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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 30
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Zu Tische bei Robespierre.

Robespierres Tücke, eine Partei im Konvent durch die andere zu vernichten, alle unter die Guillotine zu liefern, bis er den Szepter der Selbstherrschaft führte, wurde damals von sehr wenigen durchschaut. Wie schon bemerkt, galt Robespierre im allgemeinen für einen sehr tugendhaften Menschen, aufrichtig und selbstlos das öffentliche Wohl anstrebend. Der Pöbel vergötterte ihn, seinen unablässigen Schmeichler. Unbestechlichkeit und einfache Lebensweise des Diktators waren unbestreitbar. Während andere Parteihäupter durch Unterschleife und Raub sich bereicherten, durch Schwelgereien und zügellose Ausschweifungen sich hervortaten, führte Robespierre ein sehr nüchternes Leben. Wenn er stets von Tugend sprach, sich selber unermüdlich als Tugendvorbild hinstellte und mit schillerndem Wortgepränge sein Bemühen hervorhob, das Volk zum Glücke zu führen, so schien sein Betragen dies alles zu bestätigen. Man wußte freilich, daß er viele unter das Fallbeil schickte, – aber nur Schuldige, wie man glaubte, Verräter am Volkswohl, Verschwörer gegen das Vaterland, an denen er die bedrohte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit rächte. So urteilte die Masse. Sogar Einsichtsvolle glaubten an Robespierres republikanische Tugenden. Der schlau berechnende Diktator stellte sich niemals bloß. Nur das Gesetz schien zu walten. Ein enger Kreis Vertrauter kannte allerdings Robespierres geheimes Spiel. Diese wenigen waren aus Interesse und Mordlust eifrige Lobredner des schauervollen Systems und in dessen Diensten tätig. Fand es der Diktator klug, selbst einen Vertrauten abzuschlachten, so blieb diesem keine Zeit, die selbstsüchtigen Umtriebe zu enthüllen. Plötzlich überfiel ihn das Verderben und die Guillotine verschloß ihm rasch den Mund. Wachsmuth, Bd. II. S. 296 f.

Auch Paul durchschaute nicht den vollendeten Heuchler. Robespierre sprach so ruhig und sanft, so verständig und klug. Er hatte einen so aufrichtigen Zorn gegen das Laster und so reiches Lob für die Tugend. Er lebte vor den Augen des jungen Mannes so nüchtern, einfach und scheinbar sittenstreng, daß Valfort gründlich getäuscht wurde.

Nebenbei rühmte Robespierre die Glaubensstärke und Tapferkeit der Vendee. Er pries den Freiheitsinn und die sittlichen Eigenschaften der Bevölkerung jenes Landes und sprach wiederholt den Wunsch aus, der Friede möchte auf der bezeichneten Grundlage endlich zustande kommen.

Als Valfort heute das Speisezimmer betrat, stellte ihm Robespierre den Kriegsminister Carnot vor. Dieser Mann, zur Bergpartei des Konvents gehörend und Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, war ein sehr befähigter General und Schöpfer der republikanischen Kriegsführung. Er leitete die strategischen Operationen von vierzehn Armeen und zwar mit bewunderungswürdigem Scharfblick und siegreichen Erfolgen. Dem Blutbade der Revolution entging er, wurde unter König Ludwig XVIII. Pair und Minister von Frankreich und starb nach einem wechselvollen Leben in der Verbannung zu Magdeburg 1823.

Robespierre schien heute ungewöhnlich aufgeräumt, vielleicht deshalb, weil er im Begriffe stand, zum Verderben seines Gastes Valfort und der ganzen Vendee den Knoten zu schürzen. Kaum saß man zu Tische, so wandte er sich mit wohlwollendem Lächeln an den jugendlichen Baron.

»Denken Sie, mein Freund, unsere Friedensbemühungen fanden urplötzlich am Kriegsminister Carnot einen hartköpfigen Widersacher! Alle Vorstellungen halfen nichts. Deshalb nahm ich mir die Freiheit, Sie mit dem Unerbittlichen bekannt zu machen, in der Hoffnung, es möge Ihnen gelingen, was mir fehlschlug.«

Paul betrachtete Carnot, der kalt saß und zugeknöpft und meisterhaft die übernommene Rolle spielte.

»Dürfte ich um die Gründe Ihres Widerspruches bitten, mein Herr?« hob Valfort nach einer Pause an.

»Meine Gründe sind die natürlichsten von der Welt,« antwortete der Kriegsminister. »Wir sollen mit der Vendee Frieden schließen, – also einen Friedensvertrag unterzeichnen. Bei Abschlüssen von Verträgen sind aber doch zwei berechtigte und bevollmächtigte Parteien nötig. Für unseren Teil würde zwar der Konvent Kommissäre bestimmen und mit den notwendigen Vollmachten ausrüsten. Wer vertritt hingegen die Vendee? Unsere Kommissäre können doch nicht im ganzen Lande herumreisen, von jedem Bürger den Vertrag unterzeichnen lassen?«

»Ihr Einwand erscheint natürlich!« entgegnete der Baron. »Die Vendee besitzt keine Regierung, kein Haupt, das sie vertritt. Indessen glaube ich, wenn sämtliche Führer des Aufstandes den Vertrag unterschreiben, so dürfte dies genügen.«

»Vollständig einverstanden!« sprach kopfnickend der Diktator.

»Ich weiß nicht!« entgegnete Carnot bedenklich. »Die Masse der Aufständischen bindet keine Pflicht, die Abmachungen ihrer Häuptlinge anzuerkennen. Nehmen wir an, die Führer und Leiter des Aufstandes schließen mit der republikanischen Regierung Frieden, die Bevölkerung hingegen verwirft den abgeschlossenen Vertrag, – welche Mittel, ja, welches Recht besitzen die Führer, zur Annahme des Friedensvertrages die Massen zu zwingen?«

»Ihre Frage entspringt einer falschen Beurteilung der Verhältnisse in der Vendee,« erwiderte Paul. »Die Bevölkerung ist durchaus friedlich gesinnt. Der Gewissensdruck, die Anfeindung und Verfolgung ihres religiösen Glaubens haben ihr die Waffen in die Hände gezwungen. Die Vendee erhob sich zur Verteidigung des Väterglaubens und der Religionsfreiheit. Sichert die republikanische Regierung Unabhängigkeit und Freiheit des Kultus, so fällt der Grund zu weiteren Kämpfen von selbst hinweg. Ferner dürfen Sie nicht übersehen, daß die Führer des Aufstandes ein unbedingtes Vertrauen der Bevölkerung genießen. Die Unterschriften dieser Männer werden für die ganze Vendee eine gewisse moralische Verbindlichkeit haben. Meinerseits bin ich vollständig von dem Aufhören des Krieges überzeugt, sobald die Leiter desselben zum Frieden sich verpflichteten.«

»Ich erlaube mir nicht, mein Herr, Ihnen zu widersprechen!« sagte Carnot, der sich den Schein gab, als suche er neue Einwürfe. »So viel mir bekannt, liegen die einzelnen Streithaufen über das ganze Land zerstreut. Unsere Kommissäre müßten also herumreisen, die einzelnen Führer aufsuchen, mit jedem insbesondere verhandeln. Ein solcher Geschäftsgang hat seine großen Schwierigkeiten und droht in seinen Erfolgen an dem Widerspruche eines einzigen zu scheitern.«

»Dieser Schwierigkeit kann vorgebeugt werden,« entgegnete Valfort. »Es ist sehr leicht, sämtliche Führer an einem Orte zu versammeln.«

Robespierres Katzenaugen funkelten. In sein Mienenspiel trat flüchtig jener tigerartige Ausdruck, der es bei Aufstellung von Proskriptionslisten zu verzerren pflegte. Er mochte diesen unwillkürlichen Verrat seiner tückischen Absichten fühlen; denn er beugte sich tief über den Teller und zog behutsam Gräten aus dem gesottenen Fische.

»Mein Herr,« sagte Carnot im Tone des Scherzes, »Sie treiben mich aus allen meinen Verschanzungen heraus! Freilich, wenn die Führer des Aufstandes sich bequemen würden, in ihrer Gesamtheit an einem bestimmten Orte mit den Regierungskommissären zu verhandeln, dann bin ich zu Ende mit meinen Einwendungen, – das heißt vorläufig. Wer das Schwert der Republik trägt, der sucht seine Erfolge nicht durch Unterhandlungen, sondern auf dem Schlachtfelde zu gewinnen. Dies gilt vorzüglich einem Lande gegenüber, das uns einige Armeen vernichtet hat. Man sucht Revanche. Sie werden es darum begreiflich finden, wenn der Kriegsminister lieber nach erfochtenen Siegen, als nach verlorenen Schlachten Frieden schließt. Indessen, – ich unterwerfe mich!« schloß er mit einer leisen Verneigung des Hauptes gegen Robespierre.

Carnot hatte den jungen Mann gründlich getäuscht und ihm die Meinung beigebracht, er lasse sich nur mit Widerstreben in aufrichtig gemeinte Friedensunterhandlungen ein.

»Aber,« – fuhr Carnot mit einer Miene fort, welche Reue über das Zugeständnis auszudrücken schien, »ich werde den Friedensboten eine starke Armee unmittelbar vorausschicken und an den Grenzen der Vendee aufstellen.«

»Wozu dies, mein Herr?« frug Paul erstaunt.

»Nicht aus Mißtrauen, – gewiß nicht! Auch nicht in der Absicht, einen Druck auf die freien Entschließungen der Aufständischen zu üben. Offen gestanden, mein Herr,« versetzte er mit Laune, »drückt die Armee im Grunde nur die Hoffnung des Kriegsministers aus, der Friede möchte nicht unterzeichnet werden und ihm, dem Kriegsminister nämlich, Gelegenheit gegeben werden, erhaltene Scharten dennoch auszuwetzen.«

»Eine Armee der Republik wird eine Armee der Vendee zur Folge haben,« sagte Valfort.

»Dies verschlägt gar nichts! Die Führer und Generäle der Vendee wären dann gleich beisammen,« versetzte Carnot.

»Sie sehen, mein Freund,« wandte sich der lächelnde Robespierre an Valfort, »wir haben Ursache, gegen diesen schlachtendurstigen Kriegsgott zusammen zu halten. Nur Vertrauen, – das Friedenswerk muß gelingen! Mir persönlich liegt alles daran, weil im gegenwärtigen Falle der Frieden angestrebt wird nach den Prinzipien der Freiheit. Das arbeitsamste, biederste Volk Frankreichs, man darf sagen Europas, das Volk der Vendee, kämpft für Gewissensfreiheit. Hiedurch bekundet es seine echt republikanische Gesinnung. Die Form der Gottesverehrung muß jedermann freistehen. Es ist widersinnig, die Religionsfreiheit im Namen der Freiheit zu beeinträchtigen, den vermeinten Fanatismus durch einen anderen Fanatismus zu bekämpfen. Daher meine Sympathie für die echten Republikaner der Vendee.« Cantu, Bd. XIII. S. 149.

»Darf ich mir einen nicht ungefährlichen Einwurf erlauben?« frug Paul.

»Im Heiligtume der unverletzbaren Gastfreundschaft gefährdet Sie keine Bemerkung, kein Ausdruck Ihrer Anschauungen, mein Freund!« antwortete Robespierre gütig.

»Der Konvent hat die Absetzung Gottes dekretiert und jeden Bürger bei Todesstrafe zur Gottesleugnung verpflichtet. Wie kann nun die Gottesverehrung jedermann freistehen?«

»Dank für diese ganz richtige Bemerkung!« versetzte der Diktator. »Der Konvent hat allerdings den Atheismus dekretiert, – aber gegen meine entschiedenen Widersprüche. Was würde Rousseau zu dieser Tollheit sagen! Das höchste Wesen abzusetzen, bleibt immer eine Lächerlichkeit. Zudem ist der Atheismus etwas Aristokratisches. Die Vorstellung von einem höchsten Wesen, das über die unterdrückte Unschuld wacht und das triumphierende Verbrechen straft, ist durchaus volkstümlich. Gäbe es keinen Gott, man müßte einen erfinden.« Ibid.

Diesmal hatte Robespierre wirklich seine Überzeugung ausgesprochen. Er drängte so lange den Konvent, bis derselbe folgenden Antrag des Diktators zum Beschlusse erhob: »Das französische Volk anerkennt ein höchstes Wesen und die seiner würdigste Art der Verehrung besteht in der Ausübung der menschlichen Pflichten.« Cantu, Bd. XIII. S. 156.

Freilich war der Gott des Konvents nicht der heilige Gott des Christentums, sondern der blutdürstige, terroristische Gott Robespierres, in dessen Namen und Geist die Schreckensherrschaft weiter geführt werden sollte.

»Ein Wesen zu erfinden, dessen Werke der Allmacht laut genug, für jeden Denkenden wenigstens, sein Dasein verkünden, wäre überflüssig,« sagte Paul. »Ich begreife, welche Bitterkeit ein so ungeheuerlicher und zugleich weittragender Konventsbeschluß Ihnen, dem Philosophen, verursachen mußte.«

Robespierre zerschnitt heftig ein Stück Fleisch.

»Konventsbeschlüsse sind nicht unabänderlich,« sagte Carnot trocken.

»Hoffentlich!« warf der Diktator hin. »Man soll nichts unternehmen, was einer Beschimpfung der gesunden Vernunft gleicht und einer Schmähung der Republik. Die Geschichte der Menschheit kennt nicht ein einziges Volk ohne Gott. In einer unglücklichen Stunde hat der Konvent ein Gesetz votiert, das Frankreich als eine Abnormität in der Weltgeschichte hinstellt. Ein Volk ohne Gott ist ein Unding, eine Ausgeburt toller Phantasterei. Eine Nation, die nach den Einfällen der Hebertisten nur den Bauch als Gott anbeten soll, wird auch nur ein Bauchleben führen und das Schicksal aller prassenden Bäuche teilen, – sie wird zusammenfaulen. Dagegen muß ich im Namen der gesunden Vernunft entschieden protestieren. In einer der nächsten Sitzungen werde ich mir erlauben, den Konvent abermals zu erinnern an Gottes Dasein sowie an die Notwendigkeit der Tugend. Ohne Tugend kein freies, arbeitsames, genügsames Volk, und ohne Gott keine Tugend.«

»Sehr wahr!« bestätigte Valfort, der sich die Widersprüche in Robespierre noch weniger zusammen reimen konnte als jene Geschichtschreiber, die sich mit dieser rätselhaften Persönlichkeit näher beschäftigen. »Ich werde mir die Ehre geben, Sie über diesen höchst wichtigen Gegenstand sprechen zu hören.«

»Und Ihre Gegenwart, mein Freund, wird mich für diese Materie noch mehr begeistern,« versetzte artig der Diktator.

»Die Rückkehr der Nation zum Glauben an Gott,« fuhr Paul fort, »wird ohne Zweifel die Blutbäche austrocknen, welche gegenwärtig ganz Frankreich durchziehen. Das Morden hat Verhältnisse angenommen, die jeder Beschreibung spotten. Vor einigen Tagen besuchte ich den Revolutionsplatz. Viele tausend Menschen waren dort versammelt, um die schauerliche Arbeit der Guillotine zu betrachten wie ein Lustspiel. Man lachte, man sang, johlte und scherzte, während die Köpfe rollten und das Blut vom Gerüste strömte. Das sind höchst bedenkliche Äußerungen des Volksgeistes. So ist es durch ganz Frankreich. Der Beilschlag der Guillotine klingt wie der Pulsschlag des Lebens der Nation, – jedenfalls ein Leben von kurzer Dauer.«

Robespierres Anwaltschaft für Gott und Tugend hatten Paul zu dieser Meinungsäußerung bestimmt. Hiebei ahnte er nicht, daß Robespierres Gottheit und Tugendbegriff das gräßliche Walten der Mordwut nicht ausschlossen, sondern geradezu forderten. Jetzt bemerkte er an Carots Unruhe und des Diktators Verhalten, daß seine Worte Anstößiges enthielten.

»Gedenken Sie unserer Tischgespräche zu Rovere,« hob der Diktator nach einer Pause an. »Damals behaupteten Sie, Frankreichs Zustände seien faul, wir seien geistig und materiell bankrott. Nicht so, mein Freund?«

»Gewiß! Die Entwicklung der Dinge hat meine Anschauungen bestätigt und hört nicht auf, dieselben zu bestätigen. Alles wankt und kracht zusammen. Die Ruinen, die Flammen, die Blutströme verkünden laut genug den Bankrott des sozialen Wesens.«

Robespierre nickte beifällig mit dem Kopfe.

»Ich teile Ihren Glauben an den materiellen und sozialen Bankrott; – was folgt hieraus? Die Notwendigkeit gründlicher Säuberung. Das Guillotinieren verletzt zwar Ihre Nerven, – man muß die Nervenschwäche aus Liebe zum Vaterlande verachten. Gerade das Blutvergießen ist für Frankreich ein Reinigungsprozeß. Das Faule muß vernichtet werden. Die Nation empfängt eine Bluttaufe zu ihrer Wiedergeburt.« Wachsmuth, Bd. II. S. 301.

»Ich dächte, diese Läuterung könnte sich menschlicher vollziehen, durch Besserung und Veredlung des Vorhandenen, nicht aber durch Tod und Vernichtung desselben.«

»Eine Täuschung!« versicherte Robespierre. »An die Läuterungsfähigkeit und geistige Macht christlicher Ideen glauben Sie, – gut! Nun, – waren diese christlichen Ideen im Stande, die Tyrannei des Thrones, die Verkommenheit der höheren Gesellschaft, das Zusammenfaulen des Ganzen zu verhüten? Die Fäulnis gar zu heilen? Nein! Die milden Lehren des Evangeliums wurden tauben Ohren gepredigt, sie waren dem Hohne und der Verachtung preisgegeben. Die Tyrannei saß nicht allein auf dem Throne, sie predigte vielfach von der Kanzel, saß nicht selten im Beichtstuhl, opferte am Altare, – sie hatte sich fast der ganzen französischen Kirche bemächtigt.«

»Mit vollständiger Ausnahme der Vendee,« schaltete Valfort ein. »Daher Freiheit, Mannesmut, reine Sitten des Volkes und Frömmigkeit des Klerus meiner Heimat.«

»Ich bestreite die heilsamen und sittigenden Einflüsse eines starken und lebendigen Glaubens durchaus nicht, – die Zustände in der Vendee beweisen die Richtigkeit dieser Ansicht. Aber ich rede von dem absolutistischen Frankreich, welchem der religiöse Glaube fehlte oder eine leere Form geworden. Als klar denkender Mann werden Sie einsehen, daß eine lahm gelegte Kraft wirkungslos bleiben muß. Auch nicht das Höchste in der Welt, nicht einmal das Licht vom Himmel, nicht die Macht christlicher Ideen konnten eine Läuterung der faulen Gesellschaft vollziehen. Gegen Fäulnis helfen nur starke Mittel: – brennendes Feuer, – glühendes Eisen, – strömendes Blut. – – Ich habe nur mit anderen Worten gesagt, was Sie damals im Schlosse Rovere behaupteten.«

»Um Vergebung, mein Herr!« widersprach Paul betroffen. »Ich habe die Entchristlichung der Gesellschaft beklagt, die schauerlichen Folgen des religiösen Unglaubens gefunden in der Schamlosigkeit der Laster, in der Ungerechtigkeit und Despotie. Hieraus habe ich gefolgert den sozialen Bankrott und den sicheren Einsturz des Bestehenden. Ja, – dies habe ich getan! Allein, ich habe niemals in Blutströmen ein Läuterungsmittel und einen Reinigungsprozeß finden können.«

»Dennoch ist das Blutbad ein Bad der Reinigung,« behauptete der Diktator. »Die Sache ist klar und einfach. Der Mensch an und für sich ist gut. Allein es gibt Übeltäter, welche die Tugend nicht kennen wollen, den Frieden und das Wohl der Gesellschaft schädigen. Man braucht also nur diese Feinde der öffentlichen Wohlfahrt zu töten, und das goldene Zeitalter ist da. Sind der Übeltäter viele, dann zieht sich wohl die Reinigung in die Länge. Das Blut fließt in Strömen. Aber kein Mann wird vor dem zurückschrecken, was er als einziges Rettungsmittel für das Ganze erkannt hat.« Cantu, Bd. XIII. S. 149.

Valfort saß innerlich empört über diese ganz unerhört grausame Anschauungsweise. Klugheit riet ihm zwar, zu schweigen; denn die mit ihm zu Tische saßen, konnten mit einem Federstriche das Leben vernichten. Aber seinem kühnen Mute war Furcht fremd, wenn es galt, für Wahrheit einzutreten gegen die Lüge, und für Menschlichkeit gegen ruchlose Barbarei.

»Den Glauben an die natürliche Güte des Menschen widerlegt die tägliche Erfahrung,« sprach er. »Schon das Kind zeigt Anlagen zum Bösen, zur Unwahrheit, zum Trotz und anderen schlimmen Eigenschaften. In jedem Menschen liegt mehr oder weniger die Neigung zum Verkehrten. Es gibt von Geburt keine tugendhaften Menschen. Erkämpft muß die Tugend werden durch Selbstüberwindung. Sollen Schafott, Wasser, Stricke und Kartätschen so lange morden, bis die Gesellschaft rein wäre, man müßte die ganze Menschheit vertilgen. Darum behaupte ich, der richtige Weg zur Wiedergeburt ist die Besserung der Verkommenen, die Veredlung der Sitten durch den Geist der Religion.«

»Wenn aber gerade die Weisen und Aufgeklärten die Religion für einen überwundenen Standpunkt halten? Das Evangelium für Ammenmärchen erklären?« warf Robespierre ein.

»Die freie Predigt der Wahrheit wird das Verderbnis des Irrtums schließlich dennoch überwinden,« antwortete Paul. »Die Republik verkünde Gewissensfreiheit, Unabhängigkeit des Kultus, ungehinderte Entfaltung der christianisierenden Macht in der Kirche. Nur deshalb sank so tief das monarchische Frankreich, weil es die Kirche tyrannisierte, den Klerus in schales Salz verwandelte, die Religion für absolutistische Zwecke schändete.«

»Sehr gut, mein Freund! Ganz richtig!« sagte Robespierre in einem Tone, von dem man nicht wußte, ob er Zustimmung oder Spott enthielt. »Auch ich fordere mit Ihnen Gewissensfreiheit.«

Es gab eine schwüle Pause. Valfort achtete nicht der Gefahr, es drängte ihn zu fortgesetzten Angriffen gegen die jammervollen Zustände.

»Seit Jahren wütet das Morden, – das Abschlachten ist ein Vergnügungsmittel für die Nation geworden,« fing er wieder an. »Ich finde, daß wir täglich tiefer sinken. Die Massen baden sich in Blutströmen, beladen sich mit Raub, wachsen in Frevelsinn und Verwilderung. Die Tyrannei des Absolutismus haben wir los, – aber die Tyrannei der entzügelten Menge ist weit furchtbarer als jene des absoluten Königs gewesen.«

Der Diktator hüstelte.

»Dieselbe Ansicht wird im Konvent laut,« sprach er, ein gedrucktes Blatt aus der Tasche ziehend. »Hören Sie gefälligst, mein Freund, wie Saint-Just Ihre Gesinnungsgenossen im Konvent widerlegte!«

Er las:

»Unser Verfahren ist überaus milde und schonend im Vergleiche zum Verfahren der Monarchie. Wir haben hunderttausend Gefangene. Das Revolutionsgericht verurteilte bereits dreimalhunderttausend Schuldige zum Tode. Allein unter der Monarchie gab es Viermalhunderttausend Gefangene; damals wurden ein Jahr um das andere fünfzehntausend Schmuggler gehenkt und dreitausend Menschen gerädert. In diesem Augenblick zählt man in Europa vier Millionen Gefangene, deren Seufzer ihr nicht hört, während eine brudermörderische Mäßigung die Feinde der Regierung triumphieren läßt. Wir überhäufen uns gegenseitig mit Vorwürfen, und die Könige, die tausendmal grausamer sind als wir, schlafen ruhig in ihren Verbrechen.« Cantu, Bd. XIII. S. 154.

»Frevel gegen Freiheit und Gerechtigkeit entschuldigen kein Verbrechen gegen Freiheit und Gerechtigkeit,« versetzte Paul. »Wenn die Monarchie ungerecht und grausam handelt, so darf die Republik deshalb nicht auch grausam und ungerecht sein.«

»Ich achte Ihren Freimut und bewundere Ihre Überzeugungsstärke,« entgegnete der Diktator. »Können Sie mit dem Verfahren der republikanischen Regierung sich nicht versöhnen, so betrachten Sie dasselbe als ein Strafgericht Gottes über ein verkommenes Volk. Die Bankrottierer müssen gezüchtigt werden. Gab es nicht auch einen Attila, der sich Gottes-Geißel nannte? Gut! Das Revolutionsgericht schwingt über Frankreich die Geißel Gottes.«

»Der Barbarenkönig Attila mag eine höhere Mission erfüllt haben,« erwiderte Paul. »Aber Attila ließ sich bezwingen durch den Statthalter Gottes auf Erden. Vor Rom stieß er das bluttriefende Schwert in die Scheide und gehorchte dem Friedensfürsten Leo. Frankreich hingegen zerstört den religiösen Kultus, schreibt über die Eingänge der Kirchen: »Tempel der Vernunft« – und dekretiert die Absetzung des höchsten Wesens.«

»In einer Stunde der Verblendung,« ergänzte Robespierre.

»Darf ich einen Wunsch aussprechen, den mir die Liebe zum Vaterlande einflößt, so wäre es die Bitte, das Vernichtungswerk einzustellen,« sagte Valfort.

»Zur rechten Zeit,« ergänzte abermals der Diktator. »Für den Augenblick ist dies unmöglich. Die Revolution befindet sich noch im Stadium der Krisis. Wer einem Felsen in den Weg tritt, der von Bergeshöhen niederstürzt, wird zermalmt. Gesetze der sittlichen Notwendigkeit müssen sich ebenso erfüllen wie Gesetze der Naturnotwendigkeit. Der Halt kommt, wenn er eintreten muß.«

»Dazu ist noch keine Aussicht,« sagte Carnot, der bekanntlich glaubte, des Schreckens zu bedürfen zur Besiegung feindlicher Armeen. »Zur Existenz der Republik ist der Schrecken absolut notwendig. Ganz Europa steht in Waffen gegen uns. Der Schrecken wirbt Soldaten, das Entsetzen vor der Guillotine treibt auch den Feigsten unter die Waffen, in Schutz und Sicherheit der republikanischen Armee. Der Schrecken erzwingt Siege; denn »Sieg oder Tod« ist die Losung. Nur dem Schrecken verdanken wir eine Armee von zwölfmalhunderttausend Soldaten, von denen jeder die Generalsschärpe im Tornister trägt und jeder General sein Todesurteil, wenn er feige oder dumm ist.« Wachsmuth, Bd. II. S. 302 f.

»Und die tapferen Männer der Vendee werden wir als Kampfgenossen im schweren Streite gegen die Feinde des Vaterlandes gewinnen,« sagte Robespierre, indem er sich erhob. »Entschuldigen Sie, meine Freunde, die Stunde ruft zur Arbeit!«

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