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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 16
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Zeitgeist und Katholizismus.

Graf Wilhelm von Rovere war da, – ein Typus seines Standes, adelsstolz, freigeistig, ausschweifend. Mit ihm kam Advokat Robespierre, als kluger Beistand beim Waldverkaufe. Schon am Tage nach Ankunft des Grafen fuhren die Herren nach Limoges, wo Advokat Robespierre mit Geschick einige gesetzliche Knoten zu lösen begann.

Mit dem Grafen Wilhelm und Robespierre waren die streitlustigen Geister der Nationalversammlung in Rovere eingezogen. Weilten die Herren auf dem Schlosse, so entspannen sich regelmäßig beim Nachtische lebhafte Erörterungen, die zuweilen in heftige Wortgefechte ausarteten; denn Baron Valfort behauptete einen Standpunkt, der jenem des Grafen gewöhnlich entgegengesetzt war. Dazu verfocht der junge Mann mit unerschütterlicher Festigkeit und starken Gründen seine Ansichten.

Isabella war Zeuge dieser geistigen Turniere und hatte Gelegenheit, Pauls Gewandtheit und Schlagfertigkeit zu bewundern. Sehr oft hatte sie ähnlichen Fehden beigewohnt. Denn man pflegte in jener gärenden Zeit über alles zu streiten. Bei Gastmählern und in Gesellschaften waren politische und soziale Verhältnisse Gegenstände lebhafter Besprechungen und so vernichtender Kritiken, daß zuweilen alles Bestehende in ein wüstes Chaos zusammengeworfen wurde. Cantu, Bd. XII. S. 947.

Heute begann das Gefecht bereits beim Knallen der ersten Champagnerflasche. Graf Wilhelm warf seinem Gegenüber, dem Baron Valfort, einen herausfordernden Blick zu und wandte sich lächelnd an Pauls Nachbar.

»Mein Herr, Sie werden mir kräftigen Beistand leisten! Valfort ist furchtbarer im Kampfe als Ritter Bayard.«

Diese Worte waren an einen jungen Mann gerichtet, der einen blauen Frack, eine weiße Halsbinde und eine sorgfältige Haarfrisur trug, nämlich an Robespierre, den Abgeordneten von Arras. Er zählte dreißig Jahre, war von unscheinbarem Äußern und hatte sich weder im Guten noch im Schlechten hervorgetan. Dem verstorbenen Dichter Gresset hatte er eine Lobrede gehalten, die gekrönt wurde. In derselben streute er mit vollen Händen Weihrauch dem Könige und den Mönchen. Seine Vaterlandsliebe war aufrichtig und seine Geschicklichkeit bei Prozessen unbestreitbar. Er redete viel von der Tugend, galt für einen gesitteten, gefühlvollen Menschen, der bei fröhlicher Gesellschaft heiter zu sein pflegte. Diesen Eigenschaften verdankte er seine Wahl zum Abgeordneten von Arras. In der Nationalversammlung spielte er eine sehr untergeordnete Rolle. Kaum wurde sein Dasein bemerkt. Schon die unbedeutende Figur, die Heiserkeit der Stimme, die Breite und Langweiligkeit im Vortrage stellten ihn nicht auf den Leuchter. Dagegen war er stark in der Tücke, gewandt in der Kunst, dem Volke zu schmeicheln, Erbitterung und Eifersucht zu erregen und die niedrigsten Leidenschaften zu schüren. Als Anhänger zeitgemäßer Philosophie und Bildung war er insbesondere ein grenzenloser Verehrer Rousseaus, dessen Schriften er immer bei sich führte. Cantu, Bd. XIII. S. 87.

Bei der Anrede des Grafen lächelte Robespierre sanftmütig und rückte hüstelnd am Teller. Wer konnte ahnen, daß in diesem Manne Frankreichs künftiger Diktator verborgen liege? Daß unter diesen ausdruckslosen Zügen, unter diesem harmlosen Wesen ein mordsüchtiges Ungeheuer schlummere, dessen Grausamkeit Blut in Strömen vergoß?

»Wissen und Gewandtheit Euerer Gnaden bedürfen nicht meines schwachen Beistandes,« schmeichelte Advokat Robespierre. »Ohnehin wird Herr Baron mit seinen Ansichten keine Proselyten machen. Von der Achtungswürdigkeit philosophischer Systeme ist jeder Gebildete überzeugt.«

Valfort ließ die Rede des Advokaten unbeachtet.

»Sie haben doch gehört,« versetzte Graf Wilhelm, »daß Baron Valfort unsere Philosophie eine Gebärmutter allgemeinen Verderbnisses nannte und diese ungeheuerliche Behauptung durch Beweise zu stützen versuchte. Wären die Beweise nur etwas stärker gewesen, – bei meinen vierundzwanzig Ahnen, ich hätte zum Christentum bekehrt werden können! Nun aber finde ich in unseren philosophischen Systemen keine Gebärmutter des Verderbnisses, sondern eine Quelle wahrer Geistesbildung, Humanität und Freiheit.«

»Bei der Allmacht des menschlichen Willens überrascht Ihr Fund nicht,« erwiderte Paul.

»Wie verstehen Sie das, mein Bester?«

»Der Mensch findet in jedem Ding, was er darin finden will,« antwortete Paul. »Er findet Gold in ausgebrannter Schlacke und Wahrheit in der Lüge. Aus demselben Grunde finden Sie, Herr Graf, Knechtschaft im Christentum und Freiheit in der falschen Philosophie. Ohne dieses Wunder des allmächtigen Willens könnten Sie unmöglich den zersetzenden, verderblichen und schlechten Geist unserer Philosophie übersehen.«

»Zersetzend, – verderblich, – schlecht? Beweisen Sie das, Baron!« rief streitsüchtig Graf Wilhelm.

»Ohne besondere Mühe; denn Herr Robespierre wird mich unterstützen,« sagte Valfort lächelnd.

»Bedauere sehr, mein Herr!« entgegnete der Advokat. »Sie kennen meine Verehrung für unsere Philosophen, deren größter Rousseau ist.«

»Gerade Rousseau wird Sie zwingen, mein Kampfgenosse zu sein,« versicherte Paul. »Um ihrer Religionsfeindlichkeit willen nannte ich die Philosophie zersetzend. Wollen Sie die Güte haben, Herr Anwalt, und sich erinnern, welche Bedeutung im Staate Rousseau der Religion anweist.«

Robespierre saß einige Sekunden nachdenkend. Die kalte Blässe seines Gesichtes belebte ein rötlicher Hauch, und sein Kopf nickte vor dem Baron in achtungsvoller Verbeugung.

»Nun, – was ist's?« frug Graf Wilhelm.

»Herr Robespierre möge Rousseau sprechen lassen,« antwortete Valfort.

Aller Augen hingen erwartungsvoll an den Lippen des Advokaten.

»Der tiefste Denker des Jahrhunderts,« sprach Robespierre feierlich, »Rousseau, hat gesagt: ›Niemals wurde ein Staat gegründet, es sei denn, die Religion habe ihm zur Grundlage gedient‹.« Rousseau, contr. social. liv. IV. ch. VIII.

»Der Mann war nicht unfehlbar!« entgegnete Rovere.

»Mir ist Rousseau die höchste Autorität!« sprach ernst der Advokat.

»Hat er nicht in demselben Contrat social behauptet, so bald die Kinder elterlicher Hilfe nicht mehr bedürfen, seien alle natürlichen Bande zwischen ihnen zerrissen?« hielt der Graf entgegen. »Hat nicht Rousseau die eigenen Kinder behandelt wie der Hase seine Jungen, – hat er sie nicht ausgesetzt? Der öffentlichen Teilnahme oder dem Verderben preisgegeben? Und das ganze wilde Leben Rousseaus, mit seinen vielen Freundinnen, mit seinen groben sittlichen Vergehen, trug es eine Spur religiösen Glaubens? Der Mann hatte auch nicht einen Funken Religion. Sein Leben war vernünftiger als seine Lehren.« Cantu, Bd. XII. S. 243. ff.

»Rousseaus Leben beweist gar nichts gegen die Wahrheit seines Satzes,« entgegnete Valfort. »Alle unsere Philosophen sind widersprüchig. Sie dachten im Stillen anders, als sie öffentlich lehrten, und lebten anders, als sie dachten. Nicht ein einziger von ihnen war überzeugt von der Wahrheit modischer Philosophie. Sie huldigten einem Zeitgeiste, an den sie selber nicht glaubten, und waren nicht stark genug, zu leben nach besserem Erkennen.«

»Schwere Vorwürfe, die sich auf Ihre Behauptungen gründen, mein lieber Paul!« sagte Rovere.

»Ah, – Sie wollen Beweise, Herr Graf!« sprach lächelnd der Baron. »Beweise für die Heuchelei unserer Geistesgrößen, – hier sind sie! – – Der öffentliche Gottesleugner d'Alembert glaubte im Stillen an die heiligste Dreifaltigkeit; denn er begann sein Testament mit den drei höchsten Namen. Der Religionsspötter Diderot freute sich beim Anblicke eines frommen Mönches, oder einer Prozession mit dem Allerheiligsten. Seine Kinder ließ er streng religiös erziehen. Oft wiederholte er die Worte seines alten Vaters: »Mein Sohn, die Vernunft ist ein gutes Ruhekissen, aber noch besser ruht das Haupt auf dem Kissen der Religion und der Sittengesetze.« Der gefeierte Religionsspötter La Mettrie gestand offen: »Im Geheimen rede ich von Moral nicht so, wie ich öffentlich von ihr schreibe. Innerhalb meiner vier Wände spreche ich meine Überzeugung aus, vor dem Publikum aber sage ich das, was ich für angemessen halte. In meinem Zimmer ziehe ich die Wahrheit vor, in der Öffentlichkeit den Irrtum.« Cantu, Bd. XII. S. 240. Und der Patriarch der Philosophen, Voltaire? Als er im Jahre 1769 zu Ferney bedenklich erkrankte, widerrief er alle Lästerungen gegen die Religion, und zwar in der möglichst unangreifbaren Form. Er ließ nämlich durch den Notar Claudius Raffo in einem Akte, von sechs Zeugen unterschrieben, sein Glaubensbekenntnis an alle Dogmen der katholischen Kirche amtlich aufnehmen. In derselben Weise widerrief er alle seine Irrtümer. Zabuesnig, Hist. krit. Nachr. Bd. I. S. 354 ff. – – Mithin konnte auch Rousseau im Verborgenen die Wahrheit sagen und öffentlich den Irrtum lehren, – oder öffentlich unmoralisch leben und im Verborgenen moralisch denken; denn Widersprüche sind ja zugestandene Eigenschaften unserer Geistesheroen.«

Graf Wilhelm nickte dem Baron achtungsvoll zu.

»Allen Respekt vor Ihrem Wissen, mein lieber Paul!« sprach er. »Man sieht, daß Sie einen Jesuiten zum Erzieher hatten. Sie sind ausgezeichnet beschlagen und die Jesuiten anerkannt die besten Erzieher.«

Pichat's Gesicht dehnte sich bei den Worten in die Länge. Sein Zögling Henry rückte gestachelt auf dem Sitze.

»Der Satz von Rousseau enthält weiter nichts, als ein Zugeständnis an eine zeitläufige Anschauung,« behauptete Henry. »Auch der philosophische Preußenkönig, Friedrich II., hat seinem Minister befohlen: »Schaffe Er wieder Religion ins Land, ich kann nicht mehr regieren!« Der König selber hatte aber keine Spur von Religion. Man muß eben mit der Mode gehen.«

»Die betreffende Mode ist etwas alt, – gerade so alt, wie die Menschheit; denn es gab niemals ein Volk ohne Religion und niemals einen Staat, dessen Grundlage nicht Religion gewesen,« versetzte Valfort. »Cicero ist zweitausend Jahre alt. Er hat gesagt: › Sua cuique civitati religio est, – jeder Staat hat seine Religion.‹ Oratio pro Flacco. Der noch ältere Plato hat gelehrt: ›Wer die Religion untergräbt und angreift, erschüttert die Grundmauern aller Sozietät.‹ – Da wir nun seit fünfzig Jahren daran sind, diese Grundmauern der Religion in Frankreich auszugraben, so wird ohne Zweifel das Staatsgebäude einstürzen.«

Robespierre nickte beifällig.

»Dank, mein Herr!« sagte er. »An der Wahrheit jenes Satzes zweifelte ich zwar keinen Augenblick; denn Rousseau hat ihn ausgesprochen. Dennoch freut es mich, die größten Männer aller Zeiten mit Rousseau im Einklange zu finden.«

»Meinethalben, – der Satz mag gelten!« rief Wilhelm von Rovere. »Allein der Satz beweist durchaus nicht die Schlechtigkeit und Verderblichkeit unserer zeitgemäßen Bildung und philosophischen Grundsätze. Auch ich habe Religion, aber nicht jene des Juden von Nazareth, sondern die Religion der Vernunft.«

»Was ist dies, Herr Graf?« frug Paul.

»Jene religiöse Überzeugung,« antwortete Rovere, »die sich gründet auf die unveräußerlichen Rechte der menschlichen Vernunft und Freiheit, mit Ausschluß jeder übernatürlichen Offenbarung.«

»Besitzt jedermann diese unveräußerlichen Menschenrechte der Vernunft und Freiheit?« frug Paul.

»Natürlich! Narren und Blödsinnige ausgenommen.«

»Demnach hat jedermann das Recht, seine Religion selber zu machen?«

Der Graf stutzte.

»Ich muß Ihre Frage bejahen,« antwortete er zögernd.

»Aber, Herr Graf, überlegen Sie doch, was kommt dabei heraus, wenn jedermann nach persönlichem Geschmack, nach seiner Ansicht und Vernunft, sich eine Religion zu bilden das Recht hat?« fuhr der Baron fort. »Möglicherweise könnten wir eines schönen Tages in Europa hundert Millionen verschiedener Religionen haben. Eine solche Anwendung der Vernunft muß falsch sein; denn sie führt zur Abgeschmacktheit, zum gesellschaftlichen Chaos.«

Rovere betrachtete die Folgerungen und kratzte hinter dem Ohr.

»Das Ding sähe freilich etwas bedenklich aus,« sprach er, »wenn die religiösen Überzeugungen im Staate von Gewicht und Einfluß wären. So gut sechsundzwanzig Millionen Franzosen ebensoviele verschiedene Nasen haben, ebensogut können sie auch sechsundzwanzig Millionen verschiedene Religionen haben, wenn die Religion auf das Staatswesen von demselben Einflusse ist wie die Nase. Und dahin muß es kommen. Die Staatsleitung muß religionslos werden.«

»Vergessen Sie nicht, Herr Graf, daß Sie jenen Satz anerkannt haben, welcher die Religion als Grundlage des Staatswesens bestimmt,« wandte Paul ein.

Wieder kratzte Rovere hinter dem Ohr.

»Richtig, – die Krach mit Ihrer Logik!« rief er ärgerlich. »So geht es, wenn man Plato, Cicero, Rousseau und andere Geistesgrößen als Autoritäten anerkennt. Der Satz paßt wirklich in mein System gar nicht. Doch, es sei, – nur weiter!«

»Nach einer anderen Richtung springt ebenso klar die Unmöglichkeit einer selbst verfertigten Vernunftreligion in die Augen,« fuhr Paul fort. »Verbrecher haben gleichfalls Vernunft, mithin auch das Recht, ihre Religion sich zu bilden. Der Dieb wird den fremden Besitz im Widerspruch finden mit seinem Nichtbesitz und das siebente Gebot Gottes im Gegensatz mit seinen Diebsgelüsten. Dennoch wird er von seinen unveräußerlichen Menschenrechten Gebrauch machen, das siebente Gebot Gottes auslöschen und sich eine Religion bilden, die seiner Diebsnatur keine Hindernisse bereitet. Dasselbe wird der Rachsüchtige tun, den es treibt, seines Nächsten Blut zu vergießen. Da er das Recht hat, sich eine Religion zu machen, so wird er dieselbe seinen Mordgelüsten anpassen. Keinen Frevel wird es geben, den nicht ein bedrängter, von den Umständen getriebener Verbrecher als erlaubt sich gestatten kann.«

»Sie gehen zu weit, Baron!« entgegnete Graf Wilhelm. »Keine klare, ungetrübte Vernunft wird Verbrechen erlauben. Die reine Vernunft ist maßgebend.«

»Dies wäre ja eine Beschränkung,« versetzte Paul. »Wo blieben die unveräußerlichen Menschenrechte der Vernunft und Freiheit für jedermann? Glauben Sie, irgend ein Verbrecher wird die Unklarheit seiner Geisteskräfte zugeben? Im Gegenteil! Die schlaue Berechnung, womit er seine Untaten ausführt, beweist nicht allein die Bosheit seines Willens, sondern auch die Schärfe seines Verstandes. – Bleiben Sie gefälligst konsequent, Herr Graf! Ist Religion weiter nichts als eine Schöpfung der menschlichen Vernunft, hat dazu jedermann das Recht, in diesem Sinne die Vernunft zu gebrauchen, dann hat es auch der Verbrecher. Wir haben dann ebenso viele Religionen, als es vernünftige Köpfe, Interessen, Herzensneigungen und Leidenschaften gibt.«

»Auch hier der goldene Mittelweg!« sagte Robespierre. »Ich erlaube mir einen Vergleich. Die Nation wählte ihre Vertreter, die Nationalversammlung. Lächerlich wäre es und mit jeder staatlichen Ordnung unvereinbar, wenn jeder Franzose sich seine Gesetze machen wollte. Dies gäbe ein fürchterliches Wirrwarr. Deshalb hat nur die Nationalversammlung gesetzgebende Gewalt. Nicht minder untunlich wäre es, wenn jeder Franzose sich seine Religion und Moral nach Geschmack und Liebhaberei anfertigen wollte. Dagegen dürfte nichts einzuwenden sein, wenn die Nationalversammlung eine Religion dekretierte.«

»Sehr gut!« sagte Pichat.

»Vergebliche Mühe! Eine von Menschen dekretierte Religion kann die Gewissen unmöglich binden und verpflichten,« erwiderte Paul. »Da alle Menschen gleiche Rechte der Vernunft und moralischen Freiheit haben, so wäre es zugleich ungerecht und widersinnig, irgend jemand zur Annahme einer fremden Vernunftreligion bestimmen zu wollen. Mithin ist jede Vernunftreligion eine Ungeheuerlichkeit. Entweder eine göttlich geoffenbarte Religion oder gar keine.«

Graf Wilhelm trommelte mit den Fingern leise am Glase, jedesmal das Zeichen ernstlicher Verlegenheit.

»Muß gestehen, Paul, Sie treiben mich in die Enge! Ist gar niemand hier, der hilft?« frug er mit Laune. »Nun, – Isabella, Sie sind eine so aufmerksame Hörerin, – dazu Philosophin! Brechen Sie gefälligst eine scharfe Lanze mit dem Bayard aus der Vendee.«

Die Gräfin hatte bisher, zum größten Ärger des Herzogs Chatel, den jugendlichen Baron fast unverwandten Blickes betrachtet und war dessen Reden mit ungeteilter Aufmerksamkeit gefolgt. Jetzt wandte sie ruhig das Antlitz nach dem Vater.

»Was man hochschätzt und bewundert, nämlich die Wahrheit, deren geistvoller Vertreter Baron Valfort ist, soll man nicht bekämpfen.«

»In diesem Falle dürfte uns ja eine Bekehrung der Gräfin Isabella zum Christentum überraschen,« neckte Rovere. »Sie sehen, mein lieber Paul, Ihre Tätigkeit wirkt segensreich in meinem Hause.«

»Was mich nur mit Freude und Glück erfüllen könnte, Herr Graf!« entgegnete Valfort.

Die Worte verbreiteten über Isabella's gedrücktes Wesen und trauriges Antlitz einen hellen Schimmer.

»Der Gegenstand ist noch lange nicht erschöpft,« versicherte Pichat. »Sie bestreiten die Verbindlichkeit der Vernunftreligion, Herr von Valfort! Als Philosoph muß ich fragen, welche Verbindlichkeit hat das Christentum für den klar denkenden, wissenschaftlich sichtenden Mann?«

»Sehr gut, Pichat!« rühmte Graf Wilhelm. »Rücken Sie dem Jesuiten mit Ihrem gröbsten Geschütz auf den Leib! Nur zu, – schießen Sie ihm die Glaubensburg zusammen!«

»Für Sie, mein Herr, kann allerdings eine Verbindlichkeit für das Christentum nicht bestehen; denn Sie leugnen dessen Quelle, – den persönlichen Gott!« antwortete kalt der Baron.

»Gut, – ich mache ein augenblickliches Zugeständnis und will an den persönlichen Gott glauben,« erwiderte Pichat. »Beweisen Sie nun, daß eine von Gott geoffenbarte Religion absolut das Fundament eines jeden Staatsgebäudes sein muß.«

»Zunächst eine Frage, mein Herr!« entgegnete Paul. »Gestatten Sie dem allmächtigen Gott und Schöpfer des Weltalls, die Wahrheit und seinen Willen zu offenbaren? Erlauben Sie ihm, die Menschen der Wahrheit und dem göttlichen Willen zu verpflichten?«

»Ein absolutes, höchstes Wesen muß allerdings dieses Recht haben,« antwortete Pichat.

»Dann verpflichtet auch die von Gott geoffenbarte Religion die Menschheit zum Glauben an ihre Wahrheiten und zum Gehorsam gegen ihre Sittengesetze,« schloß Paul.

»Logisch gedacht!« gestand der Philosoph. »Da nun aber das wirklich und einzig höchste Wesen die Vernunft ist, so werden Sie der Vernunft dieselben Rechte nicht versagen, welche man dem eingebildeten persönlichen Gott einräumt.«

»Und da jeder Mensch seine persönliche Vernunft hat,« schloß der Baron weiter, »die Vernunft aber das höchste Wesen ist, so muß es ebenso viele höchste Wesen und Götter geben, als es Menschen gibt.«

»Streng genommen, – ja!« versetzte Pichat. »Jeder Mensch ist in gewissem Sinne sein Gott, – darüber herrscht in der heutigen Philosophie kaum ein Widerspruch. Dieses Ergebnis wissenschaftlicher Forschung und Spekulation erscheint wohl etwas kühn, aber nur um seiner Neuheit und seines Gegensatzes zur christlichen Dogmatik willen.«

»Weder neu, noch kühn,« entgegnete Paul. »Schon die alte Schlange hat zur Stammutter Eva gesagt: » Eritis sicut deus, – ihr werdet sein wie Gott!« Sie sehen, Herr Pichat, eine sehr alte und verlogene Geschichte! Wenn die moderne Wissenschaftlichkeit diesen höllischen Brei Luzifers frisch aufwärmt und selben als neues Gericht ihren Gläubigen vorsetzt, so stellt sie ihren Verehrern nicht minder ein geistiges Armutszeugnis aus, als sich selber.«

Rovere lachte und Pichat rückte verlegen auf seinem Sitze.

»Indessen genügt es, auf Ihre Vernunftreligion nur einen Lichtstrahl fallen zu lassen, um zu erkennen, daß dieselbe als Fundament staatlicher Ordnung nichts taugt,« fuhr der Baron fort. »Wenn jeder Mensch sein eigener Gott ist, so hat jeder Mensch auch das Recht, seinen religiösen Glauben und seine Moral sich höchst selber zu bilden, sowie nach Bedürfnis zu ändern. Somit hängt die Vernunftreligion ab von den stets wechselnden Interessen der Eigensucht, des Stolzes und den Lockungen der Sinnlichkeit. Vernunftreligion gleicht einer Sandwüste, deren Gestalt sich jeden Augenblick ändert unter den Stürmen der Leidenschaften. – Wer baut auf Flugsand Häuser? Viel weniger ein Staatswesen.«

Er hielt einen Augenblick inne, Pichat's Entgegnung erwartend. Der Philosoph aber schwieg.

»Die menschliche Gesellschaft bedarf einer festen Grundlage, welche sie trägt, eines sittlichen Bandes, das sie zusammenhält,« fuhr der Baron weiter. »Diese felsenfeste Grundlage kann doch nur eine göttlich geoffenbarte Religion gewähren. Sie allein ist Wahrheit. Ihre Sittengesetze sind Gebote des höchsten Wesens und nur aus diesem Grunde für alle Menschen verbindlich. Ein solches Sittengesetz befähigt, die menschlichen Leidenschaften zu bändigen und dem Willen eine unverrückbare Richtschnur des Handelns vorzuschreiben. Ihrem Ursprunge gemäß, der in Gott liegt, atmet die christliche Moral den reinsten und erhabensten Geist. Höchstes Vorbild für jeden Gläubigen ist Gottes Heiligkeit. Darum lehrt Jesus Christus: »Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!« Ein höheres Ziel für geistigen Fortschritt und Sittenveredlung kann es gar nicht geben. Wer Gottes Heiligkeit durch Werke, ja selbst durch Begierden und Gedanken widerstreitet, der frevelt und sündigt. Der Eigennutz, die Selbstsucht, fortwährend Überzeugung und Willen des Vernunftreligiösen bestimmend, verlieren vor Gottes Offenbarung jede Berechtigung des Widerspruchs; denn Gehorsam schuldet das Geschöpf dem Schöpfer. Alle Fähigkeiten des Geistes und des Leibes sind verpflichtet zum Dienste Gottes; denn Eigentum des Schöpfers ist das Geschöpf. So unerbittlich bindet diese Pflicht,« versicherte er, mit einem flüchtigen Blicke auf Isabella, »daß auch nicht das höchste irdische Glück verleiten darf, dieselbe zu verletzen, wenn dieses höchste irdische Glück nur erreichbar ist durch Übertretung eines wichtigen Gebotes Gottes. Darum sagt der Weltheiland: »Wenn Dich Dein Auge ärgert, so reiße es aus!« – Das heißt: »Wenn eine Person, eine Sache, Dir lieb ist, wie Dein Auge, Du mußt sie lassen und meiden, sobald die Sache oder Person nur besessen werden kann durch Übertretung des göttlichen Willens.«

»Einem solchen Heroismus dürfte man Achtung kaum versagen, gäbe es einen solchen in Wirklichkeit,« sprach Rovere. »Die Doktrin ist großartig, – die Praxis aber nicht existent.«

»Doch!« flüsterte Isabella leise.

»Alle Heiligen der katholischen Kirche übten tatsächlich diesen Heroismus,« erwiderte Valfort. »Betrachten Sie nun Reinheit, Hoheit und Heiligkeit der christlichen Sittenlehre, – nehmen Sie an, auf solcher Grundlage baut sich ein Staat auf, und Sie werden bekennen müssen, daß es für die Menschheit eine sicherere Bürgschaft der Ordnung, des Friedens, der Gerechtigkeit und aller Tugenden nicht geben kann.«

»Ihr Beweis hinkt, Herr Baron!« wandte Pichat ein. »Gibt es nicht viele religiös gläubige Menschen, die sittlich schlecht sind?«

»Warum? Weil die Gemeinten zwar die Religionswahrheiten glauben, aber nicht befolgen,« antwortete Paul. »Lebten sie nach religiösen Vorschriften, sie müßten sittlich sein und fromm; denn Reinheit und Tugend sind naturgemäße Früchte der Religion. »Der Glaube ohne Werke ist tot,« sagt die heilige Schrift.«

»Sie können doch nicht bestreiten, mein Bester,« entgegnete Graf Wilhelm, »daß mancher Ungläubige ein sittliches, unbescholtenes Leben führt?«

»Zugegeben!« antwortete der Baron. »Handelt der Ungläubige rechtschaffen und meidet das Schlechte, so mag dies eine Folge natürlicher Gutmütigkeit sein oder eine Wirkung der Einflüsse christlicher Umgebung. Eine Verpflichtung zur Rechtschaffenheit besteht aber keineswegs für den Religionslosen. Denn es gibt ja für ihn keinen heiligen Gott, welcher das Gute befiehlt und das Böse verdammt. Ebensowenig gibt es für ihn eine ewige Vergeltung, weshalb er nur so lange rechtschaffen handeln wird, als es ihm beliebt oder seinen materiellen Interessen entspricht.«

Robespierre hüstelte in die Serviette.

»Ganz vernünftig, Herr Baron!« sprach er kopfnickend. »Gestatten Sie auch mir einen bescheidenen Einwand. – Grundlage unseres Staatswesens war immer der Katholizismus. Unsere Könige sind sogar die »allerchristlichsten«. Unsere Minister sind Bischöfe, Erzbischöfe, Kardinäle. Man darf wohl sagen, die Kirche trug Szepter und Krone in Frankreich. Der religiöse Geist beherrschte alles. – Woher nun die Ungleichheiten des Rechtes? Woher das Elend, der Jammer? Woher die Sklaverei des Volkes und die Tyrannei der Großen? Woher die vulkanisch gärende Unzufriedenheit? Mir dünkt, die Religion des Weisen von Nazareth habe aufgehört, ein starker und heilsamer Grundpfeiler der Staaten zu sein.«

Die Worte versetzten Paul von Valfort in ungeheure Aufregung. Bisher dem Gegenstande mit ruhiger Sicherheit folgend, berührte Robespierre's Einwurf augenscheinlich einen sehr empfindlichen Punkt seines Innern. Es trieb ihn vom Sitze, die Brust arbeitete heftig, seine Augen flammten und die Gestalt dehnte und hob sich unter den Einwirkungen stürmender Seelenkräfte.

»Mein Herr!« begann er mit leidenschaftlich bebender Stimme. »In der Tat, – Sie haben die Quelle des Unheiles getroffen! Mich empört es, die göttliche Stiftung des Welterlösers als Mitschuldige am Verderbnis anklagen zu hören und zwar mit einem Scheine von Berechtigung. Ich wiederhole, – mit einem Scheine von Berechtigung! Nicht die Kirche beging Frevel und häufte Unrecht, sondern Baal im Namen der Kirche. Lassen Sie mich sprechen ohne Rückhalt! Was haben jene Elenden, die Bischöfe, die Erzbischöfe, die Kardinäle, die allerchristlichsten Könige getan? Sie haben die Kirche des Sohnes Gottes mißbraucht, sich dieselbe dienstbar gemacht als Werkzeug gegen die Rechte und Freiheiten des Volkes. Sie haben die Religion geschändet, weil sich dieselbe in ihren Händen erniedrigen mußte zum Deckmantel unbeschränkter Gewalt des absoluten Königtums. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind christliche Ideen; denn Christus hat die Ketten der Sklaverei zerbrochen, er hat die Gleichheit aller Menschen gelehrt und einen gemeinsamen Vater im Himmel. Und wie hat der königliche Klerus diese und andere Grundlehren des Christentums angewendet, verbreitet und bewährt? Er hat die Religion verraten und verkauft als Dienstmagd fürstlicher Tyrannei,« rief in leidenschaftlicher Entrüstung der Baron. »Ja, – der Altar wurde Träger und Stütze einer himmelschreienden Despotie! Und das absolute Königtum entweihte die Kirche, indem es dieselbe verweltlichte, vom apostolischen Stuhle fast gänzlich losriß, – die freie Braut des Herrn in das Joch königlicher Willkür schlug und das Wort Gottes zum Herold seiner Unbeschränktheit machte. Was mußten die notwendigen Folgen sein! Ungerechtigkeiten und Bedrückungen gegen das Volk, dazu Haß gegen die Religion, weil die unwissende Menge glaubt, im Namen und Geist der Religion laste auf ihm der Druck der Knechtschaft. Verächtlich wurde dem Volke der königliche Klerus, weil es gefügige Fürstendiener und räuberische Hirten erkannte in ihm. In tiefster Seele empört es mich, das Werk Gottes, die Kirche, zur Wohlfahrt der Menschheit gegründet, als Zwangsschule für das Volk mißbraucht zu sehen.«

Die Tafelrunde war mit steigender Verwunderung der Rede gefolgt.

»Paul, Sie sprechen bedenklich!« sagte Rovere.

»Der abtrünnige Graf Mirabeau!« murmelte Herzog Chatel.

»Herr Baron, Sie sprechen ausgezeichnet, – mir aus der Seele!« rief der stille Robespierre.

»Ich rede nach meiner Überzeugung, nach den Eindrücken der Tatsachen auf mein katholisches Bewußtsein,« fuhr der junge Mann erregt fort. »Frei muß die Kirche sein, diese Tochter des Himmels, – unabhängig von der Staatsgewalt, – keine gefügige Maschine der Fürsten! An der Kirchenfreiheit hat das Volk das größte Interesse. Nach dem ausgesprochenen Willen Gottes soll ja die Kirche Gnadenmittel und Segen der bedürftigen Welt spenden und die ganze große Herde der Menschheit mit dem sanften Hirtenstabe Jesu Christi lenken. Wie kann dies geschehen, wenn die Kirche in Knechtschaft seufzet? Wenn die Hirten ihren Stab führen, nach Weisungen und Befehlen weltlicher Gewalt? Wenn das Wort Gottes sich dazu hergeben muß, den Planen des Absolutismus zu dienen? Nein, – es gibt für das Volk kein folgenschwereres Interesse, als die Freiheit der Kirche! Wird der Altar ein feiler oder abhängiger Knecht der Staatsgewalt, dann ist's geschehen um Wohlfahrt, Segen, Glück und Freiheit des Volkes.«

»Die Bibel predigt doch Gehorsam gegen die Obrigkeit?« sagte Robespierre im Tone der Frage.

»Aber keinen unbedingten Gehorsam,« erwiderte Paul. »Auch keinen Gehorsam, der unantastbare Menschenrechte und göttlich gewollte Freiheiten ausliefert an Despotie. Um es kurz zu sagen, – das Evangelium verpflichtet nur so lange zum Gehorsam, als die Obrigkeit selber Gottes gehorsame Dienerin ist und im Geiste der Gerechtigkeit regiert, – weiter nicht! So dachten unsere katholischen Ahnen, – und ich bin stolz darauf, mit der ganzen Vendee heute noch dieselbe Gesinnung zu teilen. Wir verwerfen jenes absolute Königtum, das politische Ketten schmiedet aus religiösen Pflichten, mit denen es die Untertanen fesselt an die Willkürherrschaft seiner Tyrannei. Fluchwürdig ist das, – rächen wird es sich!«

»Jawohl, – eine Stimme aus der Vendee!« sprach achselzuckend Graf Rovere.

»Die Vendee hat sich keine Schwächen und kein Preisgeben ihrer Rechte vorzuwerfen,« versetzte stolz der Baron. »Frei ist der Adel, – frei das Volk! Gehorsam der Obrigkeit, – ja! Aber einen erlaubten, nicht servilen, sondern christlichen Gehorsam. Vor dreihundert Jahren hat ein Verwandter meines Geschlechtes, der Ritter de la Roche, als Vertreter des burgundischen Adels bei den Generalständen, die Volksfreiheit verteidigt und die Gewalt der Krone in ihre Grenzen zurückgewiesen. Wohl tausendmal habe ich jene herrliche Rede gelesen, heute noch der Ausdruck unserer Gesinnung. »Das Volk ist die Allgemeinheit der Bewohner des Königreichs,« sagte de la Roche. »Die Generalstände sind die Verweser des allgemeinen Willens, ohne ihre Zustimmung ist nichts heilig und fest, durch ihre Sanktion allein erhält ein Beschluß Gesetzeskraft. Das Königtum ist ein Amt, aber nicht eine Erbschaft. Die Könige sind zu Anfang vom Volke gewählt worden und blieben nur so lange von Gottes Gnaden, als sie der sittlichen Ordnung Gottes dienten. Wer die Macht durch Gewalt, ohne Zustimmung des Volkes, in Händen hielt, der usurpierte das Recht eines anderen. Der Staat ist das Volk. Die Fürsten sind die höchsten Beamten des Staates und verpflichtet, die Wohlfahrt des Volkes anzustreben. Können sie dies nicht, im Falle der Minderjährigkeit oder Unfähigkeit, so nimmt das Volk das Recht der Behandlung öffentlicher Angelegenheiten als sein eigen wieder auf.« Cantu, Bd. XII. S. 973 f.

Robespierre hatte aufmerksam und mit steigender Überraschung der Rede gelauscht.

»Dies könnte man wahrhaftig unterschreiben!« lispelte er.

»Hier haben Sie, meine Herren, unsere Ansicht über das Königtum!« fuhr der Baron fort. »Das Volk ist nicht da, um der Könige willen, sondern die Könige sind da, um des Volkes willen, – dies der Kern von de la Roche's Rede. Einziger absoluter König ist Gott. Die irdischen Könige haben nur so lange Berechtigung, als sie Gottes getreue Vasallen sind oder sein können. Immer hat die Kirche das Volk geschützt gegen despotische Übergriffe der Fürsten, – daher die heftigen Kämpfe der Päpste im Mittelalter gegen fürstliche Tyrannen.«

»Eine solche Kirche wäre allerdings ein Segen für das Volk!« sagte Robespierre.

»Was erblicken wir aber in Frankreich seit dem vierzehnten Ludwig, der gesagt hat: ›Der Staat bin ich!‹« rief der junge Mann mit flammenden Augen. »Ein geknechtetes Volk, das sich jeden Augenblick von Ruhmgier und Herrschsucht eines Despoten auf das Schlachtfeld führen lassen muß. Ein Volk, dem allgemach sämtliche Gerechtsame und Freiheiten geraubt werden, bis auf das einzige Recht, zu dienen und Steuern zu zahlen. Einen Adel, welcher den erhabenen Stolz seiner Ahnen verloren hat, frei von königlicher Willkür, ein scharfes Schwert dem bedrohten Reiche und ein Helfer dem Schwachen zu sein. Mit Schmerz und Beschämung muß ich bekennen, – der Adel kriecht im allgemeinen vor dem Throne, seinen Bauern dagegen ist er ein harter Herr und Quäler. – – Und der Klerus? Dem Könige gehorcht er, nicht dem Papste. Es hat ja der Klerus seine gallikanischen Freiheiten, die ihm alles erlauben, was dem absoluten Könige beliebt. Wer mag es leugnen, – ist nicht vielfach der Klerus ein Sklave des Königtums geworden, abgefallen vom Dienste Gottes? Wo gab es in Frankreich einen Bischof, der unerschrocken der Sittenlosigkeit und Despotie des Thrones gegenübertrat und pflichtgemäß sprach: »Es ist Dir nicht erlaubt!« Freilich, die Jesuiten versuchten dem nackten Laster die Stirne zu bieten, und die Jesuiten wurden die Opfer eines elenden Weibes, der allmächtigen Dirne Pompadour. Deshalb kann niemand behaupten,« rief er mit einem scharfen Blick auf Robespierre, »auf katholischer Grundlage ruhe der französische Staat. Das Gegenteil ist wahr, – in Frankreich wurde die katholische Kirche geknebelt, nach den Gelüsten königlicher Allgewalt geformt. Eine Nationalkirche haben wir, keine katholische. Und weil Frankreich seinen Heiland verlassen und dessen beglückende Lehren, darum Elend und Jammer überall. Recht und Freiheit und Wahrheit werden mißhandelt. Vielfach sind unsere Gerichte die Galgen für Gerechtigkeit, unsere Richter die Henker des Rechtes. Faul ist alles, abgehaust hat Frankreich, – wir sind bankrott!«

Die Rede machte Eindruck. Robespierre saß nachdenkend. Graf Wilhelm trommelte leise am Glase. Da versetzte Herzog Chatel die Gesellschaft plötzlich in große Heiterkeit. Dieser würdige Pair hatte von Paul's Rede keine Silbe vernommen, unausgesetzt Isabella beobachtend, deren Sinn und Geist der Baron gefangen hielt. Diese ungeteilte Aufmerksamkeit der Angebeteten für den jugendlichen Freiherrn versetzte Chatel in einen Zustand stiller Raserei.

»Für sie ist gar niemand in der Welt, als dieser Krautjunker aus der Vendee!« murmelte er grimmig in den Bart.

Als beim Schlusse der Rede Valfort's die Hörer nachdenklich saßen, sprach der Herzog laut, und zwar im Tone des unglücklichsten Liebhabers, in die entstandene Pause des Schweigens: »Es ist wirklich zum Verzweifeln!«

Ein allgemeines Lachen folgte den Seufzerworten Chatel's.

»Was ist zum Verzweifeln, mein Freund?« frug Rovere.

»Die unerhörte Tatsache, daß man über Politik alle und alles vergißt,« antwortete Chatel, mit einem vorwurfsvollen Blick auf Isabella.

Graf Wilhelm erhob sich und mit ihm die ganze Tafelrunde.

»Mein lieber Paul, Sie haben ausgezeichnet gestritten!« rühmte er. »Schade, daß Sie keinen Sitz in der Nationalversammlung einnehmen, wo im Chaos der Widersprüche feste Grundsätze heilsam wirken möchten. – Aber den Beweis für Schlechtigkeit und Verderblichkeit unserer Philosophie schulden Sie noch, – er ist Ihnen nicht erlassen.«

Robespierre trat heran.

»Herr Baron, ich gratuliere zu Ihrer Auffassung der Dinge und glaube, daß wir uns vollkommen verständigen würden. Auch ich bin der Meinung, daß Sie in der Nationalversammlung dem unglücklichen Vaterlande große Dienste leisten könnten.«

»Für mich sehr schmeichelhaft, mein Herr!« entgegnete Valfort mit einer Verbeugung.

Isabella war einige Minuten wartend gestanden. Als sie bemerkte, daß Paul sie unbeachtet ließ, verschwand sie aus dem Speisesaale.

Auch die übrigen Mitglieder der Gesellschaft begaben sich nach ihren Gemächern.

»Hast Du gesehen, welche Kratzfüße der blaue Frack wieder Isabella gemacht hat?« frug Henry den Herzog. »Das Kerlchen umflattert sie wie eine Fledermaus, deren Flügel am Lichte verbrannten. Er lächelt sie an und tut süß, wie ein Zuckermännchen. Verliebt ist er bis über die Ohren. Ich fürchte für seinen Verstand. Lächerlich wenn es nicht beleidigend wäre, diesen bürgerlichen Rechtsverdreher für eine Gräfin Rovere glühen zu sehen.«

»Laß ihn glühen, bis er verbrennt!« erwiderte mißvergnügt der Herzog. »Aber die Neigung Deiner Schwester für den Krautjunker ist zum Verzweifeln! Kein Auge wendet sie von ihm. Und er beachtet sie gar nicht, – dieser Bauernlümmel!«

»Weil er vernünftig genug ist, eine Verbindung zwischen Zeitgeist und Dummgläubigkeit für eine Unmöglichkeit zu halten,« versetzte Henry. »Valfort's frommes Weib muß den Gebrauch des Weihwassers, des Rosenkranzes und des Gebetbuches kennen, – von allen diesen hübschen Dingen versteht Isabella rein gar nichts. Mithin verdient sie auch keine Beachtung des heiligen Paul.«

»Desto mehr Beachtung verdient er,« sagte Chatel. »Unser Plan mit dem Duell hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung. Welchen Lärm machte Isabella von der faden Geschmacksache des Krautjunkers, einen pestkranken Bauern zu pflegen! Du hättest ihre Preisrede über Seelenadel und Geisteshoheit des ritterlichen Barons hören sollen! Und wie unbarmherzig geißelte sie meine Feigheit, weil ich die Bedingungen des Zweikampfes nicht erfüllte! Zum Verzweifeln ist's! Man meint gerade, der Mensch habe sie behext.«

Am folgenden Tage war Chatel's Platz am Tische leer. Dagegen beehrte Isabella's Mutter durch ihre Gegenwart die Gesellschaft. Die wohlbeleibte Dame aß kräftig, sprach selten und wechselte mit Pichat zuweilen sympathische Blicke.

Schon nach dem zweiten Gange der Schüsseln zog Graf Wilhelm einen Brief hervor.

»Soeben erhielt ich von Lafayette ein Schreiben, – höchst interessant!«

Robespierre saß lauernd, während Rovere das Blatt entfaltete.

»Der Brief enthält die Ansicht des Hofes über die Nationalversammlung. Hören Sie!«

Der Graf las:

»Was ist leichter, meint der Hof, als in den Versammlungen, bei welchen ohnehin nach keinem bestimmten Plane vorgegangen wird, Zwietracht zu säen zwischen den Ständen, die sich jetzt schon von der Seite ansehen? Der König wird dann sagen: Stellt entweder die Einigkeit her unter euch oder geht auseinander. Und nachdem er die Nutzlosigkeit der Versammlung bewiesen haben wird, wird er sie auflösen und wieder absoluter König sein wie zuvor, um aus eigenem Antrieb in väterlicher Liebe die Nation, welche stets die Liebe zum Könige zu ihren Tugenden zählte, mit all' den Wohltaten zu überschütten, die mit dem Fortschreiten des Jahrhunderts im Einklang stehen.« Cantu, Bd. XII. S. 1024.

»Eine Ansicht von zweifelhafter Wahrheit,« sagte Robespierre. »Ich bestreite nicht die Gutmütigkeit und das Wohlwollen des Königs; allein der Absolutismus hat keine Zukunft mehr.«

»Sie täuschen sich, mein Herr!« entgegnete Valfort. »Der Absolutismus des Thrones wird übergehen zur nackten Tyrannei der Massen. Die Sache ist so klar, wie ein Rechenexempel. Für einen Staat, abgefallen von Gott und seinen Lehren, heruntergestürzt vom Grundpfeiler seiner Existenz, – für ein Volk, verderbt durch Unglauben und verwildert durch sittliche Entartung, gibt es nur eine heilende Zuchtrute, – die Despotie, – nur eine rettende Arznei, die aufrichtige und reuevolle Rückkehr in das Vaterhaus der katholischen Kirche.«

»Schon wieder die Kirche, welche im Grunde doch weiter nichts ist, als die Oberherrschaft des Priestertums,« warf Rovere ungehalten ein. »D'Alembert hat ein wahres Wort gesprochen. Er sagt: »Wenn die Priester zu den Königen sagen: eure Gewalt kommt von Gott, – so meinen sie damit nicht, sich dieser Gewalt zu unterwerfen, sondern sie wollen die Könige unter das Priestertum beugen, indem die Priester vorgeben, daß sie Gott auf Erden vorstellen.« D'Alembert an Friedrich II. von Preußen, 1. Juli 1778.

»Eine Täuschung oder eine Perfidie D'Alembert's,« sagte Valfort. »Das Priestertum darf keine weltliche Herrschaft suchen und anstreben, solange es dem Geiste seines göttlichen Stifters Treue bewahrt. Das Priestertum ist an erster Stelle verpflichtet, jene göttlichen Wahrheiten zu leben, deren Verkünder es ist. Ohne Demut und Weltverachtung gibt es keinen echten Priester. – Dagegen fordert das Priestertum auch von den Fürsten Unterwerfung unter die Glaubenswahrheiten und Sittengesetze der Religion. Diese Unterwerfung fordert es auf göttlichen Befehl. Die Nationen haben Ursache, für eine solche Forderung zu danken und dieselbe zu unterstützen; denn echte Religiosität ist die Mutter der Gerechtigkeit, Weisheit und Liebe der Fürsten zu den Untertanen.«

Rovere zuckte die Achseln und schwieg.

»Ich erlaube mir, auf unseren Gegenstand zurückzukommen,« sagte Robespierre. »Ich gebe im allgemeinen die Herrschaft des religiösen Unglaubens zu und auch die Verachtung der Tugend. Mein Wissenschaft, Bildung und das erwachte Freiheitsgefühl sind feste Dämme gegen jegliche Tyrannei.«

Valfort bewegte verneinend das Haupt.

»Ich kann mir nicht denken, wie an Dornhecken Feigen wachsen können,« sprach er. »Die Dornen sittlicher Entartung werden niemals politische Freiheit erzeugen. Die Weltgeschichte beweist vielmehr, daß nur ein tiefreligiöses Volk seine Unabhängigkeit bewahrt, ein sittlich verderbtes hingegen reif ist zur Tyrannei. Sehr natürlich! Für Sklaven das Joch und die Knute! Und Sklaven sind alle, welche die Freiheit christlicher Gesittung an die Knechtschaft der Zügellosigkeit verrieten.«

»Ihre Voraussetzung ist falsch,« entgegnete Graf Wilhelm. »Die Errungenschaften des Zeitgeistes sind keineswegs gleichbedeutend mit Sittenverderbnis. Der engherzigen Grundsätze des Christentums müde, huldigen wir mit Vergnügen den Freiheiten der Philosophie. Selbst unsere Damen belustigt die Ungebundenheit gesunder Natürlichkeit, – nicht wahr Madame?« wandte er sich mit leichtem Kopfnicken an seine Gattin.

»Gewiß, mein Herr!« bestätigte die Gräfin. »Unserer aufgeklärten Zeit widerstreben die rigorosen Lehren des Weisen von Nazareth. Man wünscht Freiheit der Bewegung und liebt ungestörte Befriedigung der Herzensneigungen.«

Pichat nickte bestätigend. Der Graf lächelte. Henry's Mienenspiel deutete auf ein Gemisch von Scham und frivolem Sinn. Isabella senkte die Augen. Robespierre hüstelte in seine Serviette und Valfort zürnte.

»Apropos, mein Bester,« wandte sich Rovere an den Baron. »Sie schulden uns noch den Beweis von der Verderblichkeit philosophischer Doktrinen! Darf ich bitten?«

»Den Beweis haben unsere Philosophen selbst geliefert,« antwortete Valfort. »Sie kennen weder Tugend noch Laster, nicht einmal die Freiheit des menschlichen Willens. Diderot sagt: »Wären wir in unserer Erkenntnis weiter vorgeschritten, so müßten wir finden, daß alles, was da ist, notwendig so sein muß, wie es ist, und daß auch unsere Laster, wie unsere Tugenden, durchaus von dieser Naturnotwendigkeit bestimmt sind.« Cf. Encyclopädie unter » Evidence«, » Ethiopien«. – Voltaire behauptet: »Ein unwiderstehliches Verhängnis beherrscht die ganze Natur. Es wäre ein seltsamer Widerspruch, eine Widersinnigkeit, wollte der Mensch allein seinen eigenen Willen haben, während die Gestirne, die Elemente, die Pflanzen, die Tiere den Gesetzen eines höheren Wesens widerstandslos gehorchen.« La Mettrie ist weniger vorsichtig als Voltaire. Schamlos zieht er die Folgerungen aus der zeitgemäßen Philosophie, vernichtet jedes sittliche Gefühl und fordert mit empörender Frechheit zu Lastern und Verbrechen auf. »Der Mensch ist eine Uhr, sagt er, deren bewegende Federn seine Leidenschaften sind. Seine Tugenden und seine Laster sind nur die natürlichen Folgen seiner Anlagen. Er ist ein zu freier Bewegung befähigter Pflanzenorganismus, aus dem Klima und Nahrung bald einen Helden, bald einen Schurken machen.« – Sie sehen, die Unsterblichkeit der Seele, das Sittengesetz, die Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen, – kurz die Grundlagen gesellschaftlicher Ordnung sind geleugnet. Was muß kommen, wenn die Früchte solcher Aussaat reifen? Wenn das Volk die Konsequenzen dieser Lehren zieht?«

»Nur für gebildete Stände gibt es eine Philosophie, nicht für die rohe Masse,« entgegnete Rovere.

»So wenig kennen Sie unsere Zustände, Herr Graf?« versetzte der Baron. »Sie wissen nicht, daß auch die Handwerker, die Bauern, die Fabrikarbeiter sich rühmen, Philosophen zu sein? Seit Jahren verbreitet man durch eine Flut volkstümlich geschriebener Flugschriften philosophische Bildung unter den Massen. Hier ist eine solche Schrift,« fuhr Paul fort, ein Büchlein hervorziehend. »Katechismus für das Volk,« – heißt der Titel. Hören Sie gefälligst einige Fragen und Antworten!«

»Gibt es einen Gott?«

»Nein! Alles ist Natur. Ein persönlicher Gott existiert nur in der Einbildung jener Menschen, welche die Naturkräfte nicht kennen.«

»Hat der Mensch eine unsterbliche Seele?«

»Nein! Er besitzt vielmehr, wie alle anderen Tiere, ein Gehirn, welches zum Denken organisiert ist, wie der Magen zum Verdauen.«

»Was ist der Gedanke?«

»Das Resultat der Gehirntätigkeit.«

»Was ist das menschliche Leben?«

»Eine von den Wandlungen der Nervenzellen.«

»Was ist der Tod?«

»Eine neue Verwandlungsperiode. Wir sind stets dasselbe Tier; zuerst wurmförmig, dann Fisch, Amphibie, Wirbeltier, Kind, Jüngling, Mann, Greis, dann wieder Wurm. Weshalb sollten wir also ein Gewissen haben?«

»Gibt es schuldige Verbrecher?«

»Nein! Schuldige gibt es niemals, sondern nur Unwissende und Kranke.«

Der Baron schloß das Büchlein.

»Das sind die aufklärenden Lehren für das Volk!« sprach er. »Den Verbrecher hat man zum Schuldlosen, den Menschen zum Tiere gemacht. Die Masse wird bald einer rasenden Bestie gleichen, welche mordgierig die Gesellschaft zerfleischt, das Große und Schöne umstürzt und sich auf Ruinen niederläßt. Der Abgrund ist fertig, – wir können hineinstürzen.«

Isabella schauerte zusammen, ihre Mutter liebäugelte mit Pichat. Der Graf leerte sein Glas. Um den Mund des Advokaten Robespierre spielte ein sanftes Lächeln. Henry hatte sich aus dem Saale rasch entfernt.

»Sie haben einen großen Fehler, mein lieber Paul!« sagte Rovere. »Sie denken zu scharf. Ihre Schlüsse sind unbarmherzig wie das Fatum. Sie hätten Recht, wenn die Menschen folgerichtig nach Grundsätzen handelten. Da jedoch Menschen immer menschlich bleiben und niemals bestialisch werden, so haben Sie Unrecht. Voltaire, Diderot D'Alembert und alle Philosophen, die ich persönlich kannte, waren sehr fein gebildete, rechtschaffene Leute, trotz ihres Unglaubens und ihrer Doktrinen. Nach Ihrer Anschauung müßten Sie Ungeheuer gewesen sein.«

»Ich habe gestern gezeigt, daß jene Männer im stillen anders dachten, als sie öffentlich schrieben und lehrten,« entgegnete Valfort.

Graf Henry kehrte zurück, ein Buch in der Hand.

»Herr Baron, Sie haben unsere Geistesheroen falsch angeklagt durch die Behauptung, dieselben hätten für die Massen philosophische Schriften geschrieben und verbreitet. Das Gegenteil ist wahr. Unsere Gelehrten versichern ausdrücklich, die Aufklärung des Unglaubens sei nicht für die Kanaille oder das Volk, sondern nur für die gebildeten Stände. Hören Sie!«

Henry öffnete das Buch.

»Voltaire schrieb an Diderot: »Man muß die Infame oder christliche Religion in den Augen honetter Leute zugrunde richten und sie der großen oder kleinen Kanaille überlassen, für welche sie gemacht ist.« 25. September 1762. – An Argental schrieb Voltaire: »Nach meiner Ansicht ist der größte Dienst, den man der Menschheit erweisen kann, wenn man das dumme Volk von den honetten Menschen für immer trennt. Man darf die absurde Unverschämtheit jener nicht dulden, welche sagen: Ich will, daß ihr ebenso denkt, wie euer Schneider und eure Wäscherin.« Cantu, Bd. XII. S. 977. – Der Preußenkönig Friedrich II. schrieb an Voltaire: »Ich spreche nicht von der Kanaille; die nicht wert ist, aufgeklärt zu werden, und der jedes Joch recht sitzt; ich spreche von jenen, welche denken wollen.« Brief vom 5. Januar 1767. – Hieraus geht schlagend hervor,« schloß Henry, »daß die Philosophie eine Geheimlehre der Gebildeten bleiben und nicht zum Volke oder zur Kanaille herabsteigen sollte.«

»Ich erinnere mich eines Vorganges, welcher dies bestätigt,« sagte Graf Wilhelm. »Es mögen dreiundzwanzig Jahre her sein. Wir speisten vortrefflich bei Voltaire. D'Alembert und Diderot befanden sich unter den Tischgenossen. Letzterer hatte gerade eine Theorie im Kopfe über die Abstammung der Menschen. Er behauptete, unsere Stammeltern seien Frösche gewesen. Wir lachten. Aber ein gelehrter Mann weiß auch dem Lächerlichsten einen ernsten Anstrich zu geben. Diderot hatte so viele und schlagende Beweise, daß wir schließlich den Frosch als Urvater der Menschen mußten gelten lassen. Die Herren sprachen eifrig und kamen hiebei auf die geistigen Fähigkeiten der Froschabkömmlinge. D'Alembert entwickelte eingehend die Unmöglichkeit der Willensfreiheit, der Strafwürdigkeit des Verbrechens, sowie der Unsterblichkeit der Seele. Voltaire war unruhig geworden und hatte seine Bedienten scharf beobachtet. Als sich diese aus dem Speisezimmer entfernten, um einen neuen Gang auf die Tafel zu fördern, da sprang Voltaire empor und bat eindringlich: »Meine Freunde, schweigen Sie doch in Gegenwart meiner Bedienten von solchen Dingen! Ich will nicht heute Nacht den Hals durchgeschnitten haben und bestohlen werden.« Diese Worte des Patriarchen stimmen genau mit den vorgelesenen Stellen aus seinen Briefen. Die Philosophie gehört dem Gebildeten, nicht der Kanaille.«

»Mithin waren die gelehrten Herren selbst davon überzeugt, daß ihre Philosophie Verbrecher und Mörder hervorbringen müsse,« sagte Paul.

»Bei der Kanaille, nicht aber bei den Gebildeten,« versetzte Rovere.

»Warum nicht bei den Gebildeten? Dieselben Ursachen müssen dieselben Wirkungen haben,« behauptete Valfort. »Allerdings wird ein Gebildeter, im Besitze von Reichtümern, nicht leicht ein Raubmörder. Es stiehlt und raubt der Arme, und mordet nebenbei aus Notwehr. Lassen Sie aber einen gebildeten Ungläubigen vor die Wahl gestellt sein, entweder ein elendes irdisches Dasein in Not und Jammer fortzuschleppen oder um den Preis eines Verbrechens, das er im Geheimen, ohne entdeckt zu werden, begehen kann, in Glanz, Ehre und Überfluß zu leben, – was wird er tun? Ohne Zweifel das Verbrechen. Es bestehen ja für ihn durchaus keine Gründe, weshalb er das Verbrechen nicht begehen soll. An den strafenden Gott glaubt er nicht, auch nicht an die Unsterblichkeit der Seele. Warum also nicht straflos einen Mord vollbringen, der ihn reich und angesehen macht?«

»Schon wieder die verdammte Logik!« murrte Rovere.

»Mißfällt Ihnen die Logik, so lassen Sie Tatsachen der Gegenwart sprechen,« versetzte der Baron. »Kaiserin Katharina II. von Rußland ist ohne Frage eine sehr gebildete Dame. Sie stand mit Diderot, d'Alembert und Voltaire in lebhaftem Briefwechsel, sie rühmt sich ihrer Philosophie. Voltaire nannte sie »den leuchtenden Nordstern, die Semiramis des Nordens.« Und eben diese Katharina, diese gerühmte Philosophin, – was ist sie? Ihren eigenen Gemahl ließ sie erwürgen, den jungen Prinzen Iwan ließ sie im Gefängnisse ermorden. Jeden Augenblick wechselt sie ihre Buhlen und schwelgt in unersättlicher Wollust. Könnte die Philosophin Katharina ein so blutbeflecktes weibliches Ungeheuer sein, wenn sie eine gläubige Christin wäre?«

»Sie übertreiben und sind zu strenge,« widersprach Rovere. »Fürsten dürfen nach gewöhnlichem Maßstabe nicht beurteilt werden. Katharina bleibt dennoch eine große Herrscherin, weil sie Philosophin ist und das Barbarenreich kultivierte. Genau betrachtet, bildet Philosophie doch nur gesittete Menschen.«

»Herr Graf, ich beschwöre Sie, – eine Mörderin und Ehebrecherin zählen Sie zu den Gesitteten?« rief Paul entrüstet.

»Unter Umständen ist Ehebruch kein Verbrechen, nicht einmal ein Vergehen, sondern nur eine Liebhaberei des Bedürfnisses,« erwiderte der Graf, mit einem flüchtigen Blicke auf seine Gattin.

»Dagegen muß ich protestieren, – protestieren im Namen der christlichen Moral, im Namen ehelicher Treue und achtungswerter Weiblichkeit!« rief Paul, der in seinem Eifer das faule Verhältnis der gegenwärtigen Gräfin zu Pichat übersah. »Eine Ehebrecherin beschimpft ihr Geschlecht, frevelt gegen Gott und macht sich eines sittlichen Verbrechens schuldig.«

Der augenblickliche Eindruck dieses Urteils auf die Anwesenden war so lebhaft, daß Valfort innehielt. Graf Wilhelm trommelte am Glase. Seine Gattin schoß einen Blick stiller Wut nach dem Baron. Henry beugte sich tief über den Teller und lachte in den Bart. Pichat versuchte, mit einer Miene stolzer Verachtung seinen Grimm zu maskieren. Robespierre hüstelte lauter als gewöhnlich in seine Serviette und Isabella sah mit leuchtenden Blicken des Dankes auf den kühnen Anwalt christlicher Gesittung. Vielleicht hätte die Sache einen Verlauf genommen, welcher für den Baron peinlich sein mußte; denn Isabella's Mutter war nahe daran, ihre Fassung zu verlieren. Das nervöse Zucken ihrer Glieder deutete auf einen drohenden Ausbruch ihrer Wut. Da versank plötzlich alles in der Tiefe eines ungeheuren Ereignisses.

Die Türe des Saales wurde rasch geöffnet. Herzog Chatel trat ein, heftig erregt. Ihm folgte ein zweiter Kavalier.

»Ist es möglich? Wen sehe ich?« rief der Schloßherr überrascht. »Marquis Foulon? Sie sind es wirklich?«

»Sie sehen hier einen Unglücksboten,« sagte Chatel, während Rovere den Marquis begrüßte. »Der Teufel ist los in Paris.»

Die Tafelrunde sah Foulon's trübes Gesicht und vernahm betroffen Chatel's inhaltsschwere Worte. Der stille Robespierre richtete sich horchend auf, seine sanften Züge wurden hart und lauernd ruhten seine Katzenaugen auf dem Marquis.

»Sie kommen direkt von Paris?« frug Rovere.

»Direkt! Bin Tag und Nacht gefahren, – auf der Flucht!« antwortete Foulon.

»Sprechen Sie, – was geschah?« drängte der Graf.

»Furchtbares, – grausiges!« entgegnete der Flüchtling. »Frankreich hat Bestien erzogen, Ungeheuer genährt an seiner Brust.«

Der Marquis ließ sich nieder, seufzte schwer und begann:

»Am 13. Juli in der Frühe ertönte die Sturmglocke. In allen Straßen von Paris rottete sich der Pöbel zusammen. Er öffnete das Gefängnis La Force, befreite die Gefangenen, verbrannte die Barrieren, erstürmte das Invalidenhotel, nahm 28,000 Gewehre und einige Kanonen hinweg und rückte am folgenden Tage vor die Bastille. De Launay kommandierte dort eine Besatzung von zweiundachtzig Invaliden und zweiunddreißig Schweizern. Die Gräben der Bastille sind tief, die Mauern fest und mit Geschützen wohl versehen. Der Pöbel schickte einen Parlamentär in die Bastille. Launay erklärte, neutral bleiben zu wollen, wenn das Volk die Bastille nicht angreife. Allein das Volk griff an. Zwei Männer hieben die Ketten der äußeren Zugbrücke entzwei. Der Pöbel stürmte in den Hof. Jetzt erst feuerte die Besatzung. Auch der Pöbel feuerte. Er fuhr einige Wagen voll Stroh heran, um die Gebäude am Eingange der Bastille in Brand zu stecken. Fortwährend brüllte die Kanaille: »Nieder mit der Zwingburg des Despotismus! Befreien wir die Opfer der Tyrannei!« Es war ein fürchterlicher Lärm. Launay gab die Verteidigung auf und wollte sich mit der Besatzung in die Luft sprengen. Zwei Unteroffiziere hinderten sein Vorhaben. Die Besatzung steckte die weiße Fahne auf; es wurde unterhandelt. Die Führer des Pöbels, Hulin und Elie, gaben ihr Wort zum Pfande, daß kein Haar der Besatzung gekrümmt werden sollte. Das zweite Tor wurde geöffnet. Kaum drang der Pöbel in die Bastille, so begann das Gemetzel. Launay wurde niedergestoßen, ebenso der edle Major de l'Osme Solbay und noch vier Offiziere. Zwei Soldaten wurden an Laternen vor dem Stadthause aufgehängt. Opfer des Despotismus fand der Pöbel keine in den Gewölben der Bastille, sondern nur einen Mörder, zwei Wahnsinnige und vier Fälscher.« Wachsmuth, Bd. I. S. 135 f.

Der Marquis hielt inne.

»Was taten unsere Soldaten, während dies geschah?« frug Rovere.

»Die Garde lief zum Pöbel über, von den Rebellen als »Soldaten des Vaterlandes« stürmisch begrüßt, antwortete Foulon. Die Truppen vor Paris blieben untätig. Doch hören Sie, das Gräßliche kommt erst! – – Die Wut des Pöbels forderte weitere Opfer. Mein Vetter, Minister Foulon, hatte sich verborgen. Er wurde entdeckt. Die Unholde rissen ihm die Kleider vom Leibe, banden ihm Nesseln um den Hals, Disteln auf die nackte Brust und einen Bündel Heu auf den Rücken. So wurde er durch die Straßen nach dem Stadthause geschleppt. Vor ihm her ging ein hochgewachsener Kerl, mit Pistolen im Gürtel und einer Pike in der Hand. In kurzen Pausen versetzte er meinem unglücklichen Vetter Streiche und rief: »Seht da einen Minister, der gesagt hat, das Volk ist Vieh zum Heufressen!« Der Pöbel schrie und brüllte: »An die Laterne, – an die Laterne!« Es geschah. Der Minister wurde an eine Laterne aufgehängt, ihm der Kopf abgeschnitten und auf einer Pike herumgetragen, als reizendes Schaustück für die entmenschte Kanaille.«

Abermals hielt er inne, von Schmerz und Abscheu überwältigt. Die entsetzten Blicke der Zuhörer hingen erwartungsvoll an seinen Lippen.

»Die Mordgier des Pöbels war nicht gesättigt,« fuhr er fort. »Foulons Eidam Berthier, Intendant der Generalität von Paris, wurde ergriffen und auf einen Wagen gesetzt. Vor ihm her fuhr ein Karren mit Inschrift zu seiner Anklage. Neben Berthier saßen zwei Pikenmänner, die ihm jeden Augenblick Foulons blutiges Haupt zum Küssen vorhielten. Johlend und heulend geleitete der Pöbel den Wagen zum Stadthause, wo der arme Berthier grausam massakriert wurde. Die Schurken schnitten ihm den Kopf ab, rissen ihm das Herz aus dem Leibe und trugen beide triumphierend durch die Straßen. Einige von den Mördern trugen Berthiers Herz in ein Kaffeehaus, drückten Blut aus demselben in eine Tasse, sangen wüste Spottlieder dazu und genossen den scheußlichen Trank.« Wachsmuth, Bd. I. S. 146 u. Anm.

»Gräßlich, – entsetzlich!« klang es in der Runde.

»Den Pöbel sollten Sie gesehen haben!« sagte Foulon. »Kannibalen, – Bestien, – Ungeheuer!«

»Mir vergehen die Sinne!« sprach Rovere. »Solche Äußerungen von Unmenschlichkeit hätte ich in unserem gebildeten Zeitalter nicht für möglich gehalten. Woher kamen plötzlich diese Scheusale? Hat sie die Hölle ausgespieen?«

»Zöglinge der entchristlichten Aufklärung, – praktische Schüler einer religionsfeindlichen Philosophie!« antwortete Baron Valfort. »Die Drachensaat des Unglaubens geht auf. Der Baum der Gottlosigkeit trägt seine Früchte. Daß Menschen ohne Gott, ohne Seele, ohne Sittengesetz, entfesselte Ungeheuer sein können, verkünden laut die Bluttaten und Scheußlichkeiten der Kannibalen von Paris.«

Der Graf ließ eine Behauptung unbestritten, die er eben noch heftig bekämpft hatte.

»Sie sind auf der Flucht?« frug er den Marquis.

»Nach Spanien!« antwortete Foulon. »Viele vom Adel rüsten sich, ein Land zu verlassen, das schrecklichen Zuständen entgegengeht.«

»Mich soll die Wut der Kanaille aus dem Vaterland nicht vertreiben,« sprach stolz der Graf, indem er sich erhob. »Herr Anwalt,« wandte er sich an Robespierre, »beschleunigen Sie das Geschäft, damit wir auf unseren Posten nach Versailles zurückkehren.«

Er gab Foulon den Arm und geleitete ihn nach seinen Gemächern. Henry und der Herzog folgten gedrückt und bange, näheres aus dem Munde Foulons zu hören.

Valfort durchschritt nachdenkend sein Zimmer. Pierre saß auf einem Schemel und beobachtete seinen Herrn, dessen Unruhe und düsteres Wesen ihm auffielen. Plötzlich blieb der Baron mit verschränkten Armen vor dem Beobachter stehen, ein flammendes Dräuen in Blick und Mienen.

»Pierre, was sind das für Leute, die nicht glauben an den heiligen Gott, nicht an Himmel und Hölle, nicht einmal an die eigene unsterbliche Seele?«

»Ungläubige Narren!« lautete Pierres kurze Antwort.

»Du bist ein Dummkopf! Aufgeklärte Leute sind es, – Graf Rovere hats gesagt.«

Der Getreue verwunderte sich über den »Dummkopf« seines Herrn und noch mehr über die »aufgeklärten Leute« des Grafen Rovere.

Valfort hatte seinen unruhigen Spaziergang fortgesetzt. Wieder stand er vor dem Bedienten.

»Pierre, was sind das für Leute, welche lebenden Menschen die Köpfe abschneiden, ihnen das Herz aus dem Leibe reißen und deren Blut trinken?«

»Spitzbuben, – Schurken, – Mörder, – Menschenfresser!« behauptete Pierre.

»Weit gefehlt! Gesittete Menschen und wohlgeratene Zöglinge des philosophischen Zeitalters, – Graf Rovere kanns nicht leugnen,« erwiderte Valfort, abermals seinen Spaziergang beginnend.

Pierre gewahrte nicht ohne Sorgen das ungewöhnliche Benehmen seines Gebieters, der zuweilen kurz auflachte, oder scharfe Worte hervorstieß, während seine Augen in lichten Flammen brannten.

»Bankrott, – in der Tat bankrott! Wer's leugnet, der hat nicht für einen Centime Verstand! Und die Gläubiger des Bankrotts, – wer sind sie? Etwa nicht die Söhne ihrer Väter, – die Sünden am Glauben und die Frevel des Unglaubens? Nicht die Ernte der Aussaat, – Verbrecher und Furien der Hölle? Was werden diese Gläubiger aus Frankreich machen? O du mein armes Vaterland! O du herrliches, glorreiches Frankreich, – zugrunde gerichtet durch die Schlauheit des Teufels und die Dummheit der Menschen.«

Er sank auf einen Stuhl und stöhnte.

»Mit Verlaub, Euer Gnaden!« hob Pierre an. »Was kümmert Sie tolles Gerede? Wenn Graf Rovere solches Zeug schwätzt, dann soll man ihn zu den Narren sperren. Kein verständiger Mensch wird behaupten, daß Mörder gesittete Leute seien. Und keiner, der ein gutes Gewissen hat, wird Gott und seinen Himmel leugnen. Spitzbuben mögen freilich an die Hölle nicht glauben, – was doch ganz natürlich ist. Wer glaubt gern, was er fürchtet?«

Der Baron nickte bestätigend.

»Ein reines Herz hat gesunden Menschenverstand und beide haben mehr Gehalt und Wahrheit als eine Philosophie, in Sünden erzeugt, von Sünden genährt und Sünden gebärend. – – Nun gehe, – sattle, – wir reiten!«

Pierre gehorchte.

»In solchem Dunstkreise wuchs sie auf, – in dieser faulen Luft atmete der Säugling, das Kind, die Jungfrau!« sprach der junge Mann vor sich hin. »Die Lüge schaukelte Isabellas Wiege, die Lüge geleitete das heranwachsende Mädchen. Zur Lüge gesellte sich die Versuchung, Jungfrau Isabella zu verderben. Dennoch blieb sie rein, – dennoch umstrickte sie nicht die tausendköpfige Natternbrut, welche im gesellschaftlichen Sumpfe lungert. Dennoch ringt und strebt Isabella nach Licht und Wahrheit. – Ganz erstaunlich, – gegen alle Gesetze der Natur! Wie ein Mensch lebt und wächst von Luft und Nahrung, so gestalten sein Wesen Erziehung und Bildung. Isabella aß vom Brote der Lüge und hungert nach dem Brote der Wahrheit. Sie trank aus der unreinen Quelle des Irrtums und dürstet nach dem reinen Born des Felsens, – wie wunderbar! Gott schirmte sie und seine Heiligen. Was der Herr so reich und glänzend ausgestattet an Geist und Leib, will er nicht versinken lassen im Pfuhle des Zeitalters. – – Mir brennt das Herz vor Verlangen, sie aus dem Dämmer des Zweifels in das strahlende Licht des Glaubens empor zu führen. Wird sie am Weinstock ein lebendiger Rebzweig, – entwickeln sich ihre seltenen Gaben zur Entfaltung christlicher Tugend: – wer mag ihr gleichen? – – – Jetzt schaut sie in den Abgrund des Zeitgeistes, der sich aufgetan in Paris. Sie schauert, ihr graut. Zugleich steht sie vor mir beschämt und gedemütigt. Sie glaubt an meine Verachtung ob ihres Wankelmutes, – und ich muß die Herrliche so innig lieben!«

Er schwieg und sann. Darauf betrat er das Seitengemach, vertauschte den verbrämten Rock mit dem einfachen Reitkleid, setzte die schildlose Mütze auf sein Haupt, zog die bespornten Stulpstiefel an Füße und Beine, ergriff die Reitgerte und verließ das Zimmer.

Als er den Korridor durchschritt, kam Isabella von der entgegengesetzten Seite herauf. Bevor sie mit dem Baron zusammentreffen konnte, führte der Weg in einen Seitengang nach ihren Gemächern. Sie aber mäßigte ihre Schritte, ein Begegnen mit dem Gaste zu ermöglichen. Er grüßte freundlich. Sie nickte traurig mit dem Haupte, die großen Augen, wie erloschen, auf ihn gerichtet. Auch ihre Haltung war geknickt und ein schneidiges Wehe lag über ihrem Angesicht.

»Foulons grausige Botschaft beugt Sie nieder, gnädige Gräfin?«

Sie bewegte verneinend das Haupt und blickte auf ihn mit einem unaussprechlich wehmütigen Ausdrucke der Entsagung.

»Vergessen Sie die Greuelszenen, edles Fräulein!«

»Ich denke nicht daran,« sprach sie matt.

»Ihr Aussehen ist aber doch leidend, – entschuldigen Sie gütigst diese Aufrichtigkeit, verehrte Gräfin!«

»Leidend? O ich leide furchtbar! Mein Schmerz ist tief wie der Ozean! Es ist ja alles, – alles vorbei!«

Sie drückte die beiden Hände auf die Brust und rang eine erschütternde Gemütsbewegung nieder.

»Sie erschrecken mich! Darf ich um eine Erklärung bitten?« frug er betroffen.

Sie öffnete die nächste Türe und betrat mit ihm ein Zimmer. Noch bebten ihre Lippen, dann saß sie niedergedrückt, aber gefaßt.

»Seit fünf Tagen,« hob sie an, »seit jenem schrecklichen Morgen, der meine Verworfenheit und Ihre Größe enthüllte, seit dem Ehrengerichte suche ich ein vertrautes Begegnen mit Ihnen, zur Erklärung. Aber Sie flohen meine Nähe – mit Recht. Und ich wagte nicht, um eine Unterredung zu bitten.«

»Mein Fräulein, Sie haben mir und Ihnen Unrecht getan! Ich wüßte keinen Grund, der Sie veranlassen könnte, an meiner Teilnahme zu zweifeln.«

»Ich weiß allerdings Gründe, – zwingend für Sie mich zu verachten.«

»Gnädige Gräfin, – welche Worte!«

»Sachgemäße Worte; – hören Sie gütigst meine Selbstanklage!« fuhr sie schwermütig fort. »Ich fand ein kostbares Kleinod, das ich zu besitzen wünschte, in der Überzeugung, sein hoher Wert würde mich beglücken und sein Glanz meinen Lebenspfaden leuchten. An meine Unwürdigkeit, in den Besitz des Kleinodes zu gelangen, dachte ich Törin nicht. Dann kam das Ehrengericht. Das Kleinod hatte sein helles Licht auf Chatels Treiben geworfen und im Glanze des Kleinodes erschien des Herzogs Handlungsweise als bubenhafte Gemeinheit. Da ich aber nur gewöhnliches Metall, geringer Stoff bin, so stand ich auf Seite der Gemeinheit gegen das Kleinod. Die Niedrigkeit meiner Gesinnung enthüllte sich. Die schale Mode, die entartete Sitte, die blasierte Denkungsart hatten für mich mehr Wert, mehr Wahrheit, mehr Gewicht, als das berechtigte Zürnen eines geläuterten Empfindens über die Gemeinheit. Was mir kostbar, leuchtend, groß geschienen, das fand ich klein, feige, niedrig, – so fand ich es, weil ich mit den blöden Augen meines verderbten Herzens das Kleinod betrachtete. Als aber das Kleinod durch Großmut am Feinde und durch Hoheit am Lager des Pestkranken einen so strahlenden Glanz verbreitete, daß er den dicken Nebel vor meinen Augen durchbrach, da erkannte ich meine Thorheit, meine Nichtigkeit – zu spät! Weit weg, in unnahbare Ferne entrückt, verloren für mich, – meinem Wankelmut, meinem Unwert für immer verloren, ist das Kleinod! Es war ein vermessenes Ersehnen, – ein schöner Traum! In Wirklichkeit bleibt mir Armen unheilbarer Schmerz und die Erkenntnis meines Elends.«

Sie hatte in melancholischer Ruhe gesprochen. Jetzt verlor sie alle Fassung, verhüllte das Gesicht und weinte heftig.

Er saß ihr gegenüber, ohne Wort, ohne Trost, und ließ das gedrückte Gemüt sich ausweinen.

»Ich begreife alles, mein Fräulein!« hob er sanft und liebevoll an. »Dennoch ist Ihre Selbstanklage übertrieben, Ihr Schmerz nicht ganz berechtigt. Der Augenblick hatte Sie überrascht. Sie urteilten und dachten über einen Fall, wie man Sie denselben durch Erziehung beurteilen gelehrt. Allein gerade derselbe Fall enthält Ihre Rechtfertigung. Ihr besseres Selbst brach durch und reuig stehen Sie vor dem Fehl, – für mich ein Grund unaussprechlicher Freude. Wer so rasch die Verkehrtheit einer verzogenen Richtung begreift, wer so lebhaft einen Fehltritt dieser Richtung bereut, der wird sicher dem Guten gewonnen. – Gestatten Sie, mein Fräulein, Ihnen meine Hochachtung und Bewunderung auszusprechen.«

Sie blickte ihn zweifelnd an.

»Sie verstehen zu trösten! – Für mich gibt es keinen Trost; denn nichts ersetzt das Verlorene.«

»Was verloren Sie?« frug er bewegt.

»Ihre Achtung.«

»Ich versicherte Sie ja eben meiner Hochachtung und Bewunderung.«

»Weil Ihr Edelsinn Sie drängt, mich Unglückliche zu trösten.«

»Nicht allein dies, mein Fräulein! Ich sprach zugleich meine wirkliche Empfindung aus.«

»Sie verachten mich nicht?«

»Isabella!« antwortete er im Tone liebevollen Vorwurfes.

»Es wäre nicht alles verloren?« frug sie ängstlich. »Sie könnten mir wirklich vergeben?«

»Ich habe Ihnen nichts zu vergeben, Isabella!« antwortete er gutmütig. »Meine Empfindungen haben nicht gewechselt. Gedenken Sie der Augenblicke im grünen Saale, bevor die Kavaliere eintraten. Ich sagte Ihnen: »Könnten wir zusammen in gleichem Geiste und Streben durch das Leben gehen, – welche Wonne, welches Glück!« Dieser Wunsch,« schloß er, den Blick senkend, »lebt gegenwärtig ebenso kräftig in mir wie vor fünf Tagen.«

Er schwieg. Sie rührte sich nicht. Er hob den Blick nach ihr und sah Träne um Träne aus ihren Augen hervorbrechen. Dann lächelte sie, ihr Angesicht strahlte vor Entzücken und neues Leben war plötzlich über sie ausgegossen.

»Mein Gott, – zu viel Glück, – zu rascher Übergang aus der Armut meines Nichts in die Fülle des Glückes!« rief sie in abgebrochenen Worten.

Er berührte flüchtig ihre Hand.

»Fassung, Isabella!« bat er. »Ruhige Besonnenheit schafft Gediegenes, Bleibendes, – nicht der Augenblick einer erregten Stimmung. Jeden starken, dauernden Bau müssen tiefe Fundamente tragen; – unser Lebensglück sei stark und dauernd, gegründet auf das Fundament der Wahrheit, auf gleiche Überzeugung im Glauben und Wollen.«

»O du Großer, – Du Weiser!« rief sie hingerissen aus.

»Keine Übereilung, Isabella!« fuhr er fort, nicht ohne Sorge um die Haltung der leidenschaftlich Bewegten und selber kaum vermögend, seine Selbstbeherrschung zu bewahren. »Meine Stunden hier sind gezählt. Hören Sie meinen Plan! – Ich habe einen sehr würdigen Geistlichen kennen gelernt, den Pfarrer Longuet von Nod, ein greiser, frommer, gelehrter Herr. Darf er Sie in den Lehren und Grundsätzen des Christentums unterweisen?«

»Alles nach Ihrem Wunsche, mein Paul!«

»Gut! Ich werde Sie dem Geistlichen vorstellen. Sie besuchen dessen Lehrstunden. Sie lernen die Pflichten, die Entsagungen des Christen kennen. Sie versuchen, auf dem gewiesenen Pfade vorwärts zu schreiten. Sie prüfen gewissenhaft, ob Ihnen die gleiche Lebensaufgabe mit mir möglich oder nicht. Die Prüfung sei nicht flüchtig, sondern gründlich und dauere ein volles Jahr. Ist dann Ihre Gesinnung noch dieselbe wie heute, so rufen Sie mich her oder kommen nach Valfort.«

»Ein ganzes Jahr, – wie lange! Doch, – mein Flattersinn verdient es. Das Jahr der Trennung von Ihnen sei zugleich ein Jahr der Buße für mich, die Wankelmütige.«

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