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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 46
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Kommunisten.

Paul fand Paris sehr verändert. An die Stelle des zerlumpten, düsteren, schmutzigen Proletariates war die Herrschaft des Gegenteiles getreten, – eine grenzenlose Prunk- und Vergnügungssucht. Die Revolution hatte viele bereichert. Die Beraubung der Besitzenden, des Adels und Klerus, hatte einer Menge gewalttätiger Menschen bedeutende Mittel verschafft. Hiezu kamen jene betrügerischen Lieferanten und Verpflegungsbeamten, welche die Not der Armee in ihrem Interesse ausbeuteten. Nebenbei hatte eine zahlreiche Klasse ihre Glücksgüter aus dem Revolutionssturme gerettet. Während der Schreckensherrschaft mußten sie allen Wohlstand verleugnen, sich aller Lustbarkeiten enthalten und die rauhe Lebensweise der Sanscülotten nachahmen. Desto ungestümer durchbrach jetzt eine zügellose Genußsucht alle Dämme. Die Revolution hatte an stete Aufregung und Zerstreuung gewöhnt. Die Gewohnheit suchte Ersatz und fand ihn bald. Statt in den Klub ging man jetzt in den Salon. Für die Guillotine entschädigten Zügellosigkeit und Schwelgerei. Die Rednerbühne ersetzte das Theater mit fleischfarbigem Kostüm. Bälle und Soireen, Equipagen und Livreen, entfalteten eine Pracht, gleich jener der höheren Gesellschaft unter den letzten Bourbonen.

Mithin hatte die Revolution keineswegs sittigend gewirkt, – im Gegenteil, die soziale Fäulnis trat unverhüllt zutage. Den Adel nötigte früher der Zwang des äußeren Anstandes, seine Verstöße gegen Zucht und gute Sitte mit feiner Lebensart zu maskieren. Man sündigte taktvoll und schwelgte geistreich. Die Proletarierherrschaft hatte aber den feinen Gesellschaftston zerstört. Man frönte jetzt den gröbsten Genüssen ohne Feigenblatt und mit Verleugnung aller Schicklichkeit. Namentlich trugen die Frauen in Benehmen und Tracht eine grenzenlose Schamlosigkeit zur Schau. Cantu, Bd. XIII. S. 177 ff.

Neben den Ausschweifungen der Besitzenden, gingen Hunger und Elend durch die Massen der Besitzlosen. Die Revolution hatte keine arbeitsamen Menschen erzeugt, sondern gerade die besten Elemente der Bevölkerung auf die Guillotine geschickt. Sie hatte die Tätigkeit des Bauers und des Handwerkers gehemmt, zerstört, dagegen das faule, lungernde Proletariat auf Kosten der Besitzenden unterhalten. Daher allgemeines Elend, fortwährende Hungersnot.

In gleich trostlosem Zustande hinterließ die Schreckensherrschaft alle Zweige der Regierung. Von oben bis unten war die Verwaltung in bodenloser Verwirrung, alles aus den Fugen. Die öffentlichen Kassen enthielten nicht einen Sou. Selbst die Regierung Frankreichs, das Direktorium, war vom Notwendigsten entblößt. Als es sich im Palais Luxemburg niederließ, mußte es sich vom Torhüter einen Tisch und Papier borgen.

Napoleons Siege und reiche Beute in fremden Landen, sowie die rastlose Tätigkeit der Regierungsorgane, Frankreich aus seinen Trümmern neu aufzubauen, besserten einigermaßen die Lage. Von Befriedigung der Massen jedoch keine Spur. Neid gegen die Wohlhabenden und Grimm gegen die Genießenden und Schwelgenden kochten und wühlten fort in den Armen und Hungernden. Vier Jahre lang hatte man gemordet, man hatte gewütet gegen die höchsten geistigen und materiellen Interessen der Nation, man hatte dem scheußlichsten Vandalismus Frankreichs unersetzbare Kunstschätze geopfert, man wurde endlich des Abschlachtens und der Barbarei müde, – und jetzt war das erstrebte Glück noch unsichtbarer als zuvor. Die gefährlichsten Doktrinen tauchten auf, deren Durchführung jede gesellschaftliche Ordnung unmöglich machte. Es bildeten sich Vereine, beseelt vom schlechten Geiste Rousseau und anderer Philosophen. Unbeschränkte Gleichheit und Gütergemeinschaft verhießen sie den notleidenden Menschen. – Daher Freude und Beruhigung aller Besitzenden, als Konsul Bonaparte die Leitung des schwankenden Staatsschiffes in seine starke Hand nahm.

Valfort hatte den Konsul in dessen Palais nicht getroffen. Er ließ ein Billett an Napoleon zurück und durchwanderte mit Pierre die Straßen.

»Wie sich da alles verändert hat!« sagte Inspektor Pierre. »Das Gesindel ist zwar noch da, aber zahm. Die Sanscülotten gehen umher wie bissige Hunde mit Maulkörben. Die Freiheitsbäume und Fahnen sind fort. Die großen Worte »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« an den Häusern sind überstrichen oder vom Wetter abgewaschen. Auch der wüste Blutgeruch ist fort, es fahren keine Henkerkarren mehr. Die Tafeln an den Häusern sind verschwunden, man ist nicht mehr verdächtig und reif für die Guillotine. Dennoch ist die Luft nicht rein, – es stinkt noch.«

»Ganz richtig!« bestätigte Valfort. »Im Äußeren Ordnung, – Verfall im Inneren. Frankreich ist noch immer todkrank, sein Bankrott besteht fort. Sieh' doch, welche Frauen!« rief der Baron, Abscheu in den Zügen, beim Anblicke unzüchtig gekleideter Damen, die in prächtigen offenen Wagen vorbeifuhren. »Klägliche Merkmale! Pilse verkünden Sumpf und Moder, – zügellose Frauen ein verderbtes Volk.«

Sie nahten einer Gruppe, die lesend vor einem angeklebten gedruckten Bogen stand. Paul trat hinzu und las:

»Franzosen! Die Konsuln, welche aus der Wahlurne der Nation hervorgingen, sind fest entschlossen, die Republik aus den Stürmen aufgeregter Leidenschaften und anarchischer Zustände in den Hafen der Ordnung zu retten. Es ist Zeit, daß man diese Stürme beschwichtigt, daß man die Freiheit der Bürger, die Souveränität des Volkes, die Unabhängigkeit der verfassungsmäßigen Gewalten, daß man die Republik sicher stelle, deren Namen die Mißachtung aller Grundsätze rechtfertigen mußte. Die Monarchie wird ihr Haupt nimmer erheben. Die grausigen Spuren der revolutionären Regierung sollen ausgelöscht werden. Eine neue Ära beginnt, in welcher Republik und Freiheit keine leeren Namen mehr sein werden.« Cantu, Bd. XIII. S. 259.

Während Valfort las, war jemand in gleicher Absicht hinter ihn getreten. Dieser stieß nun ein spöttisches Gelächter aus.

»Napoleon Bonaparte, erster Konsul, – Cromwell, Cäsar!« zischte es in Pauls Ohren.

Der Baron wandte sich um. Ein gut gekleideter Mann stand vor ihm, dessen Augen giftig nach dem Plakate funkelten.

»Die Bekanntmachung scheint Ihnen nicht zu gefallen, Bürger!« sagte Paul, indem er unwillkürlich, wie aus alter Gewohnheit, in der Straße von Paris einen Titel gebrauchte, der längst seine Anwendung verloren.

Auf den Unbekannten machte indessen »Der Bürger« den besten Eindruck.

»Ah, – mein Freund! Gehen wir weiter. Hören Sie meine Ansicht von dieser neuesten Komödie!« versetzte der Fremde, so vertraut Pauls Arm nehmend, als sei er dessen Busenfreund. »Sie nannten mich »Bürger«, – Beweis, daß Sie ein echter Republikaner sind und Anspruch haben, meine Ansicht zu hören. Nun also, – diese Bekanntmachung ist weiter nichts als Bonapartes jüngste Lüge. »Souveränität des Volkes, Republik, Freiheit,« und andere hübsche Dinge hat er im Munde, – Knechtung des Volkes, Tyrannei und alle Teufel im Herzen. Faktisch ist er heute schon Diktator, morgen vielleicht entpuppter Cäsar und übermorgen schmiedet er der Nation ein ganz neues Joch der unerträglichsten Militärdespotie. Dies hat er selbst gestanden, – zwar etwas verblümt, – warum sollte er nicht anständig sein? Die Proletarier sind Lumpen und rohe Kerle gewesen. Heute leben wir im Zeitalter feiner Redensarten.«

»Bonaparte hätte gesagt, daß er eine Militärdespotie wolle?« frug Valfort.

»Das wissen Sie nicht?«

»Nein, Bürger! Ich bin aus der Provinz und kam heute Nacht hierher.«

»Gut, – hören Sie!« redete der andere eifrig weiter. »Vorigen Monat, am 10. November, trat Bonaparte, umgeben von seinem Generalstab, in den Sitzungssaal des Senates. Empört empfingen die Senatoren den frechen Eindringling. Sie riefen ihm zu: »Hinaus, Cromwell! Nieder mit Cäsar!« Da schlug Bonaparte an seinen Säbel und rief: »Dagegen muß ich protestieren! Ihr denkt auf Frankreichs Rettung und ich, von meinen Waffenbrüdern umgeben, ich werde Euch zu unterstützen wissen. Und wenn irgend ein Redner, von dem Ausland erkauft, meine Achtung beantragen sollte, so werde ich an meine Kameraden appellieren. Bedenkt, daß mich der Gott des Glückes und der Gott des Krieges geleiten.« Cantu, Bd. XIII. S. 256. – Ist das nicht allerliebst gesagt? Heißt das nicht, wenn Ihr nicht tanzt, wie ich pfeife, dann werde ich Euch kartätschen, wie ich das Volk in der Straße St. Honore kartätscht habe? – – – Hören Sie weiter! Vom Senat geht Bonaparte in den Rat der Fünfhundert. Bei seinem Erscheinen entsteht eine ungeheuere Aufregung. Man ruft ihm zu: »Geächtet! Nieder mit dem Diktator! Tod dem Tyrannen!« Man umringt ihn, wirft ihm die derbsten Wahrheiten an den Kopf, nennt ihn »Verräter«, »Tyrann«, »Schurke«. Bigonet, ein echter Republikaner, packt ihn beim Arm und ruft ihm zu: »Was machen Sie da, Elender? Zurück, Verwegener! Sie verletzen das Heiligtum der Gesetze!« Bonaparte erbleichte und schlich hinaus. Seine Grenadiere eilen herbei und tragen ihn fort. Eine Stunde später stürmen zwei Kolonnen Soldaten, eine Kolonne hinter der anderen den Saal und werfen mit dem Bajonett die Fünfhundert hinaus. – Heute gibt es keinen Senat mehr, keinen Rat der Fünfhundert, sondern nur Konsuln und Staatsräte, die alle zusammen Bonapartes willenlose Knechte sind.« Cantu, Bd. XIII. S. 257 f.

»Davon steht allerdings in der Bekanntmachung nichts,« entgegnete Valfort, geleitet von der Absicht, über die Stimmung von Paris näheres zu erfahren. »Ich hätte gewünscht, Bonaparte sage die Wahrheit mit den Worten: »Eine neue Ara beginnt, in welcher Republik und Freiheit keine leeren Namen mehr sein werden.«

»Knechtung des Volkes, Militärdiktatur, – das ist die Wahrheit!« rief der andere. »Cäsar täuscht sich. Nur zu! Neben Cäsar gab es einen Brutus.«

Sie standen vor einem großen Magazin, dessen weite Halle Tausende anfüllten.

»Hier können Sie die Wahrheit hören, Bürger! Wollen Sie eintreten?«

»Was gibt es hier?«

»Eine Versammlung der Kommunisten. Hier wird das Evangelium des Volksglückes gepredigt. Ich sage Ihnen, das Evangelium des Kommunismus zählt mehr Gläubige als das Evangelium des Jesus von Nazareth. Die Kommunisten sind die einzigen Menschenfreunde, die Lehren des Kommunismus allein rettend und erlösend aus dem sozialen Elend. Der Kommunismus bedeutet Freiheit, Brüderlichkeit, Gütergemeinschaft. Diesen Ideen gehört die Welt der Zukunft. Heute zwar ist der Kommunismus nur ein kleiner Ball, der sich in den Wolkenregionen der Alpen losgelöst und zu rollen beginnt. Aber der Ball rollt und rollt. Er wird größer und größer, sein Laus rascher, stürmischer. Der kleine Ball wird eine furchtbare Lawine, die von der Höhe donnernd niederstürzt, alles mit sich fortreißt, jedes Hindernis zertrümmert, bei jedem Schritte anschwillt, jeden Gegenstand verschlingt, um die eigene Macht zu verstärken, und schließlich alles vernichtet und begräbt, was nicht Lawine ist. Sehen Sie, das ist der Kommunismus! – – Ah, – Baboeuf betritt schon die Bühne! Kommen Sie, Bürger, – hören wir!«

Der Baron folgte der Einladung und trat unter den Torbogen der Halle. Weiter kam er nicht. Eine dichtgedrängte Masse füllte den Raum.

Auf der Rednerbühne stand Baboeuf, der bekannte kommunistische Schwärmer, ein langer Mensch, dessen scharf ausgeprägte Gesichtszüge zwei glühende Augen belebten.

»Bürger!« begann er mit kräftiger Stimme. »Das erste Streben der Natur ist die Gleichheit. Die Seele der Revolution ist dieses Streben. Fehlt einer Republik die Gleichheit, so bezeichnet man die Tyrannei mit einem falschen Namen.«

»Bravo, – sehr gut!« riefen einige Stimmen.

»Bürger! Was war die Guillotine? Weiter nichts als eine Zerstörungsmaschine der Ungleichheit. Vier Jahre lang arbeitete die Gleichheitsmaschine. Sie schlug einige hunderttausend Köpfe ab, welche die Gleichheit störten. Die Guillotine scheint jedoch in ihrer hübschen Arbeit allzufrühe unterbrochen worden zu sein. Bürger, seht Euch um! Findet Ihr Gleichheit in der Republik? Findet Ihr nicht, daß ein Kopf, und noch einige Köpfe allzu ungleich über die Masse der Gleichen hervorragen?«

Stürmische Unterbrechung, Händeklatschen, Bravorufe.

»Ist das Streben der Natur nach Gleichheit wahr und berechtigt, so muß die Gleichheitsmaschine ihre unterbrochene Arbeit wieder beginnen.«

»Sehr gut! Es lebe die Guillotine!« rief es durch die Masse.

»Bürger! Die unerträglichste Ungleichheit bewirkt das Eigentum. Nieder mit jedem persönlichen Eigentum! Wißt Ihr, was Eigentum ist? Weiter nichts als der Sieg der Schlauen, der Pfiffigen, der Betrüger und Spitzbuben über den ehrlichen Mann. Was Grund und Boden hervorbringen, soll allen gemeinsam sein. Bürger, wie ist jetzt der wirkliche Zustand in Frankreich? Nun, – eine Minderheit von einer Million verfügt über das, woran vierundzwanzig Millionen Mitmenschen ganz dasselbe Recht haben. Darum fort mit der gehässigen Unterscheidung zwischen Reichen und Armen, – zwischen Großen und Kleinen, – zwischen Herren und Sklaven, – zwischen Regierenden und Regierten! Die Zeit ist gekommen, wo wir die Republik der Gleichheit gründen müssen, die als gemeinsames Asyl für alle offen steht. Anerkenne und proklamiere diese Republik, Volk der Franzosen! Außer Geschlecht und Alter soll es keine weiteren Unterscheidungen zwischen den Menschen geben. Alle haben ja dieselben Fähigkeiten, dieselben Bedürfnisse, darum sollen sie auch dieselbe Erziehung und dieselbe Nahrung haben. Sind wir mit einer Sonne und mit einer Luft zufrieden, warum soll uns nicht auch dieselbe Quantität und Qualität der Nahrung genügen? Der Tag der allgemeinen Rückerstattung des Eigentums naht heran. Bürger, ich sage Euch, die französische Revolution ist nur die Vorläuferin einer anderen gewesen, die ungleich großartiger und würdevoller, aber auch die letzte sein wird. Dann kommet herbei, ihr hungernden Menschen, ihr darbenden Familien, kommet herbei und setzet Euch an die gemeinsame Tafel, welche die Natur für alle ihre Kinder deckt.« Cantu, Bd. XIII S. 186 f.

Ein wilder Beifallssturm geleitete Baboeuf von der Bühne.

Während des Getöses erschien am Platze des Redners ein Polizeikommissär. Die Menge staunte, murrte und schwieg.

»Im Namen der republikanischen Regierung!« rief der Polizeikommissär. »In Erwägung, daß der Kommunistenverein ungesunde, die öffentliche Wohlfahrt störende Lehren verbreitet, erkläre ich den Kommunistenverein für aufgelöst und fordere die Versammlung auf, auseinander zu gehen.«

Ein wütendes Gebrüll war die Antwort. Der Geist der Schreckensherrschaft fuhr in die Massen. Fäuste ballten sich drohend, wilder Grimm verzerrte die Gesichter.

Der Kommissär winkte nach einem der geöffneten Tore. Dort stand ein Polizist, der weiter in die Straße winkte. So gelangte der Wink des Polizeikommissärs mit Blitzesschnelligkeit nach einer Kaserne, in deren Hof zwei Bataillone Grenadiere in den Waffen standen.

Die Kommunisten tobten fort in der Halle. Der Kommissär stand unbeweglich auf der Bühne, jedem Redner das Wort verweigernd. Der Sturm wurde immer heftiger.

»Reißt ihn herunter!« rief es.

»Nieder mit der Kanaille!«

»Tod dem Söldling der Tyrannei!«

Die Lage des Kommissärs wurde gefährlich.

Da wirbelte Trommelschlag durch die Straße. Der Gewaltschritt der Bataillone rauschte heran. Ein Wald von Bajonetten blitzte. Valfort fühlte sich am Arm gefaßt.

»Bürger, kommen Sie!« sagte der Unbekannte. »Gehen wir den Henkersknechten der Tyrannei aus dem Wege.«

Mit dem Inhalte der merkwürdigen Rede Baboeufs lebhaft beschäftigt, überließ sich Valfort der Leitung des Fremden.

Sie betraten ein Wirtshaus der nächsten Straße.

»Nun, Bürger, was sagen Sie dazu?«

»Hat der Redner die Grundsätze der Kommunisten richtig entwickelt?« frug Paul entgegen.

»Genau, – schlagend, – überzeugend!«

»Dann ist der Kommunismus ein Hirngespinst, ein gefährlicher Wahnsinn!«

Der Unbekannte machte große Augen.

»Bürger, – wie? Gleichheit nennen Sie Wahnsinn?«

»Die gemeinte Gleichheit allerdings« antwortete Paul. »Erwägen Sie gefälligst, Bürger! Die Kommunisten verlangen Gütergemeinschaft, Teilung des Vermögens, Wegfall jedes persönlichen Eigentums.«

»Ganz richtig, Bürger! Sie haben unsere humanen Doktrinen begriffen. – Nun?«

»Ziehen Sie gefälligst die Folgerungen. Die Nichtbesitzenden teilen mit den Besitzenden. Sohin muß der rechtschaffene Mann, dessen Arbeitsamkeit und Fleiß Vermögen erworben, die Früchte seiner Tätigkeit mit jenen teilen, die nicht gearbeitet haben und nicht arbeiten wollen. Kurz gesagt: – der Fleißige arbeitet für den Faulen, ernährt den Trägen. Der Sparsame unterhält den Verschwender. Was muß hievon die weitere Folge sein? Man wird Arbeitsamkeit, Fleiß, Sparsamkeit für törichte Eigenschaften halten. Kein Mensch wird mehr arbeiten wollen, weil er ja nur das Lasttier der Faulen wäre.«

»So nicht, Bürger!« hielt der Unbekannte entgegen. »Jedermann muß arbeiten. Fleiß und Tätigkeit werden als öffentliche Tugenden des Vaterlandes erklärt. Der Träge ist ein Feind der allgemeinen Wohlfahrt und wird bestraft.«

»Wird nichts helfen!« versicherte Paul. »Hat nicht der Allerhöchste selbst die Trägheit als Laster erklärt und dieselbe mit ewigen Strafen bedroht? Wenn Gottes Wille und Gebot Müßiggang und Faulheit nicht aus der Welt verbannen, wird dies eine Proklamation der Kommunisten vermögen? Gewiß nicht! Also wird niemand mehr arbeiten, weil es jedermann unmöglich gemacht worden, Eigentum zu erwerben. Der größte Tor wird der Fleißige und Besitzende sein, weil jeden Augenblick jene mit ihm teilen können, die essen und trinken, aber nicht arbeiten. – Sohin sind die Grundsätze der Kommunisten unvernünftig, das Grab jedes Wohlstandes.«

Der andere bewegte heftig den Kopf.

»Sie verdächtigen unsere Doktrinen!« behauptete er. »Einen Zustand allgemeiner Wohlfahrt streben wir an. Teilung, Gütergemeinschaft! Fort mit den Reichen, – fort mit den Kleinen und Großen, – fort mit Herren und Sklaven! Fort mit Hunger und Armut! Wenn niemand mehr darbt, dann haben wir das goldene Zeitalter. Nieder mit den Schwelgern! Tod den reichen Prassern!«

»Schwelgerei finden Sie bei den Armen ebensogut, wie bei den Reichen. Der Reiche praßt in Champagner, der Arme in Schnaps. Die Qualität der beiden ist gleich. – Nur die göttlichen Ideen des Christentums vermögen, Prasserei und Ausschweifungen mit Erfolg zu bekämpfen. Dazu verpflichtet das Christentum den Reichen zum Almosen, zur Mitteilung seines Überflusses an den Armen. Wollen die Kommunisten wirklich unsere bankrotten sozialen Zustände heilen, so mögen sich dieselben bemühen, den christlichen Ideen Geltung zu verschaffen.«

»Pah, – christliche Ideen!« rief der andere verächtlich. »Hat nicht vor 1789 das Christentum geherrscht in Frankreich?«

»Nein, Bürger! Die Feinde des Christentums haben geherrscht. Zudem ist heute Frankreich bankrotter als vor 1789. Dies kommt daher, weil die Revolution das letzte christliche Flämmchen in der Regierungsmaschine ausgeblasen hat. Und dann, – erwägen Sie, Bürger! Wenn es keinen Privatbesitz, kein persönliches Eigentum mehr geben darf, wo bleibt die materielle Triebfeder zum persönlichen Streben? Wenn die Tätigkeit des Individuums lahm gelegt wird, dann veröden nicht bloß unsere Felder und Gewerbe, auch Wissenschaft und Kunst veröden.«

»Kunst und Wissenschaft brauchen wir nicht,« behauptete der Kommunist. »Wozu das? Künstler und Gelehrte stören die allgemeine Gleichheit. Es darf keiner mehr Fähigkeiten haben als der andere. Es darf weder eine geistige, noch sittliche Überlegenheit geben. Keiner darf mehr wissen als der andere, damit sich keiner über den anderen erheben kann. Alle müssen gleich sein.«

»Dann gelangen wir zur nackten Barbarei,« sagte Paul.

»Tut nichts! Barbarei ist besser als Bildung, welche die Gleichheit vernichtet.«

Valfort zog schweigend die Börse und zahlte den Wein.

»Ich bedauere, Bürger, daß Sie unsere volksbeglückenden Grundsätze nicht begeistern können!«

»Für Grundsätze, deren Schlußwirkungen die Barbarei, fehlt mir allerdings die Begeisterung,« entgegnete Valfort, indem er sich empfahl.

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