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Baudelaire Übertragungen

Walter Benjamin: Baudelaire Übertragungen - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/benjamin/bauduebe/bauduebe.xml
typepoem
authorWalter Benjamin
titleBaudelaire Übertragungen
publisherSuhrkamp Verlag
seriesWalter Benjamin Gesammelte Schriften
volumeIV - 1
editorTillman Rexroth
year1991
isbn3518285343
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120618
projectid385aebc3
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Übertragungen aus anderen Teilen der »Fleurs du mal«

An den Leser

Dummheit Verirrung Sündenstand und Borgen
Befängt uns geistig und verzehrt den Leib
Und Reue nähren wir zum Zeitvertreib
Wie Bettler schmausend ihr Geschmeiß versorgen.

So starr die Sünden sind so matt die Bußgewalten;
Sehr reich bezahlt sich unser Eingestehn
Und leicht läßt sich der Kotpfad wieder gehn
Wenn wir uns greinend für gesäubert halten.

Der sanft im Kissen böser Lust geschaukelt
Uns Selige – Satan Trismegistos
Hat bis des Wollens edles Erz zerfloß
Uns Alchimistenkünste vorgegaukelt.

Gehn wir so hat der Teufel uns am Faden.
Begier nach Ekelhaftem nimmt uns mit;
Alltäglich führt uns höllenwärts ein Schritt
Gleichmütige, in pesterfüllte Schwaden.

Wie ein verarmter Wüstling unter Bissen
Die wehe Brust der alten Dirne sucht
Entwenden wir ein Glück – die schale Frucht
Die wir recht gründlich auszupressen wissen.

Mit unserm Bregen mästen wir, umschlungen
Wie Maden, ein Dämonenaufgebot
Und wenn wir Atem holen stürzt der Tod
Unsichtbar strömend dumpf in unsre Lungen.

Wenn Notzucht Gift und Brände bis zur Stunde
Uns allen als der angenehmste Rand
Im Webgrund trister Jahre unbekannt
So ists nur Mangel an Entschluß im Grunde.

Doch unterm Auswurf: Panthern Skorpionen
Schakalen Geiern Hündinnen und Nattern
Die kreischend heulend kletternd hinter Gattern
Im eklen Zwinger unsrer Laster wohnen

Bleibt ein gemeinstes ärgstes zu erwähnen!
Wenn es auch nicht auf Lärm und Mimik hält
Wünscht es den Erdball sich als Trümmerfeld
Und gern verschläng es eine Welt im Gähnen;

Der Spleen! – Er raucht die Pfeife, tränend zählt er
Schafott und Galgen in der Phantasie
Mein Freund, du kennst das diffizile Vieh
Freund – Hypokrit – mein Leser – mein Erwählter!

Die kranke Muse

Sag arme Muse was heut nacht dir war
In deinen Blick hat sich ein Spuk gesenkt
Auf deinen Wangen werde ich gewahr
Wie Wahn und Angst einander stumm verdrängt

Grünlicher Succubus und blasser Mahr
Ward dir aus deren Krügen eingeschenkt
Nahm dich zum Spiel ein herrischer Alb beim Haar
Hat in Minturnäs Öden dich ertränkt

Dein Busen sollte duftend wie das Leben
Guten Gedanken nur die Ruhstatt geben
Und deines christlich Blutes Strömen wollt ich hören

Ganz wie den Silbenstrom in den antiken Chören
In welchen herrscht von dem sie singen lernten
Apoll und mit ihm Pan der Herr der Ernten.

Die Riesin

Als noch Natur im mächtigen Vermögen
Geschwängert täglich Ungeheuer wiegte
Bei junger Riesin hätt ich wohnen mögen
Wie um der Fürstin Fuß die Katze schmiegte

Ich hätte Leib erblühen sehn bei Seele
Aufschießen frei in schreckenvollen Spielen
Erriet ob böse Glut ihr Herz verhehle
Weil feuchte Nebel ihr im Auge sielen

Schweif nach Gefallen im gewaltgen Schoß
Erklomm den Abfall ihrer Kniee groß
Und sommers oft wenn schlimm im Sonnenglast

Matt sie im Lande quer sich dehnen mag
Halt in der Brüste Schatten schläfrig Rast
Also ein Weiler still am Bergrand lag.

Totenreue

Wenn du entschlafen bist o Haupt voll Gram
Ausruhest unterm Stein von schwarzem Glimmer
Zum Bette dir verblieb und schmalen Zimmer
Die Gruft um die nur Regenrauschen kam

Beschwert der Stein den Busen voller Scham
Den matten Schoß in der Vergängnis Schimmer
Des Herzens Schlag und Drang verwehrt auf immer
Um Abenteuer ward dein Jagen lahm

Dann spricht das Grab aus meinem tiefen Leid
(Denn Dichtersprache sprechen Grabesgründe)
In langer Nächte schlummerloser Zeit

Was soll nun scheue Priesterin der Sünde
Daß du nicht wußtest um der Toten Klagen
Wie Reue wird der Wurm dein Herz benagen

Geistige Morgenröte

Wenn über Prassern weiß und goldnes Tagen
Gedenken trägt in Händen der Idee
Erweckt geheim ein rächerisches Weh
Des Engels Aug im Tiere aufgeschlagen

Der Geisterfüllten Himmel fernster Schein
Beruft den Menschen den der Alb noch drücket
Wie Abgrunds Licht den Stürzenden beglücket
So teure Göttin Wesen keusch und rein

Auf rauchgem Rest der Schwelgerei die lüstert
Gedenken dein viel rosiger und schöner
Schwebt über meinen Blicken als Bekröner

Die Sonne hat der Kerzen Schein verdüstert
So willst du Siegende den Schimmer erben
Atmende Seel der Sonne ohne Sterben.

Unterhaltung

Herbsthimmel bist du rosa und klar verbrämt
Doch aufsteigt Traurigkeit mir wie Meer im Innern
Und läßt verebbend zurück meinen Lippen vergrämt
Von bitterm Schlamm so kochendes Erinnern

Umsonst berührst du meine vergehende Brust
Dein Finger Freundin streift auf verwüsteten Straßen
Von Klauen verheert und vom Zahne der Weibeslust
Suche mein Herz nicht mehr das die Tiere fraßen

Mein Herz das Schloß durchwühlet von Pöbelhänden
Voll Unzucht Mordtat steht und des Streites Schrille
O Duft den deine nackten Brüste mir spenden

Dies Schönheit ist – du Geißel der Seelen dein Wille
An deinen Augen Gluten der Feste die thronten
Die Lumpen verbrenne du so die Tiere verschonten.

Herbstgesang

I

Bald werden wir in kalte Nebel fahren
Erlisch lebendges Licht in unsern Hallen
Schon hör ich überall in dumpfen Scharen
Die Scheiter in die breiten Höfe fallen

Ganz wird der Winter meinen Sinn bedecken
Mit Haß und Schauder Zorn und arger Not
Und wie die Sonne in der Pole Schrecken
Erstarrt mein Herz zum Block von eisigem Rot

Mit Frösteln hör ich fallen jeden Ast
Nicht dumpfer tönt die Richtstatt die man baut
Mein Geist fällt wie der Wartturm vor der Last
Des Widderstoßes der ihn täglich haut

Mir aber ist gewiegt wie im Geläute
Man nagelt einen Sarg im Erdenschoß
Für wen? War gestern Sommer Herbst ist heute
Dies trübe Raunen klingt wie Aufbruch groß.

II

Wie ist deiner Augen grünlicher Schimmer mir wert
Sanfte Schöne, doch heute brennt alles mich sehr
Und deine Liebe nicht, nicht Gemach oder Herd
Kommen der Sonne mir gleich wenn sie strahlt auf das Meer.

Dennoch sei du mir Mutter, mein Wesen, sei gut
Bleib es dem Undankbaren, ja bleib es dem Bösen;
Schwesterlich oder entbrannt, sei die flüchtige Glut
In die Herbst und sinkende Sonne sich lösen.

Nicht auf lange! Das Grab steht wartend bereit
Nimm meine Stirn, überlaß mich zu deinen Füßen
Trauervoll denkend der weißen der sengenden Zeit
Nun dem Strahle des Spätjahrs, dem gelben und süßen!

Einer Madonna

Ex-voto im spanischen Sinne

Gewähre daß ich dir Madonna meiner Fraue
In Krypten meiner Qual den Hochaltar erbaue
Und gründe wo zutiefst mein finstres Herze wüst
Fern von frivolem Blick und weltlichem Gelüst
Die Wölbung welche ganz von Himmelblau und Golde
In der du thronen sollst Gewaltige und Holde.
Von lauterem Metall sind Verse mein Geflecht
Das ich mit Reimen von Kristalle kunstgerecht
Zu deines Hauptes großer Krone vorbereite;
Und dann trägt meine Brunst, du tödlich Benedeite
Für den barbarischen und schweren Umhang Acht
Darinnen dich umstarrt ein Futter von Verdacht;
In ihm soll sich dein Charme als wärs in Schanzen wähnen;
Nicht Perlen säumen ihn, nein alle meine Tränen!
Und deine Robe sei mein Wunsch der nach dir drängt
Der wogende, mein Wunsch, der schwillt und der sich senkt
Der sich auf Gipfeln wiegt und in den Tälern rastet
Und kosend all dein Weiß und Rosenrot betastet.
Ich mach dir schöne Schuh aus meiner Devotion
Von Seide, die dein Fuß erniedriget zum Lohn
Den haben sie gemach in ihren Druck geschlossen
Und wahren treu sein Bild als wär es abgegossen.
Und ist all meine Kunst und Mühe nicht im Fall
Dir einen Silbermond zu leihn zum Piedestal
So sei die Schlange die mein Innres beißend ätzet
Dir, Triumphierende, zum Thronstieg vorgesetzet
Das Ungeheuer dir, Erlöserin, auf daß
Geschmäht und abgetan sein Geifern und sein Haß.
Sieh an mein geistig Werk das ich wie Kerzen stelle
In der erlauchten Magd bekränzte Weihkapelle
Wie rings sein Widerschein bestirnt der Wölbung Blau
Erglühet dir allein die Lohe seiner Schau;
Und weil in mir für dich nur Minnen und Verehren
Werd ich mich ganz in Myrrhn Benzoe und Weihrauch kehren;
Zu deinem Gipfel drängt, der strahlend und vereist
In Schwaden rastlos und gewitterschwer mein Geist.

Zuletzt, auf daß du ganz vollendet gleichst Marien
Und Grausamkeit in mir der Liebe gleich gediehen
Mach ich in Henkersbrunst doch voll Gewissensqual
Der Dolche sieben aus der Sünden Siebenzahl
Die reih ich teilnahmlos, nicht anders als jonglierend
Und deiner Liebe in ihr Innerstes visierend
Heft ich sie alle in dein Herze welches klopft
In dein Herz welches schluchzt in dein Herz welches tropft.

Sisina

Dianen denkt im Prängen schimmervoll
Durchstürmend Wälder spürt in Büschen krachend
Windwärts Gelock und Brust vom Toben toll
Hoffärtig und der besten Herren lachend

Saht ihr Terogen die Schlachten liebt im Groll
Zum Aufruhr den barfüßigen Pöbel fachend
Wang Aug im Feuer während Tod ihr scholl
Rasenden Schwertstiegs Königstreppen dachend

Seht so Sisina doch die sanfte Wilde
Eint mörderischem Mut so süße Milde
Ihr Sinn verstört von Dampf und Trommelschlägen

Tief senkt vor Flehenden das gewöhnte Schwert
Und ihr Herz wüst von Flammen in den Gehegen
Tränenquellen birgt jenem der Tränen wert.

Der Geist

Wie die Engel mit Augen fahl
Wo du schlummerst kehr ich zum Saal
Und will dir zur Seite sacht
Gleiten mit den Schatten der Nacht
Und dir werd ich du dunkle Blonde
Küsse geben kalt wie vom Monde
Und dazu Gestreichel von Schlangen
So um eine Grube rangen

Naht der Morgen im Erblinden
Mich am Ort wirst du nicht finden
Frost wird dort bis Abend hausen

Wie die andern mit der Zärte
Über deine junge Fährte
Herrschen will ich durch das Grausen.

Die Katzen

Geliebte voller Gluten und die strengen
Die Denker lieben in den reifen Stunden
Der prunken Katzen hochmutvolle Runden
Die fröstelnd so wie sie am Hause hängen

Der Weisheit freund und freund den großen Lüsten
Die Stille suchen sie und grauses Dämmern
Es hätte Erebos zu finstern Rennern
Erwählt die Stolzen wenn von Dienst sie wüßten

Im Sinnen wählen sie die edlen Lagen
Von Sphinxen die gestreckt im Öden ragen
Als hätte sie ein Traum in Schlaf gebannt

Von magischen Funken strotzen ihre Seiten
Und Zellen Goldes wie ein feiner Sand
In ihren runden Augen heimlich gleiten.

Frohsinn des Toten

In fettem Erdreich das voll Schnecken steckt
Will ich mir selbst die tiefe Gruft bestellen
Wo ich den Schlaf der meine Knochen streckt
Im Nichtsein schlummre wie ein Hai in Wellen.

Ich hab nicht Grab noch Erbschrift im Respekt;
Eh ich besorgte daß mir Tränen quellen
Lud ich noch heute wenn ich einst verreckt
Die Raben meinem Aas sich zu gesellen.

O Würmer! augenlose schwarze Freunde ihr
Euch naht ein Toter leicht und froh in mir;
Bedachte Schlemmer, Söhne der Zersetzung

Durchquert mein Haus von Skrupeln unbedroht
Und sagt mir ob noch fernerhin Verletzung
An den Kadaver rührt der nun mit Toten tot.

Die Wanduhr

O Wanduhr! finstres Numen du und ungerührtes
Dein Finger weist auf uns und sagt: »Erinnre dich!
Nicht lange und dein Herz erkennt mit jedem Stich
Der Schmerzen sich als Ziel und jeden Pfeil verspürt es;

Und dann verziehet Lust – ein Rauch am Himmelsrand
(Die Sylphe flüchtet so ins Dunkel der Kulisse)
Jedwedem schmälert Zeit mit einem jeden Bisse
Den Bruchteil vom Genuß den Gott ihm zugestand.

Es zischt dreitausendundsechshundertmal von droben:
Erinnre dich! die Stunde. – Eh du's meinst
Zirpt Gegenwart wie ein Insekt: Ich bin das Einst
Und hab mit eklem Rüssel Blut aus dir gehoben.

Remember! denk's! zuviel! esto memor!
(Denn mein metallner Mund ertönt in allen Zungen.)
Wie Stollen, Erdenwurm, in die du eingedrungen
Sind die Minuten. Hol das Gold daraus hervor!

Erinnre dich daß Zeit im Spiel auf Vorteil sinnet.
Sie macht (und ohne Trug), so gilt es, jeden Stich!
Es sinkt der Tag; die Nacht wächst an; erinnre dich!
Den Abgrund dürstet stets; die Wasseruhr verrinnet.

Bald schlägt die Stunde wo das Glück, dein hoher Gast
Wo Tugend, dein Gemahl, des Bett du niemals teiltest
Wo Reue (das Asyl das du zuletzt ereiltest)
Dir zuruft: Greiser Fant! nun stirb! es ist verpaßt!«

Der Wein des Einsamen

Der sehr verschwiegne Blick der Kurtisane
Der auf uns gleitet gleichend dem Erblassen
Lüsternen Monds im welligen See gelassen
Die Schöne badend ganz von Scham enttane

In Spielers Hand der letzte Louisdor
Ein frecher Kuß der schmächtigen Adele
Musik die träge schläferte die Seele
Gleich fernem Menschenschmerz aufschreit zum Ohr

Erkaufet doch nicht dich o Flasche räumig
Voll strengen Balsams so im Bauche schäumig
Wahrst welkem Herz des kindlichen Poeten

Einschenkest du ihm Hoffnung Leben Jugend
Und Hochmut den Schatz und die Bettlertugend
Die uns groß macht gleich Göttern zu denen wir beten.

Die Zerstörung

Ohn Ruh noch Rast der Dämon mich berennt
Er schwimmt um mich gleich leerem Hauch abgründig
Ich saug ihn ein der meine Lungen brennt
Füllt sie mit Sehnen ewiglich und sündig

Bisweilen wählt kund großer Lieb zur Kunst
Er die verführerischste Form der Frauen
Und unter Sprüchen liebt scheinheilger Gunst
Gemeine Tränke meinem Mund zu brauen

Er führt mich so weitab vom Aug des Herrn
Den Stöhnenden vom Schlaf Zerbrochnen fern
Zum Anger Langerweil öd und geheim

Und wirft in meine Augen voll Betörung
Befleckt Gewande offner Wunden Schleim
Und blutenden den Schemen der Zerstörung.

Die barmherzigen Schwestern

Wollust und Tod das sind zwei Mädchen fein
Mit Küssen schwellend reicher Säfte mächtig
Den keuschen Schoß in Lumpen hüllen ein
Der ward in ewgen Wehen niemals trächtig

Dem Dichter feind dem Haus im Traurigsein
Günstling der Höllen armem Höfling schmächtig
Grab und Bordell zeigt ihm im Buchenhain
Ein Bett drin wühlte nie Gewissen nächtig

Und Sarg und Lager geil bei Fluch und Schwarm
Uns reichen wechselnd wie barmherzge Schwestern
Gräßlicher Süße und Genüsse Lästern

Wann scharrt mich Wollust ein dein pestiger Arm
O Tod wann du in gleicher Reize Gürten
Zypressen schwarz pfropfst über faule Myrten?

Der Tod der Liebenden

Es werden tief im Dufte stehn die Betten
Divane wo wir wie in Gräbern wohnen
Und seltne Blumen auf erhöhten Stätten
Für uns erschlossne unter schönen Zonen

Zur Lust verleuchtend ihre Glut die letzte
Zwei Herzen werden große Feuer sein
In deren Glut gedoppelt sich benetzte
Der Zwillingsspiegel Geist im Widerschein

Ein Abend Rosa baut und heimlich Blauen
Wir werden tauschen jenes helle Schauen
Wie letztes Schluchzen das den Abschied beut

Später ein Engel in der Türen Spalten
Eintreten wird belebt treu und erfreut
Spiegel so blind und Flammen die erkalten.

Die Reise

III

Erstaunliche die fahren welche Mären
Erlest ihr in der Augen tiefem See
Reicht Schätze uns Gedächtnis zu gewähren
Blendenden Stein aus Sternen Luft und Schnee

Wir wollen sonder Dampf und Segel ziehen
Laßt nur erfragen die zur Kammer kamen
Auf unser Herz wie weißes Tuch gediehen
Erinnerung in der Horizonte Rahmen

Was saht ihr sagt?

VIII

Tod alter Steurer löse das Tau bereit
Dies Land ist Gram o Tod die Anker lichtet
Sind schwarz wie Tinte Meer und die Wolken breit
Besser das Herz kennst du das im Hellen schlichtet

Du schenke uns dein Gift das wohl uns stärke
Wir wollen so sehr brennt im Hirn dies Feuer
Zum Schlund hinab ob Höll ob Himmels Werke
Zum Unbekannten tauchend Neuem neuer.

Der Untergang der romantischen Sonne

Wie schön ist Sonne taucht sie frisch empor
Gleich sprengendem Geschoß zum Morgengruße
O selig wer erfüllt von edler Muße
Begrüßt ihr Sinken in der Träume Chor

Ich weiß noch alles Blumen sah ich Häge
Vor ihrem Blick erbleichen selbst die Quelle
Zum Horizonte läuft's ist spät lauft schnelle
Um noch zu haschen eines Strahles Schräge

Ich folge doch umsonst dem Gott der flieht
Weil unbesiegte Nacht das Reich bezieht
Schwarz feucht verderblich wo die Fröste hecken

Ein Grabesruch schwimmt überm finstern Land
Mein zager Fuß tritt an der Sümpfe Rand
Auf jähe Kröten und auf kalte Schnecken.

Die Stimme

An meine Wiege stieß der Saal mit Bücherbrettern
Das finstere Babylon wo Märe Epopoe
Und Weistum, Latiums Staub und Hellas Schutt in Lettern
Vereint. Ich maß damals ein Folio in der Höh.
Zwei Stimmen redeten mich an. Von einer leisen
Sehr sichern kams: »Ein süßer Kuchen ist die Welt;
Ich könnte (und dann ist dein Glück enorm zu preisen)
Tun, daß Begehrlichkeit von gleichem Maß dich schwellt.«
Die andre aber: »Folg o folg mir in die Lande
Des Traums, des Unerhörten, ja der Unnatur!«
Und diese sang so wie der Seewind überm Strande
Ein irrendes Phantom, wer weiß woher es fuhr;
Wohl schmeichelt es dem Ohr, doch Zittern machts im Grunde.
Dir rief ich zu: »Ja süße Stimme!« So beschwor
Ich was an mir ihr nennen möget meine Wunde
Und meinen bösen Stern. Denn hinter dem Dekor
Der Existenz, zutiefst im unermessnen Grabe
Zeigt mir das fremdeste der Weltsysteme sich;
Nun zieh ich Opfer meiner eignen Sehergabe
Ein Schlangenknäuel mit und fühle Stich auf Stich.
Und es geschah seitdem daß so wie die Propheten
Weltmeer und Wüste innig ich geliebt
Und muß zur Feier trüb zum Lachen trauernd treten
Und daß der herbste Wein für mich noch Süße gibt;
Daß oft als Lüge mir erscheinen will das Neue
Und daß ich strauchle, weilt mein Blick am Firmament.
Doch tröstend sagt die Stimme: »Halt dem Wahn die Treue
Hast du doch Träume wie der Kluge sie nicht kennt!«

Trauriges Madrigal

I

Was kann mir gelten deine Heiterkeit
Schön und betrübt sei du den Wangen
Sind zarte Tränen ein Geschmeid
So wie ein Strom dem Lande breit
Nach Wettern sieht man Blumen prangen

Ich liebe dich will Heiterkeit verhauchen
Auf deiner Stirne die zur Qual erlesen
Dein Herz sich ewig in Entsetzen tauchen
Und über deine Gegenwart sich bauchen
Die grause Wolke des »Gewesen«

Ich liebe dich wenn nie der Strom versiegt
Aus deinem großen Auge heiß wie Blut
Und wie auch meine Hand dich wiegt
Die schwere Bängnis dir obsiegt
Aufstöhnt wie Todeswut

Ich schlürfe wie gewaltige Lüste
Dich große Hymne die erfreut
Die Seufzer alle deiner Brüste
Weiß daß dein Herz erstrahlen müßte
Von Perlen die dein Auge streut(Der Mahner)

Der Mann der wert ist es zu sein
Hat eine gelbe Natter wohnen
Im Herzen; dort weiß er sie thronen;
Auf sein »Ich will!« verfügt sie: »Nein!«

Senk deine Blicke in die graden
Der Satyrfraun und der Najaden
Der Zahn sagt: »Was hast du vollbracht?«

Erzeug dir Kinder, setze Pflanzen
Behau den Marmor, feile Stanzen
Der Zahn: »Erlebst du noch die Nacht?«

Was er auch plant, wonach er bange
Ihm flieht kein Augenblick so schnell
Es ist mit ihrem Spruch zur Stell
Und mahnt ihn die verhaßte Schlange.

Der Rebell

Ein Engel bricht im Zorn auf ihn herein
Ins Haar des Zweiflers fährt er lichterloh
Und schüttelt ihn: Du wirst gehorsam sein
Denn ich bin dein Patron: ich will es so

Dir obliegt Liebe ohne Mienenzerren
Zu Armen Schlechten Krüppeln Idioten
Daß wenn er nahet Jesus deinem Herren
Sei deines Mitleids Teppich dargeboten

Liebe ist dies Eh du verfällst inwendig
Mach dich an Gottes Glorie neu lebendig
Das ist der Lust beständiges Gesicht

Der Engel züchtigt wie er liebt im treusten
Und zwingt den Rebell mit Riesenfäusten
Doch stets spricht der Verdammte: ich will nicht.

Vorbereitung

Gemach mein Schmerz und rege du dich minder
Der Abend den du anriefst sinkt und glückt
Dunkelheit umhüllet die Stadt gelinder
Die jenen friedlich macht und den bedrückt

Und wenn der taube Schwarm der Menschenkinder
Daß er sich Reu in seinen Freuden pflückt
Von Lust gepeitscht wird seinem argen Schinder
Gib mir die Hand mein Schmerz laß uns entrückt

Gewahren wie sich von Altanen droben
Die alten Jahre neigen in den Roben
Wie lächelnder Verzicht sich aufhebt aus der Flut

Die Sonne durch den Brückenbogen gleitet
Und wie ein Leichentuch das überm Osten ruht
Vernimm vernimm sie doch die süße Nacht die schreitet

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