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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 41
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Schwere Schläge.

Zwei Gräber in der alten Schloßkapelle zu Valfort standen offen. Herr Gottfried und sein Sohn Heinrich waren in der mörderischen Schlacht bei Chatillon gefallen. Dem alten Geschlechte, vor kurzer Zeit noch blühend und glücklich, drohte völliger Untergang; denn auch Paul schwebte zwischen Tod und Leben. Dem Arzt wollte nicht gelingen, die Kugel zu finden, und täglich sanken die Kräfte des Verwundeten.

Isabella pflegte ihren Bräutigam Tag und Nacht, mit einer so rührenden Sorgfalt und Hingebung, wie nur die innigste Liebe einzuflößen vermag. Wenn Paul schlummerte, mehr in Folge eines bedenklichen Schwächezustandes, als aus Bedürfnis für stärkenden Schlaf, so stand Isabella vor dem Lager und betrachtete lange die bleichen, eingefallenen Züge des Leidenden. Oft rang sie stumm die Hände, und Tränen stürzten über ihre Wangen herab. Die ärztlichen Anweisungen vollzog sie mit ängstlicher Pünktlichkeit. Eine Ablösung in der Pflege durch andere, damit sie von den Anstrengungen der Nachtwachen sich erhole, gestattete sie nicht. Immer wollte sie dem Geliebten nahe sein, damit nichts mangele, nichts versäumt werde.

Zu den Opfern des Schlachtfeldes gesellte sich nach wenigen Tagen ein Opfer des Schmerzes. Frau Salome, von ungemein zarter Empfindung und gleichsam mit dem Leben des Gatten verwachsen, überwand die rasche Folge zermalmender Schläge nicht. Zwei blühende Söhne und den Gemahl hatte sie in die Gruft hinabsenken gesehen. Jetzt wankte auch sie, gebrochen an Kraft und aufgelöst von Schmerz, dem Grabe entgegen. Die Erlösung aus irdischem Jammer kam jählings. Sie pflegte über den Gräbern der Ihrigen betend zu knieen, die Steinplatten mit ihren Tränen zu benetzen. Dort wurde sie entseelt gefunden.

»Das Herz zersprang meiner guten Herrin,« sagte die weinende Hanna.

Isabella empfand kaum den neuen Verlust. Die tödliche Angst um Paul hatte ihre Seele dermaßen erfüllt, daß für alles Übrige in derselben kein Raum mehr blieb. Mangel an Schlaf und Ruhe, noch mehr die fortgesetzte Angst, äußerten bald ihre zerstörenden Wirkungen. Das Aussehen der Gräfin wurde täglich leidender. Ihr starker Wille verlor seine Macht auf den erschöpften Körper, den sie kaum aufrecht zu halten vermochte. Vergebens machte ihr Vater Vorstellungen, vergebens erboten sich Pierre und David, und noch ein halbes Dutzend treuer Diener, den Verwundeten zu pflegen. Mit geisterhaftem Blick und gebietender Handbewegung wies sie alle zurück.

Da erschien Pater Oheim, welcher das Unglück seiner Familie mit jener Geistesstärke und stillen Ergebung ertrug, die nur eine Folge strenger Ascese und vollständiger Selbstüberwindung sein können. Er selber hatte die Seinen bestattet, deren Grüfte mit dem Segen der Kirche geschlossen und das heilige Opfer dargebracht für die Seelenruhe der Geschiedenen. Dies alles hatte er getan mit jener Leidenstiefe im Greisenantlitz, welche die stete Betrachtung der Geheimnisse des Kreuzes verklärt.

Auch die Gräfin verehrte den Pater wie einen Heiligen. Sie wußte, daß er ganze Nächte hindurch vor Gott kniete. Sie hatte oft Gelegenheit, die Weisheit und den Seelenadel des ungewöhnlichen Mannes zu bewundern. Immer empfand sie in seiner Nähe die Weihe seines geläuterten, von den Schlacken menschlicher Fehler gereinigten Wesens. Als er jetzt das Krankenzimmer betrat, erhob sie sich, überrascht von dem milden Freudenschimmer im Angesichte des Greises.

»Meine Tochter, ich bin gekommen, Dich abzulösen«, sprach sanft Pater Oheim. »Seit vierzehn Tagen schläfst Du nicht, gönnst Dir nicht die mindeste Erholung, quälst Dich in beständiger Angst. Das ist Sünde vor Gott, Sünde gegen die Pflicht der Selbsterhaltung. Du wirst Dich in Dein Zimmer begeben und schlafen. Erst morgen, in dieser Stunde, darfst Du wieder dieses Gemach betreten.«

»O mein Vater, wie vermag ich das?« entgegnete sie bestürzt. »Wer kann schlafen, wenn ihm jede Minute das Teuerste zu rauben droht?«

»Vermag Deine Gegenwart den gefürchteten Räuber zu verscheuchen, mein Kind? Dagegen wirst Du sicher ein Opfer Deiner Liebe, wenn Du versäumst; meinem Rate zu folgen. Beleidige Gott nicht durch Dein Benehmen, das an Mißtrauen gegen die Ratschlüsse der Vorsehung streift. »Alle eure Sorgen werfet auf den Herrn; denn er sorgt für euch«, mahnt der heilige Apostel Petrus. Vertraue, mein liebes Kind, auf die Güte unseres Vaters im Himmel, dessen Barmherzigkeit den Bräutigam Dir schenken wird.«

Die letzten Worte, mit Sicherheit gesprochen, empfand Isabella wie Worte vom Himmel. Ihr mattes Auge belebte sich, eine unaussprechliche Freude strahlte aus ihren Zügen.

»O mein Vater, dies hat Ihr Gebet von Gott erfleht!«

»Darum gehe und schlafe bis zur bestimmten Zeit«, wiederholte ernst der Greis.

Sie wandte sich nach Paul, dessen Blick starr auf sie gerichtet war.

»Gehorche!« flüsterte er. »Gehe, – ruhe, – schlafe! Ich werde leben, – er sagt es.«

Sie verließ das Zimmer und begab sich mit der frohen Überzeugung nach ihren Gemächern, daß Pater Oheims Worte kein leerer Trost gewesen. Im Gemüte beruhigt, streckte sie den erschöpften Leib auf das Lager und versank in einen tiefen Schlaf, aus dem sie erst am späten Morgen des folgenden Tages erwachte.

Inzwischen war der Arzt gekommen, dem es endlich gelang, die Kugel aus der Wunde hervorzuziehen.

»Hätten Sie mir früher beigestanden, hochwürdiger Pater«, sprach der Arzt, »die Kugel wäre längst gefunden worden.«

Graf Wilhelm von Rovere, der mit Eifer und bestem Vermögen der übernommenen Stellvertretung seines gefallenen Freundes nachkam, hielt zwar die äußere Ordnung und den geregelten Gang des weitläufigen Besitzes aufrecht. Von einem alten, in der Landwirtschaft erfahrenen Knechte begleitet, war er allgegenwärtig, damit nirgends eine notwendige Arbeit unterlassen, das Laufende pünktlich vollzogen würde. Diese Rolle fiel dem Grafen überaus schwer, – und gerade deshalb, und weil er sie als eine Demütigung empfand, führte er dieselbe strenge durch, in dem Glauben, die göttliche Gerechtigkeit würde das Sühnopfer für die Frevel seines vergangenen Lebens gnädig annehmen. Allein es fehlte trotz der äußeren Ordnung, dem mechanisch abrollenden Organismus die belebende Seele. Rovere vermochte nicht, dem Gesinde Freude an der Arbeit einzuflößen. Die Leute hingen alle traurig die Köpfe. Sie sahen nicht mehr den geliebten Herrn, sie wußten ihn tot, die gütige Schloßherrin begraben und den letzten Valfort am Rande des Grabes. Am stärksten äußerte sich diese allgemeine Trostlosigkeit an Pierre. Wie ein Schatten ging er umher, mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen. So oft der Arzt kam, harrte er dessen Rückkehr vom Krankenlager an der Pforte, um das ärztliche Urteil über den Zustand seines Herrn zu erfahren, den er mehr liebte als sich selbst. Regelmäßig hatte er bis jetzt aus den düsteren Mienen des Doktors trübe Kunde gelesen. Dem Mienenspiel des Arztes entsprach die erbetene Auskunft und dessen hoffnungsloses Achselzucken. Pierre seufzte und stöhnte in solchen Augenblicken, schlich in seine Kammer und brach oft in Tränen aus.

Heute war dem Doktor kein Trauerflor über das Gesicht gezogen, als er nach glücklicher Operation das Schloß verließ.

»Wir haben sie, mein Freund!« rief er Pierre zu. »Der gnädige Baron ist gerettet, – wenn nichts dazwischen kommt.«

Die Worte elektrisierten den Getreuen. Mit seiner Freudenbotschaft lief er nach dem Garten, David die frohe Kunde mitzuteilen. Mit Blitzesschnelligkeit verbreitete sich dieselbe auf die umliegenden Felder, allenthalben die größte Freude und neuen Mut zur Arbeit erweckend; denn Valfort verwaiste nicht. Und als der Ausspruch des Paters Oheim bekannt wurde, den alle wie ein untrügliches Orakel verehrten, da stand die Rettung des jungen Schloßherrn fest.

In den folgenden Tagen machte die Genesung Pauls zwar geringe, aber doch merkliche Fortschritte. Die Grabesstille des alten Hauses unterbrachen wieder geschäftige Tritte und lebensfroh klingende Reden des Gesindes. Pierre behauptete, auch die Vögel auf den Linden im Hofe sängen wieder, welche seither traurig die Köpfe gehängt und ihre Lieder eingestellt hätten.

Da stieg abermals am fernen Horizont wetterschweres Gewölk empor.

Die Niederlage der Republikaner bei Chatillon hielt den Vernichtungskampf gegen die Vendee nicht auf. Eine starke Armee rückte abermals über die Loire und brach verheerend in das Land der Aufständischen. Allenthalben gingen Dörfer und Weiler in Flammen auf. Mord an Waffenlosen, an Kindern und Frauen, gehörte zum Tagesbefehl der republikanischen Armee. Augenscheinlich hatte der Konvent beschlossen, die fruchtbare und bisher so glückliche Vendee in eine Wüste zu verwandeln.

D'Elbee zog den Republikanern mit 35,000 Mann entgegen. Er wurde bei Lucon geschlagen.

Die Niederlage beugte keineswegs den Mut der Vendeer. Die Sturmglocken riefen zu den Waffen, und vierzehn Tage später führte d'Elbee eine neue Armee, 40,000 Mann stark gegen den Feind.

Aber d'Elbee hatte Unglück.

Am vierzehnten August kam es zur Schlacht. Die Blauen siegten. Fünftausend Vendeer bedeckten tot die Wahlstatt. Wachsmuth, Bd. II. S. 222.

Diese harten Schläge verbreiteten Schrecken über das unglückliche Land. Die errungenen Siege schienen die Republikaner noch mordsüchtiger und grausamer zu machen. Wie Barbaren und Teufel wüteten sie gegen alles Lebende und Bestehende.

Auch in Valfort blickte man zagend der Zukunft entgegen. Die Mordbrennereien und Schandtaten der Republikaner bildeten den Gegenstand sehr ernster Betrachtungen und Gespräche. Schon sah man die wilden Horden in das schöne Tal von St. Jean herabsteigen, die entsetzten Bewohner in die Wälder flüchten, das Dorf und Schloß Valfort in Flammen aufgehen.

Pierre sann und marterte seinen Kopf, ob es nicht eine Möglichkeit der Rettung gäbe. An fernere Siege der Vendee glaubte er nicht; denn sein Baron war kampfunfähig, und wo sein Baron nicht dabei war, gab es keinen Sieg. Die traurigen Erfahrungen der letzten Zeit schienen Pierres Glauben zu bestätigen.

Eines Tages trat er vor David in den Garten wie ein Mensch, der einen großen Schatz gefunden. Er winkte den Freund in die Laube, und zog ihn neben sich auf die Bank nieder.

»Tag und Nacht quälte ich mein Hirn, ein Rettungsbrett zu entdecken«, hob er an. »Da mein Baron immer noch sterbenskrank ist und nicht auf Rettung denken kann, so muß ich darauf denken. Wer soll es sonst? Der hochwürdige Pater Oheim ist ein Heiliger, redet beständig mit Gott, lebt mehr im Himmel als auf Erden, merkt nicht das nahende Sturmwetter, oder verachtet es. Der gnädige Graf ist immer auf den Beinen. Die Sorgen um die große Wirtschaft lassen ihm keine Zeit, an das zu denken, was da über uns hereinbrechen mag. Wir könnten uns zwar flüchten in die Wälder und so verstecken, daß uns die blauen Teufel nicht finden. Wenn ich aber das schöne Schloß betrachte, die hübschen Weinberge und Felder, und wenn ich bedenke, daß all dies verbrannt und verwüstet werden soll, so schneidet mirs durchs Herz. David, ich sage Dir, wir müssen etwas unternehmen, – etwas recht Großes und Kühnes!«

»Was meinst Du?«

»Höre mich an! – – Du weißt, daß die republikanische Regierung alle Güter der Barone einzieht und wieder um Spottpreise verkauft, – aber nur an Patrioten. Darauf gründe ich meinen Rettungsplan. Ich kann ihn jedoch allein nicht ausführen, Du mußt dabei sein.«

»Laß einmal hören!«

»Zuerst will ich wissen, ob Du dabei bist. Ungefährlich ists nicht. Wir zwei können das Leben dabei verlieren.«

»Das wäre nicht viel, wenn sonst Dein Plan Rettung verspricht. Rede!«

Pierre enthüllte vor dem lauschenden David ein Unternehmen, das sich zwar durch Tollkühnheit und Abenteuerlichkeit auszeichnete, dennoch aber den ungewöhnlichen politischen und sozialen Verhältnissen jener Zeit entsprach. Davids Mienenspiel belebte sich. Er nickte wiederholt beifällig mit dem Kopfe, und jener listige, schalkhafte Zug, der ein wesentliches Merkmal seines Charakters bildete, trat herrschend in sein Gesicht.

»Das gefällt mir ausgezeichnet!« rief er unternehmend. »Das Ding ist zwar merkwürdig, – auch gefährlich, – aber doch meisterhaft. Ich bin dabei. Ans Werk, Pierre, ans Werk!«

»Zuerst muß ichs dem gnädigen Grafen mitteilen, – da kommt er ja gerade von den Feldern. Gott helfe mir dabei, daß es gelingt,« sagte Pierre, indem er sich erhob, und den Grafen um eine gnädige Audienz bat.

Die Audienz währte lange, und hatte eine noch längere Unterredung Roveres mit Pater Oheim zur Folge.

In der Frühe des nächsten Morgens verließen Pierre und David das Schloß und gingen nach Nantes.

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