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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 3
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Alter und neuer Glaube.

Madelon hastete nach Hause, der Mutter das Ereignis zu erzählen.

Frau Duval, eine fromme Tochter der Vendee, saß vor einem dickleibigen Gebetbuch. Sie las die Worte des Psalmisten: »In seinem Herzen spricht der Tor: Es ist kein Gott! Verdorben sind die Menschen und zum Abscheu geworden in ihren Freveln. Vom Himmel schaut herab der Herr, ob da ist ein Verständiger, oder einer, der Gott sucht. Alle fielen sie ab, unnütz geworden sind sie alle. Ein offenes Grab ist ihre Kehle, Hinterlist das Treiben ihrer Zunge, unter ihren Lippen Schlangengift. Psalm XIII.«

Die Bibelworte machten tiefen Eindruck und bestätigend nickte das Haupt der Leserin.

»So ist's, – genau so!« sprach sie. »Meine liebe Heimat abgerechnet, die gute Vendee, und etwa ein Stück der Bretagne und Normandie, ist alles verdorben in Frankreich. Im Herzen nicht allein sprechen sie: »Es ist kein Gott!« – mit dem Munde stoßen sie frech die Lästerung aus. Ja, – ein offenes Grab ist ihre Kehle, Schlangengift unter ihren Lippen! – – Wie viele Christen gibt es hier in Nod? Keine zehn! Wie eine Pest hat sich der Unglaube über ganz Frankreich verbreitet, – selbst hier in meinem Hause herrscht er. Welch ein Jammer! O Frankreich, du mein armes Vaterland! Wie lange noch wird es währen, bis Gottes Zorn auflodert und des Allgerechten Grimm alles zertritt, was täglich Seiner spottet? Was hat Er getan mit den Gottlosen zur Zeit des Noe? Was hat Er getan mit den Wüstlingen von Sodoma? Mit Wasser und Feuer vernichtete Gott, der Herr, die Frevler. Hat der gerechte, heilige Gott zweierlei Maß und Gewicht? Straft er nicht alle Missetäter im Geiste seiner ewigen, unveränderlichen Gerechtigkeit? O Frankreich, mein unglückseliges Vaterland!«

Sie hob die gefalteten Hände zum Kruzifix empor, und ein lebhafter Seelenschmerz durchzuckte ihr Angesicht.

»Erbarme Dich unser, o Gott, und sei uns gnädig!« flehte sie. »Banne den Unglauben aus den Herzen, – führe die Übeltäter auf den Pfad der Tugend, – öffne die Augen der geistig Blinden! Habe doch Erbarmen mit Frankreich, laß es nicht versinken in der Fäulnis seiner Frevel, wie ein morsches Haus! – O mein armes Vaterland!«

Ihre Lippen zuckten und Tränen stürzten aus ihren Augen.

Jene Begeisterung für Vaterland und Glauben, welche drei Jahre später die Waffen der Vendee schärfte und schwang gegen die Schreckensherrschaft der Gottlosigkeit, erfüllte auch diese Tochter ihrer Heimat, das Weib des Schmiedes Duval.

Leichte Schritte eilten über den Hausflur. Madelon trat ein. Sie bemerkte das geöffnete dicke Buch, von ihrem Vater spottweise »das Märchenbuch der Dummheit« genannt, sah die verweinten Augen, die bekümmerten Züge der Mutter, und ein natürliches Zartgefühl verschloß ihr den Mund. Allein der Zwang ärgerte sie; denn Madelon war ein Kind ihres Vaters und ihrer entarteten Zeit. Die irreligiösen Spottreden Duvals, dessen Hohn gegen dumme Gläubigkeit und dessen Grimm gegen die Bigotten, fanden im eiteln, zur Ausschweifung geneigten Herzen Madelon's empfänglichen Boden. Um ihretwillen gab es oft heißen Streit zwischen den Eltern, und Madelon fühlte sich weit mehr hingezogen zur lockeren Lebensrichtung des Vaters, als zur Sittenstrenge der Mutter.

Frau Duval war die Aufregung der Tochter nicht entgangen.

»Was gibt es, mein Kind? Was hast Du?«

Die Frage kam gelegen. Mit vieler Selbstgefälligkeit und lachenden Mundes berichtete Madelon den Vorgang.

»Das ist ja empörend!« sprach entrüstet die sittlich fühlende Mutter. »Und Du lachst, wo Du erschrecken solltest? Madelon, – Madelon!«

»Warum soll ich erschrecken?« entgegnete sie leichtfertig. »Manche wäre stolz darauf, einem Herzog zu gefallen.«

»Schweige, – ungezogenes Kind!« rief in strafendem Tone Frau Duval. »Gott sollst Du gefallen, Deinem künftigen Richter. Wehe Dir, wenn Du ihm mißfällst!«

»Nun, Mutter, das sind so Deine Reden, die nicht mehr passen in unsere aufgeklärte Zeit, – wie der Vater sagt. In keinem Hause ist es so strenge, unlustig und bigott wie bei uns. Die Leute verlachen ein altfränkisches Wesen, das nichts mehr gilt. Auch die Mönche drüben in der Abtei sind lustig und gehen mit der Welt. Die langen, häßlichen Kutten haben sie ausgezogen und tragen modische Röcke. Bälle und Konzerte geben sie im Kloster, und tanzen mit hübschen Damen. Und so ist es überall, wohin man kommt. Warum hörst Du nicht auf, Mutter, Dir und mir und dem Vater das Leben zu verbittern mit Einbildungen, die im Märchenbuche stehen? Mit der Bigotterie ist's einmal aus und vorbei, wie der Vater sagt; – ich halte zum Vater.«

Wie Messerstiche empfand Frau Duval die Worte der Entarteten.

»Pfui, Ungeratene, – pfui, Nichtswürdige!« sprach sie zürnend. »Ein Nagel bist Du am Sarge Deiner unglücklichen Mutter.«

Madelon verließ murrend die Stube.

Frau Duval saß niedergedrückt und überlegte, wie Unheil und Schmach könnten abgewendet werden. Ihr Mann, stolz auf religiösen Unglauben und zeitgemäße Bildung, hatte keine sittlichen Bedenken gegen das Ansinnen des Feudalherrn. Auch die mütterliche Autorität bot keine wirksame Abwehr des Verderbens; denn einflußlos bleiben die Eltern auf die Entschlüsse erwachsener Kinder, wenn letztere nicht durch Pflichten des religiösen Glaubens sich bestimmen lassen. Und Madelon war auf den Knieen ihres Vaters im Geiste Rousseau's erzogen worden. Ebenso wenig konnte sie Hilfe erwarten von der Autorität ihres alten, würdigen Pfarrers, eines Hirten ohne Herde, der in Armut lebte und in den Augen aufgeklärter Zeitgenossen als Schwärmer und Betrüger.

Immer tiefer beugte sich das Haupt der unglücklichen Mutter. Längst erfüllte sie der fast allgemeine Abfall von Gott mit Trauer, – jetzt sollte das Verderbnis in seiner häßlichsten Gestalt eindringen in ihre Familie und das einzige Kind als Opfer fordern. Sie rang die Hände zum Gekreuzigten empor.

»Hilfe, mein Gott, – Hilfe, – Rettung!«

Die Türe öffnete sich. Duval trat leise pfeifend ein. Die Bedeutung des leisen Pfeifens kannte Frau Duval; es war das Merkmal einer sehr gereizten Stimmung. Äußerlich erschien der Schmied heiter, in bester Laune.

»Du hast Dich wieder vor Deinem Gott hören lassen, Sibylle!« sprach er, mit einem höhnischen Blick auf das Gebetbuch. »Rousseau hat gesagt, es wäre eine Beleidigung des höchsten Wesens, eine Bitte an dasselbe zu richten; denn als höchstes Wesen müsse es wissen, was wir brauchen, und zugleich die Güte haben, ungebeten uns zu geben, was wir bedürfen.«

»Rousseau war kein Prophet, kein Apostel, kein Heiliger, sondern ein Religionsspötter, mein lieber Jean!« entgegnete Frau Sibylle, indem sie das Gebetbuch in die Lade schob, als wolle sie es dem Hohne Duval's entziehen.

»Ganz richtig, Frau! Rousseau war ein grundgescheiter Mann, ein Philosoph, darum konnte er weder ein Prophet, noch ein Apostel, noch ein Heiliger sein; denn alle diese Leute gehören zu den Dummen.«

»Sehr gescheit ist's aber doch nicht, wenn Rousseau behauptet, es sei eine Beleidigung Gottes, zu beten,« erwiderte sie. »Man betet ja nicht, um Gott, dem Allwissenden, etwas zu sagen, das er nicht wüßte. Man betet auch nicht im Zweifel an Gottes Güte, – im Gegenteil! Wüßte man nicht, daß Gott barmherzig und gütig ist, bereit zur Hilfe, dann wäre das Gebet überflüssig.«

»Ganz richtig! Warum betet man also, frommes Kind?«

»Weil es Gott befiehlt! Betet ohne Unterlaß! – hat er gesagt. Bittet, und ihr werdet erhalten! – hat er versprochen.«

»Darf man vom Christengott einen vernünftigen Grund seiner Befehle erwarten?« frug er, mit einem häßlichen Zucken des Gesichtes.

»Eine vermessene Frage!« antwortete sie. »Hier ist der Grund: – das Beten ohne Unterlaß soll uns beständig die Hilfsbedürftigkeit und Abhängigkeit vor dem allmächtigen Gott vor Augen halten.«

»In der Tat vernünftig, – das heißt, schlau erdacht, die armen gläubigen Seelen in der Gewissenstyrannei zu erhalten. – Genug davon! Jetzt von etwas anderem,« fuhr er fort, an seiner Lederschürze rückend und schiebend. »Hat Dir Madelon erzählt?«

»Sie hat mir von dem schändlichen Begehren des Grafen Henry und von dem schamlosen Benehmen des Herzogs Chatel erzählt,« entgegnete sie erregt. »Ein offenes Grab ist die Kehle dieser Herren, – Schlangengift unter ihren Lippen.«

»Schändlich, – schamlos, – Schlangengift? Seht da, die fromme Christin!« rief gezwungen lachend Rousseau's Schüler. »Ich merke, wenn man das Schimpfen gründlich lernen will, so muß man die Bibel lesen und Gebetbücher.«

»Die richtige Bezeichnung der Bosheit ist kein Schimpfen,« erwiderte sie.

»Bosheit? Wo liegt Bosheit im Begehren des Grafen? Er fordert Madelon in seinen Dienst, – hat er dazu kein Recht?«

»In welchen Dienst, Jean? Ich beschwöre Dich!«

»In seinen Herrendienst, gute Sibylle!«

»Der nicht Gottes Dienst ist!«

»Pah, – Gottesdienst!« rief er verächtlich. »Überall ist Dein Gott im Spiel. Du bist unerträglich, Frau! Laß mir einen Gott bei Seite, der außer Mode kam. – Ich betrachte den Handel vom einzig richtigen Standpunkt, nämlich vom Standpunkt unseres Vorteils. Die Herren sollen unsere Madelon in Dienst haben, aber sie sollen diesen Dienst mit schwerem Gelde bezahlen, – verstehst Du?«

»Nein, Dich verstehe und begreife ich nicht!« sprach sie entrüstet. »Ein Vater könnte fähig sein, die Ehre seines Kindes zu verkaufen? Glaubst Du nicht an den heiligen Gott, den Rächer schändlicher Taten, so glaube wenigstens an die Ehre Deines Kindes und an Deine Ehre.«

»Blödsinn, – purer Blödsinn!« versetzte er geringschätzend. »Du steckst halt noch im alten Glauben, – daher Dein sinnloses Geschwätz. Ich sage Dir, jene Ehre, die wächst und wurzelt auf religiösem Boden, ist für mich keine Ehre. Ehrenhaft ist's für den aufgeklärten Mann, seinen Vorteil im Auge zu behalten, – dies tue ich. Die Herren sollen zahlen.«

»Mein Gott, – mein Gott, – welche Schande, – welche Verblendung, – welche Bosheit!« rief die entsetzte Frau.

»Bosheit und Verblendung ist ganz auf Deiner Seite, einfältiges Weib!« schalt der Grobschmied. »Du bist halt aus der Vendee, wo noch die Leute im Joche der Pfaffen, im Dunkel der Unwissenheit und Dummheit gehen. Hast Du den Narren gefressen an dem alten, abgestandenen Glauben, so behalte das Zeug für Dich, verdaue es, – wenn's verdaulich ist. Aufhören aber sollst Du, mich zu ärgern mit den Hirngespinsten des alten Glaubens, – mir allenthalben die Narrheiten des alten Glaubens in den Weg zu werfen, – meinen Nutzen zu schädigen mit dem Gaukelwerk des alten Glaubens. Ich huldige dem neuen Glauben, dem Glauben der ganzen gebildeten Welt, – dem Glauben Rousseau's, Voltaire's, Diderot's und aller gescheiten Männer, – dem Glauben von ganz Frankreich, einige Schwärmer und bigotte Duckmäuser abgerechnet. Und dieser neue Glaube sagt mir, es sei vernünftig, einen gefundenen Schatz zu heben. Der Schatz liegt im Schlosse des Herzogs von Chatel, und Madelon ist der Schlüssel dazu. – Verstehst Du mich, Du frommes, dummes Weib?«

»Dein neuer Glaube ist ein alter Schlüssel zur Hölle für Dich und Dein Kind!« entgegnete sie ernst. »Die Toren von Babylon, welche sagten: »Es ist kein Gott,« – und die Väter von Sodoma, welche geradeso dachten über Ehre, wie Du, – – haben sich schon vor dreitausend Jahren mit Deinem Schlüssel die Hölle aufgesperrt.«

»Die Hölle? Ha – ha! Die Hölle ist auch so eine schlaue Erfindung des alten Glaubens, um die Leute unter das Joch der Pfaffen und anderer Tyrannen zu beugen, die mit den Pfaffen unter einer Decke spielen.«

»Die Hölle ist eine Folge der menschlichen Bosheit und der Gerechtigkeit Gottes, – keine schlaue Erfindung der Geistlichen,« erwiderte sie.

»Kein Wort mehr von der Hölle, – mag nichts davon hören!« fuhr er wild auf. »Den neuen Glauben, den Glauben der Vernunft, empört jeglicher Blödsinn, jegliche Angstmacherei, – will nichts davon hören! Der neue Glaube will keine Betbrüder, keine engherzige Kopfhänger, – der neue Glaube will heitere, unabhängige Menschen, unbeschränkte Lebensfreuden.«

»Ja – ja, der neue Glaube predigt Zügellosigkeit, gestattet jede Ausschweifung und Schlechtigkeit; denn es weiß ja der neue Glaube nichts von einem heiligen Gott, dem Richter und Vergelter alles Guten und Bösen,« sprach sie. »Ich sage Dir, Mann, auf den Füßen dieses neuen Glaubens wird die Welt nicht weit laufen! Im neuen Glauben gibt es keine Tugend, keine Ehre, wohl aber Lastersinn und Väter, die ihre eigenen Kinder an die Sünde verkaufen.«

»Willst Du schweigen, schmähsüchtiges Weib?« schrie er drohend. »Im neuen Glauben gibt es keine Sünde, also auch kein Verkaufen an die Sünde. Was der dumme hirnverbrannte alte Glaube Sünde nennt, das ist Naturrecht, Lebensgenuß, – verstanden?«

Bei den lauten Worten des Vaters hatte Madelon die Küche verlassen und war in die Seitenkammer getreten, wo sie lauschend stand.

»Ein Glück, daß Madelon meinen hellen Kopf hat und keine Ader von ihrer bigotten, einfältigen Mutter,« fuhr der Schmied fort. »Die Vernunft wird ihr sagen, was sie zu tun hat. Sie wird begreifen, daß ein kurzer Herrendienst mehr Gewinn bringt, als das Jahre lange Knierutschen ihrer frommen Mutter vor dem eingebildeten Gott des alten Glaubens.«

»O Jean, – Jean, – ist denn alle Scham, alles Ehrgefühl erstorben in Dir?« rief die gemarterte Frau.

»Was willst Du? Ich habe so viel Ehrgefühl, wie jene Herren mit Wappen und Kronen, ja, – so viel Ehrgefühl, wie die Könige von Frankreich! Ist's nicht genug, wenn der Schmied Duval gerade so schamhaft ist, wie der Allerchristlichste?« rief er höhnisch.

»Unser König ist ein frommer Herr!« entgegnete sie.

»Jawohl, – sein Vorgänger, der fünfzehnte Ludwig, war auch ein frommer Herr, – steckte sich in eine Kapuzinerkutte, ging fleißig zur Messe und mit der Prozession, – und doch hatte er ganz mein Ehrgefühl. Soll ich mir den Allerchristlichsten nicht zum Vorbild nehmen? – Ah, – ich merke, hier bist Du wieder dumm! Muß Dir eine hübsche Geschichte erzählen, – merk' auf! – – Der Metzger Poisson von Versailles hatte eine gar hübsche Tochter, Hanne geheißen. Die Metzgerstochter gefiel ebenso dem frommen König, wie Madelon, die Schmiedstochter, dem Herzog Chatel gefällt. Was tut der Allerchristlichste? Er nahm die hübsche Hanne in seine Dienste und machte sie zur Markgräfin Pompadour. Und wenn der junge Herzog Chatel unsere Madelon zur Herzogin macht, so habe ich gar nichts dagegen. Gfrörer, Bd. III. S. 298 ff.«

Die Augen der lauschenden Madelon glühten, und hoch auf schwoll ihr eitler Sinn.

»Höre, was der fromme König weiter getan hat,« fuhr Duval fort, und erzählte eine überaus schmachvolle Lebensgewohnheit des genannten Monarchen. Gfrörer, Bd. III. S. 596 ff. »Ist das nicht hübsch und ehrenvoll?« schloß er im Tone beißenden Spottes.

»Verbrecherisch, – teuflisch!« stieß sie hervor.

»Königlich, – beste Sibylle, – königlich!« höhnte er. »Und wenn das Volk den Allerchristlichsten und die höchsten Herrschaften nach dem neuen Glauben in Ehren leben und handeln sieht, muß nicht das Volk daran sich ein Beispiel nehmen und handeln nach so hohen Vorbildern? Darum schweige von der Ehre der Christlichen, – der Allerchristlichste hatte keine nach dem alten Glauben. Nach dem alten Glauben war er ein Schuft, ein Lump, ein Schurke, ein viehisches Ungeheuer. Nach dem neuen Glauben war er ein lebensfroher, verständiger Mann. – – So steht's, Sibylle! Der Allerchristlichste, die hohen Herrschaften und der Schmied Duval von Nod haben alle denselben Glauben und das nämliche Ehrgefühl. Ich bin in hoher und höchster Gesellschaft, – mehr kannst Du nicht verlangen. Und jetzt merke Dir wohl, was ich sage! Versuchst Du, Madelon abwendig zu machen vom Herrendienst, dann gibt's!«

Er schwang drohend die Faust, verließ die Stube und ging nach der Küche.

»Madelon, – wo bist Du?«

Die Gerufene trat aus ihrer Kammer.

»Ich hab' mir die Sache überlegt,« begann er. »Wir müssen vorsichtig handeln wegen des Thomas. Den angebotenen Glücksdienst nehmen wir natürlich an. Thomas kommt morgen. Er wird davon erfahren und Dich fragen. Du sagst ihm, der Dienst sei nicht nach Deinem Sinn. Du wollest um keinen Preis in denselben, aber Du sähest keinen Ausweg ihm zu entgehen. Rovere sei Dein Feudalherr und habe ein Recht, Deinen Dienst zu erzwingen. – – So sagst Du ihm. Hiedurch wird Thomas getäuscht. Er bleibt Dir gut. Wenn Du nicht Herzogin wirst, so wirst Du, nach abgelaufener Dienstzeit, das Weib eines tüchtigen Seidenwebers. – – Du begreifst mich doch?«

Sie nickte bejahend.

»Bist auch einverstanden mit meinem Plan?«

»Ganz einverstanden!«

Duval ging nach der Schmiede.

Am folgenden Sonntagmorgen stand Duval arbeitend in der Werkstätte; denn nach dem neuen Glauben gab es keine Sonntagsfeier. Sibylle war in die Kirche gegangen, wo sie mit fünf Frauen und einigen Kindern die ganze Christengemeinde von Nod darstellte.

Madelon trat häufig unter das Hoftor und spähte die Gasse hinab. Sie erwartete Thomas Gilbert. Endlich kam er, ein junger, sauber gekleideter Mensch, mit lebhaften Augen und regelmäßigen Gesichtszügen. Sie winkte ihm lächelnd entgegen, und er trat in höchster Aufregung vor sie hin.

»Was höre ich, Madelon? Ist's wahr?«

Sie zog ihn sanft nieder auf die Bank, die im Schatten eines Rebstockes stand.

Der Schmied arbeitete scheinbar emsig. Er beobachtete beide.

»Was meinst Du, Thomas?« frug sie, einen verführerischen Glanz in den Augen.

»Graf Rovere hat Dir eine Kußhand zugeworfen und verlangt Dich zum Dienste in das Schloß?«

»Dies hat er allerdings getan,« antwortete sie, verschämt niedersehend.

Er sprang wild empor, und seine Augen sprühten Feuer.

»Was ist Dir, Liebster? Setze Dich zu mir und höre! Der Graf kann verlangen, was er will, – ich tue es nicht. Deshalb sei ruhig!«

»Ruhig? der Elende, – der Tyrann! Hat er nicht das Recht, seine Henkersknechte zu schicken und mit Gewalt Dich holen zu lassen? Oh – Oh – es gibt ein Unglück, – ich ersteche den Wüterich!« rief er, wie von Sinnen. »Aber nein, es ist kein Unglück, – ein Segen ist's, Tiger, Bestien, Ungeheuer tot zu schlagen; – dies, und noch viel ärgeres, sind die Feudalen, die Schinder und Mörder des armen Volkes.«

Der Schmied vernahm wohlgefällig die zeitgemäßen Schlagwörter.

»Der Junge redet gut,« murmelte er. »Man hört doch gleich, wer Zeitungen liest.«

»Aber, Thomas, Du bist außer Dir!« sprach Madelon.

»Ist's ein Wunder? Muß nicht ein ehrlicher Mensch von Sinnen kommen?« rief er entgegen. »Ich stehe im Begriffe, mich zu verheiraten. Da gefällt einem Feudalen meine Braut und er fordert sie auf sein Schloß, – und darüber soll ich nicht toll werden?«

»Nein, Thomas! Zum Tollwerden hast Du keine Ursache. Ich gehorche einfach dem Grafen nicht. Schickt er seine Leute, dann laufe ich davon, – verstecke mich.«

»Wohin? Vergebens wäre Dein Fliehen. Alle Winkel Frankreichs wird die Polizei nach der entlaufenen Hörigen des Grundherrn durchsuchen.«

»Dann weiß ich ein anderes, ganz sicheres Rettungsmittel,« erwiderte sie zurückhaltend.

»Was für ein Rettungsmittel?«

Sie blickte ihn ruhig an und schwieg.

»Madelon, darf ich Dein Rettungsmittel nicht wissen?«

»Du würdest zürnen und widersprechen.«

»Gewiß nicht! Jedes Mittel, das Dich rettet aus den Krallen des Geiers, ist mir recht.«

»Gut, – höre!« sprach sie, den Blick senkend. »Ich werde ein sehr scharfes und spitziges Messer bei mir tragen. Kommen die Leute des Grafen, mich gewaltsam fortzuschleppen, – dann,« –

Sie stockte.

»Nun, – dann?« frug er gespannt.

»Dann stoße ich mir das Messer tief in die Brust, und bin – gerettet!«

Dem jungen Mann verging plötzlich aller Grimm. Er wurde leichenblaß und saß sprachlos.

»Ein Blitzmädel!« – brummte der Schmied. »Sie spielt ihre Rolle ausgezeichnet.«

»Madelon, – das geht zu weit, – das will ich nicht!« sagte Gilbert.

»Lieber sterben, als Dir entrissen werden,« beteuerte sie.

»Beides sollst Du nicht. Mir kommt da ein guter Gedanke: – wir heiraten auf der Stelle!«

»Das hilft nicht!« erwiderte Madelon. »Kein höriges Mädchen darf heiraten ohne Erlaubnis ihres Grundherrn. Meinst Du, Graf Henry würde die Erlaubnis geben?«

»Grundherr ist der alte Graf, nicht der junge,« versetzte Gilbert.

»Der alte Graf sitzt bei den Deputierten in Versailles. Henry regiert mit allen Vollmachten seines Vaters.«

Der Seidenweber blickte vor sich hin und zeichnete mit dem Stocke Figuren in den Sand des Hofes. Dies tat er mechanisch. Von seinen Zeichnungen sah er nichts, er sah nur das schreckliche Mordmesser in Madelons Hand und sann auf Mittel, ihr dasselbe zu entreißen.

Auch sie schwieg und harrte der weiteren Entwicklung.

»Wer weiß, – vielleicht hat der Graf gerade keine schlimmen Absichten,« hob Thomas zögernd an. »Man sagt allgemein, die Schwester des Grafen sei das schönste Mädchen von ganz Frankreich, – und Herzog Chatel wolle die Komtesse heiraten. Und da, – – nun, – diese hohe Herren haben allerlei Schrullen im Kopfe.«

»Was meinst Du, Liebster?«

»Ich meine, Herzog Chatel wünsche für seine Braut eine passende Dienerin, – nämlich ein Mädchen, das ihr an Schönheit nahe kommt, – das für ihre Umgebung paßt.«

Sie belächelte den höchst unwahrscheinlichen Einfall, den sie jedoch nicht bestritt, weil er ihre geheimen Absichten fördern konnte.

»Freilich, – wenn man das wüßte!«

»Du würdest Deine Mordgedanken aufgeben, – nicht wahr?«

Sie nickte bejahend.

»Ich schwöre, – so ist es!« sprach er aufatmend. »Graf Henry sinnt nichts Arges. Der schönen Schwester ein hübsches Kammermädchen, – das ist alles! – – Dennoch, – dennoch, – wüßte ich nur ein Mittel, diesen schrecklichen Ehrendienst abzuwenden!«

Frau Duval kehrte aus der Kirche zurück und betrat den Hof. Grüßend erhob sich der junge Mann.

»Wie geht es Ihnen, Thomas?« frug Sybille.

»Nicht zum besten, Frau Mutter! Das Verlangen des Grafen Henry gefällt mir nicht, – es hat einen Anstrich, der Unruhe einflößen könnte.«

»Ich teile Ihre Ansicht!« sprach ernst Frau Duval. »Da haben Sie gleich einen Beweis für meine Behauptungen, und eine Widerlegung der Ihrigen.«

»Was meinen Sie, Frau Mutter?«

»Neulich behaupteten Sie, Bildung und feiner Anstand genügten, jede Missetat zu verhüten, – religiöser Glaube sei durchaus nicht notwendig. Nun, Graf Henry und Herzog Chatel sind feingebildete Männer, – weshalb jetzt Ihre Unruhe?«

Ein gewaltiger Hammerschlag fuhr auf den Ambos nieder. Frau Sybille erriet die drohende Bedeutung des Schlages, ohne sich hiedurch bestimmen zu lassen.

»Rovere und Chatel sind allerdings feingebildete Herren,« erwiderte Thomas verlegen.

»Weshalb fürchten Sie demnach Schlimmes für Madelon in der Nähe dieser Feingebildeten?« fuhr sie fort. »Wären die Herren gläubige Christen, strenge Beobachter der Gebote Gottes, die eher bereit sind zu sterben, als eine Missetat zu begehen, – würden Sie auch dann für Madelon Schlimmes fürchten im frommen Schlosse Rovere?«

»Nein! Sie haben Recht, Frau Mutter! Ich bin widerlegt,« gestand er.

Abermals fuhr ein Hammerschlag nieder. Sybille wandte das Haupt und blickte zur Schmiede hinüber. Dort stand ihr Mann im Dämmer der Werkstätte, nur sichtbar von ihrem Standpunkte, ballte grimmig beide Fäuste und schnitt dazu die entsprechenden Grimassen. Frau Duval wußte, was ihr bevorstand. Dennoch unterließ sie nicht die erkannte Christenpflicht.

»Sie sehen daraus,« fuhr die wackere Frau fort, »daß jemand ein feingebildeter und dennoch ein schlechter Mensch sein kann. Es kann aber niemand ein wirklicher Christ und dennoch ein schlechter Mensch sein. Der lebendige religiöse Glaube macht jede Schandtat unmöglich. Wäre dagegen irgend jemand feingebildet und vielwissend, dabei aber ohne Glauben an den heiligen Gott, den allwissenden Rächer jeder Missetat, dann wäre ein solcher Mensch weiter nichts als ein raffinierter Spitzbube. Gerade sein Vielwissen und seine Bildung würden ihn nur desto gefährlicher machen.«

»In der Tat, – so ist's, – man kann es nicht leugnen! – Was hilft dies aber in unserer Lage? Ich bitte, geben Sie mir einen guten Rat!«

Sie stand einige Augenblicke überlegend.

»Gehen Sie hinauf zum Grafen, stellen Sie ihm Ihr Verhältnis zu Madelon vor, das heißt, Ihre Absicht, sich nächstens zu verheiraten. Bitten Sie ihn, von seinem Verlangen abzustehen.«

»Aber, Mutter, was rätst Du Thomas?« rief Madelon. »Du schickst ihn sicher ins Verderben. Besteht Rovere auf seinem Willen, dann wird Thomas zornig, – er stößt beleidigende Worte gegen den Grafen aus, und der Galgen ist ihm gewiß.«

»Fürchte nichts, Madelon!« beruhigte der Seidenweber. »Sanft wie ein Lamm will ich sein, unterwürfig wie ein Sklave, – kurz, ganz so wie es die Feudalen lieben. – Ihr Rat ist ausgezeichnet, Frau Mutter, ich danke Ihnen! Bei der Gelegenheit erfahre ich auch, was der Graf eigentlich will mit Madelon; denn er muß doch etwas sagen.«

Madelon unterließ weitere Einwürfe, da ein Wink des Vaters sie von dessen Einverständnis mit dem mütterlichen Rat überzeugte.

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