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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 14
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Erklärungen.

Bedeutende Anlagen, bis zur Steigerung des Genies, setzen zwar die Welt in Staunen durch den Glanz ihrer Schöpfungen und Taten, – dagegen verleihen diese Anlagen ihren Trägern keine persönliche sittliche Kraft. Daher die Erscheinung, daß Welteroberer die Sklaven ihrer Leidenschaften gewesen. Nationen unterwerfend und alles beherrschend, trugen sie das Joch der Abhängigkeit von Schwächen und Lastern. – Selbstüberwindung wird niemals angeboren, sie kann nur durch viele heiße Kämpfe erstritten werden, und dies nicht ohne übernatürlichen Beistand.

Gräfin Isabella besaß vorzügliche Naturanlagen. Sie haßte das Gemeine, ihr weiblicher Zartsinn floh den Schmutz, ihr edler Stolz wies zürnend die Schamlosigkeit des verkommenen Zeitgeistes zurück. Sobald jedoch die Leidenschaft ihres Herzens sich bemächtigt hatte, boten die Naturanlagen keine wirksamen Waffen zum Streite. Sie liebte den männlich schönen Valfort innig und wünschte dessen Besitz für das Leben. Diese Neigung mußte für ein Wesen gefährlich werden, das Beschränkung seiner Wünsche nicht kannte. An Huldigungen und stete Triumphe gewöhnt, hielt sie die ablehnende Haltung eines jungen Mannes, den sie mit ihrer Huld beglückte, für unmöglich. Sie täuschte sich. Seit dem Ballfeste in der Abtei mied Valfort sichtlich ihren näheren Umgang. Diese Wahrnehmung verletzte ihren Stolz. Allein der Stolz war keine Rüstung gegen die Macht einer Neigung, welche gerade durch die Schwierigkeit des ersehnten Sieges zur leidenschaftlichen Glut anwuchs.

In anderer Lage befand sich Paul. Auch er liebte die Gräfin wahr und innig. Er hatte an die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung gedacht, und war bei dieser Hoffnung einige Zeit glücklich. Die Vorgänge in St. Martin aber enthüllten plötzlich die Geistesrichtung der Lebenskreise, in denen sich Isabella bewegte, in so grellen Farben und abschreckender Gestalt, daß ihm eine Verbindung mit ihr, wie Abfall vom Heiligsten seiner Überzeugung erschien. Ebenso wenig entgingen ihm die möglichen Folgen für seine geistige und sittliche Richtung. Er kannte die traurige Geschichte Salomo's und den verderblichen Einfluß der Frauen auf jenen König. Konnte er sich, ohne törichte Selbstüberhebung, gegen Gefahren sicher wähnen, die eine so schwere Niederlage dem weisesten Manne bereiteten? War nicht Isabella's Macht groß genug, eine schädliche Einwirkung derselben zu fürchten? Deshalb entsagte er, nicht ohne heißen Kampf, seiner Hoffnung. Im sittlichen Ringen von Jugend auf geübt, hielt er fest an der vermeintlich unabweisbaren Notwendigkeit eines solchen Entschlusses.

Allerdings erweckte die tägliche Berührung mit Isabella und die Wahrnehmung ihrer Liebe für ihn heftige Stürme, aber die gewonnene Einsicht konnten dieselben nicht auslöschen und die Vorsätze nicht zerstören. Er blieb fest in seiner Entsagung, so schwer ihm dieselbe auch fiel.

Sie hatte sich erboten, vom Balkon des grünen Saales ihm die anziehendsten Punkte der Nähe und Ferne zu zeigen. Er konnte das Anerbieten nicht ablehnen und betrat, zur bestimmten Stunde, den Lieblingsaufenthalt der Gräfin. Sie empfing ihn zwar gütig, aber mit einem gewissen Ernst, der auf eine Nebenabsicht schließen ließ, und der ihn beunruhigte. Beim Erscheinen des jungen Mannes verschwand die Kammerzofe vom Balkon.

»Zuerst Dank für die Gewährung meiner Bitte,« sprach das Edelfräulein. »Mir war eine Unterhaltung mit Ihnen ebenso Bedürfnis, wie der Hungernden die Speise, der Dürstenden die Quelle.«

Dies sprach sie, ohne Valfort anzusehen. Er bemerkte ein leises Zittern ihrer Glieder, die erbebten unter der Heftigkeit einer zurückgedrängten Gemütsbewegung. Sofort begann sie, alle hervorragenden Punkte der landschaftlichen Umgebung, sowie das Bedeutendste der Ferne zu zeigen. Sie nannte die Namen von Schlössern, Dörfern, Flecken und Städten, zuweilen kurze Bemerkungen einflechtend, wenn eine historisch berühmte Stätte berührt wurde. Dies alles tat sie rasch, wie jemand, der eine gestellte Aufgabe flüchtig lösen will. Plötzlich verstummte sie, wandte sich an den Hörer und hob den Blick mit einem so unaussprechlich traurigen Ausdruck zu ihm auf, daß er beklommen stand.

»Weshalb fliehen Sie mich?« frug sie leise und klagend.

Das Unvermutete und Heikle der Frage überraschte ihn ebenso, wie die fast kindliche Unbefangenheit der Gräfin. Er glaubte sich in die Jahre seiner Kindheit zurückversetzt, in der sich die kleinen Freunde ähnliche Fragen zu stellen pflegten. »Warum bist du böse über mich? Darf ich wieder zu dir kommen?« Aber ein Blick auf die gegenwärtige Fragestellerin zeigte ihm, daß er keinem Kinde gegenüberstehe; er fühlte, daß sich eine aufrichtige Begründung seines Verhaltens gezieme.

»Gnädiges Fräulein,« antwortete er, »ich bin allerdings eine Erklärung schuldig und bereit, dieselbe zu geben.«

Mit einer Handbewegung lud sie nach dem Saale ein. Er ging eine Weile schweigend an ihrer Seite, den Faden zu Aufschlüssen ordnend, die ihm nicht leicht wurden. Aber aufrichtig wollte er den Gegenstand behandeln und seinen Standpunkt klar und bestimmt erörtern.

»Meinen zufälligen Bemerkungen werden Sie entnommen haben, daß ich eine streng katholische Erziehung genoß,« begann der Baron. »Nach meinen Begriffen liegt die eigentliche Bestimmung der Menschen im Jenseits. Das irdische Dasein ist nur eine Zeit des Überganges, der Prüfung, der Arbeit, des Kämpfens und Ringens um die Krone einer ewig glücklichen Existenz. Alle Beziehungen dieses Lebens müssen der ewigen Bestimmung des Menschen dienen, – namentlich die Ehe. Ein Verhältnis von mehr Innigkeit und Zärtlichkeit kann es ja zwischen zwei Menschen gar nicht geben, als das eheliche. Darum ist zwischen beiden Gatten die Übereinstimmung im religiösen Glauben Grundbedingung glücklichen Zusammenlebens. Glaube und Unglaube scheiden, befehden sich. Mißvergnügen, Zank, Zwietracht sind die Folgen religiös geschiedener Gatten. Nicht minder wurzeln eheliche Treue und Liebe im religiösen Boden, aus dem sie jene sittliche Kraft schöpfen, die zur Beständigkeit notwendig ist. Während ungläubige Gatten den wechselnden Stimmungen und Neigungen ihres Herzens folgen, und sich zur Heilighaltung des Ehebundes vor Gott nicht verantwortlich wissen, verwandelt sich oft Neigung in Abneigung, Treue in Untreue, Liebe in Haß. Bei gläubigen Gatten sind solche Verirrungen unmöglich; denn Treue und Liebe sind ihnen unverletzbare religiöse Pflichten. Aus diesen Gründen ist es keinem ehrenhaften, religiös strebenden jungen Manne gestattet, in nähere Beziehungen zu einem Fräulein zu treten, das seine Glaubensüberzeugung nicht teilt. Zwecklos wäre ein solches Verhältnis, vielleicht sogar gefährlich. Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit und Güte für den Gast hatten mich verleitet, jene zarte Grenzlinie zu überschreiten, die einzig einer möglichen Verbindung und der berechtigten Vertrautheit nicht gezogen ist. Die Vorgänge in der Abtei öffneten mir die Augen, und zeigten die unvereinbaren Gegensätze zwischen Ihrem Standpunkte, gnädige Gräfin, und dem meinigen. Deshalb betrachte ich ein Zurückweichen hinter die strengen Formen des Anstandes, als meine Pflicht, und bitte, in diesem Sinne meine Handlungsweise zu beurteilen.«

Er hatte ruhig und ernst gesprochen. Auf ihrem Angesichte wechselten die Eindrücke der Angst und des Bangens mit jenen der Hoffnung. Jetzt sammelte sie ihr ganzes Vermögen, zur Beschwörung der drohenden Gefahr. Sie tat es mit jener unbefangenen Natürlichkeit, die ihn so oft in Erstaunen setzte.

»Zunächst meinen Dank, Herr Baron, für die vertrauensvolle Erklärung. Hören Sie gütigst die meinige! – Sie kennen meine klägliche Erziehung und auch den Widerspruch meines Empfindens und Strebens gegen dieselbe. Wiederholt bat ich, Sie möchten mir ein Führer zum Besseren werden. Sie lehnten ab, weil die Mühe groß und die Aussichten eines Erfolges gering seien, – vielleicht auch,« fügte sie mit schmerzlich bewegter Stimme bei, »weil Sie für ein so verbildetes, nutzloses Geschöpf keine Teilnahme fühlen.«

Bei den letzten Worten machte er eine Bewegung des Widerspruches. Aber mit keiner Silbe unterbrach er sie; der Widerspruch mochte ihn reuen.

»Und doch würden Sie an mir eine gelehrige Schülerin gefunden haben, die Ihnen vertraut und Sie hoch schätzt. Ich darf es wohl sagen, daß mir noch kein Mann im Leben begegnete, den ich achten konnte. Sie bilden die einzige Ausnahme. Der Verkehr mit Ihnen erweckt mir nicht Ekel und fordert nicht heraus, fades, anzügliches Geschwätz zu strafen. Zartfühlend ist Ihr Benehmen, edel Ihre Gesinnung. Jedes Ihrer Worte klingt warm und geistesverwandt in meiner Seele nach. Können Sie einem verlassenen, mit seiner ganzen Umgebung zerfallenen Geschöpfe zürnen, wenn es der Öde und Leere seines Daseins entfliehen will? Wenn es sich dem gefundenen Retter anschließen möchte? Ein armer, in der Finsternis träumender Nachtfalter bin ich, – ein Lichtstrahl weckte mich aus meinen Träumen, – Sie könnten mich zu einem Tagfalter machen.«

Ihr Blick streifte ihn flüchtig und er glaubte, eine zerdrückte Träne in ihren Augen zu bemerken.

»Von der Ehe sprachen Sie, wie von einem hohen, heiligen Bunde,« fuhr sie zögernd fort. »Ich will annehmen, daß keine Ehe geschlossen wird, ohne gegenseitige Zuneigung. Dennoch lastet der Fluch des Zankes, des Unfriedens und noch viel schlimmeres auf manchen Ehen. Warum? Weil Sie Recht haben, – weil Treue und Liebe nur als religiöse Pflichten unerschüttert bestehen können, weil die Entartung ehelicher Verhältnisse der zeitgeistige Unglaube verschuldet. Dürfte ich ein Glück zu hoffen wagen, das mein Herz ersehnt,« schloß sie kaum hörbar, »die Liebe zum Gatten würde mich bestimmen, eine gläubig fromme Christin zu werden.«

Sie senkte verschämt das Haupt und schwieg. Die Lage des jungen Mannes war bedenklich. Vor ihm stand die vollendet Schöne, noch reizender und überwältigender durch das Geständnis ihrer Liebe. Sein Herz geriet in heftigen Kampf mit Pflicht und Erkenntnis. Er hatte die Hand vor die Augen gelegt, wie ein Mensch, der seine Fassung weichen fühlt und dieselbe mit Händen festhalten möchte.

»Gerade darin liegt die Gefahr, – verhehlen wir dieselbe nicht!« hob er nach langer Pause an. »Während nur Pflichtgefühl zur Gottesfurcht bestimmen sollte, wird Ihnen meine Armseligkeit Beweggrund für ein hohes Ziel. Wie nun, – wer stellt auf so nichtiges Fundament einen himmelhohen Bau? Wer legt in den Flugsand der Herzensneigung den Grundstein für eine feste Burg, deren Türme die Ewigkeit berühren? Ein kurzes Zusammenleben würde meine Fehler und Schattenseiten enthüllen, die Achtung könnte sich in Mißachtung verwandeln. Sohin fiele der Beweggrund hinweg, der Sie für christliche Erkenntnis und religiöses Leben bestimmte. Sie beharrten in philosophischer Richtung, ein unlösbarer Zwiespalt trennte unseren Bund, und all das Unglück geistig geschiedener Gatten wäre da.«

»Sie nahmen meine letzten Worte genau,« entgegnete sie. »Hunger und Durst nach Licht und Wahrheit sind nicht mindere Beweggründe.«

Er ging eine Weile schweigend und kämpfend an ihrer Seite. Sie las Zweifel und Strenge in seinen Zügen und harrte bange der Entgegnung. Er blieb stehen; sein Blick traf leuchtend und scharf den ihrigen.

»Gnädige Gräfin, gestatten Sie mir eine Frage! Neugier veranlaßt dieselbe nicht, – einzig mein Bemühen, eine hohe, heilige Sache würdig zu behandeln, erzwingt die Frage. Hat nicht Gott selbst den Ehebund einer besonderen Gnade würdig erachtet? Wenn der Allmächtige jenes Verhältnis zwischen Mann und Weib zum Sakrament erhob, soll uns dies nicht strenge Mahnung sein, in die Ehe einzutreten, wie in einen gottgeweihten Tempel? Wären Sinnenkitzel bei solchem Schritte maßgebend und niedere Leidenschaft, und nicht das Streben, einer von Gott gewollten Ordnung zu dienen, – entweiht würde der heilige Ehebund, herabgezogen von seiner Höhe in den Dienst der Niedrigkeit. Daher meine Frage, die entscheiden möge – die entscheiden muß. – – Angenommen, ich wäre ungläubiger Philosoph, würde diese Eigenschaft Sie abschrecken von meiner Persönlichkeit?«

Eine verfängliche Frage. Sie stand überlegend.

»Sagten Sie nicht, die Antwort bringe Entscheidung?«

»Ja!« entgegnete er kurz, die Zögernde beobachtend.

»Mir ist unmöglich, sofort zu antworten,« sprach sie endlich. »Eine Sache von der größten Wichtigkeit; muß genau erwogen sein. Gestatten Sie Bedenkzeit.«

»Ihr Wunsch, gnädige Gräfin, verbürgt eine verständnisvolle Auffassung des Gegenstandes,« erwiderte mit einer Verbeugung der Baron. »Darf ich morgen, zu dieser Stunde, Ihre Antwort hören?«

»Ich erwarte Sie hier.«

»Und ich vertraue Ihrer Wahrhaftigkeit im vollsten Maße, gnädiges Fräulein! Sie werden einer Antwort unfähig sein, die nicht Ihrer Denkweise entspricht, – selbst dann, wenn die Antwort die augenblicklichen Wünsche Ihres Herzens zerstören müßte.«

»Sie vertrauen mit Recht, Herr Baron! Weder an Ihnen, noch an mir werde ich eine Ungerechtigkeit begehen. Gerecht will ich sein und wahr, bis zur Rücksichtslosigkeit, – vielleicht bis zur Grausamkeit gegen mich selbst.«

Er verbeugte sich und verließ den Saal.

Isabella war überlegend stehen geblieben, noch unter dem Eindrucke, den sein Ernst und die strenge Behandlung des Gegenstandes auf sie hervorgebracht.

»Welch' eine Aufgabe!« sprach sie vor sich hin. »Wer mag sie lösen? Wer ist stark und gerecht genug, sein eigenes Verdammungsurteil zu sprechen? Wird nicht mein Herz den Verstand bestechen, vergewaltigen, zur Erklärung zwingen: – nein, den ungläubigen Valfort könnte ich niemals lieben? Warum? Weil meine Antwort: – »auch den ungläubigen Valfort würde ich dennoch lieben,« – mir den Geliebten rauben müßte. Ja, dies wäre die schreckliche Folge der Wahrheit! – Wo ist ein Mädchen, dessen Gerechtigkeit seine Liebe ermorden könnte? – – Was er mir zumutet, der Außerordentliche! Da er Würdigkeit und Wert eines Menschen nicht sieht in leiblicher Gestaltung, nicht in der Bildung der Glieder, in den Linien des Gesichtes, sondern im geistigen Gehalt, im Leben der Seele, im Wollen und Streben, – darum soll ich seine Stattlichkeit für nichts achten, und nur den inneren Mann, die Eigenschaften der Seele abwägen. Welche Geistesgröße gehört für ein liebendes Mädchenherz dazu, einen solchen Standpunkt einzunehmen? Dennoch stellt er mir die Aufgabe; – warum? Weil er diese Geistesgröße, diesen fast übermenschlichen Edelsinn bei mir voraussetzt. Wie nun, – hält er mich für so hochsinnig, so groß, – muß er diese Eigenschaften nicht schätzen? Kann ich ihm gleichgültig sein? Ah, – wie er sich da verraten hat!« rief sie, froh in die Hände klatschend. »O ich Glückliche, von einem solchen Manne geachtet zu sein! – – Noch mehr, – bietet die gestellte Aufgabe nicht Anlaß, ihn näher zu prüfen? Kann ich aus der Aufgabe nicht einen Barometer machen, an dem ich sein Empfinden für mich messe? Das will ich! Den ganzen Tag will ich unsichtbar sein, mir Zimmerarrest geben und erscheinen, wie jemand, der über ernsten Dingen grübelt. Selbst bei Tische soll mich der Geist des Grübelns und Forschens nicht verlassen. Will zurückhaltend und wortkarg erscheinen, die Maske trüber Entdeckung über mein Gesicht legen. In meinen Mienen soll er Hoffnungslosigkeit und Verzicht auf mein Glück lesen. Dies alles wird ihm den Eindruck erwecken, die Lösung der Frage entscheide gegen mich, – gegen meine ausgesprochenen Wünsche, – Henker sei ich und Scharfrichter meines eigenen Herzens. Dann will ich sehen, wie er sich verhält. Ob er gleichgültig erscheint, oder unruhig und gepeinigt von Furcht, mich zu verlieren. – Prächtig! Dank, edler Mann, für Deine Aufgabe, die mir einen sicheren Einblick in Dein Herz gewährt!«

Mit seltenem Geschick führte Isabella ihren Plan durch. Sie verließ keinen Augenblick ihre Gemächer. Selbst die regelmäßigen Spaziergänge im Garten unterblieben. Bei Tische erschien sie niedergedrückt, ohne die gewöhnliche Aufmerksamkeit für den Gast. An den Unterhaltungen nahm sie keinen Anteil und beantwortete Valfort's Fragen kurz und abweisend. Anfänglich überraschte ihn der Ernst, mit dem sie die Aufgabe zu lösen strebte. Dann glaubte er, zu bemerken, daß sich Isabella's Untersuchungen gegen ihre Neigung kehren; denn sie betrachtete ihn zuweilen mit dem Ausdrucke herben Wehes, wie einen Schatz, dem sie entsagen müsse. Darüber wurde er unruhig bis zur Bangigkeit, und fand, daß ihm die Gräfin weit mehr war, als er ahnte. Es trieb ihn nach Tische ruhelos durch die Pfade der Gartenanlagen, mit Vorwürfen gegen seine Haltlosigkeit, im demütigenden Gefühl seiner Schwäche, die sich sträubte gegen den wahrscheinlichen Verlust einer Persönlichkeit, mit der seine religiösen Grundsätze keine Verbindung gestatteten. Und als sie beim Abendtische ihm fremd begegnete, da wurde ihm der Verlust zur vollen Gewißheit. So heftig war sein Schmerz, daß er in ergreifender Schrift seine Züge überschattete und von der Gräfin gelesen wurde. Sie freute sich des Textes. Während ihr Herz jubelte, verbarg ihm die vorgehaltene Maske kalter Förmlichkeit die innere Bewegung der Glücklichen.

Nach ihren Gemächern zurückgekehrt, zeigte Isabella ein ganz erstaunliches Benehmen. Sie lachte, sie scherzte, sie sang, sie tanzte und bekundete einen Mutwillen, der ein bedenkliches Kopfschütteln ihrer vertrauten Zofe erweckte.

»Aber, meine Gnädigste, was soll dies alles bedeuten? Den ganzen Tag Einsiedlerin, bei Tische ein Buch mit sieben Siegeln, – eine schweigsame Statue, – jetzt ganz Heiterkeit, ganz Scherz und Ausgelassenheit? Wer löst mir dieses Rätsel?«

»Mein Glück, Julie, – mein großes, unermeßliches Glück! Ja, ich bin glücklich, – unaussprechlich glücklich!«

»Dank für diese höchst erfreuliche Kunde, edle Gräfin! Wer oder was bewirkte dieses Wunder?«

»Eine Entdeckung, Julie, eine ganz unverhoffte Entdeckung!«

»Die ich wissen darf?«

»Gewiß! Sie können ja schweigen, – oder nicht?«

»Wie das Grab!«

»Gut! Ich lege mein Geheimnis in das Grab Ihrer Verschwiegenheit. Hören Sie! Ich warb um Hand und Herz eines Mannes, und der Mann gab mir einen – Korb! – Ist das nicht wunderbar? Welches Mädchen wäre nicht glücklich über ein solches Geschenk?«

Die Zofe saß stumm vor Staunen und sah in das lächelnde Gesicht ihrer Gebieterin.

»Nun, was sagen Sie, Julie?«

»Daß ich an den Korb ebenso wenig glaube, wie an das Werben.«

»Warum nicht?«

»Weil beide eine Unmöglichkeit sind.«

»Ihre Gründe?«

»Der Korb ist unmöglich, weil kein Mann in ganz Frankreich, von den Prinzen von Geblüt angefangen, bis herab zum letzten Kavalier, einer solchen Übermenschlichkeit fähig wäre.«

»Einer solchen Übermenschlichkeit, – sehr gut! Demnach käme der Korb aus der Hand eines Übermenschlichen, – ganz richtig! Da alle Köpfe und Herzen in Frankreich nach Interessen handeln, nach Leidenschaften und Eingebungen des Blutes, – nicht aber nach Grundsätzen und Pflichtgefühl, so ist mein Korbmann ohne Frage eine französische Übermenschlichkeit. – Jetzt die Unmöglichkeit der Werbung!«

»Diese hat meine Gnädigste schon tausendmal bewiesen,« antwortete das Kammerfräulein. »Nichts Männliches, auch nicht das Vornehmste, Galanteste, Geistreichste und Geldreichste, fand jemals Gnade vor Ihnen. Honigträufelnde Worte Ihrer Anbeter ertränkten Sie in Strömen von Essig. Zärtlichkeiten erwiderten Sie mit Spott, – warme Neigung mit eisiger Kälte, – glühende Leidenschaft mit tödlicher Verachtung. Und jetzt sollte diese männerverachtende Gräfin von Rovere, diese unbezwingbare Burg für Frankreichs gesamte Ritterschaft, dieses Fräulein ohne Herz sollte nun selber um die Hand eines Mannes geworben haben?«

»Sie tat es!«

»Unmöglich!«

»Dennoch Wahrheit!« sprach ernst die Gräfin.

»Mir schwindelt, Gnädigste! – Und der Korb?«

»Ist Tatsache!«

»Mein Riechfläschchen, – ich falle in Ohnmacht! Wie heißt der Korbmacher, – der Blinde, – der Tor, – der Unsinnige? Wer ist's?«

»Die genannten Eigenschaften passen nicht auf ihn, gute Julie! Scharfblickend ist er, klug und weise, – wie hätte er mir sonst einen Korb geben können?«

»Ich ersticke, – wer ist's?«

»Baron Paul von Valfort.«

»Ha, – dies erklärt alles! Dieser Mensch ist aus der Vendee.«

»Wo man nicht mit dem schwachen Faden des Leichtsinnes den Ehebund knüpft, auch nicht schnellfüßig in die Ehe hinein und wieder herausspringt, wie im aufgeklärten Frankreich. Aus der Vendee ist Valfort, wo man in der Ehe kein flüchtiges, lockeres, nach Neigungen bestehendes und nach Abneigung zu lösendes Band erblickt, sondern eine feste, heilige Ordnung Gottes, einen Bund ewiger Treue und Liebe.«

»Ewige Treue und Liebe würden Ihnen auch Herzog Chatel, Prinz Louis und jeder schwören, den Sie erhören wollten.«

»O ja, an Schwüren sollte es nicht fehlen, auch nicht am Brechen der Schwüre, sobald die Herren vom Sinnenrausch zur Nüchternheit gelangten.«

»Sie urteilen ungerecht, Gnädigste!«

»Nach Tatsachen, gute Julie, nach Erscheinungen unseres gesellschaftlichen Lebens! Wie viele Eide ewiger Liebe und Treue hat Marquis Garat meiner Freundin Josephine geschworen? Hielt er einen einzigen dieser Eide? Kaum ein Jahr verheiratet, findet der getreue Marquis das Eheband lästig, als ein Joch, das kein lebensfroher Mann tragen kann. Der getreue Marquis beruft sich auf die geistigen Errungenschaften der Philosophie, auf die natürlichen Rechte unbeschränkten Genusses, – er spottet über das alte Möbel der christlichen Ehe, zu schwerfällig und häßlich für den bedürftigen Schönheitssinn unserer beweglichen Zeit. Aus diesen und anderen Gründen verlor die Rose Josephine ihren Duft und der Marquis umflattert andere Blumen. – Da haben Sie an einem Beispiele die Ewigkeit geschworener Treue und Liebe!«

»Ich erlaube mir kein Urteil über Marquis Garat. – Aber Valfort, – weshalb gab er den Korb? Weil er Sie über das gewöhnliche Maß schön fand?«

»Umgekehrt, – weil er mich häßlich fand.«

Bei den Worten und der ernsten Miene Isabella's brach die Zofe in ein schallendes Gelächter aus.

»Verzeihen Sie, Gnädige! Kann mir nicht helfen! Sie, – häßlich?« und neuerdings überfiel sie das Lachen.

»Haben Sie bald Ihre Gedankenlosigkeit ausgelacht?« frug Isabella, nicht ohne Empfindlichkeit.

»Nochmals, – Vergebung! Mir geziemt ein solches Lachen nicht vor meiner gnädigen Herrin, – Verzeihung! Wäre aber ein Scharfrichter vor mir gestanden, mit gezücktem Schwert und der Drohung, sofort meinen Kopf herunterzuschlagen, wenn ich über die Häßlichkeit der Gräfin Isabella von Rovere lache, – ich hätte dennoch lachen müssen. Es gibt Dinge, so ungeheuerlich, so mißgeburtlich drollig, daß sie nicht bemitleidet, nicht geschmäht, sondern eben nur verlacht werden können.«

»Und Menschen gibt es, deren Weisheit und Verstandesschärfe durch Lachen sich verrät. Daher das Sprichwort: »Am Lachen erkennt man den Toren!« – Eine Törin ist meine Julie, indem sie Valfort's Versicherung meiner Häßlichkeit unwahr und lächerlich findet.«

»Unter dieser Bedingung will ich als Törin gelten,« erwiderte das Kammerfräulein. »Hätte ich vor jedem Auge ein Vergrößerungsglas, mit dem man die Mücken im Monde könnte tanzen sehen, ich käme doch nicht zur Entdeckung des wunderbar scharfsichtigen Barons. Helfen Sie mir doch, gnädige Gräfin, Ihre unsichtbare Häßlichkeit ausfindig zu machen!«

»Den Geist verunstaltet die gemeinte Häßlichkeit, nicht den Leib,« erwiderte Isabella. Häßlich dünkt ihm eine Seele, die lebt und strebt mit dem Zeitgeiste des Unglaubens.«

»Ah, – nun begreife ich, – ein Urteil der frommen Vendee!« spöttelte die Zofe. »Wie plump, – wie toll, – wie abgeschmackt! Genau betrachtet, heiratet der Baron die Seele eines Fräuleins, nicht den Leib. Eine blödsinnige Verrücktheit.«

»Zwei Verneinungen geben eine Bejahung, mithin sagt Ihre »blödsinnige Verrücktheit« das Richtige, nämlich: – Valfort's Maßstab, bei der Wahl seiner Gattin, enthält Weisheit.«

»Hätten Sie gesagt, Valfort's Maßstab gleicht auf's Haar der Fehlgeburt überspannter Bigotterie, – ich würde beistimmen. Da ihm das Leibliche gleichgültig und das Geistige alles ist, so mag er sich mit einem körperlosen Engel, oder mit einer eingebildeten Heiligen verheiraten.«

»Eine solche Ehe wäre in der Tat klüger, als eine Verbindung mit einem körperlichen Engel und einem geistigen Teufel,« erwiderte die Gräfin.

»Engel, – Teufel, – Heilige, – entsetzlich!« rief das Kammerfräulein: »Ich merke, der Umgang mit Frömmlern steckt an. Wir rechnen bereits mit Einbildungen. Darum sage ich, will der Baron mit Seele oder Geist, das heißt, mit Wahngebilden oder nichts, eine Vermählung eingehen, so läßt sich dies ohne Schwierigkeit erreichen, – der Mann bleibt einfach ledig.«

»Erschreckt meine Philosophin der Geist, so nenne sie des Menschen höhere Hälfte – Gesinnung,« sprach Isabella. »Dürfen Sie Valfort anklagen, der Torheit zeihen, wenn er die schöne Gesinnung dem schönen Leibe vorzieht? Wenn er Wirkliches über bloßen Schein stellt? Wirkliches im Menschen ist doch nur eine Gesinnung, die nicht wechselt, das Geistige, welches nicht altert, die Tugend, deren Schönheit einer endlosen Steigerung fähig. Und weil der seltene Mann seine Liebe nicht bis zu jenem Punkte nur erstreckt, wo die Liebe mit der Rosenblüte verduftet, weil er seiner Gattenliebe keine Grenzen steckt, darum wirbt er eine Braut, deren Tugenden sie auch im Greisenalter liebenswürdig machen. Erlischt Treue und Liebe mit den Reizen körperlicher Anmut, – wie flüchtig wären beide? Darum erscheint Valfort's Maßstab groß und edel.«

»Auch ungewöhnlich und außer Mode,« ergänzte Julie. »Vielleicht sogar einseitig; denn Leibesschönheit dürfen Wert und Wirklichkeit nicht abgesprochen werden.«

»Noch einseitiger wäre eine Schätzung über Gebühr und Wahrheit,« entgegnete die Gräfin. »Nehmen Sie an, den schönsten Frauenleib beseelt eine schlechte Gesinnung, häßliche Gier, wüste Leidenschaften, – wäre die Leibesschönheit nicht eine täuschende Larve für wirkliche Häßlichkeit? Lüge, Schein und Trug? Und dann, – auch ohne diese Annahme, – was ist der Leib? Ein Gebilde von Fleisch und Blut, das täglich wechselt, das rasch verblüht, oft in kurzer Zeit angenehme Formen in das Gegenteil verwandelt. Den Schwerpunkt zu legen auf Veränderliches, Eitles, Hinfälliges, ist ein Zeugnis herkömmlicher Beschränktheit. Eben darum, weil Gattenwahl und Eheglück unserer hellköpfigen Zeit auf der seichten Oberfläche des Körperlichen schwimmen, das Körperliche aber die Schminke rasch verbraucht, – daher das Eheglück so vergänglich, die Täuschung so gründlich, die Treue so flüchtig, die Liebe so kurzlebig.«

»Ziffern und Tatsachen sprechen, weshalb ich die Wahrheit Ihrer Rede bestätigen muß, gnädige Gräfin! Unsere helle Zeit liebt den Wechsel im Genuß. Gerade darin liegt das bequeme dieser zeitgemäßen Errungenschaft, daß sie im Wechsel keine Sünde findet. Danken wir der Philosophie, sie hat uns erlöst aus den Fesseln christlicher Sittenstrenge.«

Ein strafender Blick Isabella's machte die Zofe verstummen.

»Pfui, – Pichat!« stieß sie heftig hervor.

»Um Vergebung, Gnädigste! Wollte nur im allgemeinen sprechen.«

»Genug! Das allgemeine ist ebenso schmachvoll wie das einzelne,« versetzte die Gräfin und verließ geärgert das Zimmer.

Am folgenden Tage betrat Paul zur bestimmten Stunde den grünen Saal. Äußerlich erschien er ruhig und ergeben, aber in den Zügen seines Angesichts lagen die Spuren heftiger Kämpfe, in denen er siegreich bis zur Höhe der schmerzlichsten Entsagung emporgestiegen. Isabella's Benehmen, welches der Aufrichtige für wahr und nicht für angenommen hielt, hatte ihm ja deutlich die Unmöglichkeit einer Verbindung im christlichen Geiste gezeigt.

Das Edelfräulein trat ihm vom Balkon entgegen, nicht wenig betroffen über Valfort's kühle Haltung. Sie erwartete einen unruhigen, von Erwartung und Ängstlichkeit gefolterten jungen Mann. Jetzt stand er so gemessen und sicher der Forschenden gegenüber, daß sie an dem Gleichmut, mit dem ihre Entscheidung erwartet wurde, nicht zweifeln zu können glaubte. Die Beobachtungen von gestern erwiesen sich falsch, oder Valfort's Erregtheit entsprang nicht den gemeinten Ursachen. Wie hätte er sonst gegenwärtig so gehalten, fast kalt erscheinen können? Offenbar drohte ihm kein Verlust eines ersehnten Besitzes. Er liebte sie nicht, empfand nicht einmal warme Teilnahme für sie.

So dachte und schloß die Gräfin, während der Baron sie begrüßte und nach ihrem Befinden frug. So groß war ihre Betroffenheit, ihre Kränkung so bitter, daß sie ihm auf eine Frage der Förmlichkeit die Antwort schuldig blieb. Hätte Isabella nur entfernt die Kraft und Energie eines Willens geahnt, der als gehorsamer Sohn des göttlichen Willens die Wallungen des Blutes und die Neigungen des Herzens zu beherrschen gelernt, sie würde mit Bewunderung zur Geisteshöhe des echten Christen emporgeschaut haben.

Zweimal durchschritten sie schweigend den Raum. Isabella dem schneidigen Wehe über eine so unvermutete Enttäuschung hingegeben, und Paul eine Erklärung erwartend, zu der sich die Gräfin sammelte.

»Ich habe die gestellte Frage gewissenhaft, nach bestem Vermögen zu lösen bestrebt,« begann sie. »Umsonst war mein Bemühen, weil es zwecklos gewesen.«

Sie schwieg gedrückt.

»Weshalb zwecklos, gnädiges Fräulein?«

Sie blickte ihn traurig an. Bereits schwebte eine Antwort im Sinne ihrer gegenwärtigen Stimmung auf ihren Lippen. Da glaubte sie, den Ausdruck starker Gemütserregung in seinen Mienen zu lesen, und sie gab der Antwort eine völlig veränderte Wendung.

»Zwecklos, – weil es mir unmöglich, die Aufgabe mit klarer Bestimmtheit zu erfassen. Ich kann mir nämlich Ihre Persönlichkeit durchaus nicht vorstellen in der Gestalt eines ungläubigen Philosophen. Was Sie in meinen Augen zu dem macht, was Sie darstellen, dazu gehört eben auch Ihre gläubige Richtung und Denkweise. Nehme, ich von dem ganzen Valfort nur den kleinsten Teil hinweg, so erscheinen Sie als Fälschung, als Pfuschwerk, für das ich keine Sympathie haben kann.«

Sie gewahrte seine gespannte Aufmerksamkeit und sein befriedigtes Lächeln. Da schwand ihre Gedrücktheit vollständig und der Zwang ihrer Rede verwandelte sich in Lebhaftigkeit.

»Lächeln Sie nicht, Herr Baron, wenn ich Ihnen die kleinen Künste enthülle, mit denen ich manipulierte! So trieb ich aus Ihrem Leibe den Geist und beseelte ihn mit dem Geiste des Herzogs Chatel. Welches Monstrum hatte ich da geschaffen! Alles an Ihnen wurde unwahr, verzerrt, unnatürlich. Ihr Mund schwatzte töricht, fade, albern, – nicht zum Ertragen. Ihr Auge verlor die Schärfe, die Klarheit, den Glanz, – der Blick wurde stumpf, blöde, nichtssagend, – kurz der Blick eines blasierten Geistes. Ebenso verwandelte sich Ihre Haltung, Ihre Bewegung, Ihr Gang. Sie wurden leiblich zur Mißgestalt, weil ich Ihren Körper zum Träger geistiger Seichtheit gemacht. – Ich trieb also Chatel's Geist wieder aus und beseelte Ihren Leib mit dem Geiste des Philosophen Pichat. Nun wurde die Sache noch ärger. Ihr Mund führte Spottreden über dumme Gläubigkeit, über die Lächerlichkeit und Abgeschmacktheit christlicher Sittenlehren, über die Wundermärchen der Bibel und den Blödsinn eines persönlichen Gottes. Während so der Zeitgeist aus Ihnen redete, verloren Ihre Züge die eigentümliche Bildung, sie wurden starr, frivol und verzerrt. Ihrem Blick erstarb das Licht, er glitzerte wie ein Irrwisch. Von Ihrer Stirne floh die Hoheit, der süße Friede der Überzeugung, an deren Stelle der Zweifel, das kalte Verneinen traten. Kurz, – die Philosophie machte aus Ihnen eine so widerwärtige Erscheinung, daß ich entsetzt die Augen schloß. – So ist es mir absolut unmöglich, Sie anders zu denken, als Sie in Wirklichkeit sind. Mir scheint, nicht der Leib, sondern der Geist bilde die Persönlichkeit. Was wäre Valfort's Leib ohne Valfort's Geist? Eine leere Form. Valfort's Leib mit Voltaire's Geist wäre zwar keine leere Form, aber doch nicht Valfort; denn Valfort ist ja kein ungläubiger Philosoph, und wäre er dies, so wäre er auch nicht mehr Valfort! – – Da ich mir Sie nicht anders denken kann, als Sie wirklich sind, so bedauere ich mein Ungeschick, Ihre Frage nicht beantworten zu können.«

»Bei einiger Parteilichkeit könnte man die Frage als gelöst betrachten,« sprach er. »Parteilichkeit ziemt aber nicht bei einer Frage für Zeit und Ewigkeit. Deshalb bitte ich, mir zu sagen, welche Beweggründe meine leibliche Hülle, mit dem Geiste des Unglaubens beseelt, Ihnen widerwärtig machten.«

»Nach Beweggründen forschte ich nicht, – dem inneren Drange folgte ich.«

»Demnach entsprang Ihr Widerwille nicht der festen Richtung gewonnener Erkenntnis des Besseren, sondern der Abneigung, der Stimmung,« fuhr Paul fort. »Stimmungen sind aber wechselvoll, veränderlich. Was heute Zuneigung begehrenswert erscheinen läßt, kann morgen schon Abneigung lästig machen. Eine Wetterfahne ist das Menschenherz, ein Schilfrohr, von jedem Winde getrieben, so lange nicht angeborener Wankelmut getötet wurde im heißen Streite mit dem Schwerte der Pflicht. Unbeständigkeit stellt alles in Frage, so lange nicht Laune und Stimmung an den Ketten sittlicher Kraft gefesselt liegen. Sohin leistet Ihre Abneigung, jeder tieferen Grundlage der Überzeugung bar, keine Bürgschaft für Beständigkeit.«

»Wie strenge, wie schneidig, – Sie erschrecken mich!« sprach sie leise.

»Gründlich, wie es eine so ernste Sache fordert,« entgegnete er. »Seien wir aufrichtig, gnädige Gräfin! Halten wir gegen jeden tückischen Anfall des Unheiles den Schild der Vorsicht! Bislang waren für Sie Neigung oder Abneigung maßgebend. Niemals bestimmte Pflicht Ihre Handlungsweise, Ihr Wollen und Begehren, wenigstens nicht jene Pflicht, die in religiöser Überzeugung wurzelt. Deshalb bin ich Ihnen und mir das Geständnis schuldig, daß für einen Menschen, der nur seinen Eingebungen und natürlichen Trieben zu gehorchen gewohnt ist, der Zwang christlicher Pflichten ein fast unerträgliches Joch sein müßte.«

»Sie halten mich für unfähig, einzulenken in die scharf begrenzten Schranken christlicher Lebensbahn? Für zu schwach, auszuharren auf dem engen Pfade religiöser Pflichten?«

»Dies alles mag unaussprechlich schwierig für einen Menschen sein, der in einem ganz entgegengesetzten Geiste erzogen wurde,« antwortete er.

»Sie glauben nicht an die Möglichkeit beharrlicher Sinnesänderung?« frug sie bange.

»Ich glaube, daß nur die klare Erkenntnis des Irrwahns und das Forschen nach Wahrheit aus höheren Beweggründen, eine solche Wandlung erzeugen kann, – nicht aber die Neigung zu einem Menschen,« versetzte er.

Die Worte klangen ihr hart, ungerecht. Sie fühlte sich gekränkt, verkannt. Ihr Selbstgefühl protestierte und ihr Stolz erhob sich.

»Wohlan, – ich schließe mich Ihrem Urteile an!« sprach sie, nicht ohne Heftigkeit. »Alles war nur ein schöner Traum. Sie lassen mir keine Hoffnung der Rettung und des Glückes. Sie stoßen mich zurück, – so will ich versuchen, das arme leere Leben zu ertragen.«

Weiter folgte ihr der angeflogene Trotz nicht. Die erhobene Hand sank herab. Ihr schönes Haupt beugte sich und in den reizenden Zügen malte sich das herbste Wehe. So stand sie einige Augenblicke schweigend, wie innerlich gebrochen und vernichtet.

Er war ihrer geistigen Erregung mit scharfem Blick gefolgt. Die hervorbrechende Entrüstung überzeugte ihn von der Aufrichtigkeit ihres verkannten Strebens nach Wahrheit und religiöser Lebensrichtung. Nicht minder verriet ihre gegenwärtige Haltung die Innigkeit ihrer Liebe. Diese Wahrnehmungen hoben den Zwang, welchen Valfort seinen Gefühlen auferlegen zu müssen glaubte. Die Fesseln der Klugheit und Vorsicht, mit denen er sein Empfinden gebunden, fielen und gaben die zärtliche Neigung seines Herzens frei. Ein namenloses Glück strahlte in seinen Zügen, – von ihr unbemerkt, da sie fortwährend gebeugten Hauptes stand, wie eine Verurteilte.

»Ich wähnte,« fuhr sie in ergreifender Klage fort, »mein hartes Geschick erwecke Ihre Teilnahme, – mein Wille zum Guten möchte Sie bestimmen, Ihre stützende Hand mir zu reichen. O ich Unglückselige! – Eine Verlorene bin ich in Ihren Augen, – als Verlorene fühle ich mich! In mir selbst liegt keine haltbare Stütze gegen den Abgrund. So mag ich zu den übrigen in die Tiefe stürzen, – untergehen!«

Ihre Stimme stockte und Tränen füllten ihre Augen.

»Isabella!« sprach er sanft.

So hatte er sie jetzt zum ersten Male genannt, und zwar im Tone der Innigkeit und Liebe. Das einzige Wort goß neues Leben über sie aus. Sie richtete das Haupt empor und blickte ihn flehend an.

»Zweifeln Sie an meiner Teilnahme nicht, Isabella!« fuhr er fort, im Kampfe mit so stürmischen Gemütsbewegungen, daß ihm die Stimme bebte. »Könnte das Opfer meines Lebens Ihnen nützen, ich zögerte keinen Augenblick.«

Ihr Angesicht glänzte vor Freude und Glück.

»Darf ich hoffen? Mein Los wäre Ihnen nicht gleichgültig?«

Er antwortete mit einem Blicke, der sie elektrisch durchzuckte. Noch wirkungsvoller waren die erklärenden Worte.

»Was ich empfinde, – zu empfinden berechtigt bin, läßt sich in keine Worte fassen. Begreife ich doch selbst nicht, was in mir stürmt, – überwältigend in mir drängt! Arm und leer dünkt mir die Welt, ohne Isabella, – des süßesten Inhaltes mein Dasein beraubt, ohne Isabella! Könnten wir zusammen in gleichem Geiste und Streben durch das Leben gehen, – welche Wonne, welches Glück!«

Er hatte gesprochen wie ein Mensch, den zwar die Macht der Empfindung bestimmt, jedoch nicht blind beherrscht. Seine Haltung blieb würdig. Keine Bewegung verletzte die Schranken der strengsten Sitte.

Isabella hingegen drohte ihre Fassung vollständig zu verlieren. Sie glich einem Schiffe, das im Sturm Steuer und Steuermann verloren. Unbeschreiblich war ihre Aufregung. Durch Paul's Verhalten zur Beherrschung ihrer Leidenschaft gezwungen, ergriff eine krampfhafte Erschütterung ihr ganzes Wesen, und plötzlich bedeckte eine flammende Röte ihr Angesicht.

In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe. Graf Henry trat unter den Eingang.

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