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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 47
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Konsul Bonaparte.

Bekanntlich verstand es der geniale Bonaparte in seltenem Maße, für die verschiedenen Verwaltungszweige die besten Kräfte zu erspähen und zu wählen. Charakter und sittlichen Gehalt von Trägern bedeutender Talente beachtete er nicht im geringsten. Den Kopf forderte er in seine Dienste, nicht das Herz. Er haßte zwar die Jakobiner, die blutroten Bergmänner des untergegangenen Konventes, dennoch vertraute er einigen dieser Sorte die wichtigsten Staatsämter an. Den schlauen Fouche wählte er zum Polizeiminister, obwohl Fouche ehedem zu den Brandmördern der Bergpartei gehörte. Auf die blutige Vergangenheit seines Erwählten aufmerksam gemacht, erwiderte Napoleon: »Wir bilden eine neue Epoche. Wir dürfen aus der Vergangenheit nur des Guten gedenken, nicht des Schlimmen.« – Zur Fähigkeit des Talentes mußte aber die Fügsamkeit in den Willen Bonapartes und der Eifer für seinen Dienst kommen; denn schon geberdete sich Konsul Napoleon wie ein Herrscher.

Zum Minister des Äußeren erkor Napoleon den Bischof von Autun, den feinen Diplomaten Talleyrand. Auch dieser Prälat gehörte vormals zur Bergpartei. Unter dem Königtum der Bourbonen war er Lebemann, Freund der Enzyklopädisten, Philosoph des Unglaubens. Während er den Hof und die höchsten Gesellschaftskreise mit seinen geistreichen Witzen und feinen Schmeicheleien bezauberte, lachte er im Stillen über den König und den Hof, über die Philosophen und Frauen, über das Volk, über jedes Gefühl, über die ganze Welt. Beim Ausbruch der Revolution fiel Bischof Talleyrand auch äußerlich von der Kirche ab und hielt später mit Robespierre gleichen Schritt. Aber nach Bonapartes Urteil war Talleyrand ebenso ein geborener Diplomat, wie Fouche ein geborener Polizeiminister. Und Napoleon täuschte sich nicht. Politischer Scharfblick und Gewandtheit des Ministers Talleyrand leisteten Frankreich große Dienste. Cantu, Bd. XIll. S. 264 f.

Diese Eigentümlichkeit Napoleons, gegebene Verhältnisse und Personen geschickt für seine Absichten zu gebrauchen, leiteten ihn dem Baron Valfort gegenüber. Pauls Eigenschaften und dessen bedeutender Einfluß in der Vendee konnten ihm dienen. Seines Lebensretters gedachte Bonaparte kaum; denn er hatte für empfangene Wohltaten kein Gedächtnis. Dem Grafen Barras, früher Mitglied des Wohlfahrtsausschusses und später Diktator, war Napoleon sehr zum Danke verpflichtet. Das Konsulat löschte in Bonapartes Erinnerung alle von Barras empfangene Wohltaten und Begünstigungen aus. So weit ging die Härte des Konsuls, daß er seinem früheren Gönner Barras nicht einmal Audienz gewährte. Cantu, Bd. XIII. S. 260 Anm.

Dem Baron Valfort hingegen schrieb Napoleon einige freundliche Zeilen, die ihn zur bestimmten Stunde nach dem Tuilerienpalaste einluden.

Selbst die Stunde der Audienz hing mit politischen Absichten zusammen. Als tiefer Menschenkenner und genialer Beurteiler, hatte Bonapartes Scharfblick längst erkannt, daß sich die Mehrzahl des französischen Volkes mit Ekel von den unsinnigen religiösen Theorien der Revolution abwandte und die alte Religion zurücksehnte, wie nach einer Bürgschaft inneren Friedens und dauernder Ruhe. Der Konsul plante nichts geringeres, als die Wiederherstellung des Katholizismus in Frankreich. Allein der Staatsrat widerstrebte, ebenso die Minister und die Mitkonsuln Bonapartes. Die Sache heischte Vorsicht. Heute sollte die entscheidende Sitzung sein. Napoleon, auch unscheinbare Mittel zur Förderung seiner Unternehmungen benützend, erkannte augenblicklich, daß ihm der Baron aus der Vendee dienen könne.

Der erste Konsul, Napoleon Bonaparte, saß vor einem Tische seines Bureaus, lesend und Randbemerkungen auf beschriebene Papierbogen werfend. Seine Kleidung war sehr einfach. Er trug einen langen grauen Rock, zugeknöpft bis an den Hals. Sein Gesicht hatte die mädchenhafte Feinheit verloren, gebräunt in der Sonnenglut Ägyptens, und seinen Zügen mochten die zahlreichen Schlachtfelder, die Strapazen und Mühsale des Krieges, diese ungewöhnliche Strenge eingegraben haben. In der Starrheit seines Kinnes saß der Welteroberer, und in dem durchdringenden Blick seiner geistreichen Augen leuchtete das Genie.

Geräuschlos nahte ein Diener dem Arbeitenden und meldete Valfort.

»Eintreten!« sagte Napoleon, die Papiere zurückschiebend.

Augenscheinlich wollte er den Besuch sitzend empfangen Als jedoch Valfort unter dem Eingange erschien, sprang er empor und eilte ihm entgegen.

»Ah, – mein Lebensretter! Wie es mich freut, Sie zu sehen! Pardon, mein Freund, wenn ich bisher mein Wort nicht einlösen und Sie besuchen konnte.«

Dies sprach Bonaparte, während er Paul zum Sitze geleitete.

»Ich finde es natürlich, sogar pflichtgemäß,« entgegnete Valfort, »wenn ein Mann, dessen starke Hand das Steuerruder eines lecken Staatsschiffes ergriffen hat, keine Zeit findet, Förmlichkeiten zu genügen.«

»Ihre Anschauungsweise ist ebenso nobel, wie vernünftig,« erwiderte geschmeichelt der Konsul. »Was verschafft mir das Glück unseres Wiedersehens? Darf ich das Vergnügen haben, Ihnen irgendwie dienen zu können?«

»Ich bin allerdings so kühn, mein Konsul, Ihre Vermittlung in einer für mich sehr ernsten Angelegenheit zu erbitten!« – Der Baron erzählte kurz den Zustand seiner Gattin, bezeichnete das wirksame Heilmittel, und schloß mit dem Wunsche, das Gut Rovere vom Staate käuflich zu erwerben.

Napoleon griff nach der Feder.

»Also, – Schloß und Gut Rovere, bei Limoges, vormals Eigentum des emigrierten Grafen Rovere,« sagte er und schrieb flüchtig einige Zeilen. »Das wird keine besonderen Schwierigkeiten haben. Pardon!«

Er betrat das nächste Zimmer. Dort gab er einem Beamten Befehle und kehrte zu Valfort zurück.

»Mein Freund, betrachten Sie die gewünschte Erledigung der Sache als einen kleinen Beweis meiner Dankbarkeit!«

»Ihre Huld, mein Konsul, übersteigt alle Erwartungen und verpflichtet zu jedem nur möglichen Gegendienste.«

»Ich nehme Sie gleich beim Wort, lieber Valfort! In einer Stunde wird sich der Staatsrat versammeln, in zehn Minuten werden die Konsuln und Minister zur Vorbesprechung hier eintreten. Es handelt sich um eine höchst wichtige Sache, nämlich um die Wiederaufrichtung der katholischen Kirche in Frankreich. Bei diesem großen, überaus bedeutungsvollen Werke stehe ich allein. Treten Sie auf meine Seite, zur Unterstützung. Ich kenne Ihre Stärke im Kampfe für religiöse Ideen. Und gerade Ihre Heimat, die gläubigfromme Vendee, mit ihren tugendhaften, fleißigen und tapferen Bewohnern, ist ein schlagendes Argument gegen die Religionsfeinde.«

Diese Absicht des ersten Konsuls mußte einen Mann mit der größten Freude erfüllen, welcher in der katholischen Kirche eine göttliche Schöpfung erkannte, sowie er Frankreichs Verderben im Abfalle von eben jener Kirche fand.

»Ein so erhabenes Werk habe ich von Ihrem genialen Geiste erwartet! Mit Vergnügen stelle ich meine geringen Kräfte zur Verfügung.«

»Nicht allzu bescheiden, mein Freund! Was Sie vermögen, weiß ich. Wenn der jüngste Aufstand in der Vendee nicht gedieh trotz englischen Geldes und royalistischer Umtriebe, so verdanken wir dies in nicht geringem Maße Ihren klugen und einflußreichen Bemühungen.«

Die Flügeltüren öffneten sich. Die beiden Konsuln Sieyes und Roger-Ducos und sämtliche Minister traten ein. Mit Ausnahme Lucian Bonapartes, Napoleons Bruder und Minister des Innern, standen alle im besten Mannesalter oder in bereits vorgerückten Jahren. Seit Beginn der Revolution in der Nationalversammlung tätig, im Konvent, im Wohlfahrtsausschüsse und in den höchsten Verwaltungszweigen, zugleich Mitschuldige am Königsmord, sowie an den jahrelang fließenden Blutströmen, hatten alle diese furchtbaren Umwälzungen im Äußern der Gewalthaber Spuren hinterlassen. Hart waren ihre Züge, finster die Blicke und wie ein Gewand der Nacht kleidete Schuldbewußtsein ihr Wesen. Nur an dem hinkenden, ewig lächelnden Talleyrand schien alles spurlos vorübergegangen zu sein. Während seine Amtsgenossen an den Errungenschaften der Revolution festhielten, dem emporstrebenden Genie Bonapartes im Geheimen grollten und dessen Diktatur zu hindern strebten, zögerte Talleyrand keinen Augenblick, dem emporsteigenden Herrscher zu dienen.

Namentlich widerstrebten die religionsfeindlichen Konsuln und Minister dem ausgesprochenen Willen Napoleons, die Kirche in ihre Rechte wieder einzusetzen. Ihr Widerstreben entsprang nicht allein persönlichem Unglauben, sondern auch der Furcht, Bonaparte möchte die Kirche in seine Dienste nehmen und durch sie die Oberherrschaft über die Gewissen erlangen. Da Irreligiosität immer noch einen Modeartikel bildete, die wild aufgeregten Leidenschaften in den rohen, verderbten Massen teilweise noch fortgärten und manche gebildete Klassen des religiösen Bekenntnisses sich schämten, so bedurfte es der ganzen Kraft und Klugheit Napoleons, seinen Zweck ohne neue Erschütterungen des Staates zu erreichen.

Der erste Konsul stellte Baron Valfort den Anwesenden als seinen Lebensretter vor, in lebhaften Farben seine damalige Lage und Gefahr im Café schildernd.

Die Konsuln und Minister beglückwünschten Paul.

»Indem Sie Napoleons kostbares, unersetzliches Leben Frankreich erhielten, haben Sie das Vaterland gerettet,« schmeichelte Talleyrand.

»Frankreichs Armee verdankt Ihnen die Möglichkeit ihres unsterblichen Ruhmes,« versicherte der Kriegsminister; »denn ohne Napoleon Bonaparte gäbe es keine Siege Frankreichs über Europa.«

So bildete Valfort einige Minuten den Gegenstand von Huldigungen und Schmeicheleien, die weniger ihm, als dem ersten Konsul galten.

Man ließ sich nieder.

»Gestatten Sie die Gegenwart meines Freundes in einer Sache, die ja ohnehin Gegenstand öffentlicher Debatten ist,« sagte Napoleon, den Baron zum Niedersitzen einladend.

»Die Öffentlichkeit ist eine glückliche Errungenschaft der Revolution; um so wertvoller, je mehr sie geeignet erscheint, geheime Attentate zu verhindern,« sagte Konsul Sieyes, mit einer Verbeugung gegen Napoleon.

»Und nichts mag der Öffentlichkeit würdiger sein als der religiöse Glaube, die Seele der öffentlichen Wohlfahrt, das Unterpfand des inneren Friedens und gesicherter Zustände,« versetzte Bonaparte rasch. »Ich habe Ihnen, meine Herren, die Beweggründe meines Strebens vorlegen lassen und hoffe, Ihre Unterstützung im Staatsrate zu finden.«

Allgemeines Schweigen.

Talleyrand machte zwar eine zustimmende Kopfbewegung und sein Mienenspiel verkündete Gehorsam. Allein er sah die gesenkten Blicke und finsteren Gesichter der Konsuln und seiner Amtsgenossen und auch er schwieg.

»Mein Herr,« wandte sich Napoleon an den Unterrichtsminister, »wollen Sie die Güte haben und Ihr Votum uns nicht vorenthalten!«

»Mein Standpunkt bei diesem Gegenstande ist bekannt,« erwiderte Guinguene, einen gedruckten Bogen hervorziehend. »In meiner Eigenschaft als Unterrichtsminister erließ ich ein Rundschreiben, in dem es heißt: »Alle positiven Religionen beruhen nur auf Aberglauben und erhalten sich nur durch die Macht des Aberglaubens. Darum hat auch keine derselben mehr Wert als die andere. Wenn die Menschen von Zeit zu Zeit die eine mit der anderen vertauschten, so war dies nur ein Wechsel in der Form geistiger Sklaverei. Es ist die französische Revolution, welche für immer jeden Einfluß der Religion und der Priesterherrschaft auf die politischen und materiellen Interessen der Völker gebrochen hat, welche darum die menschliche Gesellschaft zur wahren Freiheit des Geistes führt. Wer diese, dem Lebensglücke des Menschen hinderlichen, positiven Religionen mit den Waffen des Verstandes bekämpft und sie, um derentwillen so viel Blut geflossen ist, dem Spotte und der Lächerlichkeit Preis gibt, der macht sich verdient um das Vaterland, der ist ein würdiger Sohn der Revolution.« Cantu, Bd. XIII. S. 294 f.

»Genau im Geiste der Zeit und nach dem Geschmacke der gebildeten Welt,« rühmte Konsul Sieyes. »Kein Staatsmann wird die Verantwortlichkeit übernehmen, die öffentliche Meinung zu beleidigen und die Gesellschaft zu beunruhigen, indem er einen Kultus wieder einführt, welcher der Lächerlichkeit verfallen ist.«

»Abgestorbene Körper kann man nicht beleben, – der religiöse Glaube ist ein Leichnam,« versicherte Konsul Roger-Ducos.

»Nach Absetzung des Christengottes versuchte es die Regierung mit verschiedenen Kulten, keiner hatte Bestand,« sagte Fouche, der Polizeiminister. »Der Kultus der Vernunft wurde ebenso lächerlich und abgeschmackt wie der Kultus des Bauches. Da ein jeder Denkende die überwundenen Märchen des Aberglaubens belächelt, so widerspricht es der Klugheit, das gebildete Frankreich durch irgend eine neue Religionsform zu belästigen oder zu verletzen.«

Napoleon war bisher unbeweglich gesessen. Sein Angesicht war kalt und starr geworden wie Marmor. Jetzt rührte er sich. Seine Augen brannten und seine Züge leuchteten im Widerschein des tätigen Geistes.

»Ihr Rundschreiben behauptet,« wandte er sich an den Unterrichtsminister, »die Religion schädige das Lebensglück der Menschen, die politischen und materiellen Interessen der Völker. Die Gegenwart des Barons Valfort erinnert mich an die Vendee und die Vendee widerlegt tatsächlich Ihre Behauptungen. Die Bewohner jenes Landes sind die fleißigsten, tugendhaftesten, zufriedensten und glücklichsten Menschen, weil sie die religiös gläubigsten sind. Aus demselben Grunde hat sich die Vendee das stärkste Freiheitsgefühl bewahrt, – der unerhört blutige und hartnäckige Bürgerkrieg beweist dies. Oder täusche ich mich?« wandte er sich an Paul.

Diesen hatten die ungerechten und schamlosen Angriffe der Konsuln und Minister auf den religiösen Glauben verletzt und empört. Jetzt ergriff er froh die Gelegenheit, zur Verteidigung der Geschmähten und Verleumdeten.

»Ihr Urteil über die Vendee ist zutreffend, mein Konsul! Wohlstand, häuslichen Frieden, Familienglück, das lebhafte Gefühl für Gerechtigkeit und Freiheit, verdanken wir dem herrschenden Geiste der Religion. Die Vendee kannte weder den Feudalismus noch die Despotie des übrigen Frankreich, weil der lebendige Glaube den Baronen jede feudale Bedrückung unmöglich machte und weil der geläuterte Rechtssinn der religiösen Vendee den Absolutismus des entchristlichten Königtums abwehrte. Diese Erscheinung ist natürlich. Der sittlich reine und darum geistig freie Mensch bewahrt Selbstbewußtsein, während der Lasterhafte und Sklave seiner Leidenschaft sehr leicht charakterlos und servil wird. Sie behaupten, mein Herr,« wandte er sich an den Unterrichtsminister, »die Revolution habe die menschliche Gesellschaft zur wahren Freiheit des Geistes geführt, weil die Revolution für immer jeden Einfluß der Religion auf die materiellen Interessen der Völker gebrochen habe.« Kommen Sie nach der Vendee, um sich von der Unrichtigkeit Ihrer Anschauung zu überzeugen. Die materiellen Interessen befinden sich in der Vendee in bester Ordnung und zwar gerade deshalb, weil die Religion nicht aufgehört hat, einen bestimmenden Einfluß auf die materiellen Interessen zu üben. Meine Heimat kehrte längst zur Arbeit, zu Wohlstand und glücklichen Verhältnissen zurück, weil die belebende, den ganzen sozialen Organismus durchdringende Seele meiner Heimat jene beglückende Macht ist, welche Sie Aberglauben genannt haben. Der Aberglaube ist nicht Wahrheit, sondern Lüge, mithin eine negative Kraft, welche niemals ein Volk zufrieden, arbeitsam, tugendhaft und glücklich machen kann. Halten Sie dagegen die Unzufriedenheit, das Murren, den kochenden Grimm, das soziale Elend oder die Schwelgerei und Zügellosigkeit des religiös ungläubigen Frankreich. Gestern wohnte ich einer kommunistischen Versammlung bei. Ich vernahm die abgeschmacktesten Theorien. Die Kommunisten sind Religionsfeinde, Ungläubige, – nur deshalb können sie Grundsätzen huldigen, die jede staatliche Ordnung geradezu unmöglich machen und den Bestand der Gesellschaft vernichten. Sie behaupten, mein Herr, »wer die Religion dem Spotte und der Lächerlichkeit Preis gibt, der macht sich verdient um das Vaterland,« – das Gegenteil hievon ist meine Überzeugung. Die starke Hand des siegreichen Konsuls Bonaparte hält zwar die gärenden kommunistischen Massen im Zaume. Die äußere Ordnung hat für den Augenblick Bestand. Aber kein Staatsmann, kein Herrscher, auch der genialste und mächtigste nicht, wird ohne Religion auf die Dauer ein zügelloses Volk bändigen, dem innerlich faulen sozialen Organismus Bestand verleihen können. Äußere Machtmittel bringen keine innere Heilung.«

»Sehr gut!« rühmte Napoleon. »Tatsachen der alten und neuen Geschichte bestätigen vollkommen diese Ansichten.«

»Aus dem sozialen Bankrott wird Frankreich nicht herauskommen, bis es zur Quelle des Heiles zurückkehrte, zur Kirche und zu derem göttlichen Stifter, dem Welterlöser,« behauptete Valfort.

Auf den Gesichtern der beiden Konsuln und der Minister erschien ein eigentümliches Lächeln, zusammengesetzt aus Arger, Hohn und Verachtung. Deutlich stand in ihren Mienen geschrieben: »Hirngespinste eines Fanatikers! Und wir sind dazu verurteilt, dieses dumme Zeug anhören zu müssen!« – Valfort gewahrte diese Schrift, die ihn keineswegs abschreckte, sondern zum entschlossensten Eintreten für seine Überzeugung spornte.

»Ich bewundere Ihren Mut, Herr Baron, vielbestrittene Wahrheiten so überzeugungsvoll auszusprechen,« sagte der stets lächelnde Talleyrand.

»Wenn man hundertmal für seine Überzeugung das Leben eingesetzt hat, so gehört kein Mut dazu, dieselbe Überzeugung im friedlichen Kreise einsichtsvoller Männer zu vertreten,« entgegnete Baron Valfort. »Sie haben behauptet,« wandte er sich an Roger-Ducos, »der religiöse Glaube sei ein Leichnam.« Sie täuschen sich vollständig, mein Herr! Was hat die Vendee gestählt in ihrem Widerstande? Was hat die Tapferen mit Löwenmut, mit Begeisterung für die höchsten Güter der Heimat erfüllt? Was hat die waffenlosen Bauern befähigt, mit Stöcken in den Händen, die feindlichen Batterien zu erstürmen, die wohlausgerüsteten Revolutionsarmeen zu schlagen? Einzig der Glaube, den Sie einen Leichnam nennen, mein Herr, – dem Sie jede innere Kraft absprechen! Aber ich will materielle Kraftäußerungen nicht weiter berühren. Betrachten Sie gefälligst die Haltung der wehrlosen, der gebundenen Gläubigen, – jener, die in den Fäusten ihrer Henker das Leben aushauchten! Haben Blutströme die Gläubigen entmutigt? Haben die Grausamkeiten der Schreckensherrschaft vermocht, gewissenhafte Priester und Laien in ihrer Treue gegen Gott zu erschüttern? Es sind Priester und Bischöfe abtrünnig und meineidig geworden, – ja! Aber nur solche, denen nicht religiöser Glaube die Kraft zum Widerstande verleihen konnte.«

Hier schwand das unverwüstliche Lächeln aus den Zügen des Bischofs von Autun. Der Schlag geschah so unerwartet und plötzlich, und traf so empfindlich, daß der Diplomat überrumpelt wurde, indem eine glühende Schamröte das Angesicht des »Meineidigen und Abtrünnigen« bedeckte. Konsul Sieyes, ebenfalls Priester und ehedem Generalvikar des Bischofs von Chartres, dann Königsmörder und Mitglied der Bergpartei, ließ ein höhnisches Lächeln der Verachtung über sein Gesicht gleiten.

»Die Gläubigen hingegen,« fuhr Paul fort, ohne die Wirkungen seines absichtslosen Streiches zu bemerken, »konnte man guillotinieren, massakrieren, verbrennen, ersäufen, in Massen vertilgen, – abtrünnig, schwach und feige machen konnte man sie nicht. Im Gegenteil, die revolutionäre Mordgier vertiefte nur die Standhaftigkeit des religiösen Heldenmutes. Welche Stärke und sittliche Kraft muß also der Katholizismus enthalten und einflößen, den Sie einen Leichnam nennen? Wie unerschöpflich, wie unsterblich muß diese Kraft des katholischen Glaubens sein, da er schon vor siebzehnhundert Jahren ganz denselben Heroismus einzuflößen vermochte? Nein, mein Herr, ein Leichnam erzeugt keine zwölf Millionen Märtyrer, – der Tod verleiht keine Lebenskraft! Darf ich einen Wunsch aussprechen, so ist es meine Bitte an die Männer, denen Gott Frankreichs Geschicke in die Hände gab, sie möchten appellieren an eben diese sittliche Kraft des Katholizismus, um die versinkende, vom Unglauben vergiftete Nation zu retten.«

Konsuln und Minister betrachteten mit Verwunderung den freimütigen, redegewandten Sohn der Vendee. Napoleon nickte wiederholt beifällig und machte Handbewegungen des Einverständnisses.

»Bedürfte es noch eines Beweggrundes, mich von der Notwendigkeit des öffentlichen Kultus zu überzeugen, Sie hätten mir denselben eingeflößt, Baron Valfort!« begann der erste Konsul. »Meine Herren,« fuhr er in fast strengem Tone fort, »Feinde des Vaterlandes und Feinde der Religion sind identisch! Lesen Sie in den Blättern der Revolutionsgeschichte. Man hatte Gott hinwegdekretiert, die menschliche Vernunft zur Gottheit erhoben. Aber den Absetzern Gottes blieb der begangene frevelhafte Blödsinn nicht lange verborgen. Selbst Robespierre sah ein, daß ohne Gott eine menschliche Gesellschaft unmöglich sei. »Wenn es keinen Gott gäbe,« sagte er, »so müßte man einen erfinden.« Der Nationalkonvent dekretierte also die Existenz eines höchsten Wesens. Das Dekret bewirkte jedoch nicht, daß in alle Herzen der Glaube an Gott zurückkehrte. Die Schüler und Anhänger der falschen Philosophie, die Atheisten, zählen nach Tausenden und jene, die ihr Gewissen mit Verbrechen belasteten, haben ein Interesse daran, an den allwissenden Rächer des Frevels nicht zu glauben. Eine Natur ohne Gott wäre eine planlose, vom Ungefähr beherrschte Wüste, – eine menschliche Gesellschaft ohne Gott ist das Chaos. Weshalb diese fortwährenden Krisen in Frankreich? Weshalb diese beständigen Erschütterungen? Weshalb nirgends feste Grundlage, nirgends Sicherheit? Weil das Band der Religion,, die sittliche Kraft des Glaubens fehlen. Soll eine Staatsform lebensfähig sein, dann muß eine gemeinsame, allgemein gültige Überzeugung die Menschen verbinden zu einem einheitlichen Ganzen. Von dieser Idee waren auch jene Staatsmänner Frankreichs geleitet, die keine Sekten duldeten und nur den Katholizismus anerkannten, damit nicht religiöser Zwiespalt übergehe auf die staatliche Ordnung. Das mächtige Frankreich wurde elend und schwach, seitdem es aufhörte, katholisch zu sein. Der wahre Philosoph und ernste Denker kann nur mit lebhaftem Schmerze die Verwüstungen des letzten Jahrhunderts auf religiösem Gebiete betrachten. Die verschiedenartigsten Sekten und sophistischen Systeme hatten das Christentum unterminiert. Sie hatten an dessen Stelle ein dunkles, unverständliches Weltgesetz gerückt, der Menschheit ihren Gott genommen, um die Gemüter in das nichts, in Öde und Nacht zu versenken. Dem muß ein Ende gemacht werden. Die verderblichen Nebelgebilde des Unglaubens müssen verschwinden. Der heilige, gerechte, allwaltende Gott wird mit seinem Geiste die neue Verfassung Frankreichs durchdringen, beleben, erhalten. Die Geschichte der Menschheit und reifes Nachdenken haben mich vom Dasein Gottes überzeugt. Ich halte jeden Atheisten für einen Dummkopf oder für einen Schurken. Aus diesen Gründen betrachte ich es für meine Pflicht, den öffentlichen Kultus wieder herzustellen. Ich dulde keinen Widerspruch und werde jeden Feind des Vaterlandes zum Schweigen bringen,« rief der Eiserne, vom Sitze auffahrend. »Jeden Feind der Religion erkläre ich für einen Feind der Republik!«

Tiefe Stille folgte der geharnischten Rede. In die Stille schlug die Uhr auf dem Arbeitstische Napoleons. Der Stundenschlag klang geheimnisvoll, feierlich, als verkünde er den Beginn eines neuen Abschnittes in der Geschichte Frankreichs.

»Meine Herren,« sagte Napoleon, »die Minute ruft nach dem Sitzungssaale des Staatsrates. Ich werde folgen.

Die Konsuln und Minister verließen das Bureau Napoleons.

Sieyes nahm Rogers Arm und flüsterte ihm zu: »Wir haben einen Herrn, der alles weiß, alles kann und alles machen will.«

Bonaparte trat vor den Baron Valfort.

»Mein Freund, leben Sie wohl! Ich rechne auf den Fortbestand Ihres Wohlwollens für mich, sowie auf Ihre einflußreiche Wirksamkeit in der Vendee zugunsten eines Mannes, den die Vorsehung zur Lösung schwieriger Aufgaben berufen hat. Heute noch werden Sie die betreffende Urkunde erhalten und hoffentlich mit mir zufrieden sein.«

Er nickte gnädig mit dem Haupte, wandte sich und verließ das Zimmer, bevor Paul zum Danke Worte fand.

Napoleon begab sich in den Sitzungssaal des Staatsrates. Dort entwickelte er, in anderthalbstündiger Rede, die Notwendigkeit der Wiederherstellung des Katholizismus in Frankreich, sowie der Abschließung eines Konkordates mit dem Papste. Von keiner Seite erhoben sich Einwürfe oder Widersprüche, weil hiezu dem Staatsrate der Mut und auch die Macht fehlte. Cantu, Bd. XIII. S. 299.

Gegen Abend erhielt Baron Valfort eine Urkunde, laut welcher das dankbare Vaterland dem Retter Bonapartes Gut und Schloß Rovere zum Geschenke machte.

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