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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 29
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Pöbel und Guillotine.

Robespierre hatte Valfort mitgeteilt, daß in den Konventsausschüssen die Friedenspräliminarien mit der Vendee erwogen und besprochen würden.

»Ich zweifle nicht an der Erreichung unseres Zieles,« versicherte der Diktator. »Nur dürfte sich die Sache etwas in die Länge ziehen. Benützen Sie inzwischen die Gelegenheit, das republikanische Gesicht unserer guten Stadt Paris zu betrachten.«

Eine Wahrheit enthielt Robespierres Rede dennoch. Die Angelegenheit dehnte sich wirklich in die Länge, und zwar deshalb, weil eine starke Armee gegen die Vendee ausgerüstet wurde.

Einer Mahnung für den jungen Baron, die Dinge in der blutrauchenden Hauptstadt kennen zu lernen, bedurfte es nicht. Mit Pierre durchstreifte er Paris nach allen Richtungen. Hiebei entging ihm die stete Begleitung eines Mannes, der in geringer Entfernung folgte wie sein Schatten. Der Mann trug bürgerliche Kleidung, hieß Jakob, und war der geheime Agent Fouquiers, des gefürchteten öffentlichen Anklägers.

Fouquier war kein Mensch, sondern ein Auswurf der Hölle, der einen unlöschbaren Durst nach Blut besaß. Jeden Tag ließ er ganze Wagenladungen Gefangener vor das Revolutionsgericht fahren, verurteilen und abschlachten. Wurden Angeklagte herbeigeschleppt, deren Namen gar nicht auf der Tagesliste standen, so kam Fouquier deshalb nicht in Verlegenheit.

»Was liegt daran?« rief er in solchen Fällen. »So mögen sie den Vortritt haben und geköpft werden, ehe die Reihe an ihnen ist.«

Standen hingegen Personen auf der Tagesliste, die längst hingerichtet waren, so ließ Fouquier einige andere für sie köpfen.

»Wir müssen jeden Tag unsere bestimmte Zahl haben,« sagte er. »Tag für Tag hundertfünfzig Köpfe ist gar nichts. In der nächsten Dekade muß es rascher gehen. Wir brauchen mindestens vierhundertfünfzig Köpfe.« Cantu, Bd. XIII. S. 144 f.

Den rastlosen Bemühungen Fouquiers und anderer Scheusale gelang es, vom März bis Juni 1793 nicht weniger als 94,577 Köpfe abschlagen zu lassen. Ibid.

Valforts Schatten, der spionierende Agent Jakob, war nicht minder gefürchtet als sein Herr. Ganz Paris kannte und floh ihn, wie den Tod. Zahllose Opfer schickte er auf das Blutgerüst. Ein Wort, ein Blick, sogar die bloße Vermutung unpatriotischer Gesinnung genügten ihm, schuldlose Menschen den mordgierigen Fäusten seines Vorgesetzten zu überliefern. Wie ein Netz, ausgeworfen zum Fange für die Guillotine, ging Jakob durch Gassen und Straßen. Jedermann flüchtete vor dem Schrecklichen.

So kam es, daß Valfort ungehindert die unsicheren Straßen durchwandern und seine Beobachtungen machen konnte.

Heute ging er nach dem Revolutionsplatz, wo Scharfrichter und Guillotine ihr schauerliches Tagewerk vollbrachten.

Auf dem Wege dahin kam er in Gefahr, für ein Zürnen der beleidigten Menschlichkeit erschlagen zu werden.

Aus einem stattlichen Gebäude trug der Pöbel Geräte, Kleider, kostbare Gemälde und Luxusgegenstände fort. Offenbar wurde ein reiches Aristokratenhaus geplündert. Das gleiche Schauspiel hatte Valfort wiederholt gesehen. Die Sanscülotten machten fast täglich ihre Eigentumsbegriffe geltend, plünderten die Besitzenden und vollzogen das Recht der Teilung. Ein Dekret des Nationalkonventes hatte nicht allein die Köpfe der Reichen dem Pöbel preisgegeben, sondern auch deren Vermögen. Nur die herrschenden Proletarier waren unverdächtige Patrioten, alle Reichen hingegen höchst verdächtig, wenn nicht erwiesene Feinde des Vaterlandes. Wachsmuth, Bd. II. S. 284.

Paul sah in das wüste Treiben, hörte Spottreden wider die Reichen, Schlagwörter auf Freiheit und Gleichheit, zuweilen auch ein rohes Lachen solcher, die beim Rauben wertvolle Dinge gefunden. Im Begriffe, weiter zu gehen, blieb er festgewurzelt stehen. Entsetzen malte sich in seinen Zügen. Aus dem Tore taumelte schreiend ein betrunkener Proletarier, eine Pike hoch haltend, auf deren Spitze das blutige Haupt eines Kindes stak.

»Da seht, – da seht – ha – ha!« rief der Sanscülott. »Hopp – hopp – hopp, – ein Aristokratenkopp! Gelt, – meine Augen gucken schärfer, als die Augen der Gendarmen? Den Wurm hab' ich noch gefunden, – verkrochen in ein Loch, – ein junges Gräflein! Hopp – hopp – hopp, – ein Aristokratenkopp!«

Johlend tanzte der Mörder in der Straße, zuweilen von Pöbelgenossen lachend angerufen und gerühmt.

»Bürger, was ist's eigentlich mit dem Kindskopf?« frug Pierre einen neben ihm stehenden Sanscülott.

Der Mensch betrachtete argwöhnisch und falsch den Fragenden.

»Du kommst mir verdächtig vor!«

»So, – warum?«

»Weil Du einen hübschen Brauch des souveränen Volkes nicht kennst. Wärest Du kein Fremder, so wüßtest Du, daß seit drei Jahren Aristokratenköpfe herumgetragen werden auf Piken.«

»Du hast recht, Bürger! Weil ich in Paris ein Fremder bin, so kann ich diesen hübschen Brauch des souveränen Volkes nicht verstehen.«

Der Proletarier schien über diese Worte im höchsten Grade erstaunt.

»Wenn Du kein Narr bist, so wette ich, Du bist ein Lebensmüder! Möchtest Dir von der Guillotine einen Gefallen tun lassen.«

»Weder Narr, noch Lebensmüder, – vielleicht aber ein Unwissender. Belehre mich, Bürger! Warum hältst Du mich für einen Lebensmüden?«

»Weil Du selber Dich einen Fremden nennst, jeder Fremde aber verdächtig ist und guillotiniert wird.«

»Ei, – Du bist fix mit dem Guillotinieren!«

»Freilich fix, weil ich ein echter Patriot bin und meine Lust daran habe, verdächtige Köpfe fliegen zu sehen. Auch Deiner muß fliegen! Kerl, Du bist verhaftet, – ein Gefangener des souveränen Bürgers Piton.«

»Langsam, souveräner Bürger! Vorläufig bin ich Gastfreund des souveränen Bürgers Robespierre, der mich besser kennt als Du. Deshalb rate ich Dir, Deinen eigenen Kopf fliegen zu lassen, wenn Du ein so großer Freund vom Guillotinieren bist.«

Piton wich betroffen zurück.

»Du, – ein Gast des großen Robespierre?«

»Allerdings! Zweifelst Du, so lade ich Dich ein, mit mir zu gehen, um Robespierre einen Verschwörer vorzustellen, der seinen Gastfreund köpfen will.«

»Vergebung, Bürger, Vergebung!« bat der Souveräne. »Ich war ein Tölpel, – aber doch nur ein Tölpel aus Vaterlandsliebe.«

»Wirst Du so gefällig sein und mir sagen, was, der Kindskopf zu bedeuten hat?«

»Das will ich, Bürger! In diesem Hause wohnte ein Aristokrat, was so viel ist, wie ein Feind des Vaterlandes. Heute morgen wurde der Aristokrat verhaftet mit seiner ganzen Familie. Wie Du siehst, nimmt das souveräne Volk, was ihm gehört. Dabei fand jener Bürger ein verstecktes Kind, dem er den Kopf abschnitt. Das ist alles!«

»Bürger, ich danke Dir für eine Geschichte, die niemand glaubt, der sie nicht gesehen hat.«

Hier unterbrach Valforts bedenkliche Lage Pierres Verkehr mit dem Sanscülotten.

Paul hatte eine trunkene Rotte beobachtet, die einen Kreis um den Mörder bildete und denselben, die Marseillaise brüllend, umtanzte. Die Pike mit dem abgeschnittenen Kopfe des Kindes hielt der Unhold wie ein Siegeszeichen. Er trippelte und tänzelte inmitte des Ringes und schnitt dazu häßliche Grimassen. Das Schauspiel veranlaßte Paul zu Betrachtungen über Bosheit und Entmenschlichung des souveränen Volkes. Hiebei trat lebhaft der Abscheu seiner Seele in das Angesicht des jungen Mannes, das zürnend dem trippelnden Pikenträger zugewandt war. Plötzlich blieb der Mörder unbeweglich stehen und heftete seine bestialisch glotzenden Augen auf Paul. Einen wilden Schrei ausstoßend, verließ er den Ring und nahte dem Baron.

»Ah, – Bürger, – Du hast keine Freude an unserer Komödie?« rief er ihm höhnisch zu. »Was, Kerl, – Du gönnst dem souveränen Volke keinen Spaß? Bürger, – guckt, – schneidet der ein Gesicht, wie ein Bullenbeißer? Ich schwöre, – ein Aristokratenhund!«

Valfort wich an die Wand des Hauses zurück. Der Schwarm drängte heran.

»Ein Verdächtiger, – ein Fremder, – ein Konspirierter!« schrieen die Sanscülotten durcheinander.

»Er küsse den Kopf! Küßt er ihn nicht, – an die Laterne!« brüllte das Gesindel.

Pierre durchbrach den Schwarm, stellte sich neben seinen Herrn und fällte die Pike.

»Wer diesen Bürger anrührt, den stoße ich nieder!« rief er drohend.

Die Proletarier lachten häßlich.

»Noch einer für die Laterne, – das wird lustig!« schrieen sie.

»Halt! Zuerst den Kopf küssen!« kreischte der Mörder, das Haupt dem Munde Pauls nähernd.

»Ungeheuer, – Barbar!« stieß Paul hervor, mit einem so heftigen Schlage an den Schaft der Pike, daß der Kopf zu Boden fiel.

Aufheulten die Proletarier.

»An die Laterne mit ihm! Er hat das souveräne Volk beschimpft, – an die Laterne!«

Allein die feige Rotte wagte keinen entschlossenen Angriff. Valforts blitzender Pallasch fuhr aus der Scheide und Pierre stand zum Stoße bereit.

»Schießt die Hunde nieder!« rief eine Stimme.

Da schwieg der Lärm. Jakob, der Schreckliche, stand Plötzlich neben Valfort. Gendarmen drängten den Schwarm zurück.

»Nach welchem Gesetz muß ein Bürger der Republik abgeschnittene Köpfe küssen?« rief Jakobs schneidige Stimme in das Schweigen. »Wer Gewalt übt an friedlichen Patrioten, der ist des Todes schuldig.«

Die Sanscülotten wichen nach allen Seiten und stoben auseinander.

»Bürger, ich danke für Deinen Beistand!« sagte Paul, welcher Fouquiers Agenten für einen Polizeibeamten hielt.

»Meine Schuldigkeit! – Wohin gehst Du?«

»Nach dem Revolutionsplatze.«

»Gehe, – sehe, – höre, – schweige!« mahnte Jakob und wandte sich ab.

Der Baron fand den Rat klug und schritt weiter, mit dem Vorsatze, künftig dem lauernden, blutlechzenden Pöbel nicht entfernt Anlaß zu geben, seine Mordgier an ihm zu stillen.

Pierre ging eine Strecke schweigend neben seinem Herrn.

»Gnaden!« hob er leise an. »Darf ich Ihnen ein Rätsel aufgeben?«

»Nun?«

»Welcher Unterschied ist zwischen dem Schloßgarten von Rovere und Paris?«

Valfort überlegte.

»Die Ungeheuer jenes Gartens sind von Stein, die Ungeheuer in Paris von Fleisch und Blut.«

»Gnaden hats wahrhaftig erraten! Nur hätt ichs etwas anders gesagt, – nämlich: Die Bestien im Schloßgarten zerreißen und morden nicht.«

»Dennoch besteht zwischen den heidnischen Bestien und Nuditäten von Stein, welche der Zeitgeist in den Schloßgärten des Adels aufstellte, und den Bestien der Revolution ein innerer Zusammenhang, versicherte Paul. Derselbe Geist, welcher die Heiligen des Christentums verspottete und die Götter des Heidentums verehrte, hat auch die Ungeheuer der Revolution erzeugt. Mit anderen Worten: – Frankreich wäre kein Tummelplatz von Mördern und Scheusalen, wäre es nicht von Gott und dessen Gesetzen abgefallen. Jetzt zwar ist Frankreich ein offener, allen sichtbarer Abgrund, – allein der Abgrund bestand längst in den Herzen von Millionen. Frankreich ist ein Acker, dessen Früchte die Gegenwart erntet, welche die Vergangenheit säete.«

»Das leuchtet mir ein, Gnaden! In Frankreichs Boden hat man lange genug Drachenzahn und Teufelskraut gesäet, daher jetzt das höllische Gesindel.«

»Hast Du genau den Kopf betrachtet auf der Pike?«

»So ziemlich!«

»Fandest Du keine Ähnlichkeit? Glich er nicht dem Kopfe des kleinen Emil von Rovere?«

»Gewiß nicht, Gnaden! Emil ist ja ein Knabe, der Kopf auf der Pike war ein Mädchenkopf.«

»Sinnestäuschung also!«

»Was meinen Sie, Gnädigster?«

»Mich plagt seit einigen Tagen namenlose Angst. Isabella schwebt mir stets vor Augen. Zuweilen glaube ich, sie rufe mir, – flehe um Rettung aus Gefahr, – ringe nach mir die Hände. Wachend und träumend verfolgt das mich, klingt mir in die Seele mit Geisterstimmen. Wie rätselhaft!«

»Unschuldige Einbildungen! Die schöne Gräfin ist ja in Deutschland.

»Dies sage ich mir auch, – jedoch vergebens! Die Angst werde ich nicht los.«

»Die Pariser Luft macht das,« erklärte Pierre. »Man sieht und atmet hier nichts als Blut und Schrecken, was die Nerven angreift. Mir geht es nicht besser. Jede Nacht sehe ich köpfen und hängen, schinden und massakrieren. – – Ah, sehen Sie, dort sind die abscheulichen Weiber! Jetzt kommen wir bald auf den Revolutionsplatz.«

Sie betraten eine breite Straße, mit reichem Flaggenschmuck. Sehr viele Häuser trugen in großen Buchstaben die Inschrift: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!« Durch diese Straße fuhr jeden Morgen eine lange Reihe Henkerkarren, mit den Opfern für die Guillotine beladen, geleitet von Nationalgarden und Pöbelhaufen. An einer bestimmten Stelle erwartete regelmäßig die Karren ein Schwarm Pöbelweiber. Da sie strickend der Fahrzeuge harrten, so nannte man dieselben »Robespierres Strickerinnen«. Wie Furien pflegte dieser Auswurf des weiblichen Geschlechtes über jene Gefangenen herzufallen, die einflußreiche Stellungen eingenommen oder von hoher Geburt waren. Sie verhöhnten dieselben, beschimpften sie in der brutalsten Weise, bewarfen sie mit Unrat und Kot. Nicht allein Stricknadel, sondern auch Pike und Mordmesser verstanden die Pöbelweiber zu führen. Löwinnen beim Straßenkampfe, glichen sie nach dem Siege Hyänen, welche die Leichen verstümmelten, ausweideten und fraßen. Führerin dieser Mordbande war die berüchtigte Theroigne de Mericourt, eine grauenhafte Erscheinung, wenn sie an der Spitze dieser menschenfresserischen Weiber heranmarschierte. Solcher Megären zählte Paris nach Hunderten. Ein Teil derselben hatte sich die tägliche Aufgabe gestellt, die Henkerkarren zu erwarten und die Verurteilten in der gemeinsten Weise zu beschimpfen. Cantu, Bd. XIII. S. 138 f.

Valfort kannte zwar nicht die vollendete Hyänennatur dieser Verworfenen, allein ihr Anblick brachte auf ihn solche Eindrücke des Ekels hervor, daß er sich beeilte, ihrer Nähe zu entkommen. Raschen Schrittes ging er nach dem Revolutionsplatze, die Menschen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bei ihren blutigen Schauspielen zu beobachten.

Aus allen Gassen strömten dunkle Gestalten heran, zuweilen in Schwärmen, die Marseillaise singend. Bald trieben Paul und Pierre mit einer Flut dahin. Manches Wort vertierter Roheit und diabolischer Grausamkeit verletzte empfindlich den jungen Mann. »Gehen, – sehen, – hören, – schweigen!« hatte warnend der Beamte gesagt. Valfort biß die Zähne zusammen.

Die Straße mündete in den Revolutionsplatz, den eine ungeheuere Menschenmenge bedeckte. Alle umliegenden Häuser waren mit dreifarbigen Fahnen beflaggt. An den Wänden der Häuser prangten in Riesenbuchstaben die Worte: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!« Alle Fenster standen offen, dicht mit Schaulustigen besetzt. Vielleicht betrachteten viele widerstrebend das grausige Gemetzel. Die Furcht, kein Wohlgefallen am Abschlachten der Vaterlandsfeinde zu verraten, den zahllosen Spähern verdächtig zu erscheinen und selbst das Blutgerüst besteigen zu müssen; mochte die Gegenwart von nicht wenigen erzwingen. Denn schon das Grauen und menschliche Regungen, die sich in bloßen Geberden und Mienenspiel über das Morden kund gaben, genügten, vor das Revolutionsgericht gestellt und zum Tode verurteilt zu werden. Wachsmuth, Bd. II. S. 310.

Paul schob sich durch das Gedränge nach der Treppe eines Gebäudes, wo er ein erhöhtes Plätzchen fand und das Gewühl übersehen konnte. Schreiend rote Jakobinermützen tauchten zahllos in der Menge auf. Die schmutzige Kleidung der Sanscülotten, das struppige, ungekämmte Haar, die dreckigen Gesichter, die wüsten, grinsenden, mordgierigen Züge, verliehen der Masse ein schauerliches Gepräge.

In Mitte des Platzes erhob sich, von Balken und Brettern, ein viereckiges, sehr geräumiges Gerüst, das Schafott. Eine breite Treppe führte zu demselben hinan, über dem Verdeck des Gerüstes stiegen zwei Balken empor, zwischen denen das Fallbeil ab- und aufrollte. Der Oberscharfrichter Sanson und dessen Knechte, alle in blutroter Kleidung, bewegten sich tätig auf dem Verdeck. – Nach dem Galgen mit dem Fallbeil hin lief ein niederes Gestell, auf dem sich ein bewegliches, auf vier kleinen Rädern laufendes Brett befand. Auf dieses Brett wurden die Opfer festgeschnallt, unter das Fallbeil geschoben, das blitzschnell niederfuhr und den abgeschlagenen Kopf in einen großen Korb warf. Der Rumpf fiel durch eine Öffnung in den weiten, unersättlichen Bauch des Schafottes hinab.

Sanson und dessen Knechte arbeiteten mit großer Fertigkeit und Schnelligkeit, die Folge langer und täglicher Übung. Das Menschengefühl dieser wichtigen Revolutionsbeamten war vollständig erstickt. Sie köpften Frauen und Mädchen, Greise und Kinder mit gleich unverwüstlicher Erbarmungslosigkeit. Nur einmal weinte Sanson und dessen Knechte. Zwölf Mädchen aus Verdun, das älteste nicht achtzehn Jahre alt, wurden auf die Guillotine nach Paris geschickt, weil sie mit preußischen Offizieren getanzt hatten. Diese zwölf Kinder bestiegen weiß gekleidet und schluchzend das Blutgerüst. Der gaffende Pöbel stieß nicht sein gewöhnliches Gebrüll aus und die Henker weinten. Cantu, Bd. XIII. S. 139.

Bis zum letzten Brett war das Schafott mit Blut bespritzt, gleichsam in Blut gebadet, von geronnenem Blut überkrustet. Das täglich herniederströmende Blut hatte den Boden durchweicht, in einen gräulichen Morast verwandelt, so daß wiederholt die Guillotine ihren Ort wechseln mußte. Man war gezwungen, einen förmlichen Kanal anzulegen, um den Blutbächen einen Abfluß zu verschaffen. Cantu, Bd. XIII. S. 144. Wachsmuth, Bd. II S. 310.

Und je grausiger der wahnsinnige Terrorismus wütete, desto lauter jubelte der regierende Pöbel. Schauderszenen waren tägliche Bedürfnisse einer entarteten Masse, deren Gott der Bauch, deren Lust Raub und Todschlag geworden. Cantu, Bd. XIII. S. 155.

Um das Schafott ragten hohe Maste, an denen republikanische Banner wogten. Zugleich enthielt jeder Mast einen Schild mit den zum Ekel wiederkehrenden Worten: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!« – ein teuflischer Hohn im Angesichte des rastlos mordenden Fallbeiles.

Lärmend bedeckte die Pöbelmenge den Platz. Hätte nicht das Schafott die Masse überragt, man konnte glauben, die tausende seien hier zusammengeströmt, irgend ein lustiges Schauspiel zu betrachten. Dieses souveräne Volk, ohne Gott und ohne Moral, entmenscht und von bestialischen Trieben beherrscht, beklatschte die entsetzlichsten Schlächtereien mit demselben Jubel, wie das verkommene Heidenvolk, zur römischen Kaiserzeit, die Mordszenen der Arena. In seine mordwütige Raserei mischte es eine Flut von Spott und Beschimpfungen gegen jene, die es kurz zuvor auf den Schild gehoben und gefeiert hatte. Auch heute frönte der Pöbel diesem häßlichen Zuge verräterischer Gesinnungslosigkeit. Ein Häuptling der blutroten Revolution, ein Mann, der stets zu Mord und Gräueln getrieben, sollte das Schafott besteigen. Daher ungewöhnlicher Zusammenlauf, erregte Stimmung, brennender Blutdurst.

Ein wüstes Gekreische in der Ferne verkündete das Nahen der ersten Henkerkarren. Der Lärm auf dem Revolutionsplatze verstummte. Die Masse lauschte. Das Gekreische wiederholte sich. Es klang wie Hyänengelächter und heulte durch die Straße wie heiseres Keifen einer Wolfsrotte.

»Hört Ihr Robespierres Strickerinnen?« rief eine Stimme. »Hört doch, wie lustig sie Chaumette begrüßen!«

»Ich fürchte, sie werden ihn erstechen mit ihren Stricknadeln,« sagte ein anderer. »Dies wäre schade. Wir kämen um das Vergnügen, den Kopf eines Pariser Gemeinderates springen zu sehen.«

»Bürger, heute werden hundertundsechszig Köpfe rollen,« versicherte ein Dritter. »Gestern waren es hundertzweiundfünfzig, morgen werden es hundertsiebzig sein.«

»Recht so! Das souveräne Volk muß sein Genüge haben. Die Guillotine arbeitet zu langsam, – aufräumen muß man mit den Volksfeinden, – mit den Konspiranten und Verdächtigen.«

»Der Sicherheitsausschuß kam einer schrecklichen Verschwörung auf die Spur, – die Freiheit schwebte in Gefahr, – nieder mit den Verschwörern!«

»Nieder mit den geheimen Aristokraten und Tyrannen!«

So wirbelte es durcheinander.

»Ah – seht, – da kommt er! Seht Chaumette, – der große Chaumette! Ha – ha, – wie ihn Robespierres Strickerinnen zugerichtet haben!«

Fünf Henkerkarren mit Verurteilten beladen und von Nationalgarden geleitet, fuhren langsam durch die zurückweichende Menge. Die Hände auf den Rücken gebunden saßen die Opfer der Guillotine auf Brettern, quer über die Wagen gelegt und niedere Bänke bildend. Immer drei saßen nebeneinander und zwar in sehr verschiedener Gemütsverfassung. Manche blickten ruhig, ohne Zeichen von Todesfurcht, über das gaffende Publikum. Andere schienen sogar heiter und froh, durch das Fallbeil von den Gefängnisqualen erlöst zu werden. Wieder andere starrten düster vor sich hin, mit entstellten Zügen, gepeinigt von Gewissensbissen und nagendem Schuldbewußtsein, das sich bei der Todesnähe durch leere Tröstungen der Philosophie und Sophismen einer oberflächlichen Bildung keineswegs betäuben ließ. Zu dieser letzten Klasse gehörte ein Mann, der heute fast ausschließlich die Aufmerksamkeit fesselte, – Chaumette, das einflußreichste und ruchloseste Mitglied des Gemeinderates von Paris. Als fanatischer Anhänger der gottesleugnerischen Philosophie pflegte er in seinen öffentlichen Reden mit Vorliebe gegen Gott und Religion zu freveln. Er stellte den Antrag, das Fest der heiligsten Dreifaltigkeit den Tag der Sanscülotten zu nennen, die kunstvollen Steinmetzenarbeiten an der Pariser Kathedrale zu vernichten, alle Kirchen in ganz Frankreich niederzureißen, mit Ausnahme eines Tempels der Vernunft. Den Konvent drängte er zur Absetzung Gottes und zur gesetzlichen Einführung des Atheismus. Rastlos schürte er die Mordwut des Pöbels und hetzte zu Metzeleien, bis er selbst von der wilden Strömung verschlungen wurde. Vorangegangen waren ihm zweihundert Mitglieder der Nationalversammlung, unter ihnen die königsmörderischen Girondisten. Es folgten ihm Danton mit seiner Partei und endlich Robespierre mit seinen Mordgesellen. Alle ihre Kinder fraß die Revolution.

Warum?

Weil Gottes Weltleitung die Feinde ihrer Ordnung unabwendbar zermalmt.

Und jetzt, auf dem Wege zur Guillotine, verhöhnte der Pöbel den Gotteslästerer mit seinen eigenen Worten. Chaumettes Raserei gegen Gott und Christentum hatte sich nämlich in einer Rede zu der frivolen Äußerung verstiegen: »Es gibt keinen Gott! Unser einziger Gott ist das Volk! Wenn Du vorhanden bist,« schrie er, Blick und Hand zum Himmel hebend, »warum schleuderst Du nicht auf mein Haupt Deine Donnerkeile, mich zu zermalmen?« Wachsmuth, Bd. II. S. 251 f. S. 295 f. Anachronismus.

Dieser Aufforderung Chaumettes gedachte jetzt ein Jakobiner. Seine rote Mütze schwingend, rief er dem Gemeinderate zu: »Chaumette, – he, – Chaumette! Hörst Du? Heute sendet Dir das höchste Wesen seine Donnerkeile.«

Die Umstehenden lachten.

»Chaumette, der tapfere Chaumette ist schon erschlagen, – Todesangst hat ihn getötet, – die Guillotine köpft eine Leiche,« spotteten andere.

In der Tat saß Chaumette starr und versteint auf dem Henkerkarren, am ganzen Leibe mit Kotwürfen und ekelerregendem Unflat bedeckt. Neben ihm ging ein Sanscülott mit einer Fahne, welche durch eine Kloake gezogen und mit Unrat getränkt war. In kurzen Zwischenräumen schlug er dem geknebelten Chaumette die Fahne über das Gesicht, zu großer Belustigung der klatschenden und johlenden Proletarier.

Die Henkerkarren hielten vor dem Schafott. Die Verurteilten stiegen herab, manche bebend und stöhnend, andere mutig und flink. Sie sprangen hurtig die Treppe empor nach dem Verdeck, wo sie von den geschäftigen Henkern erwartet wurden.

»Sanson,« rief eine Stimme aus der Menge, »heute gilt es! Hundertundsechszig Köpfe gibt es abzukneipen. Zeige uns heute Deine Kunst!«

»Sanson, spute Dich!« rief ein anderer. »Schon fährt die zweite Karrenreihe heran!«

Sanson ergriff das ihm zunächst stehende Opfer.

»Sanson halt, – Chaumette zuerst!« rief es vielstimmig. »Dem großen Chaumette gebührt der Vortritt.«

Der ehemalige Häuptling des Vandalismus und der Schreckensherrschaft hob den Kopf. Ein grimmiger Zug zerriß sein Gesicht, verzweifelte Wut sprühte aus feinen Augen auf die Masse herab.

»Stille, – Stille!« rief es. »Der große Chaumette will seine Schlußrede halten.«

Der Lärm schwieg. Unzählige Gesichter, höhnisch lachend und erwartungsvoll, waren auf Chaumette gerichtet, der mit dem Fuße stampfte und gräßlich die Zähne zusammenbiß.

»Elendes Volk,« kreischte er, »ich verachte und verfluche Dich!«

»Hört, – Chaumette verachtet seinen Gott!« rief es entgegen.

»Nieder mit Chaumette! Tod Chaumette!« brüllte die Pöbelmasse, und wie Donner rollte das vieltausendstimmige Geschrei um die Gebäude, durch die Straßen, bis nach weit entlegenen Stadtteilen. »Tod Chaumette! Tod allen Verschwörern! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod!«

In einem Augenblicke war der Elende an das Brett geschnallt. Ein Ruck, das Brett rollte nach dem Galgen, das Fallbeil sauste nieder und Chaumettes Kopf flog in einen großen Korb, begleitet von mordlustigem Gebrüll des Pöbels.

Mit unglaublicher Schnelligkeit fielen die übrigen Köpfe. Vor Ablauf einer halben Stunde waren achtunddreißig Vaterlandsfeinde guillotiniert.

Das souveräne Volk war entzückt über die rollenden Köpfe und das strömende Blut. Wiederholt schrie es »Bravo« und klatschte den flinken Henkern Beifall.

Da verstummte das Getöse. Aus geringer Entfernung klang, von sanften Frauenstimmen gesungen, ein feierlicher Choral. Der Kontrast des erhabenen Gesanges zu dem schauerlichen Treiben auf dem Revolutionsplatze war überwältigend. Die Menge stand lauschend, im höchsten Grade überrascht. Verurteilte Republikaner zu sehen, welche, die Marseillaise singend, nach dem Revolutionsplatze fuhren, war nichts ungewöhnliches. Allein der gegenwärtig nahende Gesang war nicht die Marseillaise, sondern ein religiöses Lied.

»Was ist das? Wer singt?«

»Die Nonnen von Montmartre?«

»Ah, – die Nonnen! Das wird hübsch!«

»Achtung vor den Nonnen, – sie haben Mut! Prächtig, die Nonnen singen sich selber Todeslieder!«

Zehn Karren fuhren heran, beladen mit sämtlichen Klosterfrauen von Montmartre und deren Zöglingen. An der Spitze des Zuges, auf dem ersten Karren, saß die neunzigjährige Äbtissin zwischen zwei Nonnen. In weiße Gewänder gehüllt und Psalmen singend, fuhren sie durch die lautlos gaffende Menge; denn ungewöhnliches bot sich dar. Man hatte viele gesehen, welche trotzig und mit Todesverachtung das Schafott bestiegen, – aber eine so erhabene Ruhe und Freudigkeit, ebenso fern von hochmütigem Selbstgefühl wie von bangem Zagen, war dem Pöbel neu und ganz erstaunlich. Das Bewußtsein des Martyriums und die Zuversicht auf die nahe Krone der Herrlichkeit erfüllte jede dieser weißen Gestalten, verklärte jedes Angesicht dieser reinen Bräute Christi. Sie sangen so feierlich ernst und andächtig ihre letzten Psalmen, als befänden sie sich im Chor der Stiftskirche. Die Augen gesenkt und die Hände im Schoße gefaltet, saßen sie da, dem Sinne der gesungenen Psalmenworte folgend und aus denselben Stärke und Vertrauen schöpfend für den Aufschwung zur Höhe des Lichtes. Cantu, Bd. XIII. S. 139.

Die Menge gaffte, lauschte und staunte. Haltung und Erscheinung der Klosterfrauen bändigten vorübergehend selbst die Mordwut dieses entmenschten Pöbels. Keine Spottrede fiel, kein Schimpf, womit die Verurteilten empfangen zu werden pflegten. Manches Auge blickte nieder, weil dessen Besitzer fürchtete, lauernden Spähern todeswürdige Empfindungen der Teilnahme zu verraten.

Die Karren gelangten zum Blutgerüst. Stützende Hände der Umstehenden halfen den Frauen herab. An die Ordnung ihrer klösterlichen Gliederung gewöhnt, bildeten sie einen Zug und bestiegen das Schafott, voran die greise Äbtissin, von zwei Nonnen geführt. Als sich der Zug in Bewegung setzte, stimmten sie das ergreifende Miserere an. Die tiefernste Weise dieses Kirchenliedes, gleichsam hervorgewachsen aus dem erschütternden Geiste des Bußpsalmes, blieb nicht ohne Eindrücke auf die Menge. Jedes Auge folgte sinnend den emporsteigenden weißen Frauen, und das Gehör öffnete sich weit dem Gesang. Wie ein überraschtes, sich selbst vergessendes Ungeheuer bedeckte die blutgierige Pöbelmasse den Platz. Allein die angenommene Menschlichkeit des Ungeheuers war nur Täuschung, jetzt kam es wieder zur Besinnung seiner selbst. Sanson riß der Äbtissin den Schleier vom Haupte. Die Henkersknechte traten heran, das Gemetzel zu beginnen. Der Pöbel erwachte. Als schäme er sich menschlicher Regungen, stieß er ein wütendes Geschrei hervor.

»Tod den Fanatikern! Tod den Bigotten!«

In die entstandene Pause sangen die Nonnen: »Wende ab dein Angesicht von meinen Sünden, alle meine Missetaten tilge!«

Wie Geißelstreiche trafen die Psalmenworte den Pöbel. Grimmig aufheulte die Kanaille. Sie begann zu singen, mit Gebrüll das Bußlied der Nonnen zu verschlingen. Das Donnergetöse der wildflammenden Marseillaise erschütterte die Luft. Die überaus leidenschaftlich erregende Melodie dieses Revolutionsliedes verwandelte das souveräne Volk in eine glühende, rasende Masse. Tausende schwenkten Hüte und Mützen, geballte Fäuste reckten zum Himmel, Flammen der Tiefe brannten in den Augen.

Das Fallbeil fuhr nieder. Die Häupter der Klosterfrauen fielen, der Pöbel heulte seinen Bluthymnus.

Valfort faßte krampfhaft Pierres Arm.

»Fort, – die Hölle rast!« rief er in das Getöse.

Mit Heftigkeit drang er durch das Gewühl und betrat die nächste Gasse. Er rannte fort, wie gepeitscht von Schmerz und Empörung. Endlich blieb er stehen. In der Ferne tobte die Marseillaise. Die Hand an der Stirne, stöhnte der junge Mann zum Himmel: »Mein Gott, – mein Gott, – welch ein Abgrund!«

Dann ging er schweigend weiter, langsam, ächzend, wie innerlich gebrochen.

Pierre gewahrte kaum den Zustand seines Herrn. War ihm doch selber wirr im Kopf und eine Spannung um das Herz, als müsse etwas zerbrechen und zerkrachen.

»Gnaden,« hob er an, »mir schüttelt ein Grausen Leib und Seele! Wer so etwas nicht gesehen hat, der glaubt es nimmer.«

»Was hast Du gesehen? Menschen? Nein! – Löwen, Tiger, würgende Bestien? Nein! Was mordet und zerreißt im Tierreich, füllt seinen Hunger, seinen Durst und streckt sich befriedigt nieder. Unersättlich aber sind Blutdurst und Mordwut dieser souveränen Menschen.«

»Die armen Nonnen!«

»Beklage sie nicht! Sie bewahrten Treue ihrem Bräutigam und starben für ihn. Jetzt schwebt die lichte Schar von Gottes Engeln geleitet zu den Wonnen des Himmels empor. Beklage sie nicht! Ein glorreicher Tod erlöste sie von den Mühsalen dieser höchst erbärmlichen Erde.«

Er ging eine Strecke schweigend, den Kopf gesenkt, die Hände am Rücken.

»Nur einen Tropfen des Blutmeeres haben wir gesehen,« fing er wieder an. »Es mordet und würgt durch ganz Frankreich, in jeder Stadt, in jedem Dorfe, in jedem Weiler. Häufe die Leichen zu Bergen, – ziehe einen Blutstrom durch Frankreich, in den aus jeder Gemeinde Blut rinnt, – sammle den Schmerz, die Todesangst, die Tränen zu einem Ozean und du hast, – was denn? Das Werk einer Armee von Räubern und Mördern? O nein! Du hast die Früchte der Aussaat.«

»Das verstehe ich nicht, Gnaden! Was für eine Aussaat meinen Sie?«

»Die Aussaat des Unglaubens und der Gottlosigkeit. Meinst Du, über Nacht seien die Franzosen Henker und Bestien geworden? Über Nacht sei ein Volk entstanden, das sich kleidet in Grausamkeit und rast wider alle Vernunft? Durchaus nicht! Ein Volk gründlich zu verderben, dazu bedarf es langer Zeit und vieler Arglist. Das erste Samenkorn der gemeinten Aussaat fiel vom Throne, es ging auf, wuchs und wurde ein Unkraut, das alle Verhältnisse und alle Schichten des Volkes vergiftete. Mit dem absoluten Throne im Bunde arbeiteten die Lüge der falschen Philosophie, der Haß des Unglaubens gegen die Religion, die Tyrannei, Schwelgerei und Lasterhaftigkeit des Adels. Dazu kam ein Klerus, der großenteils seine Hirtenpflichten vergaß und mit dem faulen Zeitstrome schwamm. So arbeiteten zersetzende Kräfte durch eine lange Reihe von Jahren, unermüdlich arbeiteten sie durch Wort, Beispiel und Gesetz, bis die Fäulnis allgemein und der Bankrott fertig war. So kam's! – – Und nun? Grausen schüttle Dich, – sagst Du? Grauen muß Dir weit mehr vor den Säemännern, als vor der Saat, – weit mehr vor den Verführern als vor den Verführten, – weit mehr vor den Verderbern als vor den Verdorbenen. Siehst Du, Pierre, das Fallbeil der Guillotine ist weiter nichts, als der Ganthammer unserer bankrotten Zeit.«

»Wenn jene Schurken die Suppe austunken müßten, die sie eingebrockt haben, könnte man zufrieden sein mit der Arbeit des Ganthammers,« sagte Pierre. »Allein, mancher wird vergantet, der unschuldig ist am Bankrott.«

»Sorge nicht, mein Freund! Schließlich führt der gerechte Gott jeden dorthin, wohin er gehört, – Schuldlose zum Himmel, Verworfene zur Hölle, bankrotte Nationen unter den Hammer der Züchtigung.«

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