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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 27
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Ein Blick in den Wohlfahrtausschuß.

Danton fuhr nach den Tuilerien, wo sich die Räumlichkeiten für den Wohlfahrtausschuß befanden.

Diese Körperschaft hatte die Aufgabe, die allgemeine Wohlfahrt der Republik zu fördern, – natürlich im Geiste der Schreckensherrschaft. Der Wohlfahrtausschuß bestand aus neun Mitgliedern des Konvents und ebensovielen Substituten. Seine Tätigkeit und Befugnisse erstreckten sich über den gesamten Bereich des öffentlichen Wesens. Alle Minister und Behörden der Republik standen unter seiner Aufsicht, die Armee nicht ausgenommen. Die Unterschrift von zwei Mitgliedern dieses Ausschusses genügte, jedermann guillotinieren zu lassen. Kurz, – die Machtbefugnisse des Wohlfahrtausschusses waren schrankenlose. Leo, Universalgeschichte, Bd. V. S. 110. Cantu, Bd. XIII S. 117.

Robespierre, Danton und Saint-Just gehörten zu den neun dieser furchtbaren Körperschaft.

Bei den massenhaften Akten und der Flut von Anklagen, welche in dem Bureau des Ausschusses zusammenströmten, war eine große Beamtenzahl notwendig. Manche dieser Leute besaßen kaum die notdürftigste Schulbildung. Sie lasen und schrieben schlecht. Die Folge eines chaotischen Geschäftsganges war natürlich. Zu den Regelmäßigkeiten gehörte die Verwechslung der Angeklagten. Es kamen Akte vor das Revolutionsgericht von Personen, die längst guillotiniert waren. Namen wurden vertauscht, Schuldgründe beliebig erdichtet, zuweilen in der blödsinnigsten Weise. So gelangten Stumme vor Gericht, weil sie gegen die Republik geschmäht hatten. Deverin war taub, blind und blödsinnig, dennoch lautete die Anklage auf Konspiration. Ungeheuerlichkeiten dieser Art beirrten jedoch die Beamten dieses Ausschusses nicht im geringsten. Es genügte, dem Schafott die tägliche Zahl Schlachtopfer zu liefern und den gaffenden blutdürstigen Pöbel zu befriedigen. Alles übrige war nicht von Belang und todeswürdig jeder, der einen hohen Namen trug oder im Verdachte stand, das Vaterland nicht zu lieben oder einen Klagelaut über die herrschenden Gräuel ausgestoßen zu haben. Wachsmuth, Bd. II. S. 323 f. Cantu, Bd. XIII. S. 142.

So entsprach der Wohlfahrtausschuß bei aller Stümperhaftigkeit seiner Organisation dennoch seinem Zwecke vollständig. In der allgemeinen Unordnung bildete er ein würdiges Glied. Er sollte Mordgier und Grausamkeit der Pöbelmassen befriedigen, den letzten Rest persönlicher Sicherheit zerstören, den letzten Funken Menschlichkeit ersticken, – dies tat er.

Danton hieß den Kutscher warten und begab sich in ein Bureau.

»Gib mir die Anklageakten des Aristokraten Wilhelm Rovere,« befahl er einem Beamten.

Die Lösung der Aufgabe mochte schwierig sein. Der Mann war sichtlich betreten, verbeugte sich und verschwand in einem Nebenzimmer, wo er in geschichteten Papierstößen suchte und endlich mit dem Gefundenen zurückkehrte. Danton warf einen Blick auf das Papier und stand in hohem Grade überrascht.

»Ist Saint-Just im Hause?« frug er.

»In seinem Kabinett!«

»Du hast mir einen falschen Akt gegeben, – suche den richtigen, lautend auf Wilhelm Rovere. Sogleich bin ich zurück,« sagte er und ging nach dem Arbeitszimmer Saint-Just's.

»Sie kommen sehr gelegen,« rief dieser dem Eintretenden entgegen. »Ich bedarf Ihrer Unterschrift.«

»Wozu?«

»Zehn Schurken und Verdächtige sollen verhaftet und guillotiniert werden,« antwortete Saint-Just. »Hören Sie gefälligst die Namen und Anklagen.«

»Bürger Andre Genier, angeklagt, einen Brief an den Royalisten Rehne geschrieben zu haben, deshalb der Konspiration verdächtig.«

»Bürgerin Louise Dumont, in deren Kehricht zwei faule Eier gefunden wurden, deshalb angeklagt, zur gegenwärtigen Hungersnot beigetragen zu haben.«

»Bürger Maille, verdächtiger Verbindungen mit Fremden angeklagt.«

»Bürger Taine, beschimpfender Ausdrücke gegen Konventsmitglieder angeklagt.«

»Bürgerin Margareth Lecher, welche Robespierre einen scheinheiligen Tyrannen schalt.«

»Bürger Pierre Froye beherbergte einen Fremden.«

»Bürger Karl Laurier rühmte die Herzensgüte des guillotinierten Tyrannen Ludwig Capet.«

»Bürger Franz Lamarche behauptete, sein Vater sei unschuldig verurteilt und guillotiniert worden.«

»Bürger Bernhard Traille, der Konspiration verdächtig.«

»Bürgerin Henriette Boye warf Zwiebeln in die Kloake, während das Volk hungert.«

»Zusammen zehn Köpfe, – mein ganzer Beitrag für heute,« schloß Saint-Just, die Papierbogen Danton zur Unterschrift vorlegend.

»Liefert jedes Bureau zehn Köpfe, – gibt es neunzig Köpfe,« sagte Danton, indem er zu unterschreiben begann. »Die Guillotine expediert aber täglich nur achtzig, – mithin bleiben zehn übrig.«

»Man hat das träge Fallbeil etwas geschmiert,« entgegnete der andere. »Einhundertundfünfzig Köpfe haben täglich auf dem Revolutionsplatze zu fallen.« Cantu, Bd. XIII. S. 144.

»So, – wußte es nicht!« sagte Danton, gleichgültig weiter schreibend.

»Billaud hat Recht!« warf Saint-Just kurz hin.

»Warum hat Billaud Recht?«

»Sie waren vor drei Tagen nicht im Konvent?«

»Nein! Wir speisten bei Barere, – was bedeutet, wir speisten bei Lucull. Wir speisten bis zum Schlusse des Tages und begannen in süßer Schwärmerei den folgenden Tag. Wie kann jemand bei Barere speisen und der Konventssitzung beiwohnen? Absolut unmöglich!«

»Bareres Villa zu Clichy sollte eigentlich geschlossen werden; sie verdirbt den Geschmack durch Süßigkeiten.«

»Sie täuschen sich, mein Bester!« entgegnete Danton, das letzte der zehn Opfer durch seine Unterschrift dem Tode überliefernd. »Süßigkeiten verderben keineswegs den Geschmack, sie schärfen und reizen ihn. Sie wissen das nicht? Wußten es doch schon die ältesten Schriftsteller des Aberglaubens, welche in ihrer bigotten Dummheit schrieben: »Wollust und Grausamkeit sind Geschwister.« – Die Wahrheit dieser Ansicht kann ich bestätigen. In Bareres lucullische Mahle und allerliebste Orgien bringt die Anfertigung von Proskriptionslisten einen angenehmen Wechsel. Man ist aufgeräumt und scharfsichtig, – im Handumdrehen hat man ein Dutzend Köpfe für die Guillotine zusammengeschrieben. Vor drei Tagen brachten wir es in zwanzig Minuten auf fünfzig Köpfe.« Wachsmuth, Bd. II. S. 306.

»Ah, – sehr gut!«

»Natürlich! Wenn Frauenhände dabei sind, geht die Sache flink. Mirabeau hat gleich von vornherein gesagt: »Wenn die Weiber nicht mittun, bringen wir nichts fertig.« – O diese Frauenköpfe! – Denken Sie, welchen hübschen Einfall Bareres lustigste Freundin hatte! Sie stellte den Antrag, alle blonden Damenperücken für Merkzeichen der Konspiration zu erklären. Wir nahmen mit schallendem Bravo den Antrag an. Im Fluge gewannen wir eine ganze Reihe blonder Köpfe für die Guillotine.« Wachsmuth, Bd. II. S. 306. Anmerk. 15.

»In der Tat großartig!« rühmte Saint-Just.

»Nun, – was sagte Billaud im Konvent?«

»Er tadelte die Langsamkeit der Hinrichtungen und rief: »Das Revolutionsgericht meint Wunder, was getan zu haben, wenn es siebenzig oder achtzig Köpfe täglich in Paris fliegen läßt. Eine Zahl, die sich immer gleich bleibt, verliert ihre einschüchternde Wirkung; man muß sie verdoppeln.« Cantu, Bd. XIII. S. 144. – Auch von anderer Seite wurde behauptet, der Tod verliere allgemach seinen Schrecken, man müsse schärfer vorgehen und den geheimen Verschwörern Furcht einjagen. Unsere Kommissäre in den Provinzen handeln weit mutiger und entschiedener. Sie schmettern mit Kanonen ganze Massen zusammen. Collot schreibt aus seiner Provinz: »Ihr seid doch recht schwachmütig, ihr verweichlichten Hauptstädter! Welche Schüchternheit, die Feinde des Volkes zu enthaupten! Mit Kartätschen muß man sie niederwerfen, – ich habe es hundertmal gesagt.« Ibid. S. 146. – Demzufolge beschlossen wir, daß vorläufig mindestens einhundertundfünfzig Köpfe täglich auf dem Revolutionsplatz abgehauen werden. Später kann man die Zahl höher greifen.«

»Da meine Partei der Milde und Schonung noch nicht besteht, so habe ich gegen einen solchen Beschluß nichts einzuwenden. – – Eine Frage im Vertrauen!« fuhr Danton fort, mit einem scharfen Blick auf Saint-Just. »Glühen Sie nicht leidenschaftlich für die hübsche Tochter der Bürgerin Sainte Amaranthe?«

»Ich glühte, – ja! Wozu die Frage?«

»Nun, – Sie haben sich Ihrer Leidenschaft nicht zu schämen, mein Bester! Die kleine Pauline ist wirklich ein allerliebstes Mädchen!«

»Ohne Zweifel!« versetzte kalt und finster der andere.

»Ihre Ruhe bei einem so interessanten Gegenstand ist merkwürdig!« fuhr Danton fort. »Indessen, – bauen Sie nicht allzuviel auf Ihre Beherrschung dieses Gegenstandes; denn ich vermag, selbst die ewige Ruhe eines Saint-Just in wilden Sturm zu verwandeln. Zufällig kam ich in Besitz dieses Papieres,« – und er zog jenen Anklageakt hervor, welchen ihm der Beamte irrtümlich gegeben. »Welcher tückische Feind spielt Ihnen diesen Streich?«

Saint-Just starrte auf den vorgelegten Bogen.

»Die hübsche Pauline, nebst Mutter, Schwester und Bruder, – also die ganze Familie der Konspiration angeklagt, – und Sie rasen nicht?«

Der Apokalyptische hob das Auge von der Proskriptionsliste zu Danton. Dieser schrak unwillkürlich zusammen vor dem Ausdrucke verzehrender Wut und wilden Grimmes, der sich in Blick und Mienen einer großen Katze spiegelte.

»Rasen?« zischte er giftig. »Rache! Tod der ganzen Sippschaft! Tod und Rache!«

Mit schreienden Federstrichen unterschrieb er den Akt.

Dantons Augen rollten und heftig schüttelte er seinen Medusenkopf.

»Mensch, – was hast Du getan?« rief er.

Saint-Just schnellte vom Sitze wie eine getretene Schlange.

»Meine Pflicht, – Rache!« stieß er grimmig hervor. »Ja, – Rache ist Pflicht eines jeden charakterfesten Mannes. – – Hören Sie! Löschen Sie die Schrift der Verachtung in Ihren Zügen aus! Hören Sie, sag' ich! – Pauline war meine Leidenschaft, eine tolle Schwärmerei meiner vierundzwanzig Jahre. Ich liebte sie, betete sie an. Und Pauline? Sie verschmähte mich. Taub blieb sie meinem Flehen. Meine Hingebung erwiderte sie mit Abneigung. Sie wickelte sich in den veralteten Narrenmantel christlicher Sitte und verschloß ihr Herz meiner Liebe. Rache, – Rache! Ich selbst habe die Anklage erhoben, – ich selbst habe das Fallbeil geschliffen für die Bigotte, – sie sterbe! Vernunft heißt die Gottheit der Republik, – Vernunft müßte sie meinem Willen fügsam machen. Allein sie verachtet die gesetzliche Gottheit. Sie betet den entthronten, verbotenen Gott des Aberglaubens an, – zehnfach des Todes schuldig! Sie sterbe, – sie und ihre ganze Brut!« Wachsmuth, Bd. II. S. 325.

Diese Rede brachte Saint-Just hervor mit bebender Stimme, halb erstickt vor Wut, während sein Gesicht in häßlicher Verzerrung glühte.

Danton bewegte einige Male schwer das Haupt und sah gedankenvoll nieder.

»Sie besitzen die republikanische Tugend in einem Grade, den ich bewundern, aber nicht teilen kann,« sprach er. »Einen solchen Mädchenkopf herunterschlagen? Wie schade! An Ihrer Stelle würde ich nach den Eingebungen meines Herzens und meiner Vernunft gehandelt haben.«

»Ich tat es!«

»Jawohl, – wie ein Mensch, dessen Vernunft ein kaltes Licht und dessen Herz ein starrer Erzklumpen ist. Vergeben Sie den Vergleich, mein Bester! Käme ich einmal in Ihre Lage und fände Widerstand, – ich spräche: Bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!«

»Rache ist süßer als Gewalt!«

»Geschmacksache!« versetzte achselzuckend der Herkulische. »Was nützt ein hübsches zerbrochenes Gefäß? Vielleicht hören Sie einmal davon, wie Danton ein Mädchen, tausendmal schöner als Ihre Pauline, nicht dem Henker übergab, sondern gewaltsam rettete für das Leben, und wie er, durch beharrlichen Ungestüm das stolze Frauenherz schließlich dennoch eroberte. – Auf Wiedersehen im Klub!« schloß er und verließ das Zimmer.

Im Bureau empfing er den Anklageakt gegen Wilhelm Rovere, schob denselben in die Tasche, bestieg die Kutsche und fuhr nach der Abtei.

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