Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 37
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
Schließen

Navigation:

Im neuen Heim.

Graf Wilhelm und dessen Tochter fanden zu Valfort die herzlichste Aufnahme.

Die ersten Tage vergingen über Mitteilungen der wichtigsten Ereignisse. Die Familie saß im Kreise und hörte aus dem Munde Pauls schauerliche Dinge. Der rücksichtsvolle Erzähler dämpfte zwar die Farben und behandelte die bluttriefenden Stoffe mit einem Zartgefühl, das ihre Schrecklichkeit verhüllte, der nackten Wirklichkeit keineswegs gerecht wurde. Dennoch bewirkten die Schilderungen tiefe Eindrücke, die sich steigerten bis zu Empfindungen des Grausens. Wiederholt rang Frau Salome leise stöhnend die Hände. Baron Gottfried saß starr, wie eine Bildsäule, mit geballten Fäusten. Dem jugendlichen Heinrich öffnete Entsetzen weit Mund und Augen, und selbst Pater Oheim verlor in tiefer Erschütterung die milde Ruhe. Isabellas Blick ruhte beständig auf dem Erzähler bei Darstellung des Überstandenen bis zu Tränen gerührt. Nur Graf Wilhelm saß ohne Zeichen von Gemütsbewegung unablässig niederstarrend wie ein Mensch, dessen Geist ein einziger Gedanke dermaßen erfüllt und eingenommen, daß ihm für alles andere das Verständnis fehlt. Während der Reise von Paris nach der Vendee sprach er selten, erschien düster bis an die Grenze des Tiefsinnes, unzugänglich Pauls Trostworten und Isabellas kindlichen Liebkosungen. Selbst beim Wiedersehen seines alten Freundes, des Barons Gottfried, den er stumm umarmte, beharrte der Graf in seiner bedenklichen Erschlaffung. Kein Schimmer der Freude belebte seine Züge; aber das zermalmte, von Schmerz zerrissene Vaterherz sprach in ergreifender Klage aus Blick und Mienen.

Als nun Paul die Ruchlosigkeit Henrys berührte, da zuckte der Graf zusammen, und eine furchtbare Erschütterung schüttelte ihn aus seiner Lethargie.

»Halt, – das ist für mich!« sprach er mit hohler Stimme. »Niemand weiß, niemand hat erfahren oder auch nur ausgedacht, was es heißt, einen Sohn zu haben, der kalten Blutes, mit Vorbedacht und Überlegung, seinen schuldlosen Vater abschlachten will. Ich allein weiß das Ungeheuere, – empfinde es, – wälze die glühende, zerfleischende, tausendfach tötende Masse beständig in Kopf und Herz herum, – – ja, eine Masse, einen Inbegriff aller Peinen, groß genug für die Qualen einer Ewigkeit. Mich höret, – mich, einen Vater, dessen Kopf begehrt wurde von dem eigenen Kinde! Und was Ihr höret, alles ist genau, getreu, weil jedes Wort Henrys, des Vatermörders, und jeder Umstand des schrecklichsten mit Dolchstichen in mein Herz gegraben wurde.«

Nun begann er mit staunenswürdiger Genauigkeit die Verhandlungen vor dem Revolutionsgericht zu erzählen. Selbst Henrys Rede gab er wörtlich wieder. Im Laufe des Berichtes, den er häufig unterbrach durch Äußerungen schneidigen Schmerzes, durch Selbstanklagen und drückendes Schuldbewußtsein wurde der Unglückliche allmählich ruhiger. Das Aussprechen dessen, was ihn quälte, schien sein Gemüt einigermaßen zu entlasten.

»Das sind die letzten Taten des Proletariers und Vatermörders Henry von Rovere,« schloß er. »Und wer hat aus einem Kinde mit bedeutenden Anlagen ein solches Ungeheuer gemacht? Ich, – mein Gott, – ich! Wer hat die Keime zum grausigsten Verbrechen in die Seele des Knaben gesenkt? Ich tat es, – ich habe das Ungeheuere verschuldet!«

Sein Haupt fiel auf die Brust herab, seine Lippen zuckten und die Qualen, welche sein Herz zerfleischten, entstellten sein Angesicht.

»Sie übertreiben, mein Freund!« sagte Herr Gottfried. »Niemals hatten Sie die Absicht, aus Henry einen Verbrecher zu machen. Ihr Streben ging vielmehr dahin, durch standesgemäße Erziehung und Bildung Ihren Vaterpflichten zu genügen.«

Der Graf bewegte widersprechend das Haupt.

»Keine Entschuldigung! Was hilft es, die Schuld in ein hübsches Mäntelchen zu hüllen? Den nagenden Wurm in zarten Flaum zu wickeln? War es nicht in diesem Saale vor etwa zwanzig Jahren? Erinnern Sie sich! Damals machte ich den Vorschlag, Ihren Paul mit dessen Altersgenossen Henry gemeinsam erziehen zu lassen. Den Vorschlag hielt ich für einen Freundesdienst, weil mir Diderot einen sehr gelehrten Hofmeister, den Philosophen Pichat, zur Bildung meiner Söhne gegeben hatte. Sie lehnten mein Anerbieten ab mit den Worten: »Danke bestens, lieber Graf! Kein Philosoph soll mein Kind verderben!« – Die Philosophie verderbt nicht, sie bildet und erleuchtet, erwiderte ich damals. O ich kluger Mann, der stolz von der Zeit Höhe niedersah auf den zurückgebliebenen Baron der Vendee! Ich Tor gab Ihnen, dem Weisen, Belehrungen und ärgerte mich über den religiösen Fanatismus meines Freundes. Sie sagten kurz: »Paul wird in meinen religiösen Grundsätzen erzogen.« – – Wie, soll es denn niemals Licht werden in der Vendee? rief ich vorwurfsvoll. Wie lange wollt Ihr sitzen bleiben in der Finsternis überwundenen Aberglaubens? – Darauf Sie: »Das Licht soll bleiben in der Vendee, das Licht vom Himmel, der Sohn Gottes und seine Lehren. Lassen Sie Henry im Geiste des Unglaubens erziehen, – ich lasse meinen Paul erziehen im Geiste des Christentums. Sind beide Bäume herangewachsen, dann lassen Sie uns sehen, welche Früchte sie tragen.« – So sprachen Sie! Und nun? Was wurde aus dem Baume Henry? Ein Vatermörder, – ein schändlicher Kuppler, – ein Mensch, fertig zu jeglichem Frevel? Warum? Weil er, nach Weisung seines Vaters, den heiligen Gott und dessen Gebote nicht kennen lernte, sondern die Freiheit der Selbstbestimmung. Weil die zeitgemäße Philosophie ihn lehrte, als Maßstab des Handelns die eigene Vernunft zu betrachten und den Eingebungen des verderbten Herzens zu folgen. Was haben Vernunft, Berechnung, Selbstsucht, Leidenschaften schließlich aus Henry gemacht? Einen konsequenten Schurken, Vater und Schwester, Leben und Ehre der Seinen dem Egoismus opfernd. O Du mein Gott, – und ich, – ich habe diesen Baum Henry gepflegt, genährt, jene giftigen Früchte der Verbrechen an ihm reifen lassen!«

»Um Vergebung, mein Freund, dies haben Sie nicht getan!« widersprach Gottfried, der sich insgeheim freute, den Unglücklichen seinem Hinbrüten entrissen und in lebhafter Unterhaltung begriffen zu sehen. »Nicht einen Verbrecher wollten Sie erziehen, sondern einen jungen Mann, dessen Bildung für die höchsten Gesellschaftskreise befähigen sollte. Deshalb gaben Sie ihm einen Hofmeister, reich an Wissen, einen gelehrten Freund des berühmten Diderot. Sie irrten freilich in den Prinzipien, – allein Sie irrten schuldlos, weil auch Sie vom Zeitgeiste befangen und beherrscht waren. Sie handelten nach bester Überzeugung, nicht in böser Absicht, können mithin für den Frevler Henry nicht verantwortlich sein.«

»Nach bester Überzeugung? Wirklich? Woher wissen Sie das?« frug der Graf mit einiger Heftigkeit.

»Ihr edler Charakter bürgt dafür.«

»Mein edler Charakter? Welche Täuschung! In Wahrheit bin ich der ebenbürtige Vater eines geistig und sittlich verwilderten Sohnes, – der verantwortliche Vater eines Verbrechers. Nein, – ich irrte nicht schuldlos, – handelte keineswegs nach bester Überzeugung! Ich huldigte der Mode, dem Zeitgeiste, nicht instinktiv wie ein Tier, – nicht schlafend wie ein Nachtwandler, sondern mit Absicht, mit offenen Augen, in freier Wahl, wie ein vernünftiges Wesen. Ich verspottete den religiösen Glauben, verleugnete das christliche Sittengesetz. Ich rühmte mich der Aufklärung und meiner Unabhängigkeit, nach Belieben und Neigung frei zu handeln, – ledig des Joches der Gebote Gottes. Und dies alles tat ich aus Überzeugung, – meinen Sie? Weit gefehlt! Aus Stolz tat ich es, – aus frevelhaftem Dünkel, den Hochgebildeten und Philosophen beigezählt zu werden. Allein ich war nicht überzeugt, daß Religion nur frommer Betrug und Wahn sei. Selbst Diderot, Voltaire, d'Alembert waren hievon nicht überzeugt. Oft gestanden Sie mir im Vertrauen, daß keine Logik die Göttlichkeit christlicher Ideen bestreiten könne, – daß vielmehr die Geschichte des Christentums den parteilosen Denker zur Annahme einer göttlichen Kausalität und Leitung nötige. Kann ich bei solcher Gesinnung schuldlos sein? Nimmermehr! Und wenn die ganze Welt mich Elenden freispräche, – mit Donnerstimme gellt es durch meine Seele: Du bist schuldig am Verderben Deines Sohnes!«

Diese rücksichtslose Selbstanklage, sowie Merkmale des Schmerzes und der Reue vermehrten noch die Teilnahme der Familie für den Unglücklichen. Herr Gottfried bewegte zwar ungläubig das Haupt und gab durch sein Mienenspiel zu erkennen, daß er die Selbstverurteilung des Freundes für sehr übertrieben halte. Allein die erschütternde Aufrichtigkeit des Grafen hatte sein wohlwollendes Bestreben der Entschuldigung so vollständig entwaffnet, daß ihm augenblicklich die Worte fehlten.

Was jedoch den Baron verwirrte und niederschlug, erfreute Isabella und erfüllte ihr kindliches Herz mit den schönsten Hoffnungen. Sie kannte die traurige Vergangenheit des Vaters. Täglich betete sie für seine gründliche Bekehrung und erwartete nun von dessen Selbsterkenntnis nicht allein Buße und Sühne, sondern auch ein werktätiges Leben nach dem Glauben.

»Sohin konnte ich unmöglich schuldlos irren,« fuhr Rovere nach flüchtiger Pause fort. »Noch andere Umstände beweisen dies. Wie oft überfielen mich nach einer wilden Nacht oder nach Handlungen im Geiste des Unglaubens die unerträglichsten Vorwürfe, die heftigsten Gewissensbisse! Bestimmt vernahm ich die Stimme der inneren Rüge: »Was unternimmst Du? Frevler, wie lange noch? Wehe Dir!« Ich aber schlüpfte unter den Schild der Philosophie, bewaffnet mit der Rüstung des Unglaubens, trotzte ich frech und erstickte die Stimme des Heiligen mit neuen Frivolitäten. Wie konnte ich da schuldlos irren? Sprach nicht die Stimme der Wahrheit in mir selbst und aus den Tatsachen der Vergangenheit? Wer frevelt überhaupt schuldlos? Ich glaube gar nicht an ein Verbrechen aus entschuldbarem Irrtum, – das heißt, kein Verständiger wird mit Bewußtsein und klarer Erkenntnis dessen, was er tut, ein Verbrechen begehen, in der Meinung, das sei ihm erlaubt. Das ist unmöglich. Dem heiligen Gott kann die Handlungsweise seines Ebenbildes nicht gleichgültig sein. Darum wird er im entscheidenden Augenblick innerlich eintreten mit Warnungen, Vorwürfen, Drohungen und Schrecken. Und das Gewissen ist nicht ausschließlich christlich, es ist menschlich. Auch der Heide weiß sich verantwortlich für sein Tun vor dem höchsten Richter. Und ich, der kein roher Heide, sondern ein gebildeter Philosoph war, – ich, der sich erfrechte, die strafende Gottesstimme zu verhöhnen, dem Allerhöchsten in das Angesicht hinein zu lachen, sogar sein Dasein stirnlos abzuleugnen, – ich soll in meiner Ruchlosigkeit ein schuldlos Irrender gewesen sein? Ein Narr mag Verbrechen für erlaubte Taten ansehen können, ein Verständiger niemals.«

»Gestatten Sie dem Theologen eine Berichtigung Ihrer Ansicht, Herr Graf!« sagte Pater Oheim. »Am Kreuze hat der sterbende Welterlöser gebetet: »Vater verzeihe ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.« Mithin gibt es Vergehen aus Unwissenheit, entschuldbare Irrtümer. Vielleicht mag ein Frevel aus Unwissenheit nicht ganz und gar schuldlos sein. Auch im vorliegenden Falle hätte Jesus für die vollkommen Unwissenden nicht beten können: »verzeihe ihnen!« – weil der Unschuld nichts zu verzeihen ist. In welchem Maße aber ein Frevel aus Unwissenheit strafbar sei oder nicht, das entzieht sich der menschlichen Beurteilung. Richtet nicht! – – Dagegen teile ich Ihre Meinung bezüglich der schweren Verantwortung und Schuld des Vaters an dem Verderben des verlorenen Sohnes. Rütteln wir nicht an den Wahrheiten der göttlichen Offenbarung, welche lehrt, daß von den Eltern die Seelen der Kinder gefordert werden. Selbst nach dem Kriterium der Vernunft muß eine solche Forderung unbestreitbar erscheinen. Ist es ja in die Hände der Eltern gegeben, die Kinder im Geiste der Religion oder im Geiste der Welt zu erziehen. Gaben Sie Ihrem Sohne einen Lehrer des Unglaubens und der Gottesleugnung, gingen Sie selbst durch Wort und Beispiel in dieser Richtung voran, dann werden Sie auch die Verantwortung über die Folgen einer schlechten Erziehung tragen müssen. Sohin ist Ihr Schuldbewußtsein keine Täuschung, Herr Graf!«

Die Familie Valfort staunte über das scharfe Urteil des greisen Oheims, von dessen bekannter Milde und liebevoller Nachsicht mit den Schwächen anderer sie am wenigsten eine solche Auffassung erwarteten. Baron Gottfried fühlte sich geradezu verletzt über die Härte gegen einen Unglücklichen, dessen geistiger Zustand die schonendste Behandlung forderte. Allein Herr Gottfried besaß weder den Scharfblick, noch die Menschenkenntnisse des Jesuitenpaters.

»Sie vergessen, hochwürdiger Oheim,« sprach der Baron im Tone des Vorwurfes, »daß mein Freund keineswegs in böser Absicht, sondern in der Meinung handelte, seinen Sohn im Geiste der Mode und nach den Ansprüchen seines Standes erziehen zu müssen.«

»Das ist richtig, mein lieber Gottfried!« versetzte der Greis. »Allein es kann nicht angenommen werden, daß die Meinung des Herrn Grafen eine schuldlos irrige gewesen. Eine schlechte Mode, eine verderbte Gesellschaft, werden niemals vor Gott schwere Pflichtverletzungen entschuldigen. Zudem hatte Graf Rovere Gelegenheit und Mittel genug, die Stimme der Wahrheit in der Kirche zu hören, seine verkehrte Meinung zu berichtigen, wenn Stolz und böser Sinn ihm dies gestattet hätten.«

»Oheim, ich begreife Sie nicht!« rief unwillig der Baron. »Gedenken Sie der Schriftworte: »Man soll das geknickte Rohr nicht zerbrechen, den glimmenden Docht nicht auslöschen.« Seien Sie doch barmherzig!«

»Ich glaube, im Geiste der Barmherzigkeit gesprochen zu haben, lieber Gottfried!«

»Das haben Sie, Herr Pater, – ich danke Ihnen!« versetzte lebhaft der Graf. »Sie verstehen und begreifen mich. Sie verdienen mein vollstes Vertrauen. Sie erfassen klar meinen schrecklichen Zustand, der mit Pflästerchen nicht zu heilen ist. Ich bitte dringend, gestatten Sie, von Ihrer gereiften Einsicht Gebrauch zu machen!«

»Mein ganzes Vermögen steht Ihnen zur Verfügung, Herr Graf! Ihnen helfen und nützen zu können, würde mich ungemein beglücken.«

Als sich der Familienkreis auflöste, stieg Graf Wilhelm mit Pater Element nach dem Turmzimmer empor, wo er bis zum späten Abend weilte. In den folgenden Tagen wurde der enge Verkehr zwischen beiden fortgesetzt. Man sah den Grafen nur bei Tische, und zwar in einer Haltung, von seiner früheren Düsterheit und Lethargie sehr verschieden. Obwohl ernst und nachdenkend, zeigte er doch Aufmerksamkeit für seine Umgebung, mischte sich in die Unterhaltung, die er sogar durch anziehende Schilderungen zu würzen verstand. – Dem Schloßherrn dankte er mit warmer Empfindung für die gastliche Aufnahme.

»Ich habe diese Dankespflicht bisher unterlassen, weil ein gestörter Geisteszustand mich dieselbe nicht erkennen ließ. Mein Kopf war öde und wüst, mein Herz folterten Qualen bis zur Verzweiflung. Ich war unfähig, die Größe Ihrer edlen Freundschaft zu würdigen.«

»Reden wir nicht davon, lieber Graf! Betrachten Sie Valfort als Ihr neues Heim, das Ihnen freilich kaum mehr zu bieten vermag, als aufrichtige Herzlichkeit und die Stille des Landlebens.«

»Und dies alles verdiene ich Armseliger gar nicht. Aber Sie täuschen sich. Ihr Schloß bietet mir, was die ganze Welt nicht bieten kann: – Rettung und Seelenfrieden. Ihr Oheim ist mehr als tiefer Menschenkenner, mehr als Gelehrter, mehr als reich an Lebenserfahrung und Weisheit, – er ist ein Heiliger. Die verwickeltsten Fragen löst er mit Schärfe und Klarheit. Zweifel zerstreut er. Was mir alle Schicksalsschläge nicht einzuflößen vermochten, das verleiht die heilige Hoheit seines Wesens, der Segen seines Gebetes: – religiöses Streben. Ich war nahe daran, ein Judas zu werden, der aus Verzweiflung hingeht und sich erhängt. Klement hat mir den Strick entrissen, die Verzweiflung überwunden, mich hoffen und vertrauen gelehrt. Er hat aus dem Judas einen Petrus gemacht, der beweint und sühnen will.«

Baron Valfort, dessen Leben niemals in Zwiespalt geriet mit jenen Grundsätzen der Glaubenslehren und Sittlichkeit, die ihm anerzogen waren, hatte keine Ahnung von dem Seelenzustande Roveres. Er begriff nicht die Leiden eines Geistes, der spät zur Selbsterkenntnis gelangt, auf ein wüstes Leben zurückschaut und sich im Lichte des Glaubens von schweren Schulden belastet sieht. Ebensowenig kannte Valfort die sittlichen Verirrungen seines Freundes, den er zwar für einen Weltmann hielt, welcher aus Modesucht und vermeinter Bildung dem Zeitgeiste huldigte, der jedoch unfähig sei, die gottlosen Grundsätze einer falschen Philosophie zu leben. Nachsichtig und milde im Urteil schrieb er das gegenwärtige Benehmen Roveres auf Rechnung erschütternder Erfahrungen, die seinen Geist verwirrten. Deshalb ließ er dessen Rede unbeantwortet und hoffte für den Leidenden Heilung von der Zeit. Die Heilung kam wirklich, aber auf Wegen, die neue Überraschungen dem Schloßherrn brachten.

Der Baron pflegte jeden Morgen seinen Knechten und Arbeitern die Aufgabe des Tages zu stellen. Eben hatte er das Gesinde entlassen und rüstete sich zum Ausgange auf die Felder. Da trat Graf Rovere vor ihn in der Tracht eines Arbeiters, Haue und Spaten auf der Schulter, im Angesicht ein zufriedenes Lächeln.

»Sie staunen über mein Kostüm, bester Freund? Vernehmen Sie gütigst meine Erklärung und eine Bitte!«

Er stellte die ländlichen Werkzeuge zur Seite, ließ sich nieder und begann seine Erörterung mit einer Miene, deren Feierlichkeit von der Wichtigkeit des Gegenstandes Zeugnis gab.

»Unsere Familienchronik erzählt von meinem Ahnherrn Goswin, der vor fünfhundert Jahren lebte, er habe im Zweikampfe einen Ritter getötet. Wegen dieses Verbrechens wurde Goswin von der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen. Die Strafe verfehlte ihren Zweck, sie besserte meinen Ahnen nicht, sie verletzte seinen Stolz und trieb ihn zur Rache an dem Abte von St. Martin, welcher über den Mörder den Bann ausgesprochen. Goswin verwüstete die Klostergüter, schädigte die Mönche, wo er nur konnte, und sank immer tiefer. Da unternahm es ein frommer, mutvoller Benediktiner, in die Höhle des Löwen zu dringen, dem Missetäter in das Gewissen zu reden und ihm einen klaren Spiegel seiner Frevel vorzuhalten. Goswin, mehr roh als boshaft, erschrak vor sich selbst. Der Glaube schwang über ihm die Schrecken der Hölle, er brach vor dem zürnenden Gott in die Kniee, ging in sich und flehte um Vergebung. Den Mönchen ersetzte er allen Schaden, die Familie des erschlagenen Ritters bat er um Verzeihung und leistete Genugtuung. Gegen sich selbst verfuhr er strenge. Er gelobte, zur Sühne für seine Vergehen eigenhändig eine Kapelle zu bauen. Den Plan dazu entwarf ein Benediktiner. Unter Anleitung eines baukundigen Mönches grub er mit eigenen Händen die Fundamente. In der Absicht, die Vollendung des Sühnebaues recht weit hinauszuschieben und seine schwere Buße zu verlängern, stellte er nur zwei Maurer an. Er selbst trug Steine und Mörtel herbei, vier Jahre lang. Die Chronik berichtet, Goswins Kniee, Schultern und Hände seien mit dicker Hornhaut bedeckt worden infolge der harten Arbeiten. Goswin selbst schien die Last der Arbeit nicht empfunden zu haben, er sei frohen Mutes gewesen, – berichtet die Chronik. Das Bußwerk löschte sein drückendes Schuldbewußtsein aus, brachte ihm den verlorenen Seelenfrieden zurück und versöhnte ihn mit dem beleidigten Himmel. – – Nun, mein Freund, was halten Sie von dem Büßer Goswin?«

»Wer begangene Missetaten erkennt, bereut und sühnt, ist achtungswert,« antwortete Herr Gottfried. »Das christliche Mittelalter ist reich an solchen Erscheinungen.«

»Aber die Gegenwart, der es ein geringes ist, Gott zu verleugnen und ihrer Schandtaten sich zu rühmen, würde den Büßer nicht begreifen und verspotten. Nun, – Goswin würde den Spott des Unglaubens als weitere Sühne geduldig ertragen haben. Wohlan, – ich folgte meinem Ahnen im Freveln, ich will ihm folgen in der Buße!«

Valfort betrachtete verwundert den Grafen.

»Aber, mein Freund, Sie schwärmen! Wann hätten Sie Mord begangen oder Kirchenraub?«

»Das nicht, – aber weit schlimmeres. Seelenmord ist ärger als Leibesmord, – Tugendraub schwerer als Kirchenraub. Goswin war ein Stümper im Bösen neben mir. Er sündigte aus Rohheit in wild aufbrausender Leidenschaft, – ich sündigte mit Überlegung in böser Absicht trotz der feinen Bildung meines Zeitalters. Ich bitte, widersprechen Sie nicht, – zwingen Sie mich nicht, die Missetaten meines Lebens vor Ihnen zu enthüllen! Genug, ich bin zur Buße entschlossen, weil Vergebung ohne Buße mir dünkt wie eine Beleidigung der Gerechtigkeit. Gestern stand ich vor Gericht. Mein Ankläger war ich selber; mein Richter war Gottes Stellvertreter. Ich empfing zwar Absolution, meiner lechzenden Seele wurde Trost und neues Leben. Allein die Buße, welche der milde Beichtvater mir, dem großen Übeltäter, auferlegte, bedeutet gar nichts. Es drängt mich zur Genugtuung vor dem schwer beleidigten Gott. Hören Sie deshalb gütigst meinen Entschluß und meine Bitte! – – Sie besitzen auf der Südseite des Schloßhügels eine Bodenfläche, die sehr guten Wein hervorbringen würde, wie Ihr getreuer Knecht Franz mir sagte. Ich habe das Terrain betrachtet. Es ist mit Steinen bedeckt und muß, wie Franz behauptet, tief umgerodet werden. Gestatten Sie mir, lieber Baron, jenes Steinfeld in einen Weinberg zu verwandeln!«

Der Gutsherr bewegte widerstrebend Haupt und Hände.

»Unmöglich, mein Freund! Verlangen Sie von mir keine Bestätigung eines Unternehmens, das Ihre Kräfte übersteigt und Ihrem Stande nicht ziemt.«

»Fiele die Arbeit leicht, wo bliebe die Buße? Und wenn das Roden und Graben den stolzen Rovere demütigt und jene Glieder geißelt, welche der Sünde dienstbar gewesen, so nützt ihm das. Als überzeugungsvoller Katholik dürfen und können Sie meine Bitte nicht ablehnen.«

»Dies wohl! Fürsten und Könige sühnten und büßten, aber nicht in einer so rücksichtslosen Härte und in Zeiten, die ein Verständnis für ungewöhnliche Bußwerke hatten. Ich bitte, lieber Graf, von einem so außerordentlichen, Aufsehen erregenden Vorhaben abzustehen.«

»Halten mich die Leute für einen Sonderling, so ist ihr Urteil gar zu milde, – halten sie mich für einen Bösewicht, so geschieht mir kein Unrecht.«

»Sie haben nicht die mindesten Kenntnisse für Bodenarbeiten.«

»Sie geben mir den alten klugen Franz zum Lehrmeister. Unter seiner Leitung werde ich arbeiten.«

»Mein Gott, Graf Rovere arbeitend unter Aufsicht eines Knechtes! Nein, – es ist unmöglich!«

»Graf Rovere, der sich nicht schämte, ein Sklave wüster Leidenschaften zu sein und ein Empörer gegen Gott, büßt mit Recht durch Gehorsam gegen einen Knecht.«

Die Größe dieser Gesinnung entwaffnete den Baron. Nicht ohne Widerstreben, wie ein Gegner, dem die Fortsetzung eines Kampfes unmöglich gemacht worden, bewilligte er die Bitten Roveres.

Täglich erhob sich der Graf mit Tagesgrauen von seinem Lager, ging nach dem Steinfelde, arbeitete einige Stunden, begab sich nach dem Schlosse zum Gottesdienste, genoß ein dürftiges Frühstück und kehrte zu seinem Tagewerk zurück.

Die Erscheinung des rodenden Grafen erregte allerdings Aufsehen, aber nicht im Sinne der Geringschätzung, – im Gegenteil, das religiöse Bewußtsein verstand und würdigte das harte Bußleben. Bauern und Schloßgesinde erfüllte der sühnende Edelmann mit Hochachtung und Bewunderung. Der Christ verzeiht, weil er glaubt an Reue und Lebensbesserung, – er bewundert, weil er den bekehrten menschlichen Willen für so mächtig hält, aus einem Schurken einen Heiligen zu machen.

Auch der Schloßherr empfand täglich mehr Achtung und Bewunderung für die Strenge und Beharrlichkeit des Büßers. So oft er von den Feldern nach Hause kam, trat er zum Fenster und sah hinüber nach dem Steinlande, wo Graf Wilhelm die Haue schwang oder im Schubkarren Steine fuhr. Der Eindruck dieses Schauspieles auf den Baron verlor niemals an Lebhaftigkeit.

»Ist es denn möglich?« rief er aus. »Der stolze, prachtliebende Graf mit Schubkarren? Tätig mit Haue und Spaten? Der Philosoph Rovere, der Gesinnungsgenosse und Freund Diderots und Voltaires, ein zerknirschter Büßer? Welch ein Wechsel! Wer sollte dies für möglich halten?«

Mit ähnlichen Reden begleitete Herr Gottfried das Ausschauen nach dem Büßer und regelmäßig schloß er mit den Worten: »Barmherziger Gott, ich danke Dir recht herzlich für die Rettung meines Freundes!«

Noch innigeren Dank weihte Isabella dem Allerhöchsten. Wenn die Morgensonne über die Hügel emporstieg und in das Jungfrauengemach hineinsah, da vergoldeten ihre Strahlen die betende Isabella oder verwandelten die Freudetränen, wie Tauperlen an ihren Wimpern glänzend, in funkelnde Rubinen, – der würdige Schmuck eines Kindes, dessen Herz in Dankgefühlen gegen Gott überströmt. Nicht selten stand sie vor Sonnenaufgang am Fenster und sah den Vater zur Arbeit gehen. Im Dämmer der weichenden Nacht schritt er vor ihren Augen über den Hof, wie eine hohe Gestalt des glaubensinnigen, tugendstarken Mittelalters; denn auch sie kannte den Bericht der Chronik über Goswin. Überhaupt schien in allem, was sie umgab, ihre beste, treueste Freundin aus früheren Jahren, die Familienchronik, Fleisch und Blut angenommen zu haben. Das Mittelalter schien hier nicht gestorben, sondern lebenskräftig fortzublühen. Das alte trotzige Haus, mit seinen Gelassen, Gemächern und Einrichtungen längst vergangener Jahrhunderte, – die schlichte Einfachheit und gläubige Einfalt seiner Bewohner, – die völlige Unbekanntschaft mit raffinierten Ansprüchen moderner Gesellschaftskreise, – die Sicherheit und Regelmäßigkeit im Leben, – die Stille, der Frieden, die traute Herzlichkeit, – alles versetzte Isabella in Sphären der Empfindung, welche die Lektüre der Chronik eingeflößt. Süße Träume der Vergangenheit waren Wirklichkeit geworden. Sie hatte das Gefühl eines Menschen, der nach heftigen Stürmen in den Hafen der Ruhe und des Glückes eingelaufen.

Das Vollmaß des Glückes gewährte ihre Liebe zu dem Manne ihrer Wahl. Auch Pauls Eltern hatten zum Brautbunde den Segen gesprochen und Isabella als würdige Tochter umarmt.

Frau Salome, deren zartbesaitete Weiblichkeit Isabellas ungewöhnliche Vorzüge mehr fühlte, als erkannte, umfing mit der Liebe einer Mutter die jugendliche Gräfin. Und Isabella, von der sanften Güte und lauteren Herzlichkeit Salomes angezogen, schmiegte sich mit kindlicher Hingebung an die Schloßfrau, deren kluge Tätigkeit und häusliche Umsicht sie bewunderte.

»Meine liebe Mutter,« bat sie schon in den ersten Tagen, »geben Sie mir gütigst Anleitung im Hauswesen. Ich habe nur unnütze Dinge gelernt, die nicht einmal befähigen, eine gute Suppe zu kochen. Betrachten Sie mich als Ihr Kind, mit dem Sie ganz von vorn anfangen müssen. Ich habe guten Willen und das lebhafte Streben, Ihnen ähnlich zu werden.«

»Gerne willfahre ich Deinem Wunsche, der mich erfreut, meine Tochter! Da man in der Vendee einfach lebt und seine Lebensaufgabe nicht im Luxus und im Vergnügen findet, sondern in Erfüllung der Berufspflichten, so entspricht Dein Begehren zugleich den Lebenskreisen, in welche Du eintreten wirst. Glaube mir, liebes Kind, nichts macht den Menschen zufriedener als das Bewußtsein, in der Familie, und folglich in der menschlichen Gesellschaft, durch Arbeit sich nützlich zu machen, einem Berufe zu genügen. Während Luxus, Putz, Lustbarkeiten und ähnliche Dinge keine Lebensaufgabe bilden können, deshalb ermüden und Langeweile erregen, erfüllt Arbeit mit wahrer Freude und erhebt das Gemüt.«

»Das ist sehr wahr!« entgegnete Isabella, der geräuschvollen Tage von Rovere und ihrer öden Stimmung gedenkend.

So kam die Gräfin des Morgens in die Küche an den Herd, des Nachmittags an den Nähtisch, – eine fast ebenso merkwürdige Erscheinung, wie Graf Rovere mit Haue und Spaten auf dem Steinfelde.

Und Salomes Zögling begriff alles mit seltener Schnelligkeit, hatte für das Häusliche ein rasches Erfassen und kluges Verständnis, erlernte das Kochen im Fluge und zeigte für praktische Handgriffe des Hauswesens ungewöhnliches Geschick. Vielleicht wirkte auch hier das meiste jene Macht, welche aus der ungläubigen Philosophin eine lernbegierige Schülerin des alten Pfarrers Longuet von Nod gemacht hatte, nämlich die Liebe zu Paul, dem sie in der Häuslichkeit die Mutter zu ersetzen strebte.

Paul war einige Tage abwesend gewesen. Bei seiner Rückkehr fand ihn Isabella sehr ernst, fast gedrückt. Diese Wahrnehmung beunruhigte sie nicht wenig. Nur Dinge von großer Wichtigkeit, vielleicht nahende Gefahren, lauerndes Unheil, konnten den jungen Mann in solchem Grade verstimmen. Hiedurch wurde das Edelfräulein plötzlich an die erschütternde Tatsache erinnert, in dem revolutionären Frankreich zu leben, unter der Herrschaft des Schreckens und der Guillotine, – in Verhältnissen, die einen jähen Sturm über die Vendee und Vernichtung dem jungen Glücke bringen konnten. Da Paul, ohne Zweifel aus liebevoller Schonung, ihr keine Mitteilungen machte, so beschloß sie, ihn zu fragen. Hiezu ergab sich am folgenden Morgen eine schickliche Gelegenheit.

Nach dem Gottesdienste erwartete und begrüßte der Baron seine Braut und geleitete sie nach dem Garten. Innige Liebe strahlte ihm zwar aus den Augen, und jede Linie des Gesichtes verkündete sein Glück. Dennoch erkannte Isabellas Scharfblick, daß er heute im Schatten einer drohenden Wetterwolke wandle.

»Darf ich fragen, mein Paul, was Deine Abwesenheit veranlaßte?«

»Darüber wollte ich mit Dir sprechen,« antwortete er zögernd und mit Überwindung. »Du kennst den Zweck meiner Reise nach Paris und die Verbindlichkeiten, die ich für den Frieden übernahm. Da sich die republikanische Regierung bereit erklärt, Gewissensfreiheit und Ausübung des religiösen Kultus zu gestatten, so hoffte ich, die Führer des Aufstandes zur Einstellung der Feindseligkeiten bewegen zu können. Meine Hoffnung erscheint nichtig und eitel. Vetter Laroche, den ich gerade noch vor seiner Abreise zu Hause traf, versicherte, bei den siegreichen Waffenerfolgen und der kriegerischen Stimmung der Vendee sei an Frieden nicht zu denken. Es stünden höchst wichtige, für ganz Frankreich entscheidende Beschlüsse bevor. Auf nächsten Mittwoch kämen sämtliche Führer in Cholet zusammen. Der heldenmütige Catelinau werde zum Obergeneral gewählt, unter dessen Leitung ein kühner und folgenschwerer Kriegsplan zur Ausführung käme. Worin der Plan bestehe, verschwieg mein Vetter, da ihm sein Ehrenwort den Mund schließe. – Sohin bleibt mir nichts übrig, als bei einer Versammlung zu erscheinen, zu der ich nicht eingeladen wurde, um für einen ehrenvollen Friedensschluß nach bestem Vermögen zu wirken.«

»Empfinde wegen der unterlassenen Einladung keine Kränkung, mein Paul! Die Führer glaubten Dich noch in Paris. Sie hielten ohnehin eine besondere Einladung für überflüssig, weil Dein mögliches Erscheinen bei der Zusammenkunft schon deshalb selbstverständlich ist, um über die Erfolge Deiner Sendung zu berichten.«

»Ein Übersehen des Schicklichen bedeutet nichts gegen anderes, was mir die Seele belastet,« sprach er finster. »Man verfuhr grausam gegen gefangene Republikaner. Man band die Schlachtopfer in Reihen zusammen, nannte diese Kette einen »Rosenkranz« und schoß die Wehrlosen nieder. Unchristlich ist das und schändet das katholische Banner der Vendee! Allerdings fordern die Schandtaten und Metzeleien, welche die Republikaner an Frauen, Kindern und wehrlosen Bewohnern verübten, zur Vergeltung heraus. Dennoch ist den Katholiken ein so unmenschliches Verfahren niemals gestattet.« Mem. de Md. La Rochejaquelein, p. 480.

»Der Krieg verwildert die Gemüter und treibt zu blutigem Frevel. Möchte es Deinem Bemühen gelingen, die Häupter für den Frieden zu stimmen. – Wann reisest Du?«

»Morgen, – abermals Trennung von meiner Isabella!«

»Nur körperliche Trennung, mein Paul! In Gedanken weile ich stets bei Dir, Geliebter! Mein Geist folgt Dir und mein Herz ersehnt Dich.«

Allein diese Zärtlichkeit der Braut, welche in blendender Schönheit vor ihm stand, machte das Scheiden nicht leichter, den Blick in eine schicksalsschwere Zukunft nicht tröstlicher. Er wandte sich ab und schritt leise stöhnend weiter.

»Den Krieg fortsetzen, während man einen ehrenvollen Frieden haben könnte, – sehr töricht und gar nicht christlich!« sprach er im Tone der Bitterkeit. »Nebenbei auch vermessen; denn wandelbar ist das Schlachtenglück. Siegen die Republikaner, – was wird aus der Vendee? Eine Wüste. Rache für die Niederlagen, Rache für die Rosenkränze. Haß und Jakobinerwut werden die Vendee mit Ruinen und Greueln bedecken. Bei so furchtbaren Möglichkeiten dennoch einen Frieden ablehnen, der uns Religionsfreiheit gewährt? Es ist empörend! Ich begreife die Führer nicht,« fuhr er in wachsender Aufregung fort. »Wie, – sollten sie etwa angesteckt worden sein von der Blutgier jakobinischer Mordwut? Erzeugten etwa die errungenen Siege allerlei phantastische Pläne? Ei, Beschlüsse sollen gefaßt werden, entscheidend für ganz Frankreich, – klingt das nicht wunderlich? Wie können sich Männer lächerlich machen, deren kühner Mut für eine heilige Sache alles Lob verdient?«

Er hatte mit steigender Heftigkeit gesprochen, sodaß David, welcher im Garten Ziersträucher beschnitt, die Arbeit einstellte und durch die Zweige nach dem Baron hinüberspähte, dessen Angesicht glühte vor Entrüstung.

Fast betroffen gewahrte Isabella diesen plötzlichen und leidenschaftlichen Ausbruch. Ohne Frage war der Gegenstand von größter Wichtigkeit und starker Unwille gerechtfertigt, dennoch aber Pauls Benehmen nicht ganz angemessen. Hatte ihn ja auflodernder Zorn dermaßen ergriffen, daß er mit heftigen Schritten dahinfuhr und die Gegenwart seiner Braut vergessen zu haben schien. Wie leise Kränkung berührte Isabella dieses Benehmen und zwar deshalb, weil sie den Bräutigam mit Vollkommenheiten ohne Schwächen ausstattete. Sie gewahrte den Irrtum nicht ohne Betrübnis. Sogleich aber sollte ihr eine nähere Erklärung über Pauls Verhalten werden, welche sie vollständig versöhnte.

»Doch nein, – ich bin ein Egoist!« fuhr er fort. »Laroche, Catelinau, d'Elbee, Bonchamps und meine übrigen Waffengefährten sind jeder Torheit und folgenschwerer Mißgriffe unfähig. Ihr Verfahren entspringt jedenfalls zwingenden Gründen. Können sie Rücksicht nehmen auf mich, der Frieden wünscht, weil nur der Friede mein persönliches Glück krönen wird? Was hat die große heilige Sache der Heimat zu schaffen mit meinen Herzensangelegenheiten? Seht da den Egoisten!«

»Ich finde keinen Egoismus in Deiner Gesinnung.«

»Dennoch ist mein Herz egoistisch. Ja, die Liebe verleidet mir den Kampf, weil er mit Dir, dem Kleinod meines Herzens und meines Lebens, die Vermählung hindert. Darf ich heute den Trauring meiner Gattin anstecken und morgen vielleicht schon eine Witwe zurücklassen? Verhaßter Krieg!«

Sie beugte das Haupt lächelnd, errötend und erbleichend. In grausiger Gestalt erhoben sich plötzlich vor ihren Augen die möglichen Folgen des Krieges. Sie blickte auf Ruinen und Leichen, auf Pauls entstellten Leib, auf den Untergang ihres Lebensglückes. Jähes Entsetzen erfaßte sie und ihre hochherzige Liebe rang mit emporsteigenden Schrecken. Weit entfernt, ihre wirklichen Empfindungen zu verraten, zwang sie die bebenden Glieder zur Ruhe, in das Angesicht heitere Unbefangenheit und bemühte sich, dem Bräutigam Zuversicht einzuflößen für die Zukunft. Dies schien zu gelingen. Von Pauls Stirne schwand das dunkle Gewölk. Er schalt sich einen verwöhnten Glückspilz, der vom Leben nur Zuckerbrot und Honig verlange. Isabella entging jedoch nicht, daß Pauls heitere Laune eine angenommene sei, ganz nach denselben Beweggründen, welche sie selbst bestimmten, die Gefühle des Schreckens mit Unbefangenheit zu maskieren.

»Wie immer die Verhältnisse sich gestalten mögen, rufen Pflicht und Ehre zum Kampfe, – ich wäre keine Rovere und Deiner unwürdig, durch Tränen und weibisches Klagen Deine Teilnahme an dem zweifellosen Siege einer heiligen Sache zu erschweren.«

Diesmal hatte ihr Feingefühl das richtige getroffen.

»Ich danke Dir, meine Isabella!« rief er entzückt. »Deine hochsinnige und erleuchtete Liebe erinnert mich, wie nahe ich daran war, ein sentimentaler Schwächling zu werden.«

David, der seine Torschlüssel mit Gärtnerwerkzeugen, seinen langen Rock mit einer bequemen Jacke und die hohe Filzmütze mit einem Strohhut vertauscht hatte, trat grüßend in die Laube. Er stellte einen Korb mit Blumen und grünen Zweigen auf den Tisch.

»Dies hätten wir beinahe vergessen, – ich danke Ihnen, guter David!« sagte Isabella, Schere und Bindfaden aus der Tischlade nehmend.

»Unser David ist die leibhaftige Fürsorge und Regelmäßigkeit,« rühmte der Baron. »Beide aber stellt seine treue Anhänglichkeit noch in Schatten.«

»Meine Tagesaufgabe ist so unbedeutend, gnädiger Herr, daß ich unmöglich einen Teil davon vergessen kann, und meine Treue müßte wenigstens ein geringes Entgelt für unser gegenwärtiges Glück sein, wenn sie außerdem nicht selbstverständlich wäre,« sagte bescheiden Gärtner David, indem er sich mit einer Verbeugung zurückzog.

Isabella beschäftigten Blumen und Zweige. Sie wand auf Karls Grab, dessen Leiche in der Schloßkapelle beigesetzt war, einen dicken Kranz. Jeden Morgen pflegte sie mit frischen Blumen und Gewinden die Gruft des Toten zu schmücken, eine Aufmerksamkeit, welche sie in den Augen der trauernden Mutter noch schätzenswerter machte.

Paul nahm aus der Wandnische eine Vase, füllte sie aus dem nahen Brunnen mit Wasser und stellte zwei duftende Lilien hinein.

»Der Typus meines lieben Karl!« sprach er nicht ohne Wehmut. »Rein war seine Seele, duftend und weiß, wie diese Lilien.«

»Er war Dein Bruder,« sprach sie leise.

»Den Karls Heimweh nach dem Jenseits nicht erfüllt, am wenigsten in der Nähe seiner Isabella.«

»Die mit ihrem Paul der gemeinsamen Heimat ewiger Jugend und Wonne entgegenstrebt.«

Die Kränze waren gewunden.

Sie gingen nach der Kapelle, welche in den östlichen Turm hineingebaut war und deren Chor aus demselben einige Meter hervorsprang. Das Heiligtum war sehr alt, ein Werk des dreizehnten Jahrhunderts. Die Spitzbogenfenster hatten runde gemalte Scheiben, deren Farben die einfallenden Lichtstrahlen milderten und das Innere mit einem lieblichen, zur Betrachtung anregenden Dämmer erfüllten. Um die Wände liefen hohe Grabsteine, die Ruhestätten des alten Freiherrngeschlechtes bezeichnend. Männer und Frauen standen in Lebensgröße auf den Steinen, kräftige Gestalten in Wehr und Rüstung, oder in faltenreichen Gewändern, das Haupt mit Schleiern umwickelt. Zu den Füßen der Gewappneten ruhte fast regelmäßig ein Löwe, das Sinnbild kühnen Mutes und ritterlicher Tapferkeit. Zu den Füßen der Frauen lagen Hündlein, Sinnbilder weiblicher Treue. Die Umschriften waren einfach. Sie enthielten Namen, Alter und Todestag der Bestatteten und schlossen regelmäßig mit den Worten: » Requiescat in pace. Amen.« Da jedoch im Laufe der Jahrhunderte nicht alle Verstorbenen des Geschlechtes neue Gräber erhalten konnten, so wurden die ältesten Grüfte geöffnet, um die entseelten Hüllen der Späteren aufzunehmen. So gelangte Karls Leiche in ein Grab, das ursprünglich einem Kinde des fünfzehnten Jahrhunderts angehörte. Das Kind kniete in Lebensgröße und in der Tracht seiner Zeit auf dem Stein, einen Rosenkranz um die gefalteten Hände. Über seinem Haupte standen auf gezierter, mit Familienwappen umgebener Tafel die Worte:

»Als ich ward alt nit gar drei Jahr,
Fuhr ich hin zur Engelschaar.
Euch Allen wünsch' ich gleiche Fart,
Mit Freud' daselbst ich Euer wart.«

Am Fuße dieses Grabsteines war eine frische Inschrift eingemeißelt mit Karls Namen, Alter und Todestag.

Isabella legte den Kranz vor der Gruft nieder. Paul stellte die Vase mit den Lilien dazu.

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.