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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 31
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Napoleon Bonaparte.

Nach Tisch pflegte Paul ein Café in der Nähe zu besuchen. Robespierre begleitete ihn zuweilen dahin und spielte mit dem Gaste eine Partie Schach. Stille Leute tranken dort ihren Kaffee, lasen Zeitungsberichte über den Krieg, erschraken insgeheim über die wachsende Zahl der Guillotinierten, sprachen selten ein Wort und gingen bald. Sanscülotten mieden das Lokal, es war zu enge und säuberlich. Auch die Wildesten scheuten sich, Robespierres reinlichen Sitz zu beschmutzen. Deshalb wunderte sich Paul, heute vier Proletarier der schlimmsten Sorte in der Kaffeestube zu finden. Die Bereitwilligkeit zu jeder Bluttat lag ihnen handgreiflich in den abschreckenden Zügen. Sie gehörten zur Masse jener Unholde, die im Taglohn mordeten und zu jeder Gräueltat sich verdingten. Das ungekämmte Haar hing über die Gesichter herab, die von Schmutz ebenso bedeckt waren wie ihre verlumpte Sanscülottentracht. Sie saßen um einen kleinen runden Tisch, die Schnapsflasche in ihrer Mitte, redeten lebhaft miteinander und wandten die Köpfe wie blutgierige Bestien, so oft die Türe geöffnet wurde.

Valfort ging nach seinem gewöhnlichen Platze. Ihm gegenüber saß Pierre. Die Wirtin, eine dicke Frau mit einer silbernen Guillotine als Schmuck auf der Brust, stellte zwei Tassen Kaffee vor die Gäste und grüßte freundlich. Die gesuchte Freundlichkeit der dicken Frau entsprang zwei höchst wichtigen Umständen. Paul zahlte niemals in fast wertlosen Assignaten, sondern regelmäßig in Silber. Und dann war er Robespierres Gast, die Wirtin aber desselben Mannes fanatische Verehrerin.

Außer den Genannten befanden sich nur zwei gut gekleidete Männer in der Stube, welche Zeitungen lasen.

»Er muß gleich kommen,« sagte ein Proletarier. »Schon manchen hab' ich massakriert, aber noch keinen, der mir solchen Spaß machte. Wo hast Du den Strick, Moro?«

»Hier! Gut gedrehter Hanf, an dem schon sechs Aristokraten baumelten,« antwortete Moro, einen blutbefleckten Strick unter der Bluse hervorziehend. »Also an den Kloben dort hängen wir das Kerlchen?«

»An den hübschen Kloben, gerade über dem Stuhl in der Ecke, auf dem er immer sitzt. Ha, – der Schurke, – das souveräne Volk zu beschimpfen und zu schlagen!«

»Er ist ein verkappter Aristokrat, – Tod allen Volksfeinden!« sagte Moro grimmig. »Wir sollten eigentlich den Hund an eine Straßenlaterne hängen, wie's der Brauch ist.«

»Es gäbe zu viele Umstände,« sagte ein anderer. »Vielleicht kämen Gendarmen dazu, die keinen Gefallen am Hängen haben und das Strafgericht des souveränen Volkes hindern wollten. Darum ist's klüger, den Knirps dort an jenem Kloben zappeln zu lassen. Mache nur Deine Sache gut, Moro!«

»Ihr kennt ja meinen Kunstgriff, – meinen Ruck! In zwei Minuten ist ihm das Lebenslicht ausgeblasen,« versicherte Moro. »He, – Bürgerin, noch eine Flasche!«

»Die Gendarmen sind noch zu viel aristokratisch,« behauptete ein anderer. »Sie mischen sich zu viel in die Sachen des Volkes. Das Volk aber duldet keine Einmischungen; denn es ist souverän. Es muß noch tüchtige Straßenschlachten geben, bis die Volkssouveränität vollkommen ist.«

Die Proletarier nickten beifällig.

Die Wirtin stellte eine weitere Schnapsflasche auf den Tisch.

»Bürgerin, – eine Frage! Was verdient einer, welcher das souveräne Volk beschimpfte?«

»Den Tod, – natürlich!« antwortete sie unverweilt, die plumpen Kupferstücke einstreichend, welche aus Glockenmetall geprägt waren.

»Du sollst leben, Bürgerin! Du gehörst nicht zu den Verdächtigen,« rief der Sanscülott. »Wer eine so hübsche Guillotine trägt wie Du, der wird auch an Galgenstricken seine Freude haben, mit denen man Volksfeinde aufhängt.«

»Natürlich!« entgegnete die dicke Frau, nach ihrem Platze zurückkehrend.

»Schade, daß wir nicht mehr Zuschauer haben,« sagte Moro. »Mancher gute Patriot würde sich freuen über die flinke Rache des souveränen Volkes.«

»Ruhig, – da kommt er!«

In die Stube trat ein junger Mann von kleiner und schmächtiger Gestalt. Er trug die Uniform der Artilleristen, um den Leib die Offiziersschärpe, an der Seite einen Degen und auf dem Kopfe einen Hut mit aufgestülpter Krämpe. Er warf einen flüchtigen Blick durch den Raum und schritt nach einer Ecke mit der Sicherheit eines Menschen, der seinen täglichen Platz einnimmt. Den Hut hing er an den Kloben über dem Stuhle und ließ sich an dem winzigen Tische nieder, der nur für eine Person bestimmt war, – ein Beweis, daß der Kleine Gesellschaft nicht wünschte. Aus der Tasche zog er eine Broschüre, tat einen Zug aus der vorgesetzten Tasse und vertiefte sich in die Lektüre.

Valfort hatte den kleinen jungen Mann wiederholt bemerkt, der stets allein in derselben Ecke saß, der fortwährend las und geistig beschäftigt schien. Sein Angesicht war fein, edel geformt, bartlos, mehr das Antlitz eines Mädchens. Aber zwei ungemein scharfe, durchdringende Augen brannten unter einer breiten Stirne und gaben Kunde von gediegener Geistesarbeit. Wie ein schreiender Protest gegen die mädchenhaften Züge trat ungewöhnlich stark das Kinn hervor, in dem sich eiserne Willenskraft und starre Entschlossenheit äußerten. Der Kopf, mit kurz geschnittenen, glänzend schwarzen Haaren, schien ohne Vermittlung eines Halses auf den Schultern zu sitzen. In die Lektüre versenkt, gewahrte er die mordgierigen Blicke und drohende Haltung der Sanscülotten nicht, die zur Gewalttat sich rüsteten.

Valfort kehrte dem Kleinen den Rücken, in gedämpftem Tone seine Unterhaltung mit Pierre fortsetzend. Dieselbe betraf Isabella und bange Ahnungen, die ihn Tag und Nacht verfolgten.

»Hab's Gnaden schon gesagt, – die Blutluft macht's,« versicherte Pierre. »Mir selber wird's immer unheimlicher. Kämen wir doch einmal aus diesem Mördernest hinaus!«

»Hoffentlich in dieser Woche,« entgegnete Valfort. »Als Friedenstauben kehren wir zurück in unsere liebe Heimat.«

»Wenn's nur auch die Konventsmänner ehrlich meinen,« flüsterte Pierre. »Hab' zu Leuten kein Vertrauen, deren Handwerk das Köpfen ist.«

»Tücke soll ihnen wenig helfen,« sagte Paul. »Brechen sie den Frieden, – dann Kampf bis zum Siege! Freiheit oder Tod!«

Pierre nickte beifällig.

»Lieber zehnmal für Gott und Vaterland in der Schlacht sterben, als einmal in dieser Teufelsrepublik leben,« versicherte er.

Ein Hilferuf des kleinen Artilleristen unterbrach die Unterhaltung.

Die Proletarier hatten rasch die neue Schnapsflasche geleert und traten vor den kleinen Offizier.

»Kennst Du uns noch?« hob ein Sanscülotte zähnefletschend an. »Wir sind die souveränen Bürger, welche Du beschimpft und geschlagen hast, – Du Schuft!«

»Wir haben Dich zum Tode verurteilt und wollen ohne Sanson und Guillotine das Urteil stracks ausführen,« sagte ein Zweiter. »An diesem Stricke mußt Du hängen.«

Der Kleine hatte die Broschüre niedergelegt und sich erhoben. Er sah die mordgewohnten Kerle und zweifelte nicht an deren Bereitwilligkeit, die Drohung zu verwirklichen. Sein Angesicht entfärbte sich.

»Bürger,« sprach er mit fester Stimme, »Ihr werdet Euch hüten, einen Verteidiger des Vaterlandes zu ermorden. Sterbe ich jetzt durch Eure Hand, so sterbet Ihr morgen auf dem Schafott.«

»Pah, – Flausen!« entgegnete verächtlich ein Sanscülott. »Glaubst Du, einfältiges Kerlchen, mit solchen Schreckschüssen der Rache des souveränen Volkes zu entgehen? Hängen mußt Du, – zur Stelle hängen und zwar gleich an diesem Kloben. Mit solchem Knirps wie Du macht man keine Umstände.«

Der Soldat griff nach seinem Degen. Sofort hielten zwei Proletarier dessen Arme fest.

»Ei, – das Kerlchen wollte uns gar stechen! Wart', – doppelt sollst Du hängen!« sagte Moro.

»Deinen Kopf schneiden wir ab, stecken ihn auf eine Pike und zeigen ganz Paris einen Schurkenkopf, der Mord plante gegen das souveräne Volk. Moro, – vorwärts, den Strick um!«

Der Henker legte die Schlinge um den Hals des Kleinen und stellte sich auf den Stuhl, um ihn an dem Kloben emporzuziehen. An beiden Armen festgehalten, wehrte sich der Kleine mit den Füßen. Der vierte Sanscülott hielt ihm auch die Beine.

»Nur langsam, – nicht ausgeschlagen wie ein Füllen, – es ist gleich geschehen,« höhnte er.

Die beiden Zeitungsleser an den nächsten Tischen sahen den beabsichtigten Mord und rührten sich nicht. Totschlag und Blutvergießen waren so gewöhnliche Dinge, daß sie Eindrücke des Entsetzens nicht mehr hervorbrachten. Weit entfernt, durch Abwehr den Grimm der Proletarier zu reizen, blieben die Zeitungsleser ruhig sitzen und betrachteten die stille Exekution.

Paul saß am entgegengesetzten Ende der Stube und wandte dem Schauplatze des Verbrechens den Rücken. Er hörte zwar das Stimmengetöse der Sanscülotte, hielt aber den Lärm für einen gewöhnlichen Wirtshausspektakel, der keine Aufmerksamkeit verdiene.

Moro begann eben, den Strick anzuziehen. Der Kleine hatte bisher seinen Widerstand auf die Tätigkeit seiner Arme und Beine beschränkt, ohne auch nur mit einem Laute fremden Beistand anzurufen. Jetzt aber stieß er mit dem letzten Atem scharf die Worte aus: »Zu Hilfe, – man ermordet mich!«

Paul wandte sich um, sah den Vorgang und sprang empor. Er stürzte auf die Unholde los, keineswegs geleitet von der Klugheit und dem Selbsterhaltungstrieb der Zeitungsleser. Das empörende Unternehmen, einen friedlichen Kaffeetrinker zu erdrosseln und die Gaststube in eine Mörderhöhle zu verwandeln, entflammte den Grimm des leicht entzündbaren jungen Mannes. Er faßte Moro mit beiden Händen am Rücken, schwang ihn wie einen Federball empor und schleuderte den Elenden mit solcher Gewalt in die Stube, daß ihm alle Knochen krachten und er stöhnend liegen blieb. Die übrigen Proletarier ließen den kleinen Offizier los und fielen über Paul her.

»Hund, – sterben mußt Du!« brüllten die Sanscülotte.

Sofort verwandelte sich das Rachegebrüll in ein wildes Schmerzgeheul. Valfort war zwei von ihnen in die struppigen Haare gefahren und stieß nun deren Köpfe mit solcher Kraft gegeneinander, daß sie laut aufschrieen.

Den Vierten hatte Pierre um den Leib gepackt und festgehalten.

Die Wirtin stand mitten in der Stube und schrie Zeter. »Ist meine ehrliche Trinkstube ein Galgen, – ein Schafott? Hinaus mit den Henkern! Gendarmen, – Mordjo!«

»Bürgerin, die Türe auf!« donnerte Valfort.

Die dicke Frau lief nach der Türe und sperrte sie weit auf. Hinaus flogen, von Pauls starken Armen geschleudert, die beiden Proletarier. Mit solcher Kraft geschah der Wurf, daß sich das Mordgesindel überschlug und eine Strecke auf dem Straßenpflaster hinkollerte.

»Pardon, Bürger, Pardon, – ich gehe von selbst!« bat der Vierte, als ihn der wütende Baron in gleich unsanfter Weise befördern wollte.

Moro saß am Boden und rieb seinen Kopf.

»Soll ich Dir hinaushelfen, Spitzbube?« fuhr ihn Paul an.

Moro raffte sich zusammen und hinkte fort.

»O Jemine, – Jakob!« stieß die Wirtin entsetzt hervor.

Der Schreckliche betrat mit zwei Gendarmen die Stube.

»Was gibt es hier?« frug er den erregten Baron.

»Henkerarbeit, mein Herr! Dort sehen Sie,« antwortete Paul, auf den Kleinen deutend, der steif an der Wand stehen geblieben war, immer noch den Strick um den Hals.

»Ah, – Bürgerkapitän!« sagte Jakob überrascht. »Reden Sie! Was ist geschehen?«

Der Offizier schöpfte tief Atem und fuhr mit der Hand über das entfärbte Gesicht. Diese einzige Bewegung gab ihm seine vollständige Fassung wieder.

»Ich sitze hier bei einer Tasse Kaffee und lese in dieser Broschüre. Da treten vier Sanscülotte vor mich mit der Erklärung, ich müsse sterben, weil ich das souveräne Volk beschimpft hätte. Von einer Beschimpfung des Volkes weiß ich nichts, – offenbar ein Vorwand zur Ausführung schlechter Absichten. Drei Sanscülotte halten mich fest. Der Vierte legt mir die Schlinge um den Hals, steigt auf den Stuhl und ist eben daran, mich an diesem Kloben emporzuziehen. Ich benütze den letzten Atem, einen Hilferuf auszustoßen. Dieser edelsinnige Patriot eilt herbei, überwältigt meine Mörder und wirft sie zur Türe hinaus. Ich bin gerettet. Ohne den kühnen Mut dieses hochherzigen Unbekannten wäre ich jetzt eine Leiche.«

»Bürger,« wandte sich Jakob an Valfort, »Sie haben den Dank des Vaterlandes verdient; denn Sie erhielten demselben einen ausgezeichneten Offizier. – Darf ich um dieses Beweismaterial bitten?« und er zog dem Kapitän die Schlinge vom Halse. »Pardon, – wir haben Eile, die Verschwörer gegen das Vaterland zu erwischen.«

Er verließ mit den Gendarmen eilig die Stube.

Die Proletarier hatten sich aus dem Staube gemacht. Jakob verfolgte nicht die Spur derselben. Einige hundert Schritte vom Café entfernt blieb er stehen wie eine Schildwache. Die beiden Gendarmen hatte er mit einem Befehle entlassen. Einige Minuten später tauchten vier andere auf, die fortwährend in der Straße hin- und hergingen.

Der jugendliche Kapitän trat in soldatischer Haltung vor den Baron.

»Mein Herr, Sie haben mir das Leben gerettet! Ich danke Ihnen und wünsche sehr, meinen freundschaftlichen Gefühlen für Sie und meiner Pflicht der Dankbarkeit tatsächlichen Ausdruck geben zu können. Ich heiße Napoleon Bonaparte, Kapitän der Artillerie.«

»Ich gehorchte einfach dem Drange der Menschlichkeit, Herr Kapitän!« versetzte wohlwollend der Baron. »Es freut mich sehr, in schwerer Not Ihnen hilfreich gewesen zu sein.«

»Dürfte ich um den Namen meines Lebensretters bitten?«

»Paul von Valfort.«

»Aus der Vendee?« frug rasch der Kapitän.

»Zu dienen, mein Herr!«

Die scharfen Augen Napoleons glänzten.

»Sie wären jener kühne General der Vendee, von dessen Taten die Zeitungen melden? Gestatten Sie mir den Ausdruck der größten Hochachtung und Bewunderung! Mein Leben ist mir umso wertvoller, weil ich es einem Helden zu danken habe.«

Paul verbeugte sich schweigend.

»Bürgerin,« rief Bonaparte der Wirtin zu, »bringen Sie die beste Flasche Ihres Kellers. – Schenken Sie mir die Ehre eines näheren Verkehrs, mein Herr!«

Sie ließen sich nieder. Pierre setzte sich bescheiden an den nächsten Tisch.

»Ich staune, den gefürchteten Valfort hier zu finden in Paris, dessen Bataillone er vernichtet hat.«

In kurzen Worten erklärte ihm Paul den Zweck seines Hierseins.

»Demnach hoffen Sie, einen aufrichtig gemeinten Frieden zu erlangen?« frug leise Napoleon.

»Die Seele der republikanischen Regierung, Robespierre, bietet alles auf, den Bürgerkrieg zu beenden.«

Der Kleine sah einen Augenblick schweigend nieder. Jetzt ruhte sein durchdringendes Auge bedeutsam auf dem Friedensvermittler.

»Vorsicht dürfte nicht schaden!« sprach er noch leiser.

Paul nickte bestätigend mit dem Haupte.

Bonaparte entkorkte geschäftig die Flasche. Die Gläser klangen.

»Auch ich weile seit drei Wochen in kriegerischen Angelegenheiten hier,« fuhr Napoleon fort. »Die Engländer nahmen bekanntlich Toulon durch einen Handstreich. Unsere Flotte ist viel zu schwach, jene der Engländer im Kampfe bestehen zu können. Eine Wasserstraße nach Toulon gibt es nicht für uns. Wir müssen auf dem Landwege die Festung zurückerobern. Auch hier sind die Schwierigkeiten fast unübersteigliche. Ich habe einen Plan ausgearbeitet, von herkömmlicher Belagerungsweise abweichend und deshalb von dem leitenden General verworfen. Überzeugt von der Durchführbarkeit und dem siegreichen Erfolge meines Planes kam ich hierher, denselben Carnot, dem Kriegsminister, vorzulegen. Ohne Ende prüft Carnot meine Entwürfe,« schloß Bonaparte ungeduldig. »Möge er bald zu einem erwünschten Entschlusse kommen!« Wachsmuth, Bd. II. S. 220.

»Carnot machte auf mich den Eindruck eines zähen, argwöhnischen Charakters,« sagte Paul.

»Sie kennen ihn persönlich?«

»Wir speisten heute zusammen bei Robespierre, dessen Gastfreundschaft ich genieße.«

»Dann wohnen wir in einer Straße, – das ist hübsch! Ich wäre glücklich, wenn Sie mir die Ehre eines näheren Umganges gestatten wollten.«

»Ich teile Ihren Wunsch, mein Freund!« versetzte hastig der Baron.

»Selbstverständlich habe ich als Fachmann das größte Interesse für Kämpfe, welche in der Kriegsgeschichte einzig dastehen,« versicherte Napoleon Bonaparte. »Landleute ohne soldatische Schulung, ohne Artillerie, ohne Reiterei, man darf sagen ohne Waffen, schlagen sechs kriegstüchtige Armeen vollständig, sobald dieselben den Boden der Vendee betreten, – das ist unerhört, fast wunderbar! Ohne Zweifel liegt im Terrain Ihrer Heimat die beste Stütze und die geheimnisvolle Kraft dieser glänzenden Erfolge.«

»Teilweise!« entgegnete Valfort. »Söldner und Feiglinge ohne Begeisterung für die Sache würde auch das glücklichste Terrain im Stiche lassen. Allein die Männer der Vendee entflammen Mut und Begeisterung, mit dem letzten Blutstropfen einzustehen für die heiligsten Güter der Heimat, für Religion und Freiheit der Väter. Sie sollten unsere Bauern kämpfen sehen! Jeder ist ein Held. Betend und Kirchenlieder singend ziehen sie aus zur Schlacht. Mit kalter Todesverachtung erstürmen sie Batterien. Wer fällt im Kampfe, wird beneidet; denn er starb als Glaubensheld und empfing aus Gottes Hand die unverwelkbare Siegeskrone.«

»Ich begreife!« sprach Napoleon. »Ein Volk ist unüberwindlich, wenn es für Gott streitet.«

Augenscheinlich wollte er die Rede fortsetzen, aber ein argwöhnisch forschender Blick auf die horchenden Zeitungsleser machte ihn verstummen. Dafür sagte er: »Haben Sie eine Kriegsschule besucht, mein Freund?«

»Ich kann mich dessen nicht rühmen. Überhaupt besuchte ich keine Schule. Mein einziger Lehrmeister und Erzieher ist ein geistlicher Oheim.«

»In gleichem Falle bin ich!« sagte Napoleon mit freundlichem Kopfnicken. »Auch mein Erzieher und Lehrer war ein geistlicher Oheim. Später besuchte ich die Kriegsschule von Brienne.« Cantu, Bd. XIII. S. 198.

»Ihr Dialekt hat einen fremden Klang. Sie sind kein geborener Franzose?«

»Korsikaner! Ich zähle zwar erst vierundzwanzig Jahre, das Leben aber hat mich schon tüchtig geschüttelt,« fuhr der kleine Kapitän ernst fort. »Meine Familie wurde von Paskal Paoli geächtet und mußte wegen ihrer französischen Gesinnung Korsika verlassen. Wir begaben uns nach Marseille, wo mein Vater bald starb. Meine gute Mutter lebte mit ihren acht Kindern, drei Töchtern und fünf Söhnen, in Zurückgezogenheit und Armut. Es ging uns zuweilen recht hart. Ich bin der Zweitälteste und freue mich, für meine Familie etwas tun zu können. Meine Brüder sind strebsam und fleißig, sie werden sich ehrenvoll durch das Leben schlagen. Ich selbst arbeitete Tag und Nacht, mir jene Kenntnisse zu verschaffen, die zu einer höheren militärischen Stellung befähigen. Ich hatte Glück und hoffe, vorwärts zu kommen. Unsere Zeit ist ja so gewaltig und einzig. Sie bietet strebsamer Tüchtigkeit die Möglichkeit, Karriere zu machen. General Custine, der Eroberer der Rheingrenze, ist nur ein Jahr älter als ich. Vor 1789 wäre mir freilich das Emporkommen unmöglich gewesen. Ich bin zwar Edelmann von Geburt, aber Korsikaner, und die Monarchie beförderte nicht das Verdienst, sondern die Privilegierten. Auch in dieser Beziehung war die Revolution notwendig.« Cantu. Bd. XIII. S. 198.

»Möge Ihre Laufbahn eine glänzende sein, Herr Kapitän!«

»Ohne Ihre Dazwischenkunft und rettende Hand wäre sie zu einem frühen und kläglichen Abschlusse gekommen.«

»Was hat Ihnen den Grimm der mordfertigen Proletarier zugezogen?«

Wieder sah Bonaparte auf die Zeitungsleser.

»Auf einem Spaziergang, den ich vorschlage, will ich Ihnen die Geschichte erzählen,« antwortete er.

Zwei Minuten später wandelten die beiden jungen Männer Arm in Arm durch die stille Straße. Pierre folgte einige Schritte hinter ihnen.

»Vor zwei Tagen ging ich mit einigen Offizieren meiner Waffengattung am Louvre vorbei,« hob Napoleon an. »Auf dem Platze tummelte sich eine Rotte Sanscülotte. Sie kamen augenscheinlich von der Plünderung eines Aristokratenhauses, dessen Bewohner verhaftet oder guillotiniert worden sein mochten. Jeder Sanscülott trug einen Bündel. Einer von ihnen, derselbe, den sie Moro nannten und der mir den Strick um den Hals legte, trug an einer Stange ein prachtvolles Gemälde, eine Kreuzigung, wenn ich nicht irre, von Raphael. Denken Sie, – einen Raphael, ein Kleinod der Kunst! Der Elende trieb mit dem Gemälde seine Possen. Er rief Vorübergehende an, deutete mit einer Rute auf die Darstellung und machte dazu höchst gemeine Glossen. Das Gemälde war mit Kotflecken beschmutzt und teilweise durchlöchert. Als sich nun der Vandale, der Barbar, vor uns hinstellte und das herrliche Meisterwerk insultierte, da überfiel mich ein namenloser Zorn. Diese ruchlose Mißhandlung einer Perle der Kunstschöpfung empörte mich im höchsten Grade. Es ist wahr, – die Entrüstung trieb mir harte Worte auf die Zunge. »Elender Schurke, – Kanaille, – Vandale, was unterstehst du dich?« fuhr ich den Menschen an. Der Proletarier antwortete mit Drohungen und groben Schimpfwörtern. Ich verlor darüber einen Augenblick die Fassung und hieb dem Lumpen mit meiner Reitgerte über den Kopf. Ohne Zweifel hätten mich die wütenden Sanscülotte auf der Stelle zerrissen. Allein sie fürchteten die Säbel meiner Begleiter. Der Pöbel ist immer feige und nur tapfer in Massen. Verwünschungen ausstoßend, gingen die Kerle weiter. Da ich jeden Tag das Café besuche, so mochten die Proletarier dies wahrgenommen und ihren Mord geplant haben. Nun, die Vorsehung wachte, schickte mir einen Retter und begnadete mich mit einem edlen Freunde!« schloß Napoleon, mit einem dankenden Aufblick aus seinen scharfen Augen.

»Ihr Zorn entsprang einem edlen Beweggründe, mein Freund!« sagte Valfort. »Wen Vandalismus nicht empört, der ist Gesinnungsgenosse von Barbaren. Jeden Augenblick schwebt heute der Kunstfreund in Gefahr, Steine des Anstoßes in seinen Wegen zu finden, die ihm Vandalismus und tolles Treiben der Pöbelherrschaft vor die Füße wälzen. Trostlose Zustände!«

Napoleon schwieg. Paul irrte in der Annahme, der neue Freund werde seinen Abscheu gegen die Kunstschändung auf das politische und soziale Gebiet hinübertragen. Bekanntlich hatte Bonaparte damals keine feste politische Überzeugung, und auch später nicht in scharf ausgeprägter Weise. Seine politischen Ansichten waren ihm, was Kleider und Schuhe sind. Er richtete sich dieselben zu nach seiner eigenen Konstitution, nach seinem Alter und Bedürfnis, weit oder eng, einfach oder verschnörkelt, je nach der Mode und Saison. Sein wirkliches politisches Gewissen lag in seinem persönlichen Interesse. Im Jahre 1793 exaltierter Republikaner, verherrlichte er in Broschüren unter dem Namen »Brutus Bonaparte« die Schreckensherrschaft der Jakobiner. Zwei Jahre später schmetterte er dieselben Jakobiner in den Straßen von Paris mit Kartätschen zusammen. Kurze Zeit darauf brachte er dieselben Prinzipien wieder zur Geltung, die er mit Kanonen zusammengeschossen, um abermals in Gestalt des allmächtigen Kaisers das revolutionäre Gelüsten mit eisernem Fuße niederzutreten.

Aber in seiner Kunstliebe blieb er sich treu. Er hatte Verständnis und Begeisterung für das Erhabene. Ohne Interesse für die ideale Welt wäre Napoleon kein genialer Geist gewesen. Selbst auf der Höhe seines Ruhmes und der Weltherrschaft konnte ihn noch derselbe Zorn gegen Kunstschändung überfallen, wie es dem Kapitän auf dem Louvreplatz geschah. Die Stadt Clugny besaß eine durch Bildhauerarbeit, Schnitzwerk, Malerei und Architektur berühmte Klosterkirche, eine Schöpfung des Mittelalters. Die Tollwut der Revolution riß dieselbe nieder. Als Napoleon auf seiner Reise nach Italien zum Empfange der transalpinischen Krone nach Macon kam, lud ihn der Gemeinderat des nahen Clugny zum Besuche ihrer Stadt ein. Napoleon aber gedachte des vernichteten Kunsttempels, fuhr den Gemeinderat hart an, nannte die Herren »Vandalen« und wies deren Einladung mit Verachtung zurück.

» Vous avez laise vendre et détruire votre grande et belle eglise«, sprach vorwurfsvoll Napoleon; » allez, vous êtes des Vandales, je ne visiterai pas Cluny.« Lorain, p. 338.

Bonaparte war eine Strecke schweigend gegangen.

»Stürme haben zwei Seiten, sie nützen und schaden,« begann er wieder. »Ihr größter Nutzen ist Luftreinigung und Förderung des Wachstums. Ohne Stürme müßten Fäulnis und Verkrüppelung zur Herrschaft gelangen. Stürme sind gleichsam die Notwehr gesunder Elementarkräfte gegen schleichende Miasmen und tödliche Einflüsse. Die Revolutionen aber sind Stürme in der Weltgeschichte.«

Er schwieg vorsichtig.

Der Baron lächelte.

»Sie dürfen dem Manne der gläubigen Vendee gegenüber die Anwendung Ihres hübschen Bildes nicht fürchten, mein Freund! Ich bin keineswegs blind für Nützlichkeit und Notwendigkeit der Stürme. Zur Erhaltung des Ganzen sendet der Schöpfer Stürme und Erdbeben ohne Rücksicht auf die unabwendbaren Verwüstungen dieser furchtbaren Naturgewalten. Derselbe Herr gestattet auch Revolutionen, sobald die sittliche Weltordnung das Gleichgewicht verloren, oder die Nationen einen tüchtigen Schritt vorwärts tun sollen auf der Bahn ihrer Entwicklung. Morsch und faul ist gar vieles gewesen in Frankreich, eine Reinigung tat not. Aber das einstürzende Faule hat auch manches Gesunde und Lebensfähige zerschlagen. Das Leben wird jedoch die Trümmer besiegen, es wird aus den Ruinen erstehen und die Kultur weiterführen.«

»Sehr gut, mein Freund!« sagte lebhaft der kleine Kapitän. »Sie blicken von der Höhe christlicher Ideen und deshalb haben Sie einen weiten Gesichtskreis. – Gehen wir da hinein, – häßliche Spuren des Revolutionssturmes zu betrachten.«

Sie betraten eine alte gotische Kirche, deren Inneres greuliche Szenen der Verwüstung darbot. Zerschlagene Bildwerke von Stein bedeckten den Boden. Bis hinauf zur zierlichen Ornamentik der Säulenkapitäle hatten Vandalenfäuste gerast. Von einem prachtvollen Sakramentshäuschen lagen die feinen Rippen, Knäufe, Rosetten, Weinrebenranken und Fruchtgebilde in einem wüsten Trümmerhaufen zusammen. Von sämtlichen Altären standen nur die kahlen Steinwürfel. Köpfe und andere Gliedmaßen kunstvoll geschnitzter Heiligenfiguren lagen durcheinander, vermischt mit Fetzen zerrissener Gemälde. Die Glasmalerei der Fenster war zertrümmert. Nur hie und da hing noch eine goldleuchtende Gestalt in der Einfassung und gab durch ihre unvergleichliche Schönheit einen Maßstab für den Verlust des Ganzen. Kanzel und Taufsteine, beide unschätzbare Kleinodien der Steinmetzenkunst, waren gräßlich zerschlagen und verstümmelt.

»O wie jammervoll!« sagte Paul.

Napoleon Bonaparte stampfte mit dem Fuße und Zorn brannte in seinen Augen; allein er sprach kein Wort.

Sie schritten nach dem Chor, wo die geschnitzten und mit Bildwerk geschmückten Stühle der Stiftsgeistlichen unter Axtschlägen zerbrochen waren.

»Hier liegt die Quelle der Verwüstung!« rief Paul, in Mitte des Chores stehend. »Die Hüter des Heiligtums schliefen, während der Feind das Unkraut säete. Die berufenen Hirten der Herde waren schales Salz geworden, unfähig, die Fäulnis zu überwinden. Das Wort des Heiles verlor im Staatskleide des Absolutismus seine Kraft, das hirtenlose Volk wurde eine Beute der Wölfe. Was der Sturm zerriß und niederwarf, längst war es Ruine vor den Augen des heiligen, gerechten Gottes. Eine Kirche, geschändet durch Entartung eines verkommenen Klerus und durch sakrilegische Opfer entweiht, mag bei allem äußerlichen Kunstschmucke weit häßlicher und wüster sein vor dem Allwissenden, als sie es geworden durch Zerstörung ihrer Zierate.«

»Sie schreiben viel auf Rechnung der Geistlichkeit,« sagte Napoleon.

»Weil ich von ihrer Würde und Gewalt, von ihrem Berufe und Einflusse die höchste Meinung habe. Ist denn nicht der katholische Klerus ausgerüstet mit wahrhaft göttlichen Vollmachten! Hat nicht der allmächtige Gründer dieses Klerus gesagt: »Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden, und wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!« Wohlan! Verdirbt ein katholisches Volk, so war das Verderbnis nur möglich, weil die Geistlichkeit ihre erhabene Mission nicht erfüllte.«

»Ihre Worte enthalten Wahrheit,« versetzte Bonaparte nach einer Pause. »Wer Großes empfing, kann Großes leisten. Ob aber der Klerus allein den Niedergang eines Volkes aufzuhalten vermag, bezweifle ich.«

»Weil Sie nicht glauben, mein Freund, an die göttlich waltende Macht in der katholischen Kirche und nicht an die Mission ihres Klerus.«

»Sie täuschen sich!« widersprach Napoleon lebhaft. »Schon die Weltgeschichte, mein Lieblingsstudium, überzeugt von dem räumlich und zeitlich unbegrenzten Berufe der Kirche, mithin auch von der unbestreitbaren Göttlichkeit ihres Stifters. Kein Denkender wird dies leugnen, so lange er sich ein parteiloses Urteil bewahrt und hiezu durch gründliche historische Kenntnisse berechtigt ist. Man hat zwar den Atheismus dekretiert und die katholische Kirche geächtet. Dies beweist nur, daß die Revolution neben Vandalen auch Blödsinnige und Narren hervorgebracht. Ein Volk ohne Gott und ohne religiösen Kult gab es niemals und kann es nicht geben. Schon die weisesten Gesetzgeber des grauen Altertums betrachteten die Religion als notwendige Grundlage des Staates. Gottesleugner wurden mit dem Tode bestraft. Der Atheismus der Gegenwart ist weiter nichts, als eine tolle Ausgeburt hirnverbrannter Philosophie. Stubengelehrten mag die Gottesleugnung ein Gegenstand der Liebhaberei sein, um ihr spekulatives Gebiß daran zu versuchen, – für das öffentliche Leben taugt dieselbe absolut nicht. Ein zersetzendes Gift für jeden Staatsorganismus sind Gottesleugnung und Religionslosigkeit.«

»Demnach hätte der Konvent durch den Atheismus den Untergang der Republik dekretiert?«

»Das hat er!« antwortete Napoleon leise aber scharf. »Meine Behauptung führt zwar auf das Schafott, aber hier belauscht uns kein Späher und meinem edlen Lebensretter vertraue ich unbedingt.«

»Vertrauen gegen Vertrauen, mein Freund! Nicht allein die dekretierte Gottesleugnung macht die Republik unmöglich, sondern auch tausend andere Gründe. Das rasende, alles Hohe und Edle vernichtende Ungetüm der Revolution kann nur ein sehr kurzes Leben haben. Heftige Stürme verbrausen rasch. Jene eiserne Faust, welche das Ungetüm bändigt und erwürgt, ballt sich vielleicht schon.«

»Sie denken an Diktatur?«

»Ich denke an einen Mann, den Gott mit Riesenkräften ausgerüstet, Frankreich und Europa ein Retter zu werden.«

Mit verschränkten Armen ging Napoleon schweigend an Valforts Seite, die Augen brannten, sein Gesicht war hart, wie von Erz, und sein Tritt klang scharf durch die Stille des öden Hauses.

»Was jedoch eine verblendete Vergangenheit verdarb und der Revolutionssturm zerstörte, daran mag ein Jahrhundert vergeblich aufbauen,« fuhr Paul fort. »Vielleicht erhebt sich Frankreich niemals wieder zur alten Größe. Zerfall und Siechtum brachten ihm falsche Wissenschaft, Unglaube und Negation; diese Mächte der Tiefe werden, selbst nach Wiederherstellung einer äußeren Ordnung, am Marke der Nation weiter fressen und sie nicht gesunden lassen.«

»Kein Pessimismus, mein Freund!« widersprach Bonaparte. »Ihre Andeutung ist richtig, – das freie Walten des Katholizismus hat Frankreich groß und ruhmreich gemacht, – welchem Volke, dessen Lebensgang er leitete, hätte er dies nicht getan? Frankreichs innerer Zerfall beginnt von dem Augenblicke, als kurzsichtige Staatsmänner die Kirche fesselten, mißbrauchten, verweltlichten. Die Folgen dieser Mißgriffe waren Despotie, Knechtung und Elend des Volkes, allgemeiner Rückschritt auf geistigen und materiellen Gebieten und schließlich die unabwendbare Konsequenz, – die Revolution.«

»Ganz meine Ansicht!« bestätigte Valfort.

»Warten Sie, wir beide sind jung und werden die Einsetzung Gottes erleben,« sagte Napoleon. »Was die Philosophen vom Ersatz des Glaubens durch Wissenschaft, der Religion durch Aufklärung und Bildung faseln, ist leeres Geflunker angekränkelter Stubengelehrten. Man muß den Menschen nehmen, wie er ist. Der Mensch ohne Gott wird eine Bestie. Auch hierin ist meine Lehrmeisterin die Weltgeschichte. Diese berichtet, die Kulturentwicklung der Neuzeit ruhe auf der Basis christlicher Ideen. Trägerin christlicher Ideen ist aber die Kirche. Seit achtzehnhundert Jahren erzieht und nährt sie geistig die Nationen. Sie hat aus Barbaren gesittete Menschen gemacht, die Tyrannei römischer Imperatoren zerbrochen, die Ketten der Sklaverei zerrissen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gepredigt. Um es kurz zu sagen, das freie Walten der Kirche im Geiste Jesu ist die Lebensbedingung aller Völker, der wirksamste Hebel fortschreitender Kultur, die Seele einer unbeschränkten Sittenveredlung. Blicken Sie scharf in die Geschichte, – Sie werden bei allen Nationen Rückgang, Entkräftung, anhebenden Zerfall wahrnehmen, die innerlich durch Korruption und äußerlich durch Häresie von der Kirche abfielen. Gerade darum steht das Mittelalter so unerreichbar groß und wunderbar schöpferisch vor den Augen des Forschers, weil damals der Mund Christi im Rate der Völker die erste Stimme hatte.«

Valfort staunte über diese Äußerungen des kleinen Kapitäns.

Noch lange schritten sie, in vertraulichem Austausch der Ansichten, durch den Chor. Dann schlugen sie den Weg nach Robespierres Wohnung ein. Mit dem Verlassen der Kirche hatte sich Napoleons Benehmen vollständig geändert. Er wich politischen Gesprächen aus, war stark in republikanischen Phrasen und blickte argwöhnisch nach allen Seiten, als fürchte er allenthalben Späher und Lauscher.

Eine häßliche Musik von Trommeln und Trompeten schallte ihnen entgegen. Heran marschierte ein seltsam uniformiertes Korps. Die Abteilung betrug etwa hundert Mann. Auf den Köpfen trugen die Leute rotwollene Nachtmützen. Hiezu kamen dunkelgraue Jacken, dreifarbige Westen und rote Pumphosen. Alle Gesichter bedeckten struppige Vollbärte und an den Seiten hingen ungewöhnlich lange Säbel. Grimmig und wild war das Aussehen der Männer. Sie marschierten rasch und ergänzten die Musik durch wüstes Gejohle. Der Abteilung folgte eine Reihe von sechs beweglichen Guillotinen, von je vier Pferden gezogen. Auf jeder Guillotine saß der Scharfrichter mit seinen Knechten.

Valfort betrachtete das wunderliche Korps.

»Was ist das?« frug er seinen Begleiter.

»Eine sehr praktische Einrichtung des Nationalkonventes,« antwortete Bonaparte. »Frankreich besitzt gegenwärtig vierundvierzigtausend Revolutionskomitees. Jedes Komitee treibt Begeisterung für die heilige Sache der Freiheit zu rastloser Tätigkeit. Jedes Mitglied dieser patriotischen Komitees späht unablässig nach geheimen Feinden des Vaterlandes, wirft dieselben in Gefängnisse und verurteilt sie zum verdienten Tode. Infolgedessen wurde die Summe der Gefangenen und Verurteilten so groß, daß die Gefängnisse dieselben nicht mehr zu fassen und die in Wirksamkeit stehenden Guillotinen die Menge der Köpfe nicht mehr zu bewältigen vermögen. In weiser Vorsicht hat nun der Konvent eine kleine Armee von sechstausend Gehilfen zur Hinrichtung der Verurteilten errichtet. Diese Sechstausend sind im Besitze von etwa vierhundert beweglichen Guillotinen. In kleinen Abteilungen durchziehen sie ganz Frankreich und schlagen die Köpfe herunter. Ein Korps dieser fliegenden Guillotinen haben wir soeben gesehen.« Leo, Bd. V. S. 55, 105.

»Das Abschlachten der inneren Feinde der Republik erscheint wirklich ausgezeichnet organisiert,« sagte Paul in einem Tone, der seine grenzenlose Entrüstung verriet.

»Dennoch wird die heilige Sache der Freiheit vielfach geschändet durch die gemeinsten Leidenschaften,« entgegnete Napoleon. »Unter dem Schilde patriotischen Eifers haben nachbarliche Eifersucht, Geschäftsneid, Haß und andere abgeschmackte Motive freies Spiel, wirklich patriotische Bürger zu verderben. Wer einen Rivalen beseitigt wünscht, – wer einen persönlichen Feind oder Geschäftskollegen, der ihm Konkurrenz macht, zugrunde richten will, der klagt ihn an auf Konspiration. Daher kommt es, daß mehr echte Republikaner guillotiniert werden als Feinde derselben.« Wachsmuth, Bd. II. S. 311.

»Grausige Zustände!«

»Sagen Sie, empörende Mißbräuche der Freiheit,« versetzte Bonaparte.

Sie standen vor Robespierres Wohnung. Der kleine Kapitän verabschiedete sich.

»Darf ich Sie morgen mit einem Besuche belästigen?«

»Stets willkommen!« antwortete der Baron.

Lange durchschritt Paul sein Zimmer, nachdenkend über den kleinen Kapitän, der so vorsichtig, so vielseitig, so unterrichtet und so geistreich war.

Am folgenden Tage trat Napoleon zu ungewöhnlich früher Stunde vor den Baron. Das Gesicht des Kleinen strahlte vor Freude.

»Mein Freund, ich komme, von Ihnen Abschied zu nehmen! Unverweilt muß ich fort. Noch gestern Abend ließ mich Carnot, der Kriegsminister, rufen. Hier mein Dekret als Bataillonschef!«

Er übergab Valfort das Schriftstück zur Einsicht.

»Ich gratuliere von ganzem Herzen!« sagte Paul teilnehmend. »Möge auf den Bataillonschef bald der General folgen.«

»Auch meinen Belagerungsplan billigt Carnot. In den nächsten vier Wochen werden Sie Toulons Einnahme in den Zeitungen lesen.« Carnot zögerte indessen mit der Billigung zur Ausführung des vorgelegten Planes. Eifersüchteleien höherer Offiziere waren im Spiele. Erst im Dezember wurde Napoleon Befehlshaber der Belagerungsartillerie und erhielt freie Hand. In wenigen Tagen zwang er die Engländer durch seine Kanonen zum Abzuge und nahm Toulon. Leo, V. S. 108 f.

»Mögen Ihre Hoffnungen sich erfüllen!« wünschte Valfort.

Napoleon durchschritt einigemale das Zimmer. Jetzt stand er bewegt vor dem Baron, ein winziges Kleinod in der Hand.

»Dieses Geschmeide ist ein Andenken meiner guten Mutter,« hob er an. »Als ich von ihr ging, hing sie es mir um den Hals. Ich trug es wie ein Amulet gegen Gefahren, auf dem bloßen Leibe; denn ich glaube an die Weihe des Muttersegens und an den Schutz des Erlösungszeichens.«

Valfort betrachtete das kleine goldene Kreuz, mit kaum sichtbaren Rubinen geschmückt, das ihm Napoleon in die Hand gelegt.

»Mein kostbarstes Eigentum!« fuhr der Kleine fort. »Da ich nun meinem Lebensretter einen Beweis meiner Dankbarkeit geben möchte, so bitte ich Sie, das mir Teuerste als Andenken gütigst annehmen zu wollen.«

Paul schwankte einige Augenblicke in feinem Entscheid in einer so heiklen Sache. Offenbar kostete es den jugendlichen Offizier kein geringes Opfer, von dem mütterlichen Andenken sich zu trennen. Valfort durfte unmöglich den feinfühlenden Sohn eines so wertvollen Besitzes berauben und ebensowenig durch kurze Ablehnung den Dankbaren kränken.

»Mein Freund,« sprach er gerührt, »ich schätze und würdige den Ausdruck Ihrer freundlichen Gesinnung. Ich nehme dieses Kleinod, mit Recht Ihnen so kostbar, aus Ihrer Hand an. Da Sie jedoch im Begriffe stehen, sich den Gefahren des Krieges auszusetzen, so bedürfen Sie dringend des Schutzes aller guten Mächte, symbolisiert durch das Zeichen unserer Erlösung. Im Namen und Geiste Ihrer lieben Mutter nehme ich mir deshalb die Ehre, für das ganze Leben Ihnen dieses inhaltvolle und für Sie unschätzbare Kleinod zu schenken. Ich bitte sehr, meine Gabe nicht zurückzuweisen.«

Bei den Worten hing er dem Kleinen das Kreuz um den Hals.

Bonaparte ließ es geschehen, ergriff schweigend Valforts Hand und drückte sie warm.

»Kommen Sie einmal nach der Vendee, mein Freund, so schenken Sie mir das Glück Ihres Besuches.«

»Das verspreche ich Ihnen!« versetzte Bonaparte. »Leben Sie wohl, mein unvergeßlicher Freund und Lebensretter, – leben Sie wohl!«

Er schüttelte Valforts beide Hände und eilte fort.

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