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Barfüßele

Berthold Auerbach: Barfüßele - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleBarfüßele
publisherA. Weichert
firstpub1856
senderhille@abc.de
created20040922
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Einleitung.

In einer Erzählung Berthold Auerbachs wandert ein schwäbischer Bauer nach Amerika aus, und vor seinem neuen Besitztum errichtet er einen Wegweiser, auf dem geschrieben steht: Nach Nordstetten. Das ist nämlich seine Heimat. In diesem kleinen Gedanken steht der ganze Berthold Auerbach vor uns. Auch er ist aus seinem Schwarzwälder Heimatdorfe Nordstetten in die große Welt hinausgewandelt, hat sein Glück gesucht und gefunden – aber immerdar und überall hat dieser nach Nordstetten weisende Zeiger vor seiner Seele gestanden, immer wieder ist er dahin zurückgekehrt und schließlich hat er sich dort beerdigen lassen. Auch in geistigem Sinne hat er sich immer wieder dem engen Bezirk von Nordstetten zugewandt. Es ist der Schauplatz seiner Dorfgeschichten, der Boden, in dem seine Bauerngestalten wurzeln. Als er ihn verließ und es mit einem großen Roman versuchte, hatte er wenig Glück. Mit den nächsten Schöpfungen kehrte er zu dem Schwarzwalddorf zurück. Und auch nachdem er sich später im großen Zeitroman des damaligen Stils ehrenvoll hervorgetan, kam es trotzdem doch noch zu einer zweiten Umkehr und Heimkehr nach Nordstetten in Gestalt einer neuen Folge von Schwarzwälder Dorfgeschichten.

Berthold Auerbach wurde am 28. Februar 1812 geboren als das neunte Kind jüdischer Eltern. Unter den knorrigen, doch herzensguten Bauern von Nordstetten, die später durch ihn zu Weltberühmtheiten weiden sollten, gab es keinen Unterschied zwischen Christen und Juden, und so wuchs er unter der Knabenwelt des Dorfes auf ohne jegliche Absonderung, ohne das Bewußtsein einer Kluft zwischen ihm und den andern, bis eines Tages ein seltsames Erlebnis ihn stutzig machte. Er holte aus einer nahegelegenen Kreisstadt Salz für die Eltern. Da lauerten ihm ein paar Jungen aus der Stadt unterwegs auf, fielen über ihn her und hießen ihn Christum preisen. Er weigerte sich, da schlugen sie ihn, fesselten ihn, knebelten ihn und ließen ihn liegen. Als er daheim vermißt wurde, ging man mit einem Hunde auf die Suche und fand ihn, halbtot vor Angst und Erschöpfung. Dieser Vorfall, der ihn an den Rand des Todes brachte, hat einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und später, als er in der Talmudschule zu Hechingen weilte, um dem Wunsch der Eltern gemäß sich zum Rabbiner auszubilden, mag das Abenteuer aus seiner Kindheit zu einer Art Symbol für ihn geworden sein. Sich befehden, sich hassen, sich verfolgen: das war nichts für sein friedfertiges, liebevolles Gemüt. Aber Brücken schlagen, Gegensätze ausgleichen, Fäden von einer Partei zur andern spinnen: das war nach seinem Herzen. Und damit treffen wir einen der Grundzüge seines Wesens. Er ist immer eine Art Vermittler gewesen, zwischen dem Christentum und dem Judentum, zwischen der vornehmen Gesellschaft und dem Bauernstande, und schließlich auch in politischem Sinne zwischen Süddeutschland und Norddeutschland, zwischen denen zu seiner Zeit bis zum einigen Deutschland noch harte Steine wegzuräumen waren. Allein nach einem langen Leben solcher Vermittlerarbeit fand das feindselige Begebnis aus seiner Kinderzeit sein Gegenstück in dem wilden Haß, mit dem plötzlich der Antisemitismus auch über Berthold Auerbach herfiel und ihn einen Erzjuden schalt, mit dem ein Deutscher nichts zu tun hätte. Da mag er wieder an die Stunden der Angst und der Qual zurückgedacht haben, wo er als kleiner Junge mißhandelt und gefesselt am Boden lag.»Ich halte den Alten für das, was er gehalten werden sollte, für einen Deutschen und finde sein Geschick, das seine Laufbahn in dem antisemitischen Reste unseres Jahrhunderts enden ließ, geradezu tragisch. Der Mann fühlt sich einen Deutschen, zählt sich zu den Schriftstellern, die im deutschen Schrifttum etwas geleistet, genoß auch die Anerkennung nach beiden Richtungen hin, dezennienlang, plötzlich vor seinem Ende bekommt er es zu hören, daß er eigentlich denn doch gar nichts anderes sei, als ein deutschschreibender – Jude, ein Fremder.« Ludwig Anzengruber.

Als er sich darüber klar geworden war, daß er sich zum Beruf eines Rabbiners nicht eigne, waren seine ersten vermittelnden Arbeiten zwei auf jüdischem Boden spielende Romane, »Spinoza« und »Dichter und Kaufmann«, durch die er das Judentum der Allgemeinheit näherzubringen versuchte. Zugleich schloß er persönlich in diesen Werken seine Rechnung mit dem rabbinischen Studium und bekehrte sich zur freien Philosophie. Nun studierte er in Tübingen, München und Heidelberg, und der stille, friedfertige Träumer, der er im Grunde immer geblieben ist, nahm ein kleines Weilchen teil an dem tollen Verbindungsleben der damaligen Tage, das von Staats wegen nachdrücklich verfolgt wurde. Er mußte es denn auch mit einem unfreiwilligen Spaziergang auf den Hohenasperg büßen, welchen man im Volksmunde deshalb den höchsten Berg Schwabens nannte, weil es oft Monate dauerte, bis man wieder herunterkam. Hiernach widmete er sich ganz der schriftstellerischen Laufbahn, und nun hieß es arbeiten. Neben einer Uebersetzung der Werke seines Lieblingsphilosophen Spinoza, in dessen Geisteswelt er sich eingesponnen hatte, war es abermals eine Vermittlerarbeit, die er in dem Buche »Der gebildete Bürger« in die Welt schickte. Er schlug hierin eine Brücke zwischen Bildung und Volk und legte den arbeitenden Ständen die ernste Pflicht ans Herz, den Geist zu vervollkommnen. Er wollte ihnen einen Weg weisen zur Höhe des Wissens. Aber trotz allem liebevollen Bemühen, die wissenschaftliche und die volkstümliche Ausdrucksweise zu vereinbaren, traf er den rechten Ton noch nicht und fand keine Gegenliebe.

Er hatte es gut gemeint und auch wohl einen Erfolg erhofft. Der Fehlschlag war für ihn eine bittere Enttäuschung, zumal er sich mit der Feder sein tägliches Brot erwerben mußte. Mitten in diesen Schmerzen und Sorgen traf ihn der Tod des Vaters. Ueber der mühseligen Arbeit um des Leibes Nahrung und Notdurft hatte er Elternhaus und Heimat vergessen. Kraft jenes starken Familiensinnes, jener zähen Anhänglichkeit, die seiner Rasse eigen ist, fühlte er sich wie mit Zaubermacht in die Vergangenheit zurückgezogen. Der Tod des Vaters ließ eine halb vergessene Welt in ihm lebendig werden, und, wie mancher vor ihm und nach ihm, fand er unter der Einwirkung eines tiefen Schmerzes den ersten und wahren Ausdruck ureigenen Dichtergefühls. In der Innigkeit der Trauer versetzte er sich zurück in die Welt, der der Verlorene angehört hatte, und so entstanden die ersten seiner »Schwarzwälder Dorfgeschichten«.

Sie wirkten wie eine Offenbarung. Wohl war die Dorfgeschichte nichts Neues mehr. Immermann hatte in seinem »Oberhof« die Thüringer Bauern, Gotthelf, der erste große Realist des 19. Jahrhunderts ,die Schweizer Bauern, Alexander Weill die Elsässer Bauern, der Däne Vlicher die jütländischen Bauern geschildert; aber das waren Erscheinungen geblieben, die nicht das Uebergewicht über den hochtrabenden Adels- und Künstlerroman der damaligen Literaturperiode zu gewinnen vermochten. Auerbachs Erzählungen aber hatten die Frische des Quellwassers, an dem man sich nun nach dem dickblütigen, schwerflüssigen Gebräu der »jungdeutschen« Romane gesund trank. Die Jungdeutschen gefielen sich in einem geistreichen Spiel mit den Emanzipationsideen ihrer Zeit, bewegten sich in einer Sphäre exklusiver Bildung, schwelgten in einem Hautgout der Ueberzivilisation und hatten sich mehr und mehr zu einer Stickluft überreizter Empfindung verstiegen, die die Köpfe verwirrte, den Magen beschwerte. Aber diese Ueberreizung machte es nicht allein. Was Auerbachs Erzählungen sofort Geltung verschaffte, was ihnen vom Augenblick des Erscheinens an zum Welterfolg verhalf, das war wiederum das Vermittelnde, das ihnen innewohnte.

Indem er versuchte, das Leben und Weben der Landleute mit dem der andern Stände in Beziehung zu setzen, die Bauernschaft an der sozialen und politischen Entwicklung der Zeit teilnehmen zu lassen, brachte er das Dorf der Stadt nahe, erweckte er bei dem Städter, bei dem Gebildeten Sympathie mit dem Dörfler, mit dem schlichten, naiven, bildungslosen Bauern, und leitete anderseits aus der derben Kraft des Volksgemüts frische Säfte in das kränkelnde Blut der höheren Welt. Einer in Skeptizismus versinkenden, an Gefühlen verarmenden Zivilisation wies er einen frischen, kernhaften Boden, aus dem noch der Born der Empfindung lebendig und belebend quoll.

Als er die ersten Erzählungen schrieb, für die er, nebenbei bemerkt, nur mit großer Mühe einen Verleger fand, war er sich einer solchen Vermittlung nicht bewußt. Erst der Erfolg und die kritische Beurteilung klärten ihn darüber auf. Und nun ließ sein vermittelnder Eifer ihn in den Fehler verfallen, mehr und mehr Bildung in seine Bauern hineinzulegen, oder, wie die Kritik sich ausdrückte, sie erst sorgfältig Toilette machen zu lassen, damit sie in den Salons vorstellbar wären. Das Quellwasser erhielt einen künstlichen Zusatz, es wurde geschont, Wohl auch ein bißchen gefärbt, aber schmackhaft blieb es bei allem eben doch. Es lag auch ganz und gar in der Natur Auerbachs, daß er der Neigung auf die Dauer nicht widerstehen konnte, in seine Erzählungen allerlei Erläuterungen, Zurechtweisungen, allgemeine Gedanken und Einfälle hineinzuflechten. Diese Kunstmängel entsprangen aus Charaktervorzügen. Er war eine mitteilsame Natur, die stets das Verlangen trug, ihre Schätze auszuteilen, die Mitmenschen mitgenießen zu lassen. Der Drang, zu belehren, war in ihm so übermächtig, daß er es nicht empfand, wie die Redelust schließlich zur Redseligkeit ausartete. Auch die Lesewelt verzieh ihm das. Aus allem, was er sagte, sprach eben immer das lautere, reine Herz, der liebe, gute Mensch, der für das Schöne, Edle und Wahre eintrat. Und als solcher hat er durch seine Schriften Tausende und Abertausende erfreut, gebessert und belehrt, ohne das Gemüt eines Einzigen zu verwunden.

Wie sehr man das anerkannte und ihm dafür Dank wußte, das zeigte sich, abgesehen von dem Ruhm, den er zu Lebzeiten erwarb, von dem Erfolg, der ihm bis zuletzt treu blieb, am schönsten bei seiner Beerdigung (1882). Stadt und Dorf nahm daran teil, alle Schichten des Volkes umstanden seine Bahre, zwei Minister folgten dem Sarge im Auftrag ihrer Regierungen, Hunderte und Aberhunderte gaben ihm das letzte Geleit. An der Gruft sprach Vischer, einer der vier großen Ludwigsburger, die Gedenkrede.

»Hier wolltest du begraben sein.« hieß es darin, »hier in der Heimat, bei dem stillen Dorf, wo deine Wiege stand, wo du als Kind geträumt, als Knabe gespielt hast. Du hast wohlgetan. Denn hier in der traulichen Enge, fern von der lauten, bunten Welt war ja die Heimat deines besten Schaffens, in diesem Elemente floß die vollste Quelle deines wohlverdienten Ruhmes. Hier, wo sich, nach der Natur, menschlich der Mensch noch erzieht, hier ist dein Eigenstes. Hierin tut es dir keiner gleich. So bist du der Schöpfer der lebenswahren Idylle geworden. Du hattest Vorläufer, vereinzelt ist diese Form vor dir dagewesen, aber der Schöpfer heißt, wer eine Form reichlich entwickelt und als bleibende Gattung aufstellt im Saale der Dichtung. Bleibend – so werden auch deine Charaktergestalten bleiben, sie sind ewig, denn sie sind. Hoch, weit, ungehemmt von den Schranken des Raumes und der Zeit geht nun dein Geist durch die Welt. In fernen Tagen wird er noch bei manchem still in deine Blätter vertieften Leser anklopfen, hier im Vaterland und weit hinaus über seine Marken, wird ihm leise die Schulter berühren und ihn grüßen, und er wird innig dankend den Gruß erwidern. Leb wohl. Toter! Sei gegrüßt, Lebendiger!«

Das Wort Vischers wurde nur zum Teil zur Wahrheit. Die Gattung, die Auerbach »modern« gemacht hatte, fand zunächst sehr viele Pfleger. Schon der große Erfolg verlockte zur Nacheiferung. In Melchior Meyr (»Erzählungen aus dem Ries«), Rank (»Aus dem Böhmerwald«), Otto Ludwig (»Heiteretei«) schritt die Dorfgeschichte weiter, bis sie in Anzengrubers »Dorfgängen« einen neuen Aufschwung nahm und in Fritz Reuters »Stromtid« ihren Höhepunkt erreichte. In neuester Zeit ist sie, nachdem kraftvolle Autoren wie Hansjakob, Ganghofer, Rosegger und andere sie mit Vorliebe weitergepflegt hatten, unter der Stichmarke der »Heimatskunst« abermals in große Mode gekommen.

Zu unrecht aber ist dabei die neueste Zeit über Berthold Auerbach hinweggegangen. Es ist etwas in ihm, das bleiben wird, das dem wechselnden Geschmack trotzt: Liebe und Seelenreinheit. Die realistische Literatur glaubt die Nase über ihn rümpfen zu sollen, aber noch ist die Zeit nicht alt genug, um sich ein Urteil anzumaßen, und die Duldung, die Auerbach selbst stets in Fragen des Geschmacks gepredigt hat, die versöhnliche Haltung, aus der er nie herausgetreten ist, sollte auch an ihm nicht vergessen werden. »Denn wenn selbst Deutschland,« schreibt Anton Vettelheim, der Biograph Auerbachs, »so reich an Denkern und Dichtern sein sollte, daß es einen Volksmann von Auerbachs Gaben und Gesinnungen vergessen dürfte, seine Sache kann niemals verdunkelt werden. Sie ist größer als seine Person, unzerstörbarer als seine Werke und sein Nachlaß, mächtiger als eine ganze Zeit, unvergänglicher als ein ganzes Volk. Sie gleicht der messianischen Idee, der nie ganz erfüllten, nie ganz verlorenen Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden.«

Arno Holst.

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