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Barfüßele

Berthold Auerbach: Barfüßele - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleBarfüßele
publisherA. Weichert
firstpub1856
senderhille@abc.de
created20040922
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7. Kapitel.

Die barmherzige Schwester

Das war nun ein volles Leben im Hause des Rodelbauern. Barfüßele, so hieß man nun hinfort Amrei, war anstellig zu allem und wußte sich gleich bei allen beliebt zu machen; sie wußte der jungen Bäuerin, die fremd ins Dorf und ins Haus gekommen war, zu sagen, was hier der Brauch sei, sie lehrte sie die Eigenschaften ihrer nächsten Angehörigen kennen und sich danach richten, und dem alten Rodelbauer, der den ganzen Tag trotzte und sich nicht befriedigen konnte, weil er sich so frühe zur Ruhe begeben, wußte sie allerlei Gefälligkeiten zu erweisen und ihm zu erzählen, wie gar gut die Söhnerin sei, und es nur nicht von sich zu geben wisse; und als kaum nach einem Jahre das erste Kind kam, zeigte sich Amrei dabei so glücklich und in allen Erfordernissen so geschickt, daß jedes im Hause ihres Lobes voll war. daß man sie bei dem kleinsten Ungeschick eher dafür zankte, als daß man sie je in der Tat lobte.

Aber Amrei wartete auch nicht darauf, und namentlich dem Großvater wußte sie das erste Enkelchen immer so gut zuzutragen und zur geschickten Zeit wieder zu entziehen, daß man seine Freude daran haben mußte. Beim ersten Zahne des Enkels, den sie dem Rodelbauer zeigen konnte, sagte dieser: »Ich schenke dir einen Sechsbätzner, weil du mir die Freude machst. Aber weißt du? den, den du mir gestohlen hast an der Hochzeit; jetzt darfst du ihn ehrlich behalten.«

Dabei war aber die schwarze Marann' nicht vergessen. Es war allerdings ein schwer Stück Arbeit, mit ihr wieder ins Geleis zu kommen. Die Marann' wollte vom Barfüßele nichts mehr wissen, und ihre neue Herrschaft wollte nicht dulden, daß sie zu ihr hinginge, besonders nicht mit dem Kinde, da man noch immer fürchtete, daß ihm durch die Hexe ein Leid geschehe. Es bedurfte großer Kunst und Ausdauer, um diese Feindseligkeit zu besiegen; aber es gelang dennoch.

Ja, Barfüßele wußte es dahin zu bringen, daß der Rodelbauer die schwarze Marann' mehrmals besuchte. Das wurde als ein wahres Wunder im ganzen Dorfe berichtet.

Aber die Besuche wurden bald wieder eingestellt, denn die schwarze Marann' sagte einmal: »Ich bin jetzt bald siebzig Jahre und ohne die Freundschaft eines Großbauern ausgekommen; es ist mir nicht der Mühe wert, das noch zu ändern.«

Auch Dami war natürlich oft bei seiner Schwester, aber der junge Rodelbauer wollte das nicht dulden, denn er sagte nicht mit Unrecht, er müsse dadurch den großgewachsenen Burschen auch ernähren; man könne in einem solchen Hause nicht aufpassen, ob ein Dienstbote ihm nicht allerlei zustecke. Er verbot daher, außer Sonntags nachmittags, Dami den Besuch des Hauses. Dami hatte indes selbst zu sehr in das Behagen hineingeschaut, in einem so reich erfüllten Bauernwesen zu stehen; ihm wässerte der Mund danach, auch so mitten drin zu sein, und sei es nur als Knecht. Das Steinmetzenleben war gar so hungrig. Barfüßele hatte viel zu widersprechen; er solle bedenken, daß er nun schon das zweite Handwerk habe und dabei bleiben müsse; das sei nichts, daß man immer wieder anderes anfange und glaube, dabei sei man glücklich; man müsse auf dem Flecke, auf dem man steht, glücklich sein, sonst werde man es nie. Dann ließ sich eine Zeitlang beschwichtigen, und so groß war bereits die selbstverständliche Geltung Barfüßeles, und so natürlich die Annahme, daß sie für ihren Bruder sorge, daß man ihn immer nur »das Barfüßele-Dami« hieß, als wäre er nicht ihr Bruder, sondern ihr Sohn, und doch war er um einen Kopf größer als sie, und tat nicht, als ob er ihr Untertan sei. Ja, er sprach oft aus, wie es ihn wurmte, daß man ihn für geringer halte als sie, weil er nicht solch Maulwerk habe. Die Unzufriedenheit mit sich und seinem Beruf ließ er zuerst und immer an der Schwester aus. Sie trug es geduldig, und weil er nun vor der Welt zeigte, daß sie ihm gehorchen müsse, gewann sie dadurch nur immer mehr an Ansehen und Uebermacht in der Oeffentlichkeit; denn jedes sagte, es sei brav von dem Barfüßele, was sie an ihrem Bruder täte, und sie stieg dadurch noch, daß sie sich von ihm gewalttätig behandeln ließ, während sie für ihn sorgte wie eine Mutter; denn in der Tat wusch und nähte sie ihm in den Nächten, daß er zu den Saubersten im Dorfe gehörte, und bei zwei Paar Rahmenschuhen, die sie als Teil ihres Lohnes jedes halbe Jahr bekam, hatte sie beim Schuhmacher noch draufbezahlt, damit er solche ihrem Dami mache, denn sie selber ging allzeit barfuß, und nur selten sah man sie einmal des Sonntags in Schuhen in die Kirche gehen.

Barfüßele hatte viel Kummer davon, daß Dami, man wußte nicht wie, allgemeine Zielscheibe des Spottes und der Neckerei im Dorfe geworden war. Sie ließ ihn scharf darum an, daß er das nicht dulden solle; er aber verlangte: sie möge es den Leuten wehren und nicht ihm, er könne nicht dagegen aufkommen. Das war nun nicht tunlich, und innerlich war es dem Dami auch eigentlich gar nicht unlieb, daß er überall gehänselt wurde; es kränkte ihn zwar manchmal, wenn alles über ihn lachte und viel jüngere sich etwas gegen ihn Herausnahmen, aber es wurmte ihn noch weit mehr, wenn man ihn gar nicht beachtete, und dann machte er sich gewaltsam zum Narren und gab sich der Neckerei preis.

Bei Barfüßele dagegen war allerdings die Gefahr, der Einsiedel zu werden, den die Marann' immer in ihr erkennen wollte. Sie hatte sich an eine einzige Gespielin angeschlossen, es war die Tochter des Kohlenmathes. die aber nun schon seit Jahren in einer Fabrik im Elsaß arbeitete, und man hörte nichts mehr von ihr. Barfüßele lebte so für sich, daß man sie gar nicht zur Jugend im Dorfe zählte; sie war mit ihren Altersgenossen freundlich und gesprächsam, aber ihre eigentliche Gespiele war doch nur die schwarze Marann'. Und eben weil Barfüßele so abgeschieden lebte, hatte sie keinen Einfluß auf das Verhalten Damis, der, wenn auch geneckt und gehänselt, doch immer des Anschlusses bedürftig war und nie allein sein konnte wie seine Schwester.

Jetzt aber hatte sich Dami plötzlich ganz frei gemacht, und eines schönen Sonntags zeigte er seiner Schwester die Drangabe, die er bekommen hatte, denn er hatte sich als Knecht zum Scheckennarren von Hirlingen verdungen.

»Hättest du mir das gesagt.« sagte Barfüßele, »ich hätte einen bessern Dienst für dich gewußt. Ich hätte dir einen Brief gegeben an die Landfriedbäuerin im Allgäu, und da hättest du's gehabt wie der Sohn vom Haus.«

»O, schweig' nur von der,« sagte Dami hart, »die ist mir nun schon bald dreizehn Jahre ein Paar lederne Hosen schuldig, die sie mir versprochen hat. Weißt du noch? Damals, wie wir klein gewesen sind und gemeint haben, wir könnten noch klopfen, daß Vater und Mutter aufmachen. Schweig' mir von der Landfriedbäuerin. Wer weiß, ob die noch mit einem Worte an uns denkt, wer weiß, ob sie gar noch lebt.«

»Ja, sie lebt noch, sie ist ja eine Verwandte von meinem Haus, und es wird oft von ihr gesprochen, und sie hat alle ihre Kinder verheiratet bis auf einen einzigen Sohn, der den Hof kriegt.«

»Jetzt willst du mir nur meinen neuen Dienst verleiden,« klagte Dami, »und sagst mir, ich hätte einen bessern kriegen können. Ist das recht?« Seine Stimme zitterte.

»O, sei nicht immer so weichmütig,« sagte Barfüßele.

»Schwätz ich dir denn was von deinem Glück herunter? Du tust immer gleich, als ob dich die Gänse beißen. Ich will dir nur noch sagen: jetzt bleib' einmal bei dem, was du hast, sei darauf bedacht, daß du auf deinem Platze bleibst. Das ist nichts, so wie ein Kuckuck jede Nacht auf einem andern Baum schlafen. Ich könnte auch andere Plätze kriegen, aber ich will nicht, und ich hab's dahin gebracht daß mir's hier gut geht. Schau, wer jede Minut' auf einen andern Platz springt, den behandelt man auch wie einen Fremden; man weiß, daß er morgen nicht mehr zum Haus gehören kann, und da ist er schon heut' nicht daheim drin.«

»Ich brauch' deine Predigt nicht,« sagte Dami und wollte zornig davongehen. »Gegen mich tust du immer kratzig, und gegen die ganze Welt bist du geschmeidig.«

»Weil du eben mein Bruder bist,« sagte Barfüßele lachend und streichelte den Unwilligen.

In der Tat hatte sich eine seltsame Verschiedenheit der Geschwister herausgebildet. Dami hatte etwas Bettelhaftes und dann wieder plötzlich Stolzes, während Barfüßele immer gefällig und fügsam, dabei doch von einem inneren Stolze getragen war, den sie bei aller Dienstfertigkeit nicht ablegte.

Es gelang ihr jetzt, den Bruder zu beschwichtigen, und sie sagte: »Schau, mir fällt was ein, aber du mußt vorher gut sein, denn auf einem bösen Herzen darf der Rock nicht liegen. Der Rodelbauer hat ja noch die Kleider von unserm Vater selig; du bist ja groß, die sind dir jetzt grad recht, und du gibst dir auch ein Ansehen, wenn du mit solchem rechtschaffenen Gewand auf den Hof kommst, da sehen deine Nebendiensten auch, wo du her bist und was du für ordentliche Eltern gehabt hast.«

Das leuchtete Dami ein, und trotz vielem Widerspruch, denn er wollte die Kleider jetzt noch nicht hergeben, brachte Barfüßele den alten Rodelbauern dazu, daß er dieselben Dami einhändigte, und dann führte Barfüßele den Dami hinauf in ihre Kammer, und er mußte sogleich den Rock und die Weste des Vaters anziehen; er widerstrebte, aber was sie einmal wollte, das mußte doch geschehen. Nur den Hut ließ sich Dami nicht aufzwingen, und als er den Rock anhatte, legte sie die Hand auf die Schulter und sagte:

»So, jetzt bist du mein Bruder und mein Vater, und jetzt geht der Rock zum erstenmal wieder über Feld, und ist ein neuer Mensch drin. Schau, Dami, du hast das schönste Ehrenkleid, was es geben kann auf der Welt; halt' es in Ehren, sei drin so rechtschaffen, wie unser Vater selig gewesen ist.«

Sie konnte nicht weitersprechen und legte ihr Haupt auf die Schulter des Bruders, und Tränen fielen auf das wieder ans Licht gezogene Kleid des Vaters.

»Du sagst, ich sei weichmütig,« tröstete sie Dami, »und du bist es weit eher.«

In der Tat war Barfüßele von allem schnell tief ergriffen, aber sie war dabei auch stark und leichtlebig wie ein Kind; es war, wie damals die Marann' bei ihrem ersten Einschlafen bemerkt hatte, Wachen und Schlafen, Weinen und Lachen hart nebeneinander; sie ging in jedem Ereignis und jeder Empfindung voll auf, kam aber rasch wieder darüber hinweg ins Gleichgewicht.

Sie weinte noch immer.

»Du machst einem das Herz so schwer,« jammerte Dami, »und es ist schon schwer genug, daß ich fort muß aus der Heimat unter fremde Menschen. Du hättest mich eher aufheitern sollen, als jetzt so, so –«

»Rechtschaffenes Denken ist die beste Aufheiterung,« sagte Barfüßele, »das macht gar nicht schwer. Aber du hast recht, du hast geladen genug, und da kann ein einziges Pfund, das man darauf tut, einen niederreißen. Ich bin halt doch dumm. Aber komm, ich will jetzt sehen, was die Sonne dazu sagt, wenn der Vater jetzt zum erstenmal wieder vor sie kommt. Nein, das hab' ich ja nicht sagen wollen. Komm, jetzt wirst schon wissen, wo wir noch hingehen wollen, wo du noch Abschied nehmen mußt; und wenn du nur eine Stunde weit fortgehst, du gehst doch aus dem Ort; und da muß man dort Abschied nehmen. Ist mir auch schwer genug, daß ich dich nicht mehr bei mir haben soll, nein, ich meine, daß ich nicht mehr bei dir sein soll; ich will dich nicht regieren, wie die Leute sagen. Ja, ja, die alte Marann' hat doch recht: allein, das ist ein großes Wort, das lernt man nicht aus, was da drin steckt. So lang du noch da drüben über der Gasse gewesen bist, und wenn ich dich oft acht Tage nicht gesehen habe, was tut's? Ich kann dich jede Minute haben, das ist so gut, als wenn man beieinander ist; aber jetzt? Nun, es ist ja nicht aus der Welt ... Aber ich bitt' dich, verhebe dich nicht, daß du keinen Schaden leidest, und wenn du was zerrissen hast, schick' mir's nur; ich flick' und strick' dir noch, und jetzt komm, jetzt wollen wir auf den Kirchhof.«

Dami wehrte sich dagegen und wiederum mit dem Vorhalte, daß es ihm schon schwer genug sei, und daß er sich's nicht noch schwerer machen wolle. Barfüßele willfahrte auch diesem. Er zog die Kleider des Vaters wieder aus, und Barfüßele packte sie in den Sack, den sie einst beim Gänsehüten als Mantel getragen hatte, und auf dem noch der Name des Vaters stand. Sie beschwor aber Dami, daß er ihr den Sack mit nächster Gelegenheit wieder zurückschicke.

Die Geschwister gingen miteinander fort. Ein Hirlinger Fuhrwerk fuhr durch das Dorf. Dami rief es an und packte schnell seine Habseligkeiten auf. Dann ging er Hand in Hand mit der Schwester das Dorf hinaus, und Barfüßele suchte ihn zu erheitern, indem sie sagte:

»Weißt du noch, was ich dir da beim Backofen für ein Rätsel aufgegeben habe?«

»Nein.«

»Besinn' dich: was ist das Beste am Backofen? Weißt's nicht mehr?«

»Nein.«

»Das Beste am Backofen ist, daß er das Brot nicht selber frißt.«

»Ja, ja, du kannst lustig sein, du bleibst daheim.«

»Du hast's ja gewollt, und du kannst auch lustig sein, wolle du nur recht.«

Still geleitete sie ihren Bruder bis auf den Holderwasen; dort beim Holzbirnenbaum sagte sie:

»Hier wollen wir Abschied nehmen. Behüt' dich Gott und fürcht' dich vor keinem Teufel.«

Sie schüttelten sich wacker die Hände, und Dami ging Hirlingen zu, Barfüßele nach dem Dorfe. Erst unten am Berge, wo Dami sie nicht mehr sehen konnte, wagte sie es, die Schürze aufzuheben und sich die Tränen abzutrocknen, die ihr die Wangen herabrollten, und laut vor sich hin sagte sie:

»Verzeih' mir's Gott, daß ich das von dem Allein auch gesagt hab'; ich danke dir, daß du mir einen Bruder gegeben hast. Laß mir ihn nur, so lang' ich lebe.«

Sie kehrte ins Dorf zurück, es kam ihr leer vor, und in der Dämmerung, als sie die Kinder des Rodelbauern einwiegte, konnte sie nicht ein einziges Lied über die Lippen bringen, während sie sonst immer sang wie eine Lerche. Sie mußte immer denken, wo jetzt ihr Bruder sei, was man mit ihm rede, wie man ihn empfange, und doch konnte sie sich das nicht vorstellen. Sie wäre gern hingeeilt und hätte gern allen Menschen gesagt, wie gut er sei, und daß sie auch gut gegen ihn sein mögen; aber sie tröstete sich wieder, daß niemand ganz und überall für den andern sorgen könne. Und sie hoffte, es würde ihm gut tun, daß er sich selber forthelfe.

Als es schon Nacht war, ging sie in ihre Kammer, wusch sich aufs neue, zöpfte sich frisch und kleidete sich nochmals an, als ob es Morgen wäre, und mit dieser seltsamen Verdoppelung des neuen Tages begann ihr fast nochmals ein neues Erwachen.

Als alles schlief, ging sie noch einmal hinüber zur schwarzen Marann', und ohne Licht saß sie stundenlang bei ihr an dem Bette in der dunkeln Stube; sie sprachen davon, wie das sei, wenn man einen Menschen draußen in der Welt habe, der doch ein Stück von einem sei, und erst als die Marann' eingeschlafen war, schlich sich Barfüßele davon. Sie nahm aber noch den Kübel und trug Wasser für die Marann', und legte das Holz auf den Herd und so geschichtet, daß es am andern Morgen nur angezündet zu werden brauchte. Dann erst ging sie nach Hause.

Was ist Wohltätigkeit, die in Geldspenden besteht? Eine in die Hand gelegte Kraft, die wiederum von ihr entäußert wird. Wie anders ist es, die eingeborene Kraft selbst einzusetzen, ein Stück Leben hinzugeben, und noch dazu das einzige, das verblieben ist.

Die Stunden der Ruhe, die Sonntagsfreiheit, die Barfüßele gegeben war, opferte sie der schwarzen Marann' und ließ sich dabei noch zanken und schelten, wenn sie etwas gegen die Gewohnheit der Eigenbrödlerin getan hatte. Es fiel ihr nicht ein, dabei zu denken oder zu sagen: wie könnt Ihr mich noch zanken und schelten über etwas, was ich Euch schenke? Ja. sie wußte kaum mehr, daß sie dieses tat. Nur wenn sie an Sonntagsabenden bei der Vereinsamten still vor dem Hause saß und zum tausendsten Male gehört hatte, welch ein schmucker Bursch der Johannes am Sonntage gewesen sei, und wenn dann die jungen Burschen und Mädchen durch das Dorf zogen und allerlei Lieder sangen, da wurde sie etwas davon gewahr, daß sie hier saß und ihre Lustbarkeit opferte, und leise vor sich hin sang sie die Lieder mit, die von den Wandelnden im Verein gesungen wurden; aber wenn sie die Marann' ansah, hielt sie inne, und sie dachte darüber nach, wie es doch eigentlich gut wäre, daß der Dami nicht mehr im Dorfe sei. Er war nicht mehr die Zielscheibe allgemeiner Neckerei, und wenn er zurückkam, war er gewiß ein Bursch, vor dem alle Respekt haben mußten.

An Winterabenden, wenn im Hause des Rodelbauern gesponnen und gesungen wurde, da allein durfte Barfüßele mitsingen, und obgleich sie einen hellen, lauten Ton hatte, ließ sie sich doch dazu herbei, fast immer die zweite Stimme zu singen. Die Rosel, des Rodelbauern noch ledige Schwester, die um ein Jahr älter als Barfüßele war, sang immer die erste Stimme, und es verstand sich von selbst, daß auch die Stimme Barfüßeles ihr dienen mußte, wie denn überhaupt die Rosel, eine stolze und schneidige Person, das Barfüßele durchaus als Lasttier im Hause betrachtete und behandelte; allerdings weniger vor den Leuten als im geheimen. Und eben weil Barfüßele im ganzen Dorfe dafür angesehen war, daß sie im Hauswesen des Rodelbauern wacker angriff und alles in Stand hielt, war es eine Hauptangelegenheit der Rosel, sich bei den Leuten zu berühmen, wieviel Geduld man mit dem Barfüßele haben müsse, wie ihm die Gänsehirtin in allen Stücken nachginge, und wie sie es als ein Werk der Barmherzigkeit betrachte, das Barfüßele nicht so vor den Augen der Welt erscheinen zu lassen, wie es eigentlich sei.

Ein besonderer Gegenstand des Aufziehens und des nicht immer wähligen Spottes waren die Schuhe des Barfüßele. Es ging fast immer barfuß, und höchstens im Winter in abgeschnittenen Stiefeln des Bauern, und dennoch ließ sie sich bei jedem halbjährigen Lohne die brauchlichen Rahmenschuhe geben; sie standen aber oben in der Kammer unberührt, und Barfüßele ging doch so stolz, als hätte es alle die Schuhe auf einmal an; sie trug sie im Bewußtsein.

Sechs Paar Schuhe standen nebeneinander, seitdem Dami beim Scheckennarren diente. Die Schuhe waren mit Heu ausgestopft, und von Zeit zu Zeit tränkte sie Barfüßele mit Fett, damit sie geschmeidig blieben. Barfüßele war vollauf herangewachsen, nicht sehr hoch, aber stämmig untersetzt. Sie kleidete sich immer ärmlich, aber sauber und anmutig, und Anmut ist die Pracht der Armut, die nichts kostet und nicht zu kaufen ist. Nur weil es der Rodelbauer der Ehre des Hauses angemessen hielt, zog Barfüßele des Sonntags ein besseres Kleid an, um sich vor den Leuten zu zeigen; dann aber kleidete sie sich rasch wieder um und sah bei der schwarzen Marann' in ihrem Werktagskleide, oder sie stand auch bei ihren Blumen, die sie vor ihrem Dachfenster in alten Topfen pflegte. Nelken, Gelbveigelein und Rosmarin gediehen hier vortrefflich, und wenn sie auch manchen Ableger davon auf das Grab der Eltern gepflanzt hatte, es wucherte alles doppelt nach, und die Nelken hingen in windenartigen Büscheln fast hinab bis auf den Laubengang, der sich um das ganze Haus zog. Das weit vorgestreckte Strohdach des Hauses bildete aber auch einen vortrefflichen Schutz für die Blumen, und wenn Barfüßele daheim war, fiel im Sommer kein warmer Regen, bei dem sie nicht die Blumenscherben in den Garten trug, um sie dort ganz nahe dem mütterlichen Boden vollregnen zu lassen. Besonders ein kleiner Rosmarinstock, der in dem Topfe war, den einst Barfüßele auf dem Holderwasen zum allgemeinen Gebrauch bei sich gehabt hatte, besonders dieser Rosmarinstock war zierlich gebaut wie ein kleiner Baum, und Barfüßele ballte oft die rechte Faust und schlug die andere Hand darüber, indem sie vor sich hin sagte:

»Wenn's eine Hochzeit gibt von meinen Nächsten, ja von meinem Dami, dann steck' ich den an.« Ein anderer Gedanke stieg in ihr auf, vor dem sie errötete bis in die Schläfe hinein, und sie beugte sich und roch an dem Rosmarin: wie einen Duft aus der Zukunft sog sie etwas aus ihm ein, sie wollte es nicht dulden, und mit wilder Hast versteckte sie das Rosmarinstämmchen zwischen die andern großen Pflanzen, daß sie es nicht mehr sah, und eben schloß sie das Fenster, da läutete es Sturm.

»Es brennt beim Scheckennarren in Hirlingen!« hieß es bald. Die Spritze wurde herausgetan, und Barfüßele fuhr auf derselben mit der Löschmannschaft davon.

»Mein Dami! mein Dami,« jammerte sie immer in sich hinein, aber es war ja Tag, und bei Tag konnten Menschen nicht in einem Brande verunglücken. Und richtig! als man bei Hirlingen ankam, war das Haus schon niedergebrannt, aber am Wege in einem Baumgarten stand Dami und band eben die beiden Schecken, schöne, stattliche Pferde, an einen Baum, und ringsherum lief alles scheckig, Ochsen, Kühe und Rinder.

Man hielt an. Barfüßele durfte absteigen, und mit einem: »Gottlob, daß dir nichts geschehen ist,« eilte sie auf den Bruder zu. Dieser aber antwortete nicht und hielt beide Hände auf den Hals des einen Gaules gelegt.

»Was ist? Warum redest du nicht? hast du dir Schaden getan?«

»Ich nicht, aber das Feuer.«

»Was ist denn?«

»All mein Sach' ist verbrannt, meine Kleider und mein bißchen Geld. Ich habe nichts, als was ich auf dem Leib trage.«

»Und des Vaters Kleider sind auch verbrannt?«

»Sind die denn feuerfest?« sagte Dami zornig. »Frag' nicht so dumm.«

Barfüßele wollte weinen über dieses harte Anlassen des Bruders, aber sie fühlte rasch, wie durch einen Naturtrieb, daß Unglück sehr oft im ersten Anprall unwirsch, hart und händelsüchtig macht; sie sagte daher nur:

»Dank' Gott, daß du dein Leben noch hast; des Vaters Kleider, freilich, da ist was mitverbrannt, was man sich nicht mehr erwerben kann, aber sie wären doch auch einmal zugrunde gegangen, so oder so.«

»All dein Geschwätz ist für die Katz',« sagte Dami und streichelte immer das Pferd. »Da steh' ich nun wie der ›Gott verlaß mich nicht‹. Da, wenn die Gäule reden könnten, die würden anders reden, aber ich bin eben zum Unglück geboren. Was ich gut tue, ist nichts, und doch« –

Er konnte nicht mehr reden, es erstickte ihm die Stimme.

»Was ist denn geschehen?«

»Da die Gäule und die Kühe und Ochsen, ja, es ist uns kein Stück Vieh verbrannt, außer den Schweinen, die haben wir nicht retten können. Schau, der Gaul da drüben, der hat mir da mein Hemd aufgerissen, wie ich ihn aus dem Stalle ziehe; mein zuderhändiger Gaul, der hat mir nichts getan, der kennt mich. Gelt, du kennst mich. Humpele? Gelt, wir kennen einander?«

Der Gaul legte seinen Kopf über den Hals des andern und schaute Dami groß an, der jetzt fortfuhr:

»Und wie ich dem Bauer mit Freude berichte, daß ich das Vieh alles gerettet habe, da sagt er: das war nicht nötig, ist alles versichert und gut, hätt' mir besser bezahlt werden müssen! Ja, denk' ich bei mir, aber daß das unschuldige Vieh sterben soll, ist denn das nichts? Ist's denn, wenn's bezahlt ist, alles? Ist denn das Leben nichts? Der Bauer muß mir was angesehen haben von dem, was ich denk', und da fragt er mich: du hast doch dein Gewand und dein Sach gerettet? und da sag' ich: nein, nein, kein Fädele, ich bin gleich in den Stall gesprungen, und da sagt er: du bist ein Tralle! Wie? sag' ich. Ihr seid ja versichert. Wenn das Vieh bezahlt worden wäre, da werden doch auch meine Kleider bezahlt, und es sind auch noch Kleider von meinem Vater selig dabei und vierzehn Gulden, meine Taschenuhr und meine Pfeife. Und da sagt er: Rauch draus! Mein Sach' ist versichert und nicht das von den Dienstboten! Ich sag': das wird sich zeigen, und ich lass' es auf einen Prozeß ankommen, und da sagt er: So? Jetzt kannst du gleich gehen. Wer einen Prozeß anfangen will, hat aufgekündigt. Ich hätte dir ein paar Gulden geschenkt, aber so kriegst du keinen Heller. Jetzt mach, daß du fortkommst! ... Da bin ich nun, und ich mein', ich sollt' meinen zuderhändigen Gaul mitnehmen, ich hab' ihm das Leben gerettet, und er ging' gern mit mir. Gelt du? Aber ich habe das Stehlen nicht gelernt, und ich wüßt' mir auch nicht zu helfen, und es wäre am besten, ich spränge jetzt ins Wasser. Ich komme mein Lebtag zu nichts, und ich hab' nichts.«

»Aber ich hab' noch und will dir helfen.«

»Nein, das tu' ich nicht mehr, daß ich dich aussauge; du mußt dir's auch sauer verdienen.«

Es gelang Barfüßele, ihren Bruder zu trösten und ihn so weit zu bringen, daß er mit ihr heimging; aber kaum waren sie hundert Schritte gegangen, als etwas hinter ihnen drein trabte. Der Gaul hatte sich losgerissen und war Dami gefolgt, und dieser mußte das Tier, das er so sehr liebte, mit Steinwürfen zurückjagen.

Dami schämte sich seines Unglücks und ließ sich fast vor keinem Menschen sehen, denn es ist die Eigenheit schwacher Naturen, daß sie ihre Kraft nicht im Selbstgefühle empfinden, sondern gern durch äußerlich Erobertes zeigen, was sie eigentlich vermögen; Mißgeschick sehen sie als Zeichen ihrer Schwäche an, und wenn sie solches nicht verbergen können, verstecken sie sich selber.

Nur an den ersten Häusern des Dorfes hielt sich Dami auf. Die schwarze Marann' schenkte ihm einen Rock ihres erschossenen Mannes. Dami hatte einen unüberwindlichen Abscheu davor, ihn anzuziehen, aber Barfüßele, die ehedem den Rock des Vaters als ein Heiligtum betrachtet und gepriesen hatte, fand jetzt ebensoviel Gründe, zu beweisen, daß ein Rock doch eigentlich nichts sei, daß gar nichts darauf ankäme, wer ihn einstmals auf dem Leibe gehabt.

Der Kohlenmathes, der nicht weit von der schwarzen Marann' wohnte, nahm Dami mit als Gehilfen beim Holzschlagen und Kohlenbrennen. Dami war das abgeschiedene Leben am willkommensten, er wollte nur noch ausharren, bis er Soldat werden mußte, und dann wollte er als Einsteher eintreten und auf Lebenszeit Soldat bleiben; beim Soldatenleben ist doch Gerechtigkeit und Ordnung, und da hat niemand Geschwister und niemand ein eigen Haus, und man ist in Kleidung und Speise und Trank versorgt, und wenn's Krieg gibt: ein frischer Soldatentod ist doch das beste.

Das war es, was Dami am Sonntag im Moosbrunnenwalde aussprach, wenn Barfüßele hinabkam zum Meiler, dem Bruder Schmalz und Mehl und Rauchtabak brachte und ihn oft belehren wollte, wie er außer der gewöhnlichen Speise der Waldköhler, die in schmalzgebähtem Brot besteht, auch die Knödel, die er sich selber bereitete, schmackhafter machen könne; aber Dami wollte das nicht, gerade so wie sie auskamen, war es ihm recht: er würgte gern Schlechtes hinab, obgleich er hätte Besseres essen können, und überhaupt gefiel er sich in Selbstverwahrlosung, bis er einst zum Soldaten herausgeputzt würde.

Barfüßele kämpfte gegen dieses ewige Hinausschauen auf eine kommende Zeit und das Verlorengehenlassen der Gegenwart. Sie wollte den Dami, der sich in Schlaffheit wohlgefiel und sich dabei selbst bemitleidete, immer aufrichten; aber diesem schien in dem innern Zerfallen fast wohl zu sein. Er konnte sich eben dabei recht bemitleiden und bedurfte keiner Kraftanstrengung. Nur mit Mühe brachte es Barfüßele dahin, daß sich Dami aus seinem Verdienste wenigstens eine eigene Axt erwarb, und zwar die des Vaters, die der Kohlenmathes bei der Versteigerung gekauft hatte.

Mit tiefer Verzweiflung kehrte Barfüßele oft aus dem Walde zurück, aber sie hielt nicht lange an; die innere Zuversicht und der frohe Mut, der in ihr lebte, drängte sich unwillkürlich als heller Gesang auf ihre Lippen, und wer es nicht wußte, hätte nie gemerkt, daß Barfüßele je einen Kummer gehabt oder je einen habe.

Die Freudigkeit, die aus der unbewußten Empfindung floß, daß sie straff und unverdrossen ihre Pflicht tat und Wohltätigkeit übte an der schwarzen Marann' und an Dami, prägte ihrem Antlitz eine unvertilgbare Heiterkeit auf. Im ganzen Hause konnte niemand so gut lachen als das Barfüßele, und der alte Rodelbauer sagte: ihr Lachen töne just wie Wachtelschlag, und weil sie ihm allzeit dienstfertig und ehrerbietig war. gab er ihr zu verstehen, daß er sie einstmals in sein Testament setze. Barfüßele kümmerte sich nicht darum und baute nicht viel darauf, sie erwartete nur den Lohn, den sie mit Recht und Sicherheit ansprechen konnte, und was sie tat, tat sie aus einem innern Wohlwollen, ohne auf Entgelt zu warten.

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