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Barfüßele

Berthold Auerbach: Barfüßele - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleBarfüßele
publisherA. Weichert
firstpub1856
senderhille@abc.de
created20040922
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13. Kapitel.

Aus einem Mutterherzen.

Während Barfüßele im Dorf und in Feld und Wald träumte und sorgte und kümmerte, bald von seltsamen Freudenschauern sich durchrieselt fühlte, bald sich wie ausgestoßen vorkam in der weiten Welt, schickten Eltern ihr Kind fort, freilich, damit es um so reicher wiederkäme.

Droben im Allgäu, auf dem großen Bauernhofe, genannt zur »wilden Reuthe«, saß der Landfriedbauer mit seiner Frau bei ihrem jüngsten Sohne, und der Bauer sagte: »Hör' einmal, Johannes, jetzt ist mehr als ein Jahr um, seitdem du zurückgekehrt bist, und ich weiß nicht, was mit dir ist; du bist damals wie ein geschlagener Hund heimgekommen und hast gesagt, du wollest dir lieber hier in der Gegend eine Frau suchen, aber ich sehe nichts davon. Willst du mir noch einmal folgen, dann will ich dir kein Wort mehr zureden.«

»Ja, ich will,« sagte der junge Mann, ohne sich aufzurichten.

»Nun gut, versuch's noch einmal: einmal ist keinmal; und ich sage dir, du machst mich und die Mutter glücklich, wenn du dir eine Frau nimmst aus unserer Gegend, und am liebsten, wo die Mutter her ist. Ich kann dir's schon ins Gesicht sagen, Bäuerin, es gibt in der ganzen Welt nur einen guten Schlag Weibsleut', und der ist bei uns daheim, und du bist gescheit, Johannes, du wirst schon eine Rechtschaffene finden, und dann wirst du uns noch auf dem Totenbette danken, daß wir dich in unsere Heimat geschickt haben, dir eine Frau zu holen. Wenn ich nur fort könnte, ich ginge mit dir, und wir beide fänden schon die Rechte. Aber ich hab' mit unserm Jörg geredet, er will mit dir gehen, wenn du ihn darum ansprichst. Reit' hinüber und sag's ihm.«

»Wenn ich meine Meinung sagen darf,« erwiderte der Sohn, »wenn ich noch einmal gehen soll, möcht' ich wieder allein. Ich bin einmal so. Das verträgt bei mir kein anderes Aug', ich möcht' mit niemand darüber reden. Wenn's möglich war', möcht' ich am liebsten ungesehen und stumm alles erkundschaften; und kommt man nun gar zu zweit', da ist's so gut, wie wenn man's ausschellen ließ', und alles putzt sich auf.«

»Wie du willst,« sagte der Vater, »du bist einmal so aus der Art. Weißt was? Mach' dich gleich auf den Weg; es fehlt uns ein Gespann zu unserm Schimmel, such' dir einen dazu, aber nicht auf dem Markt; und wenn du so in den Häusern herumkommst, kannst du schon viel sehen, und kannst auch auf dem Heimweg ein Bernerwägelein kaufen. – Der Dominik in Endringen soll ja noch drei Töchter haben wie die Orgelpfeifen, such' dir eine aus, aus dem Haus wäre uns eine Tochter recht.«

»Ja,« ergänzte die Mutter, »das Ameile hat gewiß brave Töchter.«

»Und besser wär's.« fuhr der Vater fort, »du siehst dir einmal in Siebenhöfen die Amrei an, des Schmalzgrasen Tochter, die hat einen ganzen Hof, den könnte man gut verkaufen, die Siebenhöfener Bauern, die schlecken die Finger danach, wenn sie nur noch Aecker kriegen könnten, und da ist bar Geld, da gibt's keine Zieler; aber ich red' dir weiter nicht zu, du hast ja deine Augen selber bei dir. Komm, mach' dich gleich auf den Weg. Ich füll' dir die Geldgurte voll. Zweihundert Kronentaler werden genug sein, und der Dominik leiht dir, wenn du mehr brauchst. Gib dich nur zu erkennen. Ich kann's noch nicht verstehen, daß du dich damals auf der Hochzeit nicht zu erkennen gegeben hast; es muß dir etwas geschehen sein, aber ich will's nicht wissen.«

»Ja, weil er's nicht sagt,« ergänzte die Mutter lächelnd.

Der Bauer machte sich nun gleich daran, die Geldgurte zu füllen. Er brach zwei gestößelte Rollen auf, und man sah es ihm an, es tat ihm wohl, wie er so die grobe Münze von der einen Hand in die andere laufen ließ. Er machte Häufchen von je zehn Talern und zählte sie zwei-, dreimal ab, um sich ja nicht zu irren.

»Nun meinetwegen,« sagte der junge Mann und richtete sich auf. – Es ist der fremde Tänzer, den wir bei der Hochzeit in Endringen kennengelernt. Bald bringt er den gesattelten Schimmel aus dem Stall, schnallt noch den Mantelsack darauf, und ein schöner Wolfshund springt dabei an ihm empor und leckt ihm die Hände.

»Ja, ja, ich nehm' dich mit,« sagte der Bursche zu dem Hunde und erschien zum erstenmal im ganzen Gesicht freundlich, und er rief zum Vater hinein in die Stube: »Vater, darf ich den Lux mitnehmen?«

»Ja, wie du willst,« lautete von drinnen die Antwort aus dem Klingen der Taler heraus. Der Hund schien Hin- und Widerrede verstanden zu haben. Er sprang bellend und sich im Kreise drehend im Hofe umher.

Der Bursche ging hinein in die Stube, und indem er sich die Geldgurte umschnallte, sagte er: »Ihr habt recht, Vater, es wird mir jetzt schon wohler, weil ich jetzt aus dem so hinleben mich herausmache, und ich weiß nicht, man soll freilich keinen Aberglauben haben, aber es hat mir doch wohlgetan, daß der Schimmel sich nach mir wendet, wie ich in den Stall komme, und wiehert, und daß der Hund so auch mit will; es ist doch ein gutes Zeichen, und wenn man die Tiere befragen konnte, wer weiß, ob die einem nicht den besten Rat geben könnten.«

Die Mutter lächelte, aber der Vater sagte: »Vergiß nicht, daß du dich an den Krappenzacher hältst, und geh' nicht voran und bind' dich nicht, ehe du ihn befragt hast; der kennt das Inwendige aller Menschen auf zehn Stunden im Umkreis und ist ein lebendiges Hypothekenbuch. Jetzt behüt' dich Gott und laß dir Zeit, du kannst auf zehn Tage ausbleiben.«

Vater und Sohn schüttelten sich die Hände, und die Mutter sagte: »Ich geb' dir noch ein Stück das Geleite.«

Der Bursche führte nun das Pferd am Zügel und ging neben der Mutter her, still bis hinaus vor den Hof; und erst bei einer Biegung des Weges sagte die Mutter zagend: »Ich möchte dir gern Anweisungen geben.«

»Ja, ja, nur zu, ich höre gern drauf.«

Nun begann die Mutter, indem sie die Hand des Sohnes faßte: »Bleib' stehen, ich kann im Gehen nicht gut reden. – Schau, daß sie dir gefällt, das ist natürlich das erste: ohne Lieb' ist keine Freud', und ich bin nun eine alte Frau, gelt, ich darf alles sagen?«

»Ja, ja!«

»Wenn du dich nicht darauf freust und es nicht wie ein Gnadengeschenk vom Himmel ansiehst, daß du ihr einen Kuß geben darfst, da ist's die rechte Liebe nicht, aber... bleib' doch stehen ... und auch die Liebe reicht noch nicht aus, da kann sich noch etwas anderes dahinter verstecken. Glaub' mir ...« Die alte Frau hielt stotternd inne und wurde flammrot im Gesichte. »Schau, wo der rechte Respekt nicht ist, und wo man nicht Freud' daran hat, daß eine Frau grad so eine Sache in die Hand nimmt und grad so wegstellt und nicht anders, da geht's schwer; und vor allem achte darauf, wie sie sich zu den Dienstboten stellt.«

»Ich will Euch immer abnehmen und in klein Geld wechseln, was Ihr meinet, Mutter; das Sprechen wird Euch schwer. Jetzt das verstehe ich schon. Sie darf nicht zu stolz und nicht zu vertraut sein.«

»Das freilich, aber ich seh's einer am Mund an, ob der Mund schon geflucht und geschimpft und gescholten hat, und ob er's gern tut. Ja, wenn du sie im Aerger weinen sehen, wenn du sie im Zorn ertappen könntest, da wäre sie am besten kennen zu lernen; da springt der versteckte inwendige Mensch heraus, und das ist oft einer mit Geierkrallen wie ein Teufel. O, Kind! Ich hab' viel erfahren und ins Aug' gefaßt. Ich sah' daran, wie eine das Licht auslöscht, wie's in ihr aussieht und was sie für ein Gemüt hat. Die so im Vorbeigehen mit einem Hui das Licht ausbläst, mag's funkeln und blaken, das ist eine, die sich auf ihr schnelles Schaffen was einbildet, und sie tut das alles nur halb und hat keine Ruhe im Gemüt.«

»Ja, Mutter, das macht Ihr mir zu schwer; eine Lotterie ist und bleibt es immer.«

»Ja, ja, du brauchst auch nicht alles zu behalten, was ich mein', nur so obenhin, wenn dir's nachher vorkommt, wirst schon finden, wie ich's gemeint habe, und dann paß auf: ob sie gut beim Arbeiten redet, ob sie etwas in die Hand nimmt, wenn sie mit dir spricht, und nicht allemal still hält, wenn sie ein Wort sagt, und nicht eine Scheinarbeit tut. Ich sage dir, Arbeitsamkeit ist bei einer Frau alles. Meiner Mutter Red' ist immer gewesen: ein Mädchen darf nie mit leeren Händen gehen und muß über drei Zäune springen, um ein Federchen aufzulesen. Und dabei muß sie doch beim Schaffen ruhig und stetig sein, nicht so um sich rasen und aufbegehren, als wollte sie jetzt grad' ein Stück von der Welt herunterreißen. Und wenn sie dir Red' und Antwort gibt, merk' auf, ob sie nicht zu blöd' und nicht zu keck ist. Du glaubst gar nicht, die Mädchen sind ganz anders, wenn sie einen Mannshut sehen, als wenn sie unter sich sind, und die, wo immer gar so tun, als ob sie bei jedem sagen wollten: friß mich nicht! das sind die schlimmsten, aber die so ein gewetztes Mundstück haben und die meinen, wenn jemand in der Stube sei, dürfte das Maul gar nicht stillstehen, die sind noch ärger.«

Der Bursche lachte und sagte: »Mutter, Ihr solltet einmal predigen gehen in der Welt herum und Kirche halten für die Mädchen allein.«

»Ja, das könnte ich auch,« sagte die Mutter ebenfalls lachend, »aber ich bringe das Letzte zuerst vor. Natürlich, daß du zuerst darauf siehst, wie sie zu Eltern und Geschwistern steht; du bist ja selber ein gutes Kind, da brauch' ich dir nichts zu sagen. Das vierte Gebot kennst du.«

»Ja, Mutter, da seid ruhig, und da habe ich mein besonderes Merkzeichen: die viel Wesens von der Elternliebe machen, da ist's nichts; das zeigt sich am besten wie man tut; und wer viel davon schwätzt, ist müd' und matt, wenn's ans Tun geht.«

»Du bist ja gescheit,« sagte die Mutter in spöttischer Glückseligkeit, legte die Hand auf die Brust und schaute zu ihrem Sohne auf: »Soll ich dir noch mehr sagen?«

»Ja, ich hör' Euch immer gern.«

»Mir ist, wie wenn ich heut' zum erstenmal so recht mit dir reden könnte, und wenn ich sterbe, so habe ich nichts mehr hinter mir, was ich vergessen habe. Das vierte Gebot! ja, da fällt mir ein, was mein Vater einmal gesagt hat. O, der hat alles verstanden und viel in Schriften gelesen, und ich habe einmal zugehört, wie er zum Pfarrer, der oft bei ihm war, gesagt hat: ,Ich weiß den Grund, warum beim vierten Gebot allein eine Belohnung ausgesetzt ist, und man meint doch, da wäre es grad' am unnötigsten, denn das ist ja das natürlichste, aber es heißt: Ehre Vater und Mutter, damit du lange lebest! ... damit ist nicht gemeint, daß ein braves Kind siebzig oder achtzig Jahre alt wird; nein, wer Vater und Mutter ehrt, lebt lange, aber rückwärts. Er hat das Leben von seinen Eltern in sich, in der Erinnerung, in Gedanken, und das kann ihm nicht genommen werden, und er lebt lange auf Erden, wie alt er auch sei. Und wer Vater und Mutter nicht ehrt, der ist erst heut' auf die Welt gekommen und morgen nicht mehr da.«

»Mutter, das ist ein gutes Wort das verstehe ich, und ich werde es nicht vergessen, und meine Kinder sollen's auch lernen; aber je mehr Ihr so redet, je schwerer wird mir's, daß ich eine finde; ich meine, sie müßte so sein wie Ihr.«

»O Kind, sei nicht so einfältig! Mit neunzehn, zwanzig Jahren bin ich auch noch ganz anders gewesen, wild und eigenwillig, und auch jetzt bin ich noch nicht, wie ich sein möchte! Aber was ich dir noch sagen wollte? ja, von wegen der Frau. Es ist wunderlich, warum es gerade dir so schwer wird. Aber dir ist von klein auf alles schwerer geworden, du hast erst mit zwei Jahren laufen gelernt und kannst doch jetzt springen wie ein Füllen. Nur noch ein paar Kleinigkeiten, aber da kennt man oft Großes draus. Merk' auf, wie sie lacht; nicht so platschig zum Ausschütten, und nicht so spitzig zum Schnäbelchen machen, nein, so von innen heraus, ich wollt', du wüßtest wie du lachst, dann könntest du's schon abmerken.«

Der Sohn mußte hierbei laut auflachen, und die Mutter sagte immer: »Ja, ja, so ist's, so hat grad' mein Vater auch gelacht, so hat's ihm den Buckel geschüttelt und die Achseln gehoben.« Und je mehr die Mutter das sagte, um so mehr mußte der Sohn lachen, und sie stimmte endlich selbst mit ein, und so oft das eine aufhörte, steckte das fortgesetzte Lachen des andern es wieder an. Sie setzten sich an einen Wegrain, ließen das Pferd grasen, und indem die Mutter ein Maasliebchen abpflückte und damit in der Hand spielte, sagte sie: »Ja, das ist auch was, das hat viel zu bedeuten. Gib Acht, ob die Blumen gedeihen, da steckt viel drin, mehr als man glaubt.«

Man hörte in der Ferne Mädchen singen, und die Mutter sagte: »Merk' auch auf, ob sie beim Singen gern gleich die zweite Stimme singt; die wo gern immer den Ton angeben, das hat etwas zu bedeuten; und schau! da kommen Schulkinder, die sagen mir auch was. Wenn du's erkundschaften kannst, ob sie ihr Schreibbuch aus der Schule noch hat, das ist auch wichtig.«

»Ja, Mutter, Ihr nehmt noch die ganze Welt zum Wahrzeichen. Was soll denn das jetzt zu bedeuten haben, ob sie ihr Schreibbuch noch hat?«

»Daß du noch fragst, das zeigt, daß du noch nicht ganz gescheit bist. Ein Mädchen, das nicht gern alles aufbewahrt, was einmal gegolten hat, das hat kein rechtes Herz.«

Der Sohn hatte während des Redens versucht, die Treibschnur an der Peitsche, die sich verknotet hatte, aufzuknüpfen: jetzt holte er das Messer aus der Tasche und schnitt den Knoten entzwei. Mit dem Finger darauf hindeutend, sagte die Mutter:

»Siehst du? das darfst du tun, aber das Mädchen nicht. Gib Acht, ob sie einen Knoten schnell zerschneidet; da liegt ein Geheimnis drin.«

»Das kann ich erraten,« sagte der Sohn. »Aber Euer Schuhbändel ist Euch aufgegangen, und wir müssen jetzt fort.«

»Ja, und du bringst mich damit noch auf was,« sagte die Mutter. »Schau, das ist noch eins der besten Zeichen: gib acht, wie sie die Schuhe vertritt, nach innen oder nach außen, und ob sie schlürft und viel Schuhwerk zerreißt.«

»Da müßte ich zum Schuhmacher laufen,« sagte der Sohn lächelnd; »o Mutter, alles das, was Ihr sagt, das findet man nicht beieinander.«

»Ja, ja, ich red' zu viel, und du brauchst ja nicht alles zu behalten, es soll dich nur daran erinnern, wenn's dir vorkommt. Ich meine nur: nicht was eine hat oder erbt, ist die Hauptsache, sondern was eine braucht. Jetzt aber, du weißt, ich habe dich ruhig gehen lassen, jetzt mach' mir dein Herz auf und sag': Was ist dir denn geschehen, daß du voriges Jahr von der Hochzeit in Endringen heimgekommen bist wie behext und seitdem nicht mehr der alte Bursch bist von ehedem? Sag's, vielleicht kann ich dir helfen.«

»O Mutter, das könnet Ihr nicht, aber ich will's Euch sagen. Ich hab' eine gesehen, die die Rechte gewesen wäre, aber es ist die Unrechte gewesen.«

»Um Gottes willen! Du hast dich doch nicht in eine Ehefrau verliebt?«

»Nein, es ist aber doch die Unrechte gewesen. Was soll ich da viel drum herumreden? Es war eine Magd.«

Der Sohn atmete tief auf, und Mutter und Sohn schwiegen eine geraume Weile; endlich legte die Mutter die Hand auf seine Schulter und sagte: »O, du bist brav, ich danke Gott, daß er dich so hat werden lassen. Das hast du brav gemacht, daß du dir das aus dem Sinn geschlagen hast. Der Vater hätt' das nie zugegeben, und du weißt ja, was Vatersegen zu bedeuten hat.«

»Nein, Mutter, ich will mich nicht braver machen, als ich bin, es hat mir selber ganz allein nicht gefallen, daß sie eine Magd ist; das geht nicht, und drum bin ich fort. Aber es ist mir doch härter geworden, mir das aus dem Sinn zu bringen, als ich geglaubt habe; aber jetzt ist's vorbei, und es muß vorbei sein, ich habe mir das Wort gegeben, daß ich mich nicht nach ihr erkundige, niemand frage, wo sie ist und wer sie ist; ich bringe Euch, will's Gott, eine rechte Bauerntochter.«

»Du hast doch den Rechtschaffenen an dem Mädchen gemacht und hast ihm nicht den Kopf verwirrt?«

»Mutter, da, meine Hand, ich habe mir nichts vorzuwerfen.«

»Ich glaube dir,« sagte die Mutter und drückte mehrmals seine Hand, »und Glück und Segen auf den Weg.«

Der Sohn stieg auf, und die Mutter sah ihm nach, und jetzt rief sie: »Halt', ich muß dir noch was sagen, ich habe das Beste vergessen.«

Der Sohn wendete das Pferd, und bei der Mutter angekommen, sagte er lächelnd: »Aber nicht wahr, Mutter, das ist das letzte?«

»Ja, und die beste Probe. Frage das Mädchen auch nach den Armen im Ort, und dann lauf' herum und horch' die Armen aus, was sie über sie reden. Das muß eine schlechte Bauerntochter sein, die nicht ein Armes an der Hand hat, dem sie Gutes tut. Merk' dir das. und jetzt behüt' dich Gott und reit' scharf zu.«

Und wie er nun davonritt, sprach die Mutter noch ein Gebet auf seinen Weg. dann kehrte sie zurück nach dem Hof.

»Ich hätt' ihm doch noch sagen sollen, daß er sich auch nach des Josenhansen Kinder erkundigen soll, was aus denen geworden ist,« sagte die Mutter in seltsamer Erregung vor sich hin; und wer weiß die verborgenen Wege, die die Seele geht, die Strömungen, die hinziehen über unserer erkennbaren Schicht oder tief unter ihr? Es erwacht eine längst verklungene Lied- und Tanzweise in deiner Erinnerung, du kannst sie nicht laut singen, du bringst die Töne nicht zusammen, aber innerlich bewegt sie sich ganz deutlich, und es ist dir, als ob du es hörtest. Was ist's, das plötzlich diese verklungenen Töne in dir erweckte?

Warum dachte jetzt die Mutter an diese Kinder, die schon längst aus ihrem Gedächtnis geschwunden waren? War die andächtige Stimmung von jetzt wie eine Erinnerung an eine andere längst verklungene, und erweckte sie damit die begleitenden Umstände derselben? Wer kann die unwägbaren und unsichtbaren Elemente fassen, die hin und her von Mensch zu Mensch, von Erinnerung zu Erinnerung schweben und schwingen!

Als die Mutter in den Hof zurückkam zu dem Bauer, sagte dieser spöttisch:

»Du hast ihm gewiß noch viel Unterweisung gegeben, wie man die beste fischt; ich habe auch dafür vorgesorgt, ich habe voraus an den Krappenzacher geschrieben, der wird ihn schon in die rechten Häuser bringen. Er muß eine bringen, die brav Batzen hat.«

»Das Batzenhaben macht die Bravheit nicht aus,« entgegnete die Mutter.

»So gescheit bin ich auch,« höhnte der Bauer, »aber warum soll eine nicht brav sein können und doch auch brav Batzen haben?«

Die Mutter schwieg. Nach einer Weile aber sagte sie:

»An den Krappenzacher hast ihn gewiesen? Beim Krappenzacher ist der Bub vom Josenhans untergebracht gewesen.« So knüpfte sie jetzt durch den Namen laut an ihre frühere Erinnerung an, und jetzt erst wurde sie sich bewußt, wessen sie sich erinnert hatte, und kam später bei nachfolgenden Ereignissen, die sich uns bald auftun werden, noch oft darauf zurück.

»Ich weiß nicht, was du redest,« sagte der Bauer, »was hast du mit dem Kind? Warum sagst du jetzt nicht, daß ich das gescheit gemacht habe?«

»Ja, ja, das ist gescheit«, bestätigte die Frau, aber dem Alten genügte das nachträgliche Lob nicht, und er ging brummend hinaus.

Ein gewisses ärgerliches Bangen, daß es doch mit dem Johannes schief gehen könne, und daß man sich vielleicht zu sehr übereilt habe, machte den Alten für die Gegenwart und alles, was ihn umgab, unwirsch.

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