorteil. Warum bin ich denn gewählt worden? Eine Tanzpuppe sollte ich wohl sein an eurem Seil. Haja! Er ist Vogt und sagt zu allem ja. Sagt ja, daß der Gemeinderat Haldenhofer das Wegrecht kriegt, das in Wirklichkeit dem kleinen Hiesemichel gehört. Sagt ja, daß man dem Gemeinderat Hutjockel wider Fug und Recht gewährt, dem Franzensbur das Wasser abzulenken von dessen Mühle in die dürren Jakobsmatten. Sagt zu allem ja. Aber es war nicht billig geschirren mit dem Stoffel. Nein, gar nicht. Der nahm die Zügel in die Faust, der zackerte, er tanzte nicht. Der ging nicht linksrum, weil man es so meinte.«

So schüttete Stoffel seinen inneren Groll in ruhigen, starken Sätzen über die runden Köpfe der Bauern aus. Sie senkten die Blicke und schwiegen. Auf einmal stand Gemeinderat Kuchimüller auf und sagte: »Der Vogt hat recht, man muß ihm recht geben.«

Der Kuchimüller war ein Mann, welcher nur ganz selten den Mund auftat. Er war ein reicher Kerl und weit in der Welt herumgekommen mit seinem Vater, dem Glasjobbi. Durch die Glasträgerei hatten sie es von armen Teufeln zu wohlhabenden Männern gebracht, die sich die Kuchimühle kauften, auf der ein Bauer ohne Erben heimgegangen war. Der alte Jobbi starb mit neunundneunzig Jahren, der junge war da gerade fünfundsechzig geworden. Dieser verstand ausgezeichnet zu lesen und zu schreiben und hatte in der Stube eine Weltdarstellung stehen, in langen Jahren gebastelt, wo Sonne, Mond und Sterne selbsttätig um die Erde kreisten, umeinanderkreisten in Bahnen, die die Himmelskundigen erforschten. Er hatte vielleicht auch von der Beschäftigung mit der großen Weltordnung das Schweigen in kleinen Menschendingen gelernt. Wenn er dieses Schweigen unterbrach, so lauschten ihm alle, und man wußte, Wichtiges bewegte ihn dann.

Nun sagt er: »Der Vogt hat recht« und bringt die 148 Bauernräte in Verlegenheit. Einige rülpsen, und einige schneuzen sich oder stopfen umständlich ihre Pfeifen.

Der Stoffel stand noch, stemmte die Arme immer noch auf die Tischplatte und schaute jetzt auf das geglättete Eichenholz, durch das Kritzer liefen, wirr und winklig wie Ameisenwege. Er fuhr ihnen mit den Blicken nach, er beschäftigte sich. Seine Ellenbogen wollten zittern, das Blut kam und ging in seiner Stirn. Die Locke störte ihn wieder, doch konnte er sie jetzt nicht gerade zerren. Er hätte die Hand heben müssen, und das hätte wie Nachgiebigkeit ausgesehen. Die sollten merken, die Herrgottssakramenter, der Stoffel läßt sich nicht den Weizenacker vertrampeln.

Endlich sagte einer: »Wohl, wohl.«

Man wußte nicht, wer es war. Wieder eine Pause.

Ein Zitronenfalter kam durchs offene Fenster herein, taumelte auf den rosaroten Pappdeckel des Sitzungsbuches, schwebte wieder auf, setzte sich zwischen Stoffels Händen nieder, dort war's sonnig. Stoffel sah ihn, lächelte und hob den Blick frei. Doch schaute er geradenwegs in des Schreibers scheele Augen. Da stach ihn das Böse wieder.

In dem Augenblick sagte nochmal jemand: »Wohl, wohl.«

Die Stimme von vorhin. Und man sah jetzt, daß es der Bachandres war, der jüngste Gemeinderat, ein dicker, rotbackiger Mann mit mächtigem Brustkasten und kurzen Armen, die, so weit es ging, auf der Tischplatte lagen. Es war der Metzger der Umgebung, der zu den Hausschlachtungen kam und die Kühe und Säue metzgete. Sein Vater war schon Gemeinderat oder Richter, wie man sie damals nannte. Er sagte zum drittenmal: »Wohl, wohl« und fügte bei: »Der Kuchimüller hat recht.«

Nun war der Bachandres mit Stoffels Vater verfeindet, bitter und finster. Und es fiel jetzt besonders ins Gewicht, daß er für Stoffel Partei nahm, zwar sagte er nicht: Der Vogt hat recht! Das ging ihm nicht über die Zunge, weil er auch den Kuchimüller nicht mochte. Aber er galt als sehr rechnerischer Kopf und schätzte es hoch, wenn ein anderer es auch war. Den Stoffel bewunderte er seit langem. Und das mit der Allmend war nicht übel geplant, schade, daß er damals nicht in der Sitzung dabei saß, er hätte nie für Aufteilung gestimmt. 149 Stoffel hob den Kopf wie ein sicherndes, der Gefahr entronnenes Wild. Er fand sich durch diese unerwartete Hilfe in seine frühere Kraft zurück.

»Nun, ihr Herren?« fragte er spöttisch.

Der Schreiber kicherte boshaft. Die andern schwiegen. Stoffel packte jählings schwere Wut, er schob die Hand herüber und zerdrückte den Schmetterling. Er mußte etwas Wildes tun, um nicht den Verstand zu verlieren. Er preßte das seidige Nichts des Sommervogels, als wäre es der Hals des Albiez, den er glühend haßte. Der Scheeläugige verhetzte die alten Männer, wie sein spinnenbeiniger Bruder die jungen Weiber verhetzte, es war eine Brut das.

Schweigen.

Dem Stoffel währte es lange, aber es waren kaum Minuten vergangen.

Plötzlich stand Albiez auf, legte ein Schreiben auf den Tisch und sagte mit fader Stimme: »Das Bittgesuch des Jakob Götz und seiner Frau Anna Maria Apollonia Götz geborenen Weißer um Zuwendung eines Obdaches im Gemeindehaus soll ich dem Vogt und dem Gemeinderat unterbreiten.«

Stoffel zuckte zusammen, das hatte er nicht geahnt. Alle Bauern sahen ihn lauernd, entsetzt an. Aber der Kuchimüller meinte: »Wir verschieben das Gesuch aufs nächste Mal. Ist was Wichtiges noch da, Vogt? Ich sollte gehen, mein Weib ist heute morgen erkrankt, ich sollte noch den Doktor holen in Buchenbronn.«

Stoffel merkte, der Kuchimüller wollte ihm Zeit lassen, der war ihm Freund im Innersten. Er hätte ihm am liebsten die Hand drücken mögen. Auch der Bachandres sagte wieder laut sein »Wohl, wohl«.

Dem Vogt aber schoß der Hochmut ins Herz. Nein, jetzt nicht zucken, nicht schwach sein! Gerade das sollte nun verhandelt werden. Er war gerecht und hatte ein sauberes Gewissen. Der Jakob Götz galt ihm als Fremder. Er sagte deshalb: »Wüßt nicht, was wichtiger wäre; wir können die Sache des Jakob Götz noch gleich zuwegbringen.«

Er sprach hart und übermäßig laut. Da verlor er auch die beiden neuen Freunde. Den Jakob Götz mochte jeder, er hatte Unglück gehabt, aber er verdiente es nicht, er war ein guter 150 Kamerad und ordentlicher Mensch gewesen, bis er so weit kam. Nun soff er sich den Kragen ab, wer hätte das nicht in solchem Elend getan?

Nun dachten sie alle: »Oha, daher kommt's, daß Jakob Bettler geworden. Das harte Herz des Bruders hat ihn dahin gewünscht, man hört es jetzt und sieht es den unheimlich hellen Augen des Vogts an, wie sie ins Unheil zwingen können.« Einige Männer wehrten sich gegen den Aberglauben, doch fror es sie über den Rücken, da sie den Vogt stehen sahen, größer als sie alle, mit dem sonderbar gestellten Haar – wie ein flammendes Teufelshorn stand die Locke über der Stirn – und mit den leise zuckenden Kinnbacken unter der weißen Haut. Er war ein anderer, ein Fremder, ein Gezeichneter, und ihre klugen Weiber daheim hatten vielleicht recht, daß er mit geheimen Mächten im Bunde stehe.

Der Bruder im Armenhaus! Und dieser Mensch redete, als kenne er Jakob Götz nicht, als höre er zum erstenmal von ihm, und schrie noch den Namen, des eigenen Vaters Namen, hinaus, hart wie einen Steinwurf. Er glaubte die Schande so verdecken zu können.

Die Gemeinderäte murmelten drohend. Albiez saß geduckt am Tisch. Stoffel starrte die Wand an, dort war ein Bild des Großherzogs Leopold im Waffenrock. Er sah nur die hohen Schenkel im weißen Leder.

Da erhob sich der Kuchimüller neben ihm. »Ich muß gehen«, sagte er.

Stoffel legte ihm die Hand schwer auf die Schulter und sagte: »Bleibt noch.« Er las das Gesuch des Jakob Götz still für sich, dann laut. Seine Stimme zitterte nicht.

»Ich schlag vor«, riet er dann, »wir genehmigen das Gesuch. Im Matthieslehaus ist Platz, es sitzt jetzt nur die taube Kräuterbötin drinnen.«

Die Räte stimmten sachlich zu und wollten dann das Ratszimmer verlassen.

»Bleibt noch«, fordert da Stoffel rauh, »sitzet.« Er selber setzt sich auch.

Der Albiez grinste. Stoffel sah es und mahnte ihn an sein Amt. Das Sitzungsbuch liege geschlossen, er habe doch genau aufzuschreiben, was vorgehe. 151

Albiez rührte das Buch nicht an, legte auch die Feder nieder. Er sagte zischend: »Für so einen Vogt, einen Bruderschinder, einen Kain, für so einen schaff ich nicht.«

Da springt Stoffel auf, alle Bauern mit, sie keuchen vor Erregung. Stoffel läßt die Faust auf den Tisch fallen, daß es dröhnt, er schaut die Männer an, lächelt auf einmal kindlich, ungläubig fast. Zieht plötzlich den Vogtsrock aus. Die Bauern starren ihn an, unwillkürlich rückt der Metzger mit den Armen zurück, als wolle er auch den Rock abziehen. Stoffel lächelt noch, klarer als vorhin und sicherer: »Es wird nit gerauft«, beginnt er zu sprechen und holt tief Atem, wendet sich um und hängt den Rock zum Hut an die Rehspießer.

»Der Vogtsrock paßt mir nicht mehr. Er ist zu eng, sucht einen, dem er besser sitzt. Der Stoffel schenkt ihn der Gemeinde. Zur Not kann ihn der Schneider Albiez ändern, vielleicht auch tragen.«

Ehe die Männer noch begriffen, was geschah, langt Stoffel seinen Hut herab und geht in seinen weißen Hemdsärmeln aus der Tür. Und wandert mit großen, gelassenen Schritten an dem Schulhaus, der Wagnerei und der Schmiede vorbei, die beim Rathaus stehen, an Höfen vorüber, von den Kindern und Hirtenbuben, den Knechten und Mägden auf den Äckern begafft, die gar nicht begreifen können, wieso der Vogt in Hemdsärmeln, blühweiß leuchten sie weithin, über Land geht.

Er betrat seinen Hof. Der Hund rannte an der Laufkette wie besessen hin und her. Stoffel ging an den Brunnen und tauchte die heißen Hände hinein. Oh, das tat gut. Agathe kam aus dem Hause, sah den Mann mit seinem merkwürdig hellen Antlitz, als ob ein Glück über ihn gefallen sei, ohne Rock heimgekommen. Jetzt beugte er sich ans Wasserrohr und trank in vollen Zügen. Jetzt legte er den Hut sorglos auf die Milchkannenbank und schlenderte zur Matte hinab, wo die Stege übern Mühlebach waren. Er pfiff leise. Markus spielte am Bach mit Weidenruten, langen, von Saft durchschossenen, geschmeidigen Gerten.

Stoffel nahm ihn bei der Hand und sagt: »Komm!« Der Bub sprang auf, jubelte, schaute zurück zur Mutter unter der Haustür und schrie: »Ich darf mit dem Vater.«

»Jaso, die Agathe«, dachte Stoffel. 152

»Warte«, sagte er zu Markus und stieg, die Hände in den Hosentaschen, nochmal gegen das Haus hinauf. Agathe ging ihm ein paar Schritte entgegen. Sie lächelte furchtsam. Er blieb nah vor ihr stehen, groß, breit, fröhlich wie ein Bursche.

»Vogt bin ich nimmer. Hab ihnen den Staatsrock drunten hängen lassen. Sie trieben es mir zu wüst mit lauter Falschheit und Neid. Kein Albiez kommt mehr über die Schwelle. Frau, wir wollen neu anfangen. Stoffel bleibt Bauer, das ist das Schönste, der Hochmut auf die Vogtsehre war dumm; es ist wahrhaftig nicht alles Gold, was glänzt.«

Agathe gab keine Antwort, ihr war das heitere Wesen Stoffels unheimlich.

»Fällt es dir so leicht, nicht mehr Vogt zu heißen?« fragte sie schließlich nach langer Stille; denn Markus rief ungeduldig.

»Sie haben es mir so schwer gemacht, daß es mir leicht fallen mußte, abzudanken. Besser zu früh, als zu spät. Und dann, der eine Bruder Vogt, der andere Armenhäusler, das reimt sich nicht. Agathe, schau, wider ein böses Maul ist ebensowenig ein Kraut gewachsen wie gegen den Tod.«

Er gab der Frau die Hand wie zum Trutzeid, wandte sich ab und schritt mit dem Buben zu den Äckern und Weiden hinüber. Sie sah ihnen nach, soweit die hellen Hemdsärmel Stoffels leuchteten. Es neigte sich der Tag. Agathe fühlte eine ungeheure Schwere auf der Brust. Doch wie heiter war Stoffel, als habe man ihm Fesseln abgenommen, und wie ruhig! Wie ein Heimgekehrter aus der Fremde sah er vorhin aus. Not, Leid, schweres Tun lag dahinten. Und er stieg zu seinen Wäldern und Ländern empor, den Bub an der Hand. Sie hätte mitgehen sollen, den Mägden die Arbeit überlassen. Aber er forderte sie ja nicht auf dazu, dachte nicht daran, daß sie sich ausgeschlossen fühlen könnte. Sie ging ins Haus und weinte bitterlich.

*

Ein Pfingsten dieser Art hatte Stoffel noch nie erlebt. Sie fuhren in die Kirche selbdritt: Bauer, Weib und Kind. Die Pferde griffen aus, die Geißel knallte. Stoffel machte zum Trotz ein großes Wesen aus dieser Fahrt. Ganz wohl war ihm nicht zumute. Er stellte sich vor, wie unwirsch man ihn grüßen würde, wie festgepreßt die schmalen Bauernlippen vor den 153 Zähnen liegen würden, daß ja kein Wort entschlüpfte, wie scharf und kalt die Augen auf ihn und sein Weib aufpassen würden. Mochten sie! Er war der Michelshofer voll Ehr und Würde, auch wenn das Vogtsein ihm nicht geraten; das heißt, ihm schon, aber den Allerweltsräten nicht.

Ganz das Gegenteil schien jedoch einzutreffen. Kannte man sich aus in den verschlossenen Seelen der Wäldler? Es kamen manche her und legten die Hände zum Gruß an Stoffels und seines Weibes Hände. Rätsel und Spannung seiner Wirksamkeit waren gelöst. Einer, der freiwillig abdankt, verliert nichts an Würde, ganz im Innersten bewundert man ihn. Ist das jemals vorgekommen? Hat ein Vogt, auch wenn man ihn dazu trieb, auch wenn er so gewollt hätte, von selber und auf solche stolze, fast auch lustige Art den Vogtsrock ausgezogen? Es gehört dazu Mut. Und beim Überlegen kamen die meisten Männer, die ein bissel Grütze im Kopfe hatten, dahinter, wie vornehm der Stoffel das Abdanken gemacht hatte und wie abgefeimt. Ein Schlitzohr dieser Kerl! Die weißen und grauweißen Köpfe der Gemeinderäte hätte man sehen mögen, nachdem der junge Vogt so stark davongegangen war. In den Hemdsärmeln! Nun, jung und alt wird nicht warm miteinander. Die Schuld lag an den Umständen.

Stoffel wurde es glatt ums Herz, als er merkte, daß man ihm Achtung zollte. Er ließ das Traben und Geißelknallen sein und fuhr bescheiden in der Zeile der zahlreichen Fuhrwerke in Buchenbronn ein, schirrte ab im »Schwarzen Adler« und schritt gemessen zum Gottesdienst, den Knaben Markus an der Hand. Agathe im Glanz ihrer seidenen Tracht ging vor ihnen her mit einer Base, die heiter lachte und gut einen Kopf größer war als die Michelsbäuerin. Es war die Patin des Markus, Lioba Schwer vom Zinken Moosgrund, unverehelichte Großbäuerin aus einem Geschlecht von lauter Sonderlingen. Sie lebte mit ihrem schwachsinnigen Bruder auf dem Einödhof: eine heitere, männlich kräftige Frau, die aber nichts von den Männern hielt, weil ihr Liebster sie vor vielen Jahren verlassen. Markus hing mit großer Liebe an ihr. Lioba kam selten in die Kirche; der Weg dahin war beschwerlich, fast ständig durch unwirtliche Dobel und feuchte Moorstrecken; denn sie wohnte gänzlich abseits. Sie kam auch selten in den Michelshof. 154

Lioba sagte zu Agathe: »Sei froh, daß dein Stoffel nimmer Vogt ist, er taugt dazu nicht, er ist durch und durch Bauer. Den Pflugsterz in der Faust, und nicht den Seidenhut in den Fingern! Sein Rücken ist zu gerade und sein Nacken zu hart! Sei froh, Michelsbäuerin! Und der Markus, was für ein kecker Bursche ist das geworden! Der hebt zusammen, was ihr geschafft habt. Glaub's!«

Die Lioba hatte eine sonderliche Art zu sprechen, fast eine städtische, sie las viel. Sie hatte die Werke von Jeremias Gotthelf und von Gottfried Keller im Wandschrank stehen. Weiß Gott woher! Und auch einige dicke Bände des sonderbaren Charles Dickens, in grüne Pappe gebunden, eines Engländers, dessen wundersame Geschichten jemand in Deutsch übersetzt hatte. Wenn sie über die Bücher gerate, erzählte sie oft, könnten Ochs, Stier, Schaf und Hühner brüllen, so laut sie es vermochten, sie höre nichts, sie gleite so tief in eine andere Welt, verstricke sich in das fremde Schicksal, als wäre es ihr eigenes.

Lioba besaß einen plauderseligen Mund, schier unbändige Fröhlichkeit leuchtete aus ihr, sie war unfromm im landläufigen Sinne, eher lebenslustig und oft zu lärmend inmitten der stillen, ernsten Bäuerinnen ihres Alters. Obgleich es noch niemand richtig gesehen haben wollte, ging doch das Gerücht über sie um, sie rauche und trinke wie das Mannsvolk und fluche auch so. Aber daneben pries man ihr Linnenzeug. Das schönste, das auf dem Walde sei, ruhe in ihren Truhen, aus selbstgepflanztem Flachs, eigenhändig gesponnen.

»Liebe Gotte«, sagte Markus einmal zu der Patin, »Ihr seht aus wie der Engel Gabriel in der biblischen Geschichte und manchmal wie der König David im Bibelbuch.« Da wurde Lioba rot und lachte still.

An diesem Pfingstsonntag tat Lioba Schwer auch Gutes an Agathens Gemüt, sie richtete es auf aus der leisen Furcht, die es vor der Zukunft befallen hatte und die eigentlich ständig wie Meltau über ihrem Dasein lag seit dem Brande. Alles Fehlschlagen und Abweichen vom alltäglichen Lebensablauf ängstigte sie wie Sündenschuld. Es war heimliche Angst, die meistens schlief wie Glut in der Asche, aber doch immer gegenwärtig.

In der Kirche neben der kraftvollen Gestalt der Lioba fühlte sich Agathe geborgen. Die aufjubelnden Klänge der Orgel 155 stimmten sie froh. Vorne in der Jungmännerbank der Schiltebacher sah sie Stoffels blonde Locke aufleuchten. Wie wollten sie selbander diesen Mittag über ihr Eigentum gehen, über Matte und Acker in den Wald mit Markus und beraten, wie man es mache künftighin. Denn nun hatte der Michelshof seinen Bauern wieder. Zärtlich wallte sie auf beim Gedanken an Stoffels starke Nähe. Beizeiten kam der Stoffel heim. Agathe lächelte in Träumen, indessen die Gemeinde sang, der Kirchenchor auch, und der neue strenge, junge Pfarrer gänzlich wider die Stimmung seiner Seele freudig predigen mußte, ja, in göttlicher Inbrunst wünschen sollte: O daß ich tausend Zungen hätte! Grämlich genug tat er das. Seelsorge hieß in seiner Auffassung Bußpredigen, die Aufrichtung und Durchstrahlung mit gottinnigem Frohsinn lag ihm nicht.

Er eiferte gegen die Sekten, so sehr er konnte, und eiferte gegen die Feindschaften der Sippen, die Unsittlichkeit des Jungvolkes, den Aberglauben, die Geld- und Feldgier der Bauern. Das war alles schon berechtigt, jedoch eiferte er ohne Güte und tiefes Wissen um die Rätsel der Volksseele. Es pulsen im Volksglauben, der allgemein unrichtig Aberglauben heißt, so viel allerfeinste Regungen des ersten Menschenwesens mit, des ersten Erwachens zum Gedanken, des ersten bewußten Schauens, der ersten Furcht und der frühesten Ahnung gotthaften Waltens. Man löscht dies nicht mit hartem Bußwort aus. Der Bauer ist kein Gaukler, er stellt nicht Geheimes und Unheimliches dar und nützt deren Mächte. Er glaubt an seine tiefen, von altersher erlebten Naturwunder und Ahnungen, an gute und böse Geister, an Heil und Unheil, gegen die er sich wehren kann mit Zauber und Segen. Der unerfahrene Heißsporn auf der Kanzel säte nichts als Mißtrauen in die sonderlichen und verschlossenen Herzen seiner Gemeinde, sie hörten ihm zu aus Ehrfurcht vor seinem Amt, aber sie hatten nichts von diesen Predigten als zuweilen heimlichen Groll. Und der Pfarrer fühlte sich unglücklich im Innersten, er rannte sich wund an der derben Duldsamkeit der Bauern und fand den Schlüssel nicht zu ihrem Wesen. Er stammte aus ganz anderem Stamme und aus der Stadt. Und er war noch zu jugendlich hochmütig im Geiste, um das allgemein Menschliche als Grundlage seiner Seelsorge zu erkennen, das ist die klare 156 Fröhlichkeit des Vertrauens. Wer fröhlich lehrt, hat Macht auch über das Verschlossenste. Es war die Macht des alten Pfarrers von Buchenbronn gewesen, der schier hundert Jahre alt wurde, ehe Gott ihn zu sich rief.

Und die Bauern hatten ihn geliebt, vor ihm schmolz jeder Trotz, und unter seine Augen traute sich kein böses Tun, kein Mißtrauen und kein Wirrglauben. »Das Volk ist gläubig«, sagte er oft, »wie ein Kind, es fürchtet und hofft, es liebt und haßt, wie es ihm im Blute treibt.«

Lioba meinte nach dem Gottesdienst, laut genug, daß alle vor und hinter ihr es hören konnten: »Wenn man dem jungen Kanzelherrn glauben wollte, so wären wir alle schlechte Menschen, unsere Herzen häßliche Mördergruben, und unser Tun und Denken das der Verbrecher.«

Man sah sie erstaunt an und sagte höchstens: »Wohl, wohl.« Und die Männer dachten vielleicht bei sich: »Ein scharfes Weib, die Lioba, sie hat Pfeffer auf der Zunge.« Im Innersten gaben sie ihr recht.

Für Agathe war ein Wort von der Kanzel gefallen, das ihr den Herzschlag für Sekunden verscheuchte: »Auch der sündige Gedanke gilt vor Gott als böse Tat.«

Doch vergaß sie es wieder, sobald sie die Sonne draußen wärmend umfloß, da die ganze Erde maiengrün im Safte stand, wohin man sah, und alle Leute fröhlichen Mutes schienen. Der Winter ist dahin, sang jeder Fink, der Winter ist dahin. Der Schwarzwaldschnee wird alt. Wenn es in der Ebene schon blüht auf allen Bäumen, strecken sich oben erst die Waldbückel und Äcker aus dem langen Schlafe. Der Lenz geht rasch und lustig über die Au, an seinem veilchenblauen Bande zieht er den Sommer hinter sich drein.

Stoffel, oh, Stoffel war so lustig wie keiner! Er ließ sich Zeit mit dem Einspannen der Pferde. Man trank einen Schoppen Markgräflerwein zur Feier des Tages im »Schwarzen Adler« und rauchte Schweizerstumpen dazu, dunkelbraun wie Bärendreck.

»Apropos Bärendreck, da Marks, hast ein Fünferle, hol dir beim Krämlesmichel eine Stange Lakriz«, sagte Lioba, die Patin.

Markus kehrt wieder und lutscht vergnügt an dem schwarzen 157 Zeug, ahmt des Vaters würdige Gebärden nach, der mit Genuß den Stumpen raucht. Und Agathe bekommt rote Wangen von der Hitze der Wirtsstube, auch vom Wein. Jung sieht sie aus, Stoffel schaut ihr lachend ins Gesicht. Alles Freudige sieht er heut, was für ein Tag ist das!

»Mir ist wohl wie einem Stier, dem man das Joch abgenommen«, meint er. Lioba kreischt auf und sagt zu Agathe hinüber: »Dann setzt's was, Base!« Die sieht in den Schoß und wird noch röter.

Schließlich hält es Stoffel nimmer aus im Lärm und in der Enge der Wirtsstube. Er treibt zum Aufbruch, nicht schnell genug kann es gehen. Er schirrt an und zuckt am Zügel, kaum daß die Weiber richtig sitzen.

»Hottno, kneck, kneck!« Und braust aus dem Orte. Unterwegs singt er Soldatenlieder, wenn die Kutsche im Schritt bergauf fährt. Marks lauscht andächtig. Er hat wohl einen anderen Vater? Richtig, das hat er!

 

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