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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 2
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Notstände.

Die große Revolution von 1789 war eine ebenso naturgemäße Erscheinung, wie jeder luftreinigende, verwüstende Wettersturm. Ungesund bis zur Fäulnis war die soziale Atmosphäre Europas, in Frankreich der religiöse Unglaube Mode, die sittliche Entartung fast allgemein.

Am 5. Mai 1789 traten die Stände, von vier Millionen französischer Bürger gewählt, im Schlosse von Versailles zusammen. Die Aufregung war ungeheuer. Brennend vor Erwartung blickten die Franzosen nach Versailles, Erlösung hoffend aus unerträglichen Lasten, und die Rettung des einstürzenden Reiches. Flugschriften, Zeitungen, Broschüren überschwemmten die Provinzen. In grellen Farben schilderten sie das Elend des unterjochten Volkes, die Tyrannei des Königtums und der Feudalherren. Schon fuhren einzelne Windstöße über das Land, die Vorboten eines Umsturzes, wie ihn die Weltgeschichte blutiger und schauervoller kaum zu verzeichnen hat.

In Zeiten heftiger Gärung erscheint auch das Gewöhnliche und Hergebrachte in verändertem Lichte. Lebhafter empfindet man den Druck. Gesetzliche Gewalttaten werden kühn verurteilt. Zorn entflammt die Gemüter über Regierungsformen, welche die allgemeine Notlage des öffentlichen Wesens verschulden. Seit den Eroberungskriegen Ludwigs XIV. fraß der Militarismus am Marke des Reiches. Hiezu kamen die unsinnigen Verschwendungen Ludwigs XV., die Bedürfnisse eines üppigen, lasterhaften Hofes und die unersättlichen Ansprüche prassender Feudalherren. Die Verarmung des Volkes wurde immer allgemeiner, die Steuerschraube immer drückender. Gant und Pfändungen zahlungsunfähiger Familien gehörten zur Alltäglichkeit. Dennoch erregte es Aufsehen und Entrüstung, als in Nod, einem großen Dorfe bei Limoges, die Existenz einer beliebten und fleißigen Familie durch Zwangsversteigerung vernichtet wurde. Gläubiger der Verganteten waren der Steuerpächter und Graf Rovere, der Feudalherr von Nod. Abermals war ein Opfer der Regierungstyrannei und der Feudalherrschaft gefallen. Kein Bauer von Nod hatte ein Gebot bei der Versteigerung getan, – aber die Juden von Limoges band nicht diese menschenfreundliche Rücksicht. Daher Schmähungen der Dorfbewohner gegen Juden, Steuerpächter und den Grafen Rovere.

Nach der Zwangsversteigerung saßen einige Bauern um den Tisch der Gartenwirtschaft »zum roten Roß«. Durst führte sie dahin und auch das Bedürfnis, ihren Zorn auszuschütten. Sie saßen im Schatten eines dichtbelaubten Baumes, der seine Äste zum Schutze gegen die Junisonne über den Tisch ausbreitete. Die Gartenanlagen waren gedehnt, nicht ohne Geschmack und sorgfältig unterhalten; denn es kamen an Sonntagen Bürger aus der nahen Stadt hieher, tranken leichten Wein und aßen kleine Würste, welche der Roßwirt mit besonderem Geschick zu bereiten verstand. Sogar Feinschmecker huldigten dem Ruhme der Würstlein; denn von seinen Schlössern stieg der umwohnende Adel hernieder und würdigte das pikante Füllsel des Roßwirtes seiner Aufmerksamkeit.

Die Bauern um den Tisch waren dürftig gekleidete, hagere Menschen, geistige Verwilderung und verkommene Sinnesart in den Zügen. Denn nicht allein verarmt war die Landbevölkerung, sondern auch von dem Sittenverderbnis angefressen, das von den Thronstufen und den höchsten Gesellschaftskreisen allgemach in die untersten Schichten herab gestiegen. Den Ehrenplatz hatte der Grobschmied des Dorfes eingenommen, ein breitschulteriger Mann, mit aufgestülpten Hemdärmeln, eine Lederschürze mit einem Bruststück um den Leib, und mit einem Gesicht, in dessen Glut das Feuer seiner Esse zu brennen schien. Zwei unstete Augen belebten das verschmitzte Mienenspiel, und seine geschwärzten Hände lagen, zu dicken Fäusten geballt, auf der Tischplatte. Ein grimmes Lächeln zuckte über sein Gesicht, indem er die finster blickenden Zechgenossen betrachtete.

»Nun, Freunde, was hängt ihr die Köpfe und murmelt Flüche in den Bart?« rief er. »Unsere gütige und allergnädigste Herrschaft legte halt wieder Einen auf's Stroh! Das ist ja so herkömmlich. Die gute Herrschaft braucht Geld für Lakaien, Bälle, Jagdhunde, Konzerte, üppige Mahlzeiten, prächtige Festlichkeiten, – und wer soll der gütigen Herrschaft das Geld zum lustigen Leben herbeischaffen, wenn wir es nicht tun? Wir sind ja Bauern, hörige Knechte, Leibeigene, Sklaven der guten Herrschaft, – dazu Untertanen des allerchristlichsten Königs. Darum arbeitet und schwitzt für euere geldbedürftigen Herren, die allein das Recht haben, zum lustigen Leben. Unser einziger Lebensgenuß ist nach Recht und Gesetz die Arbeit, damit wir Geld aufbringen, die Litanei von Steuern und Abgaben für unsere allergnädigsten Herrschaften zu bezahlen. Wird einer von uns bankrott, – nun, – dann wird er eben abgeschunden und mag froh sein, die Haut zu behalten, die man uns ja auch abziehen könnte, um Schuhleder daraus zu gerben für unsere allergnädigsten Herren.«

Ein heiseres Lachen der Umsitzenden, grimmig auflodernde Blicke und zuckende Gesichtsmuskeln beantworteten die Spottrede.

»He Baptist,« rief der Schmied dem eintretenden Wirte zu, »bringe zwei Flaschen von meinem Herzenströster, – dazu acht Gläser! – – Ja, Freunde, wir bedürfen des Trostes, bis es besser wird, – und besser wird's, – verlaßt euch d'rauf!«

Er legte die Eisenfäuste auf den Tisch und seine Augen verschwanden unter den zusammengezogenen Brauen.

»Wann wird's besser?« frug ein Bauer.

»Diderot, – der große Philosoph Diderot, hat's gesagt,« antwortete gelehrt der Schmied.

»Was wissen wir von Diderot?« versetzte ein anderer. »Du freilich bist ein Buchgelehrter und guckst in die Zeitungen. Wir haben nur ein Buch, – das Steuerbuch, und keine Zeitung. Also, Duval, was sagt Diderot?«

Der Schmied richtete den Blick seines dunklen Auges unheimlich auf den Fragenden und sprach mit dumpfer Stimme: »Der Philosoph Diderot hat gesagt, »besser wird's, wenn der letzte König an den Gedärmen des letzten Priesters aufgehängt ist Cantu, Allgemeine Geschichte der neueren Zeit. Bd. XII. S. 225.

Die Bauern lachten.

»Diderot hat recht,« behauptete Duvals Nachbar. »Fürsten und Adel sind die Schinder, und die Pfaffen die Betrüger des Volkes. Was König und Feudale übrig lassen, das rafft der Zehnte der Pfaffen hinweg. Nun hätte Diderot auch angeben sollen, wie man's anfängt, unsere Tyrannen abzutun?«

»Geduld, mein lieber Grasse!« sprach Duval. »Die Rache des zertretenen Volkes wird ihren Weg schon finden zum Leben seiner Tyrannen. Ich sage euch, die Deputierten des dritten Standes halten sich wacker in Versailles. Bald geht's los, – der Schmied von Nod hat's gesagt.«

»Was gibt's neues? Was geschah? Was meldet die Zeitung?« frugen neugierig die Bauern.

Der Wirt stellte zwei Flaschen, mit vielverheißender Etikette beklebt, auf den Tisch. Ein starker Franzbranntwein floß zäh in die Gläser. Bald röteten sich die Gesichter von dem jäh berauschenden Getränke.

»Trinket zuerst, – wärmt euere Herzen, – dann hört!« sprach der Schmied.

Die Bauern schütteten den Inhalt der Gläser hinab und sahen mit Spannung auf Duval, der eine Zeitung hervorzog.

»Mirabeau hat wieder eine Rede gehalten in der Nationalversammlung, – und was für eine?« fuhr Duval fort. »Mir hüpft das Herz im Leibe, wenn ich sie lese, – hört nur! Also Mirabeau, der Freiheitsmann, der Volksfreund und Tyrannenhasser, – Mirabeau brachte ein Buch auf die Rednerbühne. Das Buch hat vor fünfzig Jahren der Minister d'Argenson geschrieben. Merkt wohl, – ein Minister Ludwigs XV. hat das Buch geschrieben! Daraus nun las Mirabeau zuerst folgende Stelle vor, – merkt auf!«

Der Schmied erhob die Zeitung und las: »Wir leiden an einem schleichenden Übel, das unser Mark zernagt, an einem Übel, das über kurz oder lang die Monarchie zugrunde richten muß. Dieses Übel ist die Verarmung des Volkes. Seit ich lebe, habe ich das allmähliche Wachstum in derselben beobachtet; gegenwärtig hat es einen erschreckenden Grad erreicht. Dennoch schließt man zu Paris und Versailles hartnäckig die Augen und verlacht jene, welche warnen, als schwarz sehende Toren. Im Augenblick, da ich schreibe, bei vollem Frieden und nach einer Ernte, die zum mindesten mittelmäßig war, leben Tausende von Menschen, die uns umgeben, von gekochten Kräutern und sterben vor Schwäche, wie Fliegen hinweg. Der Finanzminister Orry glaubt nur solchen Steuerbeamten, die ein Interesse haben, den wirklichen Stand der Dinge zu verbergen. Aber anderen, welche die Wahrheit sagen, begegnet er, wie man einem Dorfpfarrer oder einer barmherzigen Schwester begegnet, nämlich als Träumern, die aus Mitleid die Not des Volkes übertreiben. Keine unabhängige Stimme dringt aus den tiefen Schichten der Gesellschaft zum Thron empor. Das Königreich wird, wie ein erobertes Land, mit Abgaben überbürdet. Neulich brachte der Herzog von Orleans ein Stück Brot aus Farrenkraut, das wir ihm verschafft hatten, in den Staatsrat. Als der König erschien, legte er dasselbe mit den Worten vor: »Sire, von solcher Speise nähren sich Ihre Untertanen!« Gfrörer, Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts. Bd. III. S. 302 f.

Duval ließ die Hand mit der Zeitung sinken und sah in das grollende Mienenspiel der Zuhörer.

»Das gedenkt mir noch recht gut!« sagte ein alter Bauer. »Viele Leute sind damals verhungert, – und doch ist's heute nicht besser.«

»Will's meinen!« bestätigte Grasse. »Wenn damals jemand verhungerte, gab's Geschrei, – heute nicht mehr. Man hat sich gewöhnt ans Verhungern. Ist heute die Hungerkrankheit nicht so gewöhnlich wie das Kopfweh? Schleicht die Hungerkrankheit nicht auch durch Nod? Ich sage, ganz Frankreich hungert und darbt, nur die Feudalen, die Schinder und Henker des Volkes prassen, und diese sind nicht Frankreich.«

»Hört weiter, – Mirabeau hört!« fuhr der Schmied fort und las: »So hat Minister d'Argenson vor fünfzig Jahren geschrieben. Was müßte er heute schreiben? Hat nicht die Verarmung des Volkes ungeheuere Verhältnisse angenommen? Die privilegierten Stände, Adel und Klerus, kennen freilich das Elend nicht. Sie freuen sich des Lebens und schwelgen vom Schweiße des arbeitenden, rechtslosen und unterdrückten Volkes. Und jene, die mit Recht Ansprüche erheben können an Lebensfreuden, die arbeitsame Menge, versinken täglich mehr in Not und Jammer. Die unbarmherzigen Steuerpächter sind nicht weniger geworden seit fünfzig Jahren, und die Steuern auch nicht. Unsere Könige führen zwar keine Kriege mehr aus tollem Ehrgeiz, allein der Militarismus hört nicht auf, das Mark aus den Knochen des Volkes zu saugen. Die heillosen Monopole sind auch nicht weniger geworden, – die Monopole zum Verderben der Industrie, zur Belastung der ärmsten Klassen, – die Monopole zur Bereicherung weniger, zum Untergang von Millionen. So ist heute noch das arbeitende Volk eine Beute privilegierter Faulenzer und Verschwender, ein jammervolles Opfer der Ungerechtigkeit, der Unterdrückung und Despotie. Freiheit fordere ich für das Volk, Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetze und alle Menschenrechte!«

»Bravo!« riefen die Bauern. »Der wackere Mirabeau soll leben! Hoch, Mirabeau, der Volksfreund!«

Sie erhoben die Gläser und tranken sie leer.

In die Pause der Stille knisterten rasche Tritte im Kies des Weges. Ein Gendarm betrat den Garten und warf spähende Blicke auf die Etiketten der Flaschen. Mit strenger Polizeimiene nahte er dem Tische.

»Wer hat den Kognak bestellt?« frug er barsch.

»Ich hab' ihn bestellt, ich, der Schmied Duval aus Nod!«

»Ihr seid strafbar, sehr strafbar vor dem Gesetz.«

»Wirklich, Gendarm?« frug Duval entgegen. »Genau genommen, habt Ihr recht, Gendarm! Fleißige arme Leute, die einmal bei einem Gläschen Herzstärkung ausruhen wollen, dürfen nur Wasser trinken. Der Kognak ist für die Reichen, welche nicht arbeiten.«

»In Frankreich mag jedermann trinken, was ihm schmeckt und was er bezahlen kann, insofern das Getränke erlaubt ist,« entgegnete der Gendarm. »Dieser Kognak aber ist Schmuggelware; denn er trägt nicht den Monopolstempel.«

»Ich bitte um Vergebung, mein Herr!« sprach der bestürzte Wirt. »Ein Mißgriff, mein Herr, – ein schrecklicher Irrtum! Ich habe diesen Kognak zum eigenen Gebrauche, – auf Ehre, mein Herr, zum eigenen Gebrauche! Nur ein Versehen konnte ihn meinen Gästen vorsetzen.«

»Dumme Ausrede!« sagte der Gendarm. »Auch zum eigenen Gebrauche darf kein Franzose Schmuggelware im Hause haben. Ich beklage Euch, Roßwirt, – muß meine Schuldigkeit tun! Diese gesetzwidrige Handlung bringt Euch auf die Galeeren.«

»Auf die Galeeren?« stieß der Unglückliche hervor.

»Auf die Galeeren!« wiederholte ruhig der Gendarm. »Das wißt Ihr nicht? Könntet's doch wissen! Wer verbotenen Salzhandel treibt, wer Getränke, Waren, Mehl, Wein, Stoffe, die monopolisiert sind, gesetzwidrig anfertigt, kauft oder verkauft, der kommt in das unterirdische Gewölbe der Verbrecher in Bicetre oder auf die Galeeren Cantu, Bd. XII. S. 937.

Der Wirt war leichenblaß geworden. Er zitterte an allen Gliedern und rang die Hände. Den Bauern entfiel aller Mut. Sie saßen bangvoll und fürchteten, in das Verhängnis des Wirtes verstrickt zu werden. Nur Duval bewahrte seine Fassung.

»Ja, – ja, – so ist's, der Gendarm sagt die Wahrheit!« sprach er. »Der Staat hält strenge Wacht über das Wohl seiner Bürger, damit selbe nur essen und trinken, und sich kleiden in Stoffe, die gesund, erlaubt und wohltätig sind. Gesund, erlaubt und wohltätig ist aber nur, was monopolisiert ist. Vor zwei Jahren hab' ich selber mit meinen eigenen Augen in Limoges gesehen, wie hundert Stücke Zeug auf öffentlichem Markte zerschnitten und verbrannt wurden, – warum? Weil das Gewebe nicht ganz genau jene Regelmäßigkeit hatte, wie selbe die hochweise Regierung verschreibt Wachsmuth, Geschichte Frankreichs im Revolutionszeitalter, Bd. I. S. 13.

»Es fehlten zwei Fäden im Einschlag,« bestätigte kopfnickend der Gendarm.

»Hört ihr? Zwei Fäden im Einschlag,« wiederholte der Schmied. »Und wenn an einem Stück von tausend Ellen nur ein Haar gefehlt hätte, – verbrannt mußte es werden, – warum? Weil in einem geordneten Staatswesen alles auf's Haar richtig sein muß.«

»Hm, – das ist doch kurios!« sagte Grasse.

»Das ist Gesetz und Ordnung,« entgegnete mit strafendem Blick der Gendarm.

»Jawohl, Gesetz und Ordnung muß sein im Staate!« rief der Schmied. »Der Staat muß alles gesetzlich schieben, rücken und regeln bis in den Magen hinein. Wärst Du kein Dummkopf, Grasse, so müßtest Du es wissen. Der Hof, unser allerchristlichster König, die Regierung, das Heer, der Adel, die Feudalherren, die fromme Geistlichkeit, diese alle zusammen, brauchen Geld, viel, – viel Geld. Woher soll das viele Geld kommen, wenn es keine Steuern, Abgaben und Monopole gäbe? Aber heute steckt ein böser, revolutionärer Geist in den Leuten, – man muß sie aufklären. – Gendarm, setzt Euch! Ihr seid ja ein Mann der Gesetze, und alle Freunde der Ordnung müssen jede Gelegenheit benützen, den Leuten diesen Revolutionsdunst aus den Köpfen zu treiben. Also – setzt Euch! – Wirt, eine Flasche vom Monopolisierten und ein Glas.«

Der Gendarm konnte der Einladung nicht widerstehen und ließ sich nieder.

»Wie gesagt, Leute aus allem und jeglichem muß der Staat Geld schlagen,« fuhr der Schmied fort. »Sind nicht auch Wein und Brot und Salz monopolisiert? Wir dürfen nur Wein trinken, der in unserer Provinz Limousin gewachsen ist. Das Monopol für diesen Wein hat der reiche Dupre in Limoges. Wenn also ein Fuhrmann einen Wagen voll billigen Wein aus der Vendee einführen würde, so müßte, nach dem Gesetz, der Wein ausgeschüttet, der Wagen verbrannt und der Fuhrmann schwarz und blau gepeitscht werden. Cantu, Bd. XII. S. 938. – Ist's nicht so Gendarm?«

»Ganz so, wie Ihr sagt!«

»Nun, Grasse, Tölpel, – was schüttelst Du Deinen Dummkopf?« fuhr Duval seinen Nachbar an.

»Weil's mir wieder kurios vorkommt, Wein auszuschütten, den man trinken könnte, dazu einen schuldlosen Wagen zu verbrennen, den man brauchen könnte, und einen gutmütigen Fuhrmann zu peitschen, weil er für arme Leute billigen Wein herbeischaffte,« antwortete Grasse.

»Seht Ihr, Gendarm, was dies für einfältige Menschen sind?« sprach Duval, dem Wächter der Gesetze das Glas füllend. »Glaubt mir, diese Bauern sind so dumm, daß sie gar nicht imstande sind, das Gesetz zu übertreten. Zur Übertretung des Gesetzes gehört nämlich doch eine böswillige Absicht, – unsere Bauern sind aber einer böswilligen Absicht ebensowenig fähig, wie ihre Ackergäule. Der ganze Unterschied zwischen beiden besteht nur darin, daß die einen zwei, die anderen vier Beine haben. Im übrigen fressen die Zweibeinigen ebensogut Gras, Farrenkraut und Stroh, wie die Vierbeinigen.«

Der Gendarm lächelte und trank. Der Schmied füllte gastfreundlich das geleerte Glas wieder.

»Paßt auf, Leute, ich will euch das Ding erklären!« fuhr Duval fort. »Der Wein ist unschuldig, der Wagen ist unschuldig – meinetwegen ist auch der Fuhrmann unschuldig. Dennoch sind Wein, Wagen und Fuhrmann Diebe, Betrüger und Frevler am Staate. Warum? Das verhält sich so! Nämlich der reiche Dupre in Limoges zahlt jährlich an die Regierung hunderttausend Frank für das Weinmonopol, – das heißt für das Recht, daß aller Wein, welcher in der Provinz Limousin wächst, nur von ihm gekauft und wieder verkauft werden darf. Natürlich kauft Herr Dupre den Wein billig, – er macht den Preis; denn es darf ja niemand kaufen als er. Ein Esel müßt' einer doch sein, der sich selber beim Kaufen einen hohen Preis macht und keinen möglichst geringen. – – Wieder ist's natürlich, daß Herr Dupre den Wein teuer – verkauft; denn auch hier bestimmt niemand den Preis als er. Wenn dabei der reiche Herr Dupre ein glänzendes Geschäft macht und noch reicher wird, so geht uns das nichts an. Er übt sein Monopolrecht aus, das er um hunderttausend Frank von der höchstweisen Regierung gekauft hat. Wer in unserer Provinz Wein trinken will, der ist ein Schuldner des Herrn Dupre. Und wer kein Schuldner des Herrn Dupre werden will, der darf eben keinen Wein trinken. Das ist doch alles sehr klar!«

»Wiederum kurios,« behauptete Grasse mit dummdreister Miene. »Warum sollen wir Franzosen nicht allen Wein trinken dürfen, der in ganz Frankreich wächst? Warum verkauft die Regierung an den reichen Dupre das Recht, uns armen Menschen teueren Wein aufzuhängen, den wir billig haben könnten, wenn das Monopol nicht wäre?«

»Da hört wieder den Schafskopf, Freund Gendarm!« sagte Duval, indem er sein Glas mit jenem seines Gastes anstieß.

»Die Regierung kann tun, was ihr gefällt,« warf der Gendarm kurz hin.

»Jawohl, – was ihr gefällt, das tut die höchstweise Regierung, und ihr gefällt nur, was Geld einbringt,« bestätigte der Schmied. »Merk' Dir's, Grasse, – was Geld einbringt! Zöge die Regierung hunderttausend Frank Weingeld aus dem Limousin, wenn sie das Weinmonopol nicht an Dupre verkauft hätte? Und wenn die höchstweise Regierung aus den übrigen Provinzen noch fünf Millionen Frank für verkaufte Weinmonopole bezieht, ist das nicht eine hübsche Einnahme? Freilich müssen die Bürger, die Bauern, die Arbeiter und andere arme Teufel, vielleicht zehn Millionen Frank Weingeld an die monopolisierten Weinhändler bezahlen, – natürlich! Die Monopolisierten wollen möglichst viel dabei gewinnen.«

»So – so, – hm – hm!« murmelte Grasse.

»Seht, Leute, im Staate ist's gerade wie in einer Haushaltung,« belehrte Duval, »man braucht Geld! Ohne Geld kann ein Haushalt nicht geführt werden. Freilich gibt's auch schlechte Haushalter, die alles vergeuden, verschwenden und verprassen. Aber die Staatshaushaltung weiß nichts von Verschwendung, – im Gegenteil, es geht nie so viel ein, als sie braucht. Daher kommt's, daß Abgaben und Steuern immer größer werden müssen, weil eben auch die Ausgaben immer größer werden. – – Freund Gendarm, hab' ich recht oder nicht?« frug Duval, dessen verschmitzte Arglist die ernsthafteste Miene verbarg.

»Ganz richtig! die Einnahmen müssen nach den Ausgaben geregelt werden,« sagte der Gendarm.

»Die Bauernregel,« versetzte Grasse, »heißt umgekehrt, – nämlich: – strecke dich nach der Decke! Oder: gib nicht mehr aus, als du einnimmst!«

»Für Bauern paßt die Regel, für Könige, Minister und hohe Herren aber nicht,« behauptete Duval. »Für hohe Herren ist's eine Ehre, Schulden zu machen, für Bauern eine Schande. Für Herrschaften gibt's eigentlich gar keine Schulden, – nur das Volk macht Schulden; denn das Volk muß alles bezahlen. Die Steuern, die Weggelder, die Zolleinnahmen, die Verzehrungstaxen, die Tabaksmonopole, die Salzmonopole, die Weinmonopole, die Fruchtmonopole decken alles zu. Deshalb ist jeder ein Dieb und Betrüger, welcher ein Monopol umgeht.«

»Was heißt das, ein Monopol umgehen?« frug der dumme Grasse.

»Seht Ihr, Freund Gendarm, unsere Leute sind gelehrig, – sie fragen!« rief lachend der Schmied. »Würde mehr gesorgt für Volksbelehrung, es stände nicht so kläglich in Frankreich, es gäbe nicht so viele Betrüger und Diebe. – – Was es heißt, ein Monopol umgehen? Paßt auf! – In der Vendee kostet der Zentner Salz nur drei Frank, weil die Vendeer starrköpfige Leute sind, die an alten Rechten halten und dem Teufel Trotz bieten. Bei uns kostet der Zentner Salz vierzig Frank. Wenn nun jemand in der Vendee für drei Frank einen Zentner Salz kauft und selben mit seiner Familie in dem Limousin verbraucht, so hat er den Staat um siebenunddreißig Frank betrogen; denn unser Zentner Salz kostet vierzig Frank. Geradeso ist's mit der Frucht. Die Kaufleute von Rouen z. B. zahlen der Regierung ein teures Monopol auf alles Getreide, das in der Normandie verzehrt wird. Daher ist das Brot in der Normandie sehr teuer, weil die Kaufleute Profit machen wollen – versteht sich! Wenn nun jemand in der Vendee, wo es kein Fruchtmonopol gibt, billiges Getreide kaufen und in der Normandie billiges Brot verkaufen würde, so käme er unfehlbar an den Galgen oder auf die Galeeren, denn ein solcher hätte das Monopol umgangen, den Staat betrogen Wachsmuth, Bd. I. S. 10.

»Für meinen Teil möchte ich lieber in einem Lande wohnen, wo's keine Monopole gibt,« bekannte Grasse, dummpfiffig den Gendarmen anlächelnd.

»Wo ist ein solches Land? Nirgends in der Welt, soweit Fürsten regieren,« sagte Duval mit gelehrter Miene. »Wir Franzosen sind noch ganz gut daran; denn wir kaufen Salz und Kaffee, wenn wir wollen, oder Geld dazu haben. Betrachtet aber die Preußen, – das sind versalzene Leute! Dort regiert ein König, Friedrich II., auch der »Große« geheißen. Dieser Preußenkönig Friedrich der Große hat keine Salzmonopole, fängt's aber viel gescheiter an, Geld zu machen, – er braucht nämlich viel Geld, weil er viele Kriege führt, – oder geführt hat; denn er soll neulich gestorben sein. Wie fängt er's an? Er läßt jedes Jahr seine preußischen Untertanen zählen. Dann befiehlt er, jeder Preuße, Mann, Weib, Junge, Mädchen, Kind, – kurz jedes menschliche Wesen in Preußen muß jährlich vier Metzen Salz essen, – denkt euch, – vier Metzen! Hat ein armer Hausvater sieben Kinder und eine Frau, muß er demnach sechsunddreißig Metzen Salz vom Könige kaufen. Tut er dies nicht, weil er mit zehn Metzen übergenug hat, so wird er scharf gestraft mit Geld oder Gefängnis Onno Klopp, Friedrich II. von Preußen, S. 317 f.. – Noch ärger treibt's der große Preußenkönig in anderen Stücken, zum Beispiel mit dem Kaffee. Das Pfund Kaffee kauft der König für einen Frank, und verkauft das Pfund um vier Frank. Und alle Preußen müssen des Königs Kaffee trinken. Wer anderswo billigen Kaffee kauft, der marschiert drei Jahre auf die Festung Spandau, wo er den Schubkarren zu drücken hat Preuß, III. 29.. – Nun, Leute, was sagt ihr dazu? Wollt ihr tauschen mit den versalzenen Preußen?«

Der Gendarm machte große Augen.

»Muß gestehen, Duval, Ihr seid gelehrt!«

»Na, – man liest halt die Zeitung, zuweilen auch in Büchern!« antwortete bescheiden der Schmied. »Aber da fällt mir ein,« fuhr er fort, indem er näher rückte und seinem Gaste die Zeitung überreichte, »das ist was für Euch, Freund Gendarm! Leset einmal dies hier, – behaltet's aber für Euch!« setzte er mit gedämpfter Stimme und vertraulichem Tone bei.

Der Gendarm las die bezeichnete Stelle: »Der Deputierte Mirabeau griff in der letzten Sitzung die Monopole und Verzehrungstaxen in scharfer Weise an. Er nannte dieselben eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, eine herzlose Unterdrückung der ärmeren Volksklassen, die keinen Augenblick länger geduldet werden dürfe. Der Finanzminister gab die Versicherung, daß jede Belastung der notwendigen Lebensbedürfnisse, wie Brot, Salz, Wein, der Regierung höchst peinlich sei und die Vollzugsorgane angewiesen würden, mit äußerster Rücksicht und Milde zu verfahren.«

Der Gendarm las zum zweitenmale und wurde nachdenklich.

»Nicht wahr, Freund Gendarm, gut ist's doch, wenn man weiß, wie gerade die Welt geht?« flüsterte Duval vertraut. »Als gescheiter Mann werdet Ihr wissen, was Ihr zu tun habt. Ihr werdet kein Protokoll gegen Euch selber machen wollen.«

»Gegen mich selber? Wie meint Ihr das?«

Duval näherte seinen Mund noch mehr dem Ohre des Gendarms.

»Ihr habt doch gelesen, was der Finanzminister gesagt hat? – Nun also! Protokolliert Ihr den Roßwirt, so bringt Ihr die Regierung in große Verlegenheit, Euch in keinen Nutzen und den Roßwirt in keinen Schaden. Die Regierung wird sich ärgern über einen Gendarm, der so unklug ist, in dieser Zeit der Gärung Holz in's Feuer zu werfen. Was aber ein Zorn der Regierung gegen einen Gendarm bedeutet, – nun, das wißt Ihr besser als ich.«

Eine helle Mädchenstimme klang vom Weg herüber, der außerhalb des Gartenzaunes hinlief.

»Guck, – meine Madelon! Entschuldigt, Freund Gendarm,« sagte Duval, indem er sich erhob und durch den Garten nach dem Zaune hinschritt.

Duvals Tochter Madelon war eine blühende Gestalt, von üppigen Formen und lebhaftem, freiem Wesen. Ihre braunen Augen glänzten, ihre Wangen glühten ungewöhnlich, und eine wichtige Kunde spielte um den lächelnden Mund. Am nackten Arm trug sie ein Körbchen, und im schwarzen Haare ein schreiend-rotes Band, dessen lange Enden am Rücken hinabhingen.

»Was gibt's?« frug der Schmied.

»Etwas merkwürdiges, Vater! Ich muß Dir's gleich sagen, – ich soll auf's Schloß.«

»Auf's Schloß? Wieso?«

»Ich pflückte Salat im Gärtchen an der Straße, die zum Schlosse führt. Da kam der junge Graf Henry und der junge Herzog von Chatel. Weil sie nur zehn Schritte an mir vorbeigingen, so richtete ich mich auf und grüßte die Herren. Chatel blieb verwundert stehen und betrachtete mich, wie man ein Meerwunder betrachtet. Ich konnte mir nicht helfen und mußte laut lachen über die großen Augen des Herzogs. – »Wer ist dieses hübsche Kind?« frug er den Grafen. – »Madelon, die Tochter meines Hörigen Duval,« antwortete der Graf. – »Prächtig, – erstaunlich, – ganz überwältigend!« sagte Chatel. – Graf Henry lachte. Darauf gingen die Feudalen weiter. Ich sah ihnen nach und bemerkte, wie sie miteinander lebhaft redeten. Dann kehrten sie um und standen wieder vor mir. – »Madelon, hättest Du nicht Lust, zu mir auf das Schloß zu kommen?« fängt der Graf an. – »Warum nicht, gnädiger Herr!« antwortete ich. – »Du weißt, Madelon, ich bin Dein Lehensherr und kann Dir befehlen, in meinen Dienst zu treten,« fuhr der Graf fort. »Du sollst aber nicht gezwungen, sondern freiwillig kommen. Melde Deinem Vater meinen Willen und handle nach Deinem Vorteil. Adieu, schöne Madelon!« – Herzog Chatel warf mir zwei Kußhände zu und die Herren gingen fort. – – Ist das nicht merkwürdig, Vater?«

Duval hatte fortwährend auf den Boden niedergesehen, wo er schließlich einen Schatz entdeckt zu haben schien, dessen Hebung keine Schwierigkeiten bot.

»Allerdings merkwürdig! Will mir's überlegen,« sprach er kurz und kehrte nach dem Tische zurück, wo der Gendarm verschwunden war.

»Er ist fort!« riefen ihm die Bauern entgegen.

»Du hast Deine Sache gut gemacht,« rühmte Grasse.

»Und Du hast Deine Rolle ausgezeichnet gespielt!« rief lachend der Schmied. »Ein dümmeres Gesicht, als das Deinige, hab' ich mein Lebtag nicht gesehen. Der Gendarm hält Dich jedenfalls für den größten Simpel der Welt. – – He, Roßwirt, wir haben Dich aus der Patsche gezogen, – von den Galeeren, von Galgen und Rad Dich erlöst, – unsere Rechnung ist bezahlt!«

Der Wirt umarmte Duval und gab ihm einen Kuß.

»Ich will Dir's gedenken, Bruder!«

»Hat sich der Henkersknecht der Tyrannei aus dem Staube gemacht, wie ein stummer Hund?« frug Duval.

»Er kam zu mir in die Stube, wo ich mit beiden Händen meinen verlorenen Kopf hielt, und sagte: »Wirt, für diesmal will ich durch die Finger sehen! Schweiget und hütet Euch!« – darauf ging er fort mit großen Schritten.

Die Bauern lachten.

»Auf drei Beinen ist nicht gut gehen, – noch eine vierte auf Deine Rechnung, Baptist!« sagte Duval.

Der Roßwirt vollzog die Bestellung ohne Widerrede.

»Freunde eine Neuigkeit!« hob der Schmied an. »Herzog Chatel hat sich in mein Blitzmädel verguckt« und mit Behagen erzählte er den Vorgang.

Die Bauern hörten nichts ungewöhnliches. Die herrschende Unsittlichkeit der höchsten Stände hatte die Volksklassen angesteckt. Seit der schamlosen Maitressenwirtschaft der Könige und der Mode des Adels Frau Venus öffentlich zu huldigen starb auch im Volke der hohe Sinn, vielfach sogar das Verständnis für Herzensreinheit. Hiezu kam die philosophische Aufklärung der Zeit, welche in einer Flut von Volksschriften den religiösen Glauben verspotteten, die Sittengesetze verächtlich machten.

»Duval Glückskind, das gibt ein ausgezeichnetes Geschäft!« rief ein Zechgenosse.

»Es kommt darauf an, ob er das Geschäft machen will, wenn er mit einer so ausgezeichneten Ware ein besseres machen könnte,« sagte Grasse.

»Auf Duval kommt es hier gar nicht an,« behauptete der Alte. »Der Grundherr hat ein größeres Recht auf unsere Kinder als wir selber. Überhaupt haben wir gar kein Recht. Wir gehorchen, das ist alles!«

»Gehorchen?« rief Grasse mit wilden Blicken und geballten Fäusten. »Ich sage Euch, das Volk wird seine Tyrannen zertreten!«

»Langsam, mein Sohn, nur langsam,« versetzte bedächtig der Alte. »Laßt einen reden, der siebenzig Jahre gelebt der vieles erfahren und den Weltlauf kennen gelernt hat. Denkt doch an die gesetzlichen Rechte der Grundherren! Befiehlt unser Graf, daß wir ihm die Kutsche ziehen und von der Peitsche den Rücken zerbläuen lassen – wir müssen gehorchen, dieweilen der Graf ein Recht hat, uns an seinen Wagen zu spannen. Befiehlt unser Graf, daß wir nachts am Schloßgraben der alten Burg Wache stehen und mit Stangen nach den Fröschen schlagen, damit ihr Quaken den Schlaf unseres gnädigen Herrn nicht störe – wir müssen nach Gesetz und Herkommen gehorchen. Reitet unser Graf im Winter auf die Jagd und will sich die kalten Füße wärmen, so müssen sich zwei Bauern vor ihm niederlegen und auf ihrem entblößten Schoße die kalten gräflichen Füße warm werden lassen Cantu, Bd. XIII. S. 33. – Solche Rechte, und noch viel größere, haben die Feudalen über uns hörige Knechte.«

»Die Feudalen haben uns tyrannisiert, weil sie nur Sklaven und hörige Knechte an uns gefunden,« rief Grasse. »Jetzt werden die Tyrannen Männer an uns finden, die zum Bewußtsein ihrer Menschenrechte gelangt sind.«

»Dies hast Du in einer Zeitung gelesen, mein Sohn!« sprach der Alte. »Solche hübsche Worte zu schreiben, zu drucken, zu lesen, mag angenehm sein für einen rechtlosen Mann. Versuches aber einmal, Deine Menschenrechte geltend zu machen! Trotze den Befehlen Deiner Herrschaft, unterlasse Frohnden, Zehnten, Abgaben, Steuern, – Gendarmen, Soldaten, Kerker, Hiebe, Galeere, Galgen und Rad werden Dich erinnern, daß man gehorchen muß.«

»Was streitet Ihr?« sagte Duval. »Ihr beide habt recht. Wir acht stürzen freilich die Tyrannen nicht. Vielleicht aber gehören wir zu den fünfundzwanzig Millionen geknechteter Franzosen, die Rechenschaft fordern und Freiheit und Gleichheit und Gerechtigkeit von ihren Zwingherren! Also kein Streit. Wartet ab. – Vorläufig hat mein Blitzmädel einen Herzog gefangen – und der Herzog soll sich mit viel Geld aus der Gefangenschaft lösen!«

»Das ist gut gesagt – klug gedacht – pfiffig spekuliert!« riefen die Bauern.

»Nur zwei Haare finde ich in der Suppe!« sprach der Schmied. »Ihr wißt, Freunde, meine Frau ist aus der Vendee, wo die Leute noch aus den Händen der Pfaffen das Stroh dummer Gläubigkeit fressen. Ja die Vendee ist der einzige zurückgebliebene Winkel in ganz Frankreich! Darum ist meine Frau ungeheuer bigott und fürchterlich fromm. Sie glaubt noch an Gott Vater und an Gott Sohn und plappert lange – lange Rosenkränze zur Mutter des Juden von Nazareth. Seht Freunde, wenn man den Rousseau gelesen hat und den Voltaire, so kriegt man Bauchgrimmen über solch ein Weib! Zeter und Mordio wird meine fromme Alte kreischen über mein Glück, den Herzog Chatel rupfen zu können.«

»Pah – in Deinen Fäusten hast Du ja das Mittel, Deine alte Raison zu lehren,« sagte ein Bauer.

Duval stieß ein leises Pfeifen zwischen den Lippen hervor, das wie sausende Streiche klang.

»Das zweite Haar ist Thomas Gilbert,« fuhr der Schmied fort. »Der Junge ist geschickt in seinem Gewerbe und kann's zu etwas bringen, – das heißt, wenn er nicht erstickt am Strange des Monopols auf Seidenweberei. Kann denn heute noch ein geschickter, fleißiger Mensch aufkommen? Nur Spitzbuben und Betrüger schmieden das Eisen. – Gilbert ist ein tüchtiger Arbeiter, hab' nichts dagegen, wenn er Madelon heiratet, – hab' sie ihm sogar schon halb und halb versprochen. Was wird nun der arme Junge dazu sagen, wenn Madelon in Schloßdienste kommt?«

»Ist Gilbert eifersüchtig?«

»Hu, – wie ein Truthahn!«

»Du mußt ihm diese Dummheit ausreden,« sagte Grasse. »Ob er Madelon zwei, drei Monate früher oder später heiratet. Wenn Gilbert kein Esel oder religiöser Schwärmer ist, so wird er mit Vergnügen die Goldfüchse einstreichen, welche für ihn abfallen von Madelons Dienst beim Herzog.«

»Du bist ein praktischer Mensch,« sprach kopfnickend der Schmied. »Es wird mir schon gelingen, denk' ich, die zwei Haare aus der Suppe zu fischen.«

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