Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Barfüßele

Berthold Auerbach: Barfüßele - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleBarfüßele
publisherA. Weichert
firstpub1856
senderhille@abc.de
created20040922
Schließen

Navigation:

3. Kapitel.

Vom Baum am Elternhause.

Am Tage vor Allerseelen sagte die schwarze Marann' zu den Kindern:

»Jetzt holt ordentlich Vogelbeeren, morgen brauchen wir sie auf dem Kirchhof.«

»Ich weiß wo, ich kann holen,« sagte Dami mit einer wahrhaft gierigen Freude und rannte zum Dorf hinaus, daß ihn Amrei kaum erreichen konnte, und als sie am elterlichen Hause ankam, war er schon oben auf dem Baume und neckte stolz, sie solle auch heraufkommen; weil er wußte, daß sie das nicht könne. Er pflückte nun die roten Beeren und warf sie hinab in die Schürze der Schwester. Sie bat ihn, er möge auch die Stiele mit abpflücken, sie wolle einen Kranz machen. Er sagte: »Das tu' ich nicht!« Und doch kam fortan keine Beere ohne Stiel mehr herunter.

»Horch, wie die Spatzen schelten,« rief Dami vom Baume, »die ärgern sich, daß ich ihnen ihr Futter wegnehme.« Und als er endlich alles abgepflückt hatte, sagte er: »Ich gehe nicht mehr herunter, ich bleib' da oben Tag und Nacht, bis ich tot herunter falle, und komme gar nicht mehr zu dir, wenn du mir nicht was versprichst.«

»Was denn?«

»Daß du deinen Anhenker von der Landfriedbäuerin nie trägst, so lange ich's sehe; versprichst du mir das?«

»Nein!«

»So komm' ich nicht mehr herunter!«

»Meinetwegen,« sagte Amrei und ging mit den Vogelbeeren davon. Sie setzte sich aber nicht weit entfernt hinter einen Holzstoß, wand einen Kranz und schielte dabei immer hinaus, ob Dami nicht endlich käme. Sie setzte sich den Kranz auf und plötzlich überfiel sie eine unnennbare Angst wegen Dami. Sie rannte zurück, Dami saß rittlings auf einem Aste an den Stamm zurückgelehnt und die Arme übereinandergeschlagen.

»Komm herunter, ich verspreche dir, was du willst,« rief Amrei und im Nu war Dami bei ihr auf dem Boden.

Zu Hause schalt die schwarze Marann' über das alberne Kind, das sich aus den Beeren, die man zum Grabe der Eltern brauche, einen Kranz gemacht habe. Sie zerriß denselben schnell und sprach dabei einige unverständliche Worte; dann nahm sie beide Kinder an der Hand und führte sie hinaus nach dem Kirchhof. Wo zwei Erdhaufen nahe aneinander waren, sagte sie:

»Da sind eure Eltern.« Die Kinder sahen sich staunend an. Die Marann' machte nun mit einem Stocke Furchen in Kreuzesform auf den Gräbern und wies die Kinder an, die Beeren da herein zu stecken. Dami war behend dabei und triumphierte, da er mit seinem roten Kreuze früher fertig war als die Schwester. Amrei schaute ihn nur groß an und erwiderte nichts, und erst als Dami sagte: »das wird den Vater freuen,« schlug sie ihn hinterrücks und sagte: »Sei still!« Dami weinte, vielleicht ärger, als es ihm ernst war; da rief Amrei laut: »Um Gottes willen verzeih mir, verzeih mir, daß ich dir das getan hab'; gelt. Dami, ich hab' dir nicht weh getan? Kannst dich drauf verlassen, es geschieht nie mehr, so lang ich lebe, nie mehr, nie. O, Mutter, o, Vater, ich will brav sein, ich versprech's euch; o, Mutter, o, Vater!« – Sie konnte nicht weiter reden, aber sie weinte nicht laut, nur sah man, es gab ihr einen Herzstoß nach dem andern, und erst als die schwarze Marann' laut weinte, weinte Amrei mit ihr.

Sie gingen heim, und als Dami »gute Nacht« sagte, raunte ihm Amrei leise ins Ohr: »Jetzt weiß ich's, wir sehen unsere Eltern nie mehr auf dieser Welt;« aber noch in dieser Mitteilung lag eine gewisse kindische Freude, ein Kinderstolz, der sich damit brüstet, etwas zu wissen, und doch war in der Seele dieses Kindes etwas aufgetaucht vom Bewußtsein jenes auf ewig abgeschnittenen Zusammenhanges mit dem Leben, das sich auftut im Gedanken der Elternlosigkeit.

Wenn der Tod die Lippen geschlossen, die dich Kind nennen mußten, ist dir ein Lebensatem verschwunden, der nimmer wiederkehrt.

Noch als die schwarze Marann' bei Amrei am Bette saß, sagte diese: »Ich mein', ich fall' und fall' jetzt immerfort, lasset mir nur Eure Hand;« und sie hielt die Hand fest und begann zu schlummern, aber so oft sie die schwarze Marann' zurückziehen wollte, haschte sie wieder danach. Die Marann' verstand, was das Gefühl vom endlosen Fallen bei dem Kinde zu bedeuten hatte: das ist ja beim Innewerden vom Tode der Eltern, als schwebe man im Wurfe, man weiß nicht woher und weiß nicht wohin. Erst spät gegen Mitternacht konnte die schwarze Marann' das Bett des Kindes verlassen, nachdem sie ihre gewohnten zwölf Vaterunser wer weiß zum wievielten Mal wiederholt hatte.

Ein strenger Trotz lag auf dem Gesicht des schlafenden Kindes. Es hatte die eine Hand auf die Brust gelegt, die schwarze Marann' hob sie ihm leise weg und sagte halblaut vor sich hin:

»Wenn nur immer ein Auge, das über dich wacht, und eine Hand, die dir helfen will, so wie jetzt im Schlafe, ohne daß du es weißt, dir die Schwere vom Herzen nehmen könnte! Das kann aber kein Mensch, das kann nur Er ... Tu du meinem Kinde in der Fremde, was ich diesem da tue.«

Die schwarze Marann' war eine »geschiechene« Frau, das heißt die Leute fürchteten sich fast vor ihr, so herb erschien sie in ihrem Wesen. Sie hatte bald vor achtzehn Jahren ihren Mann verloren, der bei einem räuberischen Anfall, den er mit Genossen auf den Eilwagen gemacht hatte, erschossen worden war. Die Marann' trug ein Kind unter dem Herzen, als die Leiche ihres Mannes mit dem schwarzberußten Gesichte ins Dorf gebracht wurde; aber sie faßte sich und wusch dem Toten das Gesicht rein, als könnte sie auch damit seine schwarze Schuld abwaschen. Drei Töchter starben ihr, und nur das Kind, das sie damals unter dem Herzen trug, war noch am Leben. Es war ein schmucker Bursch geworden, wenn auch mit seltsam schwärzlichem Gesichte, und er war jetzt als Maurergesell in der Fremde. Denn von der Zeit Brosis her, und namentlich seitdem dessen Sohn Severin sich mit dem Steinhammer zu so hohen Ehrenstellen hinaufgearbeitet, hatte sich ein großer Teil des Nachwuchses im Dorfe dem Maurerhandwerk gewidmet. Unter den Kindern war allezeit von Severin die Rede, wie von dem Prinzen im Märchen. So war auch das einzige Kind der schwarzen Marann' trotz ihrer Widerrede Maurer geworden und jetzt auf der Wanderschaft, und sie, die ihr Lebenlang nicht aus dem Dorfe gekommen war und auch kein Verlangen hatte, hinauszukommen, sagte manchmal, sie komme sich vor wie eine Henne, die eine Ente ausgebrütet; aber sie gluckste fast immer in sich hinein.

Man sollte es kaum glauben, daß die schwarze Marann' eine der heitersten Personen im Dorfe war; man sah sie nie traurig, sie gönnte es den Menschen nicht, daß sie Mitleid mit ihr haben sollten. Und darum war sie ihnen unheimlich. Sie war im Winter die fleißigste Spinnerin, so daß sie noch einen guten Teil davon verkaufen konnte, und »mein Johannes,« – so hieß ihr noch lebender Sohn – »mein Johannes,« hörte man in jeder ihrer Reden. Die kleine Amrei hatte sie, wie sie sagte, nicht aus Gutmütigkeit zu sich genommen, sondern nur weil sie ein lebendiges Wesen um sich haben wollte. Sie tat gern recht rauh vor den Leuten und genoß dabei um so mehr den Stolz eines heimlichen Rechtes.

Der gerade Gegensatz zu ihr war der Krappenzacher, bei dem Dami ein Unterkommen gefunden; der stellte sich draußen vor der Welt gern als der gutmütigste Allesverschenker, im Geheimen aber knuffte und mißhandelte er seine Angehörigen und besonders den Dami, für den er nur geringes Kostgeld erhielt. Er hieß eigentlich Zacharias und hatte seinen Spitznamen davon, weil er einst seiner Frau ein Paar fein hergerichtete Tauben als Braten heimgebracht hatte; es waren dies aber ein Paar gerupfte Raben, hierzulande Krappen genannt. Der Krappenzacher, der einen Stelzfuß hatte, verbrachte seine meiste Zeit damit, daß er wollene Strümpfe und Jacken strickte, und so saß er mit seinem Strickzeug überall im Dorfe herum, wo es was zu plaudern gab, und dieses Geplauder, wobei er allerlei hörte, diente ihm zu sehr einträglichen Nebengeschäften. Er war der sogenannte Heiratsmacher in der Gegend, denn namentlich da, wo sich noch die großen geschlossenen Güter finden, geschehen die Heiraten in der Regel durch Vermittler, die die entsprechenden Vermögensverhältnisse genau auskundschaften und alles vorher bestimmen. Wenn dann eine solche Heirat zustande gebracht war, spielte der Krappenzacher noch bei der Hochzeit die Geige auf, denn darin war er ein landeskundiger Meister. Er verstand aber auch Klarinette und das Horn zu blasen, wenn ihm die Hände vom Geigen müde waren. Er war eben ein Allerweltsmensch.

Das weinerliche und empfindliche Wesen Damis war dem Krappenzacher höchst zuwider und er wollte es ihm damit austreiben, daß er ihn recht viel weinen machte und ihn neckte, wo er nur konnte.

So waren die beiden Stämmchen, aus demselben Boden gewachsen, in verschiedenes Erdreich verpflanzt. Standort und Bodensaft und die eigene Natur, die sie in sich trugen, ließen sie verschiedenartig gedeihen.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.