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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 49
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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In St. Cloud.

Napoleon residierte damals in St. Cloud, einem alten Lustschlosse, das er in prachtvoller Weise herstellen ließ. Überhaupt entfaltete der kaiserliche Hof einen vielseitigen Pomp. Bekanntlich gipfelte Napoleons Stolz in dem Ruhme, ein Nachfolger Karls des Großen zu sein. Nicht bloß an Würde und Macht wollte er jenem Kaiser gleichen, sondern auch dessen zeremonielle Kaiserherrlichkeit wieder aufleben lassen. Darum führte er die alten Hofämter ein. Erzkanzler, Ordenskanzler, Großmarschälle, Kämmerer, Oberstallmeister und andere Würdenträger umgaben den Kaiser, sogar ein Großalmosenier, der unter das Volk zur Zeit der Capetinger Geldstücke zu werfen pflegte. Der alte Adel mit berühmten historischen Namen hatte den Hof des Emporkömmlings gemieden. Seit Napoleons Vermählung mit einer österreichischen Prinzessin drängte er sich heran, von dem neuen Karl dem Großen Würden und Ämter zu empfangen. Hiebei fehlte es nicht an komischen Erscheinungen. Die schmutzigen Sanscülotten von gestern prangten heute in der kaiserlichen Gnadensonne, angetan mit goldgestickten Gewändern, geschmückt mit »Exzellenz, Hoheit, Großwähler, Erzkanzler, Marschall« und anderen Titeln. Wütende, nach Aristokratenblut schnaubende Mitglieder des Konventes waren hocharistokratische Kammerherren der neuen Majestät geworden. Herzogskronen glänzten auf den Köpfen von Königsmördern, und jene, welche der Freiheit und Gleichheit Hekatomben geschlachtet, waren jetzt die Thronstützen eines Despoten. Die Revolution schien der zertrümmerten Monarchie den Prunkmantel nur abgestreift zu haben um ihn sich selber umzuhängen, und sich mit Titeln und Privilegien des guillotinierten Adels zu schmücken Cantu, Bd. XIII. S. 331..

Der Kaiserpomp galt indessen nur öffentlichen Schaustellungen. Napoleons Privatleben bewahrte den Charakter der Einfachheit. Rastlos tätig und arbeitsam bestand seine genußreichste Erholung im vertrauten Verkehr mit unterrichteten und geistreichsten Männern Wachsmuth. Bd. III. S. 317 f..

Auch heute saß der Kaiser lesend und Akten glossirend vor seinem Arbeitstisch. Er trug einen bequemen langen Rock, ohne jedes Zeichen kaiserlicher Würde. In der Hand hielt er eine goldene Medaille, die er mit steigendem Unmut betrachtete. Die Denkmünze enthielt das Symbol seiner Macht, den Adler, der jedoch gegenwärtig keine Blitze, sondern einen Leoparden in den Krallen trug. Das Gebilde verletzte den Imperator in hohem Grade. Er schüttelte den Kopf, stieß ein hartes Wort hervor, und warf zornig die Medaille zu Boden. Murrend nach dem zunächstliegenden Papierbogen greifend begann er kaum zu lesen, als sich eine neue Quelle des allerhöchsten Zornes öffnete. Er klingelte. Sein Geheimschreiber trat ein.

»Clarke ist ein Narr!« rief Napoleon heftig. »Weiß der Mensch seinen Gesandtschaftsposten nicht besser zu verwenden als zu Erfindungen abgeschmackter Schmeicheleien? Schreibt er da, in Etrurien stelle er Forschungen an nach einer mittelalterlichen erlauchten Abstammung des Hauses Bonaparte! Der Einfaltspinsel! Dazu rühmt er sich noch in öffentlichen Blättern seines geistlosen Einfalles. Lassen Sie sofort den »Moniteur« über den Gegenstand sich dahin aussprechen, dergleichen sei kindisch. Das Haus Bonaparte datiere vom achtzehnten Brumaire. Napoleon verdanke als Soldat, Magistrat und Souverän alles seinem Degen. Es gebe nichts so Gefährliches als törichte Freunde. – Diesen Gedanken geben Sie die entsprechende Form, dazu Pfeffer und Salz Moniteur 13, 25 Messid.

Der Geheimschreiber wollte sich mit einer gehorsamen Verbeugung entfernen.

»Auch Denon ist ein Dummkopf!« fuhr Napoleon zornig fort. »Dort, nehmen Sie die Medaille, – betrachten Sie! Der englische Leopard in den Klauen des französischen Adlers, – wie borniert! Die ganze Welt weiß, wie Adler und Leopard zu einander stehen. Nicht ein Fischerboot kann ich in das Meer bringen, ohne daß sich die Engländer desselben bemächtigen. – Lassen Sie Denon wissen, daß er sich keineswegs durch so plumpe Schmeicheleien empfehle, die noch dazu den Tatsachen in das Angesicht schlagen. Bausset, Mem. I. 58.«

Der Geheimsekretär verschwand.

Napoleon fuhr vom Sitze und durchschritt einige Male das Zimmer, offenbar mit den beiden ärgerlichen Gegenständen beschäftigt. Er liebte allerdings die Verherrlichung seiner Taten und seines Genius. Er ließ sich von Dichtern besingen, von Journalen und Schriftstellern rühmen. Er wünschte Weihrauchwolken um seinen Thron und die Erde als Schemel seiner Füße, – aber geistlose, unnatürliche Schmeicheleien erbitterten den reizbaren Beherrscher Europas.

Nach einigen Gängen blieb er stehen, die Arme vor der Brust verschränkt und überrascht niedersehend.

»Solche Blößen gab ich mir?« murmelte er fast betroffen. »Wie kamen Denon und Clarke zu dem Glauben, mir durch Abgeschmacktheiten gefallen zu können? Habe ich wirklich Ihnen diesen Glauben beigebracht? Wenn es wahr ist, daß man für andere ein weit schärferes Urteil besitzt als für sich selbst, dann mögen Denons und Clarkes Augen Schwächen entdeckt haben, die mir entgehen, – Schwächen, so vollendet erbärmlich, daß sie mich befähigen, die fadesten Lobhudeleien in Huld und Gnaden anzunehmen. Europas Gebieter ein seichter Geck, – in den Zirkeln seiner spottsüchtigen Feinde umgehend als eitler Tor, der Königreiche Jenen schenkt, die sich durch Speichelleckereien empfehlen! Verdammt!« rief er, den Boden stampfend! »Stark, wie ein Weltbezwinger und schwach, wie ein geckenhafter Junge! – Dahin kam es mit mir? – – Durst nach Ruhm und hohen Taten mag den Mann zieren, Selbstbewußtsein und Würdigung des eigenen Genius mögen angehen, – hohler Dünkel aber schändet. Und doch wird Niemand leichter dünkelhaft als ein Mensch, den Schmeichler stets umgeben, deren honigsüße Reden beständig seine Eigenliebe kitzeln und seinen Geschmack verderben, bis er, an den Kitzel gewöhnt, ohne Honig und Weihrauchduft verhungern müßte. Seinem verdorbenen Geschmack sind gekrümmte Rücken und schweifwedelnde Egoisten Augenweide, die kaiserliche Gnaden mit Verhimmelungen der Majestät erkaufen. Ha, – Unglück der Monarchen, mit Lügen genährt, durch Schmeicheleien betört, durch albernen Dünkel verkehrt zu werden! – – Ein Königreich für einen wahren, aufrichtigen und weisen Freund!«

Ein reichgekleideter Page meldete den Grafen Paul von Rovere-Valfort. Napoleon nickte gewährend mit dem Haupte, indem ein heller Schein das mißvergnügte Angesicht belebte.

»Ist das Zufall oder höhere Fügung? Ich schmähe das Hofschranzentum, das Schmeichlerheer, biete ein Königreich dem weisen, aufrichtigen Freunde, – da ist er! Ja, Valfort ist wahr, ehrenhaft, bieder, aufrichtig! – Aber auch mein Freund?«

Paul betrat das Kabinett. Der Kaiser eilte ihm froh entgegen.

»Ah, mein Retter, – mein Freund! Willkommen in St. Cloud! Das Wiedersehen freut mich. Und wie stattlich! Sie wären der schönste Mann meiner ganzen Armee!«

»Ist mir auch die Ehre versagt, Frankreichs allzeit siegender Armee anzugehören, so bin ich doch der getreueste Untertan meines Kaisers und, was noch mehr bedeutet, Eurer Majestät aufrichtig ergebener Freund.«

»Stolz und edel zugleich!« versetzte Napoleon, den Grafen bei der Hand fassend und ihn nach einem Polster geleitend. »Ich bedarf wirklich Ihrer Freundschaft, lieber Graf! Denn ich fordere Aufschlüsse und Wahrheiten, die nur Freunde gewähren. – Sie kennen die Stimmung der Vendee?«

»Ziemlich genau, Sire!«

»Nun?«

»Die Vendee fleht zum Himmel für den irrenden Kaiser und grollt dem Kirchenfeinde.«

Der Monarch saß im höchsten Grade erstaunt, über die lakonische Kürze und den männlichen Freimut der Antwort.

»Wie habe ich den Kirchenfeind verschuldet?«

»Durch Eingriffe in die Freiheit der Kirche und durch Gefangennahme ihres Oberhauptes. Jeder Schulknabe meiner Heimat weiß, daß Gott seiner Kirche ein Oberhaupt gesetzt, und daß vom Papste alle Jurisdiktion und alle geistlichen Ämter ausgehen müssen. Ohne Papst keine Pfarrer, keine Bischöfe. Ein Monarch, der Bischöfe ernennt, gegen den Willen des Papstes, zerstört eine göttliche Einrichtung in der Kirche, weil er sich Vollmachten anmaßt, die Gott nur seinem Statthalter übertrug. Dies haben Sie getan, Sire! Noch weit mehr haben Sie gesündigt vor den Augen der gläubigen Vendee. Sie haben jene unheilvollen gallikanischen Freiheiten aus dem Grabe gerufen, welche dem gestürzten Absolutismus gestatteten, die Kirche zu unterjochen, den Klerus zu verweltlichen und ihn der Leitung des obersten Hirtenamtes zu entziehen. Das Verderbnis der königlichen Despotie für die Kirche hat die Geschichte mit strafenden Worten verzeichnet. Eurer Majestät genügten die verrufenen gallikanischen Freiheiten nicht einmal. Sie erdachten die sogenannten organischen Artikel. Einer dieser Artikel bestimmt: »Keine Bulle, kein Breve, kein Reskript, oder Mandat, oder irgend ein anderer Erlaß des römischen Stuhles, wessen Inhaltes er auch sei, und wenn er auch nur einzelne Fälle betrifft, darf angenommen, publiziert, gedruckt oder vollzogen werden ohne Erlaubnis der Regierung.« Alzog, S. 951. Sie verbieten mithin dem Statthalter Christi, seines heiligen Amtes zu warten. Sie verschließen jenen Mund, der auf Gottes Befehl sprechen soll zu allen Nationen des Erdkreises. Sie binden und verhindern die Ausübung jener Vollmachten, die nicht ein Monarch, sondern Gott selbst dem Papste übertragen. Dies alles empfindet die Vendee als Bedrückung und Knechtung ihrer geliebten Mutter, der Kirche.«

Der reizbare Imperator bedurfte seiner ganzen Selbstbeherrschung, um Valfort aussprechen zu lassen. Wahrscheinlich wäre er dieser Selbstbeherrschung für den gegenwärtigen Fall nicht fähig gewesen, ohne den vorausgegangenen Zorn gegen die Schmeichler und den lebhaften Wunsch, aus Freundes Mund die Wahrheit zu hören.

»Die Empfindung der Vendee ist ohne Berechtigung, weil sie auf irriger Anschauung der Dinge beruht,« sprach er kalt und strenge. »Der Papst mag Bullen, Breven und Mandate erlassen nach Herzenslust, ich beschränke ihn durchaus nicht. Aber deren Veröffentlichung sei an die Genehmigung des Landesherrn gebunden. Ich kann nicht dulden, daß ein fremder Souverän in meinem Reiche und in meinen Vasallenstaaten kommandiert.«

»Den Katholiken des Erdkreises ist der Papst kein fremder Souverän, sondern deren geistlicher Vater, in dem sie den Stellvertreter Gottes, ihren obersten Lehrer und Hirten verehren.«

»Darin liegt es eben!« rief Napoleon auffahrend. »Diese Unverschämtheit der Priester! Bei Teilung der Autorität behielten sie die Einwirkung auf den Geist, den edelsten Teil des Menschen, für sich. Mich beschränken sie auf den Körper. Dem Papste die Seele, – mir den Leichnam. Empörend!«

»Um Vergebung, Majestät, so liegt die Sache keineswegs! Das ganze ungeheuere Gebiet der Künste und Wissenschaften, der Industrie und aller Zweige geistiger Strebsamkeit, gehören zum Reiche Ihrer Herrschaft. Der religiöse Glaube hingegen ist der Wirkungskreis des Papstes. Nur er empfing vom Stifter der christlichen Religion das Vollmaß geistlicher Gewalten und Vollmachten, nicht ein weltlicher Herrscher.«

»Auch meine Gewalt ist von Gott, so gut wie jene des Papstes.«

»Keine Frage! Das oberste Hirtenamt, Priesteramt und Lehramt empfing aber nicht der Kaiser, sondern eben nur der Papst.«

»Ich dulde eine Beschränkung meiner höchsten, absoluten Kaisermacht von keiner Seite. In Europa gibt es nur Einen Herrn.«

»Ich begreife!« sprach zögernd der Graf, wobei sich ein so schmerzliches Empfinden in seinen Zügen malte, daß Napoleons Auge forschend auf dem Schweigenden ruhte.

»Weshalb diese Zurückhaltung? Was begreifen Sie?«

Paul bewegte traurig das Haupt.

»Meine Anmaßung, der Freund des Kaisers sein zu wollen, wird sofort gestraft; denn ich habe nicht den Mut, durch Beantwortung Ihrer Frage der Majestät zu mißfallen.«

»Ihre Sprache ist ebenso originell, wie Ihre Denkweise, lieber Graf! Erschreckt Ihre Aufrichtigkeit die Majestät, dann sprechen Sie gefälligst zu jenem Artilleriekapitän, den Sie vor achtzehn Jahren gerettet haben.«

»Dank, Sire!«

»Nun also, – was begreifen Sie?«

»Ich begreife die Verschleierung Ihres genialen Geistes und die Blendung Ihres scharfen Auges durch einen Ruhmesglanz, wie er selten einem Sterblichen beschieden ist. Auf Ihren Wink, wechseln die Grenzmarken der Länder und Staaten Europas. Ihr Hauch bläst alte Fürstenthrone um und läßt neue entstehen. Bezwungene Nationen tragen das Joch Ihrer Herrschaft. Ihre Feinde liegen ohnmächtig im Staube. An Ihre Freunde verteilen Sie Königskronen. Sie sind in Wirklichkeit Europas Gebieter. Hiezu kommen gefährliche, berückende Huldigungen. Zur Höhe Ihres Thrones steigen die Weihrauchdüfte süßer Schmeicheleien empor. Dichter singen dem Kriegshelden Hymnen. Schriftsteller und Journale erschöpfen sich in Lobeserhebungen für den Staatsmann. Wie einen Halbgott feiert Sie die Kunst in ihren Darstellungen. Selbst Könige buhlen durch Verdemütigungen um Ihre Gunst und Gnade. Sire, ein Heiliger müßten Sie sein, ohne Nachteil und Gefahren dies alles ertragen zu können. Da Sie aber ein Heiliger nicht sind, so machte den Bezwinger Europas die Hoffart zum Gefangenen. Ja, die Hoffart verführte den allgewaltigen Kaiser, eine Macht in den Staub seiner Füße zwingen zu wollen, die nicht von dieser Erde ist, – die katholische Kirche. Wie im Staate absolut gebietend und herrschend, alles leitend, alles nach seinem allerhöchsten Willen gestaltend und fügend, – ganz so will auch der Kaiser in der Kirche walten. Sie befehlen das Priestertum, den Papst, die Religion, in Ihre Dienste. O Sire, ich beschwöre Sie, abzulenken von dieser verderblichen Bahn!«

Napoleon folgte ohne Zeichen des Verdrusses der freimütigen Rede; denn Jener, welcher diese Worte sprach, saß vor ihm, so treu ergeben und bieder, so selbstlos und schmerzlich bewegt, daß die Anklage alles Verletzende verlor. Das kalte Gesicht des Korsen überflog ein melancholischer Zug und sein Haupt nickte in kaum merklicher Bestätigung. Er saß ernst und schweigend, den Blick zu Boden gesenkt, wie im Kampfe mit der Sprache der Wahrheit und den Einflüsterungen seines Stolzes.

Valfort bemerkte den Eindruck seiner Rede und eilte, denselben zu verstärken.

»Vom Allerhöchsten empfingen Sie eine großartige und erhabene Mission, Sire! Die Revolution haben Sie gebändigt, niedergeworfen, mit Füßen getreten, – getödtet haben Sie die Revolution nicht.«

»Sehr wahr, mein Freund!«

»Keine physische Gewalt vermag dies, weil die Revolution eine geistige Kraft ist. Darum Geist gegen Geist, – Wahrheit gegen Lüge! Nicht das scharfe Schwert des Kaisers wird die Revolution töten, sondern das Schwert der Wahrheit, die geistige Macht der Kirche. Darum geben Sie die Kirche frei. Gestatten Sie derselben unbeschränkte Ausübung ihrer göttlichen Vollmachten, zur Bekämpfung des Bösen, zur Veredlung der Herzen, zur Herstellung und Sicherung einer sittlichen Ordnung. Ihre ruhmreichen Vorgänger, die großen Kaiser Konstantin und Karl, haben das souveräne Haupt gebeugt vor der göttlichen Autorität der Kirche. Dies haben sie getan, indem sie dem Zuge ihres gläubigen Gemütes folgten. Hätten sie es getan aus Berechnung, – die Achtung vor der göttlichen Autorität der Religion wäre dennoch ein Akt hoher Staatsweisheit gewesen. Denn, Sire, welches Ansehen wird die Religion beim Volke genießen können, wenn dieselbe den Befehlen des Kaisers ebenso gehorchen und nach dessen Winken sich modeln muß, wie jede andere Sphäre der Verwaltung? Welches Ansehen genießt die Kirche, wenn sie nur eine Dienstmagd des Kaisers sein darf? Welches Vertrauen flößen die Lehren und Hirtenworte von Priestern und Bischöfen ein, die sprechen und handeln nach kaiserlichen Mandaten? Dem Scharfblick Eurer Majestät wird nicht entgehen, daß die Religion göttliche Offenbarung und die Kirche eine Stiftung des Welterlösers sein muß, wenn sich die Gewissen ihrer Autorität unterwerfen sollen.«

»Unbestreitbar richtig! Hieraus folgt aber keine Unterwerfung des Imperiums unter das Sacerdotium.«

»Frommer Sinn und Glaube an den göttlichen Geist in der Religion bedeuten für den Kaiser nicht Unterwerfung unter das Priestertum. In den Augen des Volkes vergibt sich die Majestät nichts, wenn sie dem Statthalter Christi huldigt, – sie gewinnt. Nicht den äußeren Schein meine ich, diktiert von Staatsklugheit, ich meine die Huldigung des Glaubens. Ist denn nicht gerade für den höchsten, keinem Menschen verantwortlichen Herrn, die Religion, das Gesetz Gottes, eine feste Schranke gegen tyrannisches Gelüsten? Ein Volk ohne Religion ist die permanente Revolution, – ein Herrscher ohne Religion ist die permanente Tyrannei. Allein der fromme Christ wird niemals Despot. Und ein Weltbeherrscher vergibt seiner Hoheit nichts durch Frömmigkeit, weil die Tugend größer ist als die Weltherrschaft.«

»Demnach hält mich die Vendee für einen schlechten Christen und für einen Despoten?«

»Eure Majestät beraubte den heiligen Vater seiner Staaten und hält ihn bis auf den heutigen Tag gefangen, – für die Vendee ein schlagender Beweis von der unchristlichen Gesinnung des Kaisers.«

»Weil die Vendee nicht begreift, daß man ein sehr guter Christ sein kann, ohne ein Freund der weltlichen Herrschaft des Papstes zu sein. Ich weiß, man behauptet, der Papst bedürfe der weltlichen Souveränität, zum Schutze seiner oberhirtlichen Unabhängigkeit. Das mochte richtig sein, als Europa verschiedene Herren besaß; denn es konnte der Papst nicht einem Einzelnen derselben in besonderer Weise untergeordnet sein. Aber wie könnte dies jetzt ungehörig erscheinen, da Europa keinen anderen Herrn anerkennt als mich?« Ganz dieselbe Einwendung machte Napoleon in der von ihm berufenen Pariser Synode.

»Der Papst wäre auch dann nicht das Oberhaupt der Kirche, wenn er einem einzigen Herrn Europas Gehorsam schuldete, sondern eben Jener wäre das Kirchenoberhaupt in Europa, der ein Recht hat, vom Papste in religiösen Dingen Gehorsam zu fordern. Auch ist der Vendee nicht unbekannt, daß die katholische Kirche nicht eine europäische, sondern eine Weltkirche ist. Zahllose Volksstämme und Nationen gehorchen dem Statthalter Christi, die einen Herrn Europas nicht anerkennen, nicht einmal von dessen Existenz etwas wissen.«

Der Kaiser bearbeitete mit dem Federmesser die Holzlehne seines Sessels, was er im Zustande der Aufregung, oder bei angestrengter Geistestätigkeit immer zu tun pflegte.

»Ihre Einwürfe, lieber Graf, würden einem Theologen Ehre machen und mich in Verlegenheit bringen, wenn ich vom Papste nicht einen Gehorsam forderte, der eigentlich den Charakter freundschaftlicher Beziehungen trägt und nebenbei eine Schranke, eine Schutzwehr für des Kaisers Oberhoheit gegen päpstliche Übergriffe sein soll. Bei der jüngsten Erledigung des römischen Stuhles hat man das Ansinnen an mich gestellt, die veraltete, nicht mehr zeitgemäße Einrichtung des Papsttums eingehen zu lassen. Ich tat hievon das Gegenteil. Ich gestattete nicht nur die Wahl eines Papstes, ich gab sogar persönlich dem Erwählten jene Ehren, welche dem Statthalter Christi gebühren. Auch die katholische Kirche stellte ich in Frankreich wieder her und bewies mich als deren Freund. Wenn ich nun verlange, der Papst möge mir gewogen und freundlich sein, er möge ein Feind jener sein, die Feinde des Freundes und Wiederherstellers der katholischen Kirche sind, so fordere ich nichts Unbilliges. Sie verbinden mich sehr, lieber Graf, wenn Sie in der Vendee diese Gesichtspunkte populär machen. Das Volk würde dem gefährlichen Mißgriff entgehen, die Handlungsweise und die Absichten seines Kaisers falsch zu beurteilen.«

»Unmöglich, Sire! Das Volk bildet sich ein Urteil nach den Tatsachen. Sie haben dem Papste gesagt: »Meine Feinde sollen auch die Ihrigen sein.« Sie verlangen von ihm die Anwendung geistlicher Strafen und Zensuren gegen alle Fürsten und Völker, die Eure Majestät bekriegt. Der Papst erwiderte, dies vermöge er nicht ohne Befleckung seiner Ehre, seiner Pflicht und seines Gewissens. Er sei Vater der ganzen Christenheit und sein Beruf, ein Diener des Friedens zu sein, weshalb er nicht aufhöre, den Himmel um das Aufhören dieser fortwährenden Kriege, und um die Rückkehr der Eintracht und allgemeinen Ruhe, anzuflehen. Alzog, Kirchengeschichte S. 956. – Die Vendee findet diese Sprache eines Vaters der Christenheit würdig.«

»Auch den Bann über mich?« frug Napoleon mit zornigem Aufleuchten der Augen.

»Der Bann traf den Kerkermeister des Papstes, den Berauber des römischen Stuhles, den Unterdrücker kirchlicher Freiheit. Das Volk der Vendee findet den Bann gerechtfertigt.«

»Nun, die päpstlichen Blitze sind kalte Schläge und machtlose Irrlichter geworden, die weder zünden in den Gemütern, noch den Bebannstrahlten zu schaden vermögen,« sagte Napoleon im Tone erzwungener Laune.

»Sie täuschen sich, Sire! König Ludwig XIV. wollte einmal zwei ungefügige Bischöfe vor sich laden. Davon hielt ihn Bossuet zurück mit den Worten: »Der Himmel behüte Sie vor einer solchen Maßregel! Denn es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Weg, den die Bischöfe zum Throne machen, bedeckt sein wird von Scharen des Volkes, welches auf den Knieen liegend sie um ihren Segen anfleht.« Diese Ansicht Bossuet's bestätigt die Gegenwart. Sie halten den Papst in strenger Gefangenschaft. Doch was geschieht? Gerade die schweren Drangsale des greisen, standhaften Pius erwecken ihm allgemeine Teilnahme und beleben zugleich das katholische Bewußtsein. Alle Klassen der Bevölkerung, Groß und Klein, Alt und Jung, Reich und Arm, verehren ihn als Bekenner, als Dulder für den Glauben und die Freiheit der Kirche. Die Standhaftigkeit des schwergeprüften Greises erfüllt jeden Katholiken mit Bewunderung und warmer Sympathie. Was mithin der Papst gewinnt, das verliert sein Widersacher.«

Napoleon verließ den Sitz und schritt einige Male gedankenvoll durch das Zimmer.

»Alexander konnte sich den Sohn Jupiters nennen, ohne daß man ihm widersprach; ich aber finde einen Priester mächtiger als mich, weil er über die Geister herrscht, ich nur über die Materie.« Cantu, Bd. XIII. S. 436.

»Die wirkliche Größe Eurer Majestät kann nur gewinnen durch den Mangel eines heidnischen Wahnes. – Gestatten Sie die Erwähnung eines anderen Umstandes, der Sie den Bannstrahl nicht sollte verachten lassen, Sire! Der Papst erscheint zwar in Gestalt eines schwachen, alten, hilflosen Mannes, ohne physische Macht. Sie könnten ihm alles nehmen, sein Land, sein Besitztum, sogar seine Freiheit. Keine Hand in Europa rührte sich zur Verteidigung des verlassenen Pius, der vollständig Ihrer Macht preisgegeben zu sein scheint. Aber, Sire, nur keine verhängnisvolle Täuschung! Wenn Jesus Christus wirklich den Papst zu seinem Statthalter auf Erden bestimmte, mit der Vollmacht, seine Kirche zu leiten, – wenn Jesus Christus kein gewöhnlicher Mensch ist, der einmal lebte, dann starb und auf den Gang irdischer Verhältnisse keinen weiteren Einfluß mehr besitzt, – wenn vielmehr Jesus Christus ein fortlebendes Wesen ist, dessen Auge über seinen Statthalter wacht und das ein Interesse hat für sein eigenstes Werk, die Kirche, – wenn Jesus Christus Gott ist, dessen bloßer Wille genügt, die mächtigsten Throne und Reiche in Staub und Asche vergehen zu lassen: – was erwartet Einen, der sich vermißt, den Statthalter des Allmächtigen zu befehden, seiner Freiheit zu berauben, an der Ausübung jener Pflichten zu hindern, die ihm der Allerhöchste für die ganze Kirche auferlegte? Sire, blicken Sie in die Geschichte! Keiner Dynastie hat die Verfolgung des Papstes Segen gebracht. Die Starken der Erde glaubten, den Bann eines Schwachen verachten zu können, allein die Verkettung der Dinge, welche in der Hand Gottes liegt, vollzog den Bann. Dies mußte und muß immer geschehen, weil der Allerhöchste sein Wort einzulösen hat, das er zum Schutze feiner Kirche einsetzte. So wenig Gott treulos und wortbrüchig sein kann, eben so wenig wird er straflos seine Kirche und deren Oberhaupt bedrücken lassen«.

»Der Allmächtige hat durchaus keinen Grund, mir zu zürnen. – im Gegenteil! Er weiß, was ich getan habe für die Religion«.

»Die Absicht entscheidet vor Gott alles, Sire«!

»Undankbar und wortbrüchig ist der Papst«! fuhr Napoleon erregt fort. »Sein Herz schwillt von Bitterkeit, er predigt Aufruhr, – wie kann er ein Diener der Kirche, ein Stellvertreter Gottes sein, der befohlen hat, dem Kaiser zu gehorchen? Wenn ich den Papst gefangen nahm, so war dies Notwehr gegen den Rebellen. Niemals bedrängte ich die Kirche. Niemals mischte ich in deren innere Angelegenheiten meine Hände. Niemals hinderte ich den Papst in Ausübung seiner geistlichen Pflichten. Mein Zorn trifft nur den starrsinnigen, undankbaren, meuterischen Pius«.

»Sire darf ich mir erlauben, das Gegenteil Ihrer Behauptungen zu beweisen«?

»Sie vermögen es nicht! indessen, – ich höre«.

»Eure Majestät versichert, niemals in religiöse Angelegenheiten die Hand gemischt zu haben. In ihrer sakramentalen Eigenschaft ist doch die Ehe rein religiöser Art. Die einmal giltig geschlossene Ehe ist unlösbar. Sie aber befahlen dem Papste, die Ehe Ihrer beiden Brüder zu lösen«.

»Und der Papst, welcher ja die Gewalt besitzt, zu binden und zu lösen, hätte mir diesen wichtigen Freundschaftsdienst sehr gut leisten können. Meine beiden Brüder heirateten Frauen bürgerlichen Standes. Da ich dieselben zu Königen erhob, so war es für sie schicklich, Frauen aus fürstlichem Geblüt zu nehmen. Weshalb verweigerte mir der starrköpfige Alte diesen Gefallen? Es kostete ihm doch nur ein Wort, nur die mühelose Anwendung seiner Lösegewalt. Er tat es nicht, – der Undankbare«!

Diese Worte sprach Napoleon immer heftiger, ohne sein Gehen durch das Zimmer einzustellen.

»Weil er dazu kein Recht besitzt«, antwortete Valfort, einigermaßen über die religiöse Unwissenheit des Kaisers erstaunt. »Kein Papst vermag es, gültige Ehen in der Weise zu trennen, daß eine zweite Ehe eingegangen werden könnte. So weit erstreckt sich die Lösegewalt nicht. In der Kirche gibt es keine Willkür. Dogma und Moral sind unverletzlich, unveränderlich. Den Papst bindet ebenso strenge die Pflicht, den ganzen Glaubensinhalt und der ganzen Moral sich zu unterwerfen wie jeden Katholiken. Vielmehr ist gerade der Papst insbesondere verpflichtet, über die Reinheit des Glaubens und der Moral zu wachen. Sohin war es Pius VII. absolut unmöglich, dem Wunsche Eurer Majestät zu genügen«.

Napoleon machte, ohne seinen Gang zu unterbrechen, eine verneinende Handbewegung.

»Religiöse Institutionen können im allgemeinen sehr nützlich sein, dem Herrn Europas gegenüber jedoch zu engherzigen Lächerlichkeiten herabsinken«.

»Jede Kreatur ist den Geboten und der sittlichen Ordnung Gottes unterworfen, – deshalb wird es vor dem Statthalter Christi weder einen Sklaven, noch einen Herrn Europas geben dürfen. Die Gerechtigkeit und Großartigkeit dieses Standpunktes wird Ihnen nicht entgehen, Sire! Gerade den mächtigsten Monarchen bewahrt Gehorsam gegen Gottes Gesetz vor Ausschreitungen der Willkür, denen gar leicht ein Mensch verfällt, dem Alle schmeicheln, dem Alles dient, vor dem sich alles beugt, der keine Schranke seines Willens anerkennt«.

Bonaparte blieb dem Redenden gegenüber stehen, mit großer Aufmerksamkeit den Worten folgend.

»Der reichbegabte Ludwig XIV. wäre niemals ein Despot geworden, das absolute Königtum wäre niemals entstanden, das Volk hätte niemals Ursache gehabt zur Empörung gegen Tyrannei, wären die Monarchen in Wirklichkeit gewesen, was sie hießen, – allerchristlichste Könige«.

»Sie haben ein wahres Wort gesprochen, Graf! Der Menge gilt Frömmigkeit mehr als Ruhm und Genie. Betende und fastende Könige sind die geliebten Väter ihrer Untertanen, – siegende Monarchen, deren Schwert den Erdkreis unterwarf, werden leicht für Tyrannen gehalten«.

Hier wandte er sich ab, seinen Spaziergang fortsetzend.

»Ich kenne die Stimmung fast allgemeiner Unzufriedenheit«, fuhr er weiter. »Minister, Räte und Höflinge versicherten mir, die Unzufriedenheit des Volkes entspringe meiner Kinderlosigkeit. Es mangle mir ein Nachfolger. Verwaist stehe das Reich nach meinem Ableben, weshalb sich schlimme Besorgnisse der Gemüter bemächtigt hätten. So berichteten meine Räte, – falsch! Es wächst die Unzufriedenheit, obwohl ich das unfruchtbare Weib entließ, mit dem ich in ungültig geschlossener Ehe lebte. Das Herz der Massen schlägt immer kälter für mich, obwohl in der Verbindung mit Maria von Österreich ein Thronerbe gesichert erscheint. Nein, – Kinderlosigkeit raubte mir die Neigung des Volkes nicht! Sie geben den richtigen Grund an. Ein Monarch, der sich gegen die Offenbarungen des Allerhöchsten aufzulehnen scheint, untergräbt die Autorität der Krone. Wären Sie Minister des Innern gewesen, Sie mit Ihrem biederen Herzen, mit Ihrem gläubig frommen Gemüt, mit Ihrer einfachen Klugheit, – mancher Mißgriff wäre vermieden worden. Aber das ist der Fluch der Monarchen, von falschen, oder von treulosen, oder von dummen Räten und feilen Menschen umgeben zu sein. – – Empörung gegen die Kirche, Vergewaltigung des religiösen Geistes, Verachtung der christlichen Idee, lagen niemals in meinen Absichten. Nur die Hindernisse wollte ich aus dem Wege räumen, die sich meinen Plänen entgegenstellten«.

»Die gemeinten Hindernisse sind Schranken einer göttlichen Weltordnung, deren Trägerin die Kirche ist, Sire! – einer sittlichen Weltordnung, dem Kaiser und dem Volke zum Segen. Ihre Regierungsweise hingegen erweckt den Verdacht, durch die Religion zugleich die Gewissen beherrschen zu wollen und in absoluter Machtvollkommenheit die stärksten Säulen der christlichen Ordnung niederzuwerfen. Sie haben nicht allein den Papst des Besitztums und seiner Freiheit beraubt, weil er sich weigert, Ihren Befehlen zu gehorchen, Sie ersticken zugleich das Herz des religiösen Lebens. Sie verhindern die Weihe von Bischöfen und von Priestern. Seit neun Jahren stehen in Deutschland die erledigten Bischofsstühle leer, ebenso in Italien. Das hirtenlose Volk entbehrt der Predigt, des Segens der heiligen Sakramente. Muß nicht Erkältung oder Zorn gerade die Besten des Volkes beschleichen gegen den Urheber dieser folgenschweren Mißstände.« Alzog, S. 959.

»Urheber dieser Mißstände ist der Papst, – nicht ich! Der eigensinnige Alte verweigert allen von mir ernannten Bischöfen die Bestätigung und Institution«.

»Weil er muß, Sire! Wie kann er Bischöfe bestätigen, zu deren Ernennung Sie kein Recht haben«?

»Er selber gab mir dieses Recht durch das Konkordat«.

»Dem christlich gesinnten Kaiser, dem weltlichen Schirmherrn der Kirche gab er dieses Recht, – dem Bedränger des heiligen Stuhles, dem Kirchenfeinde, mußte er dieses Recht entziehen. Und dann, Sire, – gestatten Sie huldvoll den freimütigen Ausdruck meiner Treue, – haben Sie nicht auch in dieser Beziehung die verderbliche Bahn Ludwigs XIV. und seiner Nachfolger beschritten? Der Königshof erhob damals Männer seines Geistes zu Bischöfen, feile Günstlinge, üppige, genußsüchtige Lebemänner. Wer erntete die Giftfrüchte dieser Aussaat? Volk und Thron. Wozu Hofbischöfe, Sire? Diese Rotte wird allerdings Ihren Winken gehorchen. Sie werden gehorsame Sklaven haben, aber keine nützlichen Freunde und das Volk keine Hirten. Wie kann der Papst Bischöfe bestätigen und Männern geistliche Vollmachten übertragen, welche dem Kaiser Alles geben, und Gott nichts«?

»So faßt man in der Vendee die Sache auf«?

»Genau so, Majestät! Und nicht allein in der Vendee, sondern allenthalben, wo nur ein Funke katholischen Bewußtseins in den Herzen glimmt. Nach der Überzeugung des Volkes, hat die weltliche Macht kein Recht, Gesetze über religiöse Verwaltung innerhalb der Kirche zu erlassen. Geschieht dies dennoch, so wird dies empfunden als Gewissenstyrannei, der sich die Vendee niemals beugt. Geht das noch eine Weile so fort, verschärfen sich die Gegensätze, dann muß die Kirche oder das Kaiserreich untergehen«.

»Meint die Vendee«?

»Leider, Sire«!

»Nun, für die Existenz des Kaiserreiches wird mein Degen sorgen«!

»Majestät, keine Täuschung, ich beschwöre Sie! Wenn Ihr starker Arm das Kaiserreich stützt, – wer schirmt die Kirche? Derjenige, vor dem alle Staub und Asche sind. Ich bitte, die Sachlage nicht zu betrachten mit dem flüchtigen Blicke seichter Alltäglichkeit, sondern genau und scharf. Der Allmächtige hat sein Wort eingesetzt für die Erhaltung seines Werkes, – können wir einen Wortbruch Gottes annehmen? Ebenso blödsinnig, wie frevelhaft«!

»Die Kirche ging tatsächlich, wenigstens vorübergehend, in manchen Ländern unter«.

»Sie meinen Afrika und England? Die faulen Zustände in Afrika verdienten das Erlöschen des Gnadenlichtes, und auch England, wo sich indessen der Katholizismus wieder lebhaft regt, hatte schwer gesündigt. Aber, Sire, wenn Hunderttausende eines Volkes die Hände zum Himmel heben, flehend für ihre Mutter, – wenn Tausende desselben Volkes eben starben, als Blutzeugen für den Glauben, – wenn Millionen den Segen und den Frieden der Kirche ersehnen: – wird Gott einem solchen Volke gegenüber sein Wort nicht einlösen müssen? Ist denn Jesus Christus ein toter Gott, der nicht hört und nicht sieht? Ist er ein Leichnam, der für seine Stiftung kein Interesse, keine Fürsorge haben kann? Ist er aber dieses nicht, sondern ein lebendiger Gott, ein treuer Liebhaber seiner Braut, ein allmächtiger Schirmherr seiner Kirche: – Sire, was steht Ihnen und Ihrer Dynastie bevor? O Majestät, Schmerz und Wehmut erdrücken mich bei dem Gedanken, wie ein genialer Geist, dem eine große Mission geworden, Gefahr läuft, der zermalmenden Hand des wachenden, seine Kirche schützenden Gottes zu verfallen«!

Valfort hielt erschüttert inne, überwältigt von mächtiger Gemütsbewegung. Und da niemand dem aufrichtigen Schmerze und einer starken Überzeugung gegenüber kalt bleiben kann, so fühlte sich der Kaiser von dem berührt, was so lebenswarm den Grafen beseelte.

Napoleon wandte sich ab und schritt langsam nach dem Fenster, vor dem er sinnend stehen blieb.

»Sire, gedenken Sie Ihrer geistvollen Worte in jener öden Kirche von Paris! Damals hat die Wahrheit aus Ihnen gesprochen. Ihr Mund war das Organ Ihres Genius, der, unbestochen von Leidenschaften, aus den Tatsachen der Jahrhunderte glänzende Resultate zog. Damals haben sie gesagt: »Das freie Walten des Katholizismus hat Frankreich groß und ruhmreich gemacht, – welchem Volke, dessen Lebensgang er leitete, hätte er dies nicht getan? Frankreichs innerer Zerfall beginnt von dem Augenblicke, als kurzsichtige Staatsmänner der Kirche Fesseln anlegten, dieselbe mißbrauchten, verweltlichten. Die Folgen dieser Mißgriffe waren Despotie, Knechtung und Elend des Volkes, allgemeiner Rückschritt auf geistigen und materiellen Gebieten, und schließlich die unabweisbare Konsequenz, – die Revolution«. Und wie herrlich motivierten Sie weiter Ihre Bewunderung für die Kirche! »Die Weltgeschichte berichtet«, sagten Sie damals, »daß auf der Basis christlicher Ideen die Kulturentwicklung der Neuzeit beruhe. Trägerin christlicher Ideen ist aber die Kirche. Seit fast achtzehnhundert Jahren erzieht und nährt sie geistig die Nationen. Sie hat aus Barbaren gesittete Menschen gemacht, die Tyrannei vergötterter Imperatoren zerbrochen, die Ketten der Sklaverei zerrissen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gepredigt. Um es kurz zu sagen, das freie Walten der Kirche im Geiste Jesu ist die Lebensbedingung aller Völker, der wirksamste Hebel fortschreitender Kultur, die Seele einer schrankenlosen Sittenveredlung«. – O Majestät, kehren Sie zum Standpunkte Ihres besseren Selbst zurück«!

»Mein Freund, zwischen heute und damals liegen achtzehn Jahre und vieles Andere«, sagte bewegt der Kaiser. »Sie werden begreifen, daß ein Monarch so nicht denken und streben kann wie ein Artilleriekapitän. Indessen, – ich danke Ihnen für den Ausdruck aufrichtiger Freundschaft. Sie sind erschüttert, – unterbrechen wir für heute diesen Gegenstand. In freien Augenblicken werden wir die Sache weiter betrachten. – Der Hofmarschall empfing bereits für die gastliche Bewirtung meines Freundes und Retters die entsprechenden Befehle«.

Mit einer stummen Verbeugung verließ Paul das Kabinett.

Napoleon stand in Mitte des Zimmers, die Arme vor der Brust verschränkt, tief ernst, unbeweglich, wie eine Bildsäule. Dann hob sich der Blick vom Boden, mißvergnügt und finster.

»Dies war kein Schmeichler mit dem Weihrauchfaß, – dies war die bittere Wahrheit! – – Nun? – Umkehr? Öffentliches Eingeständnis begangener Übergriffe? Verdemütigung vor dem Papste? Unmöglich«! stieß er hart hervor. »Die Weide biegt sich und das schwache Rohr, – Europa's Herr nimmermehr! – – Ja, ich bin ein Werkzeug der Vorsehung! Sie wird mich so lange erhalten, als sie mich braucht, – und dann wie ein schwaches Glas zerbrechen. Wie ein Glas, das man wohl zerbrechen, aber nicht biegen kann« Cantu, Bd. XIII. S. 407.

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