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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 50
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Fünfzig Jahre später.

Die Familienchronik des Geschlechtes Rovere liegt auf einem Drehpult aufgeschlagen. Der Pult steht vor einem geöffneten Fenster des Schlosses Rovere. Über dem Folianten schwebt ein anspruchsvolles Gesicht, mit halbergrautem Vollbart, mit wassergrünen Augen und gestrenger Autokratenmiene. Der Leser ist elegant gekleidet und trägt im Knopfloch des schwarzen Rockes ein Bändchen, das verkündet, es sei ihm ein preußischer Adlerorden angehängt worden. Er liest gerade die bekannte Geschichte Goswin's, und augenblicklich jene Stelle, welche berichtet, wie der grimme Freiherr die Mönche von St. Martin befehdet, wie er ihnen schweren Schaden zufügt an Land und Leuten. Dessen freut sich der Leser, er lächelt befriedigt und nickt beistimmend. Die Leiden der Abtei, die Hiebe und Püffe, von Goswin's gewalttätiger Faust den Benediktinern beigebracht, sind für den Inhaber des preußischen Adlerordens ein sichtlicher Genuß. Er lacht laut und reibt vergnügt die Hände.

»Köstlich«! ruft er in deutscher Sprache. »Ein prächtiger Geselle, dieser Goswin! Ein mutiger Kulturkämpfer seiner Zeit«!

Dann liest er weiter. Jener fromme Mönch begegnet ihm, der mahnend vor den Mörder und Frevler Goswin tritt. Mit Überwindung liest er die Sittenpredigt des Benediktiners. Sein Gesicht wird immer sauerer, je tiefere Eindrücke die Vorstellungen des Mönches auf Goswin hervorbringen. Heftig schüttelt er den Kopf über die Zerknirschung des reuigen Verbrechers, und als gar die strenge Bußarbeit des Bekehrten gedeiht, da flammt Zornesglut über sein Gesicht. Er wendet empört dem Folianten den Rücken und blickt durch's Fenster in die Septemberlandschaft. Allein er sieht weder die Pracht des Schloßgartens zu seinen Füßen, noch um den Hügel den süßen Reichtum der Rebgelände, nicht einmal die Herrlichkeit der paradiesischen Landschaft. Er sieht nur den Büßer Goswin und ärgert sich.

»Diese schlauen Künste der Pfaffen«! murmelt er. »Die rohe Kraft des Mittelalters protestierte in ihrer Weise gegen Geistestyrannei und Knechtschaft. Goswin erschlug in redlichem Zweikampfe den Gegner, – nicht mehr tat er und nicht weniger, als heute noch die Ehre den Besten zu tun befiehlt. Wütend über die Anmaßung des Pfaffentums, das sich erfrecht, durch Bannsprüche einen Mann zu beschimpfen, der nur getan, was seine Ehre heischte, rächt sich Goswin an den bannfluchenden Benediktinern. Er handelt als charaktervoller Mann, der sich unter die Zuchtrute des herrschenden Mönchstums nicht beugen will. Er traf die Kuttenträger empfindlich, gerade an jener Stelle, die am schmerzlichsten berührte, am zeitlichen Besitz. Bravo, – Goswin! Du warst einer der Ersten, die am Joche des Kreuzes rüttelten, das zu Deiner Zeit die Menschen drückte. Deine Faust war freilich etwas rauh, dennoch hast Du das Rechte getan, – die listige Kuttenbrut gezüchtigt. – – Aber auch Du warst noch ein Sohn Deiner Zeit. Du hast Dich gebeugt vor dem Aberglauben. Du bist aus einem Rächer des geknechteten Geistes ein büßender Narr geworden. Klüger und männlicher hättest Du getan, jenen pfäffischen Betrüger, der mit Höllenpein und Strafgericht Gottes Dich schreckte, am eigenen Kuttengürtel aufzuhängen. Kläglich unterlagst Du dem herrschenden Aberglauben Deiner Zeit, wurdest zum blödsinnigen Büßer und fördertest die Macht jener, welche Dein Manneszorn mit Fug und Recht gestraft hatte«.

Glockengeläute unterbrach den geharnischten Monolog des Dekorierten. Er sah hinüber nach St. Martin, dessen schlanker Kirchturm feierlich nach dem Himmel wies. Auch die Menschen auf der weißen Landstraße sah er, welche dem Rufe der Glocken folgten und nach der Klosterkirche eilten. Der Mönchsfeind zog die Brauen finster zusammen und aus den wassergrünen Augen glitzerte es feindselig.

»Der Revolutionssturm hatte zwar die Benediktiner weggefegt, doch jetzt hausen gar die Jesuiten in St. Martin«! zischte es über seine Lippen. »Schlimmer Tausch! Die Benediktiner waren bequeme Lebemänner geworden, sie gingen vielfach mit dem Zeitgeiste, ohne Prediger des Aberglaubens zu sein. Aber diese Jesuiten! Diese waffenkundigen, streitbaren Söhne Loyola's! Sie verstehen es, zurückzuerobern, was die Anderen verloren haben. – – Auch hier scheint ihr Einfluß groß und ergiebig das Arbeitsfeld. Sieh' doch, wie zahlreich die Betörten nach der Kirche laufen! – – Wartet, – wartet, – Jesuiten! Was die roten Jakobiner mit Flammen und Guillotine nicht fertig gebracht, das wird siegreich die deutsche Wissenschaft durchführen: – Erlösung des Menschengeschlechtes aus dem Kreuzesjoch der Geistesknechtschaft«.

Die Zimmertüre öffnete sich rasch. Herein flog ein junger Mann, heftig erregt, Staunen in dem geröteten Gesicht und Leidenschaft in den glühenden Augen.

»Herr Professor, – was sah ich, – was bewunderte ich, was verwirrte mir die Sinne!« rief er im Berliner Dialekt. »Nein, – so etwas gibt es nicht mehr, – ein fertiges Wunder!«

»Was ist denn los, Herr Baron? Sie sind außer sich!«

»Ja, – ich bin wirklich außer mich, – sehr natürlich! So etwas übersteigt alle Begriffe, – alle Vorstellungen. Herr Häcksel, Sie sind Professor und Doctor utriusque juris, – dazu mein Reisehofmeister, mein Mentor, mein Cicerone in allen Dingen, die ich weder begreife noch verstehe. Aber ich sage Ihnen, was ich eben gesehen habe, das können sie bei allem Wissensreichtum und bei aller Erklärungskunst mir doch nicht zergliedern und analysieren.«

»Mein lieber Herr Otto,« versetzte pfiffig lächelnd Professor Häcksel, »haben Sie etwa schon die neunte Morgenstunde dazu benutzt, um sich mit Ihrem Freunde Karl durch echten Champagner enthusiasmieren zu lassen!«

»Welche Frivolität!« rief der Baron mit angenommener Entrüstung. »Ihre Champagnerflasche neben meinen Gegenstand der Bewunderung gestellt, macht Sie zu einem greulichen Materialisten.«

»Der ich in Wahrheit bin. Sie wissen »Idee« übersetze ich mit »Einbildung« und »Materie« mit »Wirklichkeit«. Das ist ja gerade ein Hauptverdienst deutscher Wissenschaft, sich immer auf festem Boden zu bewegen und alle Schichten der Nebelreligionen in die Atome ihres Nichts aufzulösen.«

»Um Gotteswillen, Herr Professor, nur jetzt keine Vorlesung! Die Wissenschaft paßt hierher gar nicht, weil sie davon nichts versteht. Die Wissenschaft ist Gehirnsache, mein Objekt aber ist Herzenssache.«

»Ah, – ich errate! Soviel ich weiß, birgt jedoch dieses Schloß nicht, was binden könnte für das Leben.«

»Hören Sie nur, Herr Professor, hören Sie! – – Ich sitze mit Karl im Gartenpavillon, wo man die reizende Aussicht gegen Limoges hat. Ich sitze hinter einer Säule, mit dem Rücken nach dem Schlosse. Karl sitzt mir gegenüber. Es gab eben eine Pause des Schweigens. Ich schwelge im Anblicke der Landschaft Eden. Der Graf sieht in den Garten. Da bemerke ich auf seinem Gesicht ein gemütliches, brüderlich liebevolles Lächeln, vermischt mit einem gewissen schalkhaften Zuge. – »Was hast Du?« frage ich. Beim Klange meiner Stimme rauscht hinter mir ein Gewand. Ich blicke um und sehe ein Fräulein, das geräuschlos bis zu den Stufen des Pavillons herangetreten war ohne mich zu bemerken, und das nun erschreckt zurücktrat. Sie war im weißen Morgenkleid, mag sechszehn Jahre zählen und ist von ganz erstaunlicher Schönheit. Eine Sylphe, Herr Professor, – eine ganz eigenartige Erscheinung von unwiderstehlicher Zauberkraft. Hätten sie zehnfach die Phantasie des größten Malers, Sie wären doch nicht im Stande, ein Bild zu malen, das annähernd die Wirklichkeit erreicht.«

»Wenn Sie nach dieser Tonart flöten, dann ist die Sache schon richtig!« neckte der Professor, indem er eine Prise nahm.

»Hören sie nur weiter!« fuhr der junge Baron eifrig fort. »Karl stellte vor »Meine Schwester Salome, – Baron Otto von Jena aus Berlin, mein Universitätsfreund, der mir auf seiner Ferienreise die Freude seines Besuches schenkt.« – Sie blickt mich gütig an, unbefangen und lächelnd wie ein Kind. Und ich? Nun, – ist stehe da, so von Staunen und Bewunderung voll, daß alle meine Gedanken aufhören. Dann ist mir die Kehle wie zugeschnürt. Ich bringe kein Wort hervor und fühle, wie mir alles Blut nach dem Kopfe steigt. O ich Tölpel! – Sie hatte Erbarmen mit meiner grenzenlosen Verwirrung und nahm das Wort.«

»Es freut mich, den Studienfreund meines Bruders kennen zu lernen,« sagte sie mit ihrer glockenhellen Stimme. »Bereisen Sie Frankreich zum ersten Male, Herr Baron?«

»Zur Not brachte ich ein knappes »Ja, – gnädige Gräfin!« hervor. Dabei war meine Stimme so dumpf und rauh, als säße mir die Halsbräune in der Kehle.«

»Ich wünsche, daß es Ihnen bei uns gefallen möge, Herr von Jena!« sagte sie, verbeugte sich und ging auf dem Pfade weiter.

»Ich sank auf den Stuhl und wischte mir den Schweiß von der Stirne. Auch Karl zog das Taschentuch, um sein bisher verbissenes Lachen in dasselbe auszuschütten.«

»Dein Lachen ist verdient, denn ich stellte eine höchst komische und auch klägliche Person vor, sagte ich.«

»Und ich war ein Schelm!« versetzte Karl. »Ich sah Salome herankommen, welche Dich ebensowenig wahrnehmen konnte wie Du sie. Ich ahnte die Wirkungen des unvermuteten tête-à-tête, – aber deine Verwirrung war noch ergötzlicher als der Schreck meiner Schwester über den schwarzen Mann, der plötzlich aus der Säule hervorkam.«

»Wer deine Schwester zum erstenmal sieht, wird meine Verwirrung begreiflich finden. – – Dann erfuhr ich, daß Salome gestern Abend aus der Vendee hier eintraf mit ihrem Urgroßvater, dessen Liebling sie sei. Karl wird uns heute noch seinem Ahnherrn vorstellen. Ich brenne vor Verlangen, bei dieser Gelegenheit Salome zu sehen und die Scharte meiner Befangenheit und Plumpheit auszuwetzen.«

»Gibt es bei dem Casus keine schwierigere Frage zu lösen, – diese wird ihnen gelingen,« sagte Doktor Häcksel, auf seiner Tabaksdose trommelnd.

Der jugendliche Baron schritt einige Male unruhig durch das Zimmer. Jetzt stellte er sich dem Professor gegenüber, jedoch an das entgegengesetzte Ende des Gemaches und zwar in der Haltung eines Mannes, der sich zu einem kühnen Unternehmen aufrafft.

»Sie kennen die Grille meines Vaters, Herr Doktor! Er wünscht meine Verehelichung, bevor ich das zweiundzwanzigste Lebensjahr erreichte, – mithin hat die Verehelichung vor Ablauf eines Jahres zu geschehen. Ebenso kennen Sie meinen Widerstand gegen diesen väterlichen Machtspruch, und auch die Gründe dieses Widerstandes. Eheliche Hindernisse und Verbindlichkeiten beschränken sehr den freien Lebensgenuß. Seit einer Stunde teile ich jedoch die Ansicht meines Vaters. Innerhalb eines Jahres Vermählung, und zwar mit der Gräfin Salome von Rovere-Valfort.«

Doktor Häcksel lächelte kopfschüttelnd.

»Die Ehe ist ein Kontrakt,« dozierte er. »Zum Abschlusse eines Kontraktes gehören zwei einwilligende Parteien. Die Partei Otto gibt in vorliegendem Falle ihre Einwilligung, aber die Partei Salome?«

»Wird ihre Zustimmung nicht versagen, – gewiß nicht! Bin ich nicht jung? Bin ich etwa häßlich? Bin ich nicht reich, – sehr reich? Nicht angesehen in den höchsten Berliner Kreisen? Nicht von 24 Ahnen? Was meinen Sie, Herr Professor, läßt sich auf einer solchen Basis nicht jedes Mädchenherz gewinnen?«

»Von ihrem Standpunkte allerdings, Herr Baron, nicht aber von jenem der Gräfin Salome von Rovere-Valfort. Sie denken mit einem Berliner Kopfe der Intelligenz, Salome denkt mit dem ultramontanen Kopfe der Beschränktheit. Die altmodische Bigotterie in der gräflichen Familie wird auch Ihnen aufgefallen sein. Man ist zwar heiter und vergnügt, aber nur in der Zucht des Herrn. Durch jedes Wort klingt der hartköpfigste Ultramontanismus. Salome wurde in diesem Geiste erzogen, – was wollen Sie mit einer solchen Frau? Die Anbeterin des Gekreuzigten und die Verehrerin des Kreuzes würde für Sie das unerträglichste Hauskreuz. Lassen Sie von einem Gedanken, der alle Bedingungen der Lebensfähigkeit entbehrt.«

»Eher lasse ich vom Leben als von Salome!« rief leidenschaftlich der Baron.

»Gut! Holen Sie sich einen Korb und packen Sie denselben zu den anderen Raritäten unserer Reise. Vielleicht macht es Ihnen später Vergnügen, den Korb als eine Errungenschaft jugendlicher Unbesonnenheit zu bewundern.«

»Körbe empfangen aus Frauenhänden nur arme Ritter von trauriger Gestalt.«

»Diese hübsche Mode herrscht allerdings in Berlin. Hier jedoch verschafft Ihnen den Korb ein einziges Wort, das sie sprechen müssen.«

»Was für ein Wort?«

»Protestant!«

»Pah, – nicht möglich!«

»Geben Sie genau Acht! Bei dem Worte wird Gräfin Salome scharf Ihren Kopf betrachten, die Teufelshörner zu erspähen, mit denen jeder Protestant nach dem frommen Glauben der Vendee geziert ist.«

»Wie mögen Sie in so kleinlicher Weise von mir denken! Im protestantischen Taufbuch steht zwar mein Name verzeichnet, – Protestant bin ich aber so wenig wie Sie oder irgend ein verständiger Mensch. Dagegen würde ich mich ohne Widerstreben bereit erklären, auf Salomes Wunsch ein katholisches Kostüm zu tragen. Solche Kleinigkeiten zählen nicht, wenn es gilt, die schönste Braut der Welt heimzuführen. Und darauf, nämlich auf das Heimführen, gehe ich los mit aller Kraft und Beharrlichkeit, weil ich fühle, daß mein übriges Leben öde wäre ohne Salome. Gott Amor wird mir beistehen! – Haben Sie die Güte, Herr Doktor Hofmeister, Ihre vorgebrachten Einwürfe, sowie alle, die sie noch vorzubringen gedenken, als widerlegt zu betrachten.«

Er wandte sich um und verließ das Zimmer.

Allein der unternehmende Baron, der sein kühnes Vorhaben auf der Grundlage Berliner höherer Gesellschaftsverhältnisse auszuführen gedachte, stieß auf ungeahnte Schwierigkeiten. Täglich sah er zwar den Gegenstand seiner Schwärmerei, genoß sogar das Glück des mündlichen Verkehrs, jedoch immer in Gegenwart eines oder einiger Glieder des gräflichen Hauses. Niemals ergab sich Gelegenheit, auch nur entfernt seine Leidenschaft berühren und erforschen zu können, ob die Angebetete für ihn besonderes Interesse habe. Trotz aller Schärfe Berliner Intelligenz vermochte er nicht, ein klares Urteil über den Grund ihrer Hochachtung für ihn sich zu bilden, – und dies war doch eigentlich der entscheidende Punkt. Die Verkehrsweise des Fräuleins war ihm völlig neu und fremd, weil sie keine Ähnlichkeit mit jener der Berliner Damen hatte. Die sechszehnjährige Gräfin war die lauterste Objektivität, ein Säugling von sechszehn Tagen konnte nicht objektiv er sein. Von Wallungen des Blutes und geheimen Absichten Berliner Damen seiner Bekanntschaft, einem jungen hübschen und sehr reichen Baron gegenüber, – hier keine Spur. Ebensowenig ein Merkmal stolzer Sprödigkeit, die zuweilen nach Berliner Raffinement, wie Herr Otto wußte, zu den wirksamen Reizmitteln gehörte. Salome verkehrte in der natürlichsten Herzlichkeit mit dem Studienfreunde ihres Bruders, neckte ihn zuweilen sogar in feiner Weise, und konnte heiter sein wie ein Kind. Diese Unbefangenheit steigerte noch ihre Zaubermacht auf den jugendlichen Jena, der schließlich allen inneren Halt verlor, und trotz seiner angeerbten Intelligenz in Amors härteste Knechtschaft geriet.

Doktor Häcksel eilte ihm zwar mit dem ganzen Rüstzeug deutscher Wissenschaft zu Hilfe. Er bewies logisch, daß eine so aussichtslose Leidenschaft weiter nichts sein könne als eine törichte Schwärmerei, die einen Jünger der Wissenschaft unwürdig kleide und lächerlich mache.

Allein dem gelehrten Professor wurde die merkwürdige Entdeckung, daß sogar die größte Großmacht der Welt, die deutsche Wissenschaft, im Reiche des Herzens ganz und gar ohnmächtig sei.

»Wie oft soll ich ihnen wiederholen, Herr Doktor, daß ich hier siegen oder sterben will? Mein Leben ist Salome, ohne sie der Tod! Nun begreife ich die vielen Selbstmorde aus Liebesgram. Aber ich hoffe, – nicht ohne Grund! Ich wünsche gar nichts als eine schickliche Gelegenheit zur vertrauten Erklärung.«

Die gewünschte Gelegenheit ergab sich am nächsten Tage. Jena saß im Garten an einer Stelle, die ihm einen Blick nach den Fenstern von Salomes Zimmer gestattete. Die Fenster standen weit offen, der Morgenluft freien Eingang zu ermöglichen. Herr Otto beneidete die Morgenluft. Unverwandt starrte er nach den weißen Gardinen, die sich im Luftzug leise bewegten, ohne zu bemerken, daß die Bewohnerin jenes Zimmers ihm sehr nahe sei.

Salome besuchte nämlich ihre Freundinnen, seltene Blumen, die in Töpfen an verschiedenen Punkten des Gartens der Sonne ausgesetzt waren. Sie entfernte behutsam abgewelkte Kelche, stützte hängende Stengel, stand bewundernd vor den schönsten Kindern der Herbstflora und ahnte nicht, daß sie von allen aufblühenden Blumen die schönste sei. Salome besaß nicht allein die Blumenliebe ihrer Urgroßmutter Isabella, sie war zugleich deren Ebenbild und deshalb ihres Ahnherrn Liebling. Ganz dieselbe lilienweiße Farbe und feine Gesichtsbildung. Selbst Gang und Haltung waren jene ihrer Ahnmutter. Dagegen fehlten die stolze Kälte und der Ausdruck eines leeren, öden Herzens, welche damals die Erscheinung der geistig leidenden Isabella überschatteten, als Paul von Valfort zum erstenmale nach Rovere kam. Salome war ganz Licht und Friede, ein Typus der reinsten Seelenharmonie. In Gottesfurcht erzogen und wandelnd im Sonnenschein des Glaubens, den kein Gewölk ungeordneter Neigungen trübte, machte sie den Eindruck fleckenloser Anmut und kindlicher Unschuld. Sie war dem Sitze Jenas nahe gekommen, der sie jetzt bemerkte. Er fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Herzen, indes eine jähe Röte sein Angesicht bedeckte. Sich sammelnd und fassend wie ein Mensch, der eine zweifelhafte und höchst wichtige Frage zur Entscheidung bringen will, erhob er sich und trat grüßend heran. Sie erwiderte freundlich seinen Gruß, ohne Ahnung dessen, was der jugendliche Gast im Herzen trug. Sie bemerkte zwar seine Befangenheit, die flammende Röte seiner Wangen und die scheue Glut seiner Augen, und arglos schrieb sie alles auf Rechnung seines vermeinten zaghaften und schüchternen Charakters.

»Sie haben für Blumen eine besondere Vorliebe, mein Fräulein?«

»Wer liebt die Blumen nicht?« entgegnete sie. »Das Leben der Blumen ist so rein und zart, so duftend und licht! Wer die Sprache der Blumen belauscht und versteht, muß sich zur Freundschaft mit ihnen angezogen fühlen. In Valfort besitze ich eine ganz auserlesene Flora, die jeden Blumenfreund entzückt.«

»Ich begreife, daß Sie für Blumen begeistert sind, mein Fräulein! Wesensverwandtschaft, – Licht, – Blüte, – bezaubernde Schönheit, die Jeden hinreißen und berauschen, der für solche Vorzüge empfänglichen Sinn hat.«

Sie schien weder Bedeutung noch Anwendung der Worte zu verstehen.

»Dennoch gibt es Menschen, vorab Männer, welche den Blumen auch nicht einen freundlichen Blick schenken. Sehen Sie, dort ist so ein Blumenverächter,« sagte sie, nach dem Balkon des Schlosses deutend.

Dort standen drei Herren, der mittlere eine hohe Greisengestalt mit schneeigem Haupthaar und wallendem Bart, der blendend weiß über seine Brust herabfloß, – Graf Paul von Rovere-Valfort.

»Mein Oheim, Herzog Robert, neckt mich oft wegen der Blumen, und ich vermag es nicht, ihm auch nur das mindeste Verständnis für deren liebliche Schönheit beizubringen,« fuhr sie fort. »Er meint, die Blumenzucht sei eine nutzlose Spielerei, – wie häßlich das klingt! Käme es auf den Herzog an, er würde alle Blumen ausreihen, und an deren Stelle Weinreben pflanzen. Dafür ist er auch der begütertste Weinbergbesitzer in Frankreich. Unser lieber Vater Paul hingegen hat trotz seiner vierundneunzig Jahre für Blumen das regste Interesse.«

»Vierundneunzig Jahre, welch abnormes Alter!« sagte Jena, nach der ehrwürdigen Gestalt auf den Balkon emporblickend.

»Und dabei frisch und gesund, bei vollen Geisteskräften,« versicherte die Gräfin. »Auch meine Urgroßmutter Isabella erreichte ein sehr hohes Alter. Sie starb vor zehn Jahren, und ihr Tod erschütterte unseren Vater dergestalt, daß wir für sein Leben fürchteten. Selbst heute noch vermeiden wir jede Erwähnung der Seligen, weil ihm die Erinnerung an sie Tränen entlockt.«

»Eine rührende Gattenliebe! Ich wäre namenlos glücklich, mir einen Lebensgefährten aus Familienkreisen wählen zu dürfen, in denen Treue und Liebe bis über das Grab dauern.«

Diese Worte begleitete ein Anschmachten, vor dem Salome die Augen senkte.

Der Berliner kannte die Bedeutung des Augensenkens an der Spree, zog hieraus für den gegenwärtigen Fall einen unfehlbaren Schluß feiner Intelligenz, und rückte ermutigt vor.

»Nach dem Willen meines Vaters sollen mich noch in diesem Jahre die süßen Bande der Ehe beglücken. Ich darf mir schmeicheln, der künftigen Gattin das angenehmste, für Millionen ihres Geschlechtes beneidenswerteste Dasein bereiten zu können. Wir machen eines der größten Häuser in Berlin. Wir stehen in vertrauten Beziehungen zu den höchsten Kreisen, die Jena sind sogar am königlichen Hofe beliebte Erscheinungen. Im Winter gibt es in unserem Zirkel einen steten Wechsel von Bällen, Konzerten, lebenden Bildern, Opern, Schauspielen und den genußreichsten Abendgesellschaften. Unsere Schlittenpartien sind reizend; ich würde mir ein ganz besonderes Vergnügen daraus machen, meine künftige Gattin das Schlittschuhlaufen zu lehren, ein superber Genuß! Im Sommer reisen wir natürlich. In den heißen Monaten amüsieren wir uns in der Schweiz, im Herbst gehen wir nach Italien. Und allenthalben besitzen wir die elegantesten Verbindungen, von denen nicht wenige auf goldener Basis ruhen, – ich rede wörtlich, mein Fräulein, nicht figürlich! Mein Vater gehört nämlich zu den größten Kapitalisten Deutschlands. Selten erblickt ein großartiges Unternehmen das Licht der Welt ohne dessen Teilnahme.«

In dieser Weise redete Jena echt Berlinerisch weiter. Die Mischung und Anwendung des weltberühmten Blau verstand er meisterhaft. Ihn selbst entzückte die brillante Vorstellung seines Talentes. Schon ein Zehntel der überaus verlockenden Darstellung würde genügt haben, das anspruchsvollste Mädchenherz an der Spree für seine ehrenvollen Absichten und eine glänzende Lebensstellung zu gewinnen. Wenn sein Bemühen auf Salome die günstigsten Eindrücke hervorbrachte, so war dies selbstverständlich. Ein echter Berliner kann allen übrigen Bewohnern der Erde gegenüber ja nur herablassend sein; denn er besitzt Alles im vollkommensten Maße, und was er nicht besitzt, würde unzweifelhaft das Vollkommenste sein, wenn er es besäße. Mithin war es für den jungen Baron ganz natürlich, wenn die schöne französische Gräfin in stillem Entzücken vor ihm stand, wenn ihr Herz nach all den reizenden Sachen verlangte, welche die beneidenswerte Gattin des heidenmäßig reichen, hoch angesehenen und genußliebenden Berliner Junkers umgaben.

Ein gewöhnlicher Beobachter hingegen, der nicht in Berlin geboren war, sohin auch nicht im Besitze der berühmten Intelligenz, und der nur mit gesunden Sinnen die Gräfin beobachtete, fand in deren Mienenspiel kein stilles Entzücken, sondern einen sehr tiefen Ernst, der sogar an Mitleid streifte.

»Dieser dürftigen Skizze mögen Sie entnehmen, mein Fräulein, daß ich wirklich in der Lage bin, meiner künftigen Gattin das glänzendste Los zu bereiten,« schloß Jena seine ebenso feine wie geschmackvolle Bewerbungsrede. »Wie gesagt, Papa wünscht eine Verehelichung in diesem Jahre. Bislang stimmte meine Neigung mit dem väterlichen Wunsche nicht zusammen; denn ich zähle erst einundzwanzig Jahre und wollte mir die Freiheiten des Junggesellenlebens nicht verkürzen lassen. Seitdem ich aber das unaussprechliche Glück hatte, Sie, mein Fräulein, kennen zu lernen, erstrebe ich mit Sehnsucht die Erfüllung des väterlichen Wunsches.«

Bei den taktvollen Schlußworten verbeugte sich der Baron, richtete sich mit siegesgewissem Selbstbewußtsein empor, und erwartete eine Entgegnung, die nur bejahend lauten konnte, nach Form und Inhalt sogar einer Bitte gleichen mochte, das beneidenswerte Gattenglück an seiner Seite genießen zu dürfen.

Die Erwiderung folgte wirklich, aber in einer so unerhörten Fassung, daß nicht einmal die Berliner Intelligenz zu deren Verständnis ausreichte.

»Ich beklage Sie, Herr Baron!« versetzte ruhig die Gräfin, und zwar in einem Tone, welcher tatsächlich Mitleid enthielt.

Jena stand im höchsten Grade betroffen, wie Jemand, der seinen Sinnen nicht traut.

»Sie be – klagen mich, mein Fräulein?«

»Mit vollem Grunde, mein Herr!«

»Ich begreife nicht! Weshalb?«

»Weil Sie auf Eitles und Nichtiges ihr Lebensglück bauen. Luxus, Bälle, Konzerte, Theater, Soireen, glänzende Equipagen, geputzte Lakaien und all der übrige Tand, der in ewigem Wechsel kreisen soll, wird Ermüdung und Langeweile, nicht aber Zufriedenheit und Glück bringen. Der Mensch ist ja nicht geschaffen für den Müßiggang, auch nicht für den Genuß als Lebenszweck, sondern für Gott und seinen heiligen Dienst. Deshalb wird auch nur ein gediegenes Berufsleben und die Erfüllung seiner Pflichten den Menschen beglücken können. Das Vergnügen darf nur gelten als Erholung, nicht als Lebenszweck.«

Jena stand sprachlos. War dies natürlich? Wie konnte so ein jugendliches, bildschönes, für die höchsten Freuden geschaffenes Wesen, Gedanken von einer Häßlichkeit aussprechen, die nach Klosterluft rochen und die ganze Ungenießbarkeit des borniertesten Ultramontanismus enthielten?

»Gnädige Gräfin, – wie ist das möglich? Mit solchen Anschauungen treten Sie in das Leben?«

»Ich trete überhaupt gar nicht in das von Ihnen gemeinte Leben, sondern in das Kloster.«

Jena fuhr entsetzt einen Schritt zurück.

»In das Kloster?«

»Eine fest beschlossene Sache, Herr Baron!« entgegnete sie, nicht wenig erheitert über Jena's komischen Schreck. »Auf den Wunsch meines Urgroßvaters bleibe ich noch so lange in der Welt, bis ihn Gott heimruft. Dann nehme ich den Schleier, – ein Glück, das ich ersehne.«

»Welch ein Glück!« rief er in einem von Wut und Verzweiflung bebenden Tone.

»Das Streben der Menschen ist eben sehr verschieden«, sprach sie. »Sie erjagen das Glück im Geräusche der Welt und glauben, im Vergnügen es zu finden. Ich entsage der Welt, opfere Gott meine Fähigkeiten, erachte alles Irdische für wertlosen Tand, unterziehe mich der gewissenhaften Beobachtung einer strengen Ordensregel und bete beständig: Sursum corda!«

»Mein Fräulein, – das verstehe ich nicht!«

»Begreiflich, Herr Baron! Im protestantischen Norden versteht man vom Katholizismus überhaupt sehr wenig, und die Hoheit der Klostergelübde ist dort eine unbekannte Größe.«

»Mein Fräulein, – ich beschwöre Sie, ein Vorhaben nicht auszuführen, das ein offenbares Verbrechen an der Menschheit ist! Sie wollen sich zwischen dumpfen Klostermauern begraben? Sie, denen ich Herz und Hand und alle Lebensgenüsse zu schenken bereit bin? Sie, deren Schönheit ganz Berlin bezaubern würde?«

»Mein Herr, es ziemt mir nicht, solche Worte zu hören!« unterbrach ihn Salome, verbeugte sich und ging nach dem Schlosse.

Er stand, wie vom Himmel gefallen, regungslos; mit starrem Blick der Gräfin folgend. – Dann fuhr er durch das Haar, schüttelte heftig den Kopf und Zornesflammen schossen über sein Gesicht. Er stürmte nach dem Zimmer des Professors Häcksel.

»Herr Doktor, – alle Teufel, – Hören Sie! Nein, – das übersteigt alle Begriffe, – ich bin außer mich, – purer Wahnsinn! Ich bin toll, – ich rase!«

»Nun, was gibt's denn?«

Jena erzählte, seinen Bericht jeden Augenblick mit Verwünschungen gegen den Ultramontanismus unterbrechend.

Doktor Häcksel lächelte triumphierend.

»Ganz, wie ich vorausgesagt! Sie sehen, die wissenschaftliche Auffassung der Dinge und Verhältnisse ist immer untrüglich.«

»Schon gut! Aber ich bin damit nicht zufrieden. Rächen will ich mich, – mich und die ganze vernünftige Menschheit rächen an diesem ultramontanen Wahn, an diesem weltfeindlichen Geiste, der alle Lebensfreuden erstickt, – mein schönstes Glück vernichtet.«

»Die Geschichte gibt allerdings einen sehr pikanten Leiter für unsere »Norddeutsche.«

»Die in Rovere nicht gelesen wird. Nein, meine Rache muß unmittelbar sein! Dieses Totengerippe, das sein Opfer nach den Klostergräbern schleppt, – das in der Familie umgeht, – es muß in seiner ganzen Scheußlichkeit ihnen vor Augen gehalten werden. Und Sie werden mich unterstützen.«

»Ich stehe um so bereitwilliger zu Diensten, als die Befehdung des Ultramontanismus zu meiner angenehmsten Lebensaufgabe zählt. – Wie meinen Sie?«

»Heute noch folge die Züchtigung! Dann kehren wir diesem Hause mit Verachtung den Rücken«, rief Jena, stellte sich vor den Professor und schmiedete unter leitender Korrektion des Doktors seinen Racheplan.

Die gräfliche Familie pflegte nach Tisch im Garten zu lustwandeln und sich dann beim Kaffee niederzulassen. So geschah es auch heute, nur mit dem Unterschiede, daß die Damen nicht erschienen, vielleicht in Folge des Vorganges zwischen Salome und dem Gaste.

Im Gartenpavillon saß der ehrwürdige Paul von Valfort bei seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln, wie ein Patriarch. Alle verehrten und liebten ihn. Man konnte sich kaum eine Greisengestalt vorstellen, die soviel Ehrfurcht einflößte wie der steinalte Paul. Eine milde Ruhe verklärte sein Angesicht, den Spiegel eines fleckenlosen Lebens. Hinter ihm lag eine wechselvolle Vergangenheit, Sturmwetter, schwere Prüfungen, dann Frühlingsjahre eines ungetrübten Familienglückes und die reiche Erntezeit eines rastlos tätigen Berufslebens. Eine sehr zahlreiche und verzweigte Familie von Kindern, Enkeln und Urenkeln, betrachtete ihn dankbar als den Begründer irdischer Wohlfahrt und eines Familiengeistes, der Segen und Frieden ausgoß über alle Verhältnisse. Immer war Paul seinen religiösen Grundsätzen treu geblieben, stets wandelnd in lebendigem Glauben und beharrlichem Gehorsam vor dem Allerhöchsten. Keine Ungerechtigkeit belastete sein Gewissen, kein Vorwurf störte den Frieden seiner Seele. Höchster Lebenszweck war ihm Gottes Dienst gewesen und das beständige Streben, der Mahnung des Erlösers nachzukommen: »Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!« An dieser Richtung hielt er unverbrüchlich fest. Auch die unermüdliche Wohltätigkeit, welche ihm die Pflicht der Nächstenliebe vorschrieb, bildete eine reiche Zierde seiner tugendhaften Gesinnung. Und was in ihm lebte und wirkte, hatte er auf seine Kinder und Enkel fortzupflanzen gesucht. Paul's Geist herrschte in der ganzen Familie.

Ihm zur Rechten saß Herzog Robert, der Gatte einer Enkelin Paul's, eine aristokratische Erscheinung, stets ruhig und gemessen, von klarem Denken und praktischem Sinn, der ihn trieb, die Kultur seines bedeutenden Grundbesitzes stets fruchtbringender zu entwickeln. Paul zur Linken saß Graf Gottfried, sein Sohn, bereits ein Sechziger, Schloßherr von Rovere. Die Verwaltung der Güter hatte Gottfried seinem Sohne Heinrich übertragen, einem tätigen Manne und glücklichen Vater einer zahlreichen Familie. Zwei Söhne Gottfried's waren in der Bretagne verheiratet und seine Tochter hatte ein Marquis der Umgebung heimgeführt. Dann folgten in der Tafelrunde Paul's Urenkel Eugen und Carl, strebsame und hoffnungsvolle Sprößlinge. Dem Grafen gegenüber saßen Baron Jena und Professor Häcksel, äußerlich glatt und freundlich, innerlich aber den Ultramontanen feindselig und die Gelegenheit erspähend, den verhaßten Geist mit den schärfsten Streichen zeitgemäßer Bildung zu züchtigen.

Anlaß zur Ausführung des Racheplanes gab Herzog Robert. Er hatte in einem Journal flüchtig gelesen und dasselbe verstimmt bei Seite gelegt.

»Endlose Intriguen einer kläglichen Politik!« sprach er. »Ich begreife Napoleon nicht. Den Österreichern nahm er die Lombardei, die kleinen italienischen Fürsten vertrieb er im Interesse des Raubstaates Sardinien, und jetzt geht er daran, die weltliche Herrschaft des Papstes auf die Gärten des Vatikans zu beschränken. Diese maßlosen Ungerechtigkeiten, namentlich die Beraubung des heiligen Stuhles, dürften Napoleon verhängnisvoll werden.«

»Vielleicht auch zur politischen Einheit und Erstarkung Italiens führen,« warf Doktor Häcksel ein. »Löblich und naturgemäß, wenn eine zerklüftete, in viele Stücke getrennte Nation, fremde Elemente auszuscheiden und eine Stellung einzunehmen sucht, die ihrer gesammelten Kraft entspricht. Die kleinen Fürsten Italiens sind doch nur Vasalen des Hauses Habsburg, Statthalter Österreichs, ungesunde, jede Entwicklung hemmende Pfähle im Fleische Italiens. Was die weltliche Herrschaft des Papstes betrifft, so ist ja der heilige Vater Gottes Statthalter, das Reich Gottes aber nicht von dieser Welt. Ich teile vollkommen jene Ansichten, die Kaiser Napoleon in seinem berühmten Briefe ausgesprochen, daß der souveräne Papst des Vatikan und seiner Gärten unabhängiger seines hohen Amtes walten kann als jener Papst, dessen Kraft zugleich die weltliche Herrschaft in Anspruch nimmt.«

»Man hat nicht gefunden,« versetzte Herzog Robert, »daß weltliche Herrschersorgen die Tätigkeit des obersten Hirten der Kirche beschränken. Im Gegenteil, den Feinden des Katholizismus entfaltet der Papst allzugroßen Eifer und eine Tatkraft, die sich in wunderbaren Erfolgen über den ganzen Erdkreis erstreckt. Kein Pontifikat seit den achtzehnhundert Jahren sah die Errichtung so vieler neuer Bistümer wie das Pontifikat des neunten Pius.«

»Der napoleonische Souverän des Vatikan dürfte sehr leicht ein Gefangener des Königs von Italien werden,« sagte Graf Gottfried. »Für die Freiheit des Papstes empfindet die ganze katholische Welt das lebhafteste Interesse.«

»Sehr natürlich!« erwiderte Häcksel. »Eine gewisse Presse hört ja nicht auf, das religiöse Gemüt mit Schreckbildern zu erfüllen, unablässig die geplante Beseitigung des römischen Stuhles in allen möglichen Variationen zu wiederholen. Nun, Kaiser Napoleon, dessen überaus zeitgemäße und einsichtsvolle Politik des Beifalles aller Denkenden sich erfreut, und dessen Machtgebot Europa beherrscht, wird sich von dem Geschrei der Journalistik eben so wenig irre machen lassen, wie von religiöser Ängstlichkeit. Er wird sein Programm durchführen und dem Papste eine weltliche Stellung anweisen, welche der Zivilisation und den Forderungen der Gegenwart entspricht. Frankreich kann stolz sein auf seinen Kaiser.«

Die Anmassung des Professors verletzte.

»Nach Ihrer Meinung gehören wir also nicht zu den Denkenden; denn unseres Beifalles erfreut sich die kaiserliche Politik keineswegs,« sagte trocken der Herzog. »Hätten Sie vor »alle Denkende« das Wörtchen »kirchenfeindlich« gesetzt, dann würde ich Ihrem Urteil beistimmen können.«

»Selbst gerecht denkende Protestanten billigen keineswegs die römische Politik unseres Kaisers,« sagte Paul in wunderbar ruhigem Tone. »Napoleon scheint überhaupt die gefährliche Bahn seines Oheims beschreiten zu wollen. Auch ihn verblenden große Erfolge. Schon der erste Napoleon, der sich mit Vorliebe »Europa's Herr« nannte, was er in Wirklichkeit gewesen, glaubte mit dem hilflosen Papste eben so leicht fertig zu werden, wie mit allen Königen und Fürsten. Er täuschte sich. Für seinen unterdrückten Statthalter auf Erden trat schließlich der Allmächtige ein, dessen strafender Arm die Macht Napoleons auf den Eisfeldern Rußlands vernichtete. – Ihr Lächeln sagt mir, Herr Professor, »die Eisfelder Rußlands haben es getan, nicht der göttliche Schirmherr des päpstlichen Stuhles.« Ich erwidere, – schon die Verblendung des sonst scharfsichtigen Kaisers, einen Winterfeldzug nach Rußland zu unternehmen, war eine Wirkung der göttlichen Strafe, – abgesehen von jenem ganz abnormen, alles Leben vernichtenden Winter. Der Schirmherr des siebenten Pius ist auch der Schirmherr des neunten Pius. Vielleicht steht dem ärgeren dritten Napoleon ein noch viel kläglicherer Untergang bevor als dem ersten. Der getreue Gott hält sein Wort, das ihn bindet für den Schutz seiner Kirche und deren Oberhaupt. Genau dasselbe sagte ich vor fünfzig Jahren in St. Cloud dem ersten Napoleon. Der große Kaiser, weit entfernt von der kleinlichen Tücke seines Neffen und nicht ohne Verständnis für die Weltmacht der Kirche, vernahm ohne Widerspruch meine Warnung. »Ich finde einen Priester,« rief er aus, »mächtiger als mich, weil er über die Geister herrscht, ich nur über die Materie.« Aber Stolz und Herrschsucht waren stärker in ihm als die Erkenntnis der Wahrheit.«

Das sprechende Jahrhundert machte sogar auf den Träger deutscher Wissenschaft Eindruck; denn er unterdrückte eine fertige Widerrede.

»Auch die innere Politik des gegenwärtigen Napoleon wirkt in hohem Grade zersetzend,« sagte Graf Heinrich. »Er gestattet die öffentliche Verhöhnung der Religion durch die Presse und bildliche Darstellungen. Literarische Erzeugnisse werden unter das Volk geworfen, deren Hohn gegen die Kirche, selbst gegen die Person des Erlösers, alle Schranken durchbricht. Und die kaiserliche Regierung? Nun, sie duldet das infernale Treiben. Sie tut noch mehr, sie begünstigt und befördert Religionsfeinde. In der Armee rückt kein Leutnant vor, der seine kirchlichen Pflichten erfüllt und den Mut hat, ein Christ zu sein. Ich fürchte, Napoleon und seine Herrschaft werden vom Verderbnis Verderben ernten.«

»Sie täuschen sich offenbar, Herr Graf!« sagte Doktor Häcksel. »Des Kaisers Regierungsweise genügt vollkommen dem modernen Zeitgeiste, den Wünschen und Ansichten der Majorität des französischen Volkes.«

»Leider wahr!« sprach mit schmerzlichem Kopfnicken der Greis. »Frankreichs Wiedergeburt ist unmöglich, weil man dieselbe in politischen Künsten sucht, nicht aber in der Umkehr zu Gott, zum religiösen Glauben, zur Kirche. Seit 1789 fällt mein armes Vaterland aus einer Revolution in die andere. Es ist wie ein stets kochender Vulkan, dessen glühende Lavaströme jeden Augenblick verheerend ausbrechen. Frankreich gleicht einem vergifteten Körper, der nicht genesen kann, – das Gift aber ist falsche Aufklärung, ungläubiger Zeitgeist, Widerstand gegen das Walten der Kirche und Religionshaß. Die gottlose Philosophie und Despotie des vorigen Jahrhunderts führten zum geistigen und materialen Bankrott, – und heute noch dauert der Bankrott unter gleißender Hülle fort, weil die einzig rettende Macht von Frankreichs Majorität in arger Verblendung zurückgewiesen wird. Welcher Heimsuchungen mag es noch bedürfen, um das irrende Israel auf die Bahn des Heiles zu lenken.«

Den Professor zwickte jedes Wort dieser echt ultramontanen Rede.

»Einem Vertreter deutscher Wissenschaft ziemt es nicht, bei solchen Behauptungen zu schweigen,« sprach er glühenden Angesichtes. »Die Wiederbelebung gesunkener Volkskräfte kommt nicht vom päpstlichen Stuhl, nicht von der Kirche, sondern von einer Staatsleitung im Geiste des Fortschrittes und der Zivilisation. Was hat dagegen der Papst in seiner jüngsten Allokution » Jamdudum cernimus« getan? Er hat sämtlichen Errungenschaften moderner Humanität den Krieg erklärt. Er hat klar ausgesprochen, daß sich der römische Stuhl mit der gegenwärtigen Zivilisation und mit dem Fortschritt nicht vertragen und nicht versöhnen könne.«

»Sie werden dem Papste erlauben, nur mit christlicher Zivilisation und nur mit christlichem Fortschritt sich zu versöhnen,« sprach Herzog Robert. »Die aufgeblähte und dünkelhafte moderne Wissenschaft gelangte bekanntlich zu dem abgeschmackten Resultat, der Abstammung des Menschen vom Affen. Sie leugnet jeden Wesensunterschied zwischen Tier und Mensch. Solche Doktrinen der modernen Zivilisation zerstören jede sittliche Grundlage, jeden Unterschied zwischen Tugend und Laster, behandeln das Evangelium wie ein Märchen, versagen der Kirche die Berechtigung ihrer Existenz. Und Sie wundern sich, mein Herr, wenn das Oberhaupt der Kirche, der Repräsentant der sittlichen Macht in der Welt, der höchste Wächter über die Reinheit göttlicher Glaubenslehren, – wenn sich der Papst mit dieser nihilistischen Zivilisation weder vertragen noch versöhnen will? Es wäre eine brutale Arroganz, vom Lehrer der Wahrheit die Anerkennung der Lüge, vom Prediger der Tugend die Erlaubnis zum Laster zu verlangen.«

Häcksel's Augen funkelten giftig und streitsüchtig.

»Mir liegt es fern, auch nur ein Wort über Dogmen und Moral zu verlieren, – mein Widerspruch gilt einzig der Behauptung, Segen und Glück der Nationen komme vom päpstlichen Rom. Die Herrschaft der Kirche im Staate war religiöser Despotismus, Tyrannei ohne Schranken, die absolute, eingefleischte Willkür. Da die Kirche die Negation der Freiheit ist, so kann die weltliche Herrschaft der Kirche nichts anderes sein als die Vernichtung der Freiheit. Und daß dies in der Tat so ist, zeigt ein Blick auf den Vatikan. Übrigens herrscht die päpstliche Macht nicht nur in Rom, sondern liegt wie ein Alp auf jedem Lande, in dem die Kirche Gewalt hat, und verfolgt immer und überall die Unabhängigkeit des Wortes und die Fähigkeit des Denkens. Übrigens sagt es der heilige Stuhl jedem, der es hören will, und beweist es überdies durch sein Tun und Treiben, daß er der unversöhnliche Feind der Vernunft und der Freiheit ist. Man darf nur die Enzykliken Gregor's XVI. und die Allokutionen Pius' IX. lesen, um die Verwerfung jedes politischen Fortschrittes, jeder rationellen Einrichtung, jeder sozialen Gerechtigkeit darin zu finden, und die Verdammung der ganzen bürgerlichen Gesellschaft. Man darf nur in die Geschichte schauen, um dieses Papsttum durch die Jahrhunderte wandeln zu sehen gleich einem Kometen, der einen langen Schweif von Feuer und Blut hinter sich herschleppt.«

Allgemeines Erstaunen und Mißfallen. Nur der Baron Jena schlürfte mit Hochgenuß seinen Kaffee und ergötzte sich über die scharfen Streiche und Püffe, welche der gelehrte und zungenfertige Doktor den Ultramontanen versetzte.

»Herr Professor,« sprach der Herzog in seiner trockenen Weise, »alles, was Sie da gesagt haben, enthält auch nicht ein einziges wahres Wort. Dagegen bewundere ich Ihre Kühnheit, das Gegenteil von der Wirklichkeit zu behaupten, und auch Ihre Geschicklichkeit, die Dinge auf den Kopf zu stellen.«

»Und ich bedauere fast, Durchlaucht, wenn ein Vertreter deutscher Wissenschaft Ärgernis erregt in Kreisen, die sich mit modernem Fortschritt nicht versöhnen können, weil ihnen Aussprüche päpstlicher Unfehlbarkeit die höchsten Potenzen alles Wissens und Forschens enthalten. Ich gestehe, vor gläubiger Einfalt manipulieren die Päpste ausgezeichnet,« fuhr Häcksel fort, der immer mehr in Fluß kam und die selbstbewußte Haltung eines Autokraten des Katheders annahm. »Die Päpste lösten das Problem des Archimedes. Den Punkt fanden sie, von dem aus die gesamte Erde in Bewegung gesetzt werden konnte. Der alte und der neue Heide sah diesen Punkt nirgends, weil er ihn nicht außerhalb der Erde suchte. Aber die Päpste sahen ihn, – er war in jenen Wolken, darin einst der Vater mit dem Sohne zum Weltgerichte erscheinen sollen, um die Guten zu sich emporzuheben. Da hinauf ließ man die Guten das Antlitz richten, – selbst aber schwelgte man bis zur Übersättigung im Mark der Erde. Die lichte Göttin Ostara kam, das Heidenherz pochte ihm entgegen, dem holden Lenz und seiner beglückenden Nähe. Aufgeschaut, frommer Christ, – nicht gejubelt! Ein blutiges Kreuz steht aufgerichtet in Golgatha, weine bittere Tränen, bis du ihn auferstehen siehst, und dann ist Er dein Licht, aber nicht die irdische Helle. So an den Weihnachten, so zu Ostern. Immer die Aufmerksamkeit weggelenkt vom Irdischen und dem Überirdischen zugewendet. »In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen,« sagte der Heiland, und er hatte nicht, wohin er sein Haupt legen konnte in diesem Jammertale. Zu solchem Jammertal wurde dem frommen Christen die Welt gemacht, – die vielen Wohnungen im Jenseits blieben sein Trost. Alle irdischen Freuden und Genüsse wurden den Frommen versauert, als sündiges Gift dargestellt, dem man sich entziehen müsse durch die Flucht in weltfeindliche Klöster, hinter jene starren Mauern, wo die böse Welt gestorben ist mit ihrer Lust. Dort, in jenen Klostergräbern, ließ und läßt man die lebensfrohe Jugend seufzen und vertrauern, – herzlos beraubt man die Erde mancher schönen Blüte, welche das Leben erfreuen und beglücken könnte.«

Die Tafelrunde betrachtete mit nicht geringer Verwunderung den eifernden Professor, dessen scharfkantige Worte umher prasselten wie Hagelsteine.

Jena vermochte kaum seine Schadenfreude zu verbergen und war nahe daran, Beifall zu klatschen und »Bravo« zu rufen.

»Den Drang des Verstandes zu befriedigen, der nach der Ursache jeder Erscheinung frägt, dafür gab es ein vortreffliches Mittel: Alles kommt von – Gott! Dieser Gott war das Asyl der Ignoranz, in welchem die Christenheit ein volles Jahrtausend glücklich lebte, umhegt von riesigen Domen, des Atems fast beraubt und doch süß betäubt von Weihrauchduft und dem mystischen Glanze der Kerzen, – eingelullt in lautlosen Geistesschlaf von rauschendem Orgelklang.«

Doktor Häcksel schöpfte endlich Atem.

»Erlauben Sie mir eine Frage, mein Herr!« sagte Paul, dessen würdevolle Ruhe neben Häcksel's bissiger Erregtheit noch schöner hervortrat. »Ist Ihr Standpunkt nur ein persönlicher oder jener der deutschen Wissenschaft?«

»Der deutschen Wissenschaft!« antwortete, sich stolz emporreckend, der Professor. »Unsere Wissenschaft ist ganz heidnisch; sie kennt keinen Gott, sondern nur Göttliches; sie kennt nicht den Einen oder Dreieinen, höchstens sucht sie eine Einheit. Und sie tut schon übel daran, die Einheit zu suchen, wofern sich diese nicht von selbst ergibt; denn die wahre Wissenschaft ist, wie die wahre Poesie, – voraussetzungslos. Schon für den landläufigen deutschen Primaner ist es ausgemachte Tatsache, daß die Lehre von der Trinität eine Torheit, die Schöpfungsgeschichte ein wertloses Märchen, alle Wunder nicht zu glauben seien. Immer allgemeiner und volkstümlicher wird in Deutschland die Frage, ob die Kirche zu ihrem Anspruche berechtigt sei, als übermenschliche, göttliche Institution und Trägerin göttlicher Offenbarung, das Denken und Leben der Menschheit zu beherrschen, – oder ob es vielmehr der menschlichen Gesellschaft zustehe, ihr Leben und Denken nach autonomen Gesetzen ihrer Vernunft zu ordnen. Und die Majorität des deutschen Volkes entscheidet in ihrem Interesse gegen die Kirche.«

»Aus Ihrem Munde höre ich genau die französischen Philosophen vor der großen Revolution; – armes Deutschland!« sagte Paul.

»Beklagen Sie uns nicht grundlos, Herr Graf! Die deutsche Schule hat sich zur Aufgabe gestellt, die Anschauungen der Jugend und des Volkes vom Aberglauben und von Vorurteilen zu befreien. Deutsche Professoren und Schulmeister haben überhaupt den großartigen Beruf, die Menschen zur Menschlichkeit, zum Humanismus zu erziehen. Wie unser Dichterfürst Schiller von Rousseau sagte, daß er aus Christen Menschen werbe, – so wirbt auch die bildungsfähige Schule in Deutschland aus Christen Menschen, erzieht zu Menschen, während die bildungsunfähige, das heißt konfessionelle Schule nur zu Christen, zu Katholiken erziehen wollte.«

»Welche natürlich keine Menschen sind,« ergänzte Graf Heinrich.

»Die Menschen Rousseau's und geistesverwandter Philosophen habe ich mit eigenen Augen gesehen, – Vandalen, mordgierige Ungeheuer, Bestien,« sagte Paul.

»Allerdings traurige Ausschreitungen der Leidenschaft,« gestand Häcksel.

»Keine Ausschreitungen der Leidenschaft, sondern Folgen der empfangenen Lehren, Früchte vom Baume einer gottlosen Wissenschaft,« erwiderte Paul. »Die Zöglinge unserer Philosophen hatten ein Recht, Vandalen, Ungeheuer und Bestien zu sein; denn es lehrte sie die Wissenschaft, daß Religion Aberglaube, die Sittlichkeitsgesetze unberechtigter Zwang und pfäffische Eingriffe in das menschliche Selbstbestimmungsrecht seien. Das Evangelium und die Schöpfungsgeschichte seien Märchen, zwischen Tier und Mensch kein wesenhafter Unterschied; – Sie sehen, ganz dieselbe Wissenschaft, wie bei Ihnen. Ich glaube mich deshalb in der Annahme nicht zu irren, daß einmal auch die Zöglinge der deutschen Wissenschaft an der Freiheit sich ergötzen, Vandalen an allem Erhabenen zu sein und ihren bestialischen Durst mit Menschenblut zu stillen.«

»Die Sache ist ja so unanfechtbar wie eine Gleichung,« sprach Herzog Robert, der eine kalte Zurückhaltung gegen den Professor angenommen. »Wenn man es reißenden Tieren nicht übel nehmen kann, sich wie Bestien zu betragen, – das einzig bildungsfähige Professorentum die deutschen Jungen wissenschaftlich überzeugt, daß zwischen ihnen und reißenden Tieren ein wesentlicher Unterschied nicht besteht, – so darf man es auch den ausgewachsenen deutschen Jungen nicht übel nehmen, wenn sich dieselben wie Bestien betragen.«

»Menschenwürdige Bildung und deutsche Wissenschaft sind unzertrennbar,« versetzte Doktor Häcksel.

»Da jedoch zwischen Mensch und Tier kein Unterschied besteht, so darf die gemeinte menschenwürdige Bildung für das Tier nicht unpassend sein,« sagte Herr Gottfried.

»Bei dem Vorhalt, über die entsetzlichen Folgen ihrer Doktrinen, flüchteten auch unsere Philosophen hinter den Schild der Humanität und Bildung, welche von der Wissenschaft unzertrennlich seien,« bemerkte Paul.

»Es besteht doch einiger Unterschied zwischen französischer Philosophie und deutscher Wissenschaft,« entgegnete Häcksel. »Voltaire und Genossen behandelten die Materien seicht und oberflächlich. Die deutsche Wissenschaft verfährt systematisch und gründlich.«

»Um so gründlicher und systematischer wird die deutsche Wissenschaft das Volk verderben,« sagte Paul. »Frankreichs Unglück scheint für Deutschland keine Warnung zu sein. Vormals waren die Franzosen ein ruhiges, sanftes, an seinen staatlichen Formen und sozialen Einrichtungen zäh haltendes Volk. Seitdem aber falsche Bildung und Aufklärung die feste Grundlage einer gesellschaftlichen und politischen Ordnung erschütterten, nämlich den religiösen Glauben, – seitdem sind Unbeständigkeit, Wankelmut, Unruhe und Friedlosigkeit der Franzosen sprichwörtlich. Die Revolutionen sind fast permanent. Die gleichen Ursachen werden in Deutschland dieselben Wirkungen haben. Das ungläubige Professorentum und die entchristlichte Schule werden die Totengräber deutscher Wohlfahrt und die Väter von Revolutionen sein, die an Schrecklichkeit und Barbarei unsere erste vielleicht übertreffen. Corruptio optimi pessima.«

Bei dem Spruche erhob sich der Graf. Die Glieder der Tafelrunde kehrten nach dem Schlosse zurück.

Jena beglückwünschte den gelehrten Doktor Häcksel.

»Sie haben die Ultramontanen furchtbar gezüchtigt – ich danke Ihnen! Unsere Revanche ist vollständig. Nun fort aus dieser bigotten Luft!«

Allein der Baron täuschte sich bezüglich der Revanche und Züchtigung. Häcksel's gelehrte Ergüsse waren zu plump, unwahr und frivol, um andere Eindrücke hervorbringen zu können, als jene des Ekels und der Verachtung.

Als die Fremden abgereist waren, sagte Paul seinem Enkel, dem Grafen Heinrich: »Mein Sohn, trage Sorge, daß Deine Kinder bei der Wahl von Freunden und Bekannten sehr vorsichtig seien. Dulde niemals einen Verkehr mit Ungläubigen. Semper aliquid haeret, – selbst ein flüchtiger Umgang mit Gottlosen wirkt schädlich.«

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