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Conrad von Bolanden: Bankrott - Kapitel 10
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleBankrott
publisherA. & B. Schuler
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid0ef4338b
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Ein Schaf unter Wölfen.

Herzog Chatel und Graf Rovere hatten inzwischen das Frühstück in Champagner fortgesetzt, ihre Glossen über den philosophischen Schmied und Pläne über dessen Tochter gemacht. Da öffnete sich die Türe und Abt Armand von St. Martin trat herein. Dem ebenbürtigen Freunde wurde ein froher Willkomm. Der Abt hingegen stand ernst, strafend die Hand gehoben, erkünstelte Strenge in Haltung und Miene. Die Kavaliere bemerkten die übernommene Rolle und saßen erwartungsvoll.

»Was höre ich?« begann der Abt mit tiefer Stimme. »Israel's Söhne weichen ab von den Wegen ihres Gottes und gehen verbotene Pfade? Ihr Verblendeten an Herz und Nieren, wisset ihr nicht, daß man von jeglicher Frucht nicht essen darf, die euch verlockend in die Augen sticht? Arges sinnet ihr in euren verderbten Herzen. Nicht im Garten Eden, sondern im Garten des Schmiedes von Nod habt ihr eine süße Frucht geschaut und sündiger Gaumenkitzel verleitet euch, die lüsterne Hand darnach auszustrecken. Wehe euch Frevlern! Jenes Höllenfeuer, vom gottseligen Abraham a Santa Clara so meisterlich beschrieben und so begeistert gepredigt, ist nicht heiß genug, eure Missetaten hinwegzubrennen. Kehret um von euren bösen Wegen, bevor es zu spät geworden! Wollet ihr aber nicht umkehren, sondern beharren in euren sündigen Gelüsten, so handelt ihr wie Freigeister und Philosophen, die zwar teilhaben am Himmel dieser Erde, nicht aber am Himmel des Jenseits. Amen.«

Die Kavaliere lachten.

»Deine Strafpredigt geht an!« sagte Henry. »Nur die richtige Salbung fehlt und auch Deine Kutte. Dieser verschnörkelte Moderock profaniert die Heiligkeit des Wortes Gottes.«

Der geistliche Grafensohn und geborene Abt ließ die Maske fallen und verwandelte sich in einen Champagnergenossen.

»Woher weißt Du die Geschichte?« frug Chatel.

Armand erzählte von Frau Duval und Thomas Gilbert.

»Lebten wir nicht in einem so aufgeklärten Zeitalter, es gäbe einen fürchterlichen Skandal,« schloß er. »Danket also der Wissenschaft, die uns erlöste aus den Banden der Sittentyrannei und vom Ärgernis religiösen Wahnes.«

Jean meldete Pfarrer Longuet aus Nod. Die Freunde begriffen sofort den Zweck des angesagten Besuches.

»Er ist willkommen!« sagte Graf Rovere.

Der Kammerdiener verschwand.

»Laßt uns sehen,« scherzte der Herzog, »ob der Pfarrer von Nod seine Rolle ebenso gut spielt, wie Monseigneur von St. Martin.«

In seiner abgeschabten, von Flickwerk bedeckten Soutane betrat der greise Pfarrer von Nod das Zimmer. Für den Abt mochte der Anblick eines würdigen Priesters empfindlich und vorwurfsvoll sein; denn er senkte verlegen das Auge und eine matte Röte glitt über sein Gesicht. Aber die Regung des überraschten Gewissens war nur flüchtig. Den Kopf stolz in den Nacken werfend, blickte er mit vornehmer Geringschätzung herab auf ein Glied des niederen Klerus. Die gleiche Empfindung teilten die Kavaliere für den Fanatiker. Chatel erwiderte nicht den Gruß Longuet's und musterte mit beleidigender Absichtlichkeit dessen ärmliches Kleid. Graf Henry lächelte spöttisch und wies dem Besuch vermittels einer gnädigen Handbewegung einen entfernten Stuhl zum Sitze an.

»Was wünschen Sie, Herr Pfarrer?« warf er kurz hin.

»Einige Worte mit Eurer Gnaden im Vertrauen,« antwortete bescheiden der Greis.

»Im Vertrauen?« wiederholte Rovere im Tone der Verwunderung. »Wüßte nicht, welcher Umstand mich einer solchen Ehre würdigen könnte. Kommen Sie jedoch in Angelegenheit meiner Leibeigenen Madelon Duval, so reden Sie, mein Herr! In diesem Punkte gibt es vor gleichgesinnten Freunden kein Geheimnis.«

»Nach Ihrem Wunsche, Herr Graf!« versetzte Longuet ernst. »Vor allen Dingen muß ich bemerken, daß mich nur der Zwang der Pflicht bestimmen konnte, in einer so heiklen Sache Sie zu belästigen.«

»Jede Einleitung ist überflüssig,« unterbrach ihn Rovere. »Sie sind bekanntlich ein guter Hirt und jeder gute Hirt läßt sein Leben für seine Schafe, – das ist biblisch, wenn auch nicht vernünftig; denn vernünftige Leute lassen ihr Leben nicht für Schafe. Da Sie jedoch biblisch denken und handeln, so bedarf es keiner weiteren Beschönigung Ihres Unternehmens.«

Die Ungezogenheit erschütterte keineswegs die Ruhe des greisen Priesters. Aber ein schmerzlicher Blick auf Rovere spiegelte innige Teilnahme für die entartete Gesinnung des jungen Mannes.

»Sie haben mein Pfarrkind, Madelon Duval, unter Umständen in Ihren Dienst gefordert, die mich zwingen, Verwahrung einzulegen.«

»Halt!« unterbrach der Graf. »So viele Worte, so viele Beleidigungen! Zunächst die Umstände, – bezeichnen Sie dieselben näher!«

»Madelon ist Braut und im Begriffe, sich zu verehelichen.«

»Und ich bin Grundherr, dazu berechtigt, meine leibeigenen Bauern in Dienste zu fordern, wenn es mir beliebt. Als gelehrter Mann, der fleißig über Büchern sitzt, werden Sie ohnehin die Tragweite unserer Herrenrechte kennen. Nicht einmal Verehelichung setzt denselben Schranken. Sie werden mir gestatten, Herr Pfarrer, von meinen Herrenrechten Gebrauch zu machen, obwohl sie überspannten Forderungen veralteter Bigotterie widersprechen.«

»Sehr gut!« sagte Herzog Chatel.

»Ganz vorzüglich!« rühmte der Abt.

»Gottlos!« sprach strafend der Greis. »Diese nackte Verachtung menschlicher Rechte und göttlicher Gebote kleidet Eure Gnaden nicht schön.«

»Nach Ihrem frommen Standpunkte, welcher nicht der meinige ist,« entgegnete Rovere. »Sie sprachen von Umständen! Ein Umstand wäre erledigt, – nun die weiteren Umstände, wenn ich bitten darf.«

»Verhängnisvoll könnte der Umstand werden, Herr Graf, Madelon Duval zu behandeln wie eine rechtslose Sache, wie ein Spielzeug in der Hand des Grundherrn. Betrachten Sie gütigst die Zeitverhältnisse! Das Volk ist nicht mehr eine Masse von Leibeigenen, – es ist die gesetzgebende Majorität Frankreichs.«

Die Worte hatten die Wirkung eines Feuerbrandes, den man in eine gefüllte Pulvertonne wirft. Die Feudalen sprangen empor und ihre wilden Blicke flammten Zorn und Wut nach dem freimütigen Pfarrer.

»Sie wagen es, eine solche Unverschämtheit uns frech in das Gesicht zu schleudern?« rief Chatel.

»Auf die Galeeren mit dem Revolutionär!« schrie der Abt. »Einer jener elenden Schwärmer, welche Umsturzgedanken und Rebellion pharisäisch mit dem Mantel der Frömmigkeit bedecken. In Ketten und Eisen mit dem Empörer!«

»Um Vergebung, meine Freunde!« sprach höhnisch lächelnd Rovere. »Der Mann hat wirklich Recht! Die Majorität in Frankreich bildet gegenwärtig der Pöbel, – der Pöbel führt das große Wort in der Nationalversammlung. Sonach blüht uns das Glück, unter eine süße Pöbelherrschaft zu geraten.«

»Wer hat das fromme Volk Frankreichs zum zügellosen Pöbel gemacht?« frug der Greis. »Hat es nicht die schlechte Philosophie getan, – eine Wissenschaft des Unglaubens, der Gottesleugnung, der Verachtung aller Schranken christlicher Moral? Hat es nicht das schnöde Beispiel der höchsten Stände getan, deren Sittenverwilderung und Zügellosigkeit dem Volke vorangingen? Hat es nicht jene unchristliche Regierungsweise getan, welche den Menschen seiner Würde entkleidet und ihn behandelt als hörigen Knecht, als rechtsloses Lasttier eines gottlosen Staatswesens? Gibt es darum einen Pöbel in Frankreich, – die vermeintlich Gebildeten haben ihn verschuldet.«

Die Feudalen saßen überrascht vor dieser unbefangenen Geradheit und die empfundene Wahrheit der Vorwürfe machte sie stumm.

»Deshalb bitte ich, Herr Graf,« schloß Pfarrer Longuet, »die Summe der Ungerechtigkeiten und Verführungen zum Bösen nicht zu vermehren.«

Der Graf rückte heftig auf dem Sitze, kaum fähig, seine Wut zu bemeistern.

»Schon gut, – schon gut! Hören Sie, – nur Ihre Einfalt schützt gegen verdiente Züchtigung!« sprach er mit verhaltenem Zorn. »Hirnverbrannte Schwärmereien bemitleidet der Einsichtsvolle. Aber gestehen muß ich Ihnen, daß wir weit entfernt sind, unseren Feudalrechten zu entsagen. Meine Bauern sind und bleiben meine Leibeigenen, mit denen ich nach Gesetz und Gutdünken verfahre. Den tollen Anmaßungen des dritten Standes machen wir nicht das geringste Zugeständnis. – – Dagegen muß ich fragen, woher Sie die Berechtigung Ihrer gegenwärtigen Handlungsweise nehmen.«

»Mein Hirtenamt verpflichtet hiezu, Herr Graf.«

»Von wem haben Sie dieses Hirtenamt?«

»Von Gott!«

»Ah, – von Gott, der gesagt hat: »Siehe ich sende euch, wie Schafe unter Wölfe!« Muß gestehen, Ihr Denken und Benehmen erinnert sehr an den bekannten Scharfsinn jenes Tieres. Immerhin, – seien Sie Schaf und wir sind Wölfe. Ich möchte den Wolf sehen, der sich von einem Schafe meistern ließe.«

Der Greis beantwortete die Rohheit mit Stillschweigen.

»Indessen glaubte ich,« fuhr Rovere fort, »Sie hätten das Hirtenamt nicht von Gott, sondern von meinem Großvater, der Sie zum Pfarrer von Nod gemacht hat.«

»Als Patronatsherr von Nod übertrug mir allerdings der gnädige Graf die Temporalien, – das geistliche Amt hingegen ist göttlicher Einsetzung. Nicht der König und nicht der Patronatsherr dürfen jene Ordnung verrücken, die Jesus Christus in seiner Kirche festgestellt hat.«

»Falsch!« warf der Abt ein. »Kraft gallikanischer Freiheiten hat der Papst nur weniges, der König alles in der französischen Nationalkirche zu bestimmen.«

»Um Vergebung, Monseigneur! Ich kenne nicht eine französische Nationalkirche, sondern nur eine katholische Kirche. Die gallikanischen Freiheiten widerstreiten Gottes Anordnungen, wurden niemals vom Papste bestätigt und trugen den Absolutismus des Königstums in die Kirche hinein. Gerade dieser Absolutismus verschuldet großenteils den Niedergang des geistlichen Standes und das Elend des Volkes. Der Absolutismus des Thrones hat die Kirche zur Dienstmagd des Staates herabgewürdigt, aus ihr ein serviles Werkzeug zur Unterdrückung der Freiheiten des Volkes gemacht. Derselbe Absolutismus beraubte die Kirche der Möglichkeit, den Franzosen die Segnungen des Christentums zu spenden und die Würde freier Kinder Gottes zu bewahren.«

»Sehr schön! Ich sagte es ja, – reif für die Galeeren!« rief der Abt.

»Das Urteil der Menschen ist einem Manne gleichgültig, der am Rande des Grabes Gottes Urteil erwartet,« versetzte der Greis. »Von Ihrem Stande glaubte ich jedoch, Unterstützung meiner Bitte erwarten zu dürfen, Monseigneur!«

»Wirklich?« frug übermütig der Abt. »Wann, – wo, – wie – gab Ihnen mein Verhalten das Recht, von mir Unterstützung alberner Wünsche zu erwarten? Vernunft und berechtigte Forderungen der Natur sind jedem Gebildeten maßgebend. Religiöse Schwärmerei und frommer Betrug überspannter Bigotterie können nicht bestehen vor dem Tageslicht der Aufklärung. Und mein Standpunkt ist zugleich Standpunkt des ganzen hohen Klerus, – einzelne bischöfliche Ausnahmen abgerechnet, die nicht zählen.«

»Leider haben Sie kaum übertrieben, Monseigneur!« sprach traurig der Greis. »Die Fäulnis hat riesige Verhältnisse angenommen und das ganze rollt nach der Tiefe.«

»Das ganze ist ein Bruch der helldenkenden Gegenwart mit der dunklen Vergangenheit bornierten Aberglaubens,« behauptete Rovere. »Sie haben sich überlebt, Herr Pfarrer! Sie begreifen nicht den Zeitgeist. Da Sie nur Apostel, Evangelisten, Kirchenväter und ähnliche Leute hören, so ist Ihr Standpunkt begreiflich. Täten Sie auch nur einen flüchtigen Blick in die geistige Bewegung des Jahrhunderts, er müßte Sie von dem unrettbaren Untergang christlicher Ammenmärchen überzeugen. Die Sache ist doch so einfach! Axe gläubiger Vergangenheit war die Unsterblichkeit der Seele. Gibt es keinen unsterblichen Menschengeist, so werden Himmel und Hölle und Gottesfurcht hinfällig. Was sich auf Gottesfurcht aufbaut, Zwang der Pflichten, Quälereien der Entsagung und ähnliche Torturen heiliger Schwärmerei werden lächerlich.«

Der Pfarrer machte eine Bewegung des Widerspruches.

»Unterbrechen Sie mich nicht, – hören Sie mich vollständig!« fuhr der Graf mit erhöhter Stimme fort. »Fragen Sie die ganze gebildete Männerwelt, mag dieselbe getrunken haben aus der lauteren Quelle der Wissenschaft an der Akademie zu Paris, oder mag sie durch zeitgemäße Hofmeister unterrichtet worden sein, – alle werden die gleiche Antwort haben. Alle werden Ihnen sagen: – nach exakten wissenschaftlichen Forschungen gibt es weder einen göttlichen, noch einen menschlichen Geist. Die Materie allein ist ewig. Die Seele ist kein selbständiges Wesen, sondern eine Fähigkeit des Körpers. Geistige Funktionen sind lediglich Empfindungen und Bewegungen der Nervenmasse. Das Gehirn denkt, wie der Magen verdaut. Wie der Magen die Speisen verarbeitet, so verdaut das Gehirn die von außen kommenden Sinneseindrücke, um sie schließlich als Gedanken wieder auszuscheiden. – Dies alles sind unbestreitbare Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen. Nur Unwissenheit und Dummgläubigkeit können noch faseln von einer unsterblichen Seele. Cantu, Bd. XII. S. 206 f. – – Mithin ist jede Religion, die sich auf das Jenseits stützt, für das Jenseits arbeitet, – Betrug, Gaukelwerk.«

»So denkt ganz Frankreich!« bestätigte Herzog Chatel. »Religiöse Träumereien sind für immer abgetan. Sogar in den Hütten der Bauern und in den Werkstätten der Arbeiter leuchtet das Licht der Vernunft. Die Predigt des Evangeliums war nur für die Einfältigen, – und die Einfältigen gehören glücklicherweise immer mehr zu den Seltenheiten. Im aufgeklärten Frankreich findet die Predigt des Aberglaubens höchstens ein Lächeln des Mitleids, aber keine gläubigen Zuhörer.«

»Auch die übrigen Nationen beginnen, Frankreichs geistige Errungenschaften sich anzueignen,« versicherte Abt Armand. »Schon vor zwanzig Jahren schrieb der große Voltaire an den Philosophen d'Alembert: »In Genf glauben nur noch einige Lumpenhunde an den Konsubstantiellen. Von Genf bis Bern ist wirklich kein einziger Christ zu finden.« Und an den Preußenkönig Friedrich II. schrieb Voltaire: »Die Schweiz ist ganz voll von solchen Leuten, welche das Christentum ebenso hassen und verachten, wie es Kaiser Julian gehaßt und verachtet hat.« Stark, S. 267. – – Dies die gegenwärtige Weltlage, Herr Pfarrer, in deren Tageslicht Ihre finstere, gläubige Erscheinung sich wunderlich genug ausnimmt.«

»Gestatten Sie mir gütigst eine Erwiderung, Herr Graf!« bat Longuet.

»Reden Sie, – aber vernünftig!«

»Sie haben die Herrschaft des religiösen Unglaubens berührt, – folgt hieraus eine Widerlegung religiöser Wahrheiten? Gewiß nicht! Die angezogenen Behauptungen gegen die Existenz des Geistes im Menschen können wohl den oberflächlich Gebildeten gewinnen, vorzüglich dann, wenn ein verderbtes Herz und schlechte Sitten die Unsterblichkeit und die Vergeltung im Jenseits sehr unbequem finden. Der tiefe Denker und Beobachter des menschlichen Seins wird hingegen, zwischen der geistigen Individualität des Menschen und dem Organismus der Nerven, einen wesentlichen Unterschied erkennen. – Aber die Herrschaft des Unglaubens bestreite ich nicht. Frankreichs Zukunft wird ohne Zweifel die schauerlichen Folgen seines Abfalles vom Welterlöser und seinen Lehren zutage fördern. Ist dies geschehen, – vielleicht in langer Reihe der schrecklichsten Revolutionen, dann wird Frankreich die Drachensaat des philosophischen Unglaubens begreifen. Es wird finden, daß die Heroen vermeinter Wissenschaft Sendlinge des Lügengeistes gewesen und Väter des Unheiles. Das gequälte, zerklüftete, stets vulkanisch bewegte Frankreich wird Frieden suchen und Rettung im Reiche des Weltheilandes. Heimkehren wird es in das Vaterhaus des religiösen Glaubens, mit Schmerz auf seine Verirrungen und mit Abscheu auf seine Verführer und Verderber zurückblickend.«

»Herr Pfarrer, Sie prophezeien so sicher, wie ein Daniel!« spottete Rovere.

»Keine Prophezeiung, Herr Graf, – lediglich Ergebnisse geschichtlicher Studien. Nach Christus mögen Tausende und Millionen irren und zugrunde gehen durch Abfall von ihm, – eine bleibende Rückkehr der christlichen Nationen zur Vergötterung der Materie würde unmöglich; denn Christus hat die Welt und die Hölle überwunden.«

Die Feudalen lachten.

»Ist Ihnen christliches Hoffen Lebensbedürfnis und behaglich im Dunkel des Aberglaubens, so will ich durch weiteren Widerspruch Ihr Wohlbefinden nicht stören,« sagte Rovere. »Die Überzeugung werden Sie jedoch aus der Entwicklung meines Standpunktes geschöpft haben, daß christliche Mahnungen und fromme Hirtenworte auf mich keinen Eindruck üben können.«

»Dennoch bitte ich Sie, Herr Graf, Madelon Duval nicht zu begehren, – das Sittlichkeitsgefühl der Besten Ihrer Untertanen nicht zu verletzen.«

»Das Sittlichkeitsgefühl dummer, abergläubiger Bauern muß jeder Gebildete als Beleidigung der gesunden Vernunft zurückweisen,« sagte stolz der Grundherr.

»Dann beschwöre ich Ihr Schicklichkeitsgefühl, nichts Anstößiges zu verlangen,« bat der Greis.

»Ihr Schicklichkeitsgefühl ist eine Frucht religiösen Bewußtseins, – mein Schicklichkeitsgefühl findet nichts Anstößiges darin, den Dienst eines hübschen Mädchens zu fordern. Mein Schicklichkeitsgefühl harmoniert mit den Rechten der Natur und mit den Eingebungen gesunder Vernunft.«

»Herr Graf, bei Ihrer Ehre beschwöre ich Sie, Lebensglück und guten Namen eines jungen Mädchens nicht zu untergraben!« flehte dringend der greise Pfarrer.

»Bei der Ehre packen Sie mich? Ei, – in der Tat ein schlauer Griff!« spöttelte Rovere. »In keinem Punkte ist ja der Edelmann kitzlicher als im Punkte der Ehre. Glücklicher Weise verträgt es sich mit der Ehre eines philosophisch gebildeten Edelmannes sehr gut, an hübschen Mädchen Gefallen zu finden. – Sie sehen, Herr Pfarrer, gepanzert bin ich und gefeit gegen alle Angriffe Ihrer christlichen Hirtenklugheit.«

Abt und Herzog lächelten. Den Pfarrer überkam eine unbezwingbare Entrüstung über die Schamlosigkeit und Bosheit einer solchen Gesinnung.

»Wohlan, Herr Graf, hören Sie mein letztes Wort!« sprach Longuet, indem er sich erhob. »An den heiligen Gott, den furchtbaren Rächer jeder Missetat, glauben Sie nicht.« –

»Nein!« warf Rovere höhnisch dazwischen.

»Sünde und Freveltat kennen Sie nicht,« –

»In christlichem Kostüm – nein!«

»Gottes Gebote verlachen Sie,« –

»Jawohl, – recht herzlich!«

»Schmachvolles verletzt Ihre Ehre nicht, – der Untergang eines jungen Mädchens rührt Sie nicht, – mein Bitten um Erbarmen reizt Ihren Spott. Wie ein Wolf brechen Sie in meine Herde,« fuhr er in strenger Würde fort. »Da ich schwacher Greis und wehrloser Priester nicht vermag, den Wolf abzuwehren, so wird Derjenige ein Richter und Rächer Ihrer Freveltat sein, der mich zum Hirten der Herde bestellt hat, – der allmächtige Gott.«

»Genug, – genug!« unterbrach ihn wütend der Graf.

»Kommt die Stunde der Vergeltung, dann gedenken Sie, Graf Rovere, des alten, warnenden Pfarrers von Nod.«

»Sie haben Ihr letztes Wort gesprochen!« rief emporspringend der Graf. »Gehen Sie augenblicklich! Fort, – hinaus!«

Der Greis verbeugte sich und verließ schmerzlich bewegt das Zimmer.

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