Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 39
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
Schließen

Navigation:

Auszug.

In der Nacht des neunundzwanzigsten Juni 1793 verkündeten aufsteigende Raketen, dazu ein endloses Gebrause unzähliger Hörner, dem Befehlshaber von Nantes, daß ein allgemeiner Angriff der Insurgenten bevorstehe. Canclaux, ein Mann von bedeutenden militärischen Kenntnissen und vielem Mute, traf seine Maßregeln. Die Besatzung betrug zwölf Tausend altgediente Soldaten, die er mit kluger Berechnung zum Widerstande aufstellte. Mit dem Morgengrauen begann der Kampf. Tollkühnen Mutes griffen die Insurgenten an. Charette, dessen Armee auf dem linken Ufer der Loire zum Sturme schreiten sollte, konnte nicht über den Strom gelangen, weil Canclaux die Loirebrücke in ein unüberwindliches Bollwerk verwandelt hatte. So war Charette dazu verurteilt, tatloser Zuschauer bei einem Unternehmen zu sein, dessen eifrigster Betreiber er gewesen.

Auf dem rechten Ufer der Loire drangen die ungestümen Belagerer bis in die Vorstädte, wo sie ein mörderisches Kartätschenfeuer empfing. Es entbrannte ein wütender Kampf von drei Uhr des Morgens, bis vier Uhr Nachmittags. Catelinau und dessen Waffengenossen fochten wie Helden. Allein Kriegskunst und die Kanonen siegten schließlich über Menschen, die weder kundig noch bewaffnet waren zur Erstürmung einer trefflich verteidigten Festung. Die glänzendste Tapferkeit vermochte es nicht, den Mangel an Artillerie und kriegstüchtiger Leitung zu ersetzen. Tot und verstümmelt bedeckten die Söhne der Vendee die Wahlstatt. Catelinau wurde schwer verwundet und starb am folgenden Tage. Die Belagerer traten den Rückzug an, zwar nicht entmutigt, aber doch ernüchtert und geheilt von hochfliegenden Plänen. Guerr. de Vend. 322 sq.

Kaum hatten sich die Belagerer von Nantes zerstreut und die ländlichen Arbeiten wieder aufgenommen, als die Kunde erschreckte, eine große republikanische Armee rücke heran. Ehe noch die Insurgenten zum Widerstande sich sammeln konnten, nahmen die Republikaner, unter Führung der Generale Biron und Westermann, die Stadt Saumur, wobei die Sieger unmenschliche Grausamkeiten begingen, Frauen schändeten, selbst Kinder mordeten und verbrannten. Mit Feuer und Schwert drang Westermann in den Bocage, in der ausgesprochenen Absicht, denselben in eine menschenleere Wüste zu verwandeln. Nach dieser Absicht verfuhr er. Alle Dörfer und Weiler, die seine Brandmörderscharen berührten, gingen in Flammen auf. Jedes erreichbare menschliche Wesen wurde ermordet. Zur Grausamkeit gesellte sich Hohn und Bestialität. Die Soldaten trugen gespießte Kinder auf den Bajonnetten, entehrten auf Leichenhaufen die Frauen und Mädchen, bevor sie dieselben massakrierten. La Rochejaquelein S. 241.

Ein Schrei des Entsetzens durchbebte die Vendee. Von allen Kirchtürmen riefen Sturmglocken zu den Waffen. Die Bauern scharten sich um ihre Führer, zur Abwehr der Mordbrennerbanden.

Auch Schloß Valfort widerhallte von Waffengeräusch. Herr Gottfried zog aus mit seinen beiden Söhnen, während Frau Salome, deren mütterliches Herz immer noch blutete an der tiefen Wunde, die ihm der Tod ihres Jüngsten geschlagen, in Tränen zerfloß. Dringend bat sie den Gatten, wenigstens Heinrich vom Kampfe auszuschließen. Allein der Baron blieb unerschütterlich.

»Mein liebes Weib«, sprach er, »wie darf ein waffenfähiger Valfort zu Hause bleiben, wenn es gilt, Gut, Leben und Ehre gegen eingebrochene Ungeheuer und Bluthunde zu verteidigen? Du siehst ja, wie Heinrich vor Begierde brennt, am Kampfe für Freiheit und Glauben der Heimat teilzunehmen. Sein Leben lang müßte er sich gekränkt und beschimpft fühlen, daheim müßig gesessen zu haben, als wir im Felde der Ehre die Heimat retteten. Beherrsche Dich! Sei mein starkmütiges Weib, die würdige Mutter tapferer Söhne!«

Diese Gründe waren allerdings stark genug, die sanfte Salome zum Schweigen zu bringen, nicht aber geeignet ihre Bangigkeit und ihren Schmerz zu überwinden.

Dem Grafen Rovere übertrug Herr Gottfried die Sorgen um den häuslichen Herd.

»Mein Freund«, sprach er, »Sie werden, bis zu meiner Rückkehr, die Arbeiten auf dem Steinfelde unterlassen und meine Stelle vertreten. Erfahrenes und treues Gesinde wird Ihnen zur Seite stehen.«

»Wäre ich berufen und nicht unwürdig, für eine so heilige Sache zu kämpfen«, erwiderte Graf Wilhelm, »dann würde ich vorziehen, auf das Feld der Ehre Ihnen zu folgen. Hoffentlich übernimmt Ihr Major domus eine Last von Sorgen und Arbeiten, welche den Büßer nicht vollständig vom Steinlande vertreibt.«

»Sollt mir etwas Menschliches begegnen,« fügte der Baron mit schwerer Stimme bei, »dann seien Sie meiner Familie ein fürsorgender Vater.«

»Keine düsteren Gedanken, mein Freund! Gott wird Sie schirmen und Ihrer Familie wiedergeben.«

Der Baron machte eine Bewegung des Zweifels, und ging nach der Waschküche, wo Kugeln gegossen und Patronen gefertigt wurden.

Paul war unausgesetzt in Tätigkeit. Er empfing Boten, entließ dieselben mit schriftlichen oder mündlichen Aufträgen, traf zweckmäßige Anordnungen, und erfüllte die Pflichten eines umsichtigen und eifrigen Führers. Als er seine Aufgabe gelöst und Alles zum Abmarsche fertig gestellt, besuchte er gegen Abend Isabella. Er fand sie beschäftigt, ein graues Kleid kürzer zu schürzen und zum Gehen tauglicher zu machen. Sie empfing ihn lächelnd, mit einem fast kriegerischen Aufblick ihrer strahlenden Augen. Ihr Benehmen verriet keine Spur von Niedergeschlagenheit und Bangigkeit, – im Gegenteil. Der kampflustige Geist, der gegenwärtig im alten Ritterhause umging, schien auch von ihr Besitz genommen zu haben.

»Was bedeutet diese Arbeit, Isabella?«

»Mein Marschkleid! Ich werde die hübsche Sitte der Frauen Deiner Heimat nachahmen und Dich in den Streit begleiten.«

»Unmöglich, – Du vermagst es nicht«! entgegnete er, in hohem Grade überrascht und bestürzt zugleich. »Die Frauen der Vendee, abgehärtet durch ländliche Arbeiten und fähig, Strapazen zu ertragen, unterwerfen sich leicht Anstrengungen, welche Dich aufreiben müßten.«

»Ich bin kräftig und stark, mein Paul! Keine Jungfrau der Vendee soll mich beschämen, wenn es gilt, dem Bräutigam in Gefahren nahe zu sein. In Stunden höchster Not darf keine Leistungsfähigkeit zu Hause träge liegen. Siehe, hier Verbandzeug und Charpie! Gibt es eine nützlichere und ehrenvollere Tätigkeit für Frauen, als Schwerverwundete zu pflegen, zu laben, zu verbinden? Gestatte mir, am Schlachttage eine barmherzige Schwester zu sein!«

»Entsage einem Vorhaben, meine Liebe, dessen Ausführung mich in beständige Unruhe versetzen müßte!«

»Was könnte mir Schlimmes begegnen? Wie ich höre, ist der Marsch nicht weit. Ich walle mit den übrigen Frauen unter dem Banner des Kreuzes, betend und fromme Lieder singend, wie es bei solchen Auszügen immer geschieht. Oder glaubst Du, hier im Schlosse könnte ich Ruhe finden, während Du im Kampfe stehst? Die Angst um Dich würde mich verzehren, – die schrecklichsten Bilder würden mich foltern. Bin ich aber stets Dir nahe, Zeuge Deiner Taten und Eures Sieges, so schwellt mir Zuversicht und Mut das Herz.«

Nach einigen Einwendungen, die nur Isabella's Entschlossenheit steigerten, gab er seine nutzlosen Widersprüche auf.

»In Gottes Namen! – Aber Hanna wird Dich begleiten. Der Feind rückt in Eilmärschen vor, sengend und brennend wie Hunnen. Seine Vorposten stehen kaum vier Meilen von hier. Wahrscheinlich kommt es morgen schon zur Schlacht.«

Die Gräfin erbleichte.

»Gott schütze Dein Leben!« sprach sie leise.

Mit seltener Geisteskraft die Schwäche ihres Geschlechtes niederdrückend, nahm sie die unerschrockene Haltung wieder an.

»Wann ziehen wir aus?«

»Morgen beim Tagesgrauen. Die Streithaufen meines Bezirks marschieren bereits heran, um sich an bezeichneter Stelle miteinander zu vereinigen. Rüste Dich mit Bedacht für das flüchtige Feldleben. Vergiß neben Charpie und Verbandzeug die notwendigen Lebensmittel für zwei Tage und auch ein warmes Tuch nicht, in das Du, bei ungünstiger Witterung, Dich hüllen kannst!«

Sie blickte glücklich zu ihm auf, der in mütterlicher Fürsorge ihrer Bedürfnisse gedachte.

Die gemeldete Ankunft einiger Barone, welche Paul zu sprechen wünschten, unterbrach die Unterhaltung.

In derselben Stunde saß Pierre auf der Bank, vor den Pferdeställen, neben ihm David. Vor ihnen stand am Boden ein Krug mit Wein, in den Händen hielten sie Brot und Fleisch, von den Hungrigen mit Behagen genossen. Hände und Angesicht Pierre's waren rauchgeschwärzt. Den ganzen Tag hatte er am Feuer gesessen und Kugeln gegossen, während David Patronenhülsen wickelte.

»Du lachst und bist guter Dinge, – mir aber ist die Geschichte gar nicht einerlei, – es könnte schief gehen«, sagte David bekümmert. Wenn die Unholde den Sieg gewännen, – den ganzen Bocage überfluteten, – allenthalben hausten mit Brand und Mord, – wenn sie hieher kämen, – Isabella den Tartaren in die Hände fiele! Mein Gott – es ist entsetzlich!«

»Quäle Dich mit Vorstellungen nicht, die niemals eintreffen. Mein Baron ist ja dabei, und wo er ficht, da muß gesiegt werden. Vor Nantes war er nicht dabei, daher Niederlage. Hätten sie auf den Rat meines Barons gehört, die Vendee würde nicht so viele tapfere Männer nutzlos verloren haben. So geht's aber, wenn man gescheiter sein will als mein Baron. Steht mein Baron an der Spitze, so kanns gar nicht fehlen. Er und Sieg sind Zwillingsbrüder, die sich niemals von einander trennen.«

David teilte jedoch keineswegs die frohe Zuversicht Pierres. Er saß gedrückt und bange, wie vor dem Herannahen schweren Unglückes.

»Was man doch nicht aushalten muß auf der Welt!« sagte er. »Wenn ich an die Schreckenstage in Paris denke, – an Othello Danton, – an den Schurken Henry, – an das Beil der Guillotine, welches beständig über unseren Köpfen hing! Wie ein leckes Schiff wurden wir umhergeworfen von den Wogen des Unheiles, – jeden Augenblick drohte Untergang und Verderben. Und kaum liefen wir in den sicheren Hafen Valfort ein, so erhebt sich schon wieder ein greulicher Sturm. An mich denke ich nicht. Ohne Klage ginge ich aus dieser erbärmlichen Welt. Aber Isabella, – mein Gott, – mein Gott! Was geschieht, wenn sie in die Hände der Frauenschänder fällt? Mein Gott, – oh, – mein Gott!«

»Sei doch kein altes Klageweib, David! Man sieht, das Blut der Vendee fließt nicht in Deinen Adern. Guck, mir brennt das Herz vor Verlangen, in die Schlacht zu gehen, mit jedem Schusse einen Blauen niederzustrecken. Sie sollen es büßen, die Hunde, – sie sollen es büßen, Kinder gemordet, Frauen entehrt und gebraten zu haben!« rief er, die Faust schüttelnd, während seine Augen Feuer sprühten. »Das wird ein Schlachttag, – ha! Mit den Zähnen möchte ich die blauen Teufel zerreißen. Und wie ich, so denken und fühlen alle. Grimm und Rache verdoppeln unsere Zahl. Es gibt ein Blutbad, darin alle Mordbrenner ersaufen müssen. Lustig David, – den Kopf hoch, – Viktoria! Hörst du, eben marschiert wieder ein Trupp durch das Tal!«

Von ferne trug die Abendluft ein Kirchenlied herüber, ernst und feierlich, keineswegs geeignet, Kriegslust und Kampfesmut zu erwecken.

»Mir klingt das Lied wie Grabgesang«, sagte David. »Die es singen, scheinen zu denken und zu fürchten, wie ich.«

»Weit gefehlt«! versicherte Pierre »Sie singen das Lied: »Für meinen Heiland möcht' ich sterben!« Und was die Männer heute singen, das werden sie morgen tun, – nämlich dem Tode ins Gesicht lachen, und die blauen Teufel, die Gottesleugner, von der Erde vertilgen und zur Hölle schicken. Weil wir streiten für Gott, darum streitet Gott mit uns, – und das bedeutet Sieg.«

»Dein Baron scheint aber doch auch von der Zukunft keine Rosen zu erwarten. Ich habe Dir erzählt, was er neulich im Garten zur gnädigen Gräfin sagte. Du weißt, wie innig und zart sich beide lieben. Wie es sie verlangt nach dem Bunde der Ehe. Welches Paar! Die Welt hätte nichts Herrlicheres gesehen. Und wie glücklich würden sie im Frieden zusammen hausen, – das gäbe ein Leben! Ach, wenn ich mir vorstelle und denke, die gnädige Gräfin mit dem Lächeln der Mutterliebe im Gesichte! Daneben den stattlichen Baron, als den glücklichsten Gemahl und Vater, – und endlich den seligen David, der so einen kleinen Engel auf den Armen wiegen darf!«

Pierre lachte hell auf.

»Bei Gott, David, hätte nicht gemeint, daß in Dir eine Kindsmagd steckt!«

»Und ich hätte in meinem Pierre keinen heißhungrigen Menschenfresser gesucht. Wollte nur sagen: – unser gnädiger Baron wagt die Vermählung nicht, weil er fürchtet, bald eine junge Witwe zurücklassen zu müssen.«

»So wars nicht gemeint«, versicherte Pierre. »Das versteh' ich besser, weil ich just immer genau so denke wie mein Baron. Du weißt, Hanna ist mir gut, und ich bin ihr noch besser. Heiraten möcht' ich sie jetzt aber doch nicht. Warum? Weil das Heiraten ein Geschäft, ein Unternehmen ist, das nur paßt zu Friedenszeiten. Haben wir den Blauen alle Lust gründlich versalzen, jemals wieder in die Vendee zu kommen, steht erst der Frieden auf festen Füßen, dann machen wir Hochzeit, – mein Baron und ich auf einen Tag.«

»Das könnte wirklich hübsch werden!« versetzte launig der Gärtner David. »Paul und Isabella, – Pierre und Hanna! Das gäbe zwei Paare, die sich einander ausstechen. – Wie kann man nur scherzen,« unterbrach er sich, »wenn eher Leichenzüge als Hochzeiten bevorstehen«!

»Da kommt Hanna! Paß' auf, sie hat wieder einen Blumenstrauß an meinen Hut! Fünf solcher Blumensträuße hab' ich schon von ihr, die alle das Pulver gerochen haben, – jetzt liegen sie in meiner Kiste, als meine größten Kostbarkeiten.«

Das Mädchen schritt über den Hof, ein verdecktes Körbchen am Arm. Nicht in gerader Richtung nahte sie den Sitzenden, sondern auf Umwegen. Sie machte sich bei den Hühnerställen zu schaffen, hatte da und dort etwas richtig zu stellen, kam hierbei der Bank immer näher und stand schließlich vor den Freunden.

»Sind die Kugeln alle gegossen, Pierre?«

»Alle bis auf jene, die fehlen.«

»Ich meine, die Kugeln des Scharfschützen Pierre fehlen niemals?«

»Ja, – wenn ich Deine hellen Augen hätte, Hanna, die immer ins Herz treffen.«

»Wüßte nicht, daß meine Augen jemals ein Herz getroffen hätten.«

»Aber ich weiß es!« versicherte er, an seiner Mütze rückend. »Heute kann ich's sagen, weil ich morgen in den Krieg ziehe, wo es gefährlichere Waffen gibt als die Schelmenaugen der Hanna. Du weißt ja, wie's heißt im Lied:

›Heute frisch und rot,
Morgen kalt und tot!‹«

Die Worte scheuchten alle Lichter aus ihrem hübschen Gesicht. Sie beugte das Haupt und stand tief ergriffen.

»Nun, Hanna, sei nicht so traurig! Für Dich paßt Traurigkeit so wenig, wie Schneegestöber für den Sommer. Ich bin daran gewöhnt, in Dein Gesicht hinein zu sehen, wie in den lachenden Frühlingshimmel. Darum schaffe die trüben Wolken fort, welche Regen bedeuten, der in dicken Tropfen aus Deinen Augen fallen will.«

»Du hast mir das Herz schwer gemacht, Pierre! Ach Gott, – der Krieg, der abscheuliche Krieg, wo die Kugeln wie Schneeflocken herumfliegen! Wie leicht trifft es Dich!«

»Gerade nicht unmöglich; – was tuts? Pierre fliegt zum Himmel, – Hanna schaut ihm eine Weile nach, wischt die Tränen von den Augen, vergißt bald den Pierre und heiratet schließlich einen Andern.«

»Das sind lose Reden, die mir wehe tun«, erwiderte sie, mit der Schürze die Augen trocknend. »Du solltest von mir so gering nicht denken.«

»Gering denke ich von Dir gewiß nicht, allerliebste Hanna, sondern nur herkömmlich! Oft passierts ja, daß Mädchen die Toten vergessen und sich an die Lebendigen halten. Das finde ich ganz in der Ordnung und verständig, – wenn man nach Gottes Willen doch in die Ehe treten soll wie meine Hanna.«

»Aber nur mit ihrem Pierre,« ergänzte sie.

»Ich nehme Dich beim Wort, liebe Hanna! Es ist doch gut, wenn man in den Krieg zieht; die Herzen werden offenbar und die Zungen gelöst. So sei's, – wir halten Hochzeit, sobald die letzten Kriegswolken fortgezogen sind, und der Himmel voller Baßgeigen hängt, die alle zu unserer Hochzeit aufspielen müssen. Halten wir aber ganz bestimmt Hochzeit, so folgt daraus, daß ich kugelfest bin und nicht fallen kann, obwohl die Kugeln wie Schneeflocken herumfliegen. – – Nun, Hanna, hast Du diesmal keinen Blumenstrauß für mich?«

Sie öffnete das Körbchen und zog eine rotseidene Schleife hervor, geziert mit Eichenlaub und Vergißmeinnicht.

Pierre lief nach seinem Hute.

»Hefte ihn selbst an, herzige Hanna! Wie hübsch, – wie sinnig! Eichenlaub bedeutet Tapferkeit. Das rote Band bedeutet Treue für Gott und Heimat bis in den Tod. Die blauen Blümchen sagen: vergiß deine Hanna nicht! Das werde ich gewiß nicht. Die drei Stücke sollen mir in Kopf und Herz geschrieben sein. Darum sei guten Mutes! Die Kugeln werden Deinen bedeutungsvollen Strauß respektieren und sich wohl hüten, einen Mann anzurühren, der nicht dem Tode, sondern seiner Hanna gehört.«

Sie hatte mit zitternder Hand die Schleife an den Hut genäht.

»Gott schütze Dich!« sprach sie mit bebender Stimme. »Sollte ich heute und morgen Dich nicht wiedersehen, – lebe wohl, – Gott sei mit Dir!«

Ihre Stimme stockte, Tränen rollten über ihre Wangen. Auch Pierre's heitere Laune erlag einer weichen Stimmung. Er biß die Lippen zusammen und faßte ihre Hand.

»Auf Wiedersehen, Hanna! Käme ich aber zufällig nicht wieder, dann sei christlich und denke, daß wir uns etwas später dennoch wiedersehen. Pflücke dann einen anderen Strauß Vergißmeinnicht und stecke ihn an das Kreuz, vor dem meine Hanna jeden Morgen und Abend kniet und betet.«

Er entließ ihre Hand. Sie wandte sich schluchzend ab und kehrte nach dem Schlosse zurück.

Bis auf den Krieg erstreckte sich die religiöse Gesinnung der Vendee. Unter Glockengeläute, mit Kreuz und Kirchenfahnen, zog die Mannschaft jedes Kirchspieles aus. Die Prozession bildete immer die ganze Gemeinde, betend und religiöse Lieder singend. Nach einem Marsche von mehreren Stunden kehrten die waffenunfähigen Glieder der Prozession nach Hause zurück, mit Ausnahme jener Frauen und Töchter, die ihren Gatten und Vätern bis in die Nähe des Schlachtfeldes folgten, zur Pflege der Verwundeten. Die streitbare Mannschaft, gleichsam geweiht durch die Gebete der Gemeinde und den Segen der Kirche, zog begeistert weiter. Kreuze und Fahnen waren zwar verschwunden, Gebete und fromme Lieder verhallt, aber unsichtbar geleiteten die Symbole des Glaubens und an der Spitze jeder Schar glänzte das Kreuz. Bis herab zum geringsten Knecht erfüllte jeden Waffenträger die Überzeugung, im Dienste des Allerhöchsten in den Streit zu gehen. Jeder fühlte sich gleichsam als einen Ritter St. Georgs, welcher den Drachen des Unglaubens und die Gottesfeinde der Revolution bekämpfe. Daher jene wunderbare Tapferkeit und Todesverachtung, welche dem christlichen Heroismus entsprangen, das Leben freudig zu opfern für Güter, die kostbarer sind als das Leben. Hätte die Vendee diesen hochsinnigen Geist bewahrt, sie wäre unüberwindlich geblieben. Aber die fortgesetzten Kriegszüge und blutigen Schlachten schädigten die fromme Gutmütigkeit, verkehrten das lautere Streben und verdarben allmählich die guten Sitten bei nicht Wenigen. Namentlich forderten haarsträubende Grausamkeiten der Republikaner zur Vergeltung heraus, entflammten das Rachegefühl und trieben zur Besudelung des reinen Banners der Vendee.

Mit dem Morgengrau war die Prozession von St. Jean aufgebrochen. An der Spitze des langen Zuges trug ein Baron das Kreuz. Kirchenfahnen flatterten im Winde, und die emporsteigende Sonne vergoldete die Büchsenläufe der Schützen und die Streitäxte der Bauern. In rascher Bewegung wallte die kriegerische Prozession über Hügel, durch Täler und Wälder, indem gemeinsame Gebete mit religiösen Gesängen wechselten.

Isabella ging in der Reihe der Jungfrauen, das Gewand zum eiligen Gange geschürzt, um das Haupt ein Tuch gebunden, im Arm ein Körbchen, in der Hand einen Rosenkranz. Erlaubte es die Aussicht, so spähte sie nach jenem Teile des Zuges, wo die Büchsenläufe in der Sonne blitzten, und sie deutlich die hohe Gestalt ihres Bräutigams zu unterscheiden glaubte. Sie selbst war Gegenstand einer Aufmerksamkeit, die an Verehrung streifte. Schon beim Gottesdienst in der Pfarrkirche, den sie jeden Sonntag mit der freiherrlichen Familie besuchte, erweckte ihre Andacht und das regelmäßige Erscheinen an der Kommunionbank die Achtung der ganzen Gemeinde. Und ihre Anmut, jungfräuliche Würde und fesselnde Schönheit verfehlten nicht, allgemeine Bewunderung zu erregen. Dazu kam ihr Brautstand mit dem geliebten Jungherrn Paul, ihr Vater, der büßende Graf auf dem Steinlande, und ihre eigenen Lebensschicksale, deren sich sofort der Volksmund bemächtigte, und mit sagenhaften Zutaten vermehrte. Und nicht allein im Kirchenspiel von St. Jean, sondern weit über dessen Gemarkung hinaus, war die fremde Gräfin, die wunderschöne Isabella, Gegenstand der lebhaftesten Teilnahme geworden. Auswärtige, die nicht zur Gemeinde gehörten, kamen an Sonntagen in die Kirche von St. Jean, um die Vielbesprochene zu sehen und Eindrücke der Bewunderung nach Hause zu tragen.

Isabella's Teilnahme an der Prozession steigerte noch die allgemeine Huldigung für sie; denn sie verkündete Mitleidenschaft für die drohende Gefahr. Viele Edelfräulein befanden sich zwar im Zuge und in Isabella's nächster Umgebung, aber diese verschwanden neben der Gräfin wie Gestirne niederer Ordnung, sobald die Sonne hervortritt. Diesen einfachen, für das Erhabene und Glänzende leicht entzündbaren Menschen, deren lebhafte Einbildungskraft geneigt war, das Ungewöhnliche mit einem höheren Nimbus zu umgeben, flößte Isabella zugleich Empfindungen ein, welche an die schönsten Tage des ritterlichen Frauendienstes erinnerten. Beobachtete man den sinnenden Ernst und die aufwallende Begeisterung jugendlicher Streiter, wenn sie an Haltstellen und bei vorübergehender Auflösung des Zuges die in Hoheit und Schönheit strahlende Jungfrau betrachteten, so durfte man voraussetzen, die Nähe der Bewunderten werde zur kühnsten Tapferkeit entflammen.

Nach mehrstündigem Marsche kehrten die Greise, die Kinder und die meisten Mädchen nach Hause zurück. Die übrigen zogen weiter, mit beschleunigten Schritten.

Der Charakter der Landschaft veränderte sich. Die Wälder waren verschwunden, die Hügel niederer, die Täler weiter geworden.

Einen merkwürdigen Anblick bot die künstliche Umgrenzung und Einteilung der Fluren. Die Kultur hatte nämlich das ganze Land in Abschnitte von dreihundert bis vierhundert Schritten im Viereck zerlegt. Diese Quadrate umgaben hohe Erdwälle, bis zu zwölf Fuß ansteigend. Die Wälle bedeckten dichte, lebendige Zäune, zwischen denen in kurzen Zwischenräumen die Kronen gewaltiger Bäume hervorragten. Am Fuße der Wälle umzogen jedes Viereck tiefe Gräben, dazu bestimmt, die Fluren trocken zu legen und das Wasser abzuleiten. Zwischen Wällen und Gräben hindurch liefen zahllose Pfade, gerade breit genug, die Karren durchzulassen. Über diese dürftigen Wege hingen die Zweige der Hecken und die Äste der Bäume herein, dichtverwachsene Dächer bildend. So war die ganze Landschaft von einem Labyrinthe verschlungener, sich kreuzender Stege durchschnitten, in dem sich nur die Einwohner zurechtfanden und der Fremde ratlos in der Irre gehen mußte. Bot ein Höhepunkt freien Überblick, so schien das Ganze ein unabsehbarer Wald zu sein, über den hie und da ein Ziegeldach oder die Spitze eines Kirchturmes emporragte, zuweilen auch ein Fleck wogender Saatfelder sichtbar wurde.

Bei diesem Charakter der Gegend waren die Bewegungen der feindlichen Armee gehemmt, die Anwendung von Reiterei und Artillerie fast unmöglich. Dagegen unterstützten die Wälle und Gräben, die verschlungenen Pfade und Gebüsche wesentlich die Kampfesweise der Vendee.

Die Prozession hatte einen Wall überschritten und hielt jetzt auf einer weiten Wiesenfläche. Einige Hundert Schützen, welche bereits dort lagerten, erhoben sich vom Boden, ihre Waffengenossen zu begrüßen. Dies geschah in möglichster Stille, als sei der Feind nicht ferne. Die Angekommenen streckten sich in das Gras nieder, öffneten ihre Bündel und verzehrten deren Inhalt mit einer Hast, welche andeutete, daß für dieses Geschäft nur knappe Zeit gegeben sei.

Hanna nahm aus ihrem Korbe Speisen und legte sie der Gräfin vor, die sich auf die vorspringende Wurzel eines Baumes ermüdet niedergelassen und nach Paul spähte. Er stand in Mitte des Wiesengrundes, hörte den Bericht eines Boten und wechselte mit verschiedenen Männern kurze Worte. Alles verlief ohne Getöse und mit der Sicherheit einer geregelten Ordnung.

Im Schatten der Bäume saßen Frauen und Mütter der Männer und Bursche, die zum nahen Kampfe sich stärkten. Obwohl manches Mutterauge trauernd niedersah oder das geliebte Kind unter der Schar der Streiter suchte, gewahrte man doch nirgends Verdruß, Bangigkeit oder Schrecken. Man brachte schwere Opfer und empfand das Schmerzliche derselben. Aber man brachte die Opfer für das Höchste, für Religion und Heimat, man setzte Kleines für Großes ein.

Paul war mit Vater und Bruder zu Isabella herangetreten.

»Bist Du ermüdet, meine Tochter?« frug Herr Gottfried treuherzig.

»Es war ein gesunder Marsch in stärkender Morgenluft,« antwortete sie, in Paul's ernsten Zügen lesend, und beklommen über die blutige Entwicklung der nächsten Stunden. »Wird es noch lange währen, bis die Armee der Vendee heranzieht?«

»Du befindest Dich mitten in unserer Armee, mein Kind!« versetzte lächelnd der Baron. »Auf dieser hübschen Fläche siehst Du zwar nur etwa achthundert Mann. Aber diese viereckigen Landstücke reihen sich zahllos aneinander, und auf jedem derselben lagern Hunderte schlagfertiger Streiter. Wir Schützen haben die Ehre, dem Feinde sehr nahe zu sein und die Schlacht zu beginnen. Bald wirst Du unsere Büchsen knallen hören. Könnte Dein Auge Wälle und Büsche durchdringen, so würdest Du zugleich die Mordbrenner in großer Menge fallen sehen.«

»Die Wälle sind eine schützende Wehr gegen feindliche Geschosse,« sprach sie mit bittendem Aufblick zu Paul.

»Beunruhige Dich nicht, Isabella!« entgegnete dieser. »Unserer guten Sache wird auch heute der allmächtige Schlachtenlenker den Sieg verleihen. Vielleicht tobt der Kampf ganz in der Nähe, – sei deshalb nicht bestürzt und vertraue. Sollte bis zum Abend die Schlacht nicht entschieden sein und wir bis Morgen unsere Stellungen behaupten müssen, so wirst Du in jenem Hause dort Nachtquartier finden. Neben Hanna habe ich noch zwei alte, treue Knechte für Deinen Dienst bestimmt. Die Zeit drängt, – auf Wiedersehen!«

Er wandte sich rasch ab und schritt mit Vater und Bruder, die sich mit freundlichem Kopfnicken von der Gräfin verabschiedeten, über den Plan.

Ein gedämpfter Hornstoß rief die Streiter zusammen. Sie bildeten ein Viereck, in dessen Mittelpunkt der greise Pfarrer von St. Jean stand. Er trug Talar, Chorrock, Stola und in der Hand ein Kruzifix.

»Meine Freunde, meine Kinder!« begann mit lauter Stimme der Greis. »Wieder naht der Augenblick eines uns aufgezwungenen Kampfes. Wieder steht Ihr in Waffen, zur Abwehr himmelschreiender Tyrannei, zur Verteidigung unseres heiligen Glaubens, unserer Freiheit, unserer Ehre, unseres Lebens. Gehet mit Vertrauen in den Streit, – Gott wird mit Euch sein. Und wer fällt im Kampfe, – Heil ihm! Denn für Gott vergoß er sein Blut, ließ er sein Leben, und der getreue Gott wird ihn lohnen mit ewigem Lorbeer der Seligen.«

Er machte eine Pause, Augen und Hände zum Himmel erhebend. Die Umstehenden knieten Alle nieder, mit ihnen die Frauen unter den Bäumen.

»Allmächtiger, ewiger Gott, Lenker der Schlachten!« betete der alte Pfarrer. »Blicke gnädig nieder auf diese Schar, auf die ganze Armee der Vendee! Errette uns barmherzig aus der Gewalt grausamer Feinde und verleihe Sieg Deinen Streitern, die bereitwillig ihr Leben hingeben für die Ehre Deines Namens, zum Schutze Deiner heiligen Kirche. Es segne Euch der allmächtige Gott, Vater, Sohn und heilige Geist,« – schloß der greise Priester mit dem Kreuzeszeichen.

»Amen, – Amen!« antworteten die Männer, sprangen vom Boden empor, und nach wenigen Augenblicken waren alle hinter dem Walle verschwunden.

Das Geräusch der Abziehenden war verklungen, tiefe Stille herrschte ringsum. Kein Lärm, kein Merkmal verriet, daß sich Tausende bewaffneter Männer in Bewegung setzten.

Isabella lauschte mit erregten Sinnen. Die schwüle Stille, welche jeden Augenblick durch Schlachtgetöse unterbrochen werden konnte, belastete ihr Gemüt, und große Bangigkeit kam über sie. Es drängte sie, dem Geliebten nachzueilen, die Gefahren mit ihm zu teilen, mit ihm zu sterben. Sie erhob sich mit steigender Aufregung von den Knien, und blickte ringsum. Wälle, Bäume und Gebüsch verschlossen jede Aussicht. Der westliche Teil der Wiesenfläche stieß an einen öden, mit Haidekraut bedeckten Hügel. Dorthin wollte sie eilen, den Bräutigam zu erspähen, mit ihren Blicken ihm zu folgen, als könne ihr Auge Gefahren beschwören, die ihm drohten. Da mäßigte das bedächtige Tun, die besonnene Haltung ihrer weiblichen Umgebung, die Aufregung der Beängstigten. Die Frauen öffneten Körbe und Bündel, zogen Verbandzeug hervor, und rüsteten sich zum schönsten Werke der Schlachtfelder. Diese Wahrnehmung beschämte Isabella. Sie drückte ihre Angst nieder, und harrte mit Ergebung des Kommenden, immer den Blick nach dem freien Hügelrücken gewandt, als ahne ihr Geist die entscheidende Bedeutung jener Höhe.

 << Kapitel 38  Kapitel 40 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.