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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 7
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Letzte Zuflucht.

Thomas stürmte wütend durch den Garten nach der Klosterpforte. Frau Sibylle folgte, Klagen murmelnd, mit entsprechenden Kopf- und Armbewegungen.

»O sein Hitzkopf, – hab' mir's doch gleich gedacht, – sein Hitzkopf wird alles verderben! Mein Gott, – mein Gott, was für eine Welt! Der Teufel lacht, die Engel weinen, – was für eine Welt! – – Ei – ei, wenn Geistliche, gar Mönche und Äbte, so schwere Sachen auf die leichte Achsel nehmen, was muß da kommen? Einsturz, – Untergang, – Weltende! – – Thomas, warten Sie doch!«

Der Angerufene blieb auf der Straße stehen, Kopf und Nacken gebeugt, wie ein ergrimmter Stier.

»Ich habe Ihnen doch gesagt, mein, Sohn, Sie sollen schweigen. Jetzt haben wir's!«

»Hab' ich Ihnen nicht gesagt, daß Abt Armand ein ebenso großer Schurke ist wie Graf Rovere?« rief der Seidenweber entgegen.

»Wollen Sie schweigen, – wollen Sie an den Galgen?« unterbrach ihn die ängstlich umsehende Frau.

»Jawohl, Frau Mutter!« rief er grimmig. »Galgen muß es hunderttausend geben durch ganz Frankreich, um alle Spitzbuben und Leutschinder d'ran zu hängen.«

»Herr Jesus, – welche Reden! Sind Sie von Sinnen, Thomas? Waren Sie bei Sinnen, als Sie dem Abte beißende Reden sagten? Wer Anliegen hat, muß bitten, nicht beißen. Monseigneur hätte gewiß der Sache sich angenommen, allein Ihr Hitzkopf, Ihre spitzige Zunge haben alles verdorben.«

»Selbst Ihre Gutmütigkeit könnte so etwas glauben, Frau Mutter? Hören Sie, – hören Sie, – ich will Ihnen eine Wahrheit sagen: – Adel und Pfaffen halten immer zusammen gegen das unterdrückte Volk!«

»Bösewichte halten zusammen, – ja! Aber es gibt noch fromme Geistliche, gewissenhafte Diener Gottes, die einen Zorn haben gegen das Schlechte.«

»Von der frommen Sorte ist mir noch keiner begegnet.«

»Es soll Ihnen heute noch einer begegnen, mein Sohn! Der himmelweite Unterschied zwischen echten und falschen Priestern soll Ihnen klar werden. Ja, – letzte Zuflucht ist unser ehrwürdiger, guter Pfarrer! Gehen wir sogleich zu ihm.«

»Höchst überflüssig, Frau Mutter! Der Pfarrer wird nicht besser sein, als der Abt.«

»Doch, mein Sohn! Der Abt geht mit der aufgeklärten Welt, mit den Philosophen, mit den schlechten Zeitgeistern, – unser Pfarrer geht mit Gott und seinem Gewissen.«

»Was kann der Pfarrer mit Gott und Gewissen bei Menschen ausrichten, die keinen Gott und kein Gewissen haben?«

»Da haben wir's, – da sehen Sie, was Menschen wert sind, die keinen Gott und kein Gewissen haben! Was Leute taugen, die nur eine Vernunft haben, – eine Vernunft, die gerade so tanzt, wie ihr schlechtes Herz pfeift. Thomas, wie oft habe ich Sie schon gewarnt und gebeten, der Teufelsgesellschaft zu entsagen, und nicht der schlechten Aufklärung, sondern Gottes Wort Gehör zu schenken!«

»Gottes Wort Gehör zu schenken, das von Abt Armand und seinen frommen Mönchen gepredigt wird? Mir ekelt vor diesem Gelichter! Und dann, Frau Mutter, nur jetzt keine Vorwürfe! Für heute hab' ich gerade genug.«

»Sie wissen, Thomas, ich will Ihr Bestes!«

»Nach Ihrem Geschmack, Frau Mutter! Lassen wir das. Sie haben gesehen, daß ich doch besser bin, als so ein Abt, der Gottes Wort dazu gebraucht, die schlechten Absichten seines elenden Freundes zu unterstützen.«

»Darin haben Sie Recht, mein Sohn! Auch der Teufel unternimmt es zuweilen, mit dem Evangelium die Leute zu verführen. War unter zwölf Aposteln ein Judas, ein Satan, – warum sollte es heute nicht so sein?«

»Umgekehrt ist's heute, Frau Mutter, – unter zwölf Aposteln elf Judasse! Glauben Sie mir, alles Verderben kommt von den schlechten Pfaffen. Und weil es heute so viele schlechte Pfaffen gibt, darum ist groß das Verderben und namenlos das Elend des armen Volkes.«

»Ja, – sehen Sie, mein Sohn, die schlechten Pfaffen sind aber doch gerade die aufgeklärten, philosophischen Geistlichen.«

»Schon gut, – lassen wir die Philosophie beiseite! Der Philosophentanz ist einmal Mode in der Welt heute. Wer nicht mittanzen will, der schaue zu und warte ab, wohin der Tanz führt.«

»Zum Untergang, mein Sohn!«

»Schon gut! Ist der Pfarrer alt oder jung?«

»Siebzig Jahre, – ein frommer Mann, – ein Heiliger!« und Frau Duval hob ein langes Rühmen des Verehrten an, in dem sie Gilbert nicht unterbrach.

»Das ist unser Seelsorger, – arm, wie eine Kirchenmaus, – liebevoll, wie ein Engel, – barmherzig, wie ein Samariter, – opferwillig, wie ein guter Hirt, – und hier wohnt er!« schloß Frau Sibylle, auf ein sehr bescheidenes, kleines Haus deutend.

Sachte berührte sie den Klopfer. Im Innern bellte ein Hündchen. Die Türe ging auf und der kleine Kläffer verwandelte sein Bellen in freundliches Gewinsel, indem er an Frau Sibylle emporsprang. Noch freundlicher empfing den Besuch die hochbetagte Haushälterin, welche eine Zwickbrille auf der Nase, einen Strickstrumpf in der Hand und auf dem Kopfe ein blendend weißes Häubchen trug.

»Gelobt sei Jesus Christus, Jungfer Martha!« grüßte Sibylle.

»In Ewigkeit! – Welche Freude, – ach, unsere gute Frau Duval, – nur herein! Schon glaubte ich, Sie seien krank, da Sie nicht in der Vesper waren.«

»Heute war mir's unmöglich, liebe Jungfer Martha! Ich habe ein großes, sehr großes Anliegen. Ist der hochwürdige Herr zu Hause?«

»Gewiß, – schon wieder über den Büchern! Denken Sie, auch er hat Ihre Abwesenheit bemerkt in der Nachmittagskirche. ›Von meinen zwölf Schäflein fehlte heute eines,‹ sagte er. ›Diesen Morgen sah ich noch Frau Duval bei der heiligen Messe, – ein wichtiger Grund muß sie von der Vesper abgehalten haben.‹«

»Der hochwürdige Herr hat's erraten, – ein wichtiger Grund! Seien Sie doch so gefällig und melden Sie uns gleich.«

Dieses Gespräch wurde mit gedämpften Stimmen, aber gewandten Zungen im Hausflur geführt. Thomas betrachtete die engen Räumlichkeiten. Er sah durch die geöffnete Stubentüre die ärmlichen Möbel, in der gegenüber liegenden Küche notdürftige Vorrichtungen zum Kochen. Aus dem Ganzen schloß er auf eine sehr bescheidene Lebensweise, und sein Philosophenkopf fand auch hier die Menschenrechte knapp beschnitten.

Die zurückkehrende Martha geleitete den Besuch nach dem Zimmer des Pfarrers und verschwand.

Abbe Longuet, ein hagerer Mann, mit vielen Falten der Sorgen und des Kummers im Gesichte, empfing überaus gütig die Eintretenden. Er nahm das schwarze Käppchen vom kahlen Schädel und reichte Frau Duval die Hand. Dem vorgestellten Seidenweber nickte er freundlich zu und rückte zwei Stühle. Er selber ließ sich auf einen alten, gepolsterten Ledersessel nieder, ebenso leidend und abgängig, wie der abgeschabte, mit vielem Flickwerk restaurierte Talar des greisen Pfarrers Longuet. Die ganze Einrichtung des Zimmers harmonierte mit dem dürftigen Anzuge des Geistlichen. Tische, Stühle und Schrank waren von Tannenholz. An den Wänden künstlerisch wertlose Heiligenbilder, aber ein Kruzifix mit einem kostbaren, aus Elfenbein geschnitzten Christus. Das Büchergestell dehnte sich anspruchsvoll und behauptete eine ganze Wandfläche. Starke Folianten, in ledernen Decken, blickten stolz aus den Reihen hervor, und einer dieses Geschlechtes lag geöffnet auf dem Tische.

Frau Duval hatte ihr Anliegen vorgetragen, und Thomas hiebei in dem faltenreichen Gesichte des Pfarrers zu lesen gesucht. Der Gesichtsausdruck blieb ruhig, nur schienen sich die Falten noch mehr zu vertiefen.

»Nun wissen Sie alles, hochwürdiger Herr!« schloß Frau Sibylle. »Thomas hat vergebens dem Grafen Henry Vorstellungen gemacht. Vergebens haben wir den Beistand des Abtes angerufen; – Sie, unser Seelsorger, sind die letzte Zuflucht! Können Sie uns nicht helfen, dann geschieht das Ärgste, das Unerhörte, – ein Ding geschieht, das einer christlichen Mutter das Herz abdrücken könnte,« – und Tränen stürzten aus ihren Augen.

»Fassen Sie Mut, meine Tochter,« sprach ernst der Greis. »Der gerechte Gott sieht Ihren Schmerz, den Sie leiden, um Ihrer christlichen Gesinnung willen, – der Herr wird vergelten. Auch die schamlosen Absichten der Gottlosen schaut der Allmächtige und schon hat sich sein strafender Arm zur Züchtigung erhoben. Armes Frankreich, was steht dir bevor! Ernten wirst du, was gesät worden!«

Die letzten Worte sprach Longuet mehr zu sich selbst, und zwar mit dem Ausdrucke herben Schmerzes.

»Darf ich fragen, was Hochwürden zu tun gedenken?«

»Meine Pflicht, weiter nichts!« antwortete der Pfarrer. »Was tut ein Hirt, wenn der Wolf einbricht in die Herde? Er stellt sich der Bestie entgegen und wehrt sie ab. Genau dasselbe zu tun ist meine Pflicht. Vergeblich zwar dürfte mein Bemühen sein. Mit Verachtung wird man im Schlosse mich empfangen, mit Spott- und Hohnreden mich behandeln, – immerhin!«

»Ach Gott, Hochwürden, – nun reut's mich fast, Sie nach dem Schlosse zu schicken, wenn's doch vergeblich ist! Wenn Sie umsonst dem Gespötte der Nichtswürdigen preisgegeben sind.«

»Den verpflichteten Helfer, Ihren Seelsorger, haben Sie angerufen, meine Tochter! Unrecht wäre es, wenn Sie dies nicht getan hätten. Spott und Hohn sind ja meine täglichen Gesellschafter, – Sie wissen es!« fügte er mit trübem Lächeln bei. »Seit dreißig Jahren bin ich hier die Zielscheibe der Verachtung, der Spottreden, der Verfolgungen; denn Nod ist eine Vorstadt des verderbten Limoges. Fünfzehnhundert Seelen in Nod bin ich ein Anstoß, ein Schwärmer, ein Betrüger, ein dummer Fanatiker, – und nur zwölf Seelen hören auf die Stimme ihres Hirten. Betrachten und prüfen Sie mein dreißigjähriges Leiden, und Sie werden finden, daß gräfliche Spötteleien daneben gar wenig bedeuten.«

»Sie haben Recht, Hochwürden, so ist es! Mein Gott, was für eine schlechte Welt! Die Kirchen stehen leer, die Wirtshäuser sind angefüllt. Gottes Gebote werden verachtet, und nach ihrer Vernunft tun die Leute, was ihnen gefällt. Wer noch glaubt an die Religion, der wird als dumm verschrieen. Wer die Religion am frechsten verhöhnt, der gilt als ein gescheiter Mensch. Und so geht es durch ganz Frankreich, – die fromme Vendee ausgenommen. Ach, Hochwürden, man möchte nimmer leben!«

»Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden!« antwortete der Greis. »Seien Sie deshalb ruhig in Ihrem Gemüte. Frankreich wird zwar gerichtet werden nach dem Maße seiner Schuld vor dem Herrn, – aber denen, die Gott lieben, wird alles zum besten gereichen. – – Seidenweber sind Sie, mein Freund?« wandte er sich an Gilbert.

»Ja, mein Herr!«

»Arbeiten Sie fleißig in Ihrem Berufe und vergessen Sie niemals Ihre ewige Bestimmung, mein Freund! Gräuliche Sittenverwilderung und Glaubenslosigkeit verwüsten namentlich die Städte, – retten Sie Ihre Seele!«

Schweigend ertrug der Philosoph die väterlich ernste Mahnung. Aus keinem anderen Munde hätte er solche Worte widerspruchslos hingenommen. Aber diesem Manne gegenüber, dessen ganzes Wesen milde Herzensgüte und Geisteshoheit atmete, schämte er sich zeitgemäßer Bildung.

»Hoffen wir das beste!« sprach der Greis beim Abschiede. »Haben wir alle unsere Schuldigkeit getan, so kränken uns wenigstens keine Vorwürfe wegen unterlassener Pflichten.«

Er geleitete den Besuch bis unter die Haustüre, wo er noch eine Weile stehen blieb und den Weggehenden nachblickte.

»Nun, Thomas, was sagen Sie?« frug triumphierend Frau Sibylle. »Hatte ich Recht oder nicht?«

»Man muß gestehen, – ein würdiger Priester! Wären alle Geistlichen, wie dieser, es sähe in der Welt nicht so erbärmlich aus.«

»Nicht wahr? O ich sagte es ja! Er geht hinauf in's Schloß, ungefähr, wie St. Johannes vor den schlechten Herodes, und redet dem Grafen in's Gewissen. Ach, – wie werden die Philosophen den alten guten Herrn verspotten! Dennoch geht er frohen Mutes den dornenvollen Weg, – aus Liebe zu uns, – aus Pflichtgefühl gegen Gott, – welch ein Mann!«

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