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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 20
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Pater Oheim.

Paul stieg die Wendeltreppe des südlichen Schloßturmes empor. Er stieg bis zum höchsten Stockwerk, unmittelbar unter der Zinne. Er klopfte sacht an eine Türe und betrat ein großes Zimmer, von ganz erstaunlicher Einfachheit. Wände und Decke waren mit Kalktünche angestrichen, ohne jeglichen Schmuck. Der Kalktünche entsprachen plumpe Tische und Stühle. Das Büchergestell, von blankem Tannenholz, enthielt Folianten in Schweinsleder bis herab zum anspruchslosen Taschenformat. Von Gemälden, Zierraten, Bequemlichkeiten keine Spur, wenn man nicht zu letzteren einen Armsessel mit hoher Rücklehne, aber ohne Polster, rechnen will. Dagegen herrscht tadellose Reinlichkeit und ein Ordnungssinn, der an Empfindlichkeit grenzt. Alles hatte seinen bestimmten Platz. Kein Buch lag ordnungswidrig umher, jeder Stuhl behauptete regelrecht seine angewiesene Stelle, sogar die Zeitungen, welche den Tisch bedeckten, waren gleichmäßig gefaltet und übereinander geschichtet. Durch die geöffneten Fenster strömte erquickend die Waldesluft der nahen Höhen, und das hereinfallende Sonnenlicht erschien reiner und glänzender in dem hoch gelegenen blanken Raum. Ein Geist des Friedens atmete in dem Gelaß, versinnbildet durch einige weiße Tauben, die auf den Fensterbänken saßen.

Durch eine Türe sah man in ein Seitengemach, das ein dürftiges Bett enthielt, mehrere Heiligenbilder und einen Kruzifixus über dem Betstuhl, von dem sich beim Klopfen Pauls eine hohe Greisengestalt erhob. Den Mann kleidete ein schwarzer, sehr reinlich gehaltener Talar. Sein kahles Haupt bedeckte ein Käppchen von schwarzem Sammt, unter dem weißes Haar spärlich hervortrat. Das hagere Gesicht verkündete aszetische Strenge, gemildert durch einen sinnigen Zug kontemplativen Lebens und sanfter Milde. Obwohl steinalt, hielt er sich ungebrochen aufrecht und zwei klare Augen belebten das Greisenantlitz. Dieser Mann war Clement von Valfort, der Oheim des Schloßherrn, mithin Pauls Großoheim. Vormals ein hervorragendes Glied der Gesellschaft Jesu, lebte er, seit Aufhebung des Jesuitenordens zu Valfort in strenger Abgeschiedenheit. Selten erschien er öffentlich, mied sogar bei Anwesenheit von Gästen den Familienkreis. Täglich stieg er früh morgens von der Turmzinne herab in die Schloßkapelle, wo er Messe las, und hiebei vom Schloßherrn oder dessen Söhnen bedient wurde. Die Abgeschiedenheit hinderte ihn jedoch keineswegs, die geistigen und politischen Bewegungen in Frankreich und Europa zu beobachten. Nichts von Bedeutung entging ihm, und ein bewunderungswürdiger Scharfblick befähigte Clement, kommende Ereignisse vorher zu sagen, die er als Keime in Erscheinungen der Gegenwart fand. Diese Eigenschaft erhöhte noch die grenzenlose Hochachtung und Verehrung, welche die Familie Valfort für Tugenden und Ehrwürdigkeit des Paters Oheim erfüllte.

Den Söhnen seines Neffen war er Lehrer und Erzieher gewesen, ein Amt, wozu ihn vielseitiges Wissen und die berühmte Erziehungskunst der Jesuiten in hohem Grade befähigten.

Obwohl eine bewegte und einflußreiche Vergangenheit hinter ihm lag, sprach er doch selten und sehr knapp über seinen Lebenslauf. Nur zufällige Bemerkungen konnten schließen lassen, daß er mit den höchsten Ständen, sogar mit Herrscherhäusern Europas, in nahen Beziehungen gestanden. Wie ein Geheimnis wandelte er unter den Seinen, das namentlich für Pauls Wissensdrang sehr viel Reiz enthielt, den Schleier zu lüften. Aber Achtung und Ehrerbietung gestatteten ihm niemals, durch eine Frage zu belästigen. Dagegen öffnete er dem Pater Oheim vertrauensvoll die geheimsten Falten seines Herzens. Auch sein Verhältnis zu Isabella, nebst allen Vorgängen, hatte er dem Greise mitgeteilt. Jetzt meldete er Davids Ankunft, gab ihm den Brief zu lesen und zeigte den Schmuck.

»Ein warmes, liebevolles Schreiben, – ebenso entfernt von überschwänglicher Schwärmerei, wie von kühler Empfindung,« sagte Clement. »Für uns eine Ursache großer Freude und des Dankes gegen Gott, ist der Vorsatz der jugendlichen Gräfin, auch in Coblenz »an ihrer Christianisierung zu arbeiten,« – wie sich das Fräulein ausdrückt. Der Brief atmet wirklich Begeisterung für christliche Ideen, – ein Beweis von der Fähigkeit der Gräfin, Hohes zu verstehen und zu bewundern. Sie empfiehlt sich in Dein Gebet und »findet Trost und Beruhigung in dem Glauben an einen allgütigen Vater, dessen Ohren merken auf das Flehen seiner Kinder, dessen Allmacht in allen Nöten zu helfen vermag und dessen Weisheit die Geschicke Aller zum Heile lenkt, die ihm vertrauen.« Das ist gut gesagt! Möge der Herr stets ihr nahe sein und diese arme Seele retten und schirmen in den Gefahren der Gegenwart! – – Wie glücklich Du bist, mein Sohn!« schloß er lächelnd. »Du gingst nach Rovere, einen Wald zu kaufen, und wurdest einem bevorzugten Wesen Führer aus der Finsternis zum Lichte.«

»Mein Verdienst dabei war nicht groß, Pater Oheim! Der Umgang mit Isabella kostete mich keine Überwindung und ihre Leitung zum Besseren keine Mühe!«

»Ein kostbares und sinnreiches Andenken, – offenbar ein sehr altes Familienkleinod,« fuhr Clement fort, das Geschmeide betrachtend. »Die kirchliche Authentik zu den Reliquien fehlt zwar, – vielleicht sind dieselben unecht. Nun, wenn das Anschauen der Partikel Dich erinnert, an die Glaubenstreue der heiligen Märtyrer und Dich mahnt, ihre Tugenden nachzuahmen, so würde dieses echte Verfahren den möglichen Mangel ersetzen. Dazu ist das ganze eine Perle mittelalterlicher Kunst und von sehr hohem Werte. Möge das Andenken Dich stets antreiben, die Geberin zu empfehlen in Gottes Hut.«

»Dazu bedarf es keiner äußeren Mahnung, Pater Oheim! Sie glauben nicht, welche Peinen mir die Kunde von der Seele genommen, Isabella sei in Sicherheit und dem Schrecklichsten entronnen.«

Der Greis fand in Geberden und Mienenspiel seines Neffen eine fast leidenschaftliche Erregung.

»Mein lieber Paul, vergiß nicht das Wesen der Leidenschaften!« sprach er väterlich. »Jede Leidenschaft gleicht einem Orkan, der unser Schifflein an tückisch lauernde Felsriffe zu schleudern droht. Habe immer Deine Hand am Steuer. Deinen Lebenskahn lenke immer nach der Richtung der Gebote Gottes. Dabei hebe Deine Augen zu den Gestirnen des Himmels, nämlich zu den leuchtenden Vorbildern der Heiligen, und Du wirst einlaufen in den Hafen ewiger Ruhe und Seligkeit.«

Paul senkte den Blick. Was Pater Oheim nicht sagte, empfand er desto lebhafter, nämlich die Steigerung einer zarten Neigung bis zu fast unerlaubter Leidenschaftlichkeit.

»Gräfin Isabella irrt wohl in der Annahme baldiger Rückkehr nach Frankreich,« fuhr Clement fort. »Die revolutionäre Bewegung hat erst begonnen. Sie wird noch furchtbare Stürme über ganz Europa bringen. Die Entwicklung der Dinge mag sich grausig gestalten, entsprechend dem allgemeinen Verderbnis.«

»Welche Bahnen wird die Revolution durchlaufen, Pater Oheim?« frug Paul mit einer Zuversicht, die Zeugnis gab von seinem Glauben an den Seherblick des Greises.

»Nach menschlichem Ermessen wird sie jene Gebiete berühren, welche die vorausgegangene stille Revolution dem Zerfall überliefert hat. Du kennst die Geschichte Frankreichs. In manchen Beziehungen war das absolute Königtum der erste Revolutionär durch seinen Abfall von der Moral, von der Gerechtigkeit und von Gott. Der zweite Revolutionär war ein großer Teil von Adel und Klerus, durch Nachahmung königlicher Vorbilder in Glaubenslosigkeit, falscher Aufklärung und Sittenlosigkeit, mithin durch Empörung gegen die Grundlehren des Christentums. Da jedoch Christus die Welt überwunden hat, so gestattet er dem Weltgeiste keine bleibende Herrschaft. Was nicht aus Gott ist, wirkt zersetzend, trügerisch, verderblich. Darum erhob sich, als rächende, strafende Rute, in Gestalt des dritten Revolutionärs der Bürgerstand, verkörpert in der gegenwärtigen Nationalversammlung. Hätte die Konstitution des vorigen Jahres nur aufgeräumt mit verrotteten Zuständen, hätte sie im Geiste des Christentums die Gesellschaft neu aufgebaut, die Revolution wäre ein heilsamer, reinigender Sturm gewesen. Weil jedoch der Bürgerstand nicht gesund, sondern angefressen war von der sozialen Fäulnis, weil auch er sich von Gott und seiner Kirche abgewandt, darum konnte die Konstitution keine lebenspendende Geburt sein. Das Leben für die Nationen liegt nur in Gott und seiner Kirche, aber nicht in der Feindschaft zu beiden. Darum enthält die dritte Revolution, durch Verleugnung christlicher Prinzipien, durch schwere Verstöße gegen Religion und kirchliche Ordnung, den Keim zur vierten und schrecklichsten. Was von Bosheit, Haß, Neid, Mordlust, Raubgier in der Tiefe schlummert, wird sich erheben und in Strömen von Blut, in einem Meere von Flammen, Elend und Jammer alles Bestehende verschlingen. Frankreich wird eine Stätte chaotischer Schrecken sein, eine Beute jener schauerlichen Kräfte, die es seit vielen Jahren erzeugte durch Unglauben, falsche Philosophie und Abfall von Gott.«

Der Greis hatte so ruhig und sicher gesprochen, wie ein Mathematiker, der rechnet mit unfehlbaren Ziffern der Weltgeschichte.

»Das sind trübe Aussichten, Pater Oheim!«

»Gewiß, mein Sohn! In Gottes strafender Hand mag die Revolution zum glühenden Eisen werden, die Fäulnis hinwegzubrennen vom gesellschaftlichen Körper. Du hast von Todkrankheit und Bosheit der Gegenwart und nahen Vergangenheit keine Vorstellung.«

Clement schwieg, seine milden Züge wurden strenge und strafend die klaren Geistesaugen.

»Haben sie nicht Gottes Gerechtigkeit herausgefordert durch himmelschreiende Untaten?« fuhr er fort. »Haben sie nicht des Herrn gespottet? Nicht seine Braut geknechtet und geschändet? Fort und fort häuften sie Frevel, als gebe es keinen Gott, der gedroht hat: »Gleich dem Blitze werde ich schärfen mein Schwert und Recht wird sich verschaffen meine Hand. Ich werde Rache zahlen meinen Feinden und vergelten denen, welche mich gehaßt.« Deuteron XXXII. 41. – Eitle Worte spricht Gott nicht, was er angedroht, erfüllt er.«

»Vergeltung übt erschöpfend die Ewigkeit,« sagte Paul.

»Für den einzelnen reift die Frucht der Aussaat allerdings im Jenseits,« erwiderte Clement. »Weil aber die Ewigkeit Nationen nicht kennt, darum müssen Nationen hienieden ernten, was sie gesäet.«

»Und die Kirche, Pater Oheim?«

»Wird rein gewaschen, wie ein beschmutzter Fels durch Meeresbrandung. Was Menschen der Kirche gaben, können und mögen sie ihr nehmen, weil dies selten der Kirche zum Schmuck und noch seltener zum Nutzen gereichte. Was aber göttlich ist an der Kirche, nämlich ihr Wesen und Beruf, wird keine Macht der Welt zerstören können.«

»In der Vendee findet die revolutionäre Bewegung niemals Anklang,« sagte Paul. »Unser Volksleben ist kerngesund, es strebt im Geiste religiösen Glaubens und in den Schranken christlicher Gesittung. Wir sind frei von jener sozialen Auflösung, die eine Folge moderner Aufklärung ist.«

»Dennoch wird die Revolution nicht Halt machen an den Grenzen der Vendee, mein Sohn! Im Gegenteil, die wilde Sturmflut wird gerade jene zu verschlingen trachten, die sich ihrem zerstörenden Wirbel entgegenstemmen. Die Vendee wird dulden und bluten für Recht und Wahrheit. Ihre Söhne werden mit dem Lorbeer des Martyriums die Erde verlassen und jene glorreichen Scharen des Himmels bereichern, welche für das Höchste starben. So ist es immer gewesen. Sühne vor Gottes zermalmender Gerechtigkeit waren niemals die Söhne der Finsternis, sondern die Kinder des Lichtes. Blicke in die Weltgeschichte, – betrachte die Martyrerakten!«

Er hielt inne und sann. Wie Schatten trüber Erinnerung legte es sich über das Greisenantlitz.

»Das Martyrium in der Kirche besteht fort, weil die Frevel in der Welt nicht aufhören,« begann Pater Clement wieder. »Ging nicht auch mein schuldloser Orden, von seinem hochbegnadeten Stifter dem heiligen Kriegsdienste geweiht, dieselbe Bahn? Unter die ärgsten Missetäter wurden die Jesuiten gezählt, – zertreten, gemordet. Dem Elende und dem Hungertode preisgegeben wurden fünfundzwanzigtausend Männer, deren einzige Schuld darin bestand, unter dem Kreuzesbanner die Welt zu bekämpfen mit den Waffen der Wahrheit. Und ich Armseliger war berufen, die Furien der Tiefe gegen meinen Orden zu reizen!«

Er legte die Hand an die Stirne und gedachte vergangener Zeiten.

Die letzte Bemerkung spannte Pauls Neugierde im höchsten Grade. Dennoch wagte er keine unbescheidene Frage. Demzufolge versuchte er, durch Umwege seinen Wissensdrang zu befriedigen.

»Ich glaubte, Pater Oheim, die Verfolgung der Gesellschaft Jesu habe in Portugal begonnen?«

»Scheinbar! Höre die Wahrheit, damit sie Deinem Leben nütze durch richtige Beurteilung einer vielbesprochenen und vielbeschriebenen Tatsache. – – Von den Jahren 1740 bis 1752 war ich Provinzial unseres Ordens in Paris. Damals beherrschte den König in Frankreich ein sittenloses Weib, die jugendliche Gattin des Steuerpächters Etioles. Jenes Weib verließ ihren Mann. Der König erhob die Elende zur Marquise von Pompadour. Infolge ihres ehebrecherischen Verhältnisses war sie von den heiligen Sakramenten ausgeschlossen. Sie empfand die Ahndung ihrer Unsittlichkeit als eine Demütigung und versuchte, derselben zu entgehen, nicht durch Lebensbesserung, sondern durch List. Eine Taschenspielerei, bei der sie der König unterstützte, sollte sie rechtfertigen. Große Geschenke und königliche Drohungen erpreßten nämlich dem Steuerpächter Etioles einen Brief, in dem er bekannte, daß nicht seine Gattin, sondern er selber Ursache der ehelichen Trennung sei. Diesen schriftlichen Beweis ihrer vorgeblichen Unschuld zeigte die Pompadour am Hofe. Sofort war eine Menge von Hofprälaten dienstbereit, die Beichte der Pompadour zu hören und ihr das heilige Abendmahl zu reichen. Aber die öffentliche Sünderin wollte einen Jesuiten zum Beichtvater. Die Sache kam an mich, den Provinzial. Ich entschied im Geiste des Evangeliums und kirchlicher Bestimmungen. Meine Erklärung lautete: »Wenn die Marquise von Pompadour nicht bloß den Schein, sondern auch das Wesen der Sünde meidet, wenn sie mithin den Hof verläßt, die ehebrecherische Verbindung mit dem Könige aufhebt und wahre Buße tut, – nur dann ist es einem Jesuiten möglich, ihre Beichte zu hören.« – – Darüber geriet die Pompadour in namenlose Wut. In Wirklichkeit die Beherrscherin Frankreichs und daran gewöhnt, alles nach den Eingebungen ihrer Launen und ihres Stolzes zu regieren, schwur sie Rache und Verderben den unfügsamen Jesuiten. Zur Triebfeder des Hasses kam jene der Furcht, den Jesuiten möchte gelingen, den König zu bessern, von der Bahn des Lasters abzulenken.« Gfrörer, Bd. III. S. 586 f. – Cantu, Bd. XII. S. 342.

»Unverweilt ging die Pompadour ans Werk, – klug, listig, tätig, ränkevoll. Sie verband sich mit dem Minister Choiseul, einem Freigeiste, Religionsspötter und Jesuitenhasser. Das würdige Paar warb weitere Verbündete, – die Philosophen. Eine Menge Schriften und Broschüren, voll nichtswürdiger Anklagen und Verleumdungen gegen die Jesuiten wurden eifrig verbreitet. Unaufhörlich wurde die öffentliche Meinung gegen unsere Gesellschaft gehetzt. Es gab einen fürchterlichen Lärm. Auch den König suchte man gegen die Jesuiten zu erbittern. Dennoch widerstand er dem Ansinnen, das Todesurteil über den Orden in Frankreich auszusprechen. Neben der Ungerechtigkeit erschreckte ihn das Unerhörte der Tat; denn die Jesuiten standen allenthalben im höchsten Ansehen, ihre Verdienste anerkannte die ganze katholische Welt. Daher des Königs Zagen.«

»Unsere Feinde änderten das Triebwerk ihres Vernichtungsplanes. Minister Choiseul und Marquise Pompadour glaubten, der König von Frankreich werde zur Gewalttat schreiten, so bald eine andere Macht ihm den Schritt vorausgetan. Sie suchten und fanden diese Macht. Einige Jahre später sollte ich Zeuge und Opfer der schwarzen Künste unserer Todfeinde werden.«

»Mein Pater General schickte mich nach Lissabon. Dort lenkte das Staatsruder Marquis Sebastian Jose de Pombal, ein Schüler der Enzyklopädisten, mithin religiös ungläubig, ein eifriger Anhänger der hohlen Tagesphilosophie und nach dem Ruhme lüstern, von Voltaires und d'Alemberts Feder ein Denkmal der Unsterblichkeit zu erhalten. Nebenbei war Pombal hartherzig, bis zur Grausamkeit, vor keiner Untat zurückschreckend. Dieser Mann erhielt aus Paris einen Wink bezüglich der Jesuiten. Der Wink entsprach vollkommen Pombals Gesinnung. Auch er haßte die Jesuiten, weil er in denselben die eifrigsten Priester, die besten Jugenderzieher, die opferwilligsten Missionäre, kurz – die geschicktesten Verbreiter christlicher Ideen zu erkennen glaubte. In seiner Philosophensprache nannte er die Jesuiten »Roms beste Soldaten«, – oder die »Janitscharen des Papstes«, die man zuerst vertilgen müsse, bevor die katholische Kirche mit Erfolg könne angefallen und schließlich abgebrochen werden. – Der kurzsichtige Mann bedachte nicht, daß fünfzehnhundert Jahre lang die Kirche Gottes blühte, bevor die Gesellschaft Jesu gestiftet wurde.«

»Pombal suchte einen Vorwand gegen die Jesuiten.«

»Wenn ein gewissenloser Staatsmann, dessen Willen die Macht eines Reiches zu Gebote steht, sich ein wehrloses Opfer ausersehen, um es zu verderben, so findet er leicht einen Vorwand.«

»Pombal schickte seinen Bruder nach Amerika, als Statthalter von Gran Para, mit der geheimen Weisung, irgend einen Anlaß zu erspähen, um die Jesuiten aus ihren Missionen vertreiben zu können. Da brach in Paraguai ein Aufstand los. Statthalter Pombal meldete nach Lissabon, die Jesuiten hätten die Empörung angezettelt. Demzufolge erhielten wir am Abend des 19. September 1757 den Befehl, ungesäumt und für immer den Hof zu verlassen. Zugleich begann Minister Pombal einen erbitterten Federkrieg. Er und seine philosophischen Freunde erhoben in der Presse eine Menge von Anklagen, wobei es ihnen begegnete, daß sie selbst sich widersprachen und die gröbsten Verstöße gegen die Logik begingen. Der Zweck wurde dennoch erreicht, die öffentliche Meinung gegen die jesuitischen Rebellen und Missetäter aufgewiegelt.«

»Die Gemüter waren bearbeitet, der Schlag vorbereitet. Pombal schritt weiter in seinem Vernichtungsplane und zwar auf dem Wege des Verbrechens.«

»Im September des folgenden Jahres wurde auf den König geschossen. Der Minister ließ aussprengen, das hätten die Jesuiten verschuldet, sie hätten das Komplott gegen die Majestät angezettelt. Diese Anklage zu beweisen, wurde eine Gerichtskommission ernannt. Kopf und Hand der Kommission war Pombal. Unter seiner Leitung untersuchte sie den Vorfall. Wirklich fand die Gerichtskommission des Ministers, daß in den Mordanfall die Jesuiten verwickelt seien. Beweise ergaben sich zwar nicht, aber man hatte Vermutungen. Sie genügten, unsere Häuser mit Wachen zu umstellen und von unten bis oben zu durchsuchen. Man fand nichts, weil die schlauen Jesuiten, wie Pombal und seine Genossen behaupteten, zuvor alle Papiere vernichtet hatten, die gegen sie zeugten. Diese Schlauheit sollte ihnen wenig helfen. Pombal ließ die einflußreichsten Freunde der Jesuiten, die erlauchten Glieder einiger Fürstenfamilien, verhaften und in jene Löcher des Zirkus einschließen, welche für wilde Tiere bestimmt waren. Den Herzog Jose von Aveiro ließ er auf die Folterbank werfen. Von gräßlichen Schmerzen gequält, gestand der Herzog, er habe durch Antonio Alvez, und zwar auf Anstiften der Jesuiten, den König ermorden wollen. Aus den Folterpeinen erlöst, widerrief der Herzog ein Geständnis, das ihm durch unerträgliche Qualen erpreßt worden sei. Der Widerruf blieb unbeachtet. Die Verschwörung und Mitschuld der Jesuiten stand fest. Sofort trat die wilde Grausamkeit des Ministers Pombal zutage. Er wütete wie ein Rasender. Die hochgebildete Marquise Leonora de Tavora, vormals Vizekönigin von Indien, ließ er enthaupten. Deren Gemahl ließ er vierteilen. Ihre beiden Söhne, ihren Schwiegersohn und deren Gesinde ließ der Wüterich erdrosseln. Die übrigen Mitschuldigen an der vorgeblichen Verschwörung ließ er rädern. Den Jesuitenpater Gabriel Malagrida ließ er mit zweihundertfünfzig Schlachtopfern lebendig verbrennen. Alle übrigen Jesuiten wurden in die elendesten Kerker geworfen. Wir duldeten Unsägliches. Nach wenigen Wochen starben von uns siebenunddreißig infolge der Kerkerqualen. Bis 3. September 1759 schmachteten wir. Der König hob den Jesuitenorden in sämtlichen Ländern der portugiesischen Krone auf und zog dessen Vermögen ein. Wir wurden in Schiffe gepackt und an den Küsten des Kirchenstaates, wie Kehricht und Auswurf der Menschheit, an das Land geworfen.«

»Pombal, der Freigeist, triumphierte.«

»Auch Choiseul und Pompadour sollten triumphieren.«

»Hinweisend auf die Vorgänge in Portugal bearbeiteten sie unablässig den König. Sie schilderten die Jesuiten als höchst staatsgefährliche Menschen, welche den Tyrannenmord lehren. Mit diesen Ränken hielten die Schmähschriften der Philosophen gegen uns gleichen Schritt. Auch die Parlamente, vom Geiste des Antichristentums und der Freimaurerei geleitet, stürmten gegen unsere Gesellschaft. Die Erbitterung wurde allgemein, immer heftiger, bis endlich des Königs Widerstand ermattete und er mit einem Federzug den Jesuitenorden in ganz Frankreich aufhob.«

»Nun kam die Reihe an Spanien. Es galt ja im Grunde nicht den Jesuiten, sondern der katholischen Kirche, deren festes Vorwerk, nach Ansicht der Freimaurer und Philosophen, die Jesuiten waren.«

»Am Vorabend des Palmsonntags 1766 gab es in Madrid einen Straßenauflauf. Das Volk begehrte billige Lebensmittel, Entfernung des verhaßten Italieners de Squillace aus dem Ministerium und Abstellung anderer Beschwerden. Der König und die Gesandten fremder Mächte bemühten sich vergebens, die Menge zum Auseinandergehen zu bewegen. Auch das Militär vermochte nichts. Immer höher stiegen die Fluten der Volksmenge. Da kamen die Jesuiten, allgemein beliebt wegen ihrer Sorge für die Armen, geachtet um ihres priesterlichen Eifers willen. Die Jesuiten mischten sich unter die Massen mit freundlichem Zuspruche und klugen Vorstellungen. Nicht lange stand es an, so rief das Volk: »Es leben die Jesuiten!« Die Menge ging ruhig auseinander.«

»Minister Choiseul vernahm den Vorgang und freute sich. Durch Vertraute ließ er dem Könige von Spanien die Ansicht beibringen, die Jesuiten seien Anstifter jenes Aufstandes. Ihr Mund habe vermocht, die Flamme des Aufstandes anzublasen und wieder auszulöschen. Was der König, die Gesandten, das Militär nicht bewältigen konnten, hätten die Jesuiten ohne besondere Mühe vollbracht. Es sei dies abermals ein Beweis von der wachsenden und gefährlichen Macht der Jesuiten.«

»Das Bemühen Choiseuls unterstützte kräftig d'Aranda, Minister des Königs von Spanien. D'Aranda ist gleichfalls ein Schüler der französischen Philosophen, dazu Freimaurer und heftiger Gegner der Jesuiten. Hier ein Urteil de Langles über den spanischen Minister,« fuhr Pater Oheim fort, indem er ein Buch aus dem Gestelle zog. »De Langle, selbst Philosoph und Gesinnungsgenosse d'Arandas, schreibt folgendes über ihn: »Der Graf d'Aranda ist der einzige Spanier der Gegenwart, dessen Andenken auf die Nachwelt zu kommen verdient. Er war es, der auf den Gedanken kam, die Namen Luther, Calvin, Mahomet, William Penn und Jesus Christus zusammen auf die Giebelfronte aller Tempel zu schreiben, sie in einem einzigen Schilde zu vereinigen. Er war es, welcher den Vorschlag machte, die Kleider der Madonnen und anderer Heiligenbilder zu verkaufen, die Kruzifixe, die Kirchenleuchter, die Kelche und dergleichen in Seehäfen, Herbergen und Heerstraßen zu verwandeln.« De Langle, Reise in Spanien 1785, p. 127.

»Dieser Mann bearbeitete den König von Spanien gegen die Jesuiten. Karl III. schwankte. Er konnte nicht glauben, daß Leute, die er schätzen und achten gelernt, den Staat untergraben, das Volk gegen den Thron hetzen.«

»Da erhielt d'Aranda Beistand durch Choiseul. Der französische Minister schrieb nämlich einen Brief mit der Unterschrift unseres Paters General, des ehrwürdigen Ricci. In diesem gefälschten Briefe ließ Choiseul unseren General versichern, er besitze hinreichende Beweisurkunden, daß König Karl III. von Spanien die Frucht ehebrecherischen Umganges sei. Den Brief schickte der französische Minister an d'Aranda, welcher ihn dem Könige vorlegte. Die Majestät war empört über die Niederträchtigkeit Riccis, unseres Ordensgenerals. Nun hatte er einen Beweis in Händen, von der Staatsgefährlichkeit jesuitischer Umtriebe.«

»Das Schicksal der Jesuiten in Spanien war entschieden.«

»Sämtliche Alkalden im ganzen Reiche empfingen sorgfältig versiegelte Schreiben mit dem Befehle, bei Todesstrafe dieselben an einem bestimmten Tage, zu derselben Stunde, zu öffnen.«

»So geschah es.«

»Die Schreiben enthielten zur Austreibung der Jesuiten den strengsten Befehl. So wurden in einem Augenblicke sechstausend verhaftet, – hochbetagte Greise, harmlose Jünglinge, verdiente Gelehrte, eifrige Priester, Schwache und Kranke. Kein Jesuit durfte etwas mitnehmen; nur das Brevier und ein Sack mit den unentbehrlichsten Gegenständen des täglichen Gebrauches war gestattet. Die sechstausend wurden nach einem Seehafen getrieben, dort in die unteren Schiffsräume verpackt und nach dem Kirchenstaate geführt. Aber die päpstliche Regierung weigerte sich, die Fremden aufzunehmen. Auch Genua und Livorno verschlossen sich den Unglücklichen. Acht Monate lang mußten sie obdachlos umherirren. Viele starben vor Elend und Hunger. Endlich erbarmte sich der Papst und nahm die Ausgestoßenen auf.«

»Der Haß Choiseuls, der Pompadour, Pombals und aller Freigeister gegen die Gesellschaft Jesu war noch nicht gestillt. Der Orden sollte aufgehoben werden, vom Angesichte der Erde vollständig verschwinden. Es regnete Schmäh- und Hetzschriften gegen die Jesuiten. Man warf ihnen vor, sie besäßen eine solche Macht, daß sie es bereits auf Gründung eines Weltreiches abgesehen hätten, mit Beseitigung aller Fürsten, – sie predigten den Tyrannenmord, – sie schädigten die Universitäten durch ihre ausgezeichneten Unterrichtsanstalten, denen alle jungen Leute zuliefen. Man behauptete, sie besäßen unermeßliche Reichtümer. Man sprach von ganzen Fässern voll Goldstaub, die in den Kellern des Ordens aufgehäuft lägen, – von Kisten aus Indien, in denen Zollbeamte, die sie auf dem Transporte konfiszierten, statt der deklarierten Schokolade, lauter feine Goldplättchen gefunden hätten. Diese behaupteten Reichtümer reizten die Habsucht der Fürsten. Alle bourbonischen Höfe bestürmten Papst Klemens XIII., den Orden aufzuheben. Allein das Kirchenoberhaupt erkannte die Ungerechtigkeit der Anklagen, war von Unschuld und Reinheit der Gesellschaft Jesu überzeugt und weigerte sich beharrlich, dem Drängen der Jesuitenfeinde nachzugeben. Die Fürsten drohten. Den Papst beugten die Drohungen nicht. Die Fürsten griffen zur Gewalt. Sie entrissen dem päpstlichen Stuhle verschiedene Gerechtsame und raubten ihm Gebietsteile. Schon waren sie daran, Rom zu blockieren, – da starb Klemens XIII., ein großer Papst, mutvoll und bereit, zu sterben um der Gerechtigkeit willen.«

»Die Fürstenhöfe wünschten zum Papste einen Mann, der ihnen gefügig und dienstbar sei. Kardinal Ganganelli, ein schwacher Charakter, war der Mann ihrer Wahl. Sie empfahlen ihn dringend und schreckten das Kardinalskollegium.«

»Die Kardinale schritten zur Papstwahl. Bei dieser Gelegenheit enthüllte sich schlagend die fortgesetzte Lüge, von dem allmächtigen Einflusse der Jesuiten. Hätten sie diesen Einfluß wirklich besessen, sie würden die Wahl eines Mannes durchgesetzt haben, der ihnen gewogen und freundlich war. Allein es geschah das Gegenteil. Nach Wunsch und Befehl der Fürstenhöfe wurde Ganganelli Papst. Er nannte sich Klemens XIV. Kaum hatte er den Stuhl Petri bestiegen, als die Fürsten von ihm die Aufhebung unseres Ordens forderten. Er sträubte sich. Die Fürsten erhoben Vorwürfe. Klemens XIV. gehorchte. Durch die Bulle » Dominus ac redemptor meus« hob er den Jesuitenorden auf am einundzwanzigsten Juli des Jahres 1773.«

»So groß war der Eindruck dieser Tatsache und so allgemein, daß man alle nur denkbare Vorsicht anwenden zu müssen glaubte, um eine Welterschütterung zu verhüten. Es handelte sich um die Vernichtung der Wirksamkeit von fünfundzwanzigtausend Männern, die vom Volke geliebt und über die ganze Erde verbreitet waren. Nach allen Enden der Welt wurden geheime Befehle gesendet. Doch, – wunderbar! Nirgends zeigte sich von Widerstand eine Spur. Dieser mächtige Orden, von dessen Macht und Rachsucht man so viel zu schreiben wußte, ergab sich auf die erste Aufforderung, er kreuzte die Hände über der Brust und starb, – die Schwäche des Papstes und die Unduldsamkeit der Zeit beklagend. So vieler Schandtaten hatte man die Jesuiten bezüchtigt, – jetzt fand man nicht eine einzige Schuld an ihnen. Aus ihren mit Beschlag belegten Archiven mußten doch die Beweise für die vielbesprochenen Jesuitenfrevel hervorgehen, – man fand nichts. Die Kabinette hatten sich mit der Hoffnung geschmeichelt, aus den Ordensschätzen ihre Schulden bezahlen zu können. Karl III. von Spanien hatte erklärt, das solle sein zweites Peru werden. Bittere Täuschung, – es wurden keine Schätze entdeckt. Unser Pater General, Ricci, mußte eidlich geloben, daß er das gesamte Ordensvermögen gewissenhaft abgeben wolle. Als sich der erwartete Reichtum gleichwohl nicht einstellen wollte, setzte man ihn gefangen. Auch im Kerker konnte man nichts weiteres von ihm erpressen. Er blieb bei seiner wahrheitsgemäßen Angabe, daß der Orden außer den frommen Spenden der Gläubigen kein anderes Vermögen besitze.«

»Bald darauf wurde der Mann, welchen die Fürsten gewaltsam auf den Stuhl Petri gesetzt hatten, krank und wahnsinnig. Fortwährend glaubte er sich von Schreckgestalten umringt. Um Erbarmung flehend starb er kaum ein Jahr nach Aufhebung des Jesuitenordens.«

»Unser schwergeprüfter Pater General Ricci blieb in Haft. Gegen Unterzeichnung eines Reverses bot man ihm ein Bistum an. Er schlug es aus. Dagegen setzte er auf dem Todbette einen schriftlichen Protest auf. Darin heißt es: »Im Begriffe, vor jenem Gerichte zu erscheinen, das allein die untrügliche Wahrheit und Gerechtigkeit ist, bezeuge ich zur Steuer der Wahrheit dem Orden, als sein Vorgesetzter, der ihn am besten kennt, daß derselbe keinen Anlaß zu seiner Aufhebung gegeben hat, so wenig, als ich selbst je die geringste Ursache zu meiner Einkerkerung gegeben habe. Ich erkläre, daß ich im übrigen allen aufrichtig verzeihe, daß ich Gott für meine Erlösung aus dem irdischen Elend danke und ihn bitte, mein Tod möge dazu helfen, daß die Drangsale meiner Leidensgefährten gemildert werden.« Riffel, Aufhebung des Jesuitenordens, III. A. – Cantu, B. XII. S. 321-357.

Der Greis schwieg erschöpft, nicht sowohl durch körperliche Anstrengung des Erzählens, als durch die erschütternde Erinnerung an das himmelschreiende Verfahren gegen seinen Orden.

Paul hatte unbewußt die Hände geballt, und Zornesglut brannte ihm auf den Wangen.

»Pater Oheim, ich danke für diese inhaltsschweren Blätter aus Ihrem vielgeprüften Leben! Unglaubliches vernahm ich und schaute Teufel in Menschengestalt. Haß, Bosheit, Lasterhaftigkeit, Lüge, Grausamkeit und Tücke triumphierten über die Unschuld, – wo bleibt die Vergeltung?«

»Sie harrt aller vor dem Gerichte Gottes, mein Sohn! Aber Du willst Gottes Finger sehen im Gange dieser Welt, – er ist sichtbar für den Sehenden. Du bist jung, – vielleicht schaust Du noch Gottes waltenden Arm, ausgestreckt gegen die Todfeinde unseres Ordens. Das Königsgeschlecht der Bourbonen in Frankreich, Spanien und Neapel vollzog die Untat, – schon kracht der mächtigste Bourbonenthron in seinen Fugen. Er wird einstürzen und die übrigen werden ihm folgen; denn so spricht der Prophet Nahum: »Ein eifernder Gott und Rächer ist der Herr, – Rächer an seinen Feinden. In Sturm und Wetter ist des Herrn Weg und Gewölke der Staub seiner Füße. Er schilt die Meere und sie trocknen aus, und zu dürren Steppen macht er die Ströme. Die Berge erbeben vor ihm und die Hügel versinken. Er schreckt empor die Erde vor seinem Angesicht und die Welt und alle, so darin wohnen.« Nahum, I. 2 f. – Hörst Du, mein Sohn,« fuhr der Greis fort, »ein eifernder Gott und Rächer an seinen Feinden ist der Herr, – zweifle nicht an seiner Ankunft! In Sturm und Wetter ist sein Weg, – siehe, der Sturm begann, und was gefrevelt vor dem heiligen Gott, wird zusammenbrechen. Unabwendbare Vergeltung, Lohn und Strafe nach Verdienst, das ist eine stehende Tatsache in der Geschichte der Nationen. Deshalb allein dem Herrn das Gericht, und für uns die Pflicht, den Feinden zu vergeben.«

Er senkte das Haupt und schien im Geiste der Feindesliebe zu genügen.

Eine Taube flog girrend auf seine Schulter. Der Greis liebkoste sie. Auch die übrigen schwangen ihre weißen Flügel um sein Haupt.

»Sie fordern ihr Abendbrot!« sagte Clement, indem er sich erhob, in einen Topf langte und Weizenkörner auf das Fenstergesims streute.

Paul starrte vor sich hin. Die Erzählung hatte ihn verletzt, erbittert. Man hatte fünfundzwanzigtausend schuldlose Menschen verurteilt, als Missetäter und Verbrecher gebrandmarkt, mithin moralisch gemordet. Dies zerwühlte dem rechtlich Fühlenden die Seele. Und der Papst! War nicht der Statthalter Christi ein Werkzeug der Ruchlosen geworden? – Paul machte eine heftige Bewegung.

»Die kläglichste Figur der ganzen Tragödie ist Klemens XIV.,« sprach er. »Eine richtige Teufelsnatur kann wenigstens Grauen einflößen. Choiseul, Pompadour, d'Aranda, Pombal, die Philosophen und Freimaurer, kämpften zwar unter dem Banner der Finsternis, aber sie kämpften tapfer. Allein dieser Papst, der berufene Hort des Rechtes und der Wahrheit, – dienstbar den Gesellen des Abgrundes, – wie unausstehlich und ekelerregend!«

»Urteile nicht zu strenge, mein Sohn! Der Papst war ein Opfer brutaler Gewalt, eine Beute des Schreckens«.

»Ein richtiger Papst stirbt für Wahrheit und Gerechtigkeit, er macht niemals ein Zugeständnis an die Pforte der Hölle.«

»In diesem Geiste pflegen allerdings die Päpste zu handeln,« sagte Clement. »Aber Ganganelli wurde durch Fürstenmacht auf den Stuhl Petri gesetzt. Mangelte ihm die Gnade, zu sterben für Recht und Wahrheit, wurde er schwach und fiel, – so mag dies eine Strafe für sein Liebäugeln mit den Mächten der Welt sein. Ein Papst der Könige ist niemals ein Papst Gottes, und kein felsenfester Statthalter Christi.«

»Und die Fürsten haben fast immer die Kirche besudelt, wenn ihre Nimrodshände in das Heiligtum hineingriffen,« rief der junge Mann erregt. »Wann endlich werden die Nationen erkennen, daß irdische Wohlfahrt und ewiges Heil nur gedeihen auf dem Boden kirchlicher Freiheit? Aber das ist Fürstenkunst und Königslist, der freigeborenen Braut des Herrn Fesseln zu schmieden und sie als Dienstmagd im Staate zu verwenden. Den Bischöfen legen sie goldene Ketten und hübsche Staatskleider an, umgeben sie mit weltlichem Glanze, verlocken sie, die Predigt des Evangeliums mit Kronengeist zu versetzen, und machen schließlich das gedrückte Volk glauben, dies alles gehöre zum Berufe des Klerus. Wann werden die Sendboten Christi ihre Freiheit zurückfordern? Der glänzenden Knechtschaft müde sein? Nichts begehren als Tasche und Stab, um ihre großartige Mission zu erfüllen? Bedarf die strahlende Sonne des Mondscheines? Ja, – der siebente Gregor hat Recht; – die geistliche Macht, in ihrer bescheidenen Hoheit, berufen und getragen vom Welterlöser, sie ist die glänzende, wärmende, die Menschheit befruchtende Sonne! Und die weltliche Macht, dieser rohe Stoff, gezeugt von der Notlage irdischer Verhältnisse, sie ist der Mond. Und wie der Mond ein dunkler Körper wäre ohne das Sonnenlicht, so müssen auch Fürstengewalt und Staatsmacht in die dunkle Tiefe nackter Tyrannei hinabsinken, wenn sie aufhören, vom Geiste des Christentums erleuchtet und beseelt zu werden.«

»Und wie Sonne und Mond zusammenwirken müssen im Weltplane Gottes,« ergänzte Clement, »so müssen Priestertum und Fürstentum, Kirche und Staat, zusammenwirken.«

»Einverstanden, Pater Oheim! Wie es aber elementare Revolutionen und Erschütterungen hervorrufen müßte, wenn der Mond die Sonne beherrschen und sich dienstbar machen wollte, so muß es auch Revolutionen geben und Erschütterungen, wenn der Staat die Kirche beherrscht und sich dienstbar macht.«

»Ich kann dies nicht bestreiten, mein lieber Paul! Rege Dich über Dinge nicht zu sehr auf, die uns nicht zu hindern vermögen, in der Rennbahn den Preis zu erkämpfen, – das ist die Hauptsache. Je härter im Leben der Kampf, desto verdienstvoller die Siege und glorreicher die Kronen der Ewigkeit. Treue und Beharrlichkeit einer einzigen Menschenseele in Gottes Dienst, sind unendlich größer, als Macht und Glanz eines Weltbeherrschers. Was von der Welt ist, wird Staub, – was in Gott, dem Ewigen, fest begründet steht, gehört der Unendlichkeit an. Von diesem Standpunkte betrachte alle Dinge und Verhältnisse, damit kein Schein trüge und ablenke von der richtigen Bahn.«

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