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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 44
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Glückliche Wendung.

Der Kriegslärm war tiefer Grabesstille gewichen. Die Vendee lag ruhig wie ein erschöpfter Körper. Vormals ein blühendes Land, von glücklichen und tugendhaften Menschen bewohnt, hatte sie die Revolution mit Blut getränkt, mit Trümmern und Ruinen bedeckt.

Aber das Blut eines edlen, von heiliger Begeisterung eingeflößten Widerstandes, war nicht umsonst geflossen. Der Gewissenstyrannei einer unmenschlichen und grausamen Regierung hat sich die Vendee nicht gebeugt. In hundertachtundvierzig Schlachten und Gefechten hat sie gestritten für die Unabhängigkeit der Glaubensüberzeugung und schließlich die Freiheit des Kultus erkämpft.

Als im Frühling 1794 der Aufstand wieder losbrach, und General Hoche mit einer Armee von 100 000 Mann die Vendee überflutete, achtete er die religiösen Gefühle der Bevölkerung, verfolgte nicht die unbeeidigten Priester und gestattete die öffentliche Feier des Gottesdienstes. Dies tat er in der Überzeugung, daß nur auf diesem Wege das Land beruhigt werden könne. Er täuschte sich nicht. Der Aufstand erlosch. Die Flüchtigen kehrten aus Wäldern und Verstecken zurück, stellten ihre größtenteils verwüsteten Wohnungen wieder her, und die verödeten Fluren belebten fleißige Arbeiter. Cantu, Bd. XIII. S. 188.

Der Nationalkonvent ließ den einsichtsvollen General gewähren. Ein Umschwung der Dinge bereitete sich vor. Man war der endlosen Schlächtereien müde. Das Volk ergriff Ekel gegen die Blutdünste, mit denen beständig die Luft geschwängert war. Die Schreckensherrschaft der Jakobiner und des Pöbels wurde zerbrochen, Robespierre und sein Anhang gestürzt. Die Wüteriche entleibten sich selbst oder wurden guillotiniert. Robespierre begegnete Beides. Er wollte sich erschießen. Die Kugel zerriß ihm nur die Kinnlade, und das Fallbeil schlug ihm den Kopf herunter. In den Straßen von Paris rotteten sich die Proletarier zusammen. Ein wilder Aufruhr stürmte gegen den Konvent. Da schmetterte Napoleon Bonaparte die dichtgedrängten Pöbelmassen in der Straße Saint Honore mit Kartätschen zusammen.

Der siegreiche Konvent, entschlossen, seine Gegner durch Milde zu gewinnen, erklärte die Todesstrafe für abgeschafft, zertrümmerte die Guillotine, verkündete allgemeine Amnestie, und verwandelte den schauervollen Revolutionsplatz in den »Platz der Eintracht.« Dann löste er sich auf und gab die Regierung Frankreichs einem beschränkten Kreise von Staatsmännern, welchen man das Direktorium nannte.

Im ganzen Reiche wurde diese glückliche Wendung freudig begrüßt, – namentlich in Valfort. Das stattliche Schloß hörte auf, ein Frucht- und Heumagazin zu sein. Die wertvollen altertümlichen Möbel kehrten an ihre früheren Stellen zurück, die alte Kapelle prangte makellos im Schmucke ihrer reichen Altäre und ihrer gemalten Fenster.

Von Paul hatte das hartnäckige Fieber doch endlich lassen müssen. Freilich litt er noch lange an Nachwehen; die Wiedergenesung schritt sehr langsam voran. Die ersten Strahlen der Frühlingssonne fanden Paul im Garten, wohin täglich Isabella den Schwachen geleitete. Bleich saß er da und ernst, oft die Blicke zurücklenkend nach dem vorübergebrausten Sturm, der ihm Eltern und Brüder entrissen, seine Freunde getötet, seine Heimat und ganz Frankreich verwüstet hatte. Die Erinnerung beugte ihm tief das Haupt, und nicht selten flossen ihm Tränen über die eingefallenen Wangen.

In Stunden solcher Stimmung war Isabella's Gegenwart und Bedeutung für den Schwergeprüften sehr notwendig. Nur sie vermochte, ihn tröstend aufzurichten, ihm Interesse für das Erdenleben zu erwecken.

»Unsere Lieben gingen voran in die selige Heimat, – wir müssen ausharren in unseren Berufspflichten, weil dies Gott gefällt«, sprach sie. »Ein weites Feld segensreicher Wirksamkeit erwartet Dich mein Paul! Es gilt, das Werk Deines Vaters fortzuführen, fremder Not zu helfen, Wunden zu heilen, welche die Revolution unserer nächsten Umgebung geschlagen. So kannst Du vielseitig ein Werkzeug der göttlichen Fürsorge sein, deren Winke vollziehen, Deine Verdienste um das Wohl des Nächsten vermehren.«

Solche Trostworte fanden in Paul's gläubigfrommer Seele fruchtbaren Boden. Er faßte Isabella's Hand, drückte sie sanft und nickte bestätigend mit dem Haupte.

Die erwachende Lust zur Tätigkeit wirkte fördernd auf seine vollständige Genesung. Nach einigen weiteren Monaten stand Paul in seiner früheren Manneskraft wieder da blühend und stattlich. Mit Eifer betrieb er die Landwirtschaft, weilte oft den ganzen Tag auf den Feldern und war dem Gute ein ebenso kluger, unternehmender Landwirt, dem zahlreichen Gesinde ein ebenso gütiger Herr, wie sein Vater gewesen. Eine Hauptsorge für den Baron bildete die rasche Wiederherstellung der Pfarrkirche, deren brennendes, einstürzendes Dach zugleich die Decke eingeschlagen. Er ließ Arbeiter kommen, das verwüstete Gotteshaus vorläufig überdachen und einen Notaltar errichten, damit die Gemeinde einigermaßen Befriedigung ihres religiösen Bedürfnisses finde. Es kehrten nämlich die meisten Familien zurück, leider keine ohne Verlust eines oder mehrerer Glieder. Andere Familien waren vollständig untergegangen, ermordet durch die Republikaner, gefallen im Kampfe oder umgekommen im Elende. Auch die Zurückkehrenden erwartete Not. Ihre Wohnungen waren ausgeraubt oder verbrannt, ihre Felder verödet, von Unkraut überwuchert, ihr Viehstand völlig vernichtet. Es fehlte an dem Notwendigsten, sogar an Lebensmitteln, vorzüglich an Geld. Diesen Armen war Paul eine starke Hilfe. Freigebig öffnete er seine Vorratskammern und seine Kasse. Er gab ihnen Ackergeräte, lieh ihnen Zugtiere und schenkte den Ärmsten Kühe. Die Schwerbedrängten segneten ihren Wohltäter, und ihn beglückte das Bewußtsein edler Taten.

Nebenbei verfolgte der Baron aufmerksam die politischen Vorgänge. Jede Woche kam zweimal das Journal aus Paris und brachte Kunde. Die Tyrannei der Schreckensherrschaft hatte zwar längst aufgehört, es bildete sich eine staatliche Ordnung, aber von Maßregeln, zur gründlichen Heilung der kranken Nation, bemerkte Valfort nichts. Allabendlich saß er mit Graf Rovere und Pater Oheim in dessen Turmzimmer und regelmäßig bildete die traurige Lage des Vaterlandes den Gegenstand ihrer Unterhaltung.

»Ich sehe noch keinen Lichtschimmer eines heilverkündenden Morgenrotes«, sagte Paul. »Die Nation ist zwar der Schlächtereien müde, sie hat im eigenen Blute Wahn und Frevel gebüßt, – aber keine Spur von Rückkehr zur Quelle sozialer Wohlfahrt, zum Christentum, zur Kirche. Noe hatte zur Zeit der Sündflut die Arche nicht notwendiger als Frankreich gegenwärtig die Kirche. Schreit Frankreich nach seiner verstoßenen Mutter? Im Gegenteil, – der Teufel wechselt nur die Kleider, das zersetzende Gift philosophischer Verneinung wirkt zerstörend weiter in anderer Form. Das Direktorium unterstützt die Sekte der Theophilanthropen, deren deistischer Blödsinn von nacktem Unglauben sich wenig unterscheidet. Dennoch scheint die Regierung geneigt, die Träumereien jener Sektierer als Staatsreligion einzuführen. Gestern meldete das Journal, daß in Paris den Theophilanthropen zehn Pfarrkirchen vom Direktorium angewiesen worden seien.« Alzog, Kirchengesch. 5. Aufl. S. 947.

»Wer sind die Häupter dieser Sekte? Verheiratete Priester, gezähmte Clubbisten und Jakobiner. Hübsche Religionsstifter!« sagte Rovere.

»Deren Phantastereien den religiösen Bedürfnissen zu genügen scheinen, – darin liegt das Entsetzliche«, entgegnete Paul. So lange ein Volk seinen geistigen Hunger nicht stillt mit dem Brote der Wahrheit, sondern mit Giftpilzen, die wachsen auf dem Sumpf und Boden der Sittenverwilderung und arger Gelüste, so lange hat dieses Volk keinen Schritt zur Auferstehung getan. Es kränkelt und modert fort, sein Bankrott wird nicht gehoben, bis es schreit nach der Quelle des Lebens, – nach Gott und seiner Heilsstiftung, der Kirche.«

Pater Oheim nickte bejahend.

»Deine Auffassung ist richtig, mein Sohn! Die Revolution verbot Gott und verschloß die Kirchen, vermochte es aber nicht, den unaustilgbaren Durst der Menschennatur nach Religion zu vernichten. Dies erkannte schon Robespierre. Deshalb sein Bemühen, dem Volke einen Kultus zu geben, dessen Leere und Lächerlichkeit nicht einmal den Diktator überlebte. Jetzt versucht es das Direktorium mit einem anderen Kultus. Das Volk soll seinen Durst löschen mit dem schalen, ungesunden Wasser der Theophilanthropen. Bald wird auch dieses Wasser in Fäulnis übergehen und ein Gegenstand des Ekels werden. Andere Sektenstifter werden den Theophilanthropen folgen, mit gleich unglücklichen Ergebnissen. Und wenn jeden Tag ein falscher Messias aufsteht, dem Volke als Heilbringer sich empfehlend, er wird das Zerstörte nicht aufbauen, das Verderbte nicht heilen, das Verlorene nicht retten. Denn es kann zum Heile der Menschheit kein anderer Grund gelegt werden, als der gelegt worden ist in Jesus Christus, dem Sohne Gottes.«

Büßer Rovere neigte andächtig das Haupt.

»Möchte doch jeder Menschenseele die klare Erkenntnis dieser unbestreitbaren, von der Geschichte bewiesenen Wahrheit leuchten«, sagte Graf Wilhelm. »Wenn ich aber zurückdenke an mein elendes Leben in Sünde und Wehe,« fuhr er in der Absicht fort, sich zu verdemütigen, was er bei jeder schicklichen Gelegenheit tat, »wenn ich die tausendfachen Hindernisse betrachte, die sich der Wahrheit entgegenstemmen, namentlich die Verblendung des Hochmutes und den Dünkel, das Wissen über den Glauben, die Vernunft über die Geheimnisse der Offenbarung zu stellen, wenn ich dazu die Strafe verstockter Bosheit nehme, die gerechte Folge sittlicher Vergehen, – – dann möchte ich verzagen an der Umkehr unserer tief gesunkenen Nation. Für Frankreich mag es noch einer langen Reihe schwerer Prüfungen bedürfen, bis es aufrichtig, reuevoll und überzeugt zurückkehrt in das göttliche Vaterhaus, welches ihm die Schlüssel der Kirche öffnet.«

»Bevor dies geschehen, wird man vergebens die emporstrebende Kraft gesunden Volkslebens suchen«, entgegnete Paul. »Was in einer gottfremden Nation von Kraft liegt, kann nur der Zerstörung dienen, und das ist, genau besehen, mehr Schwäche als Kraft. Man darf sagen, der Revolutionssturm war die Kraftäußerung eines verderbten, dem heiligen Gott durch falsche Philosophie und schlechte Aufklärung entführten Volkes. Wie hat sich diese Kraft geäußert? Durch Zerstörungen. Sie hat Faules niedergeworfen, Gediegenes aber nicht aufgebaut. Wie kann Das aufbauen, was die Negation erzeugte? Nur das Gottverwandte, von der ewigen Schöpferkraft Getragene, baut auf, strebt vorwärts auf gediegenen Fundamenten. Daher auch im Mittelalter diese unerschöpfliche Fülle von Lebenskraft, dieses reiche, großartige Volksleben, weil eben Gottes Geist die fromme Gläubigkeit befruchtete, die Strömungen leitete. Seitdem aber Frankreich sich abwandte von dem Urquell des Werdens und Lebens, folgt eine Revolution der anderen. Das Königtum rebellierte zuerst gegen den Allerhöchsten, dem es seinen Absolutismus entgegenstellte. Der höfischen Revolution schlossen sich die privilegierten Stände an. Darauf rebellierte der dritte Stand gegen Thron und Privilegierte, und dann weiter das Proletariat gegen den dritten Stand, bis auch die Pöbelherrschaft einstürzte und einer neuen Revolution zur Beute fiel. So wird es weiter gehen, ohne Ende. Täuschungen und Verstörungen werden sich ablösen. Wie reißende Verwüstungsströme wird das Leben pulsieren, weil das Herz der Nation nicht Christus mehr ist, der Weltheiland.«

Pater Oheim sah mit Freuden auf seinen Zögling, der in wenigen Worten tiefe Wahrheiten ausgesprochen.

Über des Grafen Angesicht glitt eine wehmütige Stimmung.

»Paul und Henry, – welche Gegensätze!« flüsterte er, schmerzlich das Haupt bewegend. »Hochwürdiger Pater«, fuhr er laut fort, »Ihnen müssen Befriedigung und Glück das Herz schwellen, wenn Sie diese schöne Frucht Ihrer christlichen Erziehung betrachten. Mein unglücklicher, verlorener Sohn würde in ähnlichen Vorzügen prangen, wenn ihn Geist und Segen Ihrer Leitung gebildet hätten. Den Stachel werde ich nicht los, Henrys Untergang verschuldet zu haben.«

»Der Vater hat allerdings schwer gefehlt, indem er den Sohn nach den Eingebungen eines entchristlichten Zeitgeistes erziehen ließ,« entgegnete Pater Oheim. »Indessen, – getrost mein Freund! Durch Reue und Sühne tilgen Sie vor dem Angesichte des barmherzigen Gottes Ihre Schuld.«

»Ich hoffe, – obwohl mir zuweilen bangt vor dem Richter, der Rechenschaft fordert. Wenn meine Schuld nicht unermeßlicher geworden, und ich selber mit Isabella dem Verderben entging, so danken wir dies Ihrem Zögling. Wie ein Engel des Lichtes erschien er damals zu Rovere, wie ein schützender Geist meinem Kinde. Mir schaudert bei dem Gedanken, daß auch sie am Rande des Abgrundes wandelte. Die Persönlichkeit Ihres Zöglings, sein erleuchtender Umgang wurden Isabella segensvoll und rettend. Und dieser Segen wirkte fort, – betauete und befruchtete auch in mir Elenden den winzigen Keim des Guten. Tot lägen wir Beide, meine Tochter und ich, – tot an Leib und Seele, ohne Paul«.

Dem erschütterten Grafen stürzten Tränen aus den Augen, während er dies sprach.

»In allen Dingen Gott die Ehre!« entgegnete der Jesuitenpater. »Das zarte Verhältnis gottgefälliger Liebe, welches in Rovere begonnen, harrt indessen noch seiner Vollendung durch das heilige Sakrament. Völlig wieder hergestellt und in frischer Manneskraft, zögere nicht länger, mein lieber Paul, damit auch ich noch die Freude erlebe, Euren Bund segnen zu können.«

»Ich bin gerne bereit, Pater Oheim!« erwiderte Paul, dessen Wangen sich röteten. »Ohne Aufschub werde ich die Einleitungen zur Vermählungsfeierlichkeit treffen.«

»Dazu bleibt mir keine Zeit, mein Sohn! Einfach sei die Vermählungsfeier, dem Ernste der Zeit angemessen. Schicke heute noch hinüber zum hochwürdigen Pfarrer von St. Jean, es möge ihm gefallen, morgen früh in der Schloßkapelle Euch zu trauen. In wenigen Tagen wirst Du den Grund meiner Eile begreifen.«

So geschah es.

In der Frühe des nächsten Tages erschien der greise Pfarrer, hörte die Beichte von Paul und Isabella, von Pierre und Hanna. Auch der steinalte Pater Oheim und Graf Rovere traten zum Beichtgerichte. Clement las die heilige Messe. Aus seinen Händen empfingen die Brautpaare und Graf Wilhelm die heilige Kommunion. Dann folgte die Trauung durch den Pfarrer. Von Fremden war Niemand gegenwärtig. Nur das zahlreiche Gesinde wohnte im Sonntagsstaate der Festlichkeit bei. Alle bewunderten die in Schönheit und Glück strahlende Isabella und blickten stolz auf den stattlichen Grundherrn. Aus jedem Herzen stiegen Gebete zum Himmel, Glück und Segen für die Neuvermählten erflehend. So groß auch die Freude Aller sein mochte, bei Keinem erreichte sie den Höhepunkt des Wonnegefühls, in dem David schwelgte. Endlich hatte das längst ersehnte Band zwei Wesen unlösbar verknüpft, für deren Vorzüge David ein Verständnis und zugleich eine grenzenlose Verehrung besaß. Der gegenwärtige Schloßgärtner und ehemalige Torwächter weinte Tränen der Freude.

Der Trauung folgte ein heiteres Mahl, an dem auch das Gesinde, den patriarchalischen Sitten der Vendee gemäß, teil nahm. Nur Pater Oheim fehlte. Er kniete betend in seinem hochgelegenen Zimmer und gürtete die Lenden zur bevorstehenden Reise in die Heimat. Dann hatte er eine kurze Unterredung mit dem greisen Pfarrer von St. Jean, der mit Tränen in den Augen das Schloß verließ.

Am folgenden Morgen wünschte Pater Oheim, die Neuvermählten und den Grafen Rovere zu sprechen. Sie fanden ihn angekleidet auf seinem dürftigen Lager, mit veränderten Zügen. Er richtete sich in sitzende Haltung empor, und winkte die Eingetretenen nahe heran.

»Meine Lieben!« begann er. »Ich habe Euch zu mir bitten lassen, um für eine kleine Weile von Euch Abschied zu nehmen. Mein Geist steht im Begriffe, diese sterbliche Hülle abzulegen, ledig der Mühsalen des Alters, erlöst aus den stets wechselnden Kämpfen und Leiden dieses Erdendaseins. Hinter mir liegt ein sehr langes Leben, eine vielbewegte Vergangenheit, mit schweren Verantwortungen. Zahlreich sind meine Fehler und Sünden, – doch niemals habe ich mit Absicht, in irgend einer wichtigen Sache, dem heiligen Willen meines Gottes entgegengehandelt. Darum hoffe ich Barmherzigkeit. Mit Vertrauen übergebe ich meine Seele in die Hände ihres Schöpfers. O welche Wonne durchdringt mich, bei dem Gedanken, meinen lieben Heiland, dessen süßes Joch ich getragen, in seiner Herrlichkeit von Angesicht zu schauen!« fuhr er mit freudestrahlenden Zügen fort. »Meine Unwürdigkeit verdient zwar nicht jene Glorie, die er allen verheißen und bereitet hat, die ihn lieben, – aber seine Güte ist ohne Maß und seine Barmherzigkeit ohne Ende.«

Er schwieg und senkte das Haupt über die gefalteten Hände.

Paul bemühte sich, seinen Schmerz niederzudrücken. Isabella weinte still vor sich hin. Dem Grafen Wilhelm bebten die Lippen.

»Mein lieber Paul!« hob Pater Oheim wieder an. »Körperlich zwar scheiden wir, doch geistig bleiben wir vereint. Deiner Jugend war ich Führer, Dein Streben habe ich stets nach dem Höchsten gelenkt, Deine Seele für den Dienst Gottes gebildet und erzogen, soviel dies meine schwachen Kräfte vermochten. Höre die Stimme Deines scheidenden Lehrers und Oheims, mein lieber Sohn! Beharrlich und stark bewahre Treue und Gehorsam Deinem Heilande, – in schweren Nöten flüchte zu ihm, niemals wird er Dich, seinen Getreuen, verlassen. Die Pflichten des neuen Berufskreises, in den Du gestern eingetreten, erfülle gewissenhaft, – unveränderliche Liebe Deiner würdigen Gattin, Fürsorge Deiner Familie, fromme Zucht Deinen Kindern, Deinen Enkeln, Deinen Urenkeln. Ein langes Leben mag Dir bevorstehen, und in jedem Augenblicke dieses langen Lebens lauern Gefahren, darum wandle stets vor Gott und stehe gerüstet wider die Arglist unsichtbarer und sichtbarer Feinde.«

Er streckte Paul die Hand hin, welche dieser küßte.

»Mein Oheim,« sprach er tiefbewegt, »Gehorsam Ihren Mahnungen und Lehren gelobe ich!«

»Isabella, mein liebes Kind,« fuhr der sterbende Greis fort, »vergiß niemals die Güte Gottes an Dir! Erfülle Deine Pflichten als Gattin und Mutter. Ermüde nicht in frommer Zucht. Der Mutter öffnen sich zuerst die Herzen der Kleinen, mache dieselben frühzeitig dem Guten empfänglich. Halte Deine Sinne den Eitelkeiten der Welt verschlossen; denn Alles, was von der Welt, das ist Augenlust, Fleischeslust und Hoffart. Bewahre treu und erneuere häufig Dein Gelöbnis, mit deinem Gatten zu wandeln in der Furcht Gottes.«

Sie erfaßte seine Hand und benetzte sie mit Tränen.

»Mein Freund!« wandte sich Pater Oheim an den Grafen. »Verlieren sie keinen Augenblick auf dem rauhen Pfade der Buße den Glauben an Gottes Barmherzigkeit. Kleinmut und Verzagen komme niemals über Sie. Das Vergangene haben Sie erkannt, bereut und Gott hat es Ihnen durch das heilige Sakrament verziehen. Deshalb Mut, mein Freund, und Zuversicht! Oben sehen wir uns wieder!«

Dem Sterbenden schwand für den Augenblick die Stimme. Graf Wilhelm sank erschüttert in die Kniee, mit ihm Paul und Isabella. Der Greis segnete sie.

Die Türe des Vorzimmers wurde geöffnet. Der alte Pfarrer von St. Jean trat ein. Vor der Brust trug er das Allerheiligste in der Burse, die er auf dem weißbedeckten, mit brennenden Wachskerzen bestellten Tische niederlegte. Er begann die üblichen Gebete, denen Pater Oheim selbst respondierte. An den Empfang des Viaticums schlossen sich die heilige Ölung und der Sterbeablaß. Dann lag der Scheidende ruhig, mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen.

Tiefe Stille herrschte in dem Gemache. Paul und Isabella sahen mit tränenschweren Augen auf Clement, der ohne Lebenszeichen lag. Rovere kniete in einer Ecke, als sei er unwert der Nähe eines Heiligen. Um die offenen Fenster schwebten die weißen Tauben, sie flogen in das Vorzimmer und suchten ihren Freund. Dieser atmete tief und schwach. Mit einem Male öffnete er weit die Augen. Sie waren nach Oben gerichtet, wie auf einen bestimmten Gegenstand. Zugleich verklärte ein unbeschreibliches Entzücken sein Angesicht. Sehnsucht und glühendes Verlangen hoben ihm die Arme. Den Gegenwärtigen schüttelte das Außerordentliche des Anblickes die Glieder. Schauer durchrieselte ihr Gebein. Sie glaubten, das Wesen und Walten einer unsichtbaren Macht zu empfinden, die plötzlich den Raum erfüllte.

»Du ewiges Licht, – o mein Jesus!« flüsterte es.

Pater Oheim war tot.

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