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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 34
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Im Nationalkonvent.

Von der Reitbahn, wo die Sitzungen der Nationalversammlung gehalten wurden, verlegte der Konvent den Ort seiner Tätigkeit nach dem größten Saale des Tuilerienpalastes. Die Deputierten saßen auf Bänken, welche staffelförmig rings um die Saalwände liefen. In der Mitte blieb ein weiter, freier Raum, in dem sich der Altar des Vaterlandes erhob, der Präsidentenstuhl und die Rednerbühne. Am oberen Ende des Saales stiegen die Bänke amphitheatralisch über sämtliche Sitze empor, weshalb der Ort »Berg« genannt wurde. Dort saßen die Jakobiner, die radikalste, blutdürstigste und mächtigste Partei des Konventes. Die höchste Spitze des Berges krönte Robespierre. Die Bankreihen unterhalb des Berges hießen la plaine, die Ebene oder le marais, der Sumpf. Fast die Hälfte der siebenhundertneunundvierzig Abgeordneten saß in der Ebene. Sie bildeten die Mitte zwischen den herrschenden und vorwärts treibenden Parteien des Berges und der Gironde. Die meisten Glieder der Ebene vermieden ängstlich jede Teilnahme an Debattenkonflikten. Sie hatten keine bestimmten Plätze, manche von ihnen umstanden gerne die Rednerbühne und verließen bei folgenschweren Abstimmungen den Saal. Diese Leute hießen spottweise » crapauds du marais – Kröten des Sumpfes«. Die dritte Partei war jene der Gironde. Sie hatte den Königsmord gepredigt und durchgeführt, bis auch sie, von der Bergpartei der Mäßigung angeklagt, das Blutgerüst besteigen mußte. Einundzwanzig Girondisten wurden zusammen guillotiniert. Vor dem Revolutionstribunal rief der Girondist Lasource den Richtern zu: »Ich sterbe in einem Augenblicke, in welchem das Volk um seinen Verstand gekommen ist; unsere Ankläger werden an dem Tage sterben, an welchem es ihn wieder erhält.«

Lasource war kein falscher Prophet. Wachsmuth, Bd. II. S. 12f, – Cantu, Bd. XIII. S. 135.

Über den Bänken der Abgeordneten liefen ringsum die Galerien der Zuhörer. Dort war ein buntes Treiben, das sich wohl mit den Zügellosigkeiten der Revolution, nicht aber mit Sitte und Anstand vertrug. Das Faule und Gemeine der Frauenwelt war stets vertreten. Die Deputierten bestiegen gerne die Galerien, verkehrten mit Damen und labten sich an Erfrischungen. Wurde um Tod und Leben hervorragender Persönlichkeiten debattiert oder Abschlachtungen in Massen auf die Tagesordnung gesetzt, dann füllten Pöbelweiber und Sanscülotten die Galerien. Sie brüllten Beifall zu den Mordreden, bedrohten die Gemäßigten und tranken Wein und Schnaps wie in Kneipen? Leo, Bd. V. S. 31.

Auch heute waren die Galerien dicht besetzt; denn Außerordentliches stand bevor. Das souveräne Volk saß unruhig und erwartungsvoll wie vor Beginn eines neuen Schauspieles im Theater.

Paul von Valfort hatte sich nach dem Sitzungssaale begeben, um Robespierres Rede für Gottes Dasein zu hören, ein Unternehmen, das ihm höchst gewagt erschien, zugleich aber von der Macht des Diktators Zeugnis gab. Gerade die gesetzlich dekretierte Gottesleugnung schmeichelte der Zügellosigkeit der Massen, indem sich dieselben vor keinem höchsten Richter verantwortlich wissen wollten. Souverän war das Volk in seinem Wahnglauben an die eigene Gottheit. Jede Untat durfte unbedenklich geschehen; denn es gab weder eine unsterbliche Seele, noch ein göttliches Strafgericht. Die Gottesleugnung angreifen, bedeutete nichts weniger, als die Souveränität des Volkes antasten und dessen Ruchlosigkeiten beschränken, – ein Wagnis, das nur Robespierre unternehmen konnte, ohne sich um seinen Kopf zu reden.

Valfort sah auf die Deputiertenbänke herab, welche sich allmählich füllten. Mit Unbehagen und Ekel betrachtete er eine Versammlung, welche Frankreich regierte, deren Szepter der Schrecken und deren Krone die Guillotine war. Hier entsprangen die Blutströme, welche das Vaterland überfluteten und die wilden Kriege, die Europa in Flammen setzten, alles Bestehende erschütterten oder in Trümmer warfen.

Die Schelle des Präsidenten unterbrach Pauls düstere Betrachtungen. Auf den Galerien verstummte der Lärm. Die Gruppen der Deputierten lösten sich auf. Alle schritten nach ihren Plätzen, ein Schwarm Sumpfkröten ausgenommen, die sich um die Rednerbühne stellten.

»Bürger Robespierre hat das Wort!« rief der Präsident.

Hüstelnd bestieg der Diktator die Bühne, steckte den Daumen in ein Knopfloch seines Rockes und begann mit unschöner, kaum hörbarer und heiser klingender Stimme. Allein die Stimme wuchs stetig an Kraft und beherrschte schließlich den weiten Raum. Wie immer, begann Robespierre mit der Tugend und mit Klagen über geheime Feinde der Freiheit und des Volkes. Nebenbei hüllte er sich in dicke Weihrauchwolken, rühmte seine uneigennützigen Absichten, in deren Ausführungen er von Böswilligen gehemmt werde. Zu den Böswilligen zählte er heute mit Betonung jene, welche prassen und schwelgen, während das tugendhafte Volk, die edlen Sanscülotten, Hunger litten. Er geißelte scharf jene Verräter des Volksglückes, die nicht unbestechlich sind, keine reinen Hände haben und ihre Kräfte, welche sie dem Dienste des bedrängten Vaterlandes weihen sollten, an Tändeleien der Liehe vergeuden. Nur wenige verstanden diese Andeutungen. Zu diesen wenigen gehörte Danton. Ein Lächeln des Hohnes in den Zügen, sah er mit glühenden Augen auf den Redner, dessen Worte eine Anklage gegen ihn einzuleiten schienen. Dazu kam es indessen nicht. Plötzlich stand Robespierre wieder bei der Tugend.

»Was aber ist die Vorbedingung, die Grundlage jeglicher Tugend?« fuhr er fort. »Man hat gefügt, der Mensch habe keine unsterbliche Seele, auf den Tod folge das Nichts. Und ich frage: – wird dem Menschen die Vorstellung von seinem Nichts reinere und erhabenere Gefühle einflößen als die von seiner Unsterblichkeit? Wird sie ihm eine größere Achtung für Seinesgleichen und sich selber, wird sie ihm eine tiefere Verachtung gegen den Tod und die Wollust beibringen? Wird sie ihn hochherziger gegen das Vaterland und kühner gegen die Tyrannen machen? Ihr, die Ihr einen tugendhaften Freund beweint, Ihr labt Euch an dem Gedanken, daß sein besseres Sein dem Tode entging. Ihr, die Ihr am Sarge eines Sohnes, einer Gattin weint, Ihr fühlt Euch getröstet, wenn Euch jemand sagt, daß mehr von ihnen übrig blieb als gewöhnliche Asche. Ihr Unglückliche, die ein Mörderdolch zu Boden streckte, Euer letzter Seufzer ist ein Appell an die ewige Gerechtigkeit! Und die Unschuld auf dem Schafott, – wie kann sie den Tyrannen auf seinem Triumphwagen erbleichen machen, wenn das Grab die Rechnung zwischen dem Unterdrücker und dem Unterdrückten auszugleichen vermag? Mir scheint, gerade die tugendhaftesten Menschen, die Armen, die Unterdrückten, die hungernden Sanscülotten, die Opfer der Tyrannen, – gerade sie müssen wünschen, daß es ein höchstes Wesen gebe, eine unsterbliche Seele und eine vergeltende Gerechtigkeit.« Cantu, Bd. XIII. S. 157 f.

Der Eindruck dieser Worte erregte Sensation. Auf den Gesichtern aller Abgeordneten malte sich das größte Erstaunen. Die Rede klang wie ein Angriff gegen das Gesetz, welches die Absetzung Gottes dekretierte.

Die Galerien hingegen blieben gleichgültig. Die Bedeutung der Rede mochte dort nicht verstanden worden sein. Die Leute sahen beständig nach den Eingängen des Saales. Sie schienen mit wachsender Spannung etwas außerordentliches zu erwarten. Als ein Konventsdiener dem Präsidenten Schriftstücke übergab, entstand lebhafte Bewegung auf den Galerien und ein Gesumme, welches den Redner unverständlich machte. Robespierre eilte zum Schlusse und verließ die Bühne.

Auf allen Deputiertenbänken entspann sich ein vertraulicher Verkehr. Und so groß war der Schrecken vor Robespierres Einfluß und Macht, daß nicht einmal die Fanatiker der Gottesleugnung eine mißfällige Äußerung wagten. Sie rühmten die Genialität der Rede, zuckten aber dabei die Achseln und lächelten.

»Wenn ein höchstes Wesen für tugendhafte Menschen notwendig ist,« spöttelte Danton, »so können wir dessen Einsetzung ebensogut dekretieren, wie man dessen Absetzung dekretiert hat. Nur muß das neue höchste Wesen eine republikanische Gesinnung haben und ein Freund der Guillotine sein.«

Diese Worte sprach Danton sehr laut, Robespierre zu Gehör, der eben seinen Platz einnahm.

»Sie haben Recht, Bürger!« entgegnete er. »Auch die Guillotine ist ein Werkzeug der Gerechtigkeit.«

Der Präsident klingelte.

»Da sich ein Redner für den Augenblick nicht gemeldet hat, so erlaube ich mir, zwei Schreiben an den Konvent vorzulesen, die soeben einliefen. Das erste Schreiben ist vom Bürger Parens, Pfarrer in Boissisela-Bertrand. Es lautet:

Abgeordnete des französischen Volkes! Ich bin Pfarrer, was so viel heißen will, als Charlatan. Bis jetzt war ich ein ehrlicher Charlatan und habe niemand betrogen, da ich selbst im Irrtum befangen war. Aber ich muß offen gestehen, unehrlicher Charlatan möchte ich nicht sein und dennoch wäre es leicht möglich, daß mich der Hunger dazu verleitete; denn ich besitze rein gar nichts als zwölfhundert Franken, die meine Pfarrei mir einträgt. Auch habe ich gar nichts anderes gelernt als › Oremus‹ zu beten. Ich bitte Euch daher, liebe Bürger, mir und allen Bischöfen, Pfarrern und Vikaren, eine angemessene Pension zuzusichern, damit wir nicht länger nötig haben, das arme Volk zu betrügen, dem endlich einmal gesagt werden muß, daß es keine andere Religion gibt als die Religion der Natur und daß das ganze Gaukelspiel, das man bisher ›Religion‹ genannt, nichts ist als ein Kindermärchen. Mein Leben lang habe ich Lügen gepredigt. Es ist nichts mit diesem Christus. Ich bin der Sache müde, verzichte auf meine Pfarrei und bitte den Konvent um ein anderes Stück Brot. Weg mit allen Pfaffen! Das ist das Ziel, nach dem wir alle streben müssen und das wir auch sicher erreichen werden. Aber, wie gesagt, eine Pension muß denjenigen zugesichert werden, die bereit sind, der Wahrheit die Ehre zu geben.« Moniteur universel, 17. brunaire, Jahr II der Freiheit.

Ein kurzes Gelächter folgte der Verlesung des Briefes.

Da erhob sich Sergent, ein Mitglied der Bergpartei, und sprach:

»Jeden Augenblick erhalten wir Schreiben von Bischöfen und Pfarrern, welche melden, daß sie ihr Amt aufgaben und Tapezierer, Seidenfärber, Pastetenbäcker und dergleichen geworden seien. Auch von Gemeinden laufen Schreiben ein, welche anzeigen, daß sie ihre Pfarrer fortschickten, weil sie nichts mehr mit der schwarzen Bestie zu tun haben wollen, die man Pfarrer nennt. Wo also die Pfarrer nicht freiwillig gehen, dort werden sie gegangen. Deshalb bin ich der Meinung, es sei pure Zeitverschwendung, uns mit solchen Lappalien zu befassen. Das Volk wird schon das Richtige tun; – man lasse es gewähren. – Was den Pfarrer Parens von Boissisela-Bertrand betrifft, so stimme ich entschieden gegen jede Unterstützung. Ein Pfaffe, der sagt, er habe gestern noch in gutem Glauben geirrt und behauptet, heute von seinem Irrtum abgekommen zu sein, der kann unmöglich die Wahrheit sprechen. Wer eingesteht, sein Leben lang gelogen zu haben, verdient keinen Glauben. Hat der Bürger Parens nichts weiter gelernt als lügen, so möge er mit dieser Kunst sein Brot verdienen oder Steinklopfer werden.«

»Sehr gut!« rief es vielstimmig.

Das Gesuch des Staatspfaffen wurde abgelehnt.

»Das zweite Schreiben ist vom Gemeinderat von Paris,« fuhr Präsident Laloi fort. »Dasselbe lautet:

Der Gemeinderat von Paris benachrichtigt eine hohe Versammlung, daß der Bischof von Paris mit seinem Klerus und einer Deputation des Gemeinderates vor der Volksversammlung zu erscheinen wünscht, um der Vernunft und der ewigen Gerechtigkeit seine offene und aufrichtige Huldigung darzubringen und sich aus eigenem Antriebe der ihm vom Aberglauben aufgedrückten Würde zu entkleiden. Moniteur universel, VII Novbr. 1793.

Der Konvent möge durch Erheben oder Sitzenbleiben entscheiden, ob er geneigt ist, die Deputation des Gemeinderates und den Bischof zu empfangen.«

Unter rauschendem Beifall der Galerien erhoben sich alle Deputierten.

Die Abgeordneten des Gemeinderates von Paris, Pache, Momoro und Lhullier, betraten den Saal. Ihnen folgte Gobel, Erzbischof von Paris, umgeben von seinen dreizehn Vikaren. Nicht in geistlicher Tracht erschienen sie, sondern in blauen Fräcken, die Revolutionskokarde an der Brust, in roten Westen und weiten Pumphosen. Zwei Vikare trugen Inful und Stab des Erzbischofs, er selbst hielt einen Pack Schriftstücke in der Hand. Bei lautloser Stille traten sie vor bis zum Altare des Vaterlandes, einem kunstlosen Würfel von Holz, mit Ölfarbe angestrichen und geziert mit einer Göttin der Vernunft. Der Bischof verbeugte sich nach allen Seiten.

»Ich bitte die Vertreter des Volkes,« hob er an, »meine Erklärung entgegen nehmen zu wollen. Ich bin ein Kind des Volkes und war somit schon von Jugend auf begeistert für Freiheit und Gleichheit. Von meinen Mitbürgern in die konstituierende Versammlung berufen, wartete ich die Erklärung der Menschenrechte nicht ab, um der Souveränität des Volkes meine Anerkennung zu zollen. Ich hatte mehr als eine Gelegenheit, mich für dieses Prinzip zu erklären, das mir seither zur Richtschnur meines Lebens gedient hat. Der Volkswille war stets mein oberstes Gesetz, die Unterwerfung unter denselben meine oberste Pflicht. Der Volkswille hat mich auf den bischöflichen Sitz von Paris erhoben und mein Gewissen sagt mir, daß ich die Erwartungen des Volkes in keiner Weise getäuscht habe. Stets habe ich den mit meiner Stelle verbundenen Einfluß dazu benützt, um im Volke die Liebe zur Freiheit und Gleichheit zu erwecken. Nun aber, da das Ende der Revolution herannaht und die erstrebte Freiheit zum Gemeingut aller geworden, darf im ganzen Lande kein anderer Kultus mehr bestehen als derjenige der Freiheit und Gleichheit. Aus diesem Grunde verzichte ich auf meine Funktionen als Diener des katholischen Kultus. Meine hier anwesenden Vikare geben die gleiche Erklärung ab. Wir legen alle auf unseren priesterlichen Stand Bezug habenden Papiere auf den Altar des Vaterlandes nieder. Möge unser Beispiel dazu beitragen, die Herrschaft der Freiheit und Gleichheit zu befestigen. Es lebe die Republik!« Wachsmuth, Bd. II. S. 254.

Der Rede des Apostaten folgte stürmischer Beifall der Galerien. Selbst die Abgeordneten klatschten in die Hände und schrieen Bravo. Das ganze Haus stürmte und johlte. Der einzige Valfort stieß ein scharfes »Pfui« hervor und sah mit Verachtung auf den abtrünnigen Bischof und dessen Vikare.

Während des Getöses legte Gobel seine Inful, seinen Hirtenstab, Kreuz und Bischofsring, nebst einem Pack Schriftstücke auf den Altar des Vaterlandes nieder.

Präsident Laloi klingelte. Der Lärm verhallte.

»Bürger!« redete Laloi die apostasierten Priester an. »Das erhabene Beispiel, welches ihr soeben gegeben, verdanken wir vor allem den Bestrebungen der Philosophie, die Menschheit aufzuklären. Ihr habt euren Irrtum abgeschworen und versprechet also, künftighin nichts anderes zu lehren als die Ausübung der sozialen und sittlichen Tugenden. Das ist der Kultus, an dem das höchste Wesen der Vernunft sein Wohlgefallen hat, und ihr selber habt euch dessen würdig gezeigt.«

Pache überreichte dem Bischof eine rote Jakobinermütze, welche dieser auf den Kopf setzte, unter wildem Halloh des ganzen Hauses. Die Sanscülotten der Galerien brüllten Beifall, der Deputierten bemächtigte sich eine ausgelassene Heiterkeit. Der Präsident war vom Stuhle gestiegen, umarmte »Bürger« Gobel und küßte ihn. Zehn Monate später wurde Erzbischof Gobel guillotiniert, nachdem er zwar seinen Abfall widerrufen und reuig zur katholischen Kirche zurückgekehrt war.

Der Jubel des souveränen Volkes über die Glaubensverleugnung des Bischofes und seiner Vikare reizte die Deputierten geistlichen Standes zu gleichen Erklärungen. Zuerst erhob sich der beweibte Bischof Lindet, ein Mensch mit feurigem Weingesicht und überaus freiem Wesen.

»Mitbürger!« rief er. »Möchten doch alle, die seither das Priesterhandwerk ausgeübt haben, dieser Charlatanerie entsagen und nur der Stimme der Vernunft Gehör geben! Ich selbst, – das wird mir jedermann bezeugen können, – war niemals ein Charlatan. Wenn ich die Würde eines Bischofes angenommen habe, so geschah es nur, weil wir uns in schwierigen Zeiten befanden und ich glaubte, auf diese Weise zum Heile meines Vaterlandes wirken zu können. Stets habe ich die reine Moral gepredigt und von dem mir geschenkten Vertrauen nur Gebrauch gemacht zur Bekämpfung des Königstums und des Fanatismus. Meine Gefühle sind für niemand ein Geheimnis, – ganz Frankreich weiß, daß ich mir zuerst ein Weib genommen habe.« Monit. univers. 17 brum. II d. l. libert.

Die letzten Worte weckten einen betäubenden Beifallssturm. Das Händeklatschen der Deputierten, die Lustigkeit der Damen und das Beifallsgeschrei der Proletarier wollten kein Ende nehmen.

Dem Bischofe Lindet folgten die Bischöfe Gayvernon von Haute-Vienne, Talleyrand von Autun, Gregoir von Loir und Cher, Lalande von Nancy und andere mit ähnlichen Erklärungen. Zum Schlusse erhob sich Chabot, ein abtrünniger Kapuziner, Mitglied der Bergpartei, ein Mensch, welchem das Brandmal der Verworfenheit sichtbar aufgedrückt war.

»Ich glaube, mich rühmen zu können,« rief er, »allen meinen Kollegen mit gutem Beispiel vorangegangen zu sein. Bereits im Jahre 1788, als ich noch in der Franziskanerkutte steckte, erklärte ich laut und offen, daß die Pfaffen ihre Kutten ausziehen und die dem Staate abgeschwindelten Güter zurückerstatten sollten. Ebenso war es schon lange meine Absicht, den Kultus des Gesetzes und der Vernunft an die Stelle des Irrtums und des Aberglaubens zu setzen. Auf meinen Gehalt als bischöflicher Vikar verzichte ich, sowie auf die bisher bezogene Pension als ehemaliger Kapuziner. Meine Frau ist eine gute Republikanerin, wir werden schon unser Auskommen finden. Meine mich als Priester dokumentierenden Papiere kann ich nicht auf den Tisch des Hauses niederlegen; denn ich habe sie schon längst verbrannt.«

Kaum hatte Chabot geendet, als ein Proletarier die Schnapsflasche erhob und rief: »Der Bürger-Kapuziner Chabot und seine runde Frau sollen leben!«

Wieherndes Gelächter des ganzen Hauses.

Der Präsident klingelte.

»Gemeinderat Pache wird sprechen.«

Pache bestieg die Tribüne.

»Hohe Versammlung!« begann er. »Ich habe mich eines ehrenvollen Auftrages zu entledigen. Die Stadt Nevers hat den religiösen Kultus abgeschafft und möchte die toten Kirchenschätze lebendig machen. Demzufolge schickten die Patrioten von Nevers eine Bürgerdeputation hieher, beladen mit silbernen und goldenen Kirchengefäßen, um sie der Münze zu übergeben. Die Deputation bittet, hohe Versammlung möchte sie empfangen und ihr gestatten, die Schätze auf den Altar des Vaterlandes niederlegen zu dürfen.«

Der Konvent gewährte die Bitte. Pache verschwand eilig aus dem Saale.

Der anziehendste Akt des Schauspiels mochte nahen; denn es herrschte auf den Galerien die lebendigste, erwartungsvollste Bewegung. Ein verworrenes Stimmengetöse, verbunden mit rohem Gelächter betrunkener Sanscülotte und freier Bürgerinnen, rauschte durch den Saal. Dazwischen klang das Klirren von Gläsern im Geleite von starken Schnapsdünsten. Dies alles zusammen verwandelte die Räumlichkeiten der Galerie in eine sehr große und gemeine Kneipe. – Geärgert sah Pierre in das wüste Treiben. Schon die Reden und Taten der abtrünnigen Bischöfe und Geistlichen hatten ihn empört. Als Gobel gesprochen und die Zeichen seines bischöflichen Amtes auf den Altar des Vaterlandes niederlegte, murmelte Pierre: »Ein elender Kerl, – ein echter Sohn des Judas!«

Beim Rühmen des Bischofes Lindet, der »erste Geistliche« gewesen zu sein, der ein Weib genommen, schrie Pierre in den Lärm: »Ausgeschämter Wicht, Du prangst noch mit Deiner Schande? Meineidiger, mir gruselt vor Dir!«

Als sich die nächtige Gestalt Chabots erhob, meinte Pierre: »Der gleicht dem Teufel auf ein Haar! Wer mag sich wundern über das jetzige Höllenregiment in Frankreich, wenn in den Kirchen der Teufel jahrelang predigte und die armen Seelen verdarb? Ja, – ja, – es ist schon so: – von den schlechten Pfaffen kommt alles Unheil!«

In seiner erbitterten Stimmung warf er jetzt grimmige Blicke auf das gemeine Treiben der zechenden Proletarier.

»Guck nur dieses freche Gesindel, – dieses versoffene Lügenpack! Die Kerle schämen sich nicht, so frech mit den Weibsleuten umzugehen! Schweine, – Galgengesichter, – Mordbrenner! – – Gnaden!« wandte er sich an den dicht neben ihm sitzenden Baron, »ich meine, wir sollten gehen! Mir wird übel.«

»Harre aus, – benütze die Gunst der Stunde! Was Du hier siehst und hörst, findet sich in der Geschichte der Menschheit kaum wieder.«

»Mag sein! Die Geschichte der Menschheit kann sich freuen über diesen Pfuhl. Ich höre Gotteslästerungen und Eidbrüche – sehe Teufelsfratzen und rieche Schwefel.«

»Du mußt genauer sehen, hören und riechen, willst Du in seiner vollen Häßlichkeit das Ganze erfassen. Vor allen Dingen vergiß nicht, daß wir gegenwärtig im Herzen eines souveränen Volkes sitzen, dessen höchstes Wesen die Vernunft ist.«

»Und die Kirche dieses höchsten Wesens ist eine Räuberhöhle, sein Altar die Guillotine und seine Herde ein tolles, mordwütiges Volk,« ergänzte Pierre. »Darauf möge sich die übrige Menschheit einen Vers machen. – – Ah, – da kommen die elenden Kirchenschänder von Nevers!«

Die Spitze eines Zuges betrat den Saal. Voraus ging ein Mensch in Levitentracht mit dem goldenen Prozessionskreuze der Kathedrale von Revers. Ihm folgten etwa vierzehn Männer mit goldenen Kelchen und Patenen, mit Kannen und Rauchfässern, mit schweren silbernen Leuchtern und Platten. Zwei trugen Reliquienschreine von Gold, reich mit Edelsteinen besetzt. Sämtliche Gefäße waren sehr alt und von prachtvoller Arbeit. Auch diese Kleinodien der Kunst sollten die Opfer eines wahnsinnigen Vandalismus werden.

Die Träger der Kirchengefäße waren in Meßgewänder und Pluvialien gehüllt, überladen von schweren Goldborten, teilweise Perlen kunstvoller Stickereien. Auf manchen Gewändern hatte die mittelalterliche Nadel das Leiden Christi, dessen Auferstehung, die Herabkunft des heiligen Geistes und andere Szenen der heiligen Geschichte in bewunderungswürdiger Weise ausgeführt.

An die Kirchenschänder von Nevers schlossen sich Bürger und Bürgerinnen von Paris, alle in Meßgewändern, rote Jakobinermützen auf den Köpfen. Einen ekelerregenden Anblick gewährten die weiblichen Glieder der Spottprozession, deren freches, herausforderndes Geberdenspiel die Weiblichkeit beschimpfte.

Während die Kirchengefäße auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt, oder um denselben gestellt wurden, sang das ganze Haus einen Hymnus auf die Freiheit. Beim Schlusse desselben rief eine durchdringende Stimme: »Carmagnole!« Die Galerien klatschten Beifall und wiederholten stürmisch: »Carmagnole, – Carmagnole!«

Sofort begann dieser berüchtigte revolutionäre Rundgesang mit Tanz, der bei Hinrichtungen um die Guillotine aufgeführt zu werden pflegte. Während die Köpfe schuldloser Menschen abgehauen wurden und das Blut strömte, sang und tanzte das souveräne Volk. Gegenwärtig bewegte sich der Tanz um den Altar des Vaterlandes. Selbst für manche Deputierten hatte die Carmagnole solchen Reiz, daß sie ihre Bänke verließen, sich in den Reigen mischten und mit den öffentlichen Dirnen in Meßgewändern tanzten. Leo, Bd. V. S. 113 f.

Valfort sah eine Weile in das wüste Treiben. Pierre schüttelte unablässig den Kopf und kraute in den Haaren.

»Säßen Eure Gnaden nicht neben mir, so käme ich mir vor, wie der einzige verständige Mensch bei lauter Narren, – der aber ganz nahe daran ist, auch seinen Verstand zu verlieren.«

»Die Hölle hat wirklich ihre Narren losgelassen; denn Bosheit und Narrheit sind ebenso unzertrennlich wie Heiligkeit und Weisheit,« versetzte der Baron, indem er sich erhob und mit Pierre den Saal verließ.

Sie gingen eine Strecke schweigend durch die Straße, lebhaft in Gedanken mit den Erscheinungen des Konventsaales beschäftigt.

»Was ich da gesehen und gehört habe, will mir nicht in den Kopf, – kommt mir alles vor, wie ein böser Traum,« hob Pierre an. »Die köpfende Guillotine hab' ich gesehen, Schurken und Mörder hab' ich gesehen, grimmige Sanscülotte hörte ich brüllen und heulen wie blutlechzende Bestien, – und dies alles zusammen war nicht so entsetzlich und schauerlich wie Bischöfe und Priester, die so reden und sich ihrer Schandtaten rühmen. Pfui Teufel! Wie ist's denn nur möglich, daß Bischöfe solche Schufte sein können?«

»Sehr natürlich, mein Guter! Der Präsident hat zu den abtrünnigen Geistlichen gesagt: »Bürger, das erhabene Beispiel, welches ihr soeben gegeben, verdanken wir vor allem den Bestrebungen der Philosophie, die Menschheit aufzuklären!« Darin liegt alles. Nicht die Revolution hat diese ekeln Mißgeburten des geistlichen Standes erzeugt, sondern die Philosophie, die gottlose Schulbildung, die ungläubige Erziehung. Die Regierung hat die schlechte Zeitrichtung begünstigt, sie hat den Knaben und Jünglingen religionsfeindliche Lehrer gegeben. Sogar in den Volksschulen hat sie die Seelen verderben lassen durch Ungläubige und Religionsspötter. Jene Bischöfe und Priester, die so frech und schamlos ihre geistliche Würde in den Kot traten, sind Zöglinge des Unglaubens. Was man sie gelehrt in der Jugend, das üben sie im Alter.«

»Nun ja, – wer beim Teufel in die Schule geht, der muß ein teufelsmäßiger Mensch werden, – das begreife ich sehr wohl! Aber das begreife ich nicht, wie jemand Priester und Bischof werden kann, der nicht glaubt an Gott und seine heiligen Lehren.«

»Das Einkommen, die hohe Besoldung lockte die Elenden.«

»Aha – richtig! In der Vendee gibt es nur fromme Priester, weil keinen Schuft das hohe Einkommen lockt.«

»Noch ein Grund! Die Philosophen und Freimaurer, welche die höchsten Staatsämter begleiteten, ernannten mit Vorliebe verkommene Menschen zu Bischöfen, in der Absicht, durch solche Leute die geistliche Würde zu schänden und die Herde durch schlechte Hirten zu verderben.«

»Das ist wieder recht teufelsmäßig!«

»Nicht minder kurzsichtig und dumm!« ergänzte Valfort. »Die Absicht wurde zwar erreicht, das Volk gründlich verdorben. Aber aus dem Sumpfe des Verderbnisses stieg die Revolution empor, welche die Verderber verschlang. König, Prinzen, Minister, Philosophen und Freimaurer mußten und müssen fortwährend auf dem Schafott verbluten, das sie sich selber gebaut haben. Empörung gegen den heiligen Gott und dessen sittliche Weltordnung ist der sicherste Weg zum Untergang für den Einzelnen wie für Millionen.«

Schweigend ging er weiter. Pierre überlegte das Vernommene, aber nicht im Sinne des Kritikers; denn sein Herr war nicht allein der stattlichste, sondern auch der gescheiteste des Männergeschlechtes.

»Augenscheinlich hat die Empörung gegen Gott zugleich diabolischen Wahnsinn gezeitigt,« fing der Baron wieder an. »Immer hat sich die Welt zwar gestritten über Begriffe. Der eine rühmte, was der andere tadelte. Dieser hielt eine Sache für wahr, jener hielt dieselbe Sache für falsch. Dagegen stimmten alle Menschen doch in gewissen Dingen und Begriffen zusammen. Von allen wurde Güte, Großmut, Menschenfreundlichkeit, Barmherzigkeit, gelobt und gepriesen. Hätte jemand diese Vorzüge und Tugenden tadelnswert oder schlecht genannt, man würde ihn für einen Narren gehalten haben. – Und jetzt? Was ist Tugend am ausgewachsenen Baum einer religionsfeindlichen Zeitrichtung? Mordgier, Blutdurst, Verleugnung jeder menschlichen Regung, Haß und Grausamkeit sind heute Tugenden! Sanftmut, Güte, Barmherzigkeit sind verächtliche Schwächen. Ist das nicht purer Wahnsinn? – So hat die ungläubige Philosophie den sittlichen und geistigen Bankrott einer Nation geschaffen.«

»Gnaden hat recht, – und mir wäre recht, kämen wir aus dieser Mörderhöhle endlich heraus.«

»Morgen! Robespierre versicherte mir, daß heute noch alles fertiggestellt werde.«

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