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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 36
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Gerettet.

In derselben Stunde stand Robespierre vor einem Spiegel und ordnete, als säuberlicher Mensch, seine Hemdekrause. Dabei lächelte sein Mund und seine Augen glitzerten schmeichelnd wie Katzenaugen. Er hielt die Fingerspitzen an die Lippen, hüstelte und grinste, wie ein schadenfrohes Teufelchen, das einen hübschen Streich ausgedacht.

»Es wird ihn über alle Maßen ärgern, – ihn wütend, rasend machen!« sagte er, immer noch mit der Hemdekrause beschäftigt. »Staubaufwirbler gibt es ja immer, – meint Danton. Da er sich jederzeit im Besitze von starken Wassergüssen befindet, wie er sagt, so wird es dem großen Danton leicht sein, auch diesen aufgewirbelten Staub in Kot zu verwandeln. Warte, – Du sollst mich kennen lernen! Nicht einen verächtlichen Staubaufwirbler sollst Du an mir finden, sondern einen, der Kot in Staub zertritt. – – Könnte ich ihn doch brüllen hören und an seiner Raserei mich ergötzen, wenn er den Käfig leer findet, den hübschen Vogel ausgeflogen! – Dies nebenbei für den Staubaufwirbler! – – Ein so gewaltiger Riese wie Danton, den heißes Blut, unersättliche Weiberliebe zum Schwächling und Einbildung zum Narren machen, sollte nicht einmal den Stachel einer Fliege herausfordern, – am wenigsten die Tatze des Löwen Robespierre mit spitzigen Worten kitzeln.«

Die Hemdekrause war geordnet, das Haar mit dem Zöpflein, der blaue Frack, die Falten des freundlichen Gesichtes, alles in bester Ordnung. Er verließ das Zimmer, stieg eine Treppe höher und klopfte bescheiden an Valforts Türe.

»Entschuldigen Sie gütigst meinen frühen Besuch,« begann Robespierre, nachdem er sich niedergelassen. »Ich bin in der angenehmen Lage, mein Versprechen von gestern erfüllen zu können. Alles erledigt. Heute Nachmittag können Sie abreisen.«

»Dank, mein Herr, besten Dank!« rief froh der Baron. »Nur mit Überwindung und in dem Bewußtsein, einer schweren Pflicht zu genügen, konnte ich meinen Aufenthalt in Paris verlängern.«

»Das in seinem gegenwärtigen chaotischen Zustande nicht gefiel, – ich begreife, mein Freund! Hoffen wir belebenden Sonnenschein nach Sturm und Wetterschlägen. Den blutigen Bürgerkrieg in der Vendee beigelegt zu sehen ist für mich ein höchst erfreuliches und erhebendes Ereignis. Ich hoffe, die übrigen Führer des Aufstandes werden Ihre Friedensliebe und Geneigtheit teilen, die Vorschläge des Konvents anzunehmen.«

»Zweifeln Sie nicht daran,« versetzte Paul. »Die zugesicherte Gewissensfreiheit, die ungestörte Ausübung der Religion, geben die Männer der Vendee ihrem ländlichen Berufe zurück.«

»Gallois wird Sie, als Kommissär des Konventes, bis nach Nantes begleiten,« erklärte der Diktator. »In Nantes wird er so lange warten, bis Sie mit den Häuptern des Aufstandes sich besprochen und einen geeigneten Ort für die Zusammenkunft bestimmt haben. Das Konventsmitglied Carriere wird als zweiter Bevollmächtigter der Regierung eintreffen und den Friedensschluß unterzeichnen.«

»An günstigen Erfolgen unserer Bemühungen zweifle ich nicht,« sagte Paul. »Also – heute Nachmittag reisen wir?«

»Der Wagen ist bereits bestellt,« antwortete Robespierre, in sein Taschentuch hüstelnd. »Erlauben Sie gütigst, eine andere Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen. – Sie erinnern sich vielleicht noch des Grafen Wilhelm Rovere?«

»Gewiß! Haben Sie Nachricht von ihm?« frug rasch der Baron.

»Leider traurige Nachricht! Denken Sie, Henry, des Grafen Sohn, verklagte seinen Vater, der emigriert und zurückgekehrt war, vor dem Revolutionskomitee in Limoges. Der Angeklagte wurde hierher transportiert und diesen Morgen, infolge des Zeugnisses seines Sohnes, zum Tode verurteilt. Der Kopf des Unglücklichen wird bereits gefallen sein.«

Der Baron fuhr empört vom Sitze.

»Das ist ja entsetzlich!« rief er. »Ein Sohn mordet den Vater, – welche Untat!«

»Ich teile Ihre Entrüstung, mein Freund!« heuchelte der andere.

Bevor noch Robespierre ausgesprochen, verwandelte sich Pauls Zorn in Bestürzung. Er stand bleich, fuhr mit der Hand nach der Stirne, während namenlose Angst in seinen Zügen sich malte.

»Und des Grafen Tochter, Isabella?« frug er bange.

»Über das Fräulein wollte ich eben mit Ihnen reden. Isabella kam mit ihrem Bruder hierher, in der Absicht, den Vater zu retten. Ihr Bemühen mißlang. Dagegen hat die ungewöhnliche Schönheit des Mädchens die Leidenschaft eines sehr einflußreichen und gewalttätigen Mannes entzündet. Schutzlos, ohne mächtige Freunde, schwebt Isabella in steter Gefahr, das Opfer einer wilden Leidenschaft zu werden. Ich selbst kann leider nichts tun, – aus politischer Klugheit, jenem einflußreichen Manne gegenüber.«

Die Wirkung dieser Worte auf Paul war unbeschreiblich. Er wurde, Robespierres Rede athemlos folgend, in raschem Wechsel bleich und glühend rot. Seine Glieder bebten und die Spannung der Augen war so gewaltsam, als müßten sie aus den Höhlen springen. Jetzt schnellte er empor wie ein Rasender.

»Isabella hier, – der Ruchlosigkeit eines Ungeheuers preisgegeben?« rief er außer sich. »Ich beschwöre Sie, – reden Sie! Wie, – wo, – kann ich dem Anschlag eines Teufels begegnen?«

Eine so günstige, alles versprechende Aufnahme seiner Rache an Danton hatte Robespierre nicht erwartet.

»Ruhe, mein Freund! Fassung, wenn ich bitten darf! Wir müssen überlegend handeln. Das blinde Stürmen einer edlen Entrüstung könnte hier alles verderben, nichts helfen. Wollen Sie gefälligst niedersitzen, mich anhören!«

»Ich höre, – o ich höre! Hier sitze ich, auf glühenden Kohlen, – sprechen Sie!«

»Ich forschte nach Isabellas Aufenthalt und erfuhr denselben erst vor zehn Minuten. Wären Sie geneigt, der Schutzlosen sich anzunehmen?«

»Welche Frage! Leib und Leben für die Bedrohte! Wo befindet sich Isabella?«

»Im Hotel ›Zur Gleichheit!‹«

Wieder sprang der Baron vom Sitze.

»Pierre!« rief er durch die Seitentüre. »Pierre, geschwind einen Wagen! Flugs, fort Mensch! Du bist noch da? Einen Wagen!«

»Halt!« gebot Robespierre, dem verdutzten Pierre den Weg vertretend. »Den Wagen will ich viel rascher besorgen. Mein Freund!« wandte er sich an Paul, »wenn Sie das Fräulein als Reisebegleiterin annehmen wollten, so würde es jeder Gefahr entrückt.«

»Mein Herr, Sie machen mich toll!« rief der Baron. »Ob ich meine Braut retten will? Ha, – ha!«

»Ihre Braut?« versetzte Robespierre überrascht. »Ei, – dies konnte ich ja nicht wissen! Alles im Reinen. Der Wagen soll gleich zur Stelle sein.«

Eilig verschwand der Diktator.

Paul fuhr durch das Zimmer wie ein Sinnloser.

»Gnaden, – was gibts denn?« frug der betroffene Pierre. »Ist ein großes Unglück passiert?«

»Beinahe, – auf ein Haar! Ein Unglück, ich sage Dir, wie es nur der oberste der Teufel fertig bringen kann. Isabella, – oh – meine Ahnungen! Habe ich Dir nicht gesagt, sie rufe mir? Ich höre ihre Stimme? Ist der Wagen noch nicht da? Himmel und Erde, wenn ich zu spät käme!«

Er riß das Fenster auf und spähte nach der Kutsche.

»Gnaden, ich bitte, haben Sie Geduld! Der Wagen wird gleich da sein.«

»Gleich? Was ist gleich? Eine Ewigkeit, wenn an einem Augenblick das Höchste hängt.«

»Wenn ich doch nur wüßte, was vorgefallen!« klagte der bestürzte Pierre.

»Du weißt es nicht? Ich meine, die ganze Welt müßte das wissen. Isabella ist hier, – meine Braut hier, in Paris!«

»Welche Freude, welches Glück!« frohlockte Pierre. »Nun begreife ich die Ungeduld Eurer Gnaden. Wo wohnt die gnädige Gräfin?«

»Im Hotel ›Zur Gleichheit‹, – in einer Räuberhöhle, – auf einer Pulvertonne, die jeden Augenblick in die Luft fliegen kann. O Himmel, – der Wagen!«

»Eben kommt er!« meldete Pierre.

Der Baron stürmte hinab, hinter ihm Pierre mit seines Herrn vergessenem Hute.

»Nach dem Hotel ›Zur Gleichheit‹, – so schnell als Deine Pferde laufen können,« gebot Valfort dem Kutscher.

Der Wagen rollte durch die Gassen.

»Gnaden, ich muß Ihnen eine höchst wichtige Mitteilung machen,« hob Pierre mit ängstlicher Miene an. »Von meiner Mitteilung hängt vielleicht das Leben des edlen Fräuleins ab.«

»Was meinst Du?«

»Wenn Eure Gnaden so unverhofft, so plötzlich vor die Gräfin treten, so könnte sie des Todes sein vor freudigem Schrecken. Man hat Beispiele.«

»Du hast recht, – sehr wahr! Aber mein Kopf ist wirr, mein Verstand steht stille, weil ein Gedanke, eine entsetzliche Möglichkeit, alles übrige verschlungen hat. Denke für mich. Was ist zu tun?«

»Hab' mir die Sache überlegt und meine so! Ich gehe Eurer Gnaden voraus und bringe dem edlen Fräulein Grüße von Ihnen. Allgemach lass' ich sie merken, daß mein Baron nicht weit von hier ist, – daß er sogar nahe, – und später, daß er ganz nahe sei. Eure Gnaden steht draußen im Gang vor der Türe und lauscht. Sie werden aus den Reden Isabellas schon selber herausfinden, wann es ratsam ist, hervorzutreten.«

»Sehr gut, mein Kluger! Ich stehe vor der Türe, mithin ist jede Gefahr beseitigt; denn kein Ungeheuer soll die Schwelle überschreiten, sobald ich dieselbe hüte. Vorsichtig, Pierre, nur vorsichtig! Schon Dein Anblick wird sie freudig überraschen. Nur ganz sacht und allmählich verrate meine Nähe.«

Der Wagen hielt vor dem Hotel.

»Du erwartest meine Rückkehr,« sagte Paul dem Kutscher.

Graf Wilhelm war vom Justizpalaste nach Isabellas Wohnung gerannt. Als ihm seine Tochter gegenübertrat, breitete er die Arme aus und drückte sie an seine Brust.

»O mein Vater, – welches Glück, Sie sind gerettet!«

Da veränderte sich seine Haltung. Schmerz und Schrecken verdüsterten sein Gesicht. Mit abwehrender Handbewegung wich er zurück.

»Hinweg, – hinweg!« sprach er leise. »Henry fordert meinen Kopf, – den Kopf seines Vaters! Fort, – fort – zur Guillotine!«

Er tat einen Schritt nach der Türe und wankte. Die furchtbaren Gemütsstürme hatten seine Kräfte völlig erschöpft. Während Isabella augenblicklich betroffen stand, griff David dem Wankenden unter die Arme und geleitete ihn nach dem Sessel. Die Gräfin kniete vor ihm nieder, sah den geisteswirren Blick, ergriff die väterliche Hand und bedeckte sie mit Küssen.

»Mein Vater, mein herzlieber Vater, was fehlt Ihnen?«

»Müde bin ich, – ganz und gar müde! Henry soll warten. Jetzt nicht, – später meinen Kopf.«

Sein Haupt sank zurück, die Augen schlossen sich.

David winkte die Gräfin zur Seite.

»Ich werde Ihnen alles erzählen. Schreckliches geschah. Vor allen Dingen müssen wir den gemarterten Vater zu Bette bringen. Der Schlaf wird sein bester Arzt sein.«

In ängstlichen Sorgen trat sie vor den Regungslosen.

»Mein Vater, dürfen wir Sie zu Bette bringen?«

Er öffnete die schweren Lider. Isabella wiederholte die Worte.

»Ja, – zu Bette!« hauchte er und hob wie ein hilfloses Kind die Arme.

Nicht ohne Mühe brachten sie ihn zum Lager des Nebenzimmers, wo er sofort in tiefen Schlaf versank. Isabella zog leise hinter sich die Türe in das Schloß.

»Sprechen Sie, David, was geschah?«

»Grausiges! Am liebsten möchte ich schweigen; aber Sie müssen alles erfahren.«

Er berichtete Henrys belauschten Plan zum Vatermord und die Vorgänge im Gerichtssaale. Auch die Bemühungen Gilberts zur Rettung des Angeklagten und dessen Rachsucht gegen Henry berührte er. Isabella machte wiederholt Bewegungen des Entsetzens.

»Nun wird der Kopf des Frevlers gefallen sein,« schloß David. »Der erste Teil des ruchlosen Planes mißlang, möchte auch der zweite Teil mißlingen.«

»Welch ein Bösewicht!« sprach sie leise, Schrecken und Abscheu in den Zügen. »Vatermörder, – gräßlich! Und er starb in seinem Frevelsinn, – wie schauderhaft!«

»Reden wir von dem Menschen nicht weiter. Gott hat gewaltet und gerichtet,« sprach ernst der Torwächter. »Vernehmen Sie den zweiten Teil eines Schurkenplanes. Ich habe Ihnen noch zu enthüllen, was nicht geringer ist an Bosheit und Teufelhaftigkeit. Ich muß gnädige Gräfin bitten, alle Kraft zu sammeln, um das Häßlichste ertragen zu können. Weiß Gott, die Zunge mir abzubeißen, fiele leichter, als Ihnen zu sagen, was Sie absolut wissen müssen.«

»Reden Sie, David! Was könnte nach dem Schrecklichsten noch schrecklicher sein?«

»Der Elende hat nicht allein den Vater morden, sondern auch die Schwester ausliefern wollen an Schande und Entehrung,« fuhr David fort, indem er den Entführungsplan enthüllte. »Also morgen wird der Bube Danton sein Teufelswerk auszuführen trachten,« schloß der Torwächter.

Isabella verhüllte mit beiden Händen das Gesicht und zitterte heftig.

»Mut, Gnädigste, keine Furcht! Wir gehen dem Buben Danton aus dem Wege. Sogleich nach Tisch verlassen wir dieses Haus.«

»Wohin?« frug sie bange.

»Vorläufig in ein anderes Hotel, bis ich einen Reisepaß durch Gilbert erlangt habe.«

»In ein anderes Hotel? O Gott! Wird uns Danton nicht bald entdeckt haben?«

»Wir nehmen falsche Namen an,« versetzte David. »Gott half bisher, – vertrauen wir ihm; seine Barmherzigkeit wird weiter helfen.«

Es klopfte an die Türe. Beide schraken zusammen. Das Klopfen wiederholte sich. David schlich an die Türe und lauschte. Er vernahm höchst verdächtiges Geflüster und dachte an Danton, welcher Henrys Schicksal erfahren und seinen Bubenstreich früher auszuführen unternommen haben mochte. Der Angstschweiß stand in dicken Tropfen auf der Stirne des Torwächters.

Wieder klopfte es, stärker, zudringlicher.

»Wer ist draußen?« frug David.

»Pierre aus Valfort!« antwortete eine Stimme.

Der Torwächter fuhr zurück und machte eine Bewegung des Unglaublichen. Sein Gehör mußte ihn getäuscht haben.

»Sag's nochmals!« frug er mit lauter Stimme. »Wer bist Du?«

»Herrgott, – David, – Herzensbruder, – mach' auf, – Deinem Pierre mach' auf!«

Der Torwächter stieß einen Schrei aus. Im nächsten Augenblick lagen sich die beiden Freunde in den Armen.

»Mein Pierre, – mein David!« riefen trunkene Stimmen, und auch das Benehmen der beiden war nicht das Benehmen verständiger Leute. Sie lösten flüchtig die Umarmung, betrachteten sich lachend und jauchzend und wieder begann das Umhalsen und Küssen.

»Pierre, Herzensbruder, – bist Du's wirklich?«

»Mein David, in Paris? Träumt mir? Ha – ha, – ich will den Traum festhalten!«

Das Herantreten der Gräfin ernüchterte einigermaßen die Freudeberauschten.

»Ah, – Verzeihung, Gnädigste, – ich bin toll!« sagte Pierre, sich verbeugend. »Wenn man so unvermutet in die Arme seines besten Freundes fällt, da vergißt man sogar den schuldigen Respekt. Pardon, Gnädigste, – und viele Grüße von meinem edlen Herrn.«

Das Angesicht der Gräfin erhellte ein lichter Schein.

»Tausend Dank, guter Pierre! Grüße von Ihrem Herrn, – ein Bote des Himmels sind Sie mir. Wie geht es ihm?«

»Ich danke der Nachfrage, Gnädigste! Im allgemeinen ginge es meinem Baron gerade nicht schlecht,« antwortete er zögernd.

»Sie erschrecken mich, Pierre! Was ist geschehen? Reden Sie! Er wird doch nicht, – mein Gott!«

»Was meinen Sie, Gnädigste?«

»Geriet er in Gefangenschaft und wurde hieher geschleppt?«

»Bitte, – bitte, – mein Baron gerät niemals in Gefangenschaft! So etwas ist ja gar nicht möglich; denn mein Baron nimmt keinen Pardon und gibt keinen, wenn's so weit kommen sollte.«

»Sie sagten doch, es gehe ihm schlecht?«

»Ein Mißverständnis, edle Gräfin! Wollte sagen, im allgemeinen ginge es ihm gerade nicht schlecht, wenn es im besonderen gut ginge.«

»Was heißt dies? Sie quälen mich, Pierre! Was Ihren Herrn anbelangt, den ich überaus hochschätze und bewundere, bin ich sehr ängstlich. Sprechen Sie aufrichtig. Welches besondere Leiden tut ihm Unrecht?«

»Das ist ausgezeichnet gesagt: – welches besondere Leiden tut ihm Unrecht! Aber, mit Verlaub, Gnädigste, – wenn gerade Sie das besondere Leiden wären?«

»Wie könnte dies möglich sein?«

»Erschrecken Sie nicht, edles Fräulein! Dennoch ist es so! Meinen Baron drückt beständig ein großer Kummer, ein schweres Herzeleid, weil er unablässig fürchtet, Ihnen möchte irgend ein Unglück zustoßen. Mein Gott, wenn ich daran denke, – wie sah er aus, wie sank er zusammen, als die Briefe von Rovere ausblieben! Als ihn die Angst quälte, die Revolutionäre hätten Ihnen einen Schimpf angetan! Mein armer Herr war nur mehr ein Schatten. David wird Ihnen erzählt haben. – Sehen Sie, gnädige Gräfin, das ist das besondere, welches schlimm steht! Könnte dieses besondere richtig gestellt werden, mein Baron wäre der glücklichste Mensch von der Welt.«

»Wie könnte man dieses Besondere richtig stellen, Pierre?« frug sie, ein wonniges Lächeln in den Zügen.

»Wenn es Eurer Gnaden gefallen wollte, nach Valfort zu kommen, damit sich mein Baron von Ihrem Wohlbefinden stets überzeugen könnte.«

»O Pierre, welche Hoffnungen wecken Sie! Hätte ich Schwingen, die zum Himmel tragen, – ich flöge dennoch zu ihm.«

»Gerade so denkt mein Baron. Seine Freude, Eure Gnaden zu sehen, würde sich weder beschreiben, noch erzählen lassen, weil es dazu nicht Buchstaben und Worte genug gibt.«

»Ach, – ihn sehen, den edlen, einzigen Mann, – ihn hören, sprechen, – welche Wonne! Pierre, glauben Sie, daß mir ein solches Glück beschert sein könne?«

»Allerdings glaube ich es. Mein Baron kommt sicher.«

»Wann?«

»Nun, – morgen, – vielleicht heute noch.«

»Pierre, Sie versprechen Unendliches, – es ist ja gar nicht möglich!«

»So wahr ich lebe, Gnädigste! Höchst wahrscheinlich kommt heute noch mein Baron.«

»O Gott, – wie ist mir!« stieß sie hervor, beide Hände auf die Brust legend. »Mein Herz bebt, – hüpft, – springt, – jauchzt, – heute noch!«

»Das heißt, wenn ihm kein Übel begegnet,« ergänzte Pierre, in kluger Vorsicht den Gemütssturm der heftig Erregten mäßigend. »Unfälle sind ja heute an der Tagesordnung. Und dann, gnädige Gräfin, möchte die Ankunft meines Herrn von schlimmen Folgen sein. Wenn schon die bloße Meldung seiner Ankunft Sie dermaßen erschüttert, was könnte geschehen, wenn er plötzlich da zur Türe herein käme?«

»Pierre hat Recht!« sagte David. »Ungezügelte Freude kann ebenso verderblich wirken wie plötzliches Unglück. Denken Gnädigste an den Herrn Vater.«

Ihr Haupt nickte bestätigend.

»Wahr, – sehr wahr! Ein Freudetaumel, ein Wonnesturm war's. Nun ist's vorüber. Sehen Sie, Pierre, ich bin ruhig, gefaßt! Stark genug bin ich, in diesem Augenblick Ihren Baron zu empfangen, ohne zu sterben am Übermaß des Glückes.«

»In diesem Falle darf ich Eurer Gnaden sagen, daß mein Baron hier bereits eingetroffen. Er sandte mich voraus, ihn anzumelden.«

»Eilen Sie, Pierre, – laufen Sie, guter Pierre, – geschwind bringen Sie ihn her! Oder nein, – nur einen Augenblick, gleich bin ich fertig! Wir fliegen zu ihm. David, meinen Hut, mein Tuch, – geschwind!«

»Aber, Gnädigste, bedenken Sie doch, können wir den Herrn Vater allein lassen?«

Es klopfte an der Türe.

»Wenn dies Danton wäre!« sagte erschrocken David.

»Es könnte auch mein Baron sein,« erwiderte Pierre, mit einem besorgten Blick auf das Edelfräulein.

Das Klopfen hatte Isabella in eine Statue verwandelt. In atemloser Spannung lauschte sie nach der Türe. Diese öffnete sich. Valfort trat unter den Eingang. Sie stieß einen leisen Schrei hervor und lag an seiner Brust.

»Isabella, ich bitte, Fassung!« sprach der junge Mann.

»O Paul, mein Paul, mein Leben!« rief sie, mit beiden Armen ihn umschlingend.

David und Pierre standen bei Seite, Tränen in den Augen.

»Dafür sei Gott im Himmel tausendmal gepriesen!« sprach feierlich der Torwächter.

Valfort geleitete die Gräfin nach dem Kanapee, ließ sich an ihrer Seite nieder und redete beruhigende Worte in sie hinein. Seine Hand festhaltend, saß sie in stiller Seligkeit und lächelte ihn beständig an. Allgemach schwand die heftige Gemütsbewegung, aber die Wonne des Antlitzes und der leuchtenden Augen beharrte.

Und er fand sie unbeschreiblich schön, das siebzehnjährige Mädchen von Rovere im Laufe der wenigen Jahre zur vollendeten Jungfrau entwickelt.

Der Torwächter trat heran. Mit einer tiefen Verbeugung begrüßte er den Baron.

»Ah, – siehe da, mein alter Freund!« sprach der glückliche Valfort, indem er Davids Hand warm drückte. »Ich stehe in Ihrer Schuld mit einem Posten, den ich genügend auszugleichen außerstande bin; denn Sie waren der gnädigen Gräfin ein schützender Geist.«

»Zu viel Anerkennung, – ich tat nur die Pflicht eines getreuen Dieners,« versetzte bescheiden der Torwächter. »Indessen, Verzeihung, gnädiger Baron, wenn ich mir erlaube, Sie auf nahende Gefahren aufmerksam zu machen.«

Er begann, Dantons Entführungsplan zu erzählen.

»Ich weiß alles!« unterbrach ihn Valfort, und seine Stimme klang tief und dräuend. »Wir müssen allerdings jenem Elenden aus dem Wege gehen. Das Begegnen mit Schurken soll man vermeiden, – es könnte mich in die Lage zwingen, meine gute Klinge zu besudeln. Ungesäumt fort aus diesem Hause! Pierre hilf unserem David alles zusammenpacken!«

Der Torwächter schritt mit freudiger Hast nach der Türe des Seitenzimmers. Die Klinke in der Hand, blieb er unentschlossen stehen.

»Wird das Geräusch den gnädigen Vater nicht wecken!«

»Ihr Vater, Isabella? Ich glaubte,« – er stockte und schwieg.

David berichtete in Kürze.

»Gott sei Dank, – ein Schurke gerichtet, ein Schuldloser gerettet!« sagte Paul.

»Wir ziehen die Schuhe aus und machen keinen Lärm,« riet Pierre.

David nickte beistimmend. Leise öffnete er die Türe und beide begannen, geräuschlos einzupacken.

»Mein Paul, gibt es zwischen uns noch eine Trennung?«

»Was könnte uns noch scheiden, da Glaube, Hoffnung und Liebe für Zeit und Ewigkeit uns verbinden?« antwortete er zärtlich. »Die lieben Briefe meiner Isabella rühmten ja schon das Glück der gewonnenen katholischen Überzeugung.«

»Und die bittere Schule des Lebens hat im Feuer der Prüfung die Katholikin gefestet,« entgegnete sie. »O mein Paul, ich kann noch immer das Glück dieser Stunde nicht begreifen, nicht fassen! Ich fürchte, es sei alles nur ein seliger Traum.«

Graf Wilhelm trat in das Zimmer, sah Valfort und blieb steif stehen. Ein mehrstündiger Schlaf schien von ausgezeichneter Wirkung. Das Irre des Blickes war verschwunden, aber eine tiefe Trauer lag über ihm.

Der Baron begrüßte ihn warm. Ein mattes Lächeln trat flüchtig in des Grafen Gesicht.

»Es freut mich unendlich, Sie zu sehen, mein lieber Paul! Wie geht es Ihrem Vater, meinem weisen Freunde?«

»Sehr wohl! Ich habe den angenehmen Auftrag, Sie mit Fräulein Tochter nach Schloß Valfort einzuladen. Wenn es Ihnen gefällig, treten wir heute noch die Reise an.«

Er nickte bejahend mit dem Haupte und sank auf den Sitz nieder.

»Ich ergreife mit Vergnügen die Freundeshand Ihres weisen Vaters und bin reisefertig,« entgegnete er, in wehmütiger Stimmung Paul betrachtend. »Ja, Ihr Vater ist der Weise, – ich bin der Tor! Er hat im Geiste der Religion einen Engel erzogen, – ich erzog im Geiste der Philosophie ein Ungeheuer. Paul und Henry, – Engel und Satan!«

»Vergessen Sie eine Persönlichkeit, Herr Graf, die unwürdig ist, einen Platz in Ihrer Erinnerung einzunehmen.«

»Ganz Dein Vater! Ebenso weise, mein lieber Paul! Was jedoch hier sitzt,« fuhr er fort, auf die Brust deutend, »was hier nagt und frißt, – es läßt sich unmöglich vergessen. Sie hätten ihn sehen sollen, wie er vor dem Revolutionsgericht stand und den Kopf seines Vaters forderte. Oh – oh!«

»Ekel und Abscheu würden meine Augen verhüllt haben,« erwiderte Paul. »Ein Mensch, welcher die Natur geschändet und den Namen Rovere beschimpft hat, verdient keinen Schmerz und nicht das Wehe des väterlichen Herzens.«

Der Graf wiegte schwermütig das Haupt.

»Ich habe keinen Sohn, – könnte ich doch vergessen, daß ich einen hatte!«

»Ich bitte, mich als Ihren Sohn anzunehmen,« sagte Valfort, indem er sich erhob. »Ihre Tochter Isabella, nach meinen Begriffen die Zierde edler Weiblichkeit, beglückt mich Unwürdigen mit ihrer Liebe. Deshalb wage ich, vom Vater die Hand der Tochter zu erbitten.«

Die Worte lockten freudige Überraschung auf das Angesicht des Grafen. Er nahm die Rechte der errötenden Isabella und legte sie in jene Pauls.

»Meine lieben Kinder, es segne Euren Bund der allmächtige Gott!«

Er umarmte und küßte beide.

Schüchtern wie ein verschämter Knabe faßte Paul die Hand seiner Braut und küßte sie auf den Mund.

»Ein Glück, das ich weitab nicht verdient habe,« sprach Rovere.

David und Pierre traten ein.

»Wir sind fertig,« meldete der Torwächter.

»Bringet die Koffer hinab,« befahl der Baron, indem er seinen Hut ergriff. »Inzwischen eile ich, den Wirt zu befriedigen.«

Zehn Minuten später rollte die Kutsche nach Robespierres Wohnung, der mit ausgesuchter Freundlichkeit Isabella und mit nicht geringem Erstaunen den Grafen empfing.

Noch an demselben Tage bestiegen die Geretteten und Glücklichen den Reisewagen.

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