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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 24
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Robespierre.

Die Revolution hatte sich naturgemäß und rasch entwickelt. Die Errungenschaften einer tollen Philosophie und falschen Aufklärung hatten sich der Massen bemächtigt. Das Volk war Philosoph geworden, – aber ein praktischer. Es übersetzte die Stubengelehrsamkeit Voltaires und seiner Streitgenossen in das Leben. Der Geschichtforscher mag für diese Übersetzung dankbar sein; denn schlagend zeigt sie Gehalt und Wert einer Zeitrichtung, welche im Abfalle vom Geiste und den Lehren des Heilandes der Welt zum Höhepunkte gereiften Wissens und echter Bildung fortgeschritten zu sein wähnte.

Ein Höhepunkt ergab sich allerdings, nämlich der völlige Bankrott der Gesellschaft, der Zusammenbruch jeder Ordnung, die Verwilderung der Massen, bis zur Mordwut und zum Vandalismus.

Die Umgestaltung des Reiches im Sinne des Zeitgeistes besorgte der Nationalkonvent, eine vom Volke gewählte gesetzgebende Versammlung von siebenhundertneunundvierzig Mitgliedern. Diese Körperschaft beseelte eine vulkanische Kraft, eine nimmerrastende Zerstörungsmanie. Nicht allein Frankreich, ganz Europa sollte abgebrochen und neu aufgebaut werden.

»Nur keine halbe Revolution!« rief Cambon im Konvent. »Wenn irgend ein Volk dasjenige nicht will, was wir ihm anbieten, so gilt es uns als Feind.«

Nach diesem Grundsatze verfuhr die Revolution.

Die europäischen Mächte erkannten die Gefahr des französischen Brandes für den Weltteil, und bemühten sich, denselben zu löschen. Achtzigtausend kampfgeübte Preußen marschierten nach Frankreich. Sie kamen bis Chalons. Dort stießen sie auf die feurigen Kinder des Vaterlandes und gerieten in schwere Not. Nur ein schleuniger Rückzug rettete die Preußen vor gänzlicher Vernichtung. Die Österreicher wurden bei Jemappes geschlagen, wo die französischen Rekruten mit Todesverachtung gegen die feindlichen Kanonen stürmten. Revolutionsarmeen überfluteten die Grenzländer, stürzten die alte Ordnung, pflanzten Freiheitsbäume, predigten Gleichheit mit den Donnerstimmen ihrer Kanonen, trugen Brüderlichkeit auf den Spitzen ihrer Bajonnette. Die Erfolge waren glänzend und die Arbeit nicht immer schwierig. General Custine eroberte die starke und sehr wichtige Festung Mainz nicht mit Kanonen und Sturmlauf, sondern mit einer Drohung; denn die Schlüssel zur Festung lagen in den Händen deutscher Jakobiner. Allenthalben fanden die revolutionären Ideen Aufnahme, weil auch der deutsche Boden sumpfig geworden und die Vorbedingungen eines Sturmes in der Luft lagen. Seit vielen Jahren hatte am Marke deutscher Kraft die Säure religiöser Verneinung gefressen, Voltaires Philosophie und geistige Eroberungskunst dem Umsturze vorgearbeitet.

Unermüdlich schrieb der Nationalkonvent für die Nationen das Evangelium der Revolution, deren Dogmen und Moral. Jede Spur des Christentums sollte vertilgt werden. Ein Konventsbeschluß dekretierte sogar die Absetzung Gottes. Höchste Macht im Staate sei die Volkssouveränität. Einzige Religion der Wille des Volkes. Die Glocken wurden in Kanonen verwandelt, die Kirchen wurden Magazine oder niedergerissen, die Kunstwerke zerstört. An Stelle der zerschlagenen Heiligenbilder traten die Büsten Voltaires, Rousseaus, des blutdürstigen Ungeheuers Marat und anderer Heiligen der Vernunftreligion. Am Feste des Atheismus stellte eine nackte Dirne die Göttin der revolutionären Vernunft vor. Die Ehe wurde ihres sakramentalen Charakters und ihrer sittlichen Würde entkleidet, sie wurde zum lösbaren Vertrage. Um jedes Merkmal, jede Erinnerung an das verhaßte Christentum auszulöschen, wurde eine neue Zeitrechnung und ein neuer Kalender eingeführt. Die alten Monate wurden abgeschafft und neue mit dreißig Tagen eingesetzt. Die übrigen fünf Tage waren »Sanscülottentage.« Der Tag durfte nur zehn Stunden haben. Die Wochen verschwanden vollständig und machten sechsunddreißig Decaden Platz. Kurz – der Religionshaß hatte eine solche Zerstörungssucht und Tollwut entzündet, daß unter Schutt und Trümmern die letzten Reste des Christentums begraben werden sollten. Aber unter den Trümmern lagen zugleich die Gebilde der schönen Künste, die unsterblichen Meisterwerke des Mittelalters, – unersetzliche Verluste. Wachsmuth, Atheismus und Vandalismus, Bd. II. S. 247-265.

Bei der Absetzung Gottes und der Ächtung des christlichen Glaubens blieb es nicht. Die Vernunftreligion trieb Früchte, furchtbar und schauerlich wie ihr Geist. Eine rasende Mordgier hatte sich der Massen bemächtigt. In Paris und in den Provinzen floß das Blut in Strömen. Schon der bloße Verdacht des Mangels an Bürgersinn brachte den Tod. Namentlich waren pflichtgetreue Priester die auserlesenen Opfer der Schlächter. In Scharen wurden sie niedergeschossen, guillotiniert, verbrannt. In Paris hetzten Konventsmitglieder unaufhörlich den Pöbel zum Blutvergießen. Mit ihnen verband sich die rote Presse. Die Bemühungen hatten Erfolg. Am zweiten September 1792 rennt eine Mörderrotte zu einem Gefängnisse, in dem vierundzwanzig Priester eingesperrt waren. In wenigen Minuten waren die vierundzwanzig massakriert. Der Deputierte Billaud-Varennes steht dabei und ruft: »Volk, Du opferst Deine Feinde, Du tust Deine Pflicht!«

Das gerühmte Volk stürmt nach einer verwüsteten Kirche. Dort sind zweihundert Geistliche eingesperrt, welche den Bürgereid nicht leisten wollen. Sie alle werden abgeschlachtet. Der Revolutionshäuptling Maillard ruft den Entmenschten zu: »Bürger, Ihr seid brave Arbeiter, welche die Nation von ihren Feinden befreiten.« – Er läßt den Bluttriefenden Wein geben und ruft sie nach der Abtei, zur fortgesetzten Henkerarbeit.

Auch das Verbrechen und die Vertierung haben ihre Entwicklung. Die Mordgier steigerte sich zur Bestialität und zum Kannibalismus. Einem Mädchen verspricht man, seinem Vater das Leben zu schenken, wenn es einen Becher Aristokratenblut trinke. Rasende Hallenweiber reißen den Guillotinierten die Eingeweide aus dem Leibe und fressen sie auf. Cantu, Bd. XIII. S. 98.

Mordbanden durchstreifen die Provinzen. Die Guillotine kommt in Permanenz. Tag für Tag mäht sie unablässig Köpfe herunter.

Neben der Nacht schwarzer Taten glänzen vielfach strahlende Lichter christlichen Glaubensmutes und Heldensinnes.

Zu Reims sollte der fromme Priester Paquet, ein ehrwürdiger Greis, den Eid schwören. Er weigert sich. Die Henker schicken sich an, den Bekenner zu erwürgen. Da regt sich im Maire der letzte Funke Menschengefühls. Er sucht den alten Mann zu retten.

»Er ist unzurechnungsfähig!« ruft er den Mördern zu. »Das Greisenalter hat ihm die Sinne getrübt. Laßt ihn laufen!«

»Glaubt es nicht!« versetzte Paquet. »Ich weiß recht gut, was man von mir verlangt. Ich soll einen Eid schwören, der gottlos ist, und mich noch in meinen alten Tagen zum Verräter an meiner Mutter, der katholischen Kirche, machen würde. Nein, ich bin nicht von Sinnen! Ich danke meinem Heiland, daß ich mein Leben ihm opfern kann, wie er für mich das seinige geopfert hat.«

Die Unmenschen stießen ihn sofort nieder.

An demselben Tage wurde in derselben Stadt Reims der Domherr Alexander lebendig verbrannt. Die Mörderrotte tanzte um den Scheiterhaufen und sang patriotische Lieder. Rohrbacher, hist. univers. de l'égl. cath. Bd. XI. S. 549.

In Lyon, der Hauptstadt des Südens, wütete Couthon, der Konventskommissär, mit barbarischer Grausamkeit. Bis auf die menschlichen Wohnungen erstreckte sich dessen Raserei. Fünfundzwanzigtausend Aristokratenhäuser riß er nieder. Sein Kollege und Mordgeselle, Collot d'Herbois, ließ die Guillotine ohne Unterbrechung arbeiten. Klagten ihm Richter und Henker, daß sie vor Ermattung umsinken möchten, so rief er ihnen zu: »Macht's wie ich! Entflammt Eure Herzen durch die Liebe zum Vaterlande und Ihr werdet neu gestärkt sein.«

Allein die Guillotine konnte die Blutarbeit nicht bemeistern. In Massen wurden die Opfer durch Kartätschenschüsse niedergestreckt. Cantu, Bd. XIII. S. 133.

Das sind einige Beispiele, welche zur Beurteilung des Ganzen dienen mögen.

So schwamm das republikanische Staatsschiff Frankreichs auf einem Meere von Blut und Greueln. Steuermann des Schiffes war Robespierre. In ihm, dem begeisterten Schüler des Philosophen Rousseau, hatte sich die moderne Idee am schärfsten ausgeprägt. Zugleich besaß er jenen Grad steinkalter Unmenschlichkeit, diese Idee unerbittlich durchzuführen.

Streng genommen waren freilich Robespierres leitende Grundsätze keine Ideen; denn Ideen sind die Gedanken Gottes von den Dingen. Die Ideen des Atheismus hingegen waren die Gedanken der Hölle.

Und Robespierre trieb und drängte unermüdlich, aus der Erde eine Hölle zu machen, einen Ort des Chaos, der Vernichtung und des Elendes, wo beständig der Schmerz heult und die Wut knirscht. Jedes menschliche Gefühl betrachtete er als eine Schwäche, unverträglich mit der Vernunft. Kaltblütig vergoß er Ströme von Menschenblut. Erbarmen kannte er nicht, wollte er nicht kennen. Jede Regung von Menschlichkeit niederzudrücken, galt ihm als Tugend. Nach Hunderttausenden schuldlose Menschen abzuschlachten war ein Werk der Gerechtigkeit. Mordgier und Blutdurst waren patriotische Gefühle. In seinem Geiste erklärte der Präsident des Nationalkonventes: »Um ein Volk frei und glücklich zu machen, braucht man nichts als Brot, Eisen, Salpeter und Tugend.« Cantu, Bd. XIII. S. 131.

Aber das Brot der Revolution war sehr wenig und von der schlechtesten Sorte, das Eisen waren Mordwaffen und die Tugend kalte Grausamkeit.

Durch fortgesetztes Wühlen und Hetzen, sowie durch eine seltene Fertigkeit, eine Partei durch die andere zu vernichten, hatte es Robespierre zur Diktatur gebracht. Fortwährend schmeichelte er den Pöbelmassen, die ihn vergötterten. Schüren und Aufwiegeln waren ihm Lebensbedürfnis. Mit breitem Phrasenschwulst redete er beständig vom Staatswohl, mit dem eigentlich nur er es aufrichtig meine, sowie vom heiligen Eifer der Tugend. In keiner Rede fehlten seine Warnungen vor geheimen Verrätern und Mördern der Nation. Ein bestimmtes Ziel, einen versöhnenden Ausgang der Schreckensherrschaft kannte er nicht. »Gerade dann kommt man am weitesten,« versicherte Robespierre, »wenn man nicht weiß, wohin man will.«

Mit Danton und Marat teilte er zwar die Despotie jedoch so, daß ihm der Vorrang blieb. Gestützt auf die blinde Anhänglichkeit des Pöbels und die Ergebenheit des furchtbaren Jakobinerklubs, lenkte er die Beschlüsse des Nationalkonventes nach seinen Absichten. Gewöhnlich führte er eine Proskriptionsliste in der Tasche. Wer ihm verdächtig schien oder als solcher bezeichnet wurde, den schrieb er auf die Totenliste. Eine große Menge, sogar seine Freunde, überlieferte er kalten Blutes seinem Mordbeile. Wachsmuth, Bd. II. S. 297.

Fanatische Verehrer Robespierres waren die Weiber, von der Gattung jener Furien, welche die Henkerkarren zu begleiten, deren Opfer zu beschimpfen und Aristokratenblut zu trinken pflegten. Stets umgab ihn ein Schwarm dieser Megären, sobald er öffentlich erschien. In seiner Wohnung bedienten sie aufmerksam den tugendhaften Mann, der sich dem Vaterlande opferte und dessen Wandel keine Ausschweifungen befleckten. In Wahrheit mied Robespierre die wüsten Orgien Dantons und anderer Konventsmitglieder. Das unsittliche Verhältnis mit der Tochter seines Hauswirtes Duplay genügte ihm. Ibid. 299.

Die Wohnung des Diktators war bescheiden und säuberlich, wie sein Äußeres. Er huldigte keineswegs der Mode, ungekämmt, schmutzig, in langen, struppigen Haaren und zerrissenen Kleidern einher zu gehen. Robespierres erprobte Gesinnung bedurfte nicht der Roheit, des Schmutzes und der Gemeinheit, um die Gunst der herrschenden Proletarier zu gewinnen. Der Mann war gewaschen, sogar frisiert. Er trug seinen alten Zopf, dazu den blauen Frack, und im Gesichte das unverwüstliche Lächeln sanfter Güte und des Wohlwollens.

Gegenwärtig sitzt der Diktator vor einem Tische inmitten seines Zimmers, und ihm gegenüber ein junger Mann, – der schreckliche Saint-Just, genannt der »Apokalyptische.«

Saint-Just war ein hervorragendes Konventsmitglied, beredt, äußerlich kalt, innerlich heißglühend, wortkarg, unerbittlich, hart, gefühllos, aber ein uneigennütziger Fanatiker der Revolution. Auch ihm galt die Unterdrückung jeder menschlichen Regung des Erbarmens als Tugend. Wie Robespierre, war auch er ein gläubiger Schüler des Philosophen Rousseau. Keine Gefahr schreckte ihn, kein Blutbad erschütterte seine Nerven. Stahlhart und steinkalt schien er jedes menschlichen Empfindens bar. Bei den hitzigsten Debatten des Konventes blieb er ruhig, mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit seine Ansichten vertretend. Weilte er als Konventskommissär bei der Armee, so ertrug er gleichgültig die aufreibendsten Strapazen. Mitten im Kugelregen der Schlacht bewahrte er die gleiche Unverzagtheit und Ruhe. Die Gemeinheit in Manieren und Sprache des großen Haufens ahmte er nicht nach, und war dennoch sehr beliebt. Robespierre hielt er für unbestechlich und ehrlich und war ihm unbedingt ergeben. Der Diktator erkannte die Verwendbarkeit des jungen Fanatikers und gebrauchte ihn für seine Zwecke. Cantu, Bd. XIII. S. 159.

»Die Aufgeschriebenen sind der Konspiration mit dem Auslande verdächtig,« sagte Robespierre, seinem Gegenüber ein Blatt Papier überreichend.

»Unter diesen Zwölf befindet sich auch ein Mitglied der begrabenen Nationalversammlung,« sagte Saint-Just, nachdem er die Namen gelesen und gezählt.

»Er macht zweihundert voll!« entgegnete Robespierre, in den Papieren auf dem Tische wühlend. »Ja, – wer sollte es glauben? Zweihundert Mitglieder der Nationalversammlung mußten guillotiniert werden, weil sie Verdächtige, Übelwollende und Feinde des Vaterlandes gewesen.« Ibid. S. 141.

»Was suchen Sie, Bürger?« frug Saint-Just, als der andere in den Papieren zu wühlen fortfuhr.

»Was ich suche, mein Freund? Noch ein ganz kleines Proskriptionslistchen mit nur drei Namen, – kann es leider im Augenblick nicht finden. Überhäufte Arbeiten, – Sorgen für das Volkswohl, – Ängste und peinliche Befürchtungen wegen der Umtriebe geheimer Feinde des Vaterlandes, – kurz, tausend Dinge belagern mir stets den Kopf. Kein Wunder, wenn man solche Kleinigkeiten verlegt. Nun, – das Proskriptionslistchen wird sich noch finden.«

»Wünschen Sie, daß ich dem Präsidenten des Revolutionsgerichtes diese Zwölf übergebe?«

»Ich möchte es wünschen, mein Freund! Allein die Anhaltspunkte zur Anklage der Ausgezeichneten sind meinem Gedächtnisse nicht mehr gegenwärtig, – rein verweht von dem Gedankensturm, der stets meinen sorgenschweren Kopf erschüttert.«

»Dieser Formalitäten bedarf es nicht,« sagte Saint-Just. »Dem Revolutionsgericht wird Ihre Unterschrift genügen. Wir haben keine Zeit, viele Umstände zu machen. Die Not der Zeit duldet weder gesetzliche Engherzigkeiten, noch kleinliche Schwäche.«

»Sie sind unerbittlich, wie die Gerechtigkeit,« sprach lächelnd der Diktator.

»Und die Gerechtigkeit ist unbestechlich, wie Robespierre,« entgegnete Saint-Just.

»Ihre Anschauungen sind vernünftig, mein Freund! Je mehr der soziale Körper ausdünstet, desto gesünder wird er,« belehrte Robespierre. »Je mehr Köpfe fallen, deren giftiger Lebensatem die republikanische Atmosphäre verdirbt, desto reiner wird die Luft. Sie haben recht, – keine Umstände! Die Guillotine arbeitet niemals zu viel.«

Diese Worte sprach der Diktator, während er unablässig in den Papieren blätterte. Jetzt stellte er das Suchen ein, lehnte in dem Sessel zurück und fuhr mit der Hand über die Stirne.

»Der Grund, weshalb ich Sie zu mir bitten ließ, war jedoch ein anderer,« fing er an, den verschleierten Katzenblick von den Papieren zu dem Apokalyptischen hebend. »Es betrifft eine höchst wichtige Angelegenheit der Republik – ein Geheimnis, das ich Ihnen anvertraue, in der zweifellosen Erwartung, Ihre Tüchtigkeit und selbstlose Vaterlandsliebe werde mein Bemühen unterstützen.«

Saint-Just nickte mit dem Kopfe und saß in atemloser Spannung.

»Seit vier Monaten ließen wir fünf Armeen nach der Vendee marschieren, – sie alle wurden geschlagen, vernichtet,« fuhr der Diktator fort. »Kühnheit und Tapferkeit der Empörer sind ganz erstaunlich. Der Bürgerkrieg lodert in hellen Flammen und droht, die Bretagne anzustecken. Auch im Süden gärt es. Die Erfolge der Vendee locken zu Aufständen. Hiezu kommt, daß ganz Europa gegen uns rüstet. Die Verhältnisse liegen bedenklich. Wir müssen ungewöhnliche Mittel ergreifen, das Vaterland zu retten. Ein solches Mittel, von mir gegen die Rebellen der Vendee erdacht, ist bereits in der Ausführung begriffen. – – Sie haben Valforts Denkschrift gelesen. Dieselbe ist meisterhaft geschrieben, mit genauer Kenntnis von Land und Leuten der Vendee. Was der Autor vorausgesagt, traf genau ein, – sowohl der Aufstand, wie dessen siegreicher Fortgang. Valfort, selbst ein Führer der Insurgenten, ließ ich durch Gallois hieher einladen unter dem Vorgeben, der Konvent sei bereit, auf Grundlage religiöser Unabhängigkeit der Vendee Frieden zu schließen. Nur die politischen Veränderungen sollen und müssen von den Aufständischen anerkannt werden. Natürlich ist unsere angebliche Geneigtheit zum Frieden nur Vorwand. Mein Bestreben geht vielmehr dahin, der Insurrektion den Kopf herunterzuschlagen.«

Er schwieg einige Augenblicke und hüstelte in sein Taschentuch. Die innere Glut schoß dem Apokalyptischen in die Augen, welche in brennender Erwartung auf den tückisch lächelnden Robespierre gerichtet waren.

»Hören Sie meinen Plan!« redete der Diktator weiter. »Wir treten mit der Vendee in Unterhandlung. Es werden Friedenspräliminarien förmlich aufgestellt. Zur scheinbaren Unterstützung derselben rückt eine starke Armee an die Grenze der Vendee. Als Garantie zur Gültigkeit eines definitiven Friedensabschlusses fordern wir die Unterschriften sämtlicher Führer des Aufstandes. Dieselben werden sich an einem gelegenen Orte versammeln, um mit den Bevollmächtigten des Konvents den Vertrag abzuschließen. Ein geheimer Befehl wird unseren General anweisen, mit einer Abteilung gut berittener Reiter die Versammelten plötzlich zu überfallen und sämtliche Häupter des Aufstandes niederzuhauen. Nicht einer darf entrinnen. Der Führer beraubt, gleichen die Aufständischen einer kopflosen Masse, die leicht vernichtet wird. Der Bürgerkrieg ist niedergeworfen, und die Guillotine mag die Luft der Vendee vollständig säubern.«

Saint-Just lächelte.

»Ein herrlicher Plan, – wenn die Häupter des Aufstandes ihn ermöglichen.«

»Sie haben bereits angebissen. Valfort traf gestern mit Gallois hier ein und ist mein Gast.«

»Sie Hexenmeister!« rief Saint-Just überrascht.

»Bitte, – Hexerei ist nicht dabei, nur etwas Klugheit,« versetzte bescheiden der Diktator. »Soll jedoch der Plan gelingen, so müssen Danton und Carnot zunächst dafür gewonnen werden. – Darf ich Ihre Gewandtheit mit dieser Aufgabe belästigen, mein Freund?«

»Eine ehrenvolle Aufgabe, der ich mit Vergnügen mich unterziehe. Danton und Kriegsminister Carnot, der ganze Konvent, wird diese Eingebung Ihres Genies bewundern.«

»Noch etwas, mein Freund!« sagte Robespierre, welchem das angerühmte Genie ein Lächeln der Eitelkeit entlockte. »Valforts Charakter und Standpunkt habe ich Ihnen beim Einlaufe seiner Denkschrift erklärt. Der junge Mann besitzt glänzende Eigenschaften, – schade daß sie dem Fanatismus des Aberglaubens dienen. Dabei trägt er stets das Herz auf den Lippen. Seine Freimütigkeit grenzt an Torheit. Bewegt er sich frei und schutzlos in der Stadt, so erspäht ihn, bevor zwei Stunden vergehen, das scharfe Auge eines Agenten der öffentlichen Ankläger, und sein Kopf gehört der Guillotine. Kostete es mich doch nicht geringe Mühe, ihn zu bewegen, die dreifarbige Kokarde an den Hut zu heften, weil ihn der Mangel der Kokarde sofort als Feind des Vaterlandes beschuldigen würde. »Betrachten Sie die Kokarde als einen Modeartikel,« sagte ich, »dem jeder Vernünftige sich unterwirft, wenn er ohne denselben nicht unter die Leute gehen kann.« – – Da nun Valfort einige Zeit hier verweilen muß und freie Stunden benutzen wird, die Dinge in Paris sich anzusehen, so ist eine Schutzwache für ihn absolut notwendig. Ich denke nicht an Gendarmen oder Nationalgarden, sondern an einen Schutz, der kein Aufsehen erregt und ihm selbst verborgen bleibt. Kurz, – ich denke an Fouquiers Jakob. Ganz Paris kennt ihn. Die Nähe dieses tugendhaften Menschen wird hinreichen, jede Gefahr von meinem Gaste abzuwenden. Er folgt ihm auf Schritt und Tritt, – jedoch in einiger Entfernung.«

»Ich begreife und werde Fouquier hievon verständigen,« sagte Saint-Just. »Dürfte ich das Werkzeug persönlich kennen lernen, dessen kluge Benützung so große Erfolge für das Staatswohl verspricht?«

»Valfort ist ausgegangen,« antwortete Robespierre. »Mein Jean geleitet ihn vorläufig. Sie werden ihn heute noch kennen lernen. Wir speisen diesen Abend zusammen. – Nun eilen Sie, mein Freund, zu Danton, Carnot und Fouquier.«

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