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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 15
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Ein katholisches Duell.

Rovere war auf der Schwelle stehen geblieben, wie festgebannt. Er sah das glühende Angesicht seiner Schwester und rief: »Ein Wunder, – ein Wunder!«

Hastende Tritte klangen hinter ihm. Herzog Chatel und Pichat, der Hofmeister, tauchten auf. Kaum trafen ihre Blicke die Gräfin, so standen auch sie unter dem Eindrucke des Unerhörten.

»Ist das Gesicht wahr, – oder blendet die Sonne Isabella?« rief Chatel.

»In der Tat ein Wunder!« bestätigte Pichat.

Valfort gewahrte das maßlose Erstaunen der Kavaliere und begriff nicht dessen Ursache.

»Dürfte ich um die Erklärung eines Wunders bitten, das für mich unsichtbar ist?« wandte er sich an Henry.

»Mit Vergnügen, Herr Baron!« antwortete gefällig Rovere. »Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, daß eine stets gleiche Gesichtsfarbe Gräfin Isabella auszeichnete. Keine Aufwallung, keine Gemütsbewegung, nichts war imstande, das reinste Lilienweiß zu stören. Auch nicht der leiseste Hauch einer Röte veränderte jemals die feststehende weiße Gesichtsfarbe. Wir hielten diese Erscheinung für ein ebenso unverrückbares Werk der Natur, wie die weiße Farbe des Schnees. Verwandelt nun der Schnee plötzlich seine Farbe und wird rot, so ist dies kein größeres Wunder, als die gegenwärtige Purpurfarbe im Gesichte der Gräfin Isabella.«

Paul schaute sie an, die ihm glückselig gegenüberstand und die Erklärung des Bruders ebensowenig beachtete, wie die Gegenwart der übrigen.

Da weckte sie eine Abgeschmacktheit des Herzogs aus der süßen Träumerei.

»Endlich kehrt mir die Sprache wieder!« begann Chatel, sich vor dem Edelfräulein zierlich verbeugend. »Bisher glaubte ich, die Natur habe alle Mittel erschöpft, durch ein Wunderwerk der Schönheit die Welt in Staunen zu setzen. Ich täuschte mich! Die Natur hat sich selbst übertroffen; denn nicht eine natürliche, sondern eine göttliche Schönheit wird künftig Isabella's Anbeter bezaubern.«

Sie richtete sich empor und sah stolz auf den Schwätzer.

»Eine Wohltat für Sie, mein Herr, wenn Ihnen die Sprache gar nicht wiederkehrte; denn Sie wären nicht in die traurige Lage gekommen, einen höchst zweifelhaft feinen Geschmack zu verraten.«

»Vergebung, gnädigste Gräfin!« bat Chatel. »Habe ich eine Dummheit gesagt, so habe nicht ich dieselbe verschuldet, sondern Sie. Die Dummheit wäre nämlich eine Folge meiner umstrickten, geblendeten, überwältigten Sinne. Indessen schmeichelt Ihr Unwille meiner Eigenliebe und betaut meine Hoffnung mit himmlischem Duft; denn über Unschicklichkeiten Gleichgültiger empfindet man keinen Unwillen. Ich wage deshalb zu hoffen,« fuhr er mit einem feindseligen Blick auf den Baron fort, »der Zweck unseres Erscheinens werde Ihre Teilnahme verdienen. Wir kommen nämlich in einer schwebenden Ehrensache zwischen Baron Valfort und mir. Sie aber, gnädigste Gräfin, mögen dem Ehrengericht präsidieren und den Fall nach Recht und Herkommen entscheiden.«

Isabella sah betroffen und forschend auf den Baron. Henry und Pichat rückten fünf Sessel im Kreise. Man ließ sich nieder.

»Hören Sie gütigst meinen Vortrag!« begann der Herzog. »Im Garten der Abtei St. Martin befindet sich eine bemalte Wand, auf der Jesus von Nazareth und andere Figuren abgebildet sind. Bei der letzten Festlichkeit bestimmten mich Lust und Laune, dem Nazarener mit Kohle zwei lange Eselsohren an den Kopf zu malen. Irgend eine Böswilligkeit war hiebei nicht entfernt im Spiele, – reiner Mutwille. Mir ahnte nicht, daß mein unschuldiger Zeitvertreib jemand beleidigen könnte. Da erschien Baron Valfort, fuhr mich derb an und erklärte das Werk einer harmlosen Spielerei als »bubenhafte Gemeinheit«. Auf mein Ersuchen, die grobe Beschimpfung zu widerrufen, weigerte er sich dessen und beharrte auf derselben. – Dies in Kürze der Vorgang, den mein Beleidiger wohl nicht bestreiten wird.«

Er schwieg. Isabella sah mit dem Ausdrucke unangenehmer Überraschung auf den Angeklagten.

»Ich bestätige die wahrheitsgemäße Darstellung des Sachverhaltes,« sprach kalt der Baron.

»Sie hören, gnädiges Fräulein, daß Baron Valfort die Güte hat, die Beschimpfung sitzen zu lassen,« fuhr Chatel fort. »Der angeworfene Schmutz verträgt sich indessen nicht mit der Reinheit meiner Ehre. Nach Sitte und Brauch kann nur das Blut des Beleidigers die »bubenhafte Gemeinheit« abwaschen. Ich hoffe, daß Sie, gnädige Gräfin, meine Anschauung teilen. Feinfühlend im Punkte der Ehre werden Sie nach den Eingebungen Ihres Herzens, sowie nach Recht und Herkommen entscheiden.«

»Der Fall ist für mich ebenso überraschend, wie betrübend, weil er geeignet erscheint, auf unseren verehrten Gast einen Schatten zu werfen,« begann zögernd Isabella. »Die Worte »bubenhafte Gemeinheit« enthalten unbestreitbar eine Beleidigung. Sie, Herr von Chatel, haben allerdings, man kann es nicht leugnen, nach den Begriffen unseres Standes von Ehre und Anstand ein Recht, Genugtuung zu verlangen. Blut ist jedoch zur Sühne keineswegs notwendig. Ein Widerruf des Herrn von Valfort genügt, die verletzte Ehre wieder herzustellen. Haben Sie die Güte, Herr Baron, Worte zurückzunehmen, die Ihnen jedenfalls in heftiger Gemütsbewegung entschlüpften und deren Sie bei ruhiger Überlegung unfähig gewesen wären.«

Alle Blicke ruhten gespannt auf Paul, der keineswegs in der Haltung eines schuldbewußten, reuigen Missetäters im Kreise saß.

»Eine Beleidigung durch Abbitte zu sühnen, fiele mir nicht schwer,« entgegnete er. »Im vorliegenden Falle wäre jedoch die geforderte Abbitte sinnlos, weil meine Worte keine Beleidigung, sondern Wahrheit enthielten.«

Auf allen Gesichtern malte sich das größte Erstaunen. Vorzüglich wurde Isabella überaus schmerzlich berührt. Den Gegenstand beurteilend nach anerzogenen Anstandsbegriffen, fand sie Paul's Erwiderung in hohem Grade taktlos und plump. Chatel las die empfangenen Eindrücke in ihren Zügen und frohlockte.

»Es mag sein,« sprach er im Tone leichten Spottes, »daß nach dem Bildungsgrade der Vendee der Ausdruck »bubenhafte Gemeinheit« eine Beleidigung nicht enthält. Für wirklich Gebildete kann jedoch die derbe Ländlichkeit der Vendee nicht maßgebend sein. Ich fühle mich schwer beleidigt. Die Glieder dieses Ehrengerichtes bestätigen die Wahrheit meiner Gefühle und die Berechtigung meiner Ansicht. Sohin schuldet Baron Valfort mir Genugtuung, da er mir nicht Abbitte leisten will.«

»Die grobe Beleidigung in den Worten »bubenhafte Gemeinheit« unterliegt keinem Zweifel,« erklärte Graf Henry.

»Mir ist gar nicht möglich,« eilte Philosoph Pichat zu versichern, »eine Redefigur zu entdecken, die eine schneidigere Ehrenkränkung in sich schließen könnte, als die vom Herrn Baron gebrauchten Worte!«

Valfort bemerkte das feindselige Frohlocken in Chatel's Mienenspiel, das höhnische Lächeln Rovere's, Pichat's gekünstelte Entrüstung, Isabella's verletztes Taktgefühl, welche für des Herzogs Schandtat kein strafendes Wort hatte, – und den jungen Mann überkam eine gärende Stimmung.

»Die gegenteilige Beurteilung der Sache liegt in unserem wesentlich verschiedenen Standpunkte,« sprach er mit einem bedeutsamen Blick auf Isabella. »Nicht Sie, Herr von Chatel, sind der Beleidigte, – ich bin es. Mir ist Jesus Christus der Sohn Gottes mein Schöpfer und Erlöser. Das Bild des göttlichen Wesens, das ich anbete, haben Sie in der gemeinsten Weise beschimpft und hiedurch meine heiligste Überzeugung gekränkt. Von meinem Standpunkte betrachtet, kann Ihr Tun lediglich eine bubenhafte Gemeinheit sein, – nichts anderes! Ein Widerruf meiner Worte wäre gleichbedeutend mit einer Billigung Ihres schändlichen Verfahrens. Sie um Verzeihung bitten, hieße, eine wohlverdiente Rüge, eine richtig bezeichnete Handlungsweise zurücknehmen. Seien Sie überzeugt, meine Herren, kein Valfort wird sich jemals einer Schwäche schuldig machen, die entfernt einem Glaubensabfall ähnlich sähe!«

»Meine Überzeugung hat mehr Berechtigung als die Ihrige,« versetzte Chatel heftig. »An die Gottheit des Jesus von Nazareth glaubt kein Gebildeter mehr. Philosophie und Fortschritt der Wissenschaft haben diese Fessel gründlich abgetan. Selbst der Klerus, manche Bischöfe nicht ausgenommen, schämt sich heute des Glaubensartikels von der Gottheit des Juden von Nazareth. Hörte ich doch selbst, wie Frankreichs Minister, der Erzbischof von Toulouse, sogar die Existenz eines persönlichen Gottes leugnete.« Cantu, Bd. XII. S. 1013.

»Dies beweist nur Frankreichs Niedergang,« entgegnete Valfort, empört über Chatel's frivole Rede. »Den Glauben an den Welterlöser aus dem Herzen hinauszuspotten, haben Voltaire und Genossen das Möglichste getan. Ihre Bemühungen trugen Früchte. Nicht allein die Gebildeten, sondern auch Millionen des Volkes rühmen sich ihres Unglaubens. So tief sind wir gesunken, so gräulich entartet und verwildert, daß der Unglaube zum guten Ton gehört, zur Aufklärung und zeitgemäßen Bildung. Dummköpfe, Fanatiker, Gaukler, Betrüger und Betrogene sind die Christusgläubigen. Sie irren jedoch in der Annahme, daß Schmähungen dieser Art einen richtigen Katholiken in seiner religiösen Überzeugung erschüttern können. Der denkende Katholik hört nicht bloß den Lärm einer Gegenwart, die sich viel einbildet, er hört auch die Stimme der Vergangenheit und betrachtet den Gang der Weltgeschichte. Und der Gang der Weltgeschichte ist ein Kreislauf, der sich um Jesus Christus bewegt. Der Katholik weiß, daß es Wahnwitzige gibt, welche der Sonne der Menschheit fluchen und Blinde, welche das ewige Licht verspotten. Feinde und Widersacher fand Jesus Christus, der Sohn Gottes, schon an seiner Wiege. Seine Feinde nagelten ihn an das Kreuz. Seine Feinde verfolgten und verfolgen mit den Waffen der Lüge, der falschen Wissenschaft, der geschändeten Kunst und Poesie, und auch mit den Waffen der Gewalt, seit achtzehnhundert Jahren die heilige Stiftung Jesu Christi, seine Kirche. Und seine neuesten Feinde, die sich ihrer Bildung rühmen, malen dem Bilde des Weltheilandes – Eselsohren. – – Was beweist dies alles? Weiter nichts, als die Feindschaft der Lüge gegen die Wahrheit, den Haß des Lasters gegen die Tugend, den Grimm des geistigen Todes gegen das geistige Leben; denn Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.«

»Ich beneide Sie um Ihre fromme Gläubigkeit durchaus nicht, mein Herr!« versetzte hochmütig lächelnd der Herzog. »Meinen Unglauben zu befehden, haben Sie kein Recht.«

»Ebenso wenig haben Sie ein Recht, meinen Glauben zu verhöhnen,« sagte Valfort.

»Bleiben wir bei der Sache!« erwiderte Chatel. »Genugtuung fordere ich von Ihnen, – eine Genugtuung, welche der unerhörten Beleidigung entspricht. Als Edelmann können Sie dieselbe nicht verweigern. Wir schlagen uns, – mit Todeswaffen schlagen wir uns! Gefällt es Ihnen, so wechseln wir Kugeln auf drei Schritte Entfernung.«

»Mein Herr,« sprach ernst der Baron, »das Duell hat in meinen Augen die Bedeutung einer großen Torheit, einer sinnlosen, unvernünftigen Barbarei. Angenommen, Sie wären der wirklich Beleidigte. Wir schießen uns. Ihre Kugel irrt, der Beleidiger schießt Sie nieder. Wo bleibt die Genugtuung für Sie? Ich beging einen Mord, und Sie verloren mit der Ehre zugleich das Leben. – Ich mache kein Zugeständnis an einen blödsinnigen Brauch. Abgesehen hievon verwerfe ich den Zweikampf schon aus dem Grunde, weil ihn die Kirche mit Exkommunikation belegte.«

»Wie, mein Herr, mit solchen Lappen unternehmen Sie es, Ihre Feigheit zu verhüllen? So fern liegt Ihrem Bewußtsein der Geist edelmännischer Gesinnung?« rief Chatel, mit einem flüchtigen Blick auf Isabella.

»Die Befolgung einer zeitläufigen Unsitte verrät weniger Mut als die Verachtung derselben,« antwortete Paul.

»Mein Herr, ich kann es nicht glauben!« rief Chatel heftig erregt. »Sprechen Sie es klar und deutlich aus, daß Sie mir, dem Herzoge und Pair von Frankreich, für die angeworfene »bubenhafte Gemeinheit« jede Genugtuung verweigern.«

»Nicht dem Herzog und Pair von Frankreich wurde die ›bubenhafte Gemeinheit‹ angeworfen,« versetzte Paul, »es wurde vielmehr die ›bubenhafte Gemeinheit‹ als bezeichnende Inschrift niederem Tun angeheftet. Genugtuung bin ich Ihnen nicht schuldig. Hätte ich in Wahrheit Recht und Ehre Ihnen gekränkt, dann würde ich in Wahrheit und nicht mit Kugeln das gekränkte Recht sühnen. Niemals würde ich aber ein weiteres Unrecht an Ihnen dadurch begehen, daß ich Sie der Gefahr aussetzte, mit Recht und Ehre auch das Leben zu verlieren.«

Chatel vermochte kaum, seine geheime Freude zu verbergen; denn er sah, wie Isabella mißvergnügt das Haupt bewegte und stolz auf den Baron herabsah.

»Ich bin zu Ende!« sprach der Herzog, sich kalt erhebend. »Über alles Maß, fast über die Grenzen des Erlaubten, dehnte ich mein Entgegenkommen aus. Nach Adelsbrauch und Recht hatte ich weiter nichts zu tun, als durch Kartellträger die Sache ordnen zu lassen. Aber aus Rücksicht zur Gastfreundschaft des Hauses Rovere wollte ich in Güte die Angelegenheit schlichten. Hätte Baron Valfort die milde, hochherzige Entscheidung der gnädigen Gräfin angenommen und die grobe Beschimpfung widerrufen, so möchte dies genügen können. Da jedoch mein Beleidiger Genugtuung und Abbitte zugleich verweigert, so bleibt mir nur übrig, den Baron Paul von Valfort für – ehrlos zu erklären! Nicht allein in diesem Kreise für ehrlos zu erklären, sondern auch öffentlich in den Zeitungen.«

»Allerdings eine traurige Notwendigkeit, wozu Herzog Chatel unter den gegebenen Umständen gezwungen ist,« sagte Graf Henry. »Aus Rücksichten für uns möge die Ehrloserklärung verschoben werden, bis zur Abreise des Barons; denn es leuchtet ein, daß ein Mann, öffentlich für ehrlos erklärt, unmöglich mit dem Grafenhause Rovere in Beziehung stehen dürfte.«

»Ich teile diese Anschauung vollkommen,« bestätigte Philosoph Pichat.

»Und Sie, gnädige Gräfin?« frug Valfort, der bemerkt zu haben glaubte, daß sich Isabella innerlich von ihm abwende.

»Mir ist diese Angelegenheit überaus widerwärtig,« antwortete sie. »Ich beklage Ihr unbegreifliches Benehmen, Herr Baron!« fügte sie in stolzem Tone bei. »Einen Adel ohne Ehre gibt es nicht. Wo die Ehre aufhört, beginnt der gemeine Pöbel. Selbstverständlich schneidet der gewöhnlichste Anstand jede Verbindung zwischen dem Grafenhause Rovere und einem Ehrlosen entzwei.«

Chatel warf seinem Freunde Henry einen triumphierenden Blick zu. In Valfort's Mienenspiel zuckte es schmerzlich.

»Ihre Erklärung, gnädige Gräfin,« sprach er im Tone sanften Vorwurfes, »bestätigt meine Ansichten über die wechselvollen Entschlüsse jener Menschen, die nicht von höheren Ideen und Grundsätzen, sondern von dehnbaren Vorschriften der Mode sich leiten lassen.«

»Wer sich vom Ehrgefühl bestimmen läßt,« erwiderte sie vornehm, »gehorcht ohne Zweifel einer guten Stimme.«

»Nur darf keine hohle, sinnlose Mode den Begriff des Ehrgefühls feststellen,« entgegnete er. »Ich habe meinen Standpunkt erläutert und finde keine Ehre darin, Schändlichkeiten stillschweigend geschehen zu lassen, oder einen Mord zu begehen. – Mein Herr,« wandte er sich an den Herzog, »Ihre öffentliche Erklärung dürfte ich ohne Widerspruch geschehen lassen, weil dieselbe jedem Vernünftigen zeigen müßte, auf welcher Seite Ehrlosigkeit zu finden ist. Zum Überflusse könnte ich eine Gegenerklärung veröffentlichen. Aber ich möchte jeden Skandal vermeiden, aus Rücksicht für die gräfliche Familie, deren Mitglieder den Forderungen zeitläufiger Sitte einen so hohen Wert beilegen. Ich bin also bereit, einer Förmlichkeit zu genügen, wenn Sie mir die Wahl der Waffen überlassen.«

»Mit Vergnügen, Herr Baron, – jedoch unter der einzigen Bedingung, daß Sie Todeswaffen wählen,« versetzte Chatel, nicht ohne Überraschung. »Meine Ehre ist zu sehr gekränkt, – nur das Leben kann sühnen. Einer von uns muß fallen.«

»Ganz meine Ansicht!« bestätigte Valfort. »Schreiten Männer gezwungen zum Kampfe, dann sei der Kampf kein Kinderspiel, – er sei ernst, tödlich, mörderisch. Einer von uns falle, – ganz einverstanden! – – Dies vorausgesetzt, überlassen Sie mir, die Form des Zweikampfes zu bestimmen?«

»Ja!« antwortete kleinlaut der Herzog.

»Als ich diesen Morgen heimritt, führte mich der Weg an einer Hütte in Nod vorbei, deren Fenster weit offen standen,« fuhr der Baron fort. »Aus dem Innern hervor drang ein klägliches Stöhnen, Ächzen und Jammern. In einiger Entfernung hatte sich eine Gruppe von Weibern und Männern versammelt, die scheu nach der Hütte blickten. Ich ritt zu den Leuten und forschte nach der Ursache der Klagetöne. »In dem Hause herrscht die Hungerpest,« erklärte eine Frau. »Die ganze Familie ist daran gestorben, sechs Kinder und deren Mutter. Jetzt hat die Pest auch den Mann ergriffen. Er lamentiert in einem fort. Er schreit nach Wasser und ruft, daß er verbrenne. Aber kein Mensch wagt sich in das Haus; denn wer hineingeht, erbt unfehlbar die Pest und muß sterben.« – Gibt es eine tödlichere Waffe, Herr von Chatel, als die Pest? Da Sie nur Todeswaffen beim Duell wünschen, so wählen wir die mörderische Pest.«

Der Herzog saß starr und sah erschrocken auf den Baron.

»Vernehmen Sie gütigst die Form des tödlichen Zweikampfes,« fuhr Paul fort. »Wir losen. Der Verlierende übernimmt die Pflicht, in dieser Nacht am Lager des Pestkranken zu wachen, den Durstigen zu tränken, den Elenden zu trösten. Der Krankenwärter erbt die Pest und muß sterben; – Sie wünschen ja Todeswaffen.«

Der Herzog schauerte zusammen. Graf Henry verlor den letzten spöttischen Zug seines Gesichtes. Pichat öffnete weit Augen und Mund. Isabella betrachtete entsetzt den schrecklichen Baron.

»Diese Kampfesweise mag furchtbar sein,« sagte Valfort, »allein sie erreicht den von Ihnen angestrebten Zweck, – einer von uns wird fallen. Mir, dem gläubigen Christen, ist ein solches Duell gestattet, weil es zugleich ein Werk der Barmherzigkeit und Menschenliebe in sich schließt.«

Chatel rührte sich.

»Darauf lasse ich mich nicht ein! Das sind keine üblichen Waffen!«

»Todeswaffen, – Ihrem Wunsche gemäß!«

»Nein, – nein! Niemals darf ein Herzog am Lager des leibeigenen Bauern Dienste tun! Die Steine am Wege würden empört aufstehen gegen eine so unerhörte Verletzung des Standesgefühles.«

»Wie, mein Herr, mit solchen Lappen unternehmen Sie es, Ihre Feigheit zu verhüllen? – Ihre eigenen Worte, Herzog!« sagte Valfort.

»Ein Pair von Frankreich darf sich durch Krankenwärterdienste nicht entehren,« rief Chatel.

»Könige waren Krankenwärter, mein Herr! Gerade die besten Könige glaubten, durch werktätige Barmherzigkeit ihrer Krone die kostbarsten Perlen einzusetzen,« sprach Valfort. – »Um Ihnen jeden Vorwand zu entziehen, sollen Sie nicht zum Krankendienst, sondern nur zum Verweilen in der Peststube verpflichtet sein, falls Sie das Los trifft. Sie haben mir die Form des Zweikampfes überlassen; Ihr Wort bindet.«

Graf Henry gab dem Herzog einen geheimen Wink.

»Baron Valfort hat unbestreitbar recht,« sagte Rovere. »Ohne Wortbrüchigkeit kannst Du das angesonnene Duell nicht ablehnen. Dagegen dürfte Dir, dem Beleidigten, ein Vortritt beim Losen nicht abgesprochen werden können.«

»Einverstanden!« sagte Valfort, seine Brieftasche hervorziehend. »Machen wir die Sache kurz. Hier diesen Stift zerschneide ich in zwei ungleiche Teile, in einen sehr kurzen und langen. Zieht mein Gegner den längeren Tell, dann habe ich verloren, – zieht er den kürzeren, so gewann ich.«

»Höchst primitiv und interessant!« sagte Pichat.

»Entsetzlich!« flüsterte Isabella.

Paul hatte den Stift geteilt und nahm beide Stücke so in die Hand, daß sie genau in gleicher Linie hervorsahen. Chatel stand vor den schrecklichen Losen, zögernd, merklich zitternd.

»Frisch zugegriffen!« ermunterte Rovere.

Chatel zog den Kürzeren.

»Verloren!« stöhnte er.

»Ich werde mir die Ehre nehmen,« sagte Valfort, »den Herzog um sechs Uhr diesen Abend an den Ort zu geleiten, damit er die Nacht in der Peststube durchwache.«

Er verbeugte sich und verließ den Saal.

»Henry, Deinem Winke folgte ich, – Du hast mich in das Verderben gestürzt!« sprach verzweifelt der Herzog.

Der Graf lächelte.

»Abwarten!« unterbrach er den Freund. »Vorläufig hast Du nichts verloren. Der Baron hingegen verlor im Urteile jedes echten Edelmannes allen Anspruch auf Standessitte und Ehrgefühl. Pfui, – welche niedrige, krautjunkerliche, bäuerische Gesinnung! Kein Funke Adel lebt in dem Menschen! Er beleidigt frech, – verweigert stirnlos die übliche Genugtuung, – scheut ritterliche Waffen, – hält es für ehrenvoll, pestkranke Bauern zu pflegen: – eine ganz erbärmliche Sinnesart! Höchst erwünscht wäre die Ankunft meines Herrn Vaters. Die Gegenwart eines Menschen von so pöbelhafter Art droht das Ansehen unseres Hauses zu beschimpfen.«

Die Worte waren für Isabella gesprochen.

Die Herren verließen den Saal. Henry begab sich mit Chatel zu einer geheimen Besprechung nach seinen Gemächern.

Gräfin Isabella war in nicht geringer Verwirrung sitzen geblieben, in die eine so unvermutete Abwicklung einer folgenschweren Angelegenheit sie stürzte. Wie unerwartet hatte sich alles verändert! Eben noch berauscht von Glück über das Geständnis der Liebe eines Mannes, den sie bewunderte, bereiteten zwei Worte der flüchtigen Seligkeit ein jähes Ende. Valfort's grobe Beleidigung des Herzogs, seine Verweigerung des Widerrufes, seine Verachtung standesgemäßer Formen der Genugtuung, brachte auf sie einen widerwärtigen, abstoßenden Eindruck hervor. Sie konnte sich nicht verhehlen, daß ihre Gefühle schwankten zwischen erkalteter Neigung und Abneigung zu dem jungen Manne. Anderseits war sie im Unklaren, wer eigentlich die Schuld einer solchen Veränderung trage. Sie überlegte und kam zu unerwarteten Resultaten.

»Im Grunde hat er folgerichtig gehandelt,« sprach sie vor sich hin. »Als gläubiger Christ durfte und konnte er nicht anders verfahren. Von seinem gläubigen Standpunkte machte er kein Geheimnis, – behauptete sogar, daß zwischen mir, der Ungläubigen, und ihm, dem Gläubigen, ein ungetrübtes Verhältnis des Friedens und Glückes nicht bestehen könne. »Beharren Sie in philosophischer Richtung,« sagte er, »so wird ein unlösbarer Zwiespalt unseren Bund trennen und all das Unglück geistig geschiedener Gatten wäre da!« – Sehr wahr, – in mir liegt der schlagende Beweis der Wahrheit dieses Urteils. Was müßte werden, hätte mich das Wort der Treue einem Manne verbunden, dessen Sinnesart mir so antipathisch ist, daß sogar zärtliche Neigung in Bitterkeit verwandelt wird? – Sohin liegt die Schuld ganz auf meiner Seite. Übereilt, unvorsichtig war mein Streben und Handeln. Blind war ich, die tiefe, trennende Kluft nicht zu sehen, zwischen Unglauben und Glauben, zwischen philosophischer und christlicher Gesinnung. Hat denn nicht er gerade auf diese geistige Geschiedenheit zwischen uns fort und fort aufmerksam gemacht? Ja, – er war der Kluge, der Folgerichtige, – ich die Törichte, die Verblendete! Lebte in mir der Geist des Glaubens, Valfort's Benehmen hätte mir nicht Ekel, sondern Bewunderung einflößen müssen. – Und meine Neigung, auf die ich eine Welt bauen zu können meinte, – wo ist sie? Vergiftet, verbittert durch ein verletztes Ehrgefühl, das in Valfort's Augen als hohle Mode ohne geistigen Inhalt erscheint. Wie genau traf er auch hier das richtige! »Stimmungen sind wechselvoll und veränderlich,« sagte er. »Was heute Zuneigung begehrenswert erscheinen läßt, kann morgen schon Abneigung lästig machen.« – Nein, – es bedurfte nicht einmal des »morgen,« – eine Stunde genügte, die Verwandlung fertig zu bringen. Schimpfliche Schwäche! Beklagenswerte Unbeständigkeit! – Zeichnete er nicht wahr mein Herz mit den Worten: »Eine Wetterfahne ist das Menschenherz, ein Schilfrohr, das von jedem Winde getrieben wird, solange nicht angeborener Wankelmut getötet wurde in heißem Streite mit dem Schwerte der Pflicht?« – Ja, die Wetterfahne, das Schilfrohr bin ich! – – Wer verdient Tadel und Verachtung? Valfort? Nein! Gleich blieb er sich, unerschütterlich stand er in seiner Überzeugung. Den Mut hatte er, einer tyrannischen Mode zu trotzen, deren Nichtbeachtung Ehrlosigkeit zur Folge hat. Wie stark, wie groß! Wer mag's leugnen? – Und seine Tapferkeit, seine Todesverachtung! Hat er nicht beide bewiesen durch den schauerlichen Vorschlag? Während Chatel zitterte und bebte, stand er lächelnd, wie bei einem gefahrlosen Spiel, vor dem drohenden Todeslose. Welch ein Mann? – – Also bin ich die Veränderliche, die Abtrünnige, die Verächtliche! – Was mag er von mir denken? Wenn er mich verachten müßte? – Oh – oh!«

Sie verhüllte mit beiden Händen das Gesicht.

Zur bestimmten Stunde begaben sich die Kavaliere nach dem Orte des ungewöhnlichen Zweikampfes.

»Hier ist die Behausung des Armen!« sagte Valfort, auf ein niederes Haus mit schiefem Giebel deutend.

Graf Rovere blieb stehen.

»Ich liebe nicht die giftschwangere Atmosphäre der Pest,« sprach er, sein essiggetränktes Taschentuch an die Nase haltend. »Geleiten Sie meinen Freund nach der Hütte. Ich erwarte Sie hier.«

Der Herzog folgte zögernd dem Vorausgehenden, beständig das Taschentuch an der Nase. Sie überschritten die Schwelle und befanden sich in einer wüsten Stube. Von dem dürftigen Lager in der Ecke stöhnte und ächzte der Kranke, dessen weit offene Augen gläsern nach der Decke starrten, über seine Lippen, von Hitze und Brand zerrissen, bebte zuweilen das Wort »Wasser!« In der Stube herrschte die größte Unordnung. Kleidungsstücke und zerlumpte Wäsche lagen am Boden durcheinander, und ein ekelerregender Schmutz bedeckte alles. Hiezu kam eine schwüle Luft und widerliche Gerüche, welche den Raum erfüllten.

Der elegant gekleidete Herzog stand mitten in der Stube, warf einen flüchtigen Blick nach dem Pestkranken, stieß einen Ruf des Abscheues hervor und stürmte hinaus. Der Baron folgte ihm.

»Galgen und Rad sind anziehend und lieblich gegen solch einen Ort!« rief er, wiederholt speiend und sich räuspernd. »Verlangen Sie alles von mir, Baron Valfort, – nur das Unmögliche nicht! Die ersten fünf Minuten würden mich unfehlbar töten, – erwürgen, – in Ekel und Abscheu ersticken.«

»Sie forderten Todeswaffen, Herr von Chatel! Wenn die ersten fünf Minuten Sie töten, so wäre diese rasche Exekution Ihrem Wunsche gemäß.«

»Gut, Herr Baron, – sehr gut!« rief Chatel, im höchsten Grade erregt. »Mein Leben habe ich verspielt, – ziehen Sie das Schwert, durchbohren Sie mich! Aber in jene Pesthöhle hinein zwingt mich keine Macht der Welt. Ich habe den Mut, durch Ihre Hand augenblicklich zu sterben, – aber den Mut, an Abscheu zu ersticken, habe ich nicht.«

»Handeln Sie ritterlich, Herr Baron!« bat Graf Henry. »Schenken Sie großmütig dem Herzog eine Aufgabe, die er nicht lösen kann.«

»Ihr Ansinnen klingt befremdend, mein Herr!« entgegnete Valfort. »Ein Mann löst unter allen Umständen eingegangene Verbindlichkeiten.«

»Wenn es ihm möglich ist,« sagte Chatel. »Ich beschwöre Sie, Herr Baron, handeln Sie nicht an mir, wie ein Tyrann, sondern nach den Eingebungen der Menschlichkeit! Erlassen Sie mir das Unmögliche, und alles sei vergeben und vergessen! Ihre Güte macht meine Genugtuung vollständig.«

Ein gutmütiges Lächeln spielte in Paul's Zügen.

»Wohlan, meine Herren!« sprach er. »Ich will handeln nach jenen Prinzipien, die Sie verachten, – nach den christlichen Prinzipien der Feindesliebe. – Herzog von Chatel, ich entbinde Sie hiermit von der eingegangenen Verpflichtung!«

»Und ich schwöre, daß Sie der edelste Kavalier der ganzen Welt sind!« rief Chatel, mit Heftigkeit Pauls Hand ergreifend.

»Indessen, meine Herren,« fuhr der Baron fort, »die Lage des armen Menschen ist wirklich jammervoll! Hier verpflichtet Barmherzigkeit den Christen. Erlauben Sie mir, dieser Pflicht zu genügen!«

»Sie wollten?« stieß Chatel hervor.

»Sie hätten wirklich den Mut, einen Pestkranken zu bedienen?« rief Rovere.

»Wenn Sie ein Liebesdienst von meinem Mute überzeugen und den Vorwurf der Feigheit tilgen kann, so wird mich dies freuen,« entgegnete Valfort, verbeugte sich und kehrte nach der Hütte zurück.

Die Edelleute standen starr, sahen dem jungen Manne nach, bis er unter dem Eingange verschwand, und lenkten kopfschüttelnd nach dem Schlosse.

»Henry, – das ist wirklich groß!« gestand Chatel.

»Echt christlich, – oder, wenn man will, – Wahnsinn des religiösen Fanatismus!« versetzte Rovere.

Valfort suchte im Vorplatz der Hütte, der zugleich die Küche vertrat, ein taugliches Gefäß und eilte nach dem Brunnen. Dort traf er einen Burschen, mit dem er ein Gespräch anknüpfte.

»Wie heißt der kranke Mann in jenem Hause?« frug er, nach der Hütte deutend.

»Lapussier!« antwortete der Gefragte, in hohem Grade über den wasserschöpfenden Edelmann verwundert.

»Ihr habt doch einen Seelsorger hier?« frug Paul weiter.

Der Junge bewegte verneinend den Kopf.

»Weiß nicht, was es ist, – ein Seelsorger.«

»Ich sehe doch einen Kirchturm, also habt ihr eine Kirche.«

»Es geht niemand hinein, – zwei oder drei Dummköpfe ausgenommen,« erklärte der Bursch. »Die Leute in Nod glauben nicht mehr an das einfältige Zeug der Pfaffen.«

»Gibt es hier so einen Pfaffen?«

»Freilich, – einen alten Fanatiker, Longuet heißt er.«

»Wolltest Du mir den Herrn Longuet hieher rufen?«

Der Mensch schüttelte verneinend, mit einem feindseligen Brummen, den Kopf. Paul griff in die Tasche und zog ein Fünffrankstück hervor.

»Willst Du mir um diesen Preis den Herrn Longuet rufen?«

Das verneinende Kopfnicken verwandelte sich eiligst in ein bejahendes.

»Um fünf Frank, recht gerne, Herr!«

»Sage dem Geistlichen, er möge schnell zu Lapussier kommen, der Mann liege am Sterben. Das Geldstück erhältst Du, wenn Du mir den Geistlichen gebracht hast.«

Der Bursch ließ seinen Kübel am Brunnen stehen und lief davon.

Mit gefülltem Wassertopf kehrte Paul nach der Hütte zurück, goß Wasser in eine Tasse, fuhr mit der Linken unter den Kopf des Kranken, hob ihn sanft empor und hielt ihm das Gefäß an die Lippen. Der Mann trank gierig, sank in das Kissen zurück und sagte leise: »Wasser, – Wasser!« Paul füllte zum zweiten Male die Tasse, deren Inhalt ebenso rasch und gierig verschlungen wurde. Und wieder flehte der Kranke: »Wasser, – Wasser!«

»Ich meine, es wäre vorläufig genug, mein Freund!« entgegnete Valfort.

Der Kranke stierte ihn an.

»Wasser, – Wasser!« lispelte er.

Nach einigem Zögern füllte der barmherzige Samaritaner zum dritten Male. Der Arme trank, stöhnte leise und begann, die Augen abschreckend in den Höhlen zu drehen. Valfort redete zu ihm, jedoch vergeblich. Lapussier schien vollständig bewußtlos.

Rasche Tritte klangen vor der Hütte. Ein Gewand rauschte durch den Vorplatz, der Pfarrer trat ein. Paul sah die ehrwürdige Gestalt des Greisen und verbeugte sich.

»Entschuldigen Sie gütigst, Hochwürden, wenn ich Ihren geistlichen Beistand für diesen sterbenden Mann anrufe!«

Mit achtungsvollem Kopfnicken trat Longuet vor das Lager.

»Wie geht es, Lapussier?« frug er. »Wünschen Sie meinen priesterlichen Beistand?«

Kein Zeichen verriet, daß die Frage begriffen worden.

»Im Zustande völliger Bewußtlosigkeit,« sagte der Greis. »Was ich tun kann, geschehe unverweilt.«

Er zog ein Rituale hervor, hing die Stola um die Schultern und gab dem Kranken die Generalabsolution. Valfort kniete am Boden, in gläubigem Verständnisse des Vorganges. Der Pfarrer schloß endlich das Buch und wandte sich an den jungen Mann.

»Ihre Gegenwart an diesem Orte des geistigen und leiblichen Elendes, mein Herr, ist für Sie ebenso rühmlich wie rätselhaft für mich,« begann er. »Ich bin sehr glücklich, in der öden Sandwüste des Unglaubens eine Frucht echt christlicher Gesinnung zu finden.«

»Die Sache ist einfach, Hochwürden! Ich bin Baron Valfort aus der Vendee, weile seit einigen Wochen im Schlosse Rovere, ritt an dieser Hütte vorbei, hörte das Ächzen und Jammern des Kranken nach Wasser, erkundigte mich nach den Verhältnissen und konnte mir die Freude nicht versagen, den verlassenen Mann zu bedienen.«

Longuet verbeugte sich achtungsvoll.

»Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!«

Vor dem Hause rief eine Stimme: »Herr, – Herr, – mein Geld, – meine fünf Frank!«

Paul trat zum Fenster und warf dem Burschen den verdienten Lohn zu.

Longuet stand beobachtend vor dem Kranken.

» Mors imminens!« sprach er leise vor sich hin.

»Sollte ihm das Bewußtsein nicht wiederkehren?« frug Paul.

»Kaum! Ich warte. – Möge sich Gott einer Seele erbarmen, die mit der großen Masse auf der breiten Heeresstraße des Unglaubens nach der Tiefe wandelte,« sprach der Greis, ein schneidiges Wehe in den Zügen. »In der gläubig frommen Vendee hat man kaum einen Begriff von Allgemeinheit und Schrecklichkeit des Verderbnisses.«

»Mir ist Frankreichs klägliche Lage wohl bekannt, Hochwürden! Erstaunt bin ich indessen, sogar die ländliche Jugend überaus tief gesunken zu finden.«

»Jede Seuche wirkt ansteckend, vorzüglich dann, wenn künstliche Mittel die Ansteckung fördern,« entgegnete der Pfarrer. »Seit fünfzig Jahren beobachte ich Zerfall und Auflösung. Von oben kam das Verderben. Das Kreuz schmückte Krone und Szepter mit derselben Wahrheit wie der Schafspelz die Pharisäer. Unchristlich waren Politik und Regierungsweise, unchristlich und lasterhaft das Hofleben. Ja, – man kann sagen, das schmachvollste Laster beherrschte Frankreich. Gedenken Sie der allvermögenden Freundinnen der Könige, und Sie werden mein Urteil bestätigen müssen.«

»Sehr wahr!« entgegnete kopfnickend der Baron.

»Dem Volke blieb die Sittenfäulnis hoher Kreise nicht verborgen,« fuhr der Greis fort. »Das Ärgernis wurde furchtbar, es fraß um sich wie ein Krebs. Wo gab es ein sanfteres, arbeitsameres, für alles Große empfänglicheres Volk als das französische? Und heute? Die Sanftmut hat sich in verbissenen Grimm verwandelt, die Arbeitsamkeit in verzweifelte Armut, der Sinn für Großes in sittliche Versunkenheit. Die katholische Religion, deren Geist und leitende Lehren die französische Nation tugendhaft und glorreich gemacht haben, diese nämliche Religion wurde dem Volke verächtlich durch die Gottlosigkeit der allerchristlichsten Könige, durch die Verkommenheit eines großen Teiles des hohen Klerus und des Adels. Es müßten ja täglich Wunder geschehen, wenn das Volk bei solchen Vorbildern nicht religiös lau und schließlich glaubenslos werden soll.«

»Ganz richtig, Hochwürden! Aber ich meine, der pflichtgetreue Kuratklerus hätte wenigstens in den Landgemeinden mit Erfolg dem Verderbnis wehren können.«

Der Greis bewegte traurig sein Haupt.

»Die Apostel des Unglaubens waren klüger und tätiger als die Apostel des Glaubens,« sprach er. »Den Philosophen genügte keineswegs, am Hofe und in den höchsten Gesellschaftskreisen den Ton anzugeben, sie lockten auch das Volk in ihre Netze. Betrachten wir Aussaat und Frucht an einem bestimmten Wirkungskreise der Philosophen, – nehmen wir meine Pfarrgemeinde. Seit dreißig Jahren arbeite ich hier mit der Anstrengung eines Mannes, der einen hochgehenden Strom eindämmen will. Nur wenige hören auf die Stimme des Hirten. Fast alle folgen dem Lockrufe der Philosophen, die sich mit den bösen Neigungen der Menschennatur gegen die Wahrheit und das sanfte Joch des Evangeliums verbündet haben. Eine Menge kleiner, volkstümlicher Schriften und Erzählungen, in denen Geistlichkeit und Religion verspottet werden, haben die Philosophen geschrieben. In ganzen Ballen kommt diese giftige Geistessaat nach Nod und wird um Spottpreise verkauft oder verschenkt. Die eifrigsten Verbreiter dieser Schriften sind meine Schulmeister, von Eitelkeit und Dünkel getrieben, im Dorfe die Aufgeklärtesten zu sein. In Wirtshäusern und Konventikeln kramen sie ihre Weisheit vor den Bauern aus, machen kirchliche Gebräuche lächerlich, verhöhnen den Hokuspokus des Pfarrers und verderben gründlich die Jugend. Die Folgen dieses teuflischen Apostolates der schreibenden Philosophen und der lehrenden Schulmeister sind schauerlich. Befruchtet wird die Höllensaat durch schlechte Beispiele der höchsten Stände, durch himmelschreiende Ärgernisse mancher Geistlichen. Ich selber bin Fanatiker, Dummkopf, alter Schwätzer. Tiefer und tiefer sank meine Gemeinde. Heute ist sie eine Errungenschaft des Unglaubens. – Was in Nod geschah, das geschieht in den meisten Dörfern. Die Sendlinge des Abgrundes und die Geister des Religionshasses schüren, wühlen und verderben durch das ganze Reich.« Barruel, hist. du Jacobinisme, I, 352 ff.

»Armes Frankreich!« sagte Valfort.

»Hiezu kommt ein weiterer, höchst verderblicher Umstand!« fuhr Longuet fort. »Die Philosophen sind untereinander enge verbündet, sie alle gehören einem geheimen Orden an. Die Glieder dieses satanischen Ordens nehmen die wichtigsten Staatsämter ein, tragen sogar Inful und Hirtenstab. Bei der praktischen und schlau durchdachten Organisation des Geheimbundes arbeiten sich dessen Mitglieder allenthalben in die Hände und scheuen keine Mittel, ihren Zweck zu erreichen. Die französische Kirche hingegen hängt nur lose mit dem apostolischen Stuhle zusammen, dessen Hirtengewalt die gallikanischen Freiheiten beinahe vernichtet haben. Die katholischen Priester werden verächtlich gemacht, verdienen sogar teilweise Verachtung und verlieren das notwendige Ansehen. Die Religionsfeinde hingegen und die im Finstern schleichende Macht der Geheimbündler wachsen täglich. Um es kurz zu sagen, das Volk ist eine Beute der Gottlosigkeit geworden und alles treibt einer furchtbaren Katastrophe entgegen.«

»Jammervolle Zustände!« sprach seufzend der Baron.

»Selbst die ländliche Bevölkerung wird im Bösen so verhärtet, daß auch die schärfste Zuchtrute nicht mehr bessert,« versicherte der Greis. »Dieser unglückliche Lapussier huldigte mit seiner ganzen Familie dem Unglauben. In rascher Folge starben ihm Weib und Kinder. Ich beschwor den Mann, Gottes strafende Hand zu erkennen und in sich zu gehen. Er lachte mir in das Gesicht. »Predigen Sie Ihren Dummköpfen,« sagte er, »ich bin Freidenker, weil ich ein vernünftiger Mensch bin.« – Seien Sie überzeugt, wäre Lapussier beim Bewußtsein, er würde meinen Beistand zurückweisen. Somit kann ihm auch die gewordene Generalabsolution kaum Segen bringen; denn Gottes Barmherzigkeit erstreckt sich nur auf reuige Sünder.«

»Unsere Zustände sind kläglich, hoffnungslos, – wir sind bankrott!« rief Paul.

»Ein erschöpfendes Wort – bankrott!« bestätigte Longuet.

»Geistig und materiell bankrott!« fuhr der Baron fort. »Dennoch gibt es viele, die am Rande des gähnenden Abgrundes tanzen, schwelgen und scherzen. Das Zusammenkrachen eines allgemeinen Einsturzes dürfte bald die Gedankenlosen überzeugen, daß kein Volk straflos jene Bahnen verläßt, die Jesus Christus, der Weltheiland, zu gehen befiehlt.«

Pierres Eintritt unterbrach den Baron.

»Gräfin Isabella schickt mich, Euere Gnaden zu bitten, keinen Augenblick länger hier zu verweilen.«

Die Botschaft lockte ein mattes Lächeln in das Angesicht des Freiherrn.

»Mich freut die Aufmerksamkeit der Gräfin,« versetzte er. »Muß jedoch bedauern, ihren Wunsch nicht erfüllen zu können. Der Kranke dort bedarf meines Dienstes, der freilich nur in Darreichung von Wasser besteht.«

»Das wollte ich ebenso gut darreichen mit Euerer Gnaden Erlaubnis,« sagte Pierre.

»Vielleicht sogar noch besser,« entgegnete Valfort. »Wenn es mir aber Vergnügen macht zu dienen, sollst Du mir das Vergnügen lassen.«

Pierre trat vor das Bett und betrachtete genau den Kranken.

»Gnädiger Herr Baron, der Mann trinkt kein Wasser mehr, – tot ist er!«

Valfort überzeugte sich.

»Tot, – in der Tat! Wie geräuschlos der nimmersatte Würger sein Opfer forderte! – Mein Dienst hat nun allerdings ein Ende.«

Die Männer verließen die Hütte.

»Hochwürden!« sprach sich verabschiedend der Baron, »mich hat es sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben und möchte bitten, Sie öfter besuchen zu dürfen.«

»Mein Herr, Sie werden mir stets willkommen sein!« entgegnete herzlich der Greis. »Das Begegnen mit Ihnen empfinde ich, wie einen großen Trost. In meinem Schmerze über die arge Welt könnte ich fürwahr mit dem alten Simeon ausrufen: »Nun Herr, laß Deinen Diener in Frieden fahren, da meine Augen einen echten Christen sahen!« – Herr Baron, beglücken Sie mich bald durch Ihren werten Besuch!«

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