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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 22
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Aufstand.

Nicht alle Gemeinden hatten das Glück von St. Jean, weil es nur einen Chouan gab. An manchen Orten fielen die Geistlichen in die Hände der Gendarmen und wurden gefangen weggeführt. Vereidete Priester traten an deren Stellen, in den Augen der strenggläubigen Vendee Verräter und Abtrünnige. Jede Gemeinschaft mit ihnen wurde verabscheut, die Kirchen standen leer. Als die Regierung fortfuhr, mit Strenge das Gesetz gegen die eidverweigernden Priester zu vollziehen, als Gendarmen und Nationalgarden unablässig den Geächteten nachstellten, verwaisten sehr viele Kirchen. Die Pfarrer flüchteten nach den Wäldern, wo sie unter freiem Himmel Messe lasen, predigten und die Sakramente der Menge spendeten, die ihnen zuströmte. Zum Gottesdienste erschienen Barone und Bauern bewaffnet, mögliche Anfälle streifender Gendarmen und Garden abzuwehren.

Diese Zustände erbitterten die Gemüter. Man fand es himmelschreiend, von einer Versammlung Gottesleugner und Religionsfeinde, die Gesetze gegen den Glauben fabrizierten, in religiöser Überzeugung und im Gottesdienst unterdrückt und verfolgt zu werden. Die Lasten der neuen Ordnung, die Brutalität der Beamten, die Flut fast wertloser Assignaten und anderer Notstände, würde man ertragen haben, – aber die augenscheinlichen Vertilgungsversuche des Väterglaubens trieben das Volk in einen wilden Grimm hinein. Die Gärung wuchs täglich. An einigen Punkten kam es zu blutigen Aufständen, die von General Dumouriez unterdrückt wurden. Da jedoch die Ursachen zur Erbitterung fortbestanden, so änderten die Bemühungen des Generals sehr wenig an der allgemeinen Lage. Im Gegenteil, die fortgesetzte Priesterhetze machte die Glut der Gärung immer allgemeiner und tiefer. Die aufständischen Bauern um Machecoul erschlugen nicht allein die Gendarmen, sondern auch den revolutionären beeidigten Priester. Wachsmuth, Bd. II. S. 146.

Diese Anfänge des Bürgerkrieges entwickelten sich zum allgemeinen Aufstande, als der Nationalkonvent die Republik proklamierte und das königliche Haupt Ludwigs XVI. abgeschlagen wurde. Ein Schrei des Entsetzens durchhallte die Vendee. Es bedurfte nur des äußeren Anlasses, um das ganze Land in Flammen zu setzen. Diesen Anlaß gab der Konvent durch sein Dekret einer massenhaften Aushebung zum Militär. Jetzt fühlte die Bevölkerung, es sei geradezu ein Verbrechen, einer solchen Regierung zu gehorchen und dieselbe in ihrer Herrschaft des blutigen Frevels und in ihrer Religionsvertilgung zu unterstützen. Cantu, Bd. XIII. S. 122.

Die ganze Vendee erhob sich. Die Beamten der Republik wurden aus dem Lande gejagt, die Gendarmen und Nationalgarden erschlagen oder vertrieben.

Der Konvent eilte, die Empörung rasch und blutig zu unterdrücken. Er schickte eine Revolutionsarmee nach der Vendee, befehligt von den Generalen Rossignol, Santerre und Ronsin. Die Armee begleiteten Konventskommissäre mit grausamen Befehlen im Geiste der Schreckensherrschaft. Wachsmuth, Bd. II. S. 149.

Die Vendee wußte was ihr bevorstand und rüstete zur Gegenwehr. Tapfere und kühne Führer traten an die Spitze der Streithaufen, unter ihnen der riesig gestaltete Wollhändler Catelinau, der Förster Stoflet, Paul von Valfort, d'Elbee, Bonchamps, Laroche, Charette und andere Edelleute. Diese Männer, begeistert für Glauben und Freiheit der Heimat, traten zum gemeinsamen Handeln in enge Verbindung. Sie entwarfen gegen die anrückende Armee einen Kriegsplan, wie ihn der Mangel an Waffen, die Natur des Landes und die Eigenschaften der heimatlichen Streitgenossen vorzeichneten. Sie organisierten eine ganz vorzügliche Spionage, die ihnen alle Bewegungen des Feindes rasch vermittelte. Während die republikanischen Generale von den Stellungen des Feindes nicht die mindeste Kenntnis hatten und gleichsam im Dunkeln marschierten, beobachteten die Führer der Vendee durch hundert Augen jeden Schritt der Gegner, – ein Umstand, der es ihnen ermöglichte, den geeigneten Augenblick zum Angriff zu wählen.

Das waldige Hügelland des Bocage und die Seltenheit fortlaufender Wege, zwangen die republikanischen Generale, zur Teilung ihrer Macht. An drei verschiedenen Punkten drangen sie in den Bocage ein.

General Santerre, von Beruf ein Bierbrauer, marschierte mit seiner Kolonne auf demselben Wege, welcher Gallois, den Zivilkommissär, nach St. Jean geführt hatte. In einer langen Linie zogen die Truppen dahin. Eine Abteilung leichter Reiter als Vorhut, hierauf das Fußvolk, mehrere Batterien Feldgeschütze, die Munitionswagen und schließlich einige hundert Reiter. Die gesamte Streitkraft mochte sechstausend Mann betragen, größtenteils Rekruten, aber begeisterte Republikaner und wütende Feinde der bigotten Vendee.

An regelrechtes Marschieren in Reih und Glied war nicht zu denken. Die Abscheulichkeit des Weges, mit seinen Löchern und Vertiefungen, löste jede strenge Ordnung auf. Am schlimmsten erging es den Kanonieren. Oft blieben die Geschützwagen stecken. Man mußte sich gegenseitig Vorspann leisten und kam sehr langsam vorwärts. Hiezu gesellte sich die Düsterheit endloser Wälder, der Schluchten und Hohlwege. Selten öffnete sich der Forst zu Lichtungen, auf denen einsame Höfe lagen, umgeben von einigen hundert Morgen angebauten Landes. Dort arbeiteten die Leute auf den Feldern, scheinbar sorglos und ohne Kenntnis vom Einbruche des Feindes. Genau betrachtet waren die Arbeitenden hochbetagte Greise und aufgeschossene Jungen. Beim Vorbeimarsch der Truppen rasteten sie und betrachteten, auf ihre ländlichen Werkzeuge gestützt, das kriegerische Schauspiel. Aber das Schauen der Bauern hatte regelmäßig einen gefährlichen, zuweilen sogar einen tödlichen Schluß. Blutdürstige Söhne der Revolution, an die gräßliche Tätigkeit der Guillotine in Paris und anderen Städten gewöhnt, machten sich ein Vergnügen daraus, nach den Ländlichen zu schießen, wie man auf ein Wild schießt. Beim Krachen der Gewehre liefen die Bedrohten davon und verschwanden im nahen Walde. Stürzte ein Getroffener, so jubelten die Soldaten und marschierten lachend weiter. Diese schweren Verstöße gegen Manneszucht wurden kaum empfunden und von den Offizieren nicht getadelt. Rüge wäre erfolglos, vielleicht sogar gefährlich gewesen; denn Manneszucht kannte die republikanische Soldateska jener Tage nicht. Vom Geiste der Gleichheit durchdrungen verwarf der gemeine Soldat jede Unterordnung, jeden Gehorsam gegen Höhere. Befehle vollzog er nur insoweit, als es ihm beliebte.

Gegen Mittag stieg die Kolonne in ein ziemlich breites Tal herab, in dem einige Bauernhöfe zerstreut lagen. Die Trommeln schlugen Rast. In Schwärmen ergossen sich die Soldaten auf Fluren und Matten und lagerten. Wachposten auszustellen, oder andere Vorsichtsmaßregeln gegen plötzliche Überrumpelung zu treffen, hielt Santerre für höchst überflüssig. Er hatte sich über die tölpelhaften, waffenlosen Bauern der Vendee ein möglichst geringschätzendes Urteil gebildet, welches auch die Erfahrung zu bestätigen schien. Von Feinden nirgends eine Spur. Selbst bei Engpässen, die leicht zu verteidigen waren, kein Merkmal eines Widerstandes. Und dennoch nahte die Stunde, welche Santerres Meinung widerlegen sollte.

Jenseits der Hügelkette, kaum eine Meile vom Rastorte der Republikaner entfernt, lagerten seit frühem Morgen die Männer von St. Jean und von vierundzwanzig weitern Kirchspielen, etwa zehntausend Bewaffnete. Ihr Lager hatte keine Ähnlichkeit mit den gewöhnlichen Rastplätzen von Truppen. Im Schutze eines Hochwaldes, der eben sein frühlingsgrünes Dach auszubreiten begann, rüsteten sich die tapferen Söhne der Vendee zur nahen Schlacht. Jede Gemeinde hatte ihren eigenen Lagerplatz, deren Mittelpunkt der Geistliche bildete. Die ersten Stunden des Morgens benutzten die Pfarrer dazu, Bedeutung und Verdienstlichkeit des Kampfes für Glauben und heimatliche Güter und Rechte hervorzuheben. Hiebei unterließen sie nicht, Mut und Begeisterung durch den Hinweis zu entflammen, daß ein Sterben um der Religion willen dem Martyrium gleich zu achten sei und zur Glorie des ewigen Lebens führe. An die Predigt reihten sich lange Gebete, den Schutz des Allerhöchsten und den Beistand himmlischer Heerscharen anzurufen. Nach dem Schlusse des Gottesdienstes traten die Geistlichen zur Seite und ließen sich an passenden Orten auf bemooste Steine oder hervorspringende Wurzeln nieder, das Sündenbekenntnis Bedürftiger zu hören und die Reuigen von Schuld zu lösen. Im Hinblick auf die Möglichkeit des nahen Todes machte jeder von dieser sakramentalen Gnade Gebrauch, der sein Gewissen befleckt wußte. Es nahten Jünglinge und Männer, knieten vor Gottes Stellvertreter nieder, bekannten zerknirscht ihre Sünden und empfingen Lossprechung. Jene, die bereits zuhause mit dem Himmel sich versöhnt und geistig vorbereitet auf dem Kampfplatze erschienen, sammelten sich in Gruppen und beteten gemeinsam Litaneien und andere Gebete. Sehr häufig war der Gebrauch des Rosenkranzes. Zwischen Baumstämmen knieten vereinzelt Barone und Bauern und ließen andächtig die runden Steine durch die Finger gleiten. Kein Lärm, kein Getöse unterbrach die weihevolle Stätte. Man hörte nur die gedämpften Stimmen jener, die laut, in Gruppen vereint, beteten.

Diesen ungewöhnlichen Charakter trug das Kriegslager der Aufständigen. Der religiöse Geist, welcher den gläubigen Söhnen der Vendee die Waffen gegen die Feinde ihrer höchsten Güter in die Hand gezwungen, verließ sie keinen Augenblick. Ernst und feierlich war die Stimmung. Jeder betrachtete sich als Gottesstreiter gegen den Satanismus in der Revolution, und freudig ging er in den Kampf. Gehoben wurden diese Empfindungen und vertieft durch die Berührung mit tausenden, die von denselben Ideen getragen und begeistert waren. Man fürchtete den Kampf nicht, man ersehnte ihn, um Opferwilligkeit und Glaubenstreue durch den Einsatz des Lebens beweisen und für die Religion sein Blut vergießen zu können. – Eine solche Stimmung konnte vieles ersetzen und dem Feinde verderblich werden.

Nachdem sich die Männer durch Gebete und Sakrament zum Kampfe gerüstet, begann ein reges Treiben, das jedoch nie zum Getöse anwuchs. Die Schützen prüften Gewehre und Büchsen, andere schwangen streitlustig krumme Säbel, Piken, Äxte und seltsame Waffen, die längstvergangenen Zeiten angehörten. Der Adel hatte nämlich seine Rüstkammern geöffnet und Hellebarden, Lanzen, Ritterschwerter, Streitäxte und Morgensterne an die Bauern verteilt. Dennoch gab es viele, die keine andern Waffen trugen, als Heugabeln oder Stangen mit spitzigen Eisen. Wachsmuth, Bd. II. S. 147.

Diese ländliche Streitmacht war nicht ganz ohne Organisation. Die erste Schlachtreihe bildeten die Scharfschützen, eine ausgewählte Schaar, die fast nur aus Adeligen bestand. Zum Hauptmann hatten sie Paul von Valfort erkoren. Die Masse der übrigen gehorchte der Leitung des jugendlichen Helden Laroche. Das ganze zerfiel in Rotten, und jeder Haufe von hundert Mann hatte einen Rottenführer. Diese Gliederung sollte die Durchführung der Befehle des obersten Leiters ermöglichen, blieb jedoch, bei der eigentümlichen Kampfesweise der Vendee, ohne Bedeutung für die Erfolge der Gefechte.

Die Scharfschützen begaben sich nach der Stelle, wo Paul von Valfort seinen Standort unter einer Eiche genommen. Die Sorge der Führung und die Bestimmung, mit seiner Schaar den Kampf zu beginnen, hatten ihm nur flüchtige Teilnahme an den religiösen Vorbereitungen zum Streite gestattet. In rascher Folge erschienen vor ihm flinke Bursche mit Berichten über den Marsch des Feindes. Er hörte sie an und schickte die Späher weiter zu Laroche. Dann lehnte Paul am Stamme der Eiche und sah vor sich hin. Die Blutarbeit rückte näher und näher. Bekannt mit dem Naturell seiner Landsleute, deren gewöhnliche Sanftmut und Harmlosigkeit die Umstände in wilden Blutdurst verwandeln konnten, sah er ein schauerliches Gemetzel und Morden voraus. Er wußte, daß kein Baron und kein Bauer zur Flucht fähig sei. Alle waren entschlossen, zu siegen oder zu sterben. Hiezu kamen Hartnäckigkeit, Mut und Körperkraft seiner Kampfgenossen, Eigenschaften, die im Zusammenhalt mit einer stürmischen Begeisterung, ein grausiges Schlachtfeld in Aussicht stellten. So lastete die Betrachtung des Kommenden, von der lebhaften Fantasie des jungen Mannes in düsteren Farben ausgemalt, schwer auf seiner Seele. Aber das Bewußtsein, im Stande der Notwehr zu kämpfen und für das Höchste, für Glauben und Freiheit der geliebten Heimat, die Waffen gegen eine ebenso grausame, wie gottlose Regierung ergriffen zu haben, verwandelte die Empfindungen des Zagenden in mutige Entschlossenheit.

Die Orte des Gefechtes waren bereits verabredet und bestimmt worden. Sie waren klug gewählt, zum Nachteile des Feindes und zu Gunsten der dürftig bewaffneten Streiter der Vendee. Paul gedachte, persönlich am Kampfe Teil zu nehmen und eine möglichst große Anzahl Feinde zu erlegen. Seine Waffe war eine Doppelbüchse, in die von hinten die Patronen geschoben wurden und die mit großer Schnelligkeit konnte geladen werden, – eine zwar schwere aber mörderische Waffe in der Hand eines geübten Schützen. Ähnliche Hinterlader aus dem vorigen Jahrhundert befinden sich in der Altertümersammlung vor dem Karlstor in Heidelberg, – dies zur Belehrung jener Kritiker, die oft aus Unwissenheit im histor. Roman Verstöße finden.

Unter seinem Gewande trug Paul einen Schuppenpanzer von Stahl, der Rüstkammer des väterlichen Schlosses entnommen, ein festes Gewebe, das ihn schirmte gegen Gewehrkugeln. Mohrenblut klebte an der Rüstung, die seine Ahnen vor vielen hundert Jahren in den Kreuzzügen getragen. Auch für das Handgemenge war er bewehrt, durch einen wuchtigen Pallasch, den er sich um den Leib gegürtet.

Die Patronen für die Büchse trug Karl, ein blondhaariger Junge von sechszehn Jahren, in lederner Tasche um die Schultern. Er hatte dringend gebeten, den Bruder begleiten zu dürfen. Pauls Vater hingegen und dessen Bruder Heinrich hatten sich mit Überwindung den Vorstellungen des Paters Oheim gefügt und waren zuhause geblieben.

»Gehts bald los?« frug der herantretende Galibert.

»Sie marschieren am roten Kopf,« antwortete Paul. »Immer noch anderthalb Stunden von der Stelle, wo sie unsere Büchsen begrüßen. Die Offiziere tragen blauweißrote Schärpen, – merkt Euch dies, Freunde!«

»Wir schießen zuerst die Schärpen in Scherben,« sagte Garet, der es liebte, Späße zu machen. »Alles übrige schlagen wir dann zu Brei. Schaut St. Georg vom Himmel herunter, so sieht das ganze just aus, wie eine zerbrochene Schüssel mit Brei, womit uns die Pariser Kopfabhacker zu traktieren meinten.«

»Habt Ihrs schon gehört?« rief ein Schütze entrüstet. »Die Soldaten machen sich einen Jux daraus, alte Männer und Buben, die auf den Feldern arbeiten, tot zu schießen, als wären es Hasen.«

»Alle Späher berichten von dieser Unmenschlichkeit,« bestätigte Valfort.

»Die Schurken, – die Mordgesellen, – die Teufel!« klang es drohend im Kreise der Männer.

Ein Bursche lief heran.

»Sie steigen gerade das Joch herunter!« meldete er.

Paul zog seine Brieftasche hervor, schrieb einige Zeilen auf ein Papier und übergab es einem schnellfüßigen Jungen.

»Geschwind dem Baron Laroche!«

Valforts Adjutant flog zwischen den Stämmen dahin.

»Sag, Laurent, wie viel Soldaten mögens wohl sein?« frug Galibert den Späher.

»Viele, – man kann sie nicht zählen. Es ist eine lange – lange Prozession! Voraus kommen Reiter, – die hab ich gezählt, – zweihundertunddreißig sinds.«

»O weh!« klang es bedauernd durch die Schaar. »Wir sind vierhundert, – da hätte die eine Hälfte nur einen Schuß und die andere Hälfte gar keinen.«

»Dafür gibts Fußgänger die Menge,« sagte Laurent. »Schwarz dick trollts auf dem Wege fort. Es schreit und flucht und lacht und grunzt, alles durcheinander, wie 'ne Heerde Wildsäue.«

Die Schützen lachten.

»Ists wahr, haben sie keine Hosen an?« scherzte Garet.

»Doch, – aber stark zerrissene,« antwortete Laurent. »Manchen guckt das Hemd unter dem Rock heraus, und viele laufen barfuß. Betrunkene gibts auch darunter, die fechten mit den Händen in der Luft herum, werfen den Kopf zurück und schreien die Wolken an. Dann schnappt der Kopf wieder vorwärts, sie stolpern und fallen auf die Nase.«

»Ein hübsches Gesindel!« sagte Baron Martel, eine gedrungene Gestalt mit breiter Brust, starken Gliedern und scharfen Augen, ein echter Sohn der Vendee. »Wir verpuffen heute viel Pulver umsonst; denn mancher dieser Schufte ist keinen Schuß Pulver wert.«

Der lang gezogene Ton eines Hornes klang durch den Wald. Es entstand eine lebhafte Bewegung. Die Lagernden sprangen von der Erde empor, ergriffen die Waffen und eilten mit großer Schnelligkeit in westlicher Richtung davon. Diese Bewegung von Tausenden geschah in möglichster Stille. Man hörte keinen anderen Laut, als das Geräusch der Fußtritte im Laube. Nach wenigen Minuten war die Lagerstätte von Bewaffneten entblößt, – nur die Scharfschützen waren zurückgeblieben. Sie umstanden Valfort in weitem Ring, stattliche Männer, gewandte Söhne des Waldes, ausgezeichnete Schützen, deren Kugeln den laufenden Wolf oder den flüchtigen Eber selten fehlten. Die Barone und Jungherren waren großenteils mit Doppelbüchsen bewaffnet. Alle trugen lederne Taschen oder Beutel von Leinwand, in denen sich die Patronen befanden.

Valfort hatte die Kunde des letzten Spähers empfangen.

»Kampfgenossen!« sprach er mit kräftiger Stimme und blitzenden Augen. »Der Feind steigt eben in das Tal der sieben Höfe herab. Wir haben beschlossen, ihn am Felsberg zu erwarten. Wir kämpfen in ausgezeichneter Stellung. Seid kaltblütig im Streite.

Ruhiges Blut und scharfer Blick
Bestimmt des Waidmanns Glück!

Auch heute sind wir Waidmänner, – wir jagen Wölfe, Bestien, erfüllt von Haß und Blutdurst der Revolution gegen den Frieden, die Freiheit und Religion unserer lieben Heimat. Übersehet beim Streite nicht, gegen die Kugeln des Feindes durch Baumstämme und Felsstück gedeckt zu sein. Wir kämpfen in zwei Linien, eine über der anderen. Sollte der Feind in den Wald eindringen, dann zieht sich, wie besprochen, die erste Linie vorsichtig, stets aus gedeckten Stellungen feuernd, langsam nach der Höhe. Weitere Verhaltungsmaßregeln sind überflüssig. Ich vertraue Eurer Klugheit, Gewandtheit und Fertigkeit im Gebrauche der Büchse. Sobald mein Zeichen ertönt, haltet Euch schußfertig. Keine Kugel darf irren. Jede ist gegossen zur Abwehr gegen die Feinde unserer höchsten Güter. Geweiht sind unsere Waffen durch die erhabene Absicht, zu kämpfen wider den Antichrist, der im Nationalkonvent sich verkörpert niederließ, unseren heiligen Glauben zu vernichten, unsere Kirche niederzureißen, unsere Freiheit zu vertilgen. Gott wird mit uns sein. Wohlan, meine Freunde, zum Kampfe für Gott und Vaterland!«

Auf allen Gesichtern glühte Begeisterung und Kampfesmut. Aber kein stürmischer Beifall verkündete die Übereinstimmung mit dem Redner, damit nicht verräterisches Echo dem Feinde Kunde bringe. Fast geräuschlos zerbrach der Ring. Die Schützen erstiegen den Hügel, auf dessen Rücken sie in westlicher Richtung fortgingen bis zum Felsberg. Letzterer trug seinen Namen von zahllosen Felsstücken, welche die ganze Bergwand bedeckten. Wie ein Steinmeer lagen die mächtigen Blöcke. Da nur aus den Spalten und auf beschränkten Räumen Föhren wachsen konnten, so hatte der Wald einen sehr lichten Bestand. Allein die Föhrenstämme waren alt und von bedeutendem Umfang. Die Bergwand fiel jäh ab und machte, in Verbindung mit dem Gestein und Geklüft, ein Fortkommen sehr schwierig und nicht selten halsbrechend. Für die Schützen bestanden indessen keine Schwierigkeiten. Zuweilen sprangen sie von Block zu Block, wie Gemsen, und die Schläge ihrer stark vernagelten Schuhe klangen scharf durch den Forst. Gewandt stiegen sie zu Tal und zogen ihre Ketten mit so viel Sicherheit und Geschick, als seien sie geschulte Plänkler. Rasch waren die beiden Linien gebildet. Sie durchschnitten die ganze Breite der Bergwand, so daß die erste Linie etwa vierzig Schritte vom Saume des Waldes begann. Vom Wege betrachtet, der sich am Fuße des Felsberges hinzog, war kein Merkmal eines Hinterhaltes zu erspähen. Die Scharfschützen, den unwillkürlichen Eingebungen ihrer Waldesnatur folgend, hatten sich meisterhaft versteckt. Sie hockten und lagen hinter Felstrümmern, standen selten hinter Baumstämmen und hatten sich immer eine günstige Schußlinie auf den Weg gesichert.

Valfort hatte seinen Standort im Mittelpunkte der oberen Schützenlinie gewählt. Unter ihm lag eine Felswand von etwa dreißig Fuß Höhe. Den Gipfel der Wand krönte ein runder Steinblock, Uhuskopf genannt. Dieser Block, dessen Höhe bis zur Brust Valforts reichte, bildete eine vortreffliche Schutzwehr gegen die feindlichen Kugeln.

Der junge Mann unterwies seinen Bruder für den bevorstehenden Kampf.

»Hier stehst Du, mein Lieber! Wende Dich aber nicht zu weit rechts, damit keine Kugel Dich treffe. Du hast immer zwei Patronen auf der flachen Hand liegen, – siehst Du – so! Damit ich bequem und rasch die Patronen nehmen und in die Läufe schieben kann.«

Der Jüngling, dem noch die Kindesseele aus den klaren Augen schaute, nickte mit dem Haupte.

»Wenn aber die Patronen all' sind?« frug er.

»Sie werden nicht all', wir haben großen Vorrat, wenigstens für unsere kleine Aufgabe. – Halte Dich nur beständig hinter dem Stein, dicht an meiner Seite, – sei ja vorsichtig!«

»Sie sollen mich gewiß nicht treffen,« versicherte der Jüngling. »Wenn sie mich aber doch träfen,« fuhr er nach einer Pause fort, »wäre dies ein Schaden? Ich käme ja in den Himmel, zum lieben Gott und den herzlieben Engeln.«

Paul sah in das Gesicht des hochgewachsenen Knaben, dessen Augen, himmelwärts gerichtet, einen fast überirdischen Glanz der Sehnsucht ausstrahlten.

»Was redest Du, Karl? Das Sterben ist eine sehr ernste Sache.«

»Ich fürchte das Sterben nicht, mein Paul! Bin gut vorbereitet. Habe gebeichtet vorgestern und den Fronleichnam empfangen. O wie schön mag es bei dem lieben Jesus und den Engeln sein!«

Die Rede gefiel dem Gepanzerten nicht, klang sie doch wie Vorbedeutung.

»Man soll in jungen Jahren nicht den Tod herbeiwünschen,« sprach er strenge. »Man soll heranwachsen für die Pflichten des Lebens. Die heilige Schrift sagt: »Des Menschen Leben ist ein Kriegsdienst!« Werde also ein tapferer Ritter in der irdischen Heerschar Gottes.«

»Sei mir nicht böse, mein Paul!« sagte der Knabe, indem er sich an den Bruder schmiegte. »Handwerksburschen müssen in der Fremde wandern, weit weg von der trauten Heimat, damit sie lernen und tüchtige Bürger werden. Die Christen wandern in der Fremde auf Erden, wie Pater Oheim sagt, um sich das Bürgerrecht der himmlischen Heimat zu verdienen. Also muß ich noch in der Fremde bleiben; denn meine Sparkasse enthält für das himmlische Bürgerrecht kaum einige Franken. Vielleicht würde der liebe Heiland das Fehlende zulegen aus dem unendlichen Schatze seiner Verdienste.«

Paul hörte kaum die Rede. Er sah durch eine Lichtung der Bäume gegen Osten. Die Sehlinie ging auf einen Fleck rötlich schimmernden Weges in der Ferne. An jener Stelle betraten die erwarteten Feinde das Tal und mußten von dem Spähenden sogleich bemerkt werden.

Die Truppen des Konvents lagerten bei den sieben Höfen. Die Pferde gingen im jungen Grase der Matten, die Mannschaft folgte demselben Drange, zur Befriedigung natürlicher Bedürfnisse. Mit jener den Franzosen eigentümlichen Fertigkeit, zu biwakieren, hatten sich die Soldaten rasch zu einer flüchtigen Häuslichkeit auf den Fluren niedergelassen. In Pyramiden standen die Gewehre, behängt mit Patrontaschen und Säbeln. Die Republikaner lagen ermüdet am Boden. Die meisten waren junge Rekruten, schnell zusammengerafft und in den blauen Rock gesteckt, ohne Übung in den Waffen, dennoch aber tüchtig, wie man glaubte, die rebellischen Bauern der Vendee zu bewältigen. Die Uniformierung war dürftig. Alle trugen zwar den blauen Rock, der ihnen den Namen »Die Blauen« erwarb, aber die Beinkleider waren buntscheckig und vielfach in sehr abgängigem Zustande. Die Kopfbedeckung bildete ein Gemisch von Mützen, Hüten, oder auch nur von roten Tüchern, die man um den Kopf gewunden. Haltung und Verkehr trugen das Gepräge der herrschenden Geistesströmung. Roheit, Brutalität und Sittenverwilderung einer halb heidnisch gewordenen Zeit äußerten sich in Reden, Geberden und Handlungen. Der frechste Verlästerer jeglicher Autorität, der gemeinste Flucher und wildeste Geselle schien das meiste Ansehen zu genießen. Hierzu kam ein Schwarm schamloser Dirnen, die in Gestalt von Marketenderinnen die Truppen begleiteten, augenscheinlich aber Blutsverwandte der nackten Vernunftgöttin waren. Mit kleinen Fäßchen nahten sie den lagernden Gruppen. Sie verzapften Schnaps, von den Soldaten zum spärlichen Brote genossen; denn die Hungersnot, welche im republikanischen Frankreich wütete, geleitete auch die Armee.

Nach den sieben Höfen waren sieben Haufen Soldaten gestürmt. Sie hatten Küche und Keller und alle Räume geplündert, vergebens aber Federvieh und Wiederkäuer gesucht. Die Ställe waren leer. Besondere Anziehungskraft übten Gegenstände des religiösen Kultus. Die Heiligenbilder an den Wänden, die Kruzifixe, Weihwassernäpfe, selbst die geweihten Kräuter, in dicken Sträußen über den Öfen hängend, erregten die Wut der Patrioten. Alles wurde zerschlagen, zertrümmert, zerrissen. Das Zerstörungswerk begleiteten frivole Witze, im Geiste des Spötters Voltaire und anderer Philosophen.

General Santerre saß auf einem Feldstein, in Mitte des Lagers, umgeben von den höchsten Offizieren. Von kriegerischen Fähigkeiten hatte er noch keine Proben geliefert, wohl aber von Bürgertugenden, im Sinne der Schreckensherrschaft. Die Gewogenheit der Jakobiner und des Gemeinderates von Paris hatte den Bierbrauer zum Kommando befördert.

Santerre hielt ein Glas Rotwein in der Hand, mit dem er Fleisch und Brot hinabspülte. Diese Abweichung von der allgemeinen Gleichheit trug sofort dem General eine scharfe Rüge ein. Von der nächsten Gruppe erhob sich ein Pariser Freiwilliger, übermütig trat er in den Kreis der Offiziere.

»Bürgergeneral, was fällt Dir ein? Wir alle essen verschimmeltes Brot und trinken dazu Wasser oder einen Schnaps, der noch schlechter ist als Wasser. Du aber schwelgst vor unseren Augen wie ein König, – das heißt wie ein Tyrann. Du speisest Weißbrot und Fleisch und trinkst dazu Wein. Wo bleibt hier die Gleichheit? Weißt Du nicht, daß die Guillotinen Tag und Nacht arbeiten, um alle ungleichen Köpfe abzumähen?«

Dieser schreiende Verstoß gegen Subordination verletzte den General keineswegs.

»Bürgersoldat, Dein Vorwurf ist zwar berechtigt und löblich, weil er ein Beweis echter republikanischer Gesinnung ist,« entgegnete Santerre. »Dennoch irrst Du. Ich esse, was mir gereicht wurde. Deinen Schnaps und Dein schimmeliges Brot hätte ich mit demselben Gleichmut verzehrt, wie dieses Zeug hier. Wir kamen ja nicht nach der Vendee, um zu essen, sondern zum Kampfe gegen die Briganten und Feinde des Vaterlandes. Ich bin überzeugt, Du wirst mit Brot und Schnaps im Leibe ebenso tapfer streiten wie einer, der zufällig Fleisch gegessen und Wein getrunken hat.«

»Deine Rechtfertigung genügt mir, Bürgergeneral!« sagte der Soldat, wandte sich um und kehrte nach der Gruppe zurück.

»Wie gesagt, Bürgeroffiziere, – diese verdächtige Stille fängt an, meinen Argwohn zu wecken!« fuhr der General fort. »Vielleicht wird man plötzlich über uns herfallen. Was könnten Reiterei und Kanonen in diesen engen, bewaldeten Tälern nützen? Gar nichts! Wir stecken in einer Mausfalle.«

»Wie kommst Du auf so tolle Einfälle?« frug ein Hauptmann. »Eben hast Du noch gespottet über die Tölpel und feigen Dummköpfe der Vendee, – jetzt redest Du von Überfall?«

»Das ist wahr, Bürgerkapitän! Ich selber bin verwundert über einen Gedanken, der mir plötzlich angeflogen. Sollte der Gedanke eine Ahnung sein?«

»Sei kein altes Weib, Bürgergeneral!« sagte vorwurfsvoll ein anderer. »Ahnungen sind blödsinnige Überreste aus den Zeiten des Wahnglaubens. Es gibt keine Ahnungen.«

»Wir leben im Zeitalter der Vernunft, sogar im Reiche der Vernunftgöttin,« bestätigte der Kapitän.

»Legen wir kein Gewicht auf einen törichten Einfall,« versetzte lachend der General. »Wenn Ronsin und Rossignol mit uns gleichen Schritt halten, können wir uns in sechs Tagen mit ihnen im Marais vereinigen.«

»Dann mögen die Konventskommissäre in allen Gemeinden Revolutionsgerichte einsetzen, Guillotinen aufstellen und so lange die Köpfe fliegen lassen, bis die Luft rein ist,« sagte der Hauptmann.

»Man wird wohl die ganze Vendee köpfen müssen,« versetzte ein anderer.

Der General erhob sich und winkte den Tambouren. Die Trommeln schlugen zum Aufbruch. Viel schneller als diese unbotmäßige Soldateska erwarten ließ, hatte sich die vorige Marschordnung gebildet. Eine wilde Musik spielte die Marseillaise, noch wilder sangen die Soldaten, vorwärts getrieben durch die stürmische, glühend leidenschaftliche Melodie jenes furchtbaren Revolutionsliedes. Bald lagen die sieben Höfe weit zurück. Das Tal wurde enger und die Herrschaft des Waldes allgemein. Der Weg führte über einen Hügelrücken und dann hinab in ein Tal, dessen Sohle fortlaufende Wiesenstreifen bedeckten. Die Reiter kamen an den Felsberg. Dicht hinter ihnen marschierte das Fußvolk, lärmend, pfeifend, johlend, in schreiender Unterhaltung. Manches Auge betrachtete verwundert die Felstrümmer und manche Hand wies nach ihnen. Was sie verbargen, erspähte kein Blick.

Die Reiter und ein großer Teil der Infanterie marschierten bereits vor der Schußlinie der lauernden Scharfschützen. Diese hielten die Büchsen fertig und harrten des Zeichens.

Valfort spähte von der Felswand zu Tal, zwischen Daumen und Zeigefinger eine hölzerne Pfeife. Scharf lugte und lauschte er gegen Westen. Da Baumstämme die Fernsicht nach jener Richtung verschlossen, so horchte er auf den Hufschlag der Pferde, um die Fortbewegung ermessen zu können. Er setzte die Pfeife an den Mund. Ein gedehnter, durchdringender Laut, wie der Schrei eines Falken, gellte durch den Wald. Auch die Soldaten vernahmen das eigentümliche Pfeifen. Manche sahen zur steilen Bergwand empor. Da zuckte aus dem Gestein ein Strahl, zwei Feuerlinien blitzten an der Bergwand hin und das Krachen von vierhundert Büchsen erschütterte die Luft.

Die Wirkungen des Scharfschützenfeuers waren schrecklich. Kein Reiter saß mehr im Sattel. Viele Pferde wurden scheu und rannten auf dem Wege dahin. Andere stürzten in wilder Flucht auf die Infanterie oder hinab auf die Wiesen. In manchem Bügel hing am Fuße der Reiter und wurde von dem dahinrasenden Tiere über Steine geschleppt. Auch die Verluste des Fußvolkes, soweit dasselbe vor der Schußlinie marschierte, waren groß. Von dem plötzlichen Anfall betäubt, standen die Soldaten augenblicklich festgewurzelt und sahen nach der feuerspeienden Bergwand. Nach flüchtiger Pause begann das Blitzen und Krachen von neuem. Mörderisch schlugen die Kugeln in die Kolonne. Leiche auf Leiche sank in den Sand des Weges. Ein Aufschrei des Entsetzens und die Blauen stürmten zurück, aus dem Bereiche des tödlichen Berges.

General Santerre war in großer Not. Er wußte nicht Mittel und Wege, an dem verhängnisvollen Berge vorbeizukommen.

»Meine Ahnung, – o meine Ahnung!« rief er.

Ein ergrauter Offizier, welcher in den Befreiungskriegen Amerikas Erfahrungen sich gesammelt, nahte dem verwirrten, ratlosen Bierbrauer und General Santerre.

»Bürgergeneral, hier gilt es rasche Entschlossenheit! Das sind die Scharfschützen der Vendee und diese verstehen keinen Spaß.«

»Das sehe ich, Major! Was ist zu tun?«

»Wir müssen die Schufte aus ihren Löchern heraustreiben und niederschießen. Bevor dies geschehen, darf die Kolonne keinen Schritt weiter marschieren.«

»Dein Plan ist klug, Major! Welches Bataillon wird aber dieses gefährliche Unternehmen ausführen wollen?«

»Das meinige!« antwortete stolz der Graubart. »Meine Pariser Freiwilligen brennen vor Verlangen, ihre Bravour zu zeigen.«

»Du hast freie Hand, Major! Ich vertraue Deiner Tapferkeit. Öffne uns den Vormarsch.«

Der Major eilte zurück zu seinem Bataillon, etwa fünfhundert Mann.

»Kinder des Vaterlandes!« rief er die Freiwilligen an. »Einige Haufen Briganten haben sich dort zwischen den Steinen versteckt. Sie feuern als echte Feiglinge aus dem Hinterhalte und glauben, durch ein so täppisches Manöver unseren Marsch aufhalten zu können. Euch, tapfere Kinder von Paris, gebührt die Ehre, unsere gefallenen Brüder zu rächen und der Kolonne freien Durchmarsch zu erkämpfen. Wohlan, ich werde Euch führen! Freiwillige von Paris, zeiget Euch würdig des Ruhmes, Söhne der einen, unteilbaren Republik zu sein!«

»Es lebe die Republik! Tod den Briganten!« riefen stürmisch die leicht entzündbaren Kinder des Vaterlandes.

Das Bataillon rückte vor in der tollkühnen Absicht, den Felsberg kurzweg zu erstürmen. Das bekannte Ungestüm republikanischer Truppen hatte zwar auf freiem Felde glänzende Erfolge, es erfocht überraschende Siege über Preußen, Österreicher und Italiener. Aber die steile Bergwand, die Felstrümmer, die gewandten Scharfschützen, machten ungestümes Vordringen fast unmöglich und höchst zweifelhaft in seinen Erfolgen. Die Wucht des Massenandranges konnte hier keine Linie durchbrechen, – der Berg stand unerschüttert, die Felsblöcke blieben trotzig liegen, die Föhrenstämme spotteten der Stürmenden, und die gewandten Schützen machten von den Vorteilen ihrer unangreifbaren Stellung den besten Gebrauch.

Kaum berührte das Bataillon die Schußlinie, als die Büchsen knallten und die Pariser zusammenstürzten. Dem Major wurde die farbige Schärpe verderblich; er fiel unter den Ersten. Dieser Empfang hemmte indessen keineswegs den Anlauf des Bataillons.

»Tod den Briganten! Hoch die Republik!« riefen die Freiwilligen und stürmten vorwärts.

Ohne Zweifel hätte die wilde Begeisterung der heißblütigen Pariser einen Feind geworfen, der ihnen an Zahl überlegen war. Als sie jedoch in den Bergwald einbrachen, gewahrten sie wohl Baumstämme und ein Meer von Felsblöcken, aber keinen Feind. Um die Steine blitzte es, die Büchsen krachten unablässig, die Kugeln sausten, die Pariser fielen in Menge. Über die Toten stürmten mit Todesverachtung die Lebenden, von Grimm und Blutdurst getrieben. Dann machte die Steile und das zerklüftete Gestein den Anlauf unmöglich. Die Büchsen knallten ununterbrochen, mit furchtbarer Sicherheit die Feinde niederwerfend. Das siedende Blut der Pariser kühlte sich ab, die Umstände zwangen zur Besinnung. Hinter Stämmen suchten die Freiwilligen Deckung gegen die mörderischen Geschosse. Wie Nebel stand der Pulverdampf in der Windstille unter den Bäumen. Zuweilen gewahrten sie flüchtig eine aufwärtsstrebende Gestalt, die Gewehre entluden sich nach derselben, jedoch ohne Erfolg. Die Kugeln rissen Splitter von den Föhren oder schlugen in das Gestein. Desto unfehlbarer trafen die Büchsen. Wo ein blauer Fleck sichtbar wurde, durchbohrte ihn die Kugel eines Scharfschützen.

Dennoch hatte der Anlauf des schrecklich gelichteten Bataillons einen Erfolg. Die beiden Schützenlinien waren zurückgeworfen. Immer höher stieg das Gefecht. Dem Feinde war der Ausblick zu Tal entzogen, der Vormarsch gefahrlos geworden.

Santerre schickte dem fast aufgeriebenen Bataillon zweihundert altgediente Soldaten zur Unterstützung. Dann führte er die Kolonne weiter, im Laufschritte am Felsberge vorbei, über Leichen und Schwerverwundete, die im Wege lagen.

Das Gewehrfeuer begann seine Heftigkeit zu verlieren. Die Republikaner begnügten sich, dem Feinde jede Belästigung der marschierenden Kolonne unmöglich zu machen. Den Schützen mochten die Patronen zur Neige gehen. Sie schossen seltener und zogen sich immer mehr zur Höhe.

Den Baron Martel verdroß der Rückzug. Er wollte die grausige Jagd nicht aufgeben, bis der letzte Blaue erlegt sei. Er allein hielt einen sehr weit vorgeschobenen Posten. Hinter einer aufwärts stehenden Felsplatte lag er mit seiner Doppelbüchse auf der Lauer, spähte links und rechts nach Zielen für seine Schützenkunst. Den Republikanern war die Felsplatte längst ein Stein des Anstoßes. Als die Briganten immer höher stiegen und die Gefahr des Nahens sich minderte, unternahmen drei Freiwillige, die Platte zu säubern. Hinter Baumstämmen, die in gerader Linie mit der Felsplatte liefen, krochen sie zwischen dem Gestein vorwärts. Dem Baron war es unmöglich, die heranschleichende Gefahr zu entdecken. Da rief eine Stimme über ihm: »Martel, – Achtung!« In demselben Augenblick erhoben sich die Blauen und stürzten heran mit der Absicht, den Feind zu durchbohren. Allein der Baron hatte sich gleichfalls erhoben, und zwar im Anschlag. Zwei Schüsse krachten rasch hintereinander. Zwei Blaue taumelten zurück und fielen zwischen das Gestein. Dem Stoße des dritten wich Martel gewandt aus. Die Wucht des Bajonnettstoßes riß den Soldaten von dem unsicheren Standpunkte, er rutschte und fiel. Der grimme Baron kehrte die Büchse um und zerschmetterte mit dem Kolben den Schädel des Republikaners. Dies alles war das Werk einer Sekunde. Der nächste Augenblick entführte den kühnen Baron. In mächtigen Sätzen sprang er über die Blöcke. Hinter ihm krachten Schüsse. Martel tauchte spurlos hinter Felstrümmern unter.

Valfort war es gewesen, der Martel gewarnt hatte. Etwa fünfzig Schritte über dem Baron stehend konnte er die herankriechenden Feinde erspähen, nachdem er gerade zwei tollkühn vorrückende Blaue niedergestreckt. Noch leuchtete sein Angesicht von Bewunderung über Martels Tat. Da erstarrten seine Züge und sein Mund stieß einen jähen Schrei aus. Eine jener Kugeln, die auf Martel abgeschossen worden, hatte Karls Brust durchbohrt. Lautlos sank der Jüngling. Paul beugte sich über ihn, jählings verwandelt aus einem blutdürstigen Jäger der Blauen in den bestürzten, von Schmerz betäubten Bruder.

Der Knabe drückte die flache Hand auf die Brust und sah aus weit offenen Augen in das bleiche Angesicht Pauls.

»O mein Karl, – Du mein liebes Kind!« bebte es über Valforts Lippen.

»Tröste die Mutter,« entgegnete matt der Verwundete. »Ich sterbe für den Glauben, – Heil mir!«

Sein Blick suchte den Himmel, dessen Bläue ihm winkte.

»Mein Jesus, Dir lebte ich, – Dir sterbe ich, – Dein bin ich ewig!«

Valfort preßte seinen Schmerz nieder, aber seine Tränen flossen auf des Sterbenden Angesicht. Er fühlte einen sanften Druck der Hand, noch ein Blick des Scheidens aus den brechenden Augen, und Karl war tot.

Er küßte die Wangen des Knaben, der vor ihm lag wie eine gepflückte Rosenknospe.

»Steige empor, Du reine Seele, – steige empor!« rief er.

Um ihn krachten Schüsse. Er sprang auf. Eine jähe Röte schoß in sein Gesicht, in seinen Augen brannte Racheglut. Er schob Patronen in die Läufe und schwang sich auf den Felsen, der ihn gegen die Geschosse decken sollte. Wie ein blutdürstiger Aar, dem man das Junge getötet, spähte er um die Bergwand, ob nicht seine Bloßstellung einen Feind hervorlocke. Ein Gewehrlauf und ein Kopf wurden hinter einem Föhrenstamm sichtbar. Valforts Büchse krachte und der Blaue stürzte zusammen, bevor er den Feind sicher mit dem Visier fassen konnte.

Noch schwebte wie ein zerrissener Schleier der Dampf aus Valforts Büchse zwischen den Föhren, als er zum zweitenmale sich auf den Felsen schwang. Aber kein Feind hatte Lust, die Scheibe für Kernschüsse zu bilden. Nur augenblicklich sichtbare Köpfe sah der Spähende hinter den Stämmen auftauchen und rasch verschwinden.

Aus dem Geklüft zur Seite drang eine gehaltene Stimme.

»Herr Baron, decken Sie sich!«

Paul sprang herab und winkte hinüber. Es bewegte sich im Gestein. Vorsichtig kroch ein Mann heran, – Galibert. Valfort deutete schweigend auf die Leiche des Bruders.

»Jesus – Maria, – der Jungherr Karl! Das unschuldige Blut!«

Paul biß die Lippen zusammen, seine Augen füllten sich mit Tränen, aber die Tränen verbrannten in der Glut seiner Blicke.

»Seien Sie getrost, Herr Baron, – das unschuldige Blut ist gerächt! Wie Tannenzapfen, welche der Sturm von den Bäumen geschüttelt, liegen die Blauen zwischen den Trümmern.«

»Galibert, bringen Sie diese verlassene Hülle eines Genossen der Engel in Sicherheit!« bat Paul. »Die gebrochene Blume sollen nicht die Hände des Pariser Unflates beschmutzen.«

»Was denken Sie, Gnädiger? Das Schlachtfeld ist unser. Da herauf steigt keiner mehr. Und jeden Augenblick kanns da drüben losgehen.«

Vom Tale schmetterte eine Trompete. Sie rief die Blauen zurück. Nicht viele folgten dem Rufe, indem sie vorsichtig von Baum zu Baum, von Block zu Block hinabkrochen. Die übrigen bedeckten tot die Wahlstatt. Selten krachte noch eine Büchse, zum Schlusse ein Opfer zu fordern. Die Jäger der Vendee hatten ihre Munition verschossen.

Wieder gellte Valforts Pfeife durch den Wald. Im Gestein der Bergwand wurde es lebendig. Schweigende Gestalten, wie aus den Gräbern hervorgerufen, stiegen zum Gipfel des Felsberges hinan. Dort schaarten sie sich um den Führer, – vollzählig, nur wenige hatten Streifschüsse. Aber kein Siegeslärm unterbrach die Waldesstille. Der Feind hatte schwere Verluste erlitten, überwunden war er nicht. Die Schützen standen erwartungsvoll und lauschten gegen Westen.

Mit Zurücklassung der Toten und Schwerverwundeten waren die Blauen im Schnellschritt vorwärts gezogen. Das enge Tal hatte sich geweitet. Die einschließenden Hügel waren von jungen Buchen bestanden. Immer ferner und seltener knallten die Schüsse am Felsberg. Die Füße der Marschierenden stampften den Sand des Weges und die Tritte der Tausende wiederhallten dumpf an den Hügelketten. Das frühere Johlen, Lärmen und Fluchen war vollständig verklungen. Manches Herz pochte ahnungsschwer an die Rippen. Man fürchtete, die Schützen am Felsberg seien nur ein Vorposten der feindlichen Hauptmacht gewesen. Ängstliche Blicke versuchten, das unheimliche Waldesdickicht zu durchdringen. Wo eine dürftige Lichtung dies gestattete, glaubte man, auf dämmerigem Hintergrunde dunkle Gestalten zu gewahren. Der ganze Wald schien besetzt mit schwarzen, unbeweglichen Schatten. Vielleicht war dies nur ein Spiel der aufgeregten Fantasie. Dem General und Bierbrauer Santerre kam wenigstens nicht in den Sinn, durch vorgeschobene Plänkler den Wald durchstreifen zu lassen. Man beachtete die Schatten nicht weiter und beschleunigte die Schritte.

Das plötzliche Dröhnen eines Hornes hallte wie Schlachtruf zu Tal. Noch waren die Horntöne nicht verklungen, als ein furchtbares Geschrei die Luft erschütterte. Viele tausend Männerstimmen gellten zusammen. Wie Donner rollte das Gebrause um die Hügel, anschwellend, zusammenströmend in einen einzigen Ausdruck der Schlachtgier und des Grimmes. Mit einem Schlage hielt die Kolonne, so überwältigend wirkte selbst auf die Mutigsten das wutschnaubende Stimmengetöse. Entsetzen malte sich auf allen Gesichtern und bebende Angst vor dem Kommenden. Wie im Banne des Außerordentlichen standen die Blauen, kein Glied zur Abwehr der unsichtbaren Feindesmenge rührte sich. Selbst später, als die Einleitung zur Schlacht, von Seite der Vendeer, durch wildes Geschrei bekannt war, brachte dasselbe regelmäßig auf die Soldaten Eindrücke des Zagens und Schreckens hervor.

Das Schlachtgeschrei verwandelte sich in ein Niederstürmen, in ein Brechen und Krachen der Zweige. Die jungen Buchen schüttelten heftig ihre Kronen, das Buschwerk rauschte, und hervor stürzte eine kampfglühende Masse. Von beiden Seiten angegriffen, geriet die Kolonne zwischen zwei ungestüm anrasende Schlachtreihen. Die starken Männer der Vendee schwangen Äxte, Beile, Hellebarden, Morgensterne, wuchtige Prügel, und zwar mit einer Wut, die alles niederwarf und zermalmte. Wie Fruchtkörner zwischen Mühlsteinen gerieben werden, so wurden die Republikaner zerrieben von der Gewalt des Andranges. Ein grausiges Gemetzel, Niederhauen und Zusammenstechen begann. Eingekeilt zwischen zwei Massen, die von beiden Seiten mit unwiderstehlicher Macht zusammenstrebten, waren die Blauen im freien Gebrauche der Waffen gehemmt. Anfänglich krachten Gewehrschüsse, dann verstummten sie. Zum Laden der Flinten war weder Zeit noch Raum. Jene, die beim Anstürmen des Feindes nicht geschossen, fanden keinen Augenblick, die Waffen anzulegen, so wild tobte das Gedränge. Dennoch wehrten sich die Blauen nach Kräften, sie fochten mit Erbitterung wie Verzweifelte. Das Wutgeschrei der Kämpfenden, das Getöse der Waffenschläge, das Geheul der Fallenden, zerriß die Luft. Starr vor Entsetzen schaute der frühlingsheitere Wald auf das gräßliche Würgen der Menschen. In Strömen floß das Blut über die Wiesen, von den Tritten der Rasenden zu einem blutigen Sumpfe gestampft.

Hätte Laroche seine Streitmassen weniger dicht, und für eine längere Strecke berechnet, zum Angriffe geführt, Santerres Kolonne würde vollständig aufgerieben worden sein. Nun aber fand jener Teil des Zuges, der nicht in den Kampf verwickelt war, Zeit zur Flucht. Die Waffen von sich werfend, Kanonen und Munitionswagen im Stiche lassend, liefen die Blauen davon, – unter ihnen der General und Bierbrauer Santerre.

Gleiches Geschick traf jene Heeresabteilungen, die unter Rosins und Rossignols Führung in das Waldland des Bocage eingedrungen waren. Sie wurden von Catelinaus und Stoflets Streithaufen zersprengt und vernichtet.

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