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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 23
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Eine gefährliche Einladung.

Die ganz unerwarteten Siege der Vendee erregten in Paris ungeheures Aufsehen. Man hatte geglaubt, mit den aufständischen Bauern leicht fertig zu werden, und dann mit Hilfe der Guillotine und den blutigen Gewaltmitteln der Schreckensherrschaft die atheistische Staatsform in jenem Lande bald herzustellen.

Die Niederlagen entmutigten keineswegs den Konvent, sie entflammten vielmehr seinen Unternehmungsgeist. Durch Schrecken und Blut zur Herrschaft gelangt, konnte er nur durch unmenschliche Grausamkeit sich behaupten. Die Vendee sollte furchtbar gezüchtigt, alles Waffenfähige niedergemacht und das Land zur Wüste werden.

Zwei Armeen setzten sich in Bewegung. General Berruyer, ein tüchtiger Offizier, zog von Angers mit Pariser Bataillonen heran. Unter seiner Oberleitung befehligten die Generale Leigonyer und Gauvilliers besondere Heeresabteilungen. Die zweite Hauptarmee rückte unter dem erfahrenen General Canclaux nach dem Marais, dem Küstenstriche der Vendee. Die Bewegungen dieser Armeen geschahen gleichzeitig.

Inzwischen hatten die Aufständischen ihre kriegerische Organisation verbessert. Tausende, die vorher mit Stöcken in den Kampf gezogen, hatten sich mit erbeuteten Gewehren bewaffnet. Auch die eroberten Kanonen wurden zur Schlacht gerüstet. Nebenbei hatten die errungenen Siege das Selbstbewußtsein der Bauern, das Vertrauen auf ihre Kraft erhöht, und ihre Begeisterung für Glauben und Freiheit noch mehr entflammt.

Kaum betrat die Vorhut Berruyers das Waldland, als von allen Kirchtürmen des Bocage die Glocken zu den Waffen riefen. Barone und Bauern schaarten sich um ihre Führer und zogen dem Feinde entgegen. Am neunzehnten April wurde General Leigonyer bei Vezins vollständig geschlagen. Dasselbe Los traf vier Tage später General Gauvilliers bei Beaupreau. Diese Niederlagen zwangen General Canclaux, dessen Armee bereits in das Marais eingedrungen war, zum schleunigen Rückzuge. Biron, Guerr. de Vend. I. 129, 149.

Die Sieger benützten die Erfolge ihrer Tapferkeit. Sie vereinigten ihre Streithaufen und rückten vor die feste Stadt Thouars, bekannt durch den Waffenstillstand zwischen den Königen Johann von England und Philipp August von Frankreich. Am fünften Mai wurde Thouars im Sturme genommen. Biron, Guerr. de Vend.. I. 210.

Dem Nationalkonvent wurde die Sache bedenklich. Ganz Frankreich stöhnte und blutete unter dem eisernen Joche seiner Schreckensherrschaft, die Bauern der Vendee zerbrachen dieses Joch, – ein gefährliches Beispiel zur Nachahmung. Der Konvent verdoppelte seine Anstrengungen. Eine große Revolutionsarmee mit einer starken Feldartillerie setzte sich in Marsch unter Führung des Generals Chalbos. »Sieg oder Tod!« war die Losung. Den Mut der Soldaten zu entflammen begleiteten sieben Mitglieder des Nationalkonvents die Armee. Sie hatten zugleich Vollmacht, jeden Soldaten und Offizier verhaften und guillotinieren zu lassen, der sich mutlos und feige benahm. Bei Fontenay kam es am fünfundzwanzigsten Mai zu einer blutigen Schlacht. Trotz ihrer vierzig Kanonen, und trotz der Gegenwart von sieben Konventskommissären, wurde die Revolutionsarmee vollständig auf das Haupt geschlagen und gänzlich auseinandergesprengt. So furchtbar wütete die Schlacht, daß sich die bekannte Bravour und Mordgier der Republikaner in Schrecken und Waffenstrecken verwandelten. Viertausend ergaben sich den Siegern. Wachsmuth, Bd. II. S. 149 f.

Vorläufig waren die gefangenen Republikaner in öffentlichen Gebäuden Fontenays untergebracht worden. Die Räumlichkeiten der kleinen Stadt waren beschränkt, jeder passende Ort mußte benutzt werden. So kamen etwa fünfhundert Gefangene in den Hof des Stadthauses, gehütet von einer starken Wache, die auf den Platten der Umfassungsmauer Stellung genommen.

Im Saale des Stadthauses verhandelten die Häuptlinge über das Schicksal der Gefangenen. Das Zünglein schwankte unentschieden zwischen Tod und Leben der Viertausend. Dagegen hatte die öffentliche Stimme bereits über die Republikaner das Todeslos geworfen. Manche wußten schon Ort und Stunde, wo und wann die Viertausend mit Kartätschen niedergeschmettert werden sollten.

Im Glauben an ein unabwendbares Todesurteil hatten sich einige von den Pfarrern, welche ihre Gemeinden in den Krieg begleiteten, zu den Gefangenen begeben, um sie auf den Hingang in das Jenseits vorzubereiten. Auch im Hofe des Stadthauses erschienen drei Geistliche. Finstere Blicke, Hohnlachen und Spottreden empfingen dieselben.

»Packt Euch fort, Ihr Charlatane der Dummheit!« rief ein wildblickender Mensch. »Wir sterben ohne Euren blödsinnigen Hokuspokus. Wir sind Republikaner, die keine andere Gottheit kennen als die Vernunft. Im Buche der Vernunft steht aber nichts von Eurem religiösen Firlefanz. Hätten die Juden Euren abgöttischen Betrüger von Nazareth nicht gekreuzigt, sein Kopf müßte unter die Guillotine.«

Die Wachposten auf der Mauer und andere Bauern, welche die Bemühungen ihrer Geistlichen neugierig beobachteten, schlugen entsetzt das Kreuz über die ruchlose Gotteslästerung.

»Fort mit Euch, – laßt Eure Stimmen vor Ochsen und Eseln hören!« spottete ein anderer. »Seht Ihr denn nicht, daß kein einziger Schafskopf unter uns ist? Nur freie Menschen, – Anbeter ihrer eigenen Vernunft, – Gottesleugner und Religionsverächter sind hier versammelt. Also packt Euch! Ich irre mich durchaus nicht, – machen wirs kurz! – Republikaner!« rief er mit lauter Stimme. »Wer von Euch begehrt den Beistand dieser frommen Priester? Ist jemand hier, der ohne Absolution nicht sterben kann, so recke er den Arm empor!«

Kein Arm streckte sich.

»Seht Ihr? Also fort, – trollt Euch!« kreischte der Mensch mit diabolisch funkelnden Augen. »Fort – oder unsere Fäuste erwürgen drei Schufte, welche der Guillotine gehören.«

Ein dumpfes Murren und Fluchen der Gefangenen bestätigte die Drohung.

Schmerzlich bewegt verließen die Geistlichen den Hof.

Die Bewaffneten auf der Umfassungsmauer hatte Verstocktheit und Religionshaß der Republikaner empört und erbittert.

»Sind das nicht Erzschurken und Satansgesellen?« rief ein Bauer. »Sollte man sie nicht stracks zur Hölle schicken, wohin sie gehören?«

»In jedem von ihnen steckt eine Legion Teufel; denn nur Teufel können solche Gotteslästerungen ausstoßen,« behauptete ein anderer.

»Den Teufel in den Gottesläugnern laß ich gelten, – nur ist's jedesmal ein dummer Teufel,« sagte Pierre, Valforts Getreuer, der als Zuschauer auf der Mauer stand. »Seht Euch nur die Kerle an! Haben sie nicht alle dummglotzende Augen wie Ochsen und dicke Bretter vor der Stirn?«

Die Bauern lachten. Die Gefangenen fluchten.

»Ihr habt das Recht, uns zu töten, nicht aber, uns zu beschimpfen,« rief ein Republikaner.

»Das Recht zu beschimpfen, zu höhnen, zu schänden und zu köpfen haben allerdings nur die Republikaner,« entgegnete Pierre. »Ich wollte von Eurem Recht keinen Gebrauch machen, sondern Euch nur die Wahrheit sagen. Ihr haltet Euch zwar für zweibeinige Bestien, die man niederschießt, verscharrt und dem Verfaulen überläßt. Aber Eure Meinung ist falsch. Euer Leib gehört freilich dem Anger, dagegen gehört Eure Seele dem Satan.«

Die Gefangenen lachten gezwungen.

»Ihr lacht? Könnte ich jedem von Euch einen Spiegel vorhalten, er müßte an den Teufel glauben. Warum? Weil ihm der Spiegel eine grinsende Teufelsfratze zeigen würde,« behauptete Pierre.

Wiederholtes Hohngelächter.

»Wahrhaftig, durch Euer Lachen tönt schon die Musik Eurer künftigen Residenz. – das Geheul der Hölle!« beteuerte Pierre. »Kennt Ihr die Hölle? Habt Ihr einen Begriff von Eurer glühenden Behausung? Wollt Ihr davon eine Beschreibung?«

»Jawohl!« rief eine Stimme aus dem Hofe. »Die letzte Stunde unseres Lebens möge ein Phantast erheitern.«

»Was ein Phantast eigentlich bedeutet, weiß ich nicht,« gestand Pierre. »Aber die Hölle könnte ich Euch genau schildern. Kampfgenossen,« rief er den Bauern zu, »soll ich ihnen das Höllenlied singen?«

Allgemeine Zustimmung.

»Recht, – das Höllenlied! Du kannst es ja so hübsch und rührlich singen!« rühmte ein Bürger von St. Jean.

Pierre, der Sänger, stellte sich fester, dehnte die Brust und begann mit tiefer, wohlklingender Stimme eines jener religiösen Volkslieder der Vendee, deren plastische Kraft unwillkürlich ergreift. Die Melodie war einfach, aber gerade die feierliche Einfachheit des Chorals in Verbindung mit dem Ernste des Rhythmus und dem Geiste der Dichtung wirkte erschütternd. Schon nach der ersten Strophe schwand das Hohnlächeln auf den Gesichtern der Gefangenen. Schauerlich klangen Text und Melodie durch ihre Seelen, und das Gemüt konnte sich der Gewalt der Plastik nicht entziehen.

Pierre sang:

»In der Hölle tiefstem Abgrund
Leuchtet nicht die kleinste Helle!
Nebel ziehen, und die Pforten
Sind verwachsen mit der Schwelle.
Gott, der Herr, hat selbst die Riegel
Vorgeschoben an den Toren.
Niemals öffnet er sie wieder,
Und der Schlüssel ist verloren.

Rauch sind eines ird'schen Ofens
Wände nur, die rotentflammten.
Gegen jene Glut, die zehret
An den Seelen der Verdammten.

Furchtbar sinnverwirrend heulen
Sie, wie wutbesess'ne Hunde.
Keine Rettung! Wo sie fliehen,
Züngeln Flammen aus dem Grunde.
Flammen über ihren Häuptern,
Unter ihren Füßen Flammen!
Flammen, ewigzehrend, fressend,
Schlagen über sie zusammen.

Brennen wird sie solches Feuer,
Daß das Mark in ihren Knochen,
Von der unnennbaren Hitze,
Wird in ihren Röhren kochen.

Und nachdem sie lange brannten,
Nimmt sie Satan aus der Flamme;
Und er taucht sie in ein Eismeer
Nieder, bis zum schwarzen Schlamme.
Taucht sie dann in's Feuer wieder,
Und im Eise, daß es siedet,
Löscht er sie zum andern Male,
Wie das Eisen, das man schmiedet.

Retten wird Euch nicht das Spotten,
Schützen nicht ungläub'ges Höhnen!
Zähneknirschen in den Gluten
Wartet Euch und ewig Stöhnen.«

Der Sänger schwieg, sichtlich ergriffen von seinem Vortrage. Die Bauern waren unbeweglich gestanden und der Darstellung in sinnendem Ernste gefolgt. Sogar die Religionsspötter im Hofe betrachteten überrascht die gesungene Malerei. Dem Liede folgte tiefe Stille, welche jetzt Stimmen außerhalb des Hofes unterbrachen.

Pierre wurde angerufen. In der Gasse standen zwei Bewaffnete, einen Fremden in der Mitte.

»Der Mann da will Deinen Baron sprechen.«

Pierre sprang von der Mauer und musterte den Fremden.

»Seh ich recht, dann sind Sie der Zuvielkommissär, der bei uns in Valfort gewesen.«

»Der bin ich allerdings, mein Freund!« erwiderte Gallois. »Ich bringe eine sehr wichtige Botschaft für Deinen Herrn. Kannst Du mich zu ihm führen?«

»Warum nicht? Kommen Sie!«

Er geleitete den Kommissär nach dem Stadthause.

»Botschaft bringen Sie, – wichtige Botschaft? Vielleicht gar von Rovere, – wenn man fragen darf?«

»Von Paris, mein Freund!«

Gallois schwieg und Pierres Bescheidenheit wagte keine weiteren Fragen.

Das Schicksal der Viertausend schwankte noch. Die meisten Führer bestanden auf dem Todesurteil. Andere schreckte das Blutvergießen der Masse.

»Was haben die Republikaner vor wenigen Tagen im Marais getan?« sagte Baron d'Elbee. »Sie haben sämtliche Gefangene erschossen. Üben wir Vergeltung!«

»Das Verfahren der Republikaner darf uns nicht maßgebend sein,« erwiderte Valfort. »Unmenschlichkeiten soll man verabscheuen, nicht nachahmen.«

»Feinde durch Erschießen unschädlich machen, ist Kriegsbrauch,« versetzte d'Elbee. »Entlassen wir die Viertausend, so werden sie abermals gegen uns kämpfen.«

»Das ist allerdings ein bedenklicher Punkt,« sagte Catelinau. »Mir gehts auch wider die Natur, viertausend waffenlose Feinde niederzumachen, – das gibt einen See von Blut und einen Berg von Leichen. Ich möchte wohl die Schelme laufen lassen. Aber ich komme nicht über den Vorwurf der Unklugheit hinweg, so viel Feinde entschlüpfen zu lassen, die ohne Zweifel wieder gegen uns fechten werden.«

»Es gibt Mittel, die Gefangenen nach unserem Willen zu binden,« sagte Valfort.

»Welche Mittel, Herr Baron?« frug Stoflet.

»Wir knüpfen Ihre Freiheit an den Schwur, niemals wieder gegen die Vendee zu kämpfen.«

»Ich staune, Herr Baron!« rief Bonchamps. »Diese Leute sind alle zusammen Atheisten, Gottesleugner. Welche Bedeutung hat der Eid für Menschen, die nicht an Gott glauben? Gar keine. Die Schurken werden unsere Gutmütigkeit verspotten und als Mordbrenner nach der Vendee zurückkehren.«

Das Kopfnicken der Häuptlinge bestätigte diese Ansicht.

Valfort, dessen Menschlichkeit und hochherzige Gesinnung ein Massenmord gefangener Feinde verletzte, gewahrte die fast allgemeine Neigung der Anführer zum Blutvergießen. Nun eilte er, für seine edelmütige Absicht eine Macht anzurufen, die niemals auf seine Landsleute ihre Wirkung verfehlte.

»Mich drängt es dennoch, meine Freunde, gegen eine Handlungsweise Einsprache zu erheben, die unseres Namens und Glaubens unwürdig ist. Man sagt, »die Republikaner mordeten die Gefangenen im Marais, üben wir Vergeltung!« Ich frage: dürfen Katholiken ebenso handeln wie Religionsfeinde? Christen ebenso wie Unchristen? Kinder Gottes wie Kinder des Teufels? Nimmermehr! Unsere heilige, reine Sache soll die Mordwut der Revolutionäre nicht schänden. Streiter Gottes nennen wir uns, – wir sind es, aber nur so lange, als wir kämpfen im Geiste Gottes. Befleckt Grausamkeit unsere Waffen und Rachedurst unsere Herzen, dann fielen wir tatsächlich ab von dem siegreichen Kreuzesbanner, unter dem wir kämpfen. Bisher hat uns der allmächtige Lenker der Schlachten Sieg auf Sieg verliehen. Ganz Frankreich, ja ganz Europa betrachtet voll Staunen das unerhörte, ganz unglaubliche Schauspiel, wie Landleute mit Stöcken und selbstgefertigten Waffen die Armeen der Republik schlugen, – dieselben Armeen, welche das große Heer der verbündeten Deutschen überwanden. Wer zweifelt, daß Gott mit uns ist? Daß der Herr der Heerscharen unsere Schlachten schlägt? Wird aber Gott noch mit uns sein, wenn wir von ihm abfallen durch unmenschliche Grausamkeit? Nach meinen Begriffen ist es durchaus nicht christlich, eine solche Menge wehrloser Menschen schonungslos zu morden. Lassen wir also die Viertausend schwören, die Waffen nicht wieder gegen die Vendee zu tragen. Brechen sie den heiligen Schwur, dann wird Gott Rächer sein. Er wird die Meineidigen auf dem Schlachtfelde durch unsere Hand niederstrecken.«

Die Wirkung der Rede, verbunden mit dem einflußreichen Ansehen Pauls, war vollständig.

»Ich bin der Ansicht meines Vetters«, sprach der feurige Laroche, dessen kühne Tapferkeit allgemeine Bewunderung erregte.

»Baron, Sie sind ebenso unwiderstehlich beim Kriegsgericht, wie im Felde,« rief d'Elbee, indem er Paul die Hand drückte.

Die Abstimmung ergab Einstimmigkeit für Pauls Antrag. Die Viertausend waren gerettet. Wachsmuth, Bd. II. S. 150.

Als Valfort sein Zimmer betrat, das sich im Stadthause befand, überraschte ihn die Anwesenheit des Zivilkommissärs Gallois nicht wenig. Mit gänzlicher Verleugnung damals üblicher Derbheit in den Umgangsformen stellte sich Gallois in gezierter Rede als Robespierres Botschafter vor.

»Die Seele des Nationalkonvents, man darf wohl sagen, die leitende Idee der Republik, verkörpert in Robespierre, hat mich beehrt mit einem höchst wichtigen Auftrage an Sie, Herr Baron! Wollen Sie die Güte haben, mein Herr, Einsicht zu nehmen von diesem Schreiben Robespierres!«

»Sie überraschen, Herr Kommissär! Wollen Sie gefälligst Platz nehmen,« sagte Paul, nachdem Gallois mit einer tiefen Verbeugung den Brief überreicht. »Sie erlauben gütigst!«

Paul erbrach das Siegel und las:

»Mein Herr! Als ich die Ehre hatte, Sie persönlich auf dem Schlosse Rovere kennen zu lernen, gaben Sie mir Gelegenheit, Ihre politischen und religiösen Ideen zu bewundern und ich erlaubte mir damals, Sie wiederholt meiner Übereinstimmung mit Ihren erleuchteten Anschauungen zu versichern. Im Vertrauen auf Ihre hohe und geläuterte Einsicht nicht minder, wie auf ein fast gleiches politisches Glaubensbekenntnis mit Ihnen, sowie in Rücksicht auf den jammervollen blutigen Bürgerkrieg, der unser gemeinsames Vaterland zerfleischt, nehme ich mir die Freiheit, Sie mit einer Einladung nach Paris zu behelligen. Ich wünsche sehnlichst und hoffe zuversichtlich, es werde uns durch mündlichen Austausch der Meinungen und Vorschläge gelingen, einen Weg zur Beilegung des Bürgerkrieges zu finden, – einen Weg, der ebenso dem Geiste der Republik entspricht, wie den religiösen Gefühlen und dem Glauben der Vendee. Das Ansehen und der Einfluß, den Sie in der Vendee genießen, verbürgen mir das Gelingen unserer besten Bestrebungen für das Wohl des Vaterlandes. Ich bitte dringend, meine Einladung nicht abzulehnen und mir zu gestatten, Sie als Gast in meiner bescheidenen Wohnung beherbergen zu dürfen, sowie die Versicherung meiner Hochachtung und Bewunderung zu genehmigen. Robespierre.«

Ein solcher Brief überraschte den jungen Mann noch mehr, als die Ankunft des Zivilkommissärs.

»Sie kennen ohne Zweifel den Inhalt des Schreibens?« wandte er sich an Gallois.

»Ich kenne ihn, Herr Baron!«

»Dann werden auch Sie jene Hoffnungen übertrieben finden, die Herr Robespierre auf meine Wenigkeit setzt. Nicht entfernt besitze ich eine Eigenschaft, die mir gestattet, im Namen der Vendee mit dem Nationalkonvent zu unterhandeln.«

»Darf ich wissen, Herr Baron, ob Sie geneigt wären, Ihren ganzen Einfluß zur Beendigung des Bürgerkrieges einzusetzen, wenn ein Friede auf der Grundlage vollständiger Religionsfreiheit erreichbar ist?«

»Mit Vergnügen mein Herr! Allein ich glaube nicht, daß der Konvent die betreffenden Artikel der Konstitution ändern wird.«

»Im Vertrauen darf ich Ihnen sagen,« erwiderte Gallois, »daß Robespierre die Beschränkung der Gewissensfreiheit und die Abhängigkeit des religiösen Kultus von der Staatsgewalt äußerst beklagt. Bei der letzten Unterredung versicherte er mir: »Die Gewissenstyrannei der Konstitution verträgt sich absolut gar nicht mit dem Geiste einer ehrlich gemeinten Republik.« – Würde die Vendee unter Anerkennung der politischen Veränderungen und nach Gewährung freier, von der Regierung unabhängiger Ausübung des religiösen Kultus Frieden schließen, – ich bin überzeugt, jene Artikel der Konstitution, welche die Gewissensfreiheit verletzen, würden verschwinden. Robespierre käme dieser Umstand höchst erwünscht, seine Absichten durchzuführen.«

»Ich hörte von Robespierres Macht, die jedoch nicht groß genug sein dürfte, den Nationalkonvent für eine solche Veränderung zu bestimmen«.

»Zweifeln Sie nicht daran, Herr Baron! Robespierre ist tatsächlich, wie mir scheint, Frankreichs Diktator.«

»Aber ich bin keineswegs der bevollmächtigte Vertreter der Vendee.«

»Erlauben Sie gütigst einen Vorschlag!« versetzte Gallois. »Die Häupter und Führer der Vendee sind gegenwärtig hier versammelt. Tragen Sie denselben befürwortend die Angelegenheit vor. Die Zustimmung des Landes wird nicht zweifelhaft sein, wenn sich dessen Führer mit den Friedensbedingungen einverstanden erklären. Lassen Sie von den Häuptern des Aufstandes sich bevollmächtigen, auf der angedeuteten Grundlage mit Robespierre in Unterhandlungen zu treten. Wir besteigen sofort meinen Wagen und fahren nach Paris, wo Ihre Denkschrift in maßgebenden Kreisen den besten Eindruck hervorgebracht, und durch die inzwischen eingetretene Entwicklung der Dinge ihre volle Bestätigung gefunden hat.«

»Ihr Vorschlag erscheint sachgemäß, mein Herr! Es sei, – unverweilt ans Werk!«

Die Häuptlinge waren eben im Begriffe, auseinander zu gehen. Valfort berichtete eingehend und las Robespierres Brief. Das größte Erstaunen malte sich auf allen Gesichtern.

»Eine gefährliche Einladung!« sagte Laroche.

»Das klingt fast wie ein Märchen,« meinte Catelinau.

»Die Wirkungen unserer Siege!« versetzte d'Elbee.

»Sind meine Freunde mit dem Anerbieten einverstanden, so bin ich bereit, nach Paris zu gehen,« sprach Valfort. »Ich glaube, wir können auf solcher Grundlage unterhandeln. Für den heiligen Glauben unserer Väter griffen wir zu den Waffen. Verbrieft die Regierung Gewissensfreiheit, Unabhängigkeit des Kultus, dann ist der Zweck des Aufstandes erreicht, – wir legen die Waffen nieder.«

»Mir wills nicht eingehen,« sagte Catelinau, »daß der Kopfabhacker Robespierre und seine Bluthunde im Konvent es ehrlich mit uns meinen.«

»Vielleicht haben sie es nur auf meines Vetters Kopf abgesehen,« sagte Laroche.

»Was nützte ihnen mein Kopf? Die Vendee wäre nicht schwächer und mein Blut würde gerächt. – Meine Freunde, dürfen wir die angebotene Friedenshand zurückweisen? Dürfen wir ein fortgesetztes Blutbad verschulden? Ich glaube, – nein! Gestatten Sie, meine Freunde, daß ich in Ihrem Namen eine Mission übernehme, welche unserer geliebten Heimat Frieden und Religionsfreiheit verspricht.«

»So gehen Sie in Gottes Namen nach Paris, Herr Baron!« sagte Catelinau. »Treibt Robespierre falsches Spiel, es soll ihm nichts helfen. Wir halten die Augen offen und legen die Waffen nicht weit weg. Aber man soll nicht sagen, daß wir den Bürgerkrieg einem ehrenvollen Frieden vorgezogen haben.«

Dem Votum Catelinaus traten sämtliche Führer bei.

Valfort schrieb einen Brief nach Hause, erklärte seine Reise nach Paris und bestieg den Reisewagen des Zivilkommissärs.

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