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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 19
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Emigriert.

Hanna steht im abgeschlossenen Hofe der Ökonomiegebäude des Schlosses Valfort und wirft mit vollen Händen Fruchtkörner unter das Federvieh. Hühner und Hähne, Welsche und Normänner, begrüßen freudig den goldenen Regen. Auch die Tauben schweben von den Dächern herab, sich gelbe Körner aufzulesen.

Das Mädchen sieht lächelnd in das Treiben der Gefiederten und auch hinüber, wo Pierre, an der Wand des Pferdestalles, auf einer Bank sitzt, ernst und nachdenkend, wie ein richtiger Philosoph. – Pauls Getreuer hatte die wachsende Niedergeschlagenheit seines Herrn mit Besorgnis wahrgenommen und deren Ursache erraten. Bei seiner Anhänglichkeit und Bewunderung für den jungen Baron hielt Pierres Gemütsstimmung mit jener seines Herrn gleichen Schritt. Pierre wurde einsilbig, summte keine Lieder mehr bei der Arbeit, erschien traurig, sogar düster. Ordnete er Pauls Zimmer, so hielt er beständig Monologe, in denen sehr häufig die Worte vorkamen: »Eine ergreifende Schönheit, – ja, es hat ihn ergriffen! – Diese ergreifende Schönheit, welches Unheil richtet sie an!«

Allgemach steigerte sich Pierres Stimmung bis zur Erbitterung gegen das ganze Frauengeschlecht, von dem kein Segen ausgehe für die Männer. Nähere Bekanntschaft mit dieser gefährlichen Menschengattung hatte er zwar noch nicht gemacht; allein er kannte Eva, deren Naschhaftigkeit ihrem Manne verderblich wurde. Er wußte von den hübschen Frauen des Königs Salomon, die zur Abgötterei verleiteten und sogar die Weisheit betörten. Auch die tanzende Tochter der Herodias kannte er, deren Künste einem heiligen Manne den Kopf kosteten. Daß heute noch die Frauen von gleicher Gefährlichkeit seien, bewies die treulose Isabella.

Aus allen diesen Gründen wurde Pierre dem weiblichen Geschlechte bitterböse. Selbst für Hanna, die ihm früher nicht gerade gleichgültig gewesen, hatte er nur finstere Blicke. Neckte sie ihn bei zufälligem Begegnen, so brummte er in übler Laune und strafte ihr heiteres Lachen mit zusammengezogenen Brauen. Kam Hanna in den Hühnerhof, der an Pierres Gebiet grenzte, so mied er ihre Nähe und flüchtete in den Pferdestall.

Heute blieb er ausnahmsweise sitzen, pfiff leise ein Lied, schenkte sogar Hannas Gegenwart einige Aufmerksamkeit, indem er die Fütterung beobachtete.

Sie gewahrte Pierres helle Laune und lächelte schelmisch.

»Wie geht's, Pierre?«

»Danke der Nachfrage, – heute ausgezeichnet!«

»Wie mich das freut! Und warum ausgezeichnet, – wenn man fragen darf?«

»Weil mein Baron ausgeritten ist heute, was er seit fünf Monaten nicht getan hat.«

»Hat das Ausreiten eine so gute Bedeutung, Pierre?« frug sie, näher tretend.

»Bei einem Menschen allerdings, der alle Lebenslust verloren hatte, – Du weißt ja, wegen jener ergreifenden Schönheit! Will ein Kranker essen, so bedeutet das Genesung. Findet ein Trauriger am Ausreiten Vergnügen, so bedeutet auch dies Genesung.«

»Ist Gräfin Isabella denn wirklich so schrecklich schön, daß sie einen jungen Mann herzenskrank machen kann?«

»Ob sie schön ist? Ich sage Dir, so verdammt schön, daß ihre Schönheit alles ergreift, erobert, unterwirft, zum Sklaven und Leibeigenen macht, was in ihre Nähe kommt.«

»Dann wünsche ich, sie möchte treulos sein und bleiben.«

»So! Warum?«

»Weil sie dann nicht hieher kommt, um alle Männer, zu denen auch Pierre gehört, zu ergreifen, zu erobern, zu unterwerfen, zu Sklaven und Leibeigenen zu machen.«

»Hm, – Isabella macht keine Eroberungen in Gesindestuben, Höfen und Pferdeställen.«

»Ich meine aber doch, Pierre könnte sich neben manchem Baron sehen lassen, wenn er auch etwas nach dem Stalle riecht,« neckte sie.

»Das könnte ich von Dir nicht sagen, Spottvogel! Neben Isabella gestellt siehst Du ungefähr aus, wie eine Brennessel neben einer Rose oder wie eine Gans neben einem Pfau.«

»Daran ist eben Dein Geschmack schuld, Pierre! Der Zuvielkommissär hat mich ganz anders taxiert.«

»So, – der Zuvielkommissär? Was ist's mit dem?« frug er etwas heftig.

»Du weißt, ich hab' im Elefanten gekocht und aufgewartet. Wie ich ihm die Suppe brachte, hat er gesagt: »Ein schönes Kind, – sind alle Mädchen in der Vendee so hübsch, wie Sie, reizende Hanna?« – Von einer Brennnessel oder Gans hat er nichts an mir gefunden.«

»Der Zuvielkommissär hat geredet wie ein Stockfisch. Und Du hast Dir auch das Wangenstreicheln gefallen lassen?«

»Natürlich! An so etwas bin ich ja nicht gewöhnt.«

»Jetzt fort, – mir aus den Augen!«

»Aber – Pierre!«

»Fort, – sag' ich!«

»Weshalb so böse, guter Pierre?«

»Du kannst noch fragen? Fort, – sag' ich!«

»Scherz beiseite, Pierre! Als der Zuvielkommissär mir die Wangen streicheln wollte, hab' ich ihm getan, was ich Dir jetzt tue, – hab' ihn meinen Rücken sehen lassen,« sagte sie lachend und verließ den Hof.

»Eine rechte Hexe!« brummte Pierre. »Ich weiß, sie ist mir gut. Aber ich will ein freier Mann sein und mich vor der Zeit nicht ergreifen lassen. Herr und Knecht ergriffen, – das wäre schön!«

Er ging nach dem Haferboden. Hiebei unterließ er nicht, an einer bestimmten Stelle stehen zu bleiben, wo man auf den Weg hinabsehen konnte, der zum Schlosse emporführt, und nach dem zurückkehrenden Baron zu spähen. Einen Reiter fand er zwar nicht auf dem Wege, wohl aber einen Fußgänger, dessen Gang ihn fesselte. Er sah genauer und die Merkmale des Staunens traten in seine Züge.

»Soll's denn möglich sein? Nein, – es ist nicht möglich!« murmelte er, ohne seinen Blick von dem Wanderer abzuwenden.

Dennoch schien Pierre an die Möglichkeit des Unmöglichen zu glauben; denn er strengte seine volle Sehkraft an, um die Gesichtszüge des Fremden unterscheiden zu können. Aber die Entfernung und ein Hut, tief über das Gesicht hereingezogen, vereitelten seine Absicht. Ebenso erschütterte eine sehr lange und verbleichte Bluse, über und über mit neuem Flickwerk besetzt, seinen Glauben an ein freudiges Ereignis.

»Er ist es nicht, – kann es nicht sein, – Flickwerk eines Bettlers kommt ihm nicht an den Leib,« murmelte er. »Aber der Gang, – die Haltung!«

Das Spähen und Forschen verschärften sich. Er stand mit vorgebeugtem Leibe, sein Atem stockte, seine Augen schienen aus den Höhlen treten und den Raum zwischen ihm und dem Gegenstande einer so unerhörten Aufmerksamkeit vermindern zu wollen. So überwältigend war Pierres Spannung, daß er dastand, starr, wie eine Bildsäule.

Der Unbekannte schritt eben durch das Schloßtor, blieb rastend im Hofe stehen, zog den Hut vom Kopfe und trocknete den Schweiß von der Stirne. Da gellte ein Aufschrei von den Ökonomiegebäuden herüber. Pierre rannte über den Hof. Der Fremde ließ Stock und Hut fallen und lief dem Anstürmenden entgegen.

»David, – Pierre!« rief es; dann ausgebreitete Arme, gegenseitiges Umschlingen und Küssen.

»Laß mir nur meine Rippen ganz,« stöhnte David.

Pierre tat einen Luftsprung, sah mit freudeblitzenden Augen in das schalkhaft lächelnde Gesicht seines Freundes, nahm dessen Arm und geleitete ihn nach seiner Stube neben den Pferdeställen. Dort erst kam ihm die Sprache wieder.

»David, – bist Du's wirklich? Herrgott, – welche Freude! So froh war ich in meinem Leben noch nicht. Weiß Gott, – jeden Tag hab' ich an Dich gedacht, Du guter, herziger David!«

»Meinerseits war's auch nicht besser!« sagte David, eine Träne in den Augen.

»Komm' her, – setze Dich! Du bist müde, – hungrig. Tausend Dinge hab' ich zu fragen. Aber jetzt kein Wort. Zuerst essen, trinken, Du mein Herzensdavid! Auch soll vorderhand niemand erfahren, wen ich in meiner Kammer hab'. Sie würden Dich ins Schloß nehmen und ich könnte warten. An meinen Baron bist Du geschickt, – er ist ausgeritten, – also bist Du vorerst mein. Mache Dir's bequem. Gleich bin ich wieder da.«

Er lief nach der Schloßküche. Hanna war um Schränke tätig. Staunend gewahrte sie das freudestrahlende Gesicht des Hereinstürmenden.

»Hanna,« begann er schmeichelnd, »hast Du nichts zu essen? Je besser, desto angenehmer, und je mehr, desto besser. So einen kalten Braten, – Geflügel, – Wildbret und dergleichen.«

Sie lachte hell auf.

»Zwei Stunden vom Mittagessen und schon wieder Hunger?«

»Gewiß, schrecklicher Hunger, beste Hanna! Bin zwar schon achtundzwanzig Jahre alt, – heut' aber ein Junge von sechzehn Jahren, der schnell verdaut und immer essen will. Nur geschwind, gute Hanna, – hab' einen schrecklichen Jähhunger!«

»Gute Hanna, – beste Hanna, – hast Du wirklich so gesagt, Pierre?«

»Natürlich, – gute, beste, allerliebste Hanna, – nur geschwind!«

»Gute, – beste, – allerliebste Hanna? Dies kommt Dir wirklich von Herzen, Pierre?«

»Von ganzem Herzen, – und vom Magen; nur geschwind! Soll ich Dir suchen helfen?«

Er öffnete einen Speiseschrank.

»Hu, – Überfluß! Da von diesem Hirschbraten ein Stück für drei Mann, – auch von diesem angeschnittenen Geflügel, – oder besser, ich nehme es gleich ganz.«

»Es ist ja eine Gans, Pierre!«

»Tut nichts, – nur her damit!«

»Eine Gans neben einem Pfau, Pierre?«

»Pfaue sind unnütze Vögel, man kann nichts davon essen. Hier – Schinken? Auch her, – zum Nachtisch! Und zwei Teller, zwei Messer, zwei Gabeln, – nur geschwind!«

»Du willst für zwei essen, Pierre?«

»Und für zwei trinken, – also zwei Gläser und zwei Flaschen Wein, – und das alles zusammen in den Korb hinein!«

Sie ließ ihn gewähren.

»Aber, Pierre, was hat denn dies alles zu bedeuten?«

»Vorläufig essen und trinken. Das übrige wirst Du schon erfahren.«

»Und bei der guten, besten und allerliebsten Hanna bleibt es, Pierre?«

»Ganz gewiß, Hanna, wenn ich Dich immer so finde,« erwiderte er, und verschwand mit dem Korbe eilig aus der Küche.

Das Mädchen stand sinnend, die Augen gesenkt, den Finger am lächelnden Munde.

»War dies Pierre?« flüsterte sie. »Mir zeigt er doch immer die rauhe Seite, – und ich weiß, daß seine Rauheit nur ein Mantel ist, um seine Herzensgüte und Zartheit zu verhüllen. – – Gute, – beste, – allerliebste Hanna, – – was gab ihm nur den Mut, einmal seine Gedanken zu verraten? Und wie aufgeregt er war! Ganz toll vor Freude. Wen hat er nur bei sich in seiner Kammer? – Ich könnte ihm ein Stück Kuchen hinüber tragen, – doch nein! Dies würde ihm meinen Vorwitz verraten, und er mag die vorwitzigen Leute nicht. Ich will ihm keinen Anlaß geben, an mir etwas zu finden, was ihm nicht gefällt.«

Sie arbeitete weiter.

Pierre saß dem Freunde gegenüber, der kräftig aß.

»So ausgezeichnet hat es mir lange nicht geschmeckt,« rühmte der Torhüter von Rovere. »Dies macht nicht bloß mein Marsch, seit fünf Uhr diesen Morgen, sondern hauptsächlich die Gegenwart meines Pierre, der mich bedient mit fürstlicher Kost.«

Sie stießen an und tranken. Obwohl es Pauls Getreuen zu endlosen Fragen drängte, so stellte er doch nicht eine einzige, aus Furcht, durch Berührung unangenehmer Dinge die Lust des Speisenden zu stören.

»Am Gang erkannte ich Dich, – aber die geflickte Bluse machte mich irre.«

»Die Bluse und ihr Flickwerk sind auch zum Irremachen,« entgegnete David. »Im Reiche wimmelts von Räubern und Dieben. Man muß sich darstellen, als einen, bei dem nichts zu rauben ist. Ei, – wenn die Schufte geahnt hätten, welche Kostbarkeiten ich bei mir trage!«

»Kostbarkeiten?«

»Zuerst einen Brief Isabellas an ihren Bräutigam, – ist dies keine Kostbarkeit?«

»Und was für eine!« rief Pierre entzückt. »Demnach lebt sie, – in Sicherheit?«

»Lebt in Sicherheit!«

»Gott seis gedankt! Du kannst Dir nicht vorstellen, was für Ängste mein edler Herr schon ausgestanden. Ich sage Dir, mein armer Baron segelte fortwährend auf einem Meer von Sorgen und Bekümmernissen! So lange die Briefe kamen, gings leidlich. Damals gabs nur zwei Befürchtungen, – nämlich: die Revolutionäre möchten Rovere stürmen und Isabella ermorden, – oder Isabella möchte in der Prüfung nicht beharren und ihr christliches Streben im Stiche lassen. Als aber die Briefe ausblieben, da hatte mein Baron nicht Ruhe und nicht Rast. Am liebsten wäre er gleich nach Rovere geritten, wenns die Eltern erlaubt hätten. Wie nun gar Isabella nicht kam, der Abrede gemäß, da hättest Du meinen armen Herrn sehen sollen! Man hörte so viel von niedergebrannten Schlössern und argen Schandtaten der Revolutionäre. Daher stand es fest bei meinem Baron, die Schurken hätten die ganze gräfliche Familie gemordet. Und wenn ihm der Gedanke kam, die Schandbuben hätten noch ärgeres der schönen Gräfin angetan als den Tod, da kam er manchmal außer sich. Bei Vater und Mutter und Brüdern hat ers freilich nicht gezeigt, – aber in seinem Zimmer, wenn er allein war und vor mir seine Herzensangst und seinen Grimm über die Buben ausschüttete, – da wars zum Erbarmen. Oft meinte ich, er käme von Sinnen. Der heftigste Sturm währte glücklicherweise nur vierzehn Tage. Dann faßte er sich, – das heißt, er wurde so traurig und niedergeschlagen, wie ich noch keinen Menschen gesehen habe!«

»Ein treues Herz!« rühmte David, den Teller zurückschiebend. »Und Perle Isabella ist nicht minder treu. Jeden Tag ging sie nach Nod zum alten Pfarrer in die Christenlehre. Bedenke nur, was das heißt von einem so vornehmen Fräulein, – von einem Fräulein, das Herzögen und Prinzen Körbe gab! Was es heißt, täglich in die Lehre gehen wie ein Schulkind! Siehst Du, so etwas konnte nur herzinnige Liebe fertig bringen! Und jedesmal, so oft sie ging und kam, blieb sie bei mir stehen, und von nichts war die Rede, als von ihrem Paul. Ich konnte ihn nicht genug rühmen, nicht genug seine hohen Eigenschaften, seine Herzensgüte, seinen Edelsinn, seine Stattlichkeit herausstreichen. Sie sagte oft: »Ich will mich redlich bemühen, seiner würdig zu werden, obwohl mein Bemühen vergeblich sein mag; denn er bleibt immer zu groß für meine Kleinheit.« – Und täglich wurde sie noch schöner. Sie bekam einen Zug von Engelsgüte in ihr Gesicht, der früher nicht darin gewesen. Ich hab Dirs ja gesagt, – sie hat ganz das Zeug, eine Heilige zu werden.«

»Und jetzt?«

»Jetzt ist sie mit ihrem Vater nach Coblenz emigriert, – schon seit fünf Monaten und darüber.«

»Nach Coblenz? Wo ist das?«

»In Deutschland, einer hübschen Stadt am Rhein, wo sie wartet, bis der Sturm vorüber gebraust.«

»Gottlob, – sie ist geborgen! Mein armer Baron wird aufatmen und sich namenlos freuen.«

»Am Tage vor ihrer Abreise,« fuhr David fort, »gab sie mir einen Brief und einen höchst kostbaren Schmuck für ihren Bräutigam. Ich sollte persönlich die Kleinodien überbringen, was ich bei Gott geloben mußte. Es war ein sauerer und gefährlicher Gang, Pierre! Vier Wochen brauchte ich dazu, wegen der vielen Umwege, wegen des Stilleliegens und endloser Hindernisse in dieser wilden Zeit.«

Der Torwächter streifte den langen Kittel vom Leibe und auch den langen Rock, dessen tiefe Taschen seinen bescheidenen Vorrat an Wäsche enthielten. Mit dem Messer trennte er die Naht des Futters und zog ein Päckchen hervor. Er löste die Leinwandhülle, und ein elegantes Kästchen kam zum Vorschein, welches den Brief und ein Geschmeide von sehr hohem Werte enthielt. An goldener Kette hing ein goldenes Kreuz, mit vielen Diamanten und Rubinen geschmückt, eine prachtvolle Arbeit des Mittelalters. David drehte an einer winzigen Schraube. Das Kreuz öffnete sich. Die Höhlung zeigte kleine Partikeln heiliger Märtyrer, deren Namen auf Pergamentstreifen geschrieben standen. Pierre bekreuzte sich andächtig vor den Heiligtümern.

»Ach, – welche Kostbarkeiten!« sagte er. »Wie das meinen edlen Herrn freuen wird! Und der Brief, – und Isabella, die er tot, ermordet wähnt, – lebend, in Sicherheit! Ich fürchte, die Freude wird zu groß, zu unerwartet und darum gefährlich sein. Ich muß ihn zuerst vorbereiten. Du darfst ihm nicht gleich unter die Augen. Man hat Beispiele, daß plötzliche allzugroße Freude närrisch machte, oder gar tötete. Größere Freuden kann es aber für meinen Baron gar nicht geben, als Du bringst.«

»Du hast recht! Das Glück hat immer zwei Seiten, eine gute und eine schlimme. Seien wir vorsichtig.«

»Da nun Dein Graf fort ist, so bleibst Du doch bei uns, David?«

»Wenn ich das könnte! Als mein Graf fortging, befahl er mir: »David, Du bleibst auf Deinem Posten, bis ich zurückkehre.« Ich versprachs. Kein redlicher Mensch bricht sein Wort und verläßt seinen Posten.«

»Ist Schloß Rovere nicht geplündert und verbrannt?«

»Das nicht, – aber sein gegenwärtiger Zustand ist jämmerlicher als eine Ruine,« antwortete traurig der Torhüter. »Graf Henry hat aus dem Hause seiner Väter eine Räuberhöhle gemacht. Er ist der wütendste Revolutionär im ganzen Limousin geworden. Von nichts redet er, als von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Er verkehrt mit dem gemeinsten Gesindel in Limoges, das ihn besucht, und ganze Nächte hindurch im Schlosse schwelgt und tobt. Bürger Rovere, wie sich der Graf jetzt nennt, schimpft fürchterlich über alle Aristokraten und schwört, jeden zu erschießen, der nicht revolutionär sei. Alles fürchtet sich vor ihm. Die brutalsten, blutdürstigsten Menschen sind seine besten Freunde. Seine Volkstümlichkeit in das hellste Licht zu stellen, hat er die Tochter des Grobschmiedes von Nod geheiratet, Madelon Duval, ein freches, übermütiges Ding. Als die Bauern gegen das Schloß des Herzogs von Chatel zogen, stellte er sich an ihre Spitze, ließ den Herzog, seinen Freund, an eine Laterne hängen, und sang dazu die Marseillaise. Darauf wurde das Schloß geplündert und angezündet.«

»Ein höchst erbärmlicher Wicht!« zürnte Pierre. »Und der kleine Oberst Emil, – was wurde aus ihm?«

»Er ging mit seiner Mutter und Pichat nach Spanien, – das arme Kind! Ich dachte, es wäre ihm besser, die Bauern hätten das körperliche Gehäuse des Kleinen zerschlagen, damit die Seele zum Himmel fliege, als Leib und Seele verderben in einer so faulen Gesellschaft.«

Pierre nickte beistimmend.

Hufschlag klang über dem Pflaster. Paul ritt in den Hof. Sein Blick suchte die verkörperte Regelmäßigkeit, die in Pierres Gestalt ihn zu erwarten pflegte. Er schwang sich aus dem Sattel und stand im Begriffe, das Pferd selber in den Stall zu führen. Da eilte Pierre glühenden Gesichtes heran.

»Verzeiht, Gnaden, verzeiht, daß ich den Augenblick versäumte! Ich habe, – ich wollte, – ich konnte nicht gleich bei der Hand sein.«

Der Baron gewahrte die Verwirrung seines Getreuen, sowie dessen inhaltsreiche Gesichtszüge, und schloß auf besondere Vorgänge. Während Pierre das Pferd einstellte, sah Valfort nach dem Stubenfenster des Knechtes und glaubte, eine Gestalt zu bemerken, die sich nach dem Hintergrunde zurückzog. Er trat unter die Stalltüre. Pierre tat eilig und beging unerhörte Mißgriffe. Er ließ dem Pferde Sattel und Zaum, und warf die Decke über dessen Kopf und Hals.

»Pierre, was machst Du? Sattel und Zaum herunter, die Decke an ihre richtige Stelle.«

»Vergebung, Gnaden! Mein Kopf ist ganz wirr. Der kleine Oberst Emil hat Recht, – bin ein tölpelhafter Mensch!«

»Was hat Dir den Kopf verwirrt?«

»Ach, Herr, – eine Neuigkeit, eine Botschaft!«

»Woher?«

»Von einem guten Bekannten, der behauptet, sichere Kunde über Gräfin Isabella von Rovere zu wissen.«

Die Worte versetzten Paul in ungeheure Aufregung.

»Von Isabella?« rief er, an allen Gliedern bebend. »Mensch, sprich, – was weißt Du?«

»Erschrecken Sie nicht, Gnaden, – die Botschaft klingt froh! Das Schloß wurde nicht verbrannt, die Gräfin nicht ermordet. Sie haben sich umsonst bekümmert und abgehärmt. Mein Freund sagte, Gräfin Isabella sei mit ihrem Vater emigriert.«

»Emigriert? Gott im Himmel, – Dir sei Preis und Dank!«

»Ja, Gnaden, emigriert nach Deutschland! Aber zittern Sie doch nicht so, Gnaden!«

»Zittere ich, lieber Pierre? Freude, Jubel, – emigriert! Von meiner Seele fällt ein Gebirge! Sie entging den Mordgesellen, den Unholden, – o gütige Vorsehung, wie danke ich Dir!«

»Wenn die Nachricht wahr ist, haben wir zum Danke alle Ursache,« sagte Pierre, in der Absicht, durch erhobenen Zweifel den Gemütssturm seines Herrn zu mäßigen. »Ich hoffe und wünsche, die Kunde möchte richtig sein.«

»Von wem hast Du sie?«

»Von einem Bekannten, den ich Gnaden vorstellen möchte.«

»Der sich in Deiner Stube befindet?«

Er eilte nach Pierres Kammer, wo ihm David grüßend entgegentrat.

»Ah, – mein Freund vom Schloßtor, – willkommen in Valfort!« rief der Baron freudig, beide Hände dem Boten entgegenstreckend. »Sie bringen Kunde, – frohe Kunde?«

»Frohe Kunde, gnädiger Herr! Zunächst innige Grüße von Gräfin Isabella, welche mit ihrem Vater nach Coblenz emigrierte. Hier ein Brief und Andenken.«

Der junge Mann empfing das Kästchen und öffnete es. Gold und edles Gestein strahlten ihm entgegen. Er sah nicht das Geschmeide, er sah nur den Brief. Er trat zum Fenster und löste mit zitternder Hand das Siegel.

Pierre stand bescheiden zurück und beobachtete seinen Herrn, dessen Gesicht glänzte vor Entzücken. Wiederholt las er das Schreiben. Endlich verbarg er dasselbe, wie ein Kleinod, unter seinem Gewande.

»Mein Freund,« wandte er sich an David, »Sie haben eine mühselige und gefährliche Reise zurückgelegt, mich aus den gräßlichsten Befürchtungen erlöst und beglückt durch die freudigste Nachricht! Ich sage Ihnen vorläufig meinen herzlichsten Dank. – Pierre, bewirte Deinen David mit dem Besten aus Küche und Keller. Dann bringe ihn nach meinem Zimmer.«

Er reichte David seine Hand und eilte nach dem Schlosse, den Eltern von einer Botschaft Mitteilung zu machen, die an Wichtigkeit, – nach Pauls Ansicht – alle Begebenheiten jener ereignisvollen Zeit übertraf.

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