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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 43
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Verwüstung.

Das Kriegsglück lächelte abermals der Vendee. Die ausgezeichnetsten Generäle der Republik, Kleber, Westermann, Haxa, Anbert-Dubayet, Canclaux, wurden geschlagen. Im September 1793 machten die Insurgenten viele tausend Gefangene und erbeuteten über hundert Kanonen. Aber Uneinigkeit und Eifersucht der Führer trugen schlimme Früchte. Charette, dessen Ehrsucht eben so groß, wie seine Kühnheit, trennte sich mit seinen Truppen von der großen Armee. Er zog aus zur Eroberung der Insel Noirmoutier. Rasch benutzten die republikanischen Generäle diesen ungeheuern Fehler. Von Norden zogen Kleber und Canclaux, von Süden Westermann gegen den Bocage heran. Am siebenzehnten Oktober kam es bei Cholet zu einer blutigen Schlacht. Die Aufständischen erlitten eine schwere Niederlage. Sie sammelten sich zwar neuerdings, allein ihre Kraft war gebrochen. Der Krieg hatte den Charakter der furchtbarsten Grausamkeit angenommen. Die Republikaner wüteten gegen Land und Leute. Wachsmuth, Bd. II. S. 223 f.

Unfähig, der feindlichen Übermacht zu widerstehen und beharrlich die Anerkennung der Schreckensherrschaft verweigernd, zogen die Bewohner des Bocage ihre Unabhängigkeit und Gewissensfreiheit der geliebten Heimat vor. Sie beschlossen die Auswanderung. Über hunderttausend Frauen und Kinder, nebst dreißigtausend streitbare Männer, gingen über die Loire. Sie wanderten nach der Bretagne, in der Hoffnung, von englischen Fahrzeugen in Sicherheit gebracht zu werden. Dörfer, Schlösser und Weiler des Bocage standen öde, menschenleer, oder in geschwärzten Ruinen. Im Nationalkonvent konnte Barere ausrufen: »Die Vendee ist nicht mehr!«

Merkwürdigerweise waren im Tale von St. Jean bis jetzt keine blauen Truppen erschienen, zu deren Empfang David und Pierre kluge Maßregeln getroffen hatten. Schloß Valfort glich scheinbar einer verwüsteten Stätte. Aus allen Räumen waren die altertümlichen Möbel entfernt und in sicheren Verstecken untergebracht worden. Nur plumpe Tische, Stühle und Bänke standen in den unteren Gelassen, hinreichend für die bescheidenen Bedürfnisse der patriotischen Ackerbauern. Der Rittersaal war in ein gemeinsames Schlafgemach verwandelt worden. Dort lagen Strohsäcke mit absichtlicher Unordnung umher, auf denen die Sanscülotte die Nacht über von ihren schweren Arbeiten ausruhten. Sogar jene Fenster, die Wappenbilder schmückten, waren ausgehoben und die Öffnungen mit Brettern versehen, zum Schutze gegen die Ungunst der Witterung.

Die größte Verwüstung zeigte sich an der Schloßkapelle. Mit vieler Mühe und großer Behutsamkeit waren die bemalten Fenster herausgenommen und sicher geborgen worden. Durch die leeren Öffnungen sah man Stroh und Heu. Die Patrioten hatten aus der Kapelle, im Geiste der Republik, eine Scheune gemacht. In Wirklichkeit befand sich das Heiligtum in ganz unversehrtem Zustande. Heu und Stroh umgaben die unentweihten Altäre, und das scheinbare landwirtschaftliche Magazin schützte den geheiligten Ort gegen die Barbarei republikanischer Vandalen.

Paul, immer noch sehr geschwächt und in langsamer Genesung begriffen, hatte im zweiten Stockwerk ein kleines, von Fremden kaum zu entdeckendes Gemach bezogen, wo er von Isabella in der liebevollsten Ausdauer gepflegt wurde. Die Erholung des Kranken hinderten, in nicht geringem Maße, die erschütternden Ereignisse in seiner Familie und das schauervolle Unglück seiner Heimat. Hatte sich Isabella auf Minuten entfernt, so stöhnte er schmerzlich und Thränen rollten über seine Wangen. Wahrscheinlich hätte der Kummer, in Verbindung mit der Wunde, ihn längst dahingerafft. Aber seine Braut, deren edles Herz in der opferwilligsten Hingabe sich offenbarte, hielt ihn fest am Leben. Unablässig folgten ihr seine Blicke, wenn sie geräuschlos im Zimmer sich bewegte, wenn sie ihn tröstete, zu erheitern suchte. Oft waren ihm Anmut und Liebe Isabella's das einzige Licht in der schwarzen Nacht bitterer Gemütsstimmung und hoffnungsloser Aussichten.

Einen sehr ungünstigen Eindruck, der ihn auf Wochen zurückwarf, übten auf den Kranken die Auswanderer. Als die Bewohner von St. Jean ihre fahrende Habe zusammenpackten und das Dorf verließen, drang in der Stille der Nacht das Klage- und Jammergeschrei der Ausziehenden bis in Pauls Krankenzimmer. Er weinte mit den Weinenden, und Isabella gewahrte beim Tageslicht mit Schrecken die zerstörenden Wirkungen der Jammernacht.

Nur die Altersschwachen von St. Jean, welche die Strapazen der Wanderung nicht ertragen konnten, waren zurückgeblieben, unter diesen der greise Pfarrer Pampin. Roveres Vorstellungen bewogen ihn, das Pfarrhaus zu verlassen und in Valfort das Vorüberbrausen des Sturmwetters abzuwarten.

Die reiche Ernte war eingebracht. Sie füllte Scheunen und manche Zimmer des Schlosses, dessen Charakter der Öde und Verwüstung hiedurch noch gesteigert wurde.

Graf Rovere hatte seine Bußarbeiten auf dem Steinfelde wieder begonnen. Er rodete und fuhr Steine auf einem Schubkarren. Seine Hände waren die Hände eines Knechtes, auch seine Kleidung und die wetterbraune Gesichtsfarbe.

Pfarrer Pampin, gleichfalls in einer Bluse, wich niemals von der Seite des Grafen, dessen Lebensgeschichte er genau kannte, dessen strenge Buße ihn mit Hochachtung und Bewunderung erfüllte. Pampin las Steine in einen Korb, den er in Rovere's Karren entleerte. Oft rasteten sie und redeten miteinander.

Gegen Ende Oktober arbeiteten beide abermals auf dem Steinlande. Der Herbsttag war still, öde das menschenleere Tal. Der blaue Himmel sah herab auf fallende Blätter der Wälder, auf ausgebrannte Dörfer und Weiler, und auf manche Denkzeichen barbarischer Taten.

»Was hat die Republik aus der schönen Vendee gemacht?« klagte der greise Pfarrer. »Wir waren alle zusammen so glücklich und zufrieden. Der fruchtbare Boden unserer geliebten Heimat nährte, kleidete uns. Man arbeitete mit Lust, und der Himmel gab seinen Segen dazu. Bettler fanden sich nirgends, weil es keine Müßiggänger gab. Das Gift der Ausschweifung und Genußsucht wuchs nicht in der Vendee, – daher Genügsamkeit und Wohlbehagen überall. Unsere Bauern waren sanftmütig, wie Lämmer, unsere Barone gütig und frommsinnig. – – Und jetzt? O du mein Gott! Die Republik hat aus der schönen, glücklichen Vendee eine Wüste voll Blut und Ruinen gemacht, und aus deren Bewohnern elende Menschen.«

»Um Vergebung, mein Freund, dies hat keineswegs die Republik getan!« versetzte Graf Rovere, sich auf den Stiel der Haue stützend. »Die Republik ist keine Bestie, sondern eine Staatsform, und zwar eine so vorzügliche Staatsform, daß nur ganz edle Menschen ächte Republikaner sein können. Frankreich nennt sich zwar Republik, in Wirklichkeit aber führt die haarsträubendste Tyrannei den Szepter. Die Kopfabhacker des Konventes und die Mordbrenner der Revolutionsarmee sind keine Republikaner, sondern ebenbürtige Söhne ihrer Mutter, die sie geboren und an ihrer Brust gesäugt, – der schlechten Philosophie. Deshalb müßten Sie sagen, die Wissenschaft des Unglaubens, die schlechte Aufklärung, die Gottesleugnung, haben die Vendee verwüstet und ein glückliches Volk in den Abgrund des Jammers hinabgestoßen. Was ein Mensch wird ohne Religion, was er leistet in der Zügellosigkeit des Unglaubens, weiß ich aus persönlicher Erfahrung,« bekannte zerknirscht der Graf.

»Streng genommen haben Eure Gnaden recht. Gottlosigkeit macht elend die Völker.«

»Und die Gottlosigkeit wuchs heran in der Monarchie, nicht in der Republik,« versicherte Rovere. »Der Konvent mordet die Leiber, – das unchristliche Königtum ließ die Seelen verderben, es träufelte Huld und Gnade auf jene, die im Gewande der Wissenschaftlichkeit und Bildung die Herzen vergifteten, die Köpfe betörten, das Volk dem Himmel entführten. War ich nicht Einer der Verderbten? Niemand wußte pikanter zu spötteln über die frommen Betrügereien des religiösen Fanatismus als ich. Die Heroen der Philosophie, Männer auf der Höhe der Zeit, waren meine Freunde. Stolz war ich darauf, im Alleinbesitze des neuesten Bonmots zu sein, das Voltaire oder Diderot gegen die Religion sich erlaubten. Und was war dieser Rovere, der sich seiner Glaubensverachtung rühmte? Der sich brüstete mit den Genüssen des freien Menschentums? Was war er? Ein Knecht der Sünde, ein Sklave der Leidenschaften. O Gott, – mein Gott!«

»Vergessen Sie das, mein Freund! Gedenken Sie der Barmherzigkeit Gottes!«

»Und meiner Frevel, damit Gottes Barmherzigkeit mir desto klarer bewußt bleibe. Jetzt bin ich zwar ein armer, büßender Mann, vom Zeitsturm hinausgeschleudert aus glänzenden Verhältnissen auf dieses Steinfeld. Aber ich versichere Sie, hochwürdiger Freund, der Arbeiter dieses Steinlandes ist dennoch, was der schwelgende Graf nicht war, – glücklich! Wohl mit Beziehung auf die ewige Vergeltung sagt die heilige Schrift: »Wer die Sünde liebt, der ist ein Feind der eigenen Seele!« Allein der Spruch gilt auch hienieden. Mag sich der praktische Unglaube brüsten, wie er will, mag er die vorgebliche Geistesknechtschaft der christlichen Pflichten mit den geistreichsten Phrasen verhöhnen, – der praktische Ungläubige wird den quälenden Stachel seiner bösen Taten nicht los, und die öde Leere seiner Seele füllt kein Vergnügen aus. Einer lauteren, sättigenden Freude ist er nicht fähig. Der Kitzel des Hochmutes und die öffentliche Anerkennung, den Freigeistern anzugehören, bietet nicht einmal Ersatz für die Marter jener Augenblicke, wenn die Seele unwillkürlich aufschreit nach ihrem Schöpfer, und sich derselben die quälendsten Zweifel bemächtigen.«

Der alte Pfarrer nickte bestätigend.

»Dasselbe hat der König David gesagt mit den Worten: » Non est pax ossibus meis a facie peccatorum meorum!« – das heißt: Kein Friede ist meinen Gebeinen vor dem Angesichte meiner Sünden.«

»Ein Spruch, giltig für alle Zeiten, so lange der Schöpfer sein Recht auf die freie Menschenseele nicht aufgegeben,« erwiderte Rovere. »Was ich bei allen Genüssen und scheinbaren Lebensfreuden nicht erjagen konnte, heute besitze ich es, – Geistesruhe, Seelenfrieden. Die Reue beugt zwar und demütigt, allein sie tröstet und erhebt auch. Würde ich jeden Stein dieses Feldes mit meinen Tränen benetzen, die Flut könnte vor dem gerechten Gott meine Schuld nicht abwaschen. Dem unendlich Barmherzigen vertraue ich, der gesagt hat: »Wohlgefallen habe ich nicht am Tode des Gottlosen, sondern daß der Gottlose von seinen Wegen sich bekehre und lebe.« Ich gedenke des guten Hirten Jesu, der sein verirrtes Schäflein in der Wüste sucht, – und mein Herz glüht von Dankbarkeit und Liebe zu meinem Erlöser.«

»Was gab den ersten Anstoß zur Rettung, gnädigster Graf?«

»Anstöße, – Warnungen, – Mahnungen, – Gewissensvorwürfe gab es immer. Meine Bosheit aber und meine Hoffart blieben taub und trotzig. Erst die natürlichen Folgen einer Wissenschaft und Bildung des Unglaubens öffneten mir die Augen und erfüllten mich mit Entsetzen. Eine geistige Richtung, die solche Unholde und Bestien hervorbringt, muß schlecht und teuflisch sein, – sagte ich mir. Dazu kam die schwarze Untat meines Sohnes, dem ich eine standesgemäße, modische Bildung gegeben und ihn eben hiedurch zum Verbrecher erzogen hatte. Mir wäre unbegreiflich, wie man die sittigenden, veredelnden Lehren des Christentums verleugnen oder hassen kann, – jene Lehren, die rechtschaffene Menschen erziehen und Heilige bilden, wenn ich die Macht des Stolzes und anderer Leidenschaften nicht kennen würde. Man huldigt der Lüge und haßt die Wahrheit, wenn man die Zügellosigkeit liebt und jeder sittlichen Schranke grollt.«

Ein Schuß in der Ferne unterbrach die Rede des Grafen. Bei der ängstlichen Spannung der Bewohner von Valfort, jeden Tag von Mordbrennerbanden heimgesucht zu werden, nahm der Gewehrschuß den Donner eines Geschützes an. Wie ein Vorbote kommender Schrecken zerriß der Knall die ländliche Stille des sonnigen Herbsttages, und wimmernd gaben entfernte Täler das Echo wieder.

»Sie kommen!« sagte Rovere. »Mir läge wenig daran, heute noch zu sterben. Aber mein Kind und der letzte Sprößling eines Geschlechtes, das fortbestehen sollte, um Glück und Segen zu verbreiten, – was soll aus ihnen werden? Muß denn alles Edle und Große vernichtet werden? Herr, mein Gott, schirme gnädig dieses Haus und alle, die darin wohnen!«

Indem er so sprach, hob er flehend die Augen zum Himmel und streckte die Arme schützend gegen Valfort aus.

»Amen!« schloß Pampin den Hilferuf des Grafen.

»Sehen Sie, dort flüchten die alten Leute des Dorfes nach den Wäldern!« sagte Rovere, zu Tal deutend. »Wäre es nicht klug, wenn auch Sie den Bluthunden aus dem Wege gingen? Ihr Kostüm verrät zwar den Geistlichen nicht, dennoch erscheinen Sie höchst verdächtig. Der priesterliche Charakter läßt sich eben nicht verwischen, er ist der ganzen Persönlichkeit eingeprägt.«

»Unter keinen Umständen werde ich Sie verlassen, mein Freund! Entdecken die Blauen in mir den Priester und verlangen den gottlosen Eid, so werde ich denselben nicht schwören und den Tod verachten oder vielmehr begrüßen. Meine armen Schäflein sind zerstreut und tot. Was soll ich noch hier? Der Tod wird mich aus der Verbannung erlösen und der ewigen Heimat zuführen. » Mori mihi lucrum, – Sterben ist mir Gewinn,« hat der heilige Apostel gesagt, und alle Christgläubigen können so sprechen in diesen Zeiten Belials.«

Der Knall hatte das Schloß alarmiert. David versammelte das Gesinde um sich und gab Weisungen. Nach wenigen Minuten flatterten aus Dachluken und Fenstern republikanische Fahnen. Jeder Knecht und Arbeiter trug auf dem Kopfe eine rote Jakobinermütze. Die besten Kühe, Rinder und Pferde wurden aus den Stallungen nach den nahen Wäldern getrieben. Mit ihnen verschwanden sämtliche junge Dienstleute, den taubstummen Pierre ausgenommen. Dieser eilte nach dem verborgenen Zimmer seines Herrn, das Nahen der Blauen meldend. Paul richtete sich mühevoll empor und sah aus weit geöffneten Augen, mit dem Ausdrucke des Schreckens, auf Isabella. Pierre begriff die schauervolle Ursache der Angst seines Herrn.

»Gnaden dürfen gar nichts fürchten. Zu diesem Zimmer findet kein Blauer den Weg. Dazu kennen Sie unsere Vorbereitungen. Die Blauen werden einige Weinfässer austrinken, sich die leeren Magen füllen, und weiter marschieren. Nur keine Angst, Gnaden!«

Nach diesen Beruhigungsworten eilte Pierre nach der Turmzinne, sich von der Vollständigkeit der Barrikade zu überzeugen, welche Pater Oheim den Feinden verbarg. Dann spähte er durch ein schmales Fenster des Treppenhauses nach den Republikanern. Ein dichter Schwarm verließ eben den Wald. Ihre Bajonette blitzten im Sonnenschein, die blutschnaubende Marseillaise klang herüber. Pierre glaubte sogar, die wilden Geberden und Bewegungen der Unholde unterscheiden zu können, die sich dem verödeten Dorfe nahten, wie das Verderben. Bald stürmten sie durch die Gassen, brachen in die Häuser, raubend, verwüstend, versteckte Briganten suchend. Aber sie entdeckten kein Menschenleben, das gemordet werden konnte. Sie fanden St. Jean, wie alle Dörfer, Schlösser und Weiler des Bocage verlassen und öde. Eine Rotte stürzte in die Kirche, im Geiste der Vernunftgottheit das Heiligtum zu verwüsten. Bald schlug die Flamme durch das Dach, – ein Anblick des Entsetzens für den greisen Pfarrer. An verschiedenen Punkten des Dorfes wirbelten gleichfalls Rauchsäulen empor. Allein der allgemeine Brand wollte, bei der Windstille, nicht gedeihen. Dazu hatte das ansehnliche, vielverheißende Schloß Valfort eine solche Anziehungskraft für die Raubsüchtigen, daß sie keine Zeit fanden, St. Jean zu vernichten. Von Beutelust gestachelt, stürmte die Mordbrennerbande den Schloßhügel hinan, nicht wenig erstaunt, beim Anblick der republikanischen Flaggen.

»Was bedeutet das? Wer wohnt hier?« riefen die Blauen.

»Halt!« kommandierte der Kapitän. »Bürgersoldaten! Die dreifarbige Fahne grüßt uns von jenem Gebäude. Ich weiß nicht, ob die Briganten diese List gebrauchen, um uns zu täuschen, – aber ich weiß, daß wir vom Wohlfahrtsausschuß bei Todesstrafe verpflichtet sind, kein Haar jenen zu krümmen, die ein Recht haben auf den Schutz des Vaterlandes. Wir werden bald sehen, ob man uns hintergehen will. Wäre dies der Fall, dann soll kein Brigant am Leben bleiben und das Schloß in Flammen aufgehen. – Marsch!«

Unter dem weitgeöffneten Hoftor stand David, ihm zur Seite der taubstumme Pierre. Im Hintergrunde sah man bejahrte Knechte aus dem Schlosse Bänke, Tische und Stühle tragen, und sie unter den Linden aufstellen. Die Köpfe aller bedeckten rote Jakobinermützen mit Revolutionskokarden. Obschon David, listig und gewandt, wie er war, das drohende Verderben abzuwenden hoffte, beschlichen ihn doch unheimliche Gefühle, als der wilde Schwarm nahe kam. Das Unheilschwangere der Lage illustrierte das brennende Dorf. Rauchsäulen qualmten empor und ballten sich in der windstillen Luft zu dicken Wolken zusammen. Und die da heraufstürmten, hatten die Absicht auch das Schloß in Rauch aufgehen zu lassen, ihre Bajonnette mit dem Blute schuldloser Menschen zu beflecken. Schauerliche Bilder dieser Art zogen blitzschnell an David's Geist vorüber. Alle Kraft zusammen nehmend, drückte er düstere Gemütsbewegungen nieder, zwang furchtloses Lächeln in seine Züge und winkte den Unholden freundlich zu.

»Halt!« kommandierte abermals der Kapitän an der Spitze des Zuges. »Seit wann tragen Briganten. Jakobinermützen?« fuhr er barsch David und Pierre an.

»Du täuschest Dich, Bürgerkapitän!« antwortete David. »Wir sind weder aus der Vendee, noch sind wir Briganten, sondern echte Patrioten. Dreizehn Sanscülotten haben sich in diesem alten, verlassenen Hause niedergelassen in der Absicht, das fruchtbare Feld zu bebauen, damit die hungrigen Kinder des Vaterlandes Brot und Fleisch bekommen. Wir Dreizehn bilden zusammen eine patriotische Brüderschaft, arbeiten mit einander und verhindern, so gut wir können, die weitere Ausbreitung der Hungersnot. Man soll nicht sagen, daß in der einen, unteilbaren und ewigen Republik die Leute verhungern müssen, weil jene die Felder nicht bearbeiten wollen, die zum Kriegsdienste untauglich sind.«

»Deine Rede klingt zwar respektabel«, versetzte der Kapitän. »Dennoch scheinst Du mir ein schlauer Halunke zu sein, der uns eine Nase drehen will. Dies soll Euch nichts helfen. Wir haben Befehl, die Vendee von Briganten zu säubern und alles niederzubrennen. Demzufolge werden wir Euch Dreizehn massakrieren und das graue Eulennest anzünden.«

David warf sich unerschrocken in die Brust.

»Bürgerkapitän, wenn Du Befehl hast, gute Patrioten zu töten und die Herberge der Sanscülotte niederzubrennen, so tue es!«

Eine so kurze und mutige Antwort hatte der Anführer nicht erwartet.

»Halunke, Du lügst offenbar! Dein Nebenmann, so stark wie ein Ochse, stünde bei der Armee, wenn er kein Brigant wäre.«

»Du irrst abermals, Bürgerkapitän! Mein Nebenmann ist taubstumm. Er ist ein tüchtiger Feldarbeiter, gäbe jedoch einen unbrauchbaren Verteidiger des Vaterlandes.«

Der Kapitän musterte Pierre, – augenscheinlich ein Taubstummer, wie dessen halb blödsinniges Aeußere verriet.

»Wer gab Euch das Recht, ein Haus der Tyrannei zu bewohnen, das verbrannt werden muß, und Güter zu bebauen, die verheert werden sollen?«

»Dieses Recht gab uns die republikanische Regierung«, antwortete David, den Kaufakt hervorziehend. »Habe die Gefälligkeit, Bürgerkapitän, aufmerksam zu lesen, was hier geschrieben steht.«

Der Offizier sah das republikanische Siegel, die Unterschrift des Regierungskommissärs Carrier, und war von der Richtigkeit der Angaben überzeugt.

»Bürgersoldaten!« wandte er sich an den Schwarm. »Dieses Instrument hier, ausgefertigt vom Regierungskommissär Carrier in Nantes, besagt, daß eine Genossenschaft von dreizehn guten Patrioten, Schloß und Gut Valfort, im Kanton St. Jean, von der Republik käuflich erworben hat, in der Absicht, durch fleißigen Landbau das Wohl des Vaterlandes zu fördern. Weiter besagt das Instrument, daß genannte patriotische Genossenschaft unter dem Schutze der Republik stehe, und jeder mit dem Tode zu bestrafen sei, der Eigentum oder Leben der dreizehn Sanscülotte verletzt.«

Das Vernommene fand sehr ungünstige Aufnahme, erweckte sogar vielseitiges Murren der Soldaten, deren Raubsucht und Mordgier beschränkt werden sollte. David bemerkte diese gefährliche Stimmung und eilte, das lauernde Verderben zu beschwören.

»Bürgersoldaten!« rief er. »Wir freuen uns, Euch beherbergen und bewirten zu können. Unser Lager sei Euer Lager, unsere Nahrung sei Eure Nahrung. Versuchet unsern Wein, unser Brot, unsere vortrefflichen Käse, und was wir sonst haben. Dann urteilet, ob wir tapfer gegen den Hunger kämpfen. Jedenfalls sind wir glücklich, die Verteidiger des Vaterlandes gesättigt und erquickt zu haben.«

Die Soldaten lachten und ergossen sich in den Hof, wo eben kleine Fässer auf Tische gelegt und angezapft wurden. Die Blauen stellten ihre Gewehre in Pyramiden zusammen, warfen Tornister und Patrontaschen von sich und bildeten durstige Gruppen um die Fässer. Dann saßen sie auf Bänken und Stühlen, oder lagen am Boden, heißhungrig die Speisen verschlingend, welche herumgeboten wurden. Hiebei unterließen sie nicht, die Fronte des Schlosses zu betrachten, das mit seinen Bretterverschlägen an den Fenstern und mit den Fruchtgarben, die allenthalben hervorsahen, einen sehr anspruchslosen Haushalt verriet und für Plünderer keine verlockenden Gegenstände zu bieten schien.

»Wir müssen doch einmal spionieren, was in dem Gehäuse eigentlich steckt, – das gar zu viele Stroh macht mich stutzig«, sagte ein geriebener Sergeant, indem er sich erhob und mit einigen Soldaten das Schloß betrat.

Die Kundschafter durchschritten Gänge und Zimmer, die von Möbeln fast gänzlich entblößt waren und deren Beschaffenheit eine rauhe Bauernwirtschaft verriet. Dann fanden sie Räume, die vom Boden bis zur Decke mit Fruchtgarben gefüllt waren. Im Saale des zweiten Stockwerkes verkündeten umherliegende Strohsäcke die Dürftigkeit des Nachtlagers, und weitere Räume den Fruchtreichtum der Genossenschaft. Einen Soldaten gelüstete es, spionierend jenen Turm emporzusteigen, unter dessen Zinnen Pater Oheim wohnte. Er öffnete verschiedene Türen, blickte in die Gemächer, und fand überall den Segen der Ernte, der nicht allein in Früchten bestand, sondern auch in Obst und in einer großen Menge Zwiebeln. Der Blaue stieg immer höher, bis aufgeschichtete Garben weiteres Vordringen verhinderten. Die Garben saßen im Vorraum zu Clements Wohnung. Wurden zwei Garben herausgenommen, so konnte man bequem durchschlüpfen und in des Paters Zimmer gelangen.

Der Soldat betrachtete die aufgeschichtete Garbenwand.

»Nichts als Korn und Stroh, – das müßte ein hübsches Feuer geben!« brummte er.

Augenscheinlich trieben ihn Gewohnheit und Neigung, ein Feuer anzuschüren. Er nestelte in den Taschen. Stahl und Stein klangen zusammen. Der Mensch lächelte boshaft. Da erinnerte er sich der Todesdrohung des vorgelesenen Instrumentes, wandte sich ab und nahm den Rückzug.

Inzwischen brachte im Schloßhofe der reichliche Weingenuß seine naturgemäßen Wirkungen. Die Blauen sangen, lachten, schrieen und machten einen fürchterlichen Lärm. Auf den sehr geschwächten, nervösreizbaren Paul übten Getöse und Gegenwart der Unholde bedenkliche Wirkungen. Jeden Augenblick fürchtete er, die Barbaren möchten hereinstürmen und Isabella hinwegschleppen. An sich dachte er nicht. Aber die entsetzliche Gefahr für seine Braut versetzte den Kranken in eine namenlose Aufregung. Er saß im Bette mit geisterhaft leuchtenden Augen und bebenden Gliedern. Unablässig nach dem Gange lauschend, der zum Zimmer führte, schrak er bei jedem Geräusch zusammen. Isabella bemühte sich vergebens, den Geängstigten zu beruhigen.

»Verriegle die Türe!« sagte er. »Wenn sie dennoch hereinkommen, – wenn die Schurken die Türe einschlagen, dann lieber sterben, – hörst Du? Lieber sterben, als lebendig in die Hände dieser Bestien fallen.«

»Gewiß, mein Paul, lieber sterben!«

»Versprich es mir, Isabella, – lieber sterben!«

Sie gab ihm das Versprechen in die Hand, umschlang seinen Nacken, und ihr Mund flüsterte Worte der Beruhigung.

Da schwand mit einem Male seine Aufregung.

»Wie müde!« hauchte er matt, sank in die Kissen und schloß die Augen.

Die Gräfin ließ sich geräuschlos in den Sessel am Bette nieder, in der Meinung, ihr Bräutigam schlummere.

Der Wein entzündete immer mehr die heißblütigen Republikaner. An jegliche Untaten gewöhnt, erfaßte Manchen ungestümer Drang, der Freiheit ein Feuer anzuzünden. David, der nicht von der Seite des Kapitäns wich, gewahrte mit schwerer Besorgnis diese Stimmung.

»Deine Soldaten sind lustig, Bürgerkapitän, und das freut mich! Wenn es Dir gefällt, heute bei uns zu rasten, so werden wir ein Rind schlachten und den Verteidigern des Vaterlandes zubereiten. Unsere Küche ist freilich etwas derb. Wir verstehen das Kochen und Braten nicht. Aber ich denke, das Fleisch wird sich essen lassen.«

»Hier bleiben? Was fällt Dir ein, Bürger?« versetzte der Kapitän, seinen Schnurrbart streichend. »Wir haben unsere Marschordre, die eingehalten werden muß. Verflucht viele Arbeit! Man wird nicht fertig mit Säubern. Die Briganten sind zwar größtenteils niedergemacht oder davongelaufen. Dagegen gibt es noch Dörfer, Schlösser und Weiler niederzubrennen, was man schließlich auch satt bekommt.«

»Allerdings ein langwieriges Geschäft!« meinte David. »Muß denn gerade jede Hütte brennen?«

»Jede Hütte! Streifpartien durchziehen den ganzen Bocage. Der letzte Brigant muß sterben, der letzte Schlupfwinkel zerstört werden. Auf andere Weise wird man nicht fertig mit diesem Lumpengesindel. Mich wundert, Bürger, daß Euch die Schufte hier ruhig hausen lassen, daß sie den Schutzbrief der Republik respektieren.«

»Ihr habt ihnen große Furcht eingejagt, Bürgerkapitän! Neulich kam eine Rotte hieher, die Lust zeigte, uns davonzujagen. Ich las ihnen den Kaufakt vor und zeigte ihnen die Folgen ihrer schlimmen Absichten. Für einen von uns, rief ich ihnen zu, werden die Patrioten zehn von Euch töten! Sie zogen ab. – Jetzt haben wir nichts mehr zu befürchten. Du siehst, der Bocage ist menschenleer. Alle gingen über die Loire.«

»Wir werden ihnen folgen und den Letzten massakrieren«, versicherte der Kapitän.

»Wenn ich eben richtig hörte«, sagte David, »so haben einige Soldaten Lust, ein Feuer anzuzünden, was mir leid täte. Das Feuer würde ja Patrioten schädigen, die unter dem Schutze des Vaterlandes stehen.«

»Was plauderst Du da, Bürger?« entgegnete verletzt der Kapitän. »Wir haben Disziplin! Meine Leute sind alle tapfer wie Löwen, aber nicht fähig, zu rebellieren gegen die Regierung. Meinen Kopf würde das zuerst kosten; denn ich bin verantwortlich für meine Soldaten.«

Sofort fand die Versicherung des wackeren Offiziers ihre Wiederlegung.

» Ça ira, – das wäre prächtig!« rief ein Blauer am nächsten Tische. »Seht doch die Scheune dort, welche früher eine Kirche gewesen, steckt voll Stroh! Man braucht nur einen Funken daran zu halten und alles geht in die Luft.«

»Machen wir den Spaß!« rief ein anderer. »Was lebt in der Vendee, gehört unsern Bajonetten, Kugeln und Säbeln, – was brennt, gehört dem Feuer.«

Der Kapitän sprang wütend empor.

»Halt!« donnerte er den Brenner an, seine Pistole aus dem Gürtel reißend. »Habt ihr nicht den Befehl der Regierung gehört? Wessen Kopf fliegt zuerst, wenn Ihr Sanscülotte schädigt, die unter dem Schutze des Vaterlandes stehen? Der meinige! Also, – wer's wagt, auch nur einen Strohhalm anzuzünden, dem jage ich eine Kugel durchs Hirn!«

Stimme und Haltung des Offiziers, wohl auch Erfahrung bewiesen, daß er keine leere Drohung ausgesprochen. Die Blauen gehorchten zwar für den Augenblick, murrend und widerstrebend, allein der Kapitän mochte seiner Bande nicht sicher sein. Er saß beobachtend, nach allen Seiten hin lauschend, und fand es schließlich geraten, die Zecher von den Weinfässern und dem Orte der Versuchung zu entfernen. Die Trommel wirbelte zum Aufbruche. Nach einigen Minuten marschierten die Blauen den Hügel hinab, johlend und jauchzend.

Die Schloßbewohner blickten dankend zum Himmel.

»Das erste Unwetter ging schadlos vorüber«, sagte David. »Wenn nur kein ärgeres nachkommt.«

Dennoch blieb das Erscheinen der Republikaner nicht ohne schlimme Folgen. Schrecken und Aufregung stürzten Paul in eine gefährliche und langwierige Nervenkrankheit, die ihn zwar nicht tötete, aber Monate lang auf das Krankenlager warf.

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