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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 32
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Danton's Werbung.

Täglich besuchte Danton Gräfin Isabella. Jeden Morgen fuhren sie nach der Abtei, zum Besuche des Grafen. Henry begleitete selten die Schwester, David regelmäßig. Dem Getreuen ahnte schlimmes. Er gewahrte Dantons verzehrende Leidenschaft und fürchtete, die Kutsche möchte einmal anderswohin fahren als nach der Abtei. Für einen solchen Fall war er gerüstet. In den Taschen trug er zwei geladene Pistolen, mit der Absicht, Danton niederzuschießen, sobald er sich eine Gewalttätigkeit erlauben würde gegen Isabella.

In der Tat war Dantons leicht entzündbare Leidenschaftlichkeit bis zu einem Grade angewachsen, der ihn für alles übrige gleichgültig stimmte. Unregelmäßig erschien er im Konvent, wo er sich langweilte und gegen seine Gewohnheit in die Debatten nicht eingriff. Der lauernde Robespierre bemerkte diese unbegreifliche Veränderung, argwohnte allerlei und gab Saint-Just den Auftrag, insgeheim den Triumvirn beobachten zu lassen.

Selbst das Äußere Dantons hatte sich verändert. Er ging nicht mehr in schmutziger Proletariertracht, sondern in elegantem Anzuge, gewaschen und gekämmt. Auch die Roheit seiner Manieren und den abstoßenden Zynismus, in dem er sich zu gefallen pflegte, hatte er abgestreift und mit feiner Lebensart vertauscht. Der Mann bemühte sich offenbar, durch Verhalten, Tracht und Benehmen günstige Eindrücke hervorzubringen auf Menschen, welche Proletarierton und Sanscülottentracht verabscheuten. Diese Menschen waren Isabella und deren Vater. Letzterer war dem jungen Manne, dessen wirklichen Namen er nicht kannte, sehr gewogen. Seiner Hochherzigkeit verdankte er die Erlösung aus einem schauerlichen Kerker und eine menschenwürdige Behandlung. Auch Isabella hatte ihren anfänglichen Schrecken vor dem Furchtbaren verloren. Sie hatte sogar in Spazierfahrten gewilligt, erging sich in Parkanlagen außerhalb der Stadt und konnte sich stundenlang mit dem gewandten Advokaten unterhalten. Dies alles tat sie freilich in der geheimen Absicht, Danton bei guter Laune zu erhalten, um die Rettung des Vaters zu ermöglichen. In herzlichen Worten dankte sie ihm wiederholt für die wohlwollende Aufmerksamkeit und fortgesetzte Fürsorge zur Linderung der Gefangenschaft ihres Vaters. Aber sie wußte eine Scheidewand zwischen sich und Danton aufrecht zu erhalten, die keine vertraute Annäherung gestattete. Diese Scheidewand hatte nichts Verletzendes, sie entsprang gleichsam naturgemäß der jungfräulichen Würde und Hoheit ihres Wesens. Ohne diese unnahbare Anmut und natürliche Majestät würde Isabellas Persönlichkeit überhaupt nicht mit solcher Macht auf Danton gewirkt haben. Nicht sowohl ihre blendende Körperschönheit fesselte ihn, sondern ein geheimnisvoller Zauber, ein überwältigender Nimbus ihres Wesens, der sich in Eindrücken äußerte, für welche die Sprache keine erschöpfenden Worte hat. Gewalttätig, blutdürstig, jedes Menschengefühl verleugnend, war Danton im Verkehr mit Isabella bescheiden, ruhig, wie im Banne einer Zaubermacht.

Von persönlichem Eigennutz geleitet, besuchte Henry den Triumvirn fast täglich. Das geheime Werben um die Schwester gefiel ihm, weil es seine egoistischen Absichten förderte. Bisher berührte er mit keiner Silbe das angestrebte Verhältnis. Heute machte er hievon eine Ausnahme. Er schüttete einige Gläser Wein hinab, wischte sich, nach Proletarierart, mit der Hand den Mund ab und sah forschend auf Danton.

»Nun, Bürger, wie weit bist Du in der Gunst des schönsten Mädchens der Republik?«

Der Athletische zuckte die Achseln.

»Den alten Aristokraten Rovere hast Du glücklich erobert,« fuhr Henry fort. »Er schwört nicht höher als bei Georges, dem edelsten, großmütigsten Mann. Vom Vater wirst Du keinen Korb erhalten. Aber die Tochter? Nun?«

»Nun?« horchte Danton.

»Die Tochter ist eine feste Burg, die man brechen muß. Plänkeln, Scharmutzieren, Parlamentieren hilft da nichts. Du mußt Sturm laufen, – mit Gewalt nehmen; das ist der einzig richtige Weg.«

Danton blickte schweigend vor sich hin. Obwohl er sich der Unmenschlichkeit rühmte, lag dennoch in der Brust des Schrecklichen ein Funken Edelsinn.

»Isabella, – die göttliche Isabella und – Gewalt?« sagte er kopfschüttelnd. »Gewalt gegen Gewalt, – ja! Aber die Königin der Grazien, – die Krone ihres Geschlechtes, – der Inbegriff aller Anmut und Schönheit mit gewalttätiger Faust, – nein! Das Ding wäre doch wirklich häßlich!«

»Verstehe mich, Bürger! Ich rede von Gewalt in Samt, von Fäusten in Glace, – nicht von roher Brutalität. Du fährst mit Isabella nach Deinem Landhause, wohnst mit ihr zusammen, wiederholst Deine Erklärungen, gebrauchst Dein siegreiches Rednertalent, – nimmst Beteuerungen, Schwüre, Seufzen und Ächzen als Beistände. Hilft alles nichts, so gewinnt sanfte Nötigung, was mit anderen Mitteln nicht zu erlangen war.«

»Du bist ein Schuft, Kerl!« rief Danton lachenden Mundes. »Vorläufig stinkt mir Dein Rat in die Nase wie greulicher Unrat.«

»Vorläufig gut! – Ich sage es Dir voraus, – Du wirst über den gräulichen Unrat nicht hinwegkommen. Bist Du Danton, – der tatkräftige, entschlossene Danton? Mach' einmal der Tändelei ein Ende!«

»Bin wirklich entschlossen, morgen den entscheidenden Schritt zu tun,« versetzte der andere. »Ich werde förmlich um ihre Hand werben.«

»Und wenn Du einen Korb erhältst? Was dann?«

»Werde ich den Beistand des Vaters anrufen.«

»Hilft auch der väterliche Beistand nichts, – was dann?«

»Mensch, – dränge mich nicht!« schrie Danton, ein wildes Feuer in den Augen. »Meinst Du, wer mit Aristokratenköpfen würfelt, läßt sich durch Stolz und Starrsinn eines Weibes bezwingen? Was ich begehre, – begehre mit einer Glut, weit und tief, wie die Hölle, das muß mein werden. Verschmäht sie mein Werben, – würdigt sie einen Danton nicht der Gewährung seiner Bitte, – einen Danton, der niemals bittet, – dann, – bei mir selbst! dann hat sie Natur vergebens durch Liebreiz und Anmut geschützt.«

»So gefällst Du mir! Du wirst Dich später meines guten Rates erinnern und nicht undankbar sein. Bedarfst Du irgendwie meiner, ich stehe zu Diensten.«

Am folgenden Morgen fuhr Danton wie gewöhnlich nach dem Hotel »Zur Gleichheit«. Isabella empfing ihn freundlich.

»Ich komme heute etwas früher, mein Fräulein, weil ich einen Gegenstand von der größten Wichtigkeit mit Ihnen besprechen muß.«

Sie erschrak, eine schlimme Wendung in der Angelegenheit ihres Vaters befürchtend.

»Um Gotteswillen, mein Herr, – sprechen Sie! Droht unserem Rettungswerk Gefahr?«

»Dies nicht!« antwortete er, mit augenscheinlicher Beklommenheit auf dem Sitze rückend. »Die Rettung Ihres Vaters gelingt sicher, jedoch nur unter der Bedingung Ihrer Mithilfe.«

»Was vermöchte ich, mein Herr?«

»Alles, – alles über Danton, – und Danton alles über Tod und Leben Ihres Vaters. Freilich wage ich mein eigenes Leben. Die Gegenwart ist argwöhnisch, stürmisch bewegt, blutdürstig. Der geringste Verdacht überliefert dem Schafott. Klagt mich ein geheimer Feind der Konspiration mit Aristokraten an, so bin ich unrettbar verloren. Aber um den Preis Ihrer Herzensneigung, mein Fräulein, trotze ich jeder Gefahr! Ich werbe in Ehren um Ihre Hand. Werden Sie meine Gattin!«

Isabella schlug das Auge nieder. Keine Spur einer heftigen Gemütsbewegung trat in ihre feinen Züge. Aber das Angesicht wurde noch weißer als Schnee. Wie ein Steinbild saß sie da, unbeweglich, schweigend, – ihr gegenüber Danton, in gespanntester Erwartung, mit leidenschaftlich glühenden Augen. Endlich hob sie nach ihm den Blick, ruhig, unbefangen, sicher. Sie wußte, daß Leben oder Tod des Vaters und auch das eigene Schicksal von Ihrer Antwort abhänge. Dennoch blieb sie gefaßt wie ein Mensch, der eine Gefahr längst voraus gesehen und darauf vorbereitet ist.

»Mein Herr,« begann sie ernst, »Ihre großmütige Handlungsweise verpflichtet mich Ihnen vollständig. Mein geringes Selbst ist zu arm, Ihrer namenlosen Güte annähernd zu vergelten und Ersatz zu bieten für alle Gefahren, denen Sie sich aussetzten für den Vater. Dennoch könnte ich Ihr Werben nur dann annehmen, wenn Sie das Hindernis einer ehelichen Verbindung zwischen uns entfernen wollten.«

Eine so günstig scheinende Antwort hatte der Werbende nicht erwartet.

»Befehlen Sie, Isabella!« rief er freudig überrascht. »Wäre das Hindernis eine Mauer von Erz, – ich reiße sie nieder, – ein Bollwerk von Granit, ich stürme es!«

»Das gemeinte Hindernis,« erklärte die Gräfin, »ist der feindselige Gegensatz zwischen unseren religiösen Überzeugungen. Sie, mein Herr, sind Atheist, – ich bin gläubige Katholikin. Nach meinen Begriffen vom Eheleben können Friede und Glück nicht bestehen bei so widersprechenden Ansichten.«

Danton saß betroffen. Dies war allerdings mehr als eine Mauer von Erz, – ein Hindernis, das sich mit Riesenfäusten nicht stürzen ließ.

»Mein Fräulein, Ihre Bedenken sind schmerzlich, aber vernünftig! Wäre Ihnen die Ehe ein flüchtiges, loses Verhältnis und nicht ein Bund für das Leben, – der gemachte Einwand konnte nicht erhoben werden. Gerade dieser edle Standpunkt, den Sie für Gattentreue und Liebe einnehmen, vermehrt, wenn dies möglich wäre, für Sie meine Bewunderung. Dennoch, mein Fräulein, dennoch bin ich außer Stande, Ihrem Wunsche für den Augenblick zu genügen. Sie fordern ein Zugeständnis, das mein gegenwärtiges Können übersteigt.«

»Ich dränge nicht, mein Herr!« sprach sie rasch. »Mich freut, daß Sie ein Verständnis für mein Empfinden haben. Überlegen Sie. Sinnesänderung kann ja nicht das Werk eines Tages sein. – Jetzt zum Vater, wenn ich bitten darf.«

Sie fuhren nach der Abtei, wo sie eine Stunde bei dem Grafen verweilten.

Während der Unterhaltung schlich Duprat, der Oberkerkermeister, an die Türe und lauschte. Er nickte häufig mit dem Kopfe, kniff grimmig die Lippen zusammen und schnitt schadenfrohe Grimassen. Als beim Abschied die Stühle gerückt wurden, verschwand der Lauscher in seiner Stube.

»Schon recht, – eine Konspiration, – eine hübsche Verschwörung!« murmelte Duprat. »Wer hätte in Danton einen solchen Schurken gesucht? Ganz gut! Ich merke, der Mensch ist toll, verrückt, hat seinen Kopf verloren. Was hat ihn toll gemacht? Diese ausgezeichnet hübsche Aristokratin, welche allerdings das Zeug dazu hat, selbst einen Danton verrückt zu machen. O, – ich merke, – man hat seine Vernunft! Um den Preis ihrer Gunst rettet er den alten Aristokraten, – das heißt, wenn ich keinen Strich mache durch die Rechnung. Und ich mache einen Strich, – einen recht dicken, – warum? Weil das Vaterland in Gefahr ist und mein Vorteil dazu. Der Aristokrat kostet mich jeden Tag ein hübsches Geld, welches Danton nicht zurückzahlen wird, obschon er es versprochen hat. Ha, – ein Schafskopf müßte ich sein, Hände voll Geld hinauszuwerfen für einen Aristokraten! Ich habe gemeint, die Aristokraten seien nur dazu da, mich zu bereichern und sich dann köpfen zu lassen. – – Ah, – eben geht er wieder, der edle Volksmann!« fuhr Duprat fort, durch das Fenster in die Straße sehend, wo Danton seine stützende Hand Isabella beim Ersteigen der Kutsche reichte. »Fahret zu, – euer Weg führt zum Schafott!« sagte grinsend der Kerkermeister. »Das muß ein Ende nehmen, – bald, recht bald ein Ende nehmen! Den Kerl da drüben mit Kalbsbraten, Hammelskeulen und Pasteten füttern, – ich? Ha – ha! Meinen besten Bordeaux ihm aufstellen, ihn mit Leckerbissen traktieren, – einen Aristokraten? Alles umsonst, – aus meinem Sack? Schon gut! – – Vorsichtig, Duprat, – vorsichtig!«

Er durchschritt sinnend das Zimmer.

»So gehts, – so muß es gehen! Saint-Just soll alles erfahren! Den Dank des Vaterlandes verdiene ich; denn meine Klugheit entdeckte eine höchst gefährliche Konspiration, – jawohl! Saint-Just wird meine Entdeckung Robespierre mitteilen und Robespierre, – nun Robespierre ist stark genug, selbst einen Danton auf die Guillotine zu schicken.«

Eine Wagenladung Gefangener, die vor der Pforte hielt, unterbrach das Selbstgespräch des Oberkerkermeisters Duprat.

Gegen Abend erschien Danton abermals zum Besuche des Grafen in der Abtei.

»Ah, – mein Freund, Sie überraschen mich in der angenehmsten Weise!« sagte Rovere, das Buch beiseite legend, in dem er gelesen.

»Ich komme, Ihren väterlichen Beistand anzurufen in einer wichtigen Herzensangelegenheit,« erwiderte Danton.

In kurzen Worten gestand er seine Neigung für Isabella, berichtete von seinem Werben und der Antwort des Edelfräuleins.

»Sie werden begreifen, mein Herr,« fuhr Danton fort, »daß man Überzeugungen nicht wechseln kann wie Kleider. Ich könnte zwar heucheln, wenn dies nicht unmännlich und schmachvoll wäre. Nein, in der Liebe kein Betrug! Keine Schändung eines Verhältnisses, das ich als das höchste Glück meines Lebens betrachte. Halten Sie mich Ihrer Tochter würdig, so bitte ich um Ihren väterlichen Beistand!«

»Sie haben meinen Segen, Freund Georges! Was ich vermag über die Willensrichtung meiner Tochter, soll geschehen. Könnte ich mein Kind glücklicher und sicherer wissen, als in der Hut und Liebe eines so edelsinnigen und einflußreichen Mannes? Hoffnung, mein Freund, Hoffnung!«

»Unendlich verpflichtet, mein Herr!«

»Und dann, Freund Georges, was Ihren Atheismus betrifft, so gestatten Sie mir gütigst eine Bemerkung. Auch ich war Atheist, ein Schwärmer jener Philosophie, deren Höchstes die menschliche Vernunft und Selbstvergötterung ist. Ich war Philosoph, weil Philosophie Mode gewesen. Daß die Mode falsch, irrig, verderblich sein könne, erwog ich um so weniger, weil die Philosophie ein zwangloses Leben gestattete. Aber die Erfahrung, die Züchtigung, die scharfe Rute, am Dornenzaun der Philosophie gewachsen und reifliches Nachdenken haben mich von jenem Wahne gründlich kuriert. Ich schwöre Ihnen, mein Freund, es gibt einen Gott, ein höchstes heiliges, gerechtes Wesen! Wer seine Augen öffnet, der sieht Gottes waltenden Arm in den Geschicken Frankreichs,« – und Rovere trat lebhaft ein für Wahrheiten, die er früher bekämpfte und verspottete.

Danton hörte ihm schweigend zu.

»Ich werde überlegen und mich bemühen, Isabellas Standpunkt zu gewinnen,« sprach er aufstehend. »Morgen werde ich Sie mit Ihrer Tochter allein lassen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, mir die größten Freundesdienste leisten zu können.«

So geschah es. Am nächsten Morgen begleitete Danton die Gräfin nach der Abtei. Er begrüßte den Gefangenen, schützte einen notwendigen Gang vor und verließ das Zimmer mit der Bitte, Isabella möge so lange hier weilen, bis er zurückkehre.

»Die Abwesenheit unseres edlen Freundes kommt mir gelegen, einen delikaten Punkt berühren zu können,« begann der Graf. »In tiefster Niedergeschlagenheit vertraute mir Georges, er habe geworben um Ihre Hand und Sie hätten an einen Gesinnungswechsel des Atheisten Ihre Einwilligung geknüpft.«

»Das habe ich getan, Papa!« gestand sie unbefangen.

»Aber ich bitte, mein Kind, wie kann jemand seine Überzeugung wechseln gleichsam im Handumwenden? Das ist gar nicht möglich.«

»Weil ich diese Unmöglichkeit einsah, darum stellte ich diese Bedingung.«

»Was höre ich, meine Tochter?« sagte Rovere unangenehm berührt. »Sie könnten es über sich gewinnen, einen so edlen Mann zu täuschen?«

»Könnten wir uns nicht täuschen, mein Vater, in der Annahme, Herr Georges sei ein edler Mann?«

»Wie ist hier eine Täuschung möglich? Hat er mich nicht aus einer schrecklichen Lage erlöst? Fristet von seiner Güte nicht Ihr unglücklicher Vater sein Leben? Arbeitet er nicht auf eigene Gefahr an meiner Rettung? Übersteigt seine Hochherzigkeit nicht jedes Maß? Und Sie können solch einen Mann täuschen wollen?«

Isabella blickte schweigend vor sich hin.

»Ich begreife Sie nicht, mein liebes Kind! Seien Sie überzeugt, Ihrem milden Einflusse wird es gelingen, den gutmütigen Georges für christliche Anschauungen zu gewinnen. Nur fordern Sie keine augenblickliche Bekehrung. Aus eigener Erfahrung kenne ich die ungeheuren Schwierigkeiten, den Irrtum zu überwinden und sich zur Höhe der Wahrheit durchzukämpfen. Auch war ich Atheist, – nur einer außerordentlichen Leitung, unterstützt von schweren Prüfungen, sowie von Ihrem sanften, beharrlichen Bemühen, verdanke ich meine gründliche Sinnesänderung. Hoffen wir die gleichen Erfolge für unseren Freund.«

»Sie waren niemals Danton, mein Vater!«

»Danton?« wiederholte verwundert der Graf. »Wir sprechen von unserem edlen Wohltäter Georges, – nicht von dem Ungeheuer Danton.«

»Bleiben wir dennoch bei Danton, mein Vater! Angenommen, Danton knüpfte Ihre Rettung an meine Hand, – werden Sie wünschen, das Leben um einen solchen Preis zu erhalten?«

»Wozu diese empörende Annahme? Lassen wir Phantasiegebilde beiseite. Beschimpfen wir den edlen Georges nicht durch eine Zusammenstellung mit dem Blutmenschen Danton.«

Sie saß unentschlossen. Der Graf bemerkte ihr Schwanken und Kämpfen und das Auftauchen eines furchtbaren Gedankens spiegelte sich in seinen Zügen.

»Mein Vater,« hob sie zögernd an, »die Notwendigkeit erzwingt eine Entdeckung, die Ihre ganze Fassungskraft fordert. Ich bitte um Gleichmut und christlichen Heroismus.«

»Ha, – Georges ist – Danton!« stieß der Graf hervor.

Sie nickte bestätigend mit dem Haupte. Rovere fuhr vom Sitze.

»O Himmel, – nun begreife, – nun verstehe ich!« rief er. »Mein Kind einem blutlechzenden Ungeheuer? Nein! Niemals! Lieber zehnfacher Tod!«

Dann schwieg er. Seine Heftigkeit verwandelte sich in scheinbare Ruhe. Mit väterlicher Herzlichkeit zog er Isabella an seine Brust und küßte sie auf die Stirne.

»Keine Furcht, meine Perle, mein Kleinod!« sprach er gerührt. »Den Vater möchte ich sehen, der sein Leben erkauft durch die Vermählung seines Kindes mit einer Bestie! Ein Leben um solchen Preis wäre fortgesetzte Schmach. Beruhige Dich, mein liebes Kind, – ich sterbe mit Freude!«

Tränen flossen über Isabellas Wangen. Er schaute sie an und wieder stürmte jäher Schreck über sein Gesicht.

»Aber etwas anderes packt, – zerreißt mir das Herz!« sprach er dumpf. »Wird mein Tod Dich schützen, Kind? Bist Du nicht in der Gewalt eines Ruchlosen? O Gott im Himmel!«

»Seien Sie deshalb beruhigt, mein Vater! Auch mir wird der Tod Freiheit und Schutz gewähren.«

»Was wollen Sie tun?«

»Mich in derselben Stunde dem Revolutionsgericht überliefern, in der mein Vater verurteilt wird.«

»Sehr gut! Ah, – Du bist eine echte Rovere! Lieber Tod, als Entehrung!«

Indessen, mein Vater, sind wir an jenem Punkte noch nicht angelangt. Vertrauen wir der Vorsehung. Mein ganzes Tagewerk besteht darin, unablässig den Beistand unseres allmächtigen Vaters im Himmel zu erflehen. Ich bitte, Zuversicht, Vertrauen! Ich werde Danton zu bestimmen suchen, vorerst Ihre Freiheit zu erwirken, bevor ich sein Werben berücksichtigen könne. Deshalb meine dringende Bitte, ihm zu begegnen, wie bisher dem edlen, hochherzigen Georges, – durch keine Miene Ihre Entrüstung über den tausendfachen Mörder Danton zu verraten.«

»Werde mich bemühen, mein kluges Kind! O Du mein Gott, – mein Gott!«

Durch den Gang hallten schwere Tritte.

»Eben kommt er!« sagte Isabella. »Fassung, Unbefangenheit!«

Der Athletische trat ein. Er sah Roveres verlegenen Ernst und schrieb denselben vergeblichem Bemühen zu. In dieser Ansicht bestärkte ihn des Grafen bedauerndes Achselzucken, mit dem er seinen forschenden Blick beantwortete. Ein wildes Feuer brannte flüchtig in Dantons Augen, das jedoch erlosch, sobald er Isabella ansah, deren hoheitvolle Schönheit durch Schrecken und Bangen verklärt schien.

»Darf ich Sie nach Hause begleiten, mein Fräulein?« frug er artig.

Sie nickte bejahend, ihren Vater mit den Worten umarmend: »Auf Wiedersehen!«

Am folgenden Morgen harrte die Gräfin vergebens der Ankunft Dantons. Gegen Abend schickte sie David zu ihm, mit der Bitte um Aufschluß. Der Triumvir schützte überhäufte Geschäfte vor. Auch am zweiten Tage kam er nicht. Isabella geriet in namenlose Angst. Wieder schickte sie David. Danton war nicht zu Hause. Am dritten Tage wartete Isabella abermals vergeblich. Ihre Angst steigerte sich zu fieberhafter Aufregung. Die stürmisch bewegte Einbildungskraft malte ihr die schrecklichsten Bilder. Sie schrieb einige Zeilen an Danton, welche die Bitte um einen Besuch enthielten. Mit dem Briefe ging David nach dem Hause des Triumvirn.

Dantons Nichtkommen entsprang sehr ernsten, für ihn sogar gefährlichen Ursachen.

Der Oberkerkermeister Duprat hatte Saint-Just bald der Mühe überhoben, Danton ferner beobachten zu lassen. Weitläufig erzählte er dem Vertrauten Robespierres von Dantons verdächtigen Umtrieben. Saint-Just befahl dem Kerkermeister strenges Stillschweigen und begab sich zu Robespierre. Dieser vernahm die Kunde mit einem Gemisch von Schadenfreude, Überraschung und ränkevoller Tücke. Äußerlich heuchelte er Entrüstung und tiefes Bedauern.

»Mein Gott, welches Verderbnis!« rief er aus. »Gibt es keine tugendhaften Menschen mehr? Wenn Danton abfällt von republikanischer Gesinnung und die Gerechtigkeit verrät, was ist dann nicht alles möglich? O mein Freund, wir haben Ursache, unsere Kräfte zu verdoppeln, um die bedrohte Freiheit zu retten! Allenthalben Konspirationen, Abfall, verräterische Schwäche, Käuflichkeit, Raub, geheime Verschwörungen! Eher hätte ich an mir selber gezweifelt als an Danton. Ich wiederhole, die wenigen Tugendhaften müssen wachen, – handeln.«

»Lassen wir der Gerechtigkeit freien Lauf!« sprach der Apokalyptische. »Danton hat seinen Kopf verwirkt.«

Robespierre saß schweigend und nachdenkend.

»Vorsichtig, mein Freund!« hob er wieder an. »Rovere kenne ich und dessen Tochter, – allerdings eine verblendende Figur, eine bezaubernde Schönheit, die wohl Leute um ihren Verstand bringen kann, welche fortwährend schwelgen und prassen, obschon das arme Volk hungert. – Dantons Strafbarkeit mag das gewöhnliche Maß übersteigen. Warum wird Rovere nicht verurteilt? Ich wette, Danton schaffte den Anklageakt beiseite. Gehen Sie unverweilt nach dem Bureau. Verlangen Sie Einsicht in den Akt. Inzwischen werde ich reiflich überlegen, was wir tun müssen.«

Nach Saint-Justs Entfernung versank Robespierre in Gedanken. Was in ihm lebte, trat in seine Züge. Das gewöhnlich so ruhige, sanft lächelnde Gesicht wurde hart, in den Augen loderte es unheimlich, grimmig zusammengepreßt waren die Lippen.

»Seine Stunde hat noch nicht geschlagen,« zischte es kaum hörbar aus seinem Munde. »Ich brauche ihn noch. Dantons feurige Kraft sei mir noch dienstbar auf dem Wege zur Alleinherrschaft. Hat sein Kopf ausgedient, – dann falle er. – – Aber den günstigen Umstand will ich benutzen, ihn zu kirren, von meinem Wohlwollen zu überzeugen. Er glaube an meine Freundschaft, damit ihn später, wenn auch seine Stunde gekommen, das Verderben desto sicherer überfalle.«

Gegen Abend besuchte Barere, Dantons Genosse bei Schwelgereien und Ausschweifungen, seinen Vertrauten. Er fand ihn halb berauscht, finster und brütend.

»Robespierre schickt mich zu Dir,« begann er nach flüchtiger Begrüßung, »Robespierre, der sich mit starker Betonung Deinen besten Freund nannte.«

»Robespierre ist aller Leute bester Freund, bis er sie guillotinieren läßt,« versetzte Danton, roh auflachend.

»Dennoch gibst Du ihm Anlaß, Dich guillotinieren zu lassen?«

»Ich?«

»Er weiß alles! Du bewirbst Dich um die Gunst eines sehr hübschen Mädchens, Isabella Rovere. Zur Erlangung dieser Gunst strebst Du, den gefangenen Alten zu retten, – hast dessen Anklageakt beseitigt, – Deine hervorragende Stellung zur Verschwörung gegen das Gesetz mißbraucht. Lauter Dinge, von denen weniger als die Hälfte genügt, Dich auf das Schafott zu bringen.«

Danton saß ernüchtert, mit weit geöffneten Augen.

»Wie kam die schleichende Tigerkatze dahinter?« frug er mit klangloser Stimme.

»Robespierre, Dein bester Freund, läßt Dich dringend bitten, von gefährlichen Umtrieben abzustehen, welche geheime Feinde leicht zu Deinem Verderben benützen könnten.«

»Oho, – für so dumm hält mich der tugendhafte Robespierre?« rief Danton, der seine Fassung wieder gewonnen. »Den Anklageakt begehrte ich zur Einsicht, wozu ich ein Recht habe; denn ich bin Mitglied des Wohlfahrtsausschusses. Den Aristokraten Rovere gebrauchte ich zu meinen Zwecken, bevor er das Schafott besteigt. Das ist alles! Meine Ankläger mögen vortreten, – ich werde mich verteidigen.«

»Sei klug, – lenke ein!« riet Barere.

»Bin eben daran,« versetzte Danton, mit angenommener Gleichgültigkeit. »Reden wir nicht wieder von dieser Kleinigkeit.«

Er füllte die Gläser.

»Ist das Mädchen wirklich von so außerordentlicher Schönheit? Selbst Robespierre, der tugendstrenge Heilige, rühmte Isabellas unvergleichliche Figur.«

»Er kennt sie?«

»Vom Schlosse Rovere her, das er vor einigen Jahren besuchte.«

»Hm, – vor einigen Jahren! Wenn er sie jetzt sähe, in der Blüte ihrer vollen Entwicklung! Der tugendhafte Mann würde bei ihrem Anblick seine Maske vergessen, sich zu Liebeserklärungen versteigen, vielleicht sogar unterlassen, Proskriptionslisten zu schreiben.«

»Ist sie spröde?«

»Hart, wie Stahl.«

»Nun!« sagte Barere mit einem wüsten Lächeln.

»Nun?« wiederholte Danton in fast strengem Tone.

»Feuer glühet Stahl und macht ihn weich.«

»Rede nicht von einem Wesen, von dem Du keine Vorstellung haben kannst, weil Du niemals ähnliches gesehen.«

»Du spannst meine Neugierde außerordentlich.«

»Das wollte ich nicht.«

»Wo wohnt sie?«

»Für Dich im Monde, mein Freund! Genug hievon, – trinke!«

Lange saßen die Zechgenossen beisammen. Vergebens bemühte sich Barere, näheres über Isabella zu erfahren. Danton wies den Frager bestimmt zurück, den Gegenstand mit einem Ernste behandelnd, der keineswegs seiner zynischen Lebensart entsprach.

In der nächsten Konventssitzung begrüßte Danton Robespierre.

»Dank für eine Aufmerksamkeit, die überflüssig gewesen,« sagte er. »Da jedoch treue Freundschaft ängstlich ist, so begreife ich Ihr Einmischen in eine ganz harmlose Geschichte. Das nähere werde ich Ihnen bei günstiger Gelegenheit mitteilen.«

»Die Sache hat aber doch Staub aufgewirbelt,« entgegnen Robespierre.

»Sehr natürlich! Staubaufwirbler gibt es immer, und ich bin jederzeit im Besitze von starken Wassergüssen, aufgewirbelten Staub in Kot zu verwandeln.«

Robespierre verbeugte sich lächelnd, innerlich ergrimmt über Dantons Spott.

Bei seiner Rückkehr nach Hause fand Georges den schrecklichen Fouquier. Der Athletische warf ihm einen scharfen, unmutsvollen Blick zu.

»Ich erwarte Sie in amtlicher Angelegenheit, Bürger-Deputierter!« hob der öffentliche Ankläger an. »Wollte nämlich fragen, ob Sie von dem Anklageakt des Aristokraten Rovere nun Einsicht genommen und mir denselben überlassen können?«

»Woher wissen Sie, daß ich im Besitze des Aktes bin?«

»Von demselben Sekretär im Wohlfahrtsausschüsse, welcher Ihnen denselben übergab. Ich fand nämlich im Verzeichnisse der Gefangenen, daß jener Rovere längst an der Reihe war, guillotiniert zu werden, zog deshalb Erkundigungen ein über diese Unregelmäßigkeit. So kam ich der Sache auf den Grund.«

»Hier der Akt!« sagte Danton, dem anderen das Schriftstück überreichend. »Wollte mich nebenbei von der gerühmten patriotischen Gesinnung Roveres überzeugen.«

»Von der patriotischen Gesinnung eines Aristokraten?«

»Lesen Sie nur!«

»Ah, – jetzt verstehe ich! Der Sohn klagt seinen Vater an, – will selber Zeugnis geben, – in der Tat, ein echter Patriot!« rühmte Fouquier.

»Wann schicken Sie den Alten auf die Guillotine?«

»Für morgen wurde die Liste schon festgestellt. Übermorgen wird der Aristokrat und Emigrant Rovere nachholen, was man bisher versäumte.«

»Ich bedauere, Sie bemüht zu haben,« sagte Danton, mit einer verabschiedenden Handbewegung.

Fouquier ging.

Danton warf sich in die Polster und starrte vor sich hin.

»Juckt es ihn wirklich nach meinem Kopfe? Nur einen Schritt tat ich von der blutgetränkten Bahn auf den Pfad der Menschlichkeit, und schon reckt die Tigerkatze Robespierre nach mir die mörderischen Krallen. Langsam, giftgeschwollene Natter, – nur langsam! Deine Schlangenwindungen kenne ich, – sie ringeln sich empor zur Diktatur! Was Dir im Wege liegt zur Alleinherrschaft, schickst Du unter das Fallbeil. Über meinen Kopf sollst Du niemals hinwegkommen. Mein Fuß wird Dich zertreten, – falschzüngelnder, giftgeschwollener Wurm. Danton bin ich!« rief er, stolz die athletische Gestalt emporrichtend. »Danton, – ein Abgrund für alle schleichenden, tückischen Schurken!«

Er durchmaß mit gedehnten Schritten das Zimmer.

»Vorwärts, – kein Straucheln!« fuhr er fort, wild die Augen rollend. »Vorwärts, – Köpfe, – Blut, – Schrecken! Kein Menschengefühl, – keine Schonung, – keine Schwäche! Der Schrecken allein führt zum Ziele. Menschlichkeit macht Danton zur Fliege, die sich in jedem Gewebe fangen, sogar von einem Mädchen überwinden läßt. Nur Härte und Grausamkeit macht Danton furchtbar, unüberwindlich, – und diesen Danton soll auch sie kennen lernen, – sie, – Isabella!«

Er blieb stehen, gleichsam betroffen über den entschlüpften Gedanken.

»Nun ja, – es gibt auch eine sanfte Gewalt, – eine liebenswürdige Grausamkeit!« fuhr er entschuldigend fort. »Wenn ich sie mir vorstelle, – ihre Anmut, ihre unvergleichliche Schönheit und Hoheit mir vor Augen halte, so wird die Grausamkeit schamrot und der Schrecken feige. – – Hat es nicht der Dinge Lauf gefügt, daß ich sie retten muß? Retten, – für mich? Gegen ihren Willen retten? Einen Rettungsweg zu finden, möglichst sanft, möglichst geräuschlos, – dies ist jetzt meine Aufgabe!«

Tritte im Vorzimmer unterbrachen ihn. Henry schritt langsam über die Schwelle.

»Ah, – Du kommst gelegen, – Dich brauche ich!« rief ihm der Athletische zu.

»Ich stehe zu Diensten! Was gibt's?«

Mit kurzen Worten unterrichtete ihn Danton von der Sachlage.

»Sehr gut, – ausgezeichnet!« rief Henry. »So kommen wir doch endlich zum Ziel. Längst brannte ich vor Begierde, meinen Patriotismus vor dem Revolutionsgerichte glänzen zu lassen. Gibt es einen tugendhafteren Menschen, als einen Sohn, der seinen leiblichen Vater schlachtet auf dem Altare des Vaterlandes?«

»Du kannst Dir etwas auf Deinen Patriotismus einbilden, doch nicht mehr, als billig,« versetzte Danton, boshaft lächelnd. »Sehr viele Patrioten haben Dich übertroffen. Nur ein Fall. Vor etwa zwei Dekaden kommt der Bürger Philipp in den Jakobinerklub, dessen Mitglied er ist. Unter dem Arm trägt er eine Kiste. Er besteigt die Tribüne und hält eine lange Rede über Patriotismus. Die Rede beweist, daß jeder gute Jakobiner nicht nur das Recht, sondern die Pflicht habe, selbst der nächsten Verwandten sich zu entledigen, wenn sie unpatriotische Gesinnungen haben. Zum Schlusse öffnet er die Kiste und zieht an den Haaren die Köpfe seines Vaters und seiner Mutter heraus, die er abgeschnitten hatte, weil, wie er sagte, die eigensinnigen Leute nicht zu bewegen waren, den Gottesdienst eines geschworenen Geistlichen zu besuchen. A. Cordier, Martyres et bourreaux, I. f. 247. – Siehst Du, Bürger Philipp übertrifft noch den Bürger Henry.«

»Mag sein! Zum Kopfabschneider tauge ich nicht. Aber tauglich, verlässig, brauchbar möchte ich sein für einen Posten, der einen ganzen Republikaner fordert. – Wie meinst Du?«

»Ich verstehe! Du besitzest die richtige Qualität für den Präsidentenstuhl in Limoges. Dein kluger Beistand in meiner Herzensangelegenheit soll Dir ihn verschaffen.«

»Du versprichst es mir?«

»Auf Ehrenwort!«

»Ich bin Dein! Verfüge über mich!«

Es begann eine lebhafte Unterredung. Während derselben erschien David mit Isabellas Brief. Dantons Diener war nicht anwesend, und David, mit den Räumlichkeiten des Hauses bekannt, hatte die Treppe erstiegen. Er betrat ein Vorzimmer und hörte durch die offenstehenden Türen Worte, die ihn fest bannten. Lauschend blieb er stehen.

»Du bestehst also auf der Entführung für den Tag nach der Verurteilung?« frug Danton.

»Ja, – ich habe Dir meine Gründe angegeben!«

»Gut!« fuhr der andere fort. »Mithin wirst Du übermorgen vor dem Revolutionsgericht Zeugnis ablegen gegen Deinen Vater.«

»Nicht allein dies,« unterbrach ihn Henry. »Auch der Hinrichtung meines väterlichen Aristokraten will ich beiwohnen, – warum? Zum Beweise, daß meine patriotische Tugend jede menschliche Schwäche der Blutsverwandtschaft überwunden hat.«

»Schon recht! Übermorgen wird Dein Vater guillotiniert, – am Tage darauf, also am Mittwoch, Deine Schwester entführt. Ich werde sie gegen Abend in einem Wagen abholen mit dem Vorgeben, nach der Abtei zu fahren. Du begleitest uns, aber David muß entfernt werden. In meinem Landhause wäre der Kerl ein überflüssiges Stück Möbel und keine Förderung meiner Absichten.«

»Ich will den Schuft in jener Stunde mit einem Aufträge aus dem Hotel schicken,« sagte Henry. »Abgemacht! Übermorgen Hinrichtung meines Aristokraten, am Mittwoch Entführung des schönsten Mädchens der Republik. Bürger, Du bist beneidenswert!«

David fuhr mit der Hand über die Stirne. Seine Hand war eiskalt und die Stirne brannte.

Die beiden Elenden lachten. David benutzte den Lärm, auf den Gang zurückzuschleichen. Jetzt nahte er mit lauten Tritten. Danton kam ihm entgegen.

»Ich soll gleich Antwort bringen,« sagte David, den Brief überreichend.

»Meine herzlichsten Grüße,« sprach der Triumvir, nachdem er gelesen. »Ich werde mir die Ehre nehmen, das Fräulein morgen zu besuchen und meine scheinbare Gleichgültigkeit rechtfertigen.«

David ging, taumelte die Stiege hinab und wankte wie ein Trunkener durch die Straße. Ohne aufzusehen, das Haupt herabgebeugt, schwankte er dahin, verwirrt, toll, fassungslos über das Vernommene. Zuweilen stöhnte er: »O Gott, – Isabella! O Gott, Hilfe, – Erbarmen!«

Dann tauchte aus der Tiefe seines Schreckens flammender Zorn auf gegen Henry.

»Der Elende, – o der Schurke! Seinen Vater schleppt er auf's Schafott, – seine Schwester überliefert er dem Schändlichen, – dem Othello Danton! Sohn der Hölle, – viehischer Unhold, – warte, – warte! Komme nur, Ruchloser, – komme, Dein Teufelswerk auszuführen, – komme nur, – ich habe Pistolen! Was ich tun will, weiß ich noch nicht, – aber das weiß ich, daß ich Pistolen habe, die Unschuld zu verteidigen. Ganz gewiß, – eine Pistole für Henry Satan, – die andere für Othello Danton.«

Die Mordgedanken beugten noch tiefer sein Haupt, schwenkten die langen Arme und setzten die Beine in rascheren Gang. Da fühlte er sich an beiden Schultern festgehalten. Ein Fremder stand vor ihm, eine Art von republikanischen Beamten, wie Haltung und Tracht bewiesen. Der Mann war gekleidet in eine blaue Jacke, rote Pumphose und eine dreifarbige Weste. Um den Hals trug er eine steife Krawatte von solcher Höhe, daß sie ihm fast den Mund bedeckte. Neben der roten Pumphose, der Weste in den drei Revolutionsfarben und der weißen Krawatte verriet auch die ungeheuere Kokarde am Hute den öffentlichen Diener der Republik. Vom Gesichte war wenig zu sehen; denn es verschwand fast vollständig unter den herabhängenden Haaren von oben, sowie unter der Krawatte von unten.

»Er ist es wahrhaftig!« rief der Unbekannte, nachdem er dem Torwächter näher in das Gesicht gesehen. »David, wie kommst Du hieher? Wie oft hab' ich schon an Dich gedacht! Bei meinem Amte, Du bist der edelste Mensch von der Welt! Kennst Du mich denn gar nicht mehr?«

David betrachtete den Fremden und bewegte verneinend den Kopf.

»Freilich, als Du mich zuletzt sahst, war ich noch ein Sklave, – Sklave des Monopols, wie Du ganz richtig gesagt hast. Und jetzt? Nun, – jetzt bin ich Souverän und Geschworener des souveränen Volkes. Nicht wahr, ein hübscher Unterschied zwischen damals und jetzt? – Du erkennst mich nicht, – natürlich! Muß etwas nachhelfen.«

Er strich die langen Haare aus dem Gesichte und drückte die Krawatte herab.

»Mein Gott, – Thomas Gilbert!« sagte David, dem Erkannten die Hand reichend.

»Der bin ich, mein Freund, – Du edle Seele! Wie klug und zart hast Du mich damals gewarnt vor der Schlange Madelon! »Man legt keine kalte Natter an seinen warmen Busen,« – hast Du gesagt. Ja, Madelon war eine rechte Natter! Sie verriet mich an den lüderlichen Chatel, dann wieder an den Schurken Henry, – o ich weiß alles!« rief er mit rachsüchtig funkelnden Augen. »Alles weiß ich, – und nichts wird vergessen. Komme ich los hier, – nur auf eine Dekade, dann sollen Schlangen- und Schurkenköpfe fliegen, wenn sie noch nicht geflogen sind. – Lebt der hundsföttische Henry noch?«

»Der Schurke lebt und zwar in Paris.«

»Wie, – was, – hier?« rief Thomas erstaunt, und noch rachsüchtiger glühten seine Augen. »Wo steckt er? Rede! Wo kann ich ihn greifen?«

»Langsam, Thomas, langsam und besonnen! Du hassest Henry und ich verabscheue den Elenden. Der Mensch ist wirklich der teufelsmäßigste Schuft unter der Sonne. Hat ihm die Guillotine den Kopf heruntergeschlagen, so kann sie das Tagewerk einstellen; denn sie hat den Inbegriff aller Schändlichkeit und Ruchlosigkeit aus dem Wege geschafft.«

»Das höre ich gern! Ich sagte es ja, Du bist der edelste und gescheiteste Mensch von der Welt! Also, wo steckt der Tyrann, der Leutschinder? Wo kann ich ihn packen?«

»Bist Du stark genug, einen zu packen, der ein Freund Dantons ist?«

»Dantons? Richtig, – hörte davon, daß Schuft Henry den Patrioten spielt! Das soll ihm aber nichts helfen. Danton ist zwar stark, – ich bin auch stark, sogar viel stärker, wenn sich Danton untersteht, Tyrannen zu schützen. Danton hat seine Verdienste um das Vaterland, – auch ich habe meine Verdienste. Freiheit und Volkssouveränität kennen mich. Danton ist Bürger-Deputierter, – ich bin Geschworener des Revolutionsgerichtes, der schon manchem Bürger-Deputierten das Todesurteil gesprochen hat. Meinst Du, ich werde einen Lumpenhund nicht greifen können, der sich hinter Dantons breiten Rücken versteckt? Also Vertrauen, David, ehrlicher David, nur Vertrauen! Rücke heraus mit der Farbe. Sage mir alles haarklein!«

Der Torwächter berichtete umständlich. Insbesondere hob er mit starken Farben Henrys Ruchlosigkeit hervor, seinen schuldlosen Vater unter das Messer zu liefern, um seinen erheuchelten Patriotismus leuchten zu lassen, und Isabella gleichsam zu verkaufen, um seinen Ehrgeiz durch Dantons Macht zu befriedigen.

»Vermagst Du etwas, mein Freund,« schloß David; »so rette den alten schuldlosen Mann, der halb oder ganz verrückt sein soll, der nicht weiß, was er tut oder spricht. Rette ihn und schicke an dessen Stelle den erbärmlichen Henry dorthin, wohin er längst gehört.«

»Also übermorgen will der Schuft seinen närrischen Vater uns vorstellen?«

»Übermorgen!«

»Sehr gut! Es macht sich alles vortrefflich. Ha, – Rache, – Rache, – göttliche Rache! Mit der Peitsche schlug er mich, – ich werde ihn mit der Guillotine schlagen. Nach Cayenne schickte er mich, – ich werde ihn zur Hölle schicken. Ha – ha! David, guter David, tausend Dank für Deine Botschaft. Aber fein still geschwiegen, – nur still!«

»Du wirst den alten Rovere retten können?«

»Natürlich! Das können wir, das wollen wir, – wär's auch nur, um den Schurken Henry zweimal zu morden. Jetzt komme! Wir müssen genauer darüber sprechen und alles einfädeln.«

»Wohin, Thomas?«

»Zur Guillotine, mein Freund, zur goldenen Guillotine! Siehst Du sie dort blinken?« – und er deutete auf ein großes Wirtshaus, dessen Schild eine vergoldete Guillotine bildete. »Vorwärts, – die Häupter des souveränen Volkes müssen Dich kennen lernen.«

»Nur einige Minuten Verzug, Thomas! Ich habe noch etwas auszurichten, was sich nicht verschieben läßt. In zehn Minuten bin ich bei Dir.«

»Gut, – ich gehe voraus! In der Einfahrt die erste Türe links.«

»Ich eile!« sagte David und hastete nach dem Hotel, wo ihm die Gräfin bange entgegentrat.

»Danton läßt meine Gnädigste grüßen und sagen, er werde morgen kommen, sein Ausbleiben zu rechtfertigen.«

»Vom Vater sagte er nichts?«

»Nein, Gnädigste! Aber es scheint alles gut zu stehen. Gott wird helfen, – sicher helfen. Ja, es lebt eine Vorsehung, – eine gerechte Vorsehung!«

»Wie aufgeregt Sie sind, David!«

»Vor Freude, Gnädigste! Ich traf eben einen guten alten Bekannten, der mich einlud. Mit Ihrer gnädigsten Erlaubnis möchte ich ein Stündchen mit ihm plaudern.«

»Gehen Sie, mein Getreuer!«

»Aber ich bitte, gnädiges Fräulein, die Türe fest verschlossen zu halten, niemand zu öffnen. Gefahr ist zwar nicht, – nur zu meiner Beruhigung.«

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