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Bänkelsang vom Balzer auf der Balz

Max Dauthendey: Bänkelsang vom Balzer auf der Balz - Kapitel 1
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typeballad
authorMax Dauthendey
titleBänkelsang vom Balzer auf der Balz
senderclaudiahake@web.de
created20031019
firstpub1905
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Max Dauthendey

Bänkelsang vom Balzer auf der Balz

I

Vielleicht, weil's heute draußen schneit,
Fühl' ich mich so elegisch weit.
Der Winter ist's, der Seelen weckt
Und nicht allein den Dreck bezweckt.
Im Sommer war man draußen heiter,
Und davon ward der Körper breiter,
Man saß im Garten bei dem Bier
Und legte von sich alle vier;
Im Winter aber schön bescheiden
Hält man sich zu den Eingeweiden;
Die Seele, die im Leib verschlossen,
Wird jetzt so seelenvoll genossen.
Doch Menschen, die von heute sind,
Kennen die Seele nur als Kind.
Wir sind ein seelenlos Geschlecht,
Und keine Gottheit macht's uns recht;
Doch immer hab' ich's so gefunden:
Der Mensch hat deine schwachen Stunden,
Sie lassen keinen ungeschoren,
Sie sind uns einfach angeboren.
Die Seele läßt sich nicht verneinen,
Und kommt sie, will sie bei dir weinen.
Doch uns Modernen heutzutage,
Uns ist die Seel die größte Plage,
Wir haben für die schwächsten Stunden
Als Wehr den Übermensch erfunden.
Wir sprechen, weil wir seelisch sind,
Gar sehr bedeutend in den Wind
Und fragen nicht, warum und wo,
Denn es gehört sich einmal so.
Und anders wär es gar zu schwer,
Weil es ja dann nicht seelisch wär;
Meist ist der Schluß vom Seelischsein,
Man legt sich ab und fühlt sich rein.
Und da ich heute mal so bin,
Sagt meine Seele: "Gehe hin,
Bekenne, wie es dir gegangen;
Ein großer Dieb wird nicht gehangen,
Es hört dich nur dein Schreibpapier,
Stuhl, Feder und die Tinte hier;
Und willst du dir nicht alles schreiben,
So kann ja manches unterbleiben.
Du deutest es nur an von ferne,
Geheimes denkt sich jeder gerne;
Von allen die dich lesen werden,
Macht's jeder, wie er muß, auf Erden."
Ich sprach zu meiner hohen Seele,
Daß sie mir ganz die Ruhe stehle,
Sie möchte mir das Schreiben lassen;
Doch mit der Seel war nicht zu spaßen,
Die hohe Seele sprach nur wieder:
"Schweig, Balthasar, und setz dich nieder!"
Ich, Kaspar Melchior Balthasar,
Setzte mich hin und schrieb, wie's war.
Mein Schreiben stündlich mich erfreut,
Wenn man erwartet, daß mich's reut.

Fühlst du dich zwanzig Jahre bald,
So freut dich dein Mannsgestalt.

Die Zeit, wo man in Blüte steht,
Sie macht, daß man behext umgeht,

Man will den Augen gar nicht trauen,
Entdeckt man all die schönen Frauen.

Ach, ihre Blicke sind wie Bäder,
Und neugebadet mag dich jeder.

Erschüttert fühlt man sich von allen,
Und jeder möchte man gefallen.

Die zarten Busen die sie heben,
Ahnt man als Grundsteine vom Leben.

Sechs Sonntage bekommt die Woch'
Und einen blauen Montag noch.

Denn stündlich schwärmt der Kopf dir voll,
Wie's mit den Frauen werden soll.

Man geht im Dunkeln gern ums Haus,
Und sieht auch nachts noch glühend aus.

Trifft man die Königin nicht gleich,
Scheint doch die Nacht ein Königreich.

Die Nacht, in der man sonst geschlafen,
Sie scheint zu Besserem geschaffen:

Entdeckt man sich ganz nackt geboren,
Erschrocken rot bis an die Ohren.

Ich, Balzer, hatte zwanzig Jahr,
Da sprach mein Vater: "Balthasar,

Heute ist grad ein Regentag,
Weshalb ich mit dir reden mag.

Man bleibt dann gern einmal im Zimmer;
Wenn's schön ist, tut man das nicht immer.

Du bist jetzt zwanzig Jahre eben,
Und einmal wird man's nur im Leben,

Die Mutter ist dir längst gestorben,
O Balzer, bleib mir unverdorben.

Vor Weibern hüte dich und Wein
Und laß mir auch die Karten sein!

Ich will nicht sagen, man kann eben
Auch ohne diese Dinge leben,

Nur hüte dich, mein lieber Sohn,
Und nimm dir nicht zu viel davon!

Doch immer sollst du furchtlos bleiben;
Natürlich ist's, sich zu beweiben,

Weil, was der Mensch niemals probiert,
Sich ewig vor ihm selbst geniert."

Der Vater gab mir einen Kuß:
"Und nicht nur deshalb, weil man muß,

Mein Sohn, nimm warm das Leben hin."
Und abends fuhr ich nach Berlin.

"Ein Übermensch bist du, ei was!
Ach, sage mir, wie macht man das?" –

"Mein Lieber, das ist gar nicht schwer,
Man ist einfach nicht menschlich mehr.

Bist du von dir steif überzeugt,
Es jeden andern auch so deucht.

Nie danke, wenn man dir was gibt,
Nimm einfach, weil es dir beliebt;

Denn Dank ist eine Knechtaktion.
Du nimmst, und das sei andern Lohn.

Und Achtung sollst du niemals suchen,
Die ganze Menschheit sei dir Kuchen.

Geld kennt man nicht, weil's zu viel gibt,
Und weil es jeder weiterschiebt.

Mit Schulden sollst du alles zahlen,
Das wird dir auch viel leichter fallen.

Man spreche immer nur von sich,
Und alle denken dann an dich,

Denn du allein sollst weiterleben,
Weil das dem Übermensch gegeben." –

"Gar manches hätt' ich einzuwenden,
Sind Übermenschen nicht zu pfänden?" –

"Nicht leicht, da sie nicht alles haben,
Denn Glanz, den lieben nur die Raben."

"Wie ist's mit Lieben, Rauchen, Trinken?" –
"Das sollst du, bis die Knochen stinken."

"Dies letztre scheint mir, taugt etwas,
Ich werde Übermensch zum Spaß."

Man sieht, die Großstadt macht geweckt,
Ich hatte einen Freund entdeckt,

Den Übermenschen Balduin
Tom Cäsar Christian P. T. Stiem.

Gar gern erzählte er von Dingen,
Die zwischen Erd' und Himmel hingen.

Und Übermensch war er von Herzen,
Ich wurd' es auch, doch mehr mit Schmerzen.

Auch Übermenschen fällt beim Wein
Des Lebens hohe Seite ein,

Vom Weibe spricht man viel Gespräche,
Und höher wächst des Weines Zeche,

P. T. meinte, ich sei verloren
Und nicht als Übermensch geboren,

Wenn ich vom Weibe Höh'res wollte,
Als wie sie sein und bleiben sollte.

"Hohes bei Frauen gibt es nicht,
Als daß sie mal Französisch spricht,

Nimm nicht der Frau die Proportion,
Die Frau wirkt leer im höhern Ton.

Heut tut sich jede gleich beschweren,
Soll sie im Jahr einmal gebären,

Sie wirft sich kalt auf das Gehirn,
Statt Busen hat sie nur noch Stirn,

Zu laut wird sie für heut geboren
Und ist oft ein Geschrei den Ohren.

P. T. verhalf mir auf die Sohlen,
Versäumtes schleunigst nachzuholen,

Als ich ihm nämlich eingestand,
Das Weib sei mir noch unbekannt.

"Das Weib," sagt' er, "man bring' es her!
Wünschest du eins oder gleich mehr?

Ach," fügt er zu, "du bist noch schüchtern,
Dann macht dich wohl schon eine nüchtern.

Ja, wenn du willst, so hol' ich sie,
Sie steht gleich unten vis-a-vis."

Und damit eilt' er fort, der Gute.
Ich wartete auf meiner Bude.

Ach, dachte ich, wie soll das werden,
Dein Freund macht sich zu viel Beschwerden,

Doch Übermenschen sind wir beide,
Und deshalb macht es ihm wohl Freude.

Es war ein Übersommerabend,
Und nicht einmal die Spree war labend.

Ich dacht' an Vater und an Schwester
Und an die lieben Heimatnester.

Mein Herz hatte Kürbisgewicht
Und seufzte: Ach Gott, käm' sie nicht!

Ich löschte Lamp' und Kerzen aus
Und tat, als wär' ich nie zu Haus.

Vielleicht bleibt sie mir dann vom Hals,
Und alles andre ebenfalls.

Ich schwur: Ich laß sie nicht herein,
Dies Zimmer ist doch, denk' ich, mein.

Am liebsten wollt' ich mich verstecken,
Tauchte den Kopf ins Wasserbecken,

Doch mußt' ich bald wieder heraus,
Ich fühlte mich nicht ganz zu Haus.

Nichts hilft, dacht' ich, ich sage: Ja.
Da stand sie in persona da,

Das Weib! O, das war viel, mein Gott!
Mir war's die erste Nacht in Rot.

Hatt' ich zwei Brüste je gefühlt?
Nie wußte ich, daß Hitze kühlt,

Mein Herz war eine Kanonade
Und schlug durch alle Breitegrade.

Wo war ich denn so lang gewesen?
Und warum lernte man denn Lesen?

Wenn's Leben doch, als Weib genommen,
In allen Lagen süß vollkommen.

Und Küsse sind ja reich erfunden,
Steigend wie an der Uhr die Stunden.

Ich fühlte, daß die Liebesnacht
Noch vor dem Schöpfungstag gemacht.

Sie ist es, die auf dieser Welt
Erde und Mensch zusammenhält.

Warum erfährt man das so spät,
Was nächtlich köstlich vor sich geht?

Wie kann es Krieg und Schauder geben,
Da doch die schönsten Frauen leben?

Was braucht ein Volk noch Religionen,
Wenn Mann und Weib im Himmel wohnen?

Nie schien mir eine Nacht so klar,
Jetzt wußt' ich doch, weshalb ich war.

Als Knab' war stets mein Bettgebet:
Gott gib, daß ich nicht sterben tät,

Eh nicht mein Blut einmal erfuhr
Des Weibes Liebe in Natur.

Ich kann nicht gleich davon aufhören,
Ich muß noch etwas weiterschwören.

So heiß mir nie ein Mantel war,
Wie in der Nacht des Weibes Haar,

Und Küsse lehrte sie mich viel,
Pointen bei dem Liebesspiel.

Gelehriger kein Schüler war
Als in der Nacht der Balthasar.

Am Morgen wußt' ich gar nicht mehr,
Ob ich in meiner Haut noch wär.

Ich sagte mir: wie ich es seh,
Liegt ja Berlin noch an der Spree.

Zum Spiegel trat ich dann schnell hin,
Weil ich so gerne eitel bin,

Und sagte: "Ei, da sieh mal an,
Da drin steht Balthasar, der Mann.

Ich hoffe, daß wir Freunde bleiben,
Männlich sind wir, nicht zu beschreiben.

Rechne dem Vater hoch es an,
Daß er mich auf die Welt getan,

Und auch der Mutter in dem Grab
Send' ich mehr als den Dank hinab."

Und als mich dann Berlin begrüßte,
Kränkt's mich, daß es nicht jeder wüßte.

Die Menschen ich ganz anders sah,
Man wußte jetzt, was nachts geschah.

Ich fand, man macht zu wenig draus,
Die Menschheit sah undankbar aus.

Ich sah die Sonne kräftig an,
Und fühlte mich als Übermann.

Doch eh dies Buch begonnen hat,
Dort hat noch ein Kapitel statt.

Bevor den Übermensch ich fand,
Zog ich zuerst verschämt aufs Land,

Lebte als Jüngling herzlos sehr
Und dieses war besonders schwer.

Die Welt erschien mir noch als Fluch,
Ich floh gar gern in jedes Buch,

Klappte nach mir den Deckel zu,
Nur zwischen Zeilen fand ich Ruh.

Neben dem Druck liebte ich Land,
Viel Landschaft, wo kein Mensch dort stand.

Was von der Menschheit da noch war,
Das Weib, schien im Gehirn nicht klar,

Konnte die holde Lüg' nicht lieben,
Mit der die Frauen leben blieben,

Hatte das Weib nicht in der Nas',
War duftlos noch ein Jünglingshas'.

Ich suchte, was fast überall
Stand fortgerückt im Sennerstall.

Und machten brave Ruhe: Muh,
Fragte ich sie: "Ach, Kuh, wozu?"

Ich sah's der Welt nicht lachend an,
Daß sie auch "Muh" mal machen kann.

Ich wollte Wildnis, ging nach Schweden,
Hielt dort im Urwald an mich Reden,

Saß bei einem ganz alten Mann,
Der seinen Flachs sich selber spann.

Hier sah nicht Weisheit nasweis aus,
Denn keine Frau sprach in dem Haus.

Hörte nur diebisch Elstern lachen,
Die wenig Kopfzerbrechen machen.

Ich lebte wie in einer Wolk',
War Redner und auch zugleich Volk.

Das Haus just vor dem Urwald stand,
Wo Liebe ich bei Bäumen fand.

Ich liebte sehr die schmale Birke,
Findend, daß sie als Jungfrau wirke;

In ihren Hüften war sie fein.
Ich zapfte ihren Birkenwein,

Hörte die Blätter buhlend summen
Und lebte stumm mit all dem Stummen.

Blumen standen sinnlich um mich,
Und nur ganz sinnlos lebte ich,

Hörte das Elchtier brünstig schreien,
Fühlte so glücklich mich im Freien,

Sah nachts im Tann die Dächsin äsen
Und dünkte mich ein bess'res Wesen.

Stieg dann der Mond gesund herauf,
Sah ich ganz ungesund hinauf.

Zu sterben schien mir ein Genuß,
Das Leben war nur Todeskuß.

Denn nichts siehst du, wie's freundlich ist,
Wenn du dem Weibe feind noch bist.

Mein weißes Bett war kalte Gruft,
Und ringsdarum nur Zimmerluft.

Im Schwedenhaus waren alt alle,
Vom Vater bis zum Gänsestalle.

Die Gans war fünfunddreißig Jahr,
Das Pferd auch ganz verbogen war,

Katzen am Dach zum Himmel schlichen,
Wie Mumien alt und angestrichen,

Die alte große Riegeltür
Erschlug vor Schwäch' den Menschen schier.

Erhängt ging um im Dachgebälk
Ein Geist, wie alte Wäsche welk,

Auf Schnecken schlich der Tag vorbei
Und war erst schön, ging er entzwei.

Vor Stille von den Haufen Tagen
Konnte das Haus nur "Pst" noch sagen.

Elastisch war nicht mal ein Floh,
Denn altes Blut macht niemand froh,

Ich ging allein zu jung umher,
Wünschend, wenn ich doch grau erst wär'.

Vorwurfsvoll ist es, das was älter,
Und edel darum, weil's gequälter.

Ich neidete dem Pferd, dem alten,
Daß rippig es mit Hängefalten.

Das Alter schien mir wie ein Segen,
Es sagt zu allem: meinetwegen, –

Spricht stets mit sich zum Zeitvertreib
Und kennt's und hält sich fern vom Weib.

Denn ach, das Weib, das war der Knoten,
Empfohlen war es und verboten.

Kam man ihm nämlich mal zu nah,
War Sünd' oder Verlobung da.

So tat ich mich an Bäume halten
Und Hände heiß um Birken falten,

Weil uns die Angst oft tröstend sagt,
Man stirbt nicht dran, was man nicht wagt.

Doch wüßt' ich einmal nur von fern,
Wie tut's, hat man die Frau mal gern.

Die Frau der Kontrapunkt dir ist,
Und schlimm geht's dem, der das vergißt.

Klag' nicht, daß Leben kläglich sei,
Ohn' Weib gibt's keine Melodei.

Wenn Eul' und Kauz verliebt nachts schrie,
Trieb ich statt Lieb' Philosophie,

Welt ohne Will', nur Vorstellung,
Gab meinen armen Nächten Schwung.

Stark war beim Kopf mein Haarwuchs nur,
Wolle und Geist brauchten Schafschur.

Die Schur kam plötzlich unerwartet,
Eh ich im Zölibat erhartet.

Beim Baden kam ein Todeskampf
In der Gestalt vom Wadenkrampf.

Das Wasser ließ mich sanft versinken,
Dem Tod war nicht mehr abzuwinken.

So schön real war just der Tag,
Wo man kein Bodenloses mag.

Primelein gelb wie Narrenschellen
Steckten kokett bei Uferwellen,

Der Amsel Musikantenlachen
Belachte alle Frühlingsachen.

Wie Essig schmeckte heut der Tod,
Sonst schien er mir ein Butterbrot.

Ich dacht': Ach, ließ er sich vertreiben!
Hast du vielleicht noch Brief zu schreiben?

Vielleicht, daß sich die Wade streckt,
Wenn sie Notwendigkeit entdeckt.

Auf einmal war es mir süß klar,
Höchste Notwendigkeit da war:

Das Weib, die mir sonst Kleinigkeit,
War allerhöchst' Notwendigkeit.

Ich kenn' vom Weib noch keine Spur,
Drum, Wade, laß mich leben nur;

So schön ist's heut, hab doch Erbarmen,
Will keine Birke mehr umarmen.

Mann, lieb' das Weib, so wie es ist,
Daß du vom Krampf erlöset bist.

Selbst Wadenkrampf tut dann vergehn,
Tust du schon unter Wasser stehn;

Denn aufgetaucht bin ich still wieder,
Widmend dem Weibe meine Glieder.

Wahrlich, es wär' mein Tod gewesen,
Hätt' ich nicht mal vom Weib gelesen.

Und daß sie Leben viel verleiht,
Davon bin ich die Wirklichkeit.

Ein Übermensch schläft sich gern aus:
Den andern ist er doch voraus.

So lag ich oft noch mittags da
Und wartete, was heut geschah.

Nur Nächte hatte ich genossen,
Doch von der Liebe, jener großen,

Die auch am Tage bleiben soll,
Davon wußt' ich noch keinen Zoll,

Denn keiner von den schönen Frauen
Wollte ich noch fürs Leben trauen.

Die einen, ach, die sprachen tief,
Bis jeder Fleischeswunsch entschlief,

Sie ließen sich gern Schwestern nennen,
Um sich nicht ganz vom Mann zu trennen.

Die andern, ach, das sind die Braven,
Die lieben gern nach Paragraphen;

Sie sind's, die mehr als nützlich sind
Und lieben statt dem Mann das Kind.

Die Dritten trügen hoch den Busen
Und liebten durchsichtig die Blusen,

Die sind zum Herzklopfen gemacht,
Doch küssen sie gern unbedacht.

An jeder hat mich was gequält.
Ach, wenn doch einer für mich wählt!

Weil dieses dann für mich geschah,
Deshalb ist dies Kapitel da.

Sie war ein Mädchen stolz und rar,
Hochmütig war an ihr das Haar,

Das war aus Gold wie ein Dukat,
Rein vierundzwanzig im Karat.

Ihr Auge flog ganz leicht ins Grün,
Wie Eidechsen, die stets entfliehn.

Und eilte man den Augen nach,
War's wie am Pol ein halb Jahr Tag.

Hell wie der Demant Koh-i-noor
Kam mir des Mädchens Seele vor.

Ich habe sie nur angeschaut,
Da war sie mir wie angetraut.

Ich sterbe, dacht' ich, Stück um Stück,
Gibt sie mir nicht den Blick zurück,

Doch sollte ich noch lange warten,
Denn man befand sich auf Irrfahrten.

Hatt' sie gesehn und ging wie immer
Nach Haus, da saß sie schon im Zimmer,

Ihr Antlitz war in der Tapete,
Als wenn ich es bestellt mir hätte,

Im Goldfischglas am Blumentisch
Schwamm sie ganz klein als flinker Fisch,

Und nirgends war es mehr geheuer;
Im Ofen tanzte sie im Feuer,

Sie sank als Schnee an meine Scheiben,
Ich konnt' nicht lesen mehr, nicht schreiben,

Statt Buchstaben sah ich nur Haar,
Weil sie von A bis Z da war.

Sie war mein Schatten, saß im Mond,
War überall, wo sich's nur lohnt.

Dieses Zusammensein allein
Ging tief auf meine Nerven ein,

Und ich verlor den Appetit,
Mein Magen wollte nicht mehr mit,

Ich gab mein Fett in Tonnen her,
Und nur mein Herz blieb zentnerschwer.

Filzschuhe hat das Schicksal an,
Weil man es gar nicht hören kann.

Teilt es die Schicksalsschläge aus,
Trifft es uns darum stets zu Haus.

Ich sah die Dame meiner Wahl
Öfters in einem Lesesaal,

Wo man für zwanzig Pfennig saß
Und vieles mit den Augen las.

Sie übersprang der Bücher Lauf
Und schnitt mehr gern die Seiten auf.

Dazwischen sprachen wir ein Wort,
Und jeder sah dann schleunigst fort.

Doch finden sich noch andre ein,
So ist man nicht mehr so allein.

Unter den andern ist P. T.,
Den ich dabei nicht gerne seh,

Zu dreien ist die Liebe schwer,
Und einer geht dann nebenher.

An einem Winternachmittag,
Als Schnee auf allen Dächern lag,

Wie Schnee war's mir gar hell im Sinn:
Vor mir da stund Frau Königin.

Frau Königin hieß jene Dame,
Und besser paßte ihr kein Name.

Ich traf sie just vor meiner Tür.
Sie sagte just, sie wollt' zu mir.

Mir fiel vom Scheitel fast der Hut,
So heiß schoß mir ins Haar das Blut.

Sie sagte mir ernst und bescheiden:
"Ich weiß, Sie können P. T. leiden,

Er will sich heut mit mir verloben,
Ich hab's auf morgen aufgeschoben,

Möcht' fragen, halten Sie's für gut,
Da man so kurz sich kennen tut?"

Der Schicksalschlag war eingetroffen,
Inwendig stand der Mund mir offen.

Der Himmel schien mir aufgerissen,
Mein schönstes Ich hinausgeschmissen.

Warum trägt man gestärkte Kragen?
Man kann drin keine Wahrheit sagen.

Galoschen, die zu weit am Schuh,
Auch sie rauben die Wahrheitsruh.

Kurz, man versteckt sich in Betrug,
Denn Emballagen gibt's genug.

Mein Hals, der wollte laut aufschrein,
Der Stehkragen, der sagte: nein.

Ich wollt' zum End' der Welt hingehn,
Doch die Galoschen blieben stehn.

Ich wollte rufen: nimm doch mich!
Doch tief verpackt lag still mein Ich.

Und da Entsagung edel klingt,
Wenn einst davon die Nachwelt singt,

Lobt' ich den Freund, ganz wie ich sollte,
Und wie er's ja auch haben wollte,

Zeigt ihn in glänzender Parade,
Nannte ihn meine Bundeslade.

Ein Elefant ward aus der Laus.
Königin sah erstaunter aus.

So gern hätt' ich getobt, verneint
Und Balthasaren tief beweint,

Doch öfters spiel' ich jene Rollen,
Die keine andern spielen wollen,

Denn ich war niemals Götterknecht:
Was ich nicht soll, tu ich erst recht.

Ich sprach dann noch: "Frau Königin,
Gehn Sie noch heut zu P. T. hin,

Und da sich noch kein andrer fand,
Reichen Sie dreist ihm Ihre Hand.

Verloben ist meist ein Riskieren,
Es wird nicht besser vom Genieren.

Sie sollen sich noch heut verloben, –
Verzeihung, ich vergaß was oben."

Leis hieß ich sie so weitergehen,
Denn meine Seele hatte Wehen,

Und ich stieg schwer zu meinem Zimmer,
Die Möbel zeigten Tränenschimmer.

Wenn sich etwas ins Aug' verirrt,
Sieht matt die Gegend irisiert.

Ich putze öfters meine Nase;
Kalt war sie wie 'ne Totenvase.

Auch du ein Brutus, dacht' ich, Beste!
Hell sprang etwas auf meine Weste.

Ach Leid, du bist oft menschengroß,
Doch kleine Tränen weinst du bloß,

Und sieht man deinen kleinen zu,
So wird man Null und bekommt Ruh'.

Und Montags bin ich aufgewacht,
Mein Zimmer hat ganz laut gelacht.

Sah, daß ich schwarz im Gehrock steckte,
Als wär's ein Sarg, mich darin streckte,

Im Knopfloch einen Stiel der Rose,
Und Schaumweinflecken auf der Hose.

Verlobung war gefeiert worden,
Deshalb am Leib die Schaumweinorden.

Als P. T.s bester Kamerad
Mußte ich kommen ohne Gnad',

Die Braut sagte in aller Huld,
Ich sei an der Verlobung schuld.

O Kaspar Melchior Balthasar,
Und überlebst du tausend Jahr,

Den Stuhl, den wirst du nie vergessen,
Auf dem du heute festgegessen!

Wie hast du seine Bein' gedrückt,
Wenn dich die Träne tief gezwickt.

Doch lächelnd hast du dich gehalten,
Du machtest nur Serviettenfalten.

Und jetzt ersah ich meine Finger:
Wer waren diese schwarzen Dinger,

Wie schwarze Würstlein anzusehn?
Schon wieder war etwas geschehn:

Ein Aschenregen in den Zimmern,
Ein Taschentuch verkohlt, in Trümmern.

Und alles um mich sprach es klar,
In diesen Zimmern Feuer war.

Denn gleich nach dem Verlobungsessen,
Wo ich im Folterstuhl gesessen,

Bin ich bei Nacht nach Haus gerannt
Und hab' mein Zimmer angebrannt.

Denn diese Ruh', die ich erzwungen,
Sie hat zum Schluß darauf gedrungen,

Es mußte irgendwas geschehn,
Blut mußt' ich oder Feuer sehn.

Man kann nicht immer Wasser flennen,
Manch Schmerz will durch den Schornstein rennen.

Warf mich im Sofa in die Kissen
Und hab' mit Zähnen sie zerrissen,

Hielt meine Finger in das Licht:
Sie wurden schwarz, ich spürt' es nicht;

Ließ Taschentuch, Manschetten braten,
Weil Flammen wohl den Augen taten;

Fiel auf dem Fleck in tiefen Schlaf,
Wo mich ein neues Elend traf.

Wohl schlug ich mir Frau Königin
Am hellen Tag aus meinem Sinn,

Doch nachts im süßen Schlafgefilde
Schlich sie sich ein als Traumgebilde.

Diesmal kam sie als kleine Katz'
Und nahm mir meinen Sofaplatz,

Ich kraute und liebkoste sie,
Indes sie Zetermordio schrie,

Doch ich verstand nicht ihr Geschrei;
Da hört' ich Stimmen nebenbei,

Die sagten: "Kätzchen ist ja krank!"
Ich ging zu einem Wäscheschrank,

Legt' Handtücher um meine Katz',
Doch sie entschlüpft mit einem Satz,

Sie wendet ihr Gesicht mir hin:
Der Kopf war's der Frau Königin.

Ein Menschenkopf am Katzenleib,
Und dieses war mein Lieblingsweib!

Draußen mit hochgehobenen Schweifen
Sah Kater ich ums Fenster streifen;

Schmerzlich tat sich das Kätzchen recken
Und tot die viere von sich strecken.

Da ward mein Herz ein kahler Fleck
Die ganze Welt lag mir im Dreck,

Im dunkeln Hof auf Pflastersteinen
Saß ich und mußte bitter weinen.

Ich wachte auf, erkenn' den Traum;
Auch dieses tröstete mich kaum.

Ich mußte es mir eingestehn:
Unheimliches wird noch geschehn.

Jetzt, Balzer, schnür' den Kofferriemen,
Sonst mußt du hier noch weitermimen.

Man soll sich nicht ans Unglück binden,
Du mußt dich schnell ins Reisen finden.

Mir tat ein bißchen Wasser not,
Darum nahm ich ein Ruderboot.

Das Reisen hab' ich sehr geliebt,
Weil man sich weiter fortbegibt.

Die Nähe wird uns oft zu nah,
Für den Fall ist die Ferne da.

Ein jeder sagt: das Meer ist groß,
Doch keiner sagt: drauf ist nichts los,

Denn denk' ich an die nasse Brut
Der Fische mit dem kalten Blut,

Der Erde größte Egoisten,
Die liebeleer ihr Dasein fristen:

Das Weib legt schuldigst Ei an Ei,
Das Männchen schwimmt daran vorbei,

Getrennt lieben die zwei Geschlechter, –
Ich bin und bleib' ein Meerverächter.

Trotzdem ward ich jetzt Wassermann,
Kaute Tabak und spuckte dann.

Ich ruderte und lenkte sehr,
Als ob ich die Vorsehung wär',

Sechs Wochen ruderte ich froh,
Und manchmal tat ich auch nur so.

Nachts schlief ich still am Küstenland,
Wozu sich stets ein Leuchtturm fand.

Steiniger ward der Küstenrahmen,
Je mehr die Ruder nordwärts kamen.

Vom Meer geschliffen runde Steine,
Wie Totenschädel, groß und kleine,

Die lagen von der Eiszeit her,
Als wenn das Land ein Kirchhof wär'.

Ein Seehündlein war mein Begleiter,
Es schwamm acht Tage mit mir weiter;

Wie Marionetten an den Drähten
Hingen die Möwen, bellten, krähten.

Vom leeren Himmel auf mich nieder
Windteufel sangen Orgellieder.

Das Wasser tanzte in Gestalten,
Meergreise, die den Mund nicht halten,

Die spuckten, anstatt daß sie sprachen,
Und tausend unheimliche Sachen

Liefen den ganzen Tag mir nach,
Drum sehnte ich mich unter Dach.

Auf Pfählen standen in den Klippen
Hölzerne Dörflein gleich Gerippen,

Ein Leichenkasten jedes Haus,
Wurmstichig sah das Ganze aus.

Hier legte ich die Ruder ein
Und klopfte an. Man rief: Herein!

Doch ehe ich noch eingetreten,
Zwei Mädchenaugen mich erspähten;

Sie drückten fast die Scheiben aus,
So staunend sahen sie hinaus.

Beim Himmel, dacht' ich, welch Empfang,
Das Land hat also Lebensklang.

Der Vater von dem Mägdelein
Sah wie ein Weihnachtsmann darein,

Rotwangig alt und kernig hart,
Schien jünger als sein weißer Bart.

Er grüßte schweigsam wie ein Fisch,
Und schweigsam wies er auf den Tisch.

Die Mägde kamen, deckten schnell,
Ein Tischtuch macht das Zimmer hell.

Ehrfurchtsvoll schwieg man immerfort,
Als war' der Tisch ein höhrer Ort.

Ich merkte nur, ich war willkommen
Und hab' die Schüsseln angenommen.

Das Mädchen sah ich gar nicht mehr,
Als ob es eingemauert wär'.

Die Mägde flüsterten im Haus,
Geheimnisvoll sah manches aus,

Und einmal, als es Abend war,
Erklärte es sich wunderbar.

Sturm war und draußen laute Nacht,
Manchmal hat dumpf das Meer gekracht.

Im Schaukelstuhl den er gern brauchte,
Der Vater saß und Stummel rauchte.

Grog dampfte, man sah kaum den Tisch,
Und Grog gibt Sprache auch dem Fisch.

Wir taten oft die Gläser heben
Und sprachen vom Weltende eben.

Der Sturm stieß schwer am Dach ums Haus,
Auf einmal löscht die Lampe aus.

Ich springe auf, der Vater flucht,
Streichhölzer findet nie, wer sucht.

Es mußten Wände offen stehn,
Der Sturm, der tat das Zimmer drehn.

Ein Lärm, als wär' das Haus zersprungen,
Im Dunkel fühl' ich mich umschlungen.

Der Sturm, er hatte Mädchenarme
Und schnelle Lippen, wilde, warme,

Mein Name wurde laut geschrien,
Dann fiel jemand im Zimmer hin.

Wenn so etwas so schnell erscheint,
Glaubt man gar nicht, daß man gemeint

Tat überall nur Küsse spüren,
Licht kam, ich durfte mich nicht rühren.

Zu meinen Füßen, gleich den Leichen,
Lag jenes Mädchen sondergleichen.

Der Vater sprach: "Es ist ein Jammer,
Man bringe sie in ihre Kammer!"

Die Mägde hoben sie sacht auf
Und trugen sie zu sich hinauf.

Im Zimmer war es schweigsam sehr,
Der Grog, der dampfte auch nicht mehr,

Dem Haus lag etwas auf der Brust,
Da sprach der Vater: "Hab's gewußt,

Zu selten sieht sie einen Mann,
Und gleich verliebt ist sie auch dann."

Die Magd kam: "Ach, sie wacht nicht auf."
Der Vater sprach: "Gehn Sie hinauf,

Mein Herr, erretten Sie mein Kind,
Da Sie doch ihr Geliebter sind."

Gern menschenfreundlich will ich sein,
Doch ach, mein Herz war nicht mehr mein,

Mein Herz, das immer rückwärts lief,
Immer Frau Königin nur rief.

Bin darum schleunigst aufgebrochen,
Bin morgens in die See gestochen,

Der Vater hat es sehr beklagt,
Daß solch ein Mann wie ich versagt.

Mein Seehündlein war stets zur Stell',
Und freudig glänzte ihm das Fell,

Es schwamm mir lustig nebenher,
Als wenn es ganz mein Schoßhund wär'.

Man rudert so am hellen Tag,
Bis man am Abend nicht mehr mag.

Da tat es einen Leuchtturm geben
Und bei dem Turm ein Witwenleben.

Sie führte ein beschaulich Sein
Auf einem kleinen Inselstein.

Ein Haus, ein Turm, ein Baum, ein Grab,
Das war der Witwe ganze Hab.

Die Witwe sie war Menschenkenner:
Im Grabe lagen ihr vier Männer.

Ich hielt sie erst für einen Mann,
Die Dame hatte Hosen an,

Teerhosen, und Südwester auf;
Zog mich am Seil zum Fels hinauf.

Dort oben staunte ich noch mehr:
Viel Blumen rannten rot umher.

Plötzlich blieb eine Blume stehn;
Die Blume, sie begann zu krähn.

Sofort sah ich den Zauber ein:
Es waren lauter Hühnerlein,

Hühner wie Steine gelb und grau,
Und sie gehörten jener Frau.

Vor Steinen konnt' man nichts erkennen
Und sah nur rote Kämme rennen.

Die Witwe rief die Magd, den Wächter,
Und man empfing mich mit Gelächter,

Denn ganz verdummt waren die Drei
Vom steinernen Meereinerlei.

Sie saßen auf dem Felsenriff,
Einmal kam jährlich nur ein Schiff

Mit Proviant fürs ganze Jahr,
So daß ich ein Meerwunder war.

Gewöhnlich fischten sie nur Leichen,
Ich hatte alle Lebenszeichen.

Deshalb sie wie die Wilden lachten
Und tausende Grimassen machten.

Zwölf Fische brachte man zum Essen,
Mir schien, als sollt' ich das Meer auffressen,

Fische in allen Lebenslagen,
Ein Fischbassin war bald mein Magen,

Zum Morgen-, Mittag-, Abendtisch,
Immer und nachts im Traum noch Fisch.

Die Dreie gingen um mich her,
Als wenn ich ganz ihr Säugling war'.

Ehrfurchtsvoll saß niemand bei Tisch,
Nur ich allein saß und aß Fisch.

Ich war für sie nicht nur ein Mann,
Ich war gleich eine Karawan',

Mein Schuh, mein Hemd, mein Hut, mein Kragen
Wurden Personen sozusagen,

Man sprach mit ihnen wie mit mir:
Man schien sich tausend, nicht nur vier.

Man war gesprächig sondergleichen,
Denn sonst sprach man ja nur mit Leichen.

Damit der Wind das Haus nicht raubt,
War es mit Schrauben angeschraubt,

Felsen und Haus, den ganzen Tag
Zitterten die vom Wellenschlag,

Doch in des Hauses stillen Räumen
Hörte man mehr als Wellenschäumen.

Seltsam sind oft die Angedenken,
Die Menschen ihren Toten schenken,

Vier Uhren machten laut Rumor,
Sie stellten die vier Männer vor,

Hießen Niels, Tom, Knut, Kristian,
Jede benannt nach einem Mann.

Bald rasselt' Tom, bald schnarrte Knut,
Und jeder hatte seine Wut

Der Witwe machten sie viel Freuden,
Denn keiner konnt' den andern leiden,

Die Witwe selbst kam kaum zu Wort,
Die Männer lärmten immer fort.

Beim Haus auch zeigte man den Baum,
Doch weiterfort sah man ihn kaum.

Der Baum, er war mehr Phantasie,
Er ging mir nämlich nur ans Knie.

Hier saß die Witwe manchmal still,
Weil ein Baum Schatten haben will.

Das Grab der Männer lag bergab
Am Strand, wo's einen Sandfleck gab,

Zwölf Schritte nur flach im Quadrat,
Hier war's, wo sie zum Tanz mich bat.

Es war ein ururalter Brauch,
Grab war hier und der Tanzplatz auch.

Denn rings war alles Felsgetrümmer,
Und darauf tanzt kein Frauenzimmer.

Die Sonne schien gar freundlich da,
Die Magd spielte Harmonika,

Es war ein Leben wie auf Rosen,
Die Witwe walzte in den Hosen,

Das Meer kam an in hohen Zügen,
Die Toten schrien vor Vergnügen,

Das Grab ward jedem bald zu heiß,
Die ganze Insel kam in Schweiß.

Bald spielt' die Witwe, bald die Magd;
Ich hab' mich tanzend abgejagt,

Und endlich hab' ich eingestanden:
Mehr geht's nicht, sonst komm' ich abhanden.

Und nicht mehr ließ ich mich jetzt halten,
Ich zog mein Boot aus Felsenspalten.

Ich muß noch sagen: nicht allein
Das Tanzen saß mir im Gebein,

Nein, auch die hunderttausend Fische,
Die ich vertilgt bei jedem Tische,

Die gingen mir nicht aus dem Magen;
Ich konnte Fisch nicht laut mehr sagen.

Wohl stand die See voll Ungewitter,
Die Wellen schnaubten schwarz und bitter,

Ich ritt mein Schifflein durch den Schaum,
Die Seekrankheit bemerkt' ich kaum.

Die Bibel wurde mir ganz klar:
Sympathisch mir der Esau war,

Gab seine Erstgeburt dahin
Für Linsen und ein Beefsteak drin;

Mein Dasein wollte ich gerne geben,
Könnt' ich ein Rostbeaf noch erleben.

Es drängte mich nicht weiter mehr,
Heimwärts zog Herz und Magen sehr.

Ein Herz ersehnt sein Konterbild,
Und kriegt man's nicht, so macht das wild.

Die Sehnsucht ist ein tolles Weib,
Sie boxt den Mann zum Zeitvertreib,

Und willst du nicht gleich mit ihr gehn,
So läßt sie schwarze Nägel sehn.

Die Sehnsucht schleift dich durch die Gassen,
Lehrt dich solide Menschen hassen,

Willst nicht auf Trottoiren gehn,
Zu langsam tut die Welt sich drehn.

Die Sehnsucht ist ein Nadelöhr,
Hindurch muß jeder, ist's auch schwer,

Und hat sie dich ganz dünn bekommen
Und alles Überfett genommen,

Hast still verzichtet und verflucht,
Da naht sich sanft, was du gesucht.

Weißt nicht, warum der Lärm geschah,
Scheinbar war längst schon alles da,

Hast überhungert deinen Durst,
Und alles ist dir beinah Wurst.

So ging es mir, dem Balthasar,
Der gar so lang' gerudert war,

Der immer nur nach Sehnsucht frug
Und eine Dornenkrone trug.

Die Sehnsucht drängte mich zur Stadt,
Wo alles einst verdrängt mich hat,

Zwar traf ich nicht Frau Königin,
Doch P. T. kam gleich zu mir hin.

Süß war der Abend wie Rosinen,
Fixsterne haben stark geschienen,

Der Fluß schwamm sacht zur Seite fort,
P. T., der stand am Wasser dort,

P. T. zeigte mir leer die Hände,
Fragend, ob ich daran was fände,

Da neulich er zum Pfandhaus ging,
So trüg' er jetzo keinen Ring.

"Denn sieh, ich könnt' es nicht mehr tragen,
Lieb' nicht den Brautstand sozusagen;

Zur Heirat fehlt mir jeder Halt,
So brauchte einfach ich Gewalt.

Für eine frohe freie Nacht
Hab' ich den Ring zu Wein gemacht.

Ein Übermensch soll niemals frei'n
Und sollte mehr geschmackvoll sein."

"P. T., dein Mund gefällt mir nicht,
Da er so ganz respektlos spricht.

Die Ärmste, die du jetzt verlassen,
Sie wird mit Weinen sich befassen."

"Ja, siehst du, Balzer, mein Gebaren
Reißt mich verflucht jetzt in den Haaren,

Kaum hat sie keinen Ring gesehn,
So ließ sie mich stillschweigend stehn.

Sie sprach nicht und sie schrie nicht laut,
Ihr Schweigen hat mich durchgehaut,

Sie schrieb, sie wolle nichts mehr wissen,
Ich hielte nichts und hätt's zerrissen.

Sie hält auf dich, mein Freundesknochen,
Stets hat sie hoch von dir gesprochen,

Schön war sie, wenn sie von dir sprach.
Und denke ich darüber nach,

Blind ist des Weibes Lebenslauf,
Ich hoffe noch, sie sucht dich auf."

"Dann, P. T., muß ich dir gestehn,
Nicht länger würd' ich seitwärts gehn.

Wohl möcht' ich heut schon bei ihr weilen,
Doch peinlich ist's, sich jetzt zu eilen.

Erst soll ihr Schmerz vorüber sein,
Dann stelle ich mich liebend ein."

Gern wäre ich vor Lust geflogen,
Zum Venusstern hat's mich gezogen,

Ich durfte es mir eingestehn:
Das Leben ist doch wunderschön.

P. T. verfluchte sich und schrie,
Er sei kein Mensch, ein Übervieh,

Unglücklich sei er bis zum Rand
Und wolle schleunigst aus dem Land.

Wir sprachen dies auf einer Brücke,
Den P. T. hielt ich kaum zurücke,

Am liebsten sprang er in den Strom,
Ich nahm ihn fest und sagte: "Komm."

"Nein, laß mich," schrie er wie verwirrt,
"Ich habe mich in mir geirrt,

Das schlimmste, was der Mensch erfährt
Ist, wenn er fühlt, er ist nichts wert."

Er sprang nicht in das Wasser 'runter,
Warf nur den Regenschirm hinunter.

Die ganze Welt hat ihn geödet,
Symbolisch hat er sich getötet.

Dein ganzes Leben war nur Dunst,
Liebst du nicht stets mit edler Kunst.

Und lieben sollst du vor dem Tode,
Das war von je pariser Mode.

Die Stadt spricht ganz in meinem Sinn,
Und immer zog's mich zu ihr hin.

Ehre ist mehr ein kaltes Feuer,
Nur Liebe, die wärmt ungeheuer,

Geld gibt dem Leibe vieles Glück,
Doch nicht den höchsten Augenblick.

Nur Liebe macht im Mark erbeben,
Deshalb soll jeder sie erleben.

Mir tanzten die Pariser Straßen,
Konnt' mich vor Freude nicht mehr lassen,

Wußte, Frau Königin war da,
Wenn ich sie selbst auch noch nicht sah.

Wünschte durch Mauern jetzt zu sehn
Und in den Häusern umzugehn.

Doch dieses mußt' ich unterlassen
Und mich beschränken auf die Straßen.

Der Zufall spielt gar gern Verstecken,
Mich tat er unvergeßlich necken.

Auf einem Dampfboot auf der Seine,
Als ich an dem Geländer lehne,

Ein ander Boot kam mir entgegen,
Da naht "sie" wie ein goldner Segen.

Sie trägt ihr stolzestes Gesicht
Und lebt allein und sieht mich nicht.

Ich zählte nicht einmal bis zwei,
Da war das Boot mit ihr vorbei;

Den Dampf tat ich von Grund aus hassen,
Jetzt war ich wiederum verlassen.

Im Schlaf erschien mir dann die Seine
Wie meiner Sehnsucht lange Träne,

Und stets auf einem andern Schiff
Schwamm die vorüber, die ich rief.

Ich wurde nicht im Suchen lahm,
Und wiederum ein Zufall kam.

Kommt man in eine neue Stadt,
In der man ein paar Freunde hat,

Geht man zu ihnen mal hinauf
Und sucht die lieben Freunde auf.

Mein Freund war Maler von Beruf,
Am liebsten er die Nacktheit schuf.

Hab' vor den Bildern Platz genommen.
Er sprach: "Der Wein, der wird gleich kommen."

Sein Modell warf den Mantel ab,
Nackt stand sie da, wie Gott sie gab.

Den Wein tat kleiderlos sie kaufen,
Mich tat es ganz heiß überlaufen.

Ich lobte sehr ihr blankes Haar.
Mein Freund rief: "Es ist sonderbar,

Wie dieses Haar jetzt modisch wird!
Noch stärker hat es mich verwirrt

Von einer Dame vis-a-vis,
Wie eine Königin ist die,

Ihr Haar ist eine heiße Krone."
Ich fragte zitternd, wo sie wohne.

"Dort steht sie an dem Fenster eben!"
Von Feuer fühlt' ich mich umgeben,

Frau Königin gleich rechter Hand
Im nächsten Haus am Fenster stand.

Sie sah gerade auf die Uhr:
"O Gott, wär' ich ein Zeiger nur!

Ich würde ihre Blicke lenken,
An mich müßte sie stündlich denken."

Lange sprach ich kein lautes Wort,
O, ging' sie nie vom Fenster fort!

Natürlich mußte sie dann gehn,
Und ließ mich lahm und zweifelnd stehn.

Und als der helle Tag gewichen,
Kam wie ein Kater ich geschlichen,

Mein Mut, der wurde stündlich trüber,
Saß ihrem Hause gegenüber

Auf einer Bank bei einem Zaun
Und tat nur immer aufwärts schaun.

Und blies sie aus den Lampenschein,
Schlief ich mit offnen Augen ein,

Schlief mich so göttlich nie mehr aus
Wie in den Nächten vor dem Haus.

Sah, wie der Mond am Fenster leckte,
Und Schiefer von den Dächern deckte.

Zum Mond auf Dächern tanzt' Paris,
Nachtwind die Tänzer vorwärtsblies,

Wenn Männer die Jungfrauen küßten,
Fuhren Raketen aus den Brüsten,

Sah Abälard mit Heloisen
Der großen Lieb' gottvolle Riesen.

Zum Marterberg tanzt' man aufwärts
Rund um die Kirch' "zum heil'gen Herz",

Und Mann mit Weib zum Mond sich schwang,
Daß still der Mond in Scherben sprang.

Sterne verpfiffen wie die Flöten,
Kein Frührot kann die Tänzer töten,

Schliefen wie Flaschen nach dem Mahl,
Kehrer kamen zum Straßensaal.

Es leb' die Lieb'! blieb 's Losungswort,
Behutsam schob man Scherben fort. –

So hielt ich nachts die Augen offen
Und tat verzückt in Bildern hoffen.

Ich wagte nicht, zu ihr zu gehn,
Aus Angst, sie könnt den Rücken drehn,

Und sich für immer von mir wenden,
Und schnöde müßt' mein Herz verenden.

Ich wartete den Zufall ab,
Der sich zum drittenmal begab.

Dem Zufall muß ein Hoch ich bringen,
Er ist es wert, ihn zu besingen.

Der Zufall fragt nicht wo, nicht wie,
Zerstört und bringt die Harmonie,

Kann selbst in Mißkredit nicht kommen,
Wenn er sich lächerlich benommen.

Ich Ärmster, ich kann nichts dafür,
Ach, lächerlich kam er zu mir.

Wenn man es mal recht eilig hat,
Gibt's Omnibusse in der Stadt.

Ein Platz war nämlich nur noch frei,
Frau Königin saß dicht dabei,

Ich ließ mich ihr zur Seite nieder,
Empfahl dem Himmel meine Glieder.

Sie sah mich noch nicht vorderhand,
Und ich blieb ihr noch unbekannt.

Ein Omnibus, der schüttelt stark,
Ich fühlte mein Gehirn wie Quark,

Da Schulter ich an Schulter saß
Mit ihr, die mir am Herzen fraß.

Ich fühlte bald, ich würde toll,
Mein Kopf brannte wie Alkohol,

Die Augen wuchsen groß wie Räder.
Ich glaub', ich werde Attentäter,

Denn alles drängt nach einem Kuß,
Den ich jetzt endlich haben muß.

Fühlte Fieber in jedem Arm,
Selbst meine Sohlen wurden warm.

Ich bin ganz jählings aufgesprungen
Und hab' Frau Königin umschlungen

Und küss' die Dame durch den Schleier,
Dann erst war mir die Seele freier.

Sie schreit, bis sie mich schnell erkennt,
Doch alles schon zusammenrennt,

Man flieht, man ruft den Kondukteur,
Mau kreischt: "Ein Narr macht hier Malheur!"

Man stoppt. Doch die Frau Königin
Sagt zu den Leuten obenhin:

"Es ist ja weiter nichts geschehn
Als nur ein frohes Wiedersehn."

Sie ging dann gern mit mir spazieren,
Sollt' sie zu schönen Bildern führen.

Sie war noch rosenrot vom Kuß
Und sprach nicht mehr vom Omnibus.

Wenn Wangen sich wie Blumen zeigen,
Dann platzt im Herzen bald das Schweigen.

Und in den Louvregalerien
War's Wunschschloß der Frau Königin.

Die Welt herrlich um uns entstand,
Mit Lieb' gemalt auf Leinewand,

Wir saßen still vor einem' Bild
In Mondpracht und doch seltsam wild,

Ein schwarz verzweifelt Ackerland,
Ein Wassergraben rechter Hand,

Gemalt nach schwangerm Abendregen,
Und Pfützen noch auf allen Wegen;

In Wolken, die voll Föhn und naß,
Der Mond grell wie ein Blitzstrahl saß.

"Hier in dem Bilde wollen wir
Spazieren gehn," sprach sie zu mir.

Wir saßen eng auf dem Sofa
Und gingen in die Landschaft da.

Sie sprach so göttlich nebenbei,
Und was sie sprach, war einerlei.

Ich fühlte es bei ihr sogleich:
Ja, ich und sie werden ein Reich.

Der Kuß hat freier mich gemacht,
Und ich erzählte von der Nacht,

Daß ich ihr Fenster still besessen
Und Sehnsucht tat den Mond auffressen.

Da tat der Föhnwind heiß umgehen,
Der Louvre tat voll Schwüle stehen.

Mir war, als folgten uns aus Rahmen
All die gemalten Herrn und Damen.

Leute aus jeglichem Jahrhundert
Sie haben Königin bewundert.

Sie konnte Tote zittern machen,
Lieb' sprach zu ihr in allen Sprachen.

Rubens und Rembrandt glühten da,
Sobald Fran Königin hinsah,

Holbein und Dürer grüßten tief,
Und ihr Mund sanft: "Madonna" rief.

Weil man das Singen ja nicht sieht,
Sang Königin halblaut ein Lied,

Ließ wie ein Taschentuch es fallen
In Huld als Dank ihren Vasallen.

Und Milos Venus lud uns ein,
Ihr Marmor hatte Feuerschein,

Ihr Leib war wie ein Sonnenstück,
Es war ihr höchster Augenblick.

Denn einst, als man Paris beschossen,
Hat das die Venus schwer verdrossen,

Sie legte sich in eine Kist'.
Versteckt in einer Fuhre Mist,

Lag sie in einer der Kasernen,
Bis sich der Deutsche tat entfernen.

Sich rettend so aus den Gefahren
Wartet sie jetzt auf Balthasaren.

Blank, und von Mist nicht einen Schimmer,
Steht sie im Louvrehinterzimmer.

Und dann, an diesem Nachmittag,
Die Sonne ihr am Nabel lag.

Da kam der Balthasar auch hin
Und ihm zur Seit' Frau Königin,

Ganz harmlos sagt der Balthasar:
"Die Venus ist mal sonderbar!

Ich sage euch, daß ihr es wißt,
Daß sie hier nicht die Schönste ist."

Und er sah nur Frau Königin
Und sah nicht mehr zur Venus hin.

Als echte Venus freut sie sich,
Die Sonn' sie sich vom Nabel strich

Und legt sie auf das Goldhaupt hin
Als Krone der Frau Königin.

Frau Königin hat nicht verneint,
Frau Venus hat uns still vereint,

Es waren sich die Herzen nah,
Als wär' ich Vater, sie Mama,

Sie drückte mir die Lippen zu
Und ward noch schöner und sprach: "Du."

Von den Genüssen der Genuß
Ist so ein richtiger erster Kuß,

Es müssen beide tüchtig wollen,
Dann schöpft man heftig aus dem Vollen.

So hatt' ich es mir ausgedacht,
Doch anders ist die Welt gemacht.

Auch ich hab' es erfahren müssen:
Ein keusches Weib kann noch nicht küssen,

Sie kann die Lippen noch nicht stellen,
Tut oft den andern Mund verfehlen,

Sie stellt sich ungeschickt noch an,
Man küßt statt Lippe oft den Zahn.

Doch Liebe übt das Küssen ein,
Und dunkel soll es dabei sein.

Wir fuhren weich in einem Wagen
Und ließen durch Paris uns tragen.

Der Wagen war ein fliegend Haus,
Drin übten wir das Küssen aus.

Man küßt sich, und man spricht kein Wort,
Und denkt nicht, – man ist einfach fort.

Das Herz hat jahrelang gehastet,
Bis es den Mund fand, wo es rastet;

Es tat ja Tag und Nacht stets rennen,
Man kann's dem Herzen wirklich gönnen.

Oft hab' ich drüber nachgedacht,
Wie doch das gute Herz es macht,

Daß immerfort es wachen kann,
Arbeitend stets von Jugend an.

Nachts, wenn der ganze Körper ruht,
Sortiert es immer noch das Blut,

Der Muskel schafft oft hundert Jahr.
Ich find' es gar nicht sonderbar,

Daß er nach Kuß und Liebe drängt,
Wenn dieses ihm Erholung schenkt.

O, störe nie den Mensch, der küßt,
Weil das einfach unmenschlich ist!

Und in Paris ist man gewöhnt,
Daß man die Liebe jedem gönnt.

So küßten wir und waren fort,
Sogar noch am Platz "la Concorde".

Wo einst man köpfte Nacht und Tag,
Das Pflaster mir voll Küsse lag.

Laternen tanzten um uns her,
Als wenn der Platz die Milchstraß' wär'.

Doch plötzlich blieb mein Kopf nicht heil,
Ein Wort fiel schwer wie ein Fallbeil.

Wo einst die Guillotine stand,
Der Balzer sich ganz kopflos fand,

Denn Königin sprach ahnungsvoll,
Von "Treue", die man halten soll:

"Du, Balzer, dein will ich gern sein,
Doch fiele es dir jemals ein,

Daß du mich zum Betrug gewählt,
Dann glaub' ich nichts mehr auf der Welt."

Ich weiß nicht, welch ein Blitz geschah,
Daß ich die Zukunft plötzlich sah.

Mitten in meines Blutes Saus
Wischte der Blitz den Kopf mir aus.

Wer könnte es mit Ernst beschwören
Daß ihn die Zeiten nie betören?

Weiß man denn, wer man selber ist,
Getaufter Heide, genannt Christ.

Nie kann ich für mich garantieren,
Das Leben ist ein stündlich Irren.

Heut leg' als Christ ich mich zu Bett,
Und früh bet' ich zu Mohammed.

Denn immer blindhin rollt die Welt,
Kurz, nur die Seel' im Leib aushält.

Erschüttert hat mich, was sie sprach,
Es war der Liebe erstes "Ach".

Man soll im Glück am Leid nicht rühren,
Nicht stets nach der Mechanik spüren,

Puppen sind wir im Puppenhaus,
Spielt man zu hart, läuft Sägmehl 'raus.

Frau Königin ward mein Gemahl
Auf einer Insel im Kanal.

In einem Kirchlein, klein und bieder,
Knieten wir am Altare nieder,

Und niemand hat gelacht, geweint,
Als uns der Priester still geeint.

Doch als wir aus der Kirch' hinaus,
Sahn beide wir erstaunter aus.

Den Ehring ungewohnt ich fand,
Und er ging leicht mir von der Hand.

Denn stets, wenn ich nach Hause ging,
Legte ich ab Hut, Stock und Ring.

Gar lästig scheint der Außenzwang,
Hat man so vielen Innendrang.

Als Gast bei unserm Hochzeitsschmaus
War nur ein weißer Rosenstrauß.

Wir saßen leis wie im Versteck
Mit unserm Glück in einer Eck.

Schön kann erst recht die Hochzeit sein,
Sind Braut und Bräutigam allein.

Doch was die Lieb' erst wirklich macht,
Das ist das Fest der Hochzeitsnacht.

Man ahnte sich ja vorderhand
Nur immer durch die Kleiderwand,

Und man wird dann sich erst zu eigen,
Darf man dem Kleiderschrank entsteigen.

Wir stammen sicher nicht vom Affen,
Zu herrlich ist der Mensch geschaffen.

Das göttlich zarte Ebenmaß
Der Affe ganz bei sich vergaß.

Wir Menschen dürfen sagen laut,
Wir haben edel uns gebaut.

Doch was beim ersten Kuß gesagt,
Sei auch zur Hochzeitsnacht geklagt.

Sie ist nicht so, wie man sie denkt,
Viel schönere die Zukunft schenkt.

Denn ist man keusch, fühlt man ein Trennen,
Man tut sich kleiderlos nicht kennen,

Der Leib fühlt sich noch unverwandt,
Nur das Gesicht bleibt uns bekannt.

Doch selig süß wird das Erschrecken,
Tut man allmählich sich entdecken.

Der Körper in so fremder Weise
Dünkt ohne Kleider uns so leise,

Fast unsichtbar wirkt man als nackt,
Bis uns das Blut am Herzen packt.

Das Blut, der alte Götterwein,
Mit Küssen schenkt man ihn sich ein,

Der ganze Mensch verbrennt davon
Und steigt zur vierten Dimension.

Der Tod, sagt man, beschließt das Leben,
Und dann soll's noch was Beßres geben.

Doch wenn sich liebt ein Weib, ein Mann,
Man sich nichts Beßres wünschen kann.

Das Bett, das ist das Himmelreich,
Dort sind wir Gott und Mensch zugleich.

Dort liegt des Weltalls Schwergewicht,
Mehr Glück als Liebe gibt es nicht.

Von meiner Nacht ist noch bekannt:
Viel Volk ist laut umhergerannt,

Die Fenster klirrten von den Wagen,
Ich hörte Schreien, hörte Fragen,

Am Fenster zuckte rot ein Tanz,
Zum Himmel flog ein Feuerkranz.

Gleich Hochzeitsfackeln in der Stadt
Ein Feuer hell gewütet hat.

Deshalb der Lärm in allen Gassen,
Das Feuer schien heut nacht zu prassen.

Ich hielt es heiß in meinem Arm,
Und eine Stadt ward davon warm.

Weil Mai war und die Flitterwochen,
Waren die Blumen ausgekrochen.

Wir hielten uns mit vielen Händen
Und ruhten an den Efeuwänden

Auf einem alten Schloß am Meer,
Die See kroch unterm Fenster her,

Sie schien mir wie ein glatter Saal,
Der spiegelnd sich zum Tanz empfahl

Die Träume taten sich dort drehn
Und ließen uns die Zukunft sehn.

Wir bauten manches Kartenhaus
Und suchten unsern Grabstein aus.

Denn wo die Tage zuckern sind,
Greift mancher nach dem Salz geschwind;

Und schmeckt im Glück uns jeder Wein
So bildet man sich Unglück ein.

Fran Königin, sie wollte haben,
Man soll sie einst ins Meer begraben.

Darüber taten oft wir streiten,
Das Meer tat mir den Tod verleiden,

Ich wollt' bei einem großen Stein
Auf einem Berg begraben sein.

Da schwieg sie, und sie aß nicht viel,
Weil ich mein Grab im Meer nicht will.

Doch in der Nacht, da sprach sie leise,
Sie wollte ganz nach meiner Weise

Ihr Grab auf meinem Berg bei mir,
Zu kalt sei es im Meere ihr.

Efeu wuchs wild durchs ganze Haus,
Grün sahen alle Säle aus,

Meermöwen schwebten um die Schwellen
Wie Ampeln vor den Liebeszellen.

Wohin man von den Sälen sah,
War stets das, was man wünschte, da,

Stets waren wir zu zwein im Zimmer
Und nahmen uns das Schönste immer.

Wie in dem Himmel Wolken fliegen,
So tat das Schloß voll Kissen liegen.

Auf ihnen ging die Sonn' nicht unter,
Sie glühten Tag und Nacht gleich munter.

Wer dort nach hundert Jahren ruht,
Der fühlt noch dieser Kissen Glut.

Unerfüllt ging kein Wunsch vorüber,
Man sprach: Zu wünschen bleibt nichts über.

So lebten wir im Paradies,
Wo man in jeden Apfel biß,

Biß in die grünen und die roten,
Nicht ein Baum war bei uns verboten.

Der Frühling saß an allen Wegen,
Tat Blumen bunt und Eier legen.

Wir wurden mit den Bäumen du
Und sahen faul dem Leben zu.

Gingen wie Bienen um die Blüten,
Ließen vom Sonnenschein uns hüten,

Gingen dem Monde hinterher,
Die Zunge wurde satt und schwer.

Wir machten uns wie Mücken klein
Und sangen schönes Wetter ein;

Und wie in Muscheln das Gesumm,
Ging 's Glück in beiden Ohren um.

Wie Efeu auf dem Dach am Schloß
Ließ uns das Glück gar nicht mehr los.

Im Schloßhof war ein Brunnentrog,
Wo beide Köpf man überbog,

Da lag der Tag unten am Grund
Als Silbertaler hell und rund.

"Zwei Köpfe sind darauf geprägt,
Hab' ihn als Mitgift hingelegt,"

Sprach sie, "Zins zahlt die Lebensbank,
Solang die Köpfe hell und blank.

Nie gehen meine Taler aus,
Stets liegt ein neuer früh im Haus."

Ins Feld zog sie mich dann am Arm,
Dort stand Klee wie Ohrläppchen warm,

Und wo sich Königin dort bückte,
Fand sie ein Kleeblatt, das beglückte.

Sie brauchte nur vorbeizugehn,
Da tat der Klee vierblättrig stehn,

Sie brauchte nur den Fuß zu regen,
Wuchs Glück gleich Unkraut an den Wegen.

Und immer, wenn es Abend war,
öffnete Königin ihr Haar,

Dann tat sie an das Fenster treten
Und ließ es von dem Mond anbeten.

Der Mond ging nicht vom Fenster fort,
Er glühte und er sprach kein Wort,

Ich fühlte seine böse Lust,
Und Eifersucht stach meine Brust.

Nur ich durfte ihr Haar besehn,
Wie konnte sie zum Mond hingehn?

"Man weiß nicht, was er tuen kann,
Der Mond ist sicher auch ein Mann,

Er hat schon manches Weib belogen,
Fühl dich nicht zu ihm hingezogen!"

Ich hab' sie in den Arm genommen,
So konnt' sie nicht abhanden kommen.

Verführend lockte auch das Meer,
Warf sich ihr stets zu Füßen her,

Es scharrte nächtlich um das Haus,
Und ungeduldig sah es aus;

Und wenn selbst gute Leute schliefen,
Grunzte es noch in seinen Tiefen.

Es lenkte uns vom Küssen ab:
"Silentium!" rief ich laut hinab.

Dann war es für Sekunden still.
Es staunte, daß man auch was will.

Träumt' ich als Kind von schönen Sachen,
Und fand ich nichts mehr beim Erwachen,

So bat ich oft die Mutter mein:
"Taschen näh' mir ins Nachthemd ein,

Daß ich es in den Taschen finde,
Gibt man im Traum mir Angebinde."

Jetzt braucht' ich keine Taschen mehr,
Denn nie war's beim Erwachen leer,

Mein schönster Traum lag stets zur Seite
In seiner Läng' und seiner Breite.

Frau Königin beschnitt ihr Haar
Stets, wenn der Mond zunehmend war.

"Man wirft kein Löckchen aus dem Fenster,
Denn Haare locken die Gespenster,

Und Vögel, welche Nester bauen,
Auch denen soll man niemals trauen,

Denn wenn sie deine Haare finden,
Muß Wahnsinn deinen Geist erblinden."

Sie sprach: "Dies sagt die Mutter mein,
Doch braucht es ja nicht wahr zu sein."

"Ja," sagt ich, "sicher ist es wahr,
Heimlich schnitt jemand mir mein Haar,

Und Vögel taten es dann holen,
So ward mir mein Verstand gestohlen.

Wir leben wie die Kinder hin,
Hab' nichts mehr in den Taschen drin,

Mit ohne Geld backt man kein Brot,
Und tödlich ist die Hungersnot."

"Ach," lachte sie, "wie tut das wohl,
Wenn man mal wirklich hungern soll.

Was macht uns das, dann sterben wir,
Und stündlich lieg' ich dann bei dir,

Und gar nicht stehen wir mehr auf,
Dies wär' der rechte Lebenslauf."

"Ja," sprach ich, "einmal wird sich's geben,
Bis dahin muß man weiterleben."

Zieht man den letzten Ring noch aus,
Dann ist's schon etwas leer im Haus,

Und kann man diesen Ring verborgen,
Dann lebt man noch am nächsten Morgen.

Doch übermorgen ist nicht weit,
Und hat man dann kein Geld bereit,

So klopft der Hunger an den Magen,
Und gar zu gern tät man's ertragen.

Wir fanden noch in einer Weste
An Geld kupferne Überreste

Und kauften etwas Spiritus,
Und kochten uns ein Stärkemus,

Gefärbt mit wenig Schokolade,
Dann schmeckt die Stärke nicht zu fade.

Wir rührten in der Kasseroll
Und wußten nicht, was werden soll.

Und sonderbar, sie hatte recht,
Der Hunger schmeckte nicht so schlecht,

Und vornehm taten wir ihn tragen
Geadelt von dem leeren Magen.

Doch gehen nachts die Sterne auf,
So sieht man meistens mal hinauf.

In der Nacht machen sie mich toll,
Wußt' noch nicht, wie's uns werden soll.

"Ihr Weltstücke dort in der Nacht,
Sagt mir, warum bin ich gemacht?

Ich tue meinen Willen spüren,
Und trotzdem tut man mich regieren.

Hat einer Recht, mich zu bezwingen,
Gebären mich und umzubringen?

Mein Weib soll mich unfehlbar sehn,
Ich wünsche mich sonst ungeschehn.

Liebe ist Herr, hat alles Recht,
Nur ungeliebt ist man ein Knecht.

Es reizt mich gar nicht, mich zu töten,
Das rettet nicht vor Zukunftsnöten.

Ein Herr bin ich und bin ein Mann,
Der keinen Zwang mehr dulden kann,

Mein ganzes Leben sei vergessen,
Hab' ich nicht morgen was zu essen.

Nacht, undurchdringliche Pupille,
Mein Fehdehandschuh sei mein Wille!"

Und sonderbar, in dieser Nacht
Bin zähneklappernd ich erwacht.

Unheimlich war ein Traum gekommen,
Hat meinen Körper mir genommen.

Es war in einem hohen Haus,
Das Ganze sah verlassen aus,

Der letzte Mensch kam an die Tür
Und ließ mich dann allein mit mir.

In mir war selbst nichts mehr zu lesen,
Denn nichts an mir schien je gewesen,

Hatte nur furchtbar viele Zeit,
Fühlte, – dies war die Ewigkeit.

Zwar wußt' ich noch nicht, was ich soll,
Doch Hunger zähmte Zoll um Zoll.

Und als der nächste Abend kam,
Ich anständiger mich benahm.

Ich bat: "Ihr Sternenungeheuer,
Gold, weiß ich, schwimmt in eurem Feuer.

Nur eine handvoll mögt ihr geben,
Vorläufig hätt' ich dann zum Leben.

Ihr Brüder, habt ihr mich vergessen?
Ich liebe und hab' nichts zu essen."

Da endlich mich die Antwort traf,
Ins Ohr sprach jemand mir im Schlaf:

"Mein Junge, du wirst noch nicht sterben,
Dein Vater stirbt, und du wirst erben."

Der Traum, der hat mich aufgeschreckt,
Frau Königin hab' ich geweckt,

Erzählte ihr, wie alles war,
Doch sie findet nichts sonderbar.

Sprach: "Daß der Himmel Botschaft sendet,
Ist gut, denn wir sind ausgepfändet.

Zwar, daß der Vater stirbt, tut weh,
Doch da ich keine Rettung seh',

Und da es unser Schicksal will,
So erben wir und trauern still.

Doch ist der Traum dir nur gelogen,
Hat um die Ruh' er mich betrogen:

Just bin im Traum ich satt gewesen
Und hatte wundervoll gegessen."

Am Morgen sprach ich: "Denke kaum
An diesen bösen Erbschaftstraum.

Es ist ein Frevel, so zu denken.
Will nur dem Leben Glauben schenken.

Sieh, immer fand ich wunderbar
Seidenzeug, das aus Japan war,

Es war mir bunte Augenweide,
Die ganze Welt scheint dort aus Seide.

Und Japan fiel mir heute ein,
Und jetzt soll uns geholfen sein.

Ich zeichne Bilder auf die Seide,
Und du stickst sie zur Augenweide.

Damit werden wir Geld verdienen
Und legen ab die Hungermienen."

"Ach nein," sagte Frau Königin,
"Das Sticken, das verdreht den Sinn.

Doch, wenn ich höre meine Stimme,
Ist's, als ob ich im Himmel schwimme.

Die Stimme, sie ist zwar noch klein,
Und deshalb üb' ich sie erst ein.

Dann singe ich auf allen Straßen,
Von Geld sind wir dann nie verlassen."

"Ja," sprach ich, "übe dich nur ein,
Und laß das Sticken mir allein.

Sorgen, sie hindern mich am Schnaufen,
Wer gibt uns Geld zum Seidekaufen?

"Ja, Seide braucht man, das ist wahr."
Anbetend sah ich auf ihr Haar.

Sie scherzte: "Wenn ich 's Haar abschneide,
Dann brauchen wir kein Geld zur Seide."

Da grollte ich dumpf wie ein Bär:
"Von deinem Haar geb' ich nichts her,

Das wär', als ob ich dich verkaufe.
Ach, daß ich gleich mein Herz ausraufe."

Doch ließ sie nicht ihr Scherzen sein
Und fädelte ein Haar selbst ein,

Drückt mir die Nadel in die Hand;
Ich hab' mich düster abgewandt.

Ich setzte mich ans Fenster hin,
Und drunten ging Frau Königin

Am frommen Kleefeld auf und nieder
Und dehnte im Gesang ihr Mieder.

Da wurde mir so wohl im Blut,
Fühlte mich wie der Klee so gut,

Fühlte mich Staub und Meeressand,
Stach mir die Nadel in die Hand,

Hing an ihr Haar ein Tröpflein Blut,
Hab' nie so nah bei ihr geruht.

Ihr Stimmlein tat mich selig heben,
Tat über allen Hungern schweben.

Doch weiß ich nicht, wie es dann kam,
Daß ich die Hand zur Nase nahm,

Sie roch wie Zigarettenrauch,
Ganz so roch stets mein Vater auch.

Dreimal wusch ich mir beide Hände,
Und immer war's, als ob ich fände

Des Vaters Atem nahe hier,
Und ganz unheimlich war das mir.

Und ehe noch der Abend kam,
Erhielt ich kurz ein Telegramm.

Ich könnt' es nicht vor Tränen lesen:
Der ernste Traum ist wahr gewesen.

Doch dieses Trauertelegramm
Erweckt auf meinen Wangen Scham.

Ich nahm es zu dem Kaufmann mit,
Und er gab uns sofort Kredit,

Und alles ward uns reich bemessen,
Haben uns weinend satt gegessen,

Wir konnten uns nicht selbst betrügen,
Wir aßen beinah mit Vergnügen.

Ich fand uns da im Grund nicht besser
Als zwei bewußte Menschenfresser.

Auch stolz machte mich ganz und gar,
Daß ich so auserwählet war,

Daß Gott nachts selbst zu mir gesprochen
Und sein Inkognito gebrochen. –

Wenn man im Grab wen kennen lernt
Ist's schlimm, verwandt oder entfernt.

Fran Königin tat es so gehn,
Als sie am frischen Grab tat stehn,

Sie sprach: "Ich glaube nicht daran,
Daß man im Grabe sterben kann.

Menschen, die einem vieles schenken,
Kann man sich gar nicht sterben denken."

"Ja," sagte ich, "lebte er weiter,
So spräch er jetzt: "Kinder, seid heiter,

Ein jeder wird es mal allmählich,
Und lebend ist man wirklich selig.

Steht euch die Welt jetzt auf der Höhe,
Beißen respektvoller die Flöhe;

Die Liebe ist nicht blind erfunden,
Haltet euch an die Liebesstunden.

Erlebt stets die Realität,
Heiß wie der Topf am Feuer steht.

Und jetzt sollt ihr Siesta halten,
Und legt die Stirn in keine Falten,

Fürs Leben es euch zwölf Uhr schlug,
Habt jetzt vom Vormittag genug,

Und dehnt die Liebe auch noch aus,
Geht die Siesta mal hinaus."

2

Ein Schicksal schon seit Ödipus
An jedem sich erfüllen muß,

Und hier sei langsam euch enthüllt,
Welch Schicksal sich an mir erfüllt.

Die Jahre gehen, wie man weiß,
Im Winter kalt, im Sommer heiß.

Nicht mir mit heiß und kalten Wangen,
Sind auch die Jahre mir vergangen.

Es war in meiner Vaterstadt,
Dort fand ein Wiedersehen statt,

Um Folgen von dem Wiedersehn
Tut sich das ganze Buch jetzt drehn.

In meiner Stadt steht auch ein Schloß
Und drinnen wuchs der Amor groß,

Bischöfe bauten dieses Haus,
Und flott sieht's wie bei Göttern aus.

Dort sind Tanz-, Spiel- und Spiegelsaal,
Und dreißig Küchen auf einmal.

Dreihundert Säle gibt es nur,
Wo man genießt Gott und Natur.

Im Garten, in verschämten Lauben,
Muß man an Seligkeiten glauben.

Süß Nacktes spielte hier Verstecken,
Und Amor ließ sich gern entdecken.

Ist er gemeißelt nur aus Stein,
Flößt er doch andern Leben ein.

Wein liegt hinter der Kellerpfort',
Der trägt das Herz gar hitzig fort,

Er bockt in Flaschen sehr markant,
Man hat Bocksbeutel ihn genannt.

Und oft an heißem Nachmittag,
Wenn Gott selbst nicht regieren mag,

Tat Bischof und Prälat sich laben,
Dem Wein sie die Regentschaft gaben.

Mit Nichten und verwandten Damen
Zum Karussellsaal sie hinkamen,

Die Pferdlein dort aus Holz nur sind,
Doch dreht man sie, so macht das Wind.

Denn war die Mahlzeit gar zu heiß,
Kühlt man sich gern den Erdenschweiß.

Man nimmt die Damen auf den Schoß,
Fromm ist stets ein lackiertes Roß,

Und mit Musik dreht sich das Holz,
Und jedes Pferdchen bäumt sich stolz.

Die Dame, jung oder gereift,
Stets gern nach dem Bocksbeutel greift.

Ein Bischof ist auch keine Kuh,
Und heiß trinkt er der Dame zu.

"Gebenedeit sei die Natur,
Hebt hoch das Glas toujours l'amour!"

Und die Prälaten rufen's nach:
"Toujours l'amour!" Fast springt das Dach.

Das Volk, das auf dem Schloßplatz steht,
Französisch nicht sofort versteht.

Hoch Schorle Mohrle, ruft es wieder,
Und Amor steigt zum Volk hernieder.

Kommt aus den Kellern dann die Nacht,
Wie Rotwein rot jed' Fenster lacht. –

Heut ist's in Schloß und Garten still,
Der kleine Gott mal schlafen will.

"Hoch Schorle Mohrle," dacht' ich laut,
Weil's keiner sich zu rufen traut,

Denn offen ist dem Volk der Garten.
Wo Nachtigallen süß aufwarten

Und wo noch Amoretten stehn,
Da hatte ich ein Wiedersehn.

Ging in den Lauben auf und nieder,
Und ich erkannte jemand wieder.

Wir gingen rund um ein Bassäng,
Fast Aug' in Aug', der Weg war eng,

Wie Würfelaugen fiel ihr Blick,
Wir würfelten um mein Geschick.

Glieder spielten ihr wie die Reben,
Wo unter Blättern Träublein leben,

Sie trug die Handschuh in der Hand,
Kein Ehering war der bekannt,

Die Hände weiß wie Sahnenflecken
Mochte man gern vom Kleid ablecken.

Sie klopft den Amor auf den Bauch
Aus Stein in dem Akazienstrauch.

Der alte Amor lachte froh,
Ihm wackelt der Sandsteinpopo.

"Du bist schon längst ein Ehemann,"
Sprach sie, "man sieht dir's gar nicht an."

Sie fragte: "Bist du glücklich jetzt?"
Und hat sich auf die Bank gesetzt.

Ich setzte mich ganz still daneben,
Sprach: "Glücklich bin ich für das Leben."

Fragte nicht, ob sie glücklich ist,
Sie sprach: "Ich freu' mich, wenn du's bist."

Schwarz war sie wie ein Mohrenkind,
Die ganz schwarz durch und durch stets sind.

Wenn ich mein Alter rückwärts schiebe,
War sie einst meine Jugendliebe.

Damals stand bei der Stadt ein Haus,
Ein Mohrenkopf sah dort heraus,

Ich kam dort oft zu ihrer Mutter,
Bestellend für den Vater Butter.

Der Mohrenkopf war nämlich seiner,
Ein Mädchen war er, braun und bräuner,

Mit echten Locken, ungelogen,
Ich hab's probiert und dran gezogen;

Wie Hobelspäne kraus, doch schwarz,
Und glänzend wie am Baum das Harz.

Mit ihr durft ich zum Stall hingehn,
Und Kühe in der Nähe sehn,

Sie wohnte nämlich mehr am Land,
Ich selber war nur stadtbekannt.

Im Kuhstall war's gar liebesam,
Irdischer Duft mein Herz benahm,

Ich war ein Knabe, sie ein Kind,
Und jener Duft, der kam vom Rind.

Sie war elf Jahre, ich dreizehn,
Ich lernte eben das Rauchen,

Wir suchten dunkle Ecken aus,
Dort waren wir mehr als zu Haus.

Den ersten Kuß, von dem man spricht,
Gab ich ihr in das Angesicht,

Doch sagte sie, daß sie sich schäme,
Weil leicht ein Kind beim Küssen käme.

Das war die Ansicht ihrerseits,
Ich selber wußte mehr bereits,

Ich sagte, daß es nicht so wär',
Sie aber wollte mal nicht mehr.

Und jeden Tag ging Balthasar
Zum Mohrenkopf, der keiner war.

Daß ich genehm auch ihrer Mutter,
Bestellt' ich täglich viele Butter.

Was täglich da an Butter war,
Das kaufte ich und zahlte bar.

Denn ich versetzte, was ich hatte,
Sogar am Bett die Vorlegmatte.

Doch da die Butter leicht verdirbt,
Die man von Kühen sich erwirbt,

Und daß der Vater nichts erführe,
Legt' ich's bei Häusern in die Türe.

So wie man Findelkinder macht,
Wenn man die Türen nicht bewacht.

Dies Mohrle sah ich plötzlich wieder,
Da sang mein Herze Bubenlieder,

Auf einmal war das ganze Land
Wie ein Spielkasten mir bekannt.

Vom Riesenturm her hinter Bergen,
War mir's, als käm' ich zu den Zwergen,

Wo alles sich von selbst verstand,
Zu Gold wurde der Gartenland,

Die Rose fällt dir in den Schoß,
Öffnest du still die Hände bloß.

Im Glück ich wie ein Bär mich fand,
Unglück schien mir interessant,

Glücklich zu sein, fand ich fast dumm
Und sah mich gern nach Unglück um.

Ich tat nach ihren Augen birschen,
Die hingen da schwarz wie Herzkirschen,

Ich wollt' schon eine Leiter holen
Und hätte wie als Bub' gestohlen.

Plötzlich fiel sie mir in die Rede,
Fragte: Welch Ohr ihr klingen täte?

Ob's rechts oder im linken sei?
Mit Eile riet ich falsch dabei.

"Dann wird jetzt schlecht von mir gesprochen,"
Sprach sie und hat sacht abgebrochen,

Meinte, sie könnt' nicht weitergehn,
Sie grüßte, und ich durft' nachsehn.

Mein Herz warf mich zur Stadt hinaus,
Wollt' nicht zur Königin nach Haus,

Lief im Wald am Schierling vorbei,
Als ob ich ein Giftbecher sei,

Fühlend, ich werd' noch Unglück stiften
Und mir Frau Königin vergiften.

Schlief ein dann unterm Eibenbaum,
Wahrsagend wirkt der oft im Traum.

Kam als König zum Krönungsmahl
Die Tafel stand gespickt im Saal,

Gäste standen in steifen Reihn,
Hörte die Herolde laut schrein:

"Ihr seid serviert, Madam, ich bitte."
Der Marschall rief's nach alter Sitte.

Unser Nam' aus Juwelen bunt,
Auf dem Tischtuch geschrieben stund,

Königin saß mir gegenüber,
Mitten die Kron', man sah kaum drüber.

Auf meinem Platz fand ich abnorm
Ein Messer fremd in Sichelform.

Weiß nicht, warum ich plötzlich fror,
Solch Messer kam sonst nirgends vor.

Sein steiles Eisen zog mich an,
Und aller Augen hingen dran,

Fühlte die Zung' am Gaumen kleben,
Wußte, dies Messer will mein Leben.

Königin riß das Schweigen ab,
Sprach: "Ich bin's, die dies Messer gab,

Es kriechen Tage aus wie Kröten,
Die Kron' zerspringt, kannst sie nie löten,

Wahnsinnig Schicksal steht am Tor,
Dies Messer nur schützt dich davor."

Und alles altert, wie sie spricht,
Es faltet sich jedes Gesicht,

Mein Blick geht in dem Saale um,
Grau scheint mein ganzes Königtum.

"Wer will den Liebesdienst mir tun?"
Fragt' ich, doch alle Hände ruhn.

Das Messer nimmt die Königin,
Blut scheint ihr in den Augen drin.

Ich ließ den Krönungsmantel fallen,
Voll Blaßgesichter stehn die Hallen,

Tret' hintern Stuhl der hohen Frau,
Küß ihr die Stirn, ihr Haar wird grau.

Sie sieht nicht um, es stößt die Hand,
Hart mir ein Schnitt im Herzen stand.

Ich stürzte mit des Blutes Strahl,
Königin steht aufrecht im Saal,

Sie atmet hoch, die Brust ihr sprang,
Sterbend ihr Blut zu meinem drang. –

Im Walde war es Abend bald,
Da machte ich im Schlafen halt;

Erschüttert kehrt' ich heim zur Stadt,
Wo man Lampen anzünden tat.

Denn dort, wo fromme Leute wohnen,
Stehn in Steinnischen Hausmadonnen,

Und stille Lampen rot und blau,
Brennen bei jeder Himmelsfrau.

Sie halten Wach' mit frommem Frieden,
Und friedlich denkt man dann hienieden.

Frau Königin schlief schon mit Ruh,
Still kam auch ich und deckt mich zu.

Stundenlang hab' ich nachgedacht:
Warum ist man aus Blut gemacht?

Wär' ich wie Heilige aus Stein,
Stünd' ich im Leben rein allein;

Dann wüßte man, daß man nichts wollt'.
Doch solang' Blut im Leib umrollt,

Will dieses Blut stets was erleben
Und tut uns was zu denken geben.

Ich dachte zuviel diese Nacht,
Ameisen hatt' ich mitgebracht

Vom Wald, die ließen mich nicht ruhn,
Und gaben mir stets was zu tun. –

Gewöhnlich sind die Nächte stumm,
Doch singt etwas, sieht man sich um.

Königin sang zur Mittnachtstund',
Als säß' ein Vogel ihr am Mund,

Zwitscherte schlafend sich ein Lied,
Als ob sie nachts noch Geigen sieht.

Dabei schien sie mir winzig klein,
Schien größer nicht wie's Herz zu sein,

War wie ein Brünnlein, das sich schwingt,
Mein Ohr war's Becken, drin es klingt.

Fällt uns im Schlaf noch Musik ein,
Muß man wohl gründlich glücklich sein,

Aber man tut aus Sehnsucht singen,
Die man am Tage konnt' bezwingen.

Ich dacht', wir müssen weitergehn
Und fremde Länder uns besehn.

Heimat ist es, die mich beschwert,
Weil man sich hier um Altes schert,

Heimat ist mir ein dumpfes Wort,
Ich lebe lieber weiterfort.

Hat man des Geldes allzuviel,
Weiß man nicht recht, wohin man will.

So wollten wir nach Island reisen,
Um Küsse dort auf Eis zu speisen.

Wir taten dicke Strümpfe kaufen,
Und konnten kaum vor Pelzwerk schnaufen,

Wir packten einen Koffer voll,
Der Koffer wurde später toll,

Er platzte nämlich in Italien,
Spaßhaft sind manchmal die Lappalien.

Island kam uns ganz aus dem Sinn,
Wir fuhren zu dem Ätna hin. –

Der Mond rutschte auf flachem Dach,
Und hundert Tauben saßen wach

Und gurrten sich im Mondschein zu,
Hier hatt' ich vor der Heimat Ruh'.

Man riecht nur Öl, nicht Butter mehr,
Und dies macht die Erinnerung schwer.

Hier ist's, wo jeder glücklich ist,
Und Mensch und Tier Makk'roni frißt.

Wie Wein schmecken heiß alle Augen
Und sind auch schön, wenn sie nichts taugen;

Sonne lehrt dem Gewissen schlafen,
Ist zu gut hier, will keinen strafen.

Auf dem Balkon man selig stund,
Königin küßte meinen Mund.

Sie sprach: "Nun bist du wieder da,
Gottlob, daß weiter nichts geschah.

Etwas hat mich von dir getrennt,
Ich hab' mich so nach dir gesehnt."

Ihr Haar im Sonnschein mächtig war,
Und Sonn' schien hier das ganze Jahr,

Hoch feurig kam es mir entgegen
Als wollt' es mich in Asche legen.

Am Himmel, italienisch blau,
War's wie der Schein der Himmelsfrau,

Italiens Männer, Kinder, Frauen
Mußten mit Andacht danach schauen.

Bald fuhr mit uns ein Schiff vom Stapel,
Und fuhr im Mondschein nach Neapel.

Zum Ätna hat uns dann gebracht
Wieder ein Schiff bei Mondscheinnacht,

Der Berg schien mir verhängnisvoll;
Ich bat, daß Kön'gin warten soll.

Drei Tage steigt man auf und nieder,
Am dritten Tage kam' ich wieder.

Ging auf dem schwarzen Berg dahin,
Und schwärzer wurde mir's im Sinn,

Denn Erd,' Meerwasser, Luft und Feuer,
Die vier gewalt'gen Ungeheuer,

Sieht man hier um den Berg gedeht,
Weil eines sich ans andre lehnt.

So wie das Weltall aufgebaut,
Daß man dem Element nicht traut,

Da einzeln jedes ein Tyrann,
So schien das Weib mir für den Mann.

Und immer drehte ich am Ring,
Der mir so leicht vom Finger ging.

Ganz schwarzer Staub am Wege lag,
Und in den Dörfern schien kein Tag.

Die Menschen sahen rußig aus,
Wie Schornsteine war jedes Haus.

Wie Kartoffeln im Keller blühn,
Zeigten die Bäume bleiches Grün.

Die Sonne, die schien doppelt weiß,
Von meiner Stirn rann schwarzer Schweiß.

Der Feuerberg, so wild und frei,
Wachte mir alles einerlei.

Daß mir das Erdenfeuer nah,
Das ich von weitem rauchen sah,

Führte mein Herz zum Urzustand,
Ich fühlte mich wie Weltenbrand.

Ging so mit finsterem Gesicht,
Wie einer, der ins Knopfloch spricht,

Hatte mein Kinn herabgebeugt,
Als hätte Pluto mich gezeugt.

Zum letzten Dorf ich abends kam,
Wo die Welt seltsam sich benahm,

Die Leute vor den Kirchen lagen,
Taten die Stirn auf Steine schlagen.

Fanatisch betete man wild,
Als ob der Teufel Messe hielt,

Der Himmel, wetterleuchtend wach,
Tanzte als Hex' ums Kirchendach,

Und alle Frauen schienen mir,
Als ritten sie auf Besen hier.

Manche, die rührten sich gar nicht
Mit tausendjährigem Gesicht,

Taten, als wären sie begraben,
Nur weil sie Angst vor Liebe haben.

Und andere, jung und verdorben,
Die schielten oftmals schon gestorben,

Blieben nur so lang' auf der Welt,
So lang' die durst'ge Jugend hält.

Sie starben schnell und kamen wieder
Und hatten hungerige Glieder.

Und andere, brutal und breit,
Die Zunge und die Faust bereit,

Saßen mit Spindeln auf der Straß',
Für alt und jung von gleichem Haß,

Und Kinder nährten sie im Dreck,
Und starben nach erfülltem Zweck.

Ich kniete an der Kirchentür,
Wünscht', daß der Teufel aus mir führ'.

Vom Teufel fühlt' ich mich besessen,
Ich wollte jedes Weib vergessen.

Blitze tanzten wie Feuerreiser,
Die Orgelpfeifen grunzten heiser,

Schwer schrie des Berges Schwefelseele
Der Kirchenorgel aus der Kehle.

Es spotteten die Feuergeister:
Die Ehe ist pappiger Kleister,

Verklebt jeglichem Mann den Mut,
Wenn er auf diesen Leim gehn tut.

Du sollst Sultan der Erde sein
Und jedes zweite Mädchen frein.

Mädchen sind eine blöde Sippe,
Fühlen sich wohl an jeder Krippe,

Sie wollen flott genossen sein,
Schenk' allen deine Liebe ein. –

Das Meer, das um den Berg tat stehn,
Rief: Du sollst kühl ins Weite sehn.

Du sollst dich von den Frauen trennen,
Frei wie der Fisch durchs Leben rennen.

Luft rief: Ach, laß die Frauen liegen,
Stets lästig sind sie wie die Fliegen.

Nur Erde sprach: Ehr die Natur,
Die Frau ist keine Rippe nur,

Die man abschneidet nach Belieben;
Hab' so viel, als dir vorgeschrieben,

Nimm dir nicht mehr, als dir gehört,
Da dich der Überfluß sonst stört.

Mir war's bald dunkel, bald war's hell,
Als drehte man ein Karussell,

Bald war ich Luft, bald Feuer sehr,
In Stücke ging ich mehr und mehr.

Mocht' nicht mehr bei der Kirche liegen,
Bin schwefelwarm bergab gestiegen.

Ich roch nach Teufel lang noch später,
Die Kleider stanken nach Salpeter.

Er atmete mich gründlich an,
Grün ward mein goldner Plombenzahn.

Zwei Tage könnt' ich noch nicht sprechen,
Ließ mich nur von den Mücken stechen,

Hab' stundenlang hart und vernarrt,
Im Garten vor mich hingestarrt,

Wo im Käfig ein Affe saß,
Der philosophisch Flöhe fraß.

Die Indier, dacht' ich, haben recht,
Die Tiere sind ein schlau Geschlecht,

Stellen sich stumm und sprechen nicht,
Weil man dann niemand was verspricht.

Ich war im Feuerbann gewesen,
Und Feuer konnt' mich nur erlösen.

Frau Königin hat mich geküßt,
Sie sagte: "Sag, ob du's noch bist?"

"Ich bin's," sprach ich, "doch will ich haben,
Im Ätna sollst du mich begraben,

Wenn ich einmal gestorben bin,
Dann fahre mich zur Höll' dorthin.

Ein Teufel bin ich Tag und Nacht,
Der dir verweinte Augen macht."

Sie sprach: "Ich lieb' den Teufel sehr,
Und gäb' ihn nicht dem Ätna her.

Bin froh, daß du zurückgekommen,
Auch wenn du dich so schwarz benommen."

– Nachts, wenn die Grille draußen hupft,
Italien Mandolinen zupft.

Manch Liebeslieb zog bei uns ein,
Und man läßt dann das Schlafen sein;

Zur Mandoline gut sich's küßt,
Wenn man wieder anwesend ist.

3

Ich hatte alles, was ich wollt',
Ein Weib und einen Haufen Gold,

Sprach: Mit dem Weibe ganz allein,
Kann jeder Mann zufrieden sein.

Europa, dieser alte Fetzen,
Mein Weib, dacht' ich, kann ihn ersetzen.

Ich will die Heimat nicht mehr sehn
Und will zu Gegenfüßlern gehn.

Niemand dir dort im Wege steht,
Wo die Uhr einen Tag vorgeht.

Empfängst du dort dein Morgenblatt,
Zu Haus man Abendzeitung hat.

Kein Gedank kann dann bei ihr sein,
Stehst du dort auf, schläft sie grad' ein.

Also ich meine Heimat floh,
Verlegte mich nach Mexiko.

Man ist ein gutes Stück dann fort,
Denn spanisch klingt dort jedes Wort.

Und da die alten Traditionen
Nur schwach im fernen Westen wohnen,

Nahm ich aus Europa das Best',
Was in der Eil' sich packen läßt.

Von Milos Venus lebensgroß
Man mir für Geld den Gipsguß goß,

Tat sie in eine Riesenkist',
Damit sie drüben bei uns ist.

In Bronzeguß den Stier Apis,
Den Sonnengott, den Osiris,

Und nahm auch mit den Gott Buddha,
Der sanft auf seinen Nabel sah,

Denn lebt man einsam gar so fern,
Hält man doch noch auf Götter gern.

So packte ich ins Schiff sie ein,
Als sollt's die Arche Noah sein.

Ist dann das Schiff in Mexiko,
Dacht' ich, liebt man sich göttlich wo.

Gern schwitz' ich in der Tropenwelt,
Wenn nur der Kitt der Herzen hält.

Doch hatte ich es ganz vergessen:
Fremd sind die Tropen zugemessen.

Mexiko, die Indianerstadt,
Dreihunderttausend Rothäut' hat,

Die nur in weißen Hemden stecken,
Regnet's, tragen sie rote Decken.

Wie ich kam, war just Totenfest,
Wo man die Toten leben läßt,

Man trank statt Bier Milch von Kakteen,
Ich fand, man läßt sie besser stehen.

Kakteen man wie Kühe molk,
Denn seinen Rausch will jedes Volk.

Beim Marktplatz bei der Kathedral'
Tanzte man froh zu dem Cimbal,

Aus Marzipan und Zuckerbrot
Gab's Totenköpf' mit Augen rot,

Grabsteine, Särg und Leichenwagen,
Auch Schokolad' war süß dem Magen,

Der Tod schmeckte selbst als Skelett,
Aus Kuchen sogar macht er fett.

Bunt saß der Tod in hundert Buden,
Die lebhaft zum Einkauf einluden,

Ich brauchte nicht den Tod zu kaufen,
Denn Heimweh ließ mich kaum noch schnaufen.

Fremd war der Gegenfüßler Welt,
Fühlte mich stündlich kopfgestellt.

Statt Spatzen, aufgereiht in Gassen,
Aasgeier auf den Dächern saßen,

Ihr Aug' stierte blutgierig still,
Ob man sein Herz hinwerfen will,

Rebellisch rauscht dann ihr Gefieder,
Stürzen sie zu den Gossen nieder,

Reißen sich wegen eines Bissens
Schwarz wie die Geier des Gewissens.

Mein Herz schien mir dazu zu gut,
Wenn's auch was will, was man nicht tut.

Kaum tröstlich wirkten Mißgeburten,
Die liebevoll gepflegt hier wurden.

Menschen, die von Geburt nicht locken,
Taten an Straßenecken hocken.

Halb Kalb, halb Hund manch einer war,
Ein anderer zehnarmig gar.

Anbettelnd dich um dein Erbarmen,
Winkten sie dir gleich mit zehn Armen.

Ich dacht', werd' ich nochmals geboren,
Bring' ich gleich mit die Eselsohren.

Warum hab' ich die Reis' gemacht,
Und hier die Götter hergebracht?

Ich ging noch zur Arena rot,
Dort stach man festlich Stiere tot.

Den schönen Stier, ich kann's nicht fassen,
Sollte man wirklich leben lassen.

Stolz auf vier Beinen angebracht,
Verkörpert er die Mannespracht.

Nur weil das Rot ihn irritiert,
Wird er mit Kunst zu Tod verführt.

Auch ich kam nur nach Mexiko,
Weil ich vor etwas Rotem floh,

Wie 's rote Tuch vor einem Stier,
Hing stets mein Herz vorm Auge mir.

Vor meinem Blut wollt' ich entfliehn,
Doch tat mein Blut stets mit mir ziehn.

Nachts war gar alle Ruhe hin,
Nachtigalln wie Trompeten schrien.

Die Nacht, die süß zum Liebeswerben,
Taten Kleinigkeiten verderben,

Ich werde niemals sie vergessen,
Fast jede hat mich aufgefressen.

Moskitos leben klein für sich,
Wie Nähmaschinen Stich bei Stich,

Und liegst du unter dicken Netzen,
Sie fressen dich auch dort in Fetzen,

Sie lieben mehr das fremde Blut,
Und dazu ist der Fremde gut.

Mußt nächtlich blutig um dich schlagen,
Kennst bald nur Schlaf vom Hörensagen.

Frau Königin ward ganz entstellt,
Natürlich, daß ein Weib das quält.

Sie sprach: "Es dauert nicht mehr lang,
Erkennst du mich nur noch am Gang."

Morgens am Fenster wir auch fanden,
Daß draußen fremde Länder standen.

Statt früh die Milchfrau klingeln tut,
Nahn Mädchen mit Kaffee im Blut.

Sie bieten schweigsam wie die Toten,
Paprika scharf in roten Schoten.

Gefärbte Rosen sie auch gaben,
Wie angestrichne Waisenknaben.

Raben, bemalt wie Hottentotten,
Als Paradiesvögel sie boten.

Im Hintergrunde standen Krater,
Katzenbuckelnd wie falsche Kater,

Und Erdbeben trieb sich umher,
Es kollerte wie Bauchredner.

Sah Hängelampen pendelnd schwanken,
Hielt mich nur aufrecht in Gedanken.

Fühlte mich in dem Wiesenrain,
Mit meiner Frau als Blattlaus klein,

Tat jedes Graslager vermissen,
Denn ringsum tat nur Kaktus schießen.

Die Welt schien mir verkauderwelscht
Und nur mein Heimweh unverfälscht.

Frau Königin, wie immer mild,
Blieb mir im Schmerz Madonnenbild,

Wenn neue Wunder uns geschahn,
Sah Königin mich fragend an.

Dann senkte sie die Augenlider
Und sah still in ihr Herze nieder.

Das war der einzig glatte Fleck,
Hier war noch nicht die Ruhe weg.

Die Venus blieb im Lagerhaus,
Wir packten sie schon gar nicht aus.

Ich sprach: "Dies ist der erste Grund:
Nie ist ruhige Liebesstund',

Und trotz der Hitz' hat kalt man da,
Es zieht mich heim nach Europa.

Auch sieh mal die Palmen an,
Die Palm' mich nie verstehen kann,

Ich tue alle sie verfluchen,
Sie sind durchaus nicht wie die Buchen,

Und ich will nicht mein ganzes Leben
Hier diesen fremden Strünken geben.

Es tut zu Mißgeburten treiben,
Ich will nicht eine Nacht mehr bleiben."

Königin sprach: "Was gut ich seh',
Gut riecht's nach Zucker und Kaffee,

Wir kaufen viele Pfunde ein,
Und dann soll auch die Heimreis' sein.

Die Götter mögen all hier bleiben,
Daß sie die Moskitos austreiben.

Es ist ein Ach in jedem Wind,
Auch ich die Heimreis' lohnend find'."

Ich kaufte klein ein Krokodil,
Es weinte mir der Tränen viel,

So daß ich lachend davon kam,
Als ich vom Land schnell Abschied nahm.

Kaum traten wir auf hohe See,
Da rief das ganze Schiff: "Juchhe!"

Die Wellen rund wie Kugeln schossen,
Und senkrecht auch wie lange Hosen,

Sturm kam da jeden Nachmittag,
Selig ich auf dem Rücken lag,

Der Sturm kam wie Artillerie,
Doch stündlich ich laut "Vivat" schrie.

Das Schiff auf Hinterfüßen stand,
Ging fast vor Freud' aus Rand und Band.

Mit Balken lag das Meer belegt,
Wracks kamen durch den Sturm gefegt,

Ich zähl' es zu dem Wunderbaren,
Daß wir nicht auf dem Kopf gefahren.

Weiß war im Schiff ein Marmorsaal,
Königin lag dort wäschefahl,

Ihr schönes Haar hüllte ein Tuch,
Denn tölpelhaft kam oft Besuch.

Mit schweren Schritten wie ein Gong,
Warf sich das Meer in den Salon,

Wusch scharf mit Salz das Haar uns aus,
Ich rief: "All Gold geht uns heraus.

Heb' ich den Suppenteller auf,
Fließt die Supp' senkrecht mir hinauf,

Es stirbt im Hirn jeder Begriff,
Ich seh' die ganze Zukunft schief."

Man schrie sich aus, der Sturm war laut,
Schiffsgötter hab' ich uns erbaut.

Hört' ich die Schiffskatze miauen,
So wuchs in mir das Gottvertrauen,

Und morgens, wenn der Sturm noch schwach,
Krähte ein Küchenhahn mich wach,

Getröstet hat mein Herz gelacht,
Hat Rast und Ruhe sich erdacht.

Doch abends, war der Sturm zu viel,
Holt' ich das kleine Krokodil.

Es fraß nicht und hielt Winterschlaf;
Streichelnd, wenn man den Nacken traf,

Sah es aus seinem Traum heraus
Und weinte sich statt meiner aus.

Tat man zwischen zwei Welten schweben,
Ersehnt man endlich Festlandleben.

Beim ersten Leuchtturm von England,
Frau Königin still auferstand,

Zur Nachtstund' brannten wir Raketen,
Daß Lotsen uns bemerken täten,

Am Morgen war schon Havre da,
Und hinter ihm ganz Europa.

Wenn man solch' Luftfahrt überstand,
Dann küßt man gern sein Heimatland.

Nachts voll Confetti flog Paris,
Wo man den Karneval einblies,

Königin sprach am Opernplatz:
"Hier ist wieder Europa, Schatz.

Moskitos könnt' ich nicht forthetzen,
Und dir Europa nicht ersetzen."

Ich rief: "Laß jeden Weltteil leben,
Wir wollen tanzend weiterschweben."

Doch Moskitos, sie sind auch da
Im angebornen Europa.

Etwas in mir tat heftig bocken,
Und blutdürstig blieb es nicht hocken.

Das ideale Heidentum
Lag stets um Griechenland herum,

Dort ging der Mensch einst nackt auf Erden.
Ich wollt' ein alter Grieche werden.

In Griechenland sind Tropen kaum,
Dort steht auch Birk' und Eichenbaum.

Ich bau' dort irgendwo ein Haus
Und schau' auf Griechenland hinaus.

Frau Königin sprach diesmal: "Nein,
Ich bitte, reis' zuerst allein,

Such du uns unten Haus und Garten,
Ich werd' bei meiner Mutter warten." –

Neumond hing an der Himmelswand,
Als ich im Mittelmeer mich fand.

Der Mond ward fein wie eine Ahle
Und stach mich in die Seelenschale,

Er drang mir stündlich tiefer ein
Und sagte: "Mensch, du bist allein!"

In zweiter Nacht ward er zur Wiege,
Mir war's, als ob ein Weib drin liege,

Ein Weib mit dunkeln kurzen Locken,
Der Mund war mir vor Sehnsucht trocken.

Endlich der Mond im Meer still stand
Als Schaumweinkelch mit flachem Rand.

Ich tat nur wenig an ihm nippen
Und fühlt' ihn brennend in den Rippen,

Er gab mir Heimweh zum Begleiter,
Und sprach: "Warum reist man jetzt weiter?

Warum nach Fremdem stets gehetzt?
Komm doch mal in die Heimat jetzt!

Denn wechselst du auch Ort um Ort,
Noch keiner reiste von sich fort.

Du sollst stillen der Heimat stehn
Und deine Sünden dort begehn.

Dein Schicksal hat dir's vorgeschrieben,
Zwei Fraun sollst du vor allem lieben.

Entsetzt sah ich das Heimweh an:
"Gibt's nichts, was mich noch retten kann?"

"Der Tod," sprachs Heimweh schnell bereit,
"Doch dazu hast du stets noch Zeit,

Lebst du, so mußt du sündigen
Oder dem Leben kündigen."

O Gott, wer hätte das gedacht,
Daß Liebe mich zum Zwilling macht!

Ich fürchte mich vor Schuldgewicht,
Doch sterben möcht' ich auch noch nicht.

Nun wußte ich es wieder klar,
Weshalb ich unterwegs stets war.

Sehnsucht ist heimlich wie die Laus,
Dem schwarzen Mohrle wich ich aus.

Sie sitzt im Pelz mir wie die Motten
Und ist nicht mehr dort auszurotten.

Wie Klimafieber sie mich plagt,
Seit "glücklich bin ich" ich gesagt.

Glück sollte man nie laut gestehn,
Dann ist ein Unglück schon geschehn,

Ausspucken soll man schnell dabei,
Weil sonst das Glück zum Teufel sei.

Zu spucken hatt' ich ganz vergessen,
Da jene Dame nahgesessen.

Was fang' mit jener Lieb' ich an,
Die sich legitimieren kann?

Denn einstmals, als es niemand sah,
Ging ich heimlich zur Großmama,

Blitzschnell ich meine Lieb' gestand
Und bat um Mohrles Kinderhand.

War Übermensch damals noch nicht
Und nur symbolisch ein Gesicht,

Hatt' schöne Zähn' und sonst nichts mehr,
Das ist nicht viel, liebt man auch sehr.

Großmutter kratzte ihre Warze,
Zerschnitt die Lieb' als strenge Parze.

Nie ganz mein Herz vom Mohrle wich,
Wir sahn uns öfter innerlich,

Doch hatt' ich sie vergessen schier,
Bis sie leibhaftig stand vor mir

Und fragte, ob ich glücklich bin.
Weiß jetzt vor Unglück nicht, wohin.

Heimat schien mir ein Deckelhaus,
Drückt man daran, sprang's Mohrle 'raus.

O Mohrle mit dem Mohrenkopf,
Du machst mich noch zum Sündentropf!

Seufzend fuhr ich zum Mittelmeer,
Der Mond schwamm feurig nebenher,

Ganz afrikanisch roch die Luft,
Der Mond schien eine helle Gruft,

Sah wie der Feuerofen aus
In einem Krematoriumhaus.

Bald, dacht' ich, schiebt man mich hinein,
Nein, bat ich, ich will Sünder sein,

Will mich als Sünder künftig geben
Und nicht so jung vom Sterben leben.

Doch fiel manch' Regen noch herab,
Und nicht so schnell ich mich ergab.

Ich suchte noch in Griechenland,
Ob ich Ruh' vor Frau Sünde fand.

Nah bei Athen am Hymettos,
Dacht' ich, liegt mir ein Klosterschloß,

Zerschossen sind dort Deck' und Dielen,
Dort nehm' ich Räuber zu Gespielen.

Ich hause in dem alten Bau,
Kaffee kocht mir die Räuberfrau,

In Fallen fang' ich Eulen ein,
Die trag' ich nach Athen hinein.

Denn scheinst du dort nichts auszugeben,
Nur dann lassen dich Räuber leben.

Und nachts, wenn ich nicht schlafen kann,
Hör' ich Räubergeschichten an.

Am Tag schreib' ich Frau Königin,
Daß ausgemacht ich Sünder bin,

Für sie sei wert ich keinen Zoll,
Und sie mich nicht ersehnen soll.

Das Kloster fand ich wie gedacht,
Doch war zu teuer mir die Pacht,

Und Wäscherinnen lebten dort,
Die schnatterten in einem fort.

Ich war gelandet bei Athen,
Draußen, wo keine Tempel stehn,

Doch feierlich war's mir im Herzen,
Als stünd' das Land voll Räucherkerzen.

An Venusäpfeln war nicht Not,
Im Hafen lag voll Boot bei Boot.

Ich mußte an den Paris denken,
Schwer ist's, Göttinnen nicht zu kränken.

Prachtvoll wie weiße Heidenfrauen
Waren die Tempel anzuschauen,

Doch fremd fühlt ich auch hier mich wieder:
Sie hatten keine Heimatglieder.

Sie sind nur edel anzusehen,
Man kommt zu ihnen auf den Zehen,

Und auf den Zehen schlich ich weiter,
Und Heimweh blieb die Himmelsleiter.

Vor den Theatern blieb ich stehn,
Die ohne Dach zum Himmel sehn;

Einst spielte man bei schönem Wetter
Mehr für den Himmel und die Götter.

In Logen, in kornblumenblauen,
Saß da der Gott mit Götterfrauen,

Sah auf die Menschenpüpplein hin,
Denen er seinen Geist verliehn.

Und wie der Gott im Blau auch heißt,
Auch mir verlieh er seinen Geist,

Er tat auch manche Göttin rauben.
Ist Lieb' dabei, tut er's erlauben.

Und auf den Zehen schlich ich weiter,
Stets schleppend an der Himmelsleiter.

Der Marmor der Akropolis
Hoch königlich sich sehen ließ,

Des Tempels heller Wunderbau,
Gemahnte mich an meine Frau.

Vom Berg fällt seine Marmorschleppe,
Ehrfürchtig trat ich auf die Treppe.

Er deutet auf Gebirg und Meer,
Und gibt die Welt verschwendend her,

Und sinkt man an sein Antlitz nieder,
Möchte man nie zur Erde wieder.

Ein Schluchzen steckte mir im Hals,
Der Tempel schien mir wie aus Salz,

Aus Tränen schien er steif geweint,
All Leid der Welt in ihm vereint.

Er sah so bitter auf mich nieder,
Und heimlich schlich ich weiter wieder.

Da festlich bei dem Stadtgedränge
Trat froh ein Tempel aus der Enge,

Hat wie ein Tanz irdisch erfreut,
Und keinem Gott war er geweiht,

Trug einen Helden nur im Sinn:
Dem Theseus gab er stets sich hin.

Irdisch vertraulich war er mir,
Wie Chopin am Salonklavier.

Die Marmorsäulen und die Pforten
Schienen wie Regen gelb geworden,

Schon morgens sah das ganze Haus
Wie Abendsonne festlich aus.

Der Tempel, dacht' ich, da vor dir
Scheint wie des Mohrles Seele schier,

Voll Spiel steckt schlafend sie und wach
Und steckt voll Tanz bis unters Dach.

Wie Amor in dem Heimatschloß,
Wuchs sie als Amorette groß.

Das Mohrle läßt dir keine Ruh,
Kehr' um und klapp den Koffer zu.

Ein Platz jedoch noch zu sich lockte,
Es war dort, wo die Pythia hockte.

Nach Delphi wollt' ich gläubig noch,
Der Erde Nabel ist das doch,

Dort, wo man seine Zukunft sah
Und unerwartet nichts geschah.

Itea hieß die Schiffstation,
Es wartete ein Maultier schon,

Auf heil'ger Straße, jetzt ganz leer,
Lief nur des Esels Schatten her.

Durch Ölwald ging's bergauf, bergab,
Von oben sieht man dann hinab.

Eiskalt kam es aus Felsenspalten,
Mein Fell zog sich in Gänsefalten,

Heilige Quellen, stark versumpft,
Weinten wie Weiber eingeschrumpft,

Und Wolken stets die Welt verschoben,
Man war nicht unten und nicht oben.

In Klüften ward das Echo wach,
Dachtest du laut nur etwas nach,

Und Delphi das einst schön gebaut,
Lag wild, als ob man Marmor kaut.

Niemand wohnt mehr auf den Ruinen,
Nur Hirten, die den Schafen dienen.

Ich stieg auf Säulen wie Skelette
Und lief im Stadion um die Wette,

Lief ganz allein dort in der Bahn
Und kam zuerst als Sieger an.

Sage: zuerst, denn nebenbei
Liefen plötzlich der Schatten drei,

Und rennt mein Schatten noch mit zwein,
Müssen bei Schatten Menschen sein.

Suchend schaut ich am Ziel mich um,
Doch blieb mein Auge suchend dumm.

Nachts erst, wo ich im Bett wach lag,
Da wurde mir im Mondschein Tag.

Die Fenster standen aufgerissen,
Der Mond schien wie ein fremd Gewissen,

Pythia saß nackt auf dem Mondstein,
Sprach laut und deutlich auf mich ein:

"Im Herzen trägst du zwei als Beute,
Und ihre Schatten sahst du heute."

Ich rief: "Ach, daß ich Ruhe finde!"
Sie sprach: "Erlösend wirkt die Sünde."

Sie zog verklärt ihr Hemd sich an,
Der Mond in Dämpfen dann zerrann.

Der Erde Nabel grunzte nach:
"Sündigen sollst du ohne Ach."

Ich hab die Fenster zugeschmissen,
Warf mich verrückt in meine Kissen.

Nun wußt' ich, niemals halt ich Treu,
Und vor der Tat kam schon die Reu.

Wollt' erst recht nicht zur Heimat gehn,
Weil ich in Delphi hellgesehn.

Ich schlich mich in Arkadien ein,
Wollte beim Pan ein Hirte sein.

Frühling spazierte durch die Au,
Hinterließ Blumen rot und blau,

Schön saß sich's bei antiken Quellen,
Hörte den Pan am Mittag bellen,

Und sieht der Pan dich meckernd an,
Wachsen auch Hörner jedem Mann.

So lag ich fauler als die Drohnen
Bei rot und blauen Anemonen,

Und um mich Hirten weiß in Fellen,
Schafe hundert, und hundert Schellen.

Nah im gestorbnen Eichenhain
Stand greis ein mager Tempelein.

Plötzlich entfallen mir die Glieder,
Im Tempel tanzt ein fremder Widder,

Die Hirtenhunde querfeldein
Ziehn rennend ihre Schwänze ein;

Die Schafe scheu zur Seite rücken
Und tuen sich vor Schreck zerdrücken,

Die ganze Landschaft meckert laut,
Die Haare sind mir fast ergraut,

Mir war, als wenn die Hölle lachte
Und Satan schlechte Witze machte.

Später man mich ohnmächtig fand,
Man sprach, es kam vom Mittagsbrand.

Doch Pan, er hatt' mich angesehn,
Und Hörner konnten jetzt entstehn,

Und warum sollten sie nicht kommen,
Da ich mir Untreu vorgenommen.

Denn wo der Mann die Frau betrügt,
Der Teufel leicht mit Hörnern pflügt.

O Liebe, großes Fabeltier,
Auch deine Hörner wünsch' ich mir,

Erleben will ich gründlich dich,
Vor Unerlebtem fürcht' ich mich!

Und jetzo will ich nicht verschnaufen
Und heute noch zum Mohrle laufen.

Nie fürchte vor der Heimat dich,
Die Fremde, die zehrt fürchterlich,

Nur Heimat nimmt dich in den Arm
Und ist wie Muttermilch so warm.

Und Heimat ist wie Honigwaben,
Wo Herzen meist was Süßes haben.

Dort sind die langweiligsten Tage,
Erfüllt von deiner Kindheit Sage,

Dort tun die Stunden schal und hohl
Durch ihr Gedankenloses wohl.

Erkennst du sie als Himmelreich,
Dann bist du erst den Göttern gleich.

Gut ist dort jeder Pflasterstein,
Kennt deine Stiefel, als sie klein,

Und von den Sperlingskindern da
Pfiff auf dich die Urgroßmama.

Jeder nicht gleiche Heimat hat,
Doch irgendwo findet sie statt,

Und auch im kleinsten Bürgernest
Aus Lieb' du auf dich pfeifen läßt.

In meiner Stadt regiert der Wein,
Nach Wein riecht jeder Pflasterstein,

Keller sind dort wie Katakomben,
Drin summen Fässer wie die Bomben.

Wenn man im Keller selig ist,
Den Leib man wie im Grab vergißt,

Der Kater reißt dich leicht nach oben,
Zum Kirchendache hocherhoben,

Und meine kleine Vaterstadt,
Unzählig viele Kirchen hat.

Und in den Kirchen ist es schön,
Wo schwärmerisch Madonnen stehn,

Doch in den Kirchen ist's auch kalt,
Und man verläßt sie wieder bald.

In warmen Straßen brennt die Sonnen,
Auch in der Sonn' wandeln Madonnen.

Ich kam an zum Frohnleichnamstag,
Wo alles auf den Straßen lag,

Aus Teppichen baut man Altäre,
Weil Gott mal gern im Freien wäre,

Sah weißgekleidet Mädchen ziehn,
Schleppten auf Bahren Goldmarien.

Ach, dachte ich, in meiner Stadt
Die Kirche viele Frauen hat,

Darum ist es wohl einerlei
Nimmt sich ein Mensch auf Erden zwei.

In einem Kirchenkeller steht
Ein Brünnlein, wo man gern hingeht,

Denn wer von seinem Wasser trinkt,
Es dann gar leicht zu Kindern bringt.

Frauen drängten zum Kellerloch,
Denn Kinder wünscht sich manche noch,

Und da ich keine Kinder kriege,
Trank ich und wünscht eins in die Wiege.

Wie ich vom Becher ernst aufsah
Stand schon das Kind leibhaftig da.

Das Mohrle stand am Brunnentrog,
Andächtig es am Eimer zog.

Für Augen soll's ja auch gut sein,
Das Wasser, nicht für's Haus allein.

Das Mohrle stand mir gegenüber,
Und meine Augen schielten über.

Ich tauchte in die Menschenmenge
Und zog mein Schicksal in die Länge,

Ich floh und machte nirgends halt,
Am liebsten lief ich, bis ich alt.

Und hinter mir rannten die Glocken
Und wollten mich zur Jungfrau locken.

Die Landschaft roch nach Rosensalben,
Die Sonne, selber tat sie kalben,

Es lag in jeder Fensterscheib'
Glänzend ein runder Sonnenleib,

Und Sprungfedern auf allen Wegen,
Und überall sprang was entgegen.

In Büschen, die vor Glut ganz mager,
Hielten die Schnecken Liebeslager,

Der letzte Sünder war sich gut
Und fühlte Heiligkeit im Blut.

Lieb' kam selbst zum Holzapfelbaum,
Er sah die Welt versüßter kaum.

Nur ich wußte nicht, was ich will,
Ach stünd' mein Schalkherze doch still!

Beruhigend war es zu sehn,
Tat im Weinberg ein Haus mir stehn,

Und Königin schaute heraus.
Ich bau' am Berg mir gleich ein Haus.

Und als das Haus gleich fertig war,
Entdeckte ich gar sonderbar:

Ich nahm das Maß zur Tür zu klein,
Fenster waren nur Fensterlein,

Ein Puppenhaus war's niedelich,
Königin rief: "'s ist nicht für mich."

Sie zog ins Haus erst gar nicht ein
Und wollte in Hotels stets sein.

Sie nährte einen Heimathaß
Und sprach: "Es macht mir keinen Spaß,

Ich möcht' die Lustigkeit gern teilen,
Mit der Menschen zum Wein hier eilen.

Doch Glocken gehen stündlich um,
Und trauernd ich mein Ohr vermumm.

Die Glocken rufen wie zum Grab,
Dein oder mein Herz fällt bald ab."

So gingen wir mit wehen Reden
Durch Gärten voll von Amoretten,

Die zeigten sich leicht den Popo,
Und unsre Herzen ebenso.

In Gärten, wo den Nachtigallen
Liebeslieder im Schlaf einfallen,

Prangten umsonst pausbackig Rosen
Königin und dem Treuelosen,

Nachts hing der Mond krumm wie ein Beil,
Das scharfe Schicksal hatte Eil'.

Es war im Herbst, man machte Wein,
Da hört' ich nachts mein Kissen schrein,

Frau Königin schlief still bei mir,
Ich dacht: "Das Mohrle schreit nach dir."

Abends ging ich den Weinbergweg,
Den ich so gern zu gehen pfleg'.

Die Stadt lag unten voll Gelichter,
Häuser weinselig wie Gesichter,

Wie Phantasie glühte der Fluß,
Wer darauf geht, ertrinken muß.

Froh bei den Winzern traf ich sie,
Und still sprach ich: jetzt oder nie!

Das Mohrle ließ aus allen Taschen
Ihr Lachen los wie aus Weinflaschen,

Wir lachten in den Weinberglauben,
Die Herzen gärten wie die Trauben,

Man ließ Raketen glühend steigen,
Als müßt' man die Gefühle zeigen.

Der Most nimmt manchen Gott im Sturm,
Viel öfters noch den Erdenwurm,

Wir knackten Nüsse, tranken Most,
Herz stieß ans Herz und sagte: Prost!

Als mit den Winzern heim wir zogen,
Ist von der Hand mein Ring geflogen.

Ein steinern Heil'genbild dort stand,
Da flog der Ehring von der Hand.

Weiß schien das Antlitz der Madonnen,
Vom Garten, wo nur Nonnen wohnen.

Als tät sie mir 'n vom Finger ziehn,
So flog der Ring zum Garten hin.

Den Liebestanz tat ich just lehren,
Der Himmel wollt' es mir verwehren,

Denn plötzlich Regen runterrannte
Und man sein Parapluie aufspannte.

Doch wir tanzten im Regen fort,
Die Füße hatten froh das Wort,

Das Herz schlug Takt hinter der Weste,
Ich hob den Arm mit schönster Geste.

Da war's, daß mir der Ring fortflog,
Er, der nicht gern mit mir betrog.

Ich suchte ihn in allen Falten,
Die Nonnen haben ihn behalten.

Vielleicht, wenn er im Garten liegt
Und kleine Eheringe kriegt,

Verliebt werden die Nonnen werden
Und Klöster schwinden von der Erden.

So scherzte ich darüber hin,
Weil's Mohrle mich zu lieben schien.

Zum Weinberg führten tausend Stufen,
Beim Aufstieg manchem Müh sie schufen,

Ich hab' es umgekehrt gemacht,
Der Abstieg hat mir Müh' gebracht,

Dacht' ich an Mohrles Haustürschwelle,
Die wartete als Trennungsstelle.

Liegt still die Stadt nachts hinter Türen,
Tut man aus Häusern 's Küssen spüren.

Was ganze Häuser glücklich macht,
Ansteckend wirkt das oft bei Nacht,

Und auch aus Mohrles Stiegenhaus
Sah's Dunkel ansteckend hinaus.

Liebt man still, jeder wissen muß,
Sehnt auch der andre einen Kuß.

Dies zu ergründen, macht oft bänger
Und man verabschiedet sich länger.

Endlich suchte mein Mund sich aus
Den besten Platz im Stiegenhaus.

Das Stiegenhaus ward Himmelsleiter,
Oben sprach's Mohrle: "'s geht nicht weiter."

Ich bat: "O, öffne deine Tür!"
"Ach," rief sie, "welche Angst ich spür'!

O, eine Angst, nicht zu beschreiben,
Mein Balzer, du mußt draußen bleiben."

Die Tür fiel auf die Nas' mir zu,
's Schlüsselloch rief: "Geliebter du."

Seufzend hat dann die Tür geschwiegen
Und ließ mich seufzend draußen liegen.

Und drinn und draußen horchte man,
Wer wohl am tiefsten seufzen kann.

Auch dieser Treppe war dann eigen:
Schwerer war das Hinuntersteigen.

Aber zu Haus Frau Königin
Saß wie ein Geist im Zimmer drin.

Sie sprach: "Glaub nur, daß längst ich's weiß,
Und darum schwitz' ich Todesschweiß.

Du bist mir heut untreu gewesen,
Und davon werd' ich nie genesen.

Ich konnte es durch Wände sehn,
Du tatst gestohlne Wege gehn.

Da sieh, ich hab' von Folterqual
An jeder Hand ein Nägelmal.

Als ich das Dunkel taghell fand,
Drückt' ich die Nägel in die Hand."

Und kugelnd, wie die Eier rollen,
Sind uns die Tränen schnell entquollen.

Wir ließen ihnen flotten Lauf,
Und eins hob sie dem andern auf.

Noch liefen vier gefalzte Flüsse,
Da fanden wir schon alte Küsse,

Tanzten wie die geheilten Lahmen,
Die sich vom Herz die Krücken nahmen.

Ich sank zum Kuß auf ihre Hand
Und hab' das Nägelmal erkannt.

Ist es, als wenn die Steine klagen,
Dann traut man sich nichts mehr zu sagen.

Tat wie geschlachtet tief erröten,
Wünschend, man mög' mich schleunigst töten.

Plötzlich sah sie die leere Hand,
Den Finger mit dem weißen Rand,

Dort, wo mein Ring vorher gesessen,
Sie sprach: "Hat sich der Ring vergessen?"

Erklären tat ich nur ein Wort, –
Da flog ihr Ring vom Finger fort.

Sie sprang und stampfte auf das Gold,
Als wenn sie sich zertreten wollt'.

Sie flog zur Luft mit hundert Armen,
Raufte ihr Haar wild zum Erbarmen,

Und es erschien mir voll Entsetzen,
Als riss' sie sich in kleine Fetzen.

Ich rief: "Ach, alles ist vorbei,
Geh du nur selbst mir nicht entzwei!

Dein Schmerz tat meine Sünde richten,
Ich werd' auf Fortsetzung vernichten.

Die ganze Welt sei jetzt vergessen,
Und treu wird stets zu Haus gesessen.

Ich habe mich so lang gewehrt,
Sehnsucht jedoch um nichts sich schert.

Das Mohrle liebte ich ganz stumm,
Ich lieb' euch beid', das bringt mich um."

Da nahte sie sich auf den Zehen,
Wie Löwinnen auf Wüsten gehen.

Sie sprach: "Und das nennst du verzichten?
Gott möge dich und sie vernichten!"

Ich rief: "Gott straf mich auf dem Sitz,
Tu Unrecht ich, Gott send' den Blitz!"

"Ach nein," rief plötzlich da mein Weib
Und warf sich über meinen Leib,

"Kommt dir der Blitz, sterb' ich mit dir,
Ich bleibe nicht alleine hier.

Ich weiß, dein Herz ist immer rein,
Muß anders nur als andre sein.

Was schlecht ist, wenns ein andrer tut,
Wenn du es tust, dann ist es gut."

Die Tränen liefen um uns rund,
Wir weinten eine lange Stund',

Und endlich sahn wir beide ein,
Wie einer ist, so muß er sein.

Doch dann an einem Wintertag
Königin sprach: "Ich nicht mehr mag.

Frau Holle wohnt jetzt weiß im Land,
Und schön ich stets ihr Bettuch fand.

Will auf dem Land mir Ruhe holen,
Die Ruhe, die man mir gestohlen.

Wir sind ja beide dick voll Sorgen,
Ich reise noch an diesem Morgen.

Drei Tag' geb' ich dir zu bedenken,
Ich kann mich länger nicht verrenken.

Und soll ich dich nur halb stets haben,
Werf' ich mich lieber vor die Raben."

Kaum ging Königin aus dem Haus,
Da wollt' ich selber auch hinaus.

Aus Angst vor dem Entscheidungsruck
Trieb ich am hellen Tage Spuk.

Mir schien, an jedem Droschkenstand
Gingen die Gäul' aus Rand und Band,

Fühlte, wenn ich vorüberkam,
Selbst Droschkengäule sind dir gram.

Der Gaul, der auch ein edles Pferd,
Denkt: Du bist keine Droschke wert.

Wie man in alter Zeit schon frug,
Befragte ich der Vögel Flug

Und sah durch meine Fensterscheiben
Vögel im Flug weissagend schreiben,

Doch Tauben, Spatzen, Kirchenraben
Verschiedene Weissagung gaben.

Wahrsagt so viel das Vogelreich,
Meint man zuletzt, 's ist alles gleich.

Es drängte mich hinaus aufs Land,
Dort, wo mein Puppenhäuschen stand.

Dort tat ich durch die Räume steigen,
Einsamkeit war auch hier mein eigen.

In Stuhl und Bett fehlt was hinein,
Das Fehlende soll weiblich sein.

Ich tat bestürzt die Augen senken,
Denn man erschrickt auch bei dem Denken.

Am nächsten Tage kam ich wieder,
Gezupfter Schnee flog wie Gefieder.

Ich trat vor meine Ahnen hin,
Trotzdem ich längst volljährig bin.

Sie sitzen an der Wand in Rahmen,
Wie Menschen, die schon höher kamen.

Doch da sie auch aus dieser Welt
Und nur durchs Totsein hochgestellt,

Fragte ich: "Sagt mir, liebe Väter,
Nennt ihr mich einen Missetäter,

Wenn ich mein Liebesleid abkürze
Und jemand in die Arme stürze?"

Sie sahen unbestimmt mich an,
Was man sich ja auch denken kann.

Ich sprach: "Sie hat schon zugesagt,
Ich hab' proforma nur gefragt.

Das Mohrle kommt zur Nacht zu mir,
Und morgen früh ist sie noch hier.

Verzeiht, daß zuviel ich mich freue,
Und später kommt auch keine Reue.

Ich muß es endlich klar bekommen,
Hat sich mein Herz zwei Fraun genommen."

Die Ahnen blieben mäuschenstill.
Was bei Ahnen nichts heißen will.

"Ihr habt also gar nichts dagegen,
So nehm' ich sie mit eurem Segen.

Ist's schlecht, so könnt' man mich ja mahnen.
Weshalb hält man denn sonst auf Ahnen?"

Nun will ich jene Nacht schön schildern,
Die ich chimärisch seh' in Bildern.

Alles in einer Welt vergeht,

Wo alles fein aus Nippes besteht.

Man wagt dort kaum daran zu rühren,
Fürchtend, die Dinge könnten's spüren.

Wie Rokoko aus Porzellan,
So zart sah sich das Mohrle an.

Und nach den weiten Globusfahrten
Trat ich ans Tor zum Spielzeuggarten.

Die Landschaft wurde Miniatur,
Der Mond hing da als Ohrring nur.

Gelächter war wie Schlittenglocken,
Schnee war nur Puder für die Locken.

Sorg' wirkte nur als Schönheitsmouche,
Ein Pünktlein, das sich leicht fortwusch;

Für Langweil' gab's Musik und Schuh,
Man drehte sich und sieht nicht zu;

Weltteile sind nicht, nur das Plätzlein,
Das gut warmhält Kater und Kätzlein.

Und außerdem man nichts vermißt,
Hat man den Mund, der selig küßt.

Mohrle spielte gern Maskerad',
Weil's Lachen niemand wehe tat.

Als Kind schon liebte sie mit Bangen
Ganz raffiniert das Spiel mit Schlangen.

Natter und Blindschleich', wenn sie fand,
So nahm sie flott die in die Hand

Und ließ sie züngeln sich zum Hohn.
Was tut's, man stirbt ja nur davon.

Und sie vergaß sich dabei ganz
Und pfiff den Schlangen auf zum Tanz.

"Warum soll nicht auch Böses leben?"
Sprach sie, "Gott tat ja alles geben."

So wie der Schnee sanft niederfällt,
Hat sie sich mir still zugesellt.

So selbstverständlich sah das aus
Wie Luft vom Garten in das Haus.

Schwarz ist mein Haar, weiß sind die Kissen,
Ich lieb' dich, rein ist mein Gewissen.

Ein Glasleuchter hing von der Decken,
Gut roch Wachslicht in allen Ecken.

Wachsduft ging um das Mohrle her,
Als ob sein Herz zerschmelzend wär'.

Und alle Möbel wurden stolz,
Und köstlich roch ihr kostbar Holz.

Auf meinem Bett, wo's Mohrle saß,
Kein Wurm im Holz mehr weiterfraß.

Wachslicht tat jede Nacht austreiben,
Die Nacht machte nur schwarz die Scheiben.

Und wie ein Wachslicht, süß entzündet
Hat's Mohrle seinen Mund geründet.

Sein Auge wurde heiß und feuchter,
Durchsichtig wie der Kronenleuchter.

Haarnadeln gingen langsam auf,
Wie Pech schlug's Haar an mir hinauf.

Es schüttelte das Mohrle sich,
Und Locken krochen über mich.

Und wie Korkzieher eine Flasche,
Zog sie mir's Herz auf in der Tasche.

Das Küssen drang uns in die Rippen,
Und Kuß um Kuß sprang von den Lippen.

Und wie zwei Milchtöpf überlaufen,
So konnten unsre Köpf kaum schnaufen.

Mein Herz stand endlich an dem Ziel
Wie ein Rad heißgelaufen still.

Ich tat die Lippen etwas lüften,
Sprach: "Mohrle, mit den Kinderhüften,

Fühlst wie ein Wickelkind dich an,
Das ganz erwachsen lieben kann;

Zart sind die Füßlein dir bestellt
Und liefen trotzdem um die Welt.

Wer hat dein Füßlein dir besohlt,
Überall hat's mich eingeholt?"

Das Mohrle tat die Lippen runden,
Sprach: "Balzer, stiehl nicht die Sekunden,

Stör nicht im Küssen diese Nacht,
Sprechen ist jetzt nicht angebracht.

Die Lippen tun mir Feuer schlagen,
Und können nur noch: Küss' mich! sagen."

Die Kerzen brannten feierlich,
Wie Wachs tropfte ihr Herz in mich.

Wenn man zufrieden um sich sieht,
Fragt man, wo Sünde hier geschieht.

Wunschlos und still ich morgens saß,
Wachsen hörte ich 's Wintergras.

Vorm Fenster fiel zuckriger Schnee,
Und Zucker tut der Welt nicht weh.

Ein Liebesbett schien diese Welt,
Das täglich frisch vom Himmel fällt.

Da stieß der Wind das Fenster ein,
Im Zucker flog auch Salz herein.

Bitter wie nur körniges Salz
Steckte die Zukunft mir im Hals.

Doch wenn ich was zu sorgen hatte,
Steck' ich ins Ohr mir gerne Watte

Und horch aufs Leben nur gedämpft,
Weil es ja doch von selber kämpft.

Das Leben wird es wissen müssen,
Darf ich zugleich zwei Frauen küssen.

Zwei hat es sichtbar mir verehrt,
Doch eine sich dagegen wehrt.

Zucker und Salz zusammenrann,
So daß man keins mehr schmecken kann.

Und als die Mittagssonne kam,
Der Schnee sich fast wie Dreck benahm.

Das Mohrle saß noch auf dem Bett
Und fragte, ob ich gern sie hätt'.

Der Abend stand bald vor der Tür.
Antworten, dacht' ich, muß man hier.

Ich streichelte ihr flatternd Haar,
Das voll von Feuerwerk noch war.

Zwiebeln vor uns in Gläsern standen,
Dran heut sich offne Tulpen fanden;

Ich machte sie aufmerksam drauf,
Ihr Küssen wecke Blumen auf.

Doch schien's mir nicht mehr recht geheuer,
Ich streute Asche auf das Feuer.

Und sie sprach: "Immer hält die Glut,
Die warmgeschützt in Asche ruht.

Lebst du am Pol, und ich leb' hier,
Für immer," sprach sie, "leb' ich dir."

Sollst nur im Traum dich manchmal zeigen,
Das unterbricht das Todesschweigen.

Die Welt ist jetzt ein Edengarten.
Und muß ich auf den Adam warten,

Schön ist's im Garten zu spazieren,
Die Schlang' tut mich nicht mehr genieren.

Wenn ich auch in den Apfel biß,
Ich bleib' erst recht im Paradies.

Handle du immer nach Belieben,
Ich lieb' dich und laß mich verschieben.

Und kriege ich ein Wickelkind,
Ich mich als Mutter reizend find'.

Ein Kind von dir wär' eine Freude,
Möcht's anstatt morgen gleich schon heute.

Doch bist du ein beschämter Mann,
Siehst mich als Hausfriedensbruch an,

Will in Versenkung ich verschwinden,
Sollst nicht ein Härlein von mir finden

Ich dank' dir für die eine Nacht,
Die ich so glücklich durchgemacht,

Und willst du keine weiter schenken,
Kann ich mir all die andern denken."

Mir war wie ein Gedankenstrich,
Je länger dieser Tag entwich.

Wir sagten uns auf Wiedersehn,
Ich fragte: Was soll jetzt geschehn?

Zwei Frauen waren lebend mein,
Welche soll jetzt verstoßen sein?

Trost in meinem Extra-Geschick
Bewirkte mir die Statistik.

Vielbeweibt liegt selbst im Gebet
Halb Asien, wo die Sonn' aufgeht.

Auch Afrika sich so anstellt,
Wo dutzendweis' die Frau sich hält.

Auch mir hat's Schicksal vorgeschrieben,
Ich sollte unbescheiden lieben.

Wie kann man denn ein Weib verstoßen?
Ein Weib ist doch kein Mann in Hosen.

Verliebt ist jede Frau so schön,
Nur schwül wird's öfters wie beim Föhn.

Es stand vor mir Frau Königin
Und sprach: "Ich habe dir verziehn.

Es ist so einsam auf dem Land,
Führ ich dich nicht gleich bei der Hand.

Drei Tag' ging ich im Schnee dahin,
Als ob ich nicht geboren bin.

Froh bin ich, daß ich wieder hier.
Mach, was du willst, ich bleib' bei dir."

"Ja," sprach ich, "ach, sieh es doch ein,
Kein Schicksal kann uns je entzwein.

Ich fühl' mich wie im Honigtopf,
Seh' ich nur deinen goldnen Kopf;

Doch Untreu ist auf mich versessen,
Sie ist heut nacht bei mir gewesen."

– Auf einmal war es leer im Zimmer,
Es ging was fort, und ging für immer.

Trotzdem die Lampe noch da war,
Verfinsterte 's sich sonderbar.

Ich sprach: "O, rede doch ein Wort!
Ich liebe dich doch immerfort."

Die Seele schien ihr ausgerissen,
Sie sah mich an ohne Gewissen.

Nie fühlt' ich vorher ein Unrecht,
Jetzt war mir's vor mir selber schlecht.

Die Hände hingen ihr hernieder,
Es waren nicht mehr ihre Glieder,

Der Schmerz hatte sie ganz zerdrückt,
Sie lag in Scherben wie zerstückt.

Wie was man nicht mehr leimen kann,
So sah sie mich zerbrochen an.

Sie sprach: "Nun gibt es nichts mehr schlimmer,
Mein ganzer Mensch ist ein Gewimmer,

Ich hab' zum letztenmal gelacht,
Zur Mumie hast du mich gemacht.

Mit Mumien ist nicht gut wandern,
Ich geh', und du bleib' bei der andern.'' –

Und eine Wolke tat entstehn,
Mit ihr tat etwas vor sich gehn.

Wie Heilige einst vor dem Volke
Stieg Königin auf diese Wolke.

Verjüngt erkannt ich sie kaum wieder,
Rosen fütterten ihre Glieder,

Ihr Leib wie Daunen von der Eider
Zeigt' rosa Blut wie Unterkleider,

Die goldnen Wimpern glitzern ihr,
Es lacht ihr Haar, sie redet irr.

Sie spricht: "Ich habe jetzt gewählt,
Nehm einen, der mich nicht so quält."

Die Wolke ging mit ihr durchs Dach,
Ich sah mit offnem Munde nach.

Das Ganze ging im Handumdrehn,
Ich habe nie so was gesehn.

Nun war auch ich ein Scherbenbrei,
Es schien mir durch und durch vorbei.

Mir war, als ob in langen Tönen
Hunde in mir den Mond anstöhnen.

Gestalten vor den Türen saßen
In langen Tüchern, kalten, nassen.

Die Fenster tränten in dem Haus,
Als weinten sich die Zimmer aus.

Frau Königin ohn' Blutvergießen
Hat mich wie Zähne aufgerissen.

Wußt nichts mehr mit mir anzufangen,
Legte mich hin und ist gegangen.

Hat mich getrennt zurückgelassen
Wie Unterteller ohne Tassen.

Unheimlich war mir meine Haut,
Die Wände hört' ich sprechen laut.

Wie Stimmer stimmen ein Klavier,
So saß ich horchend neben mir.

Kam mir als Leichenwache vor,
Daß ich in allen Pulsen fror.

An jedem Weg, den ich jetzt nahm,
Mir eine tote Katz' vorkam.

Und all die vielen Katzenleichen
Mußt' ich mit jenem Traum vergleichen,

Wo ich Königin einst gesehn
Als Katz' mit Menschenkopf umgehn.

Und stündlich saß ich wie auf Steinen,
Und tat mein Kätzlein heiß beweinen.

Ich tat mich stündlich steinigen,
Und konnt' mich nicht mehr reinigen.

Und so wie kirchliche Ruinen
Bin ruiniert ich mir erschienen;

Ich sah am Meer einst: hingefallen
Verschimmelt achtzehn Kathedralen;

Auf Gotland in der Wisbystadt
Verbrannt man alle achtzehn hat.

Wo Ohrenbeicht' einst und Te Deum,
Strichen frivol die Seelüfte um,

Wo sonst der Heiligen Gedränge,
Gehn Kühe kauend durch Grasgänge,

Die Glocken rosten, tief begraben,
Statt Priestern predigen die Raben,

Der Fensterrosen Blutrubinen,
Die rot aufs Meer zur Nacht noch schienen,

Sind Löcher, und wo sonst die Rose,
Schaut jetzt ein Loch ins Seelenlose.

Ein Dänenschiff mit Kirchenschätzen
Tat damals sich zum Meergrund setzen.

Die Heiligen waren zu schwer
Dem alten grauen Heidenmeer.

Die Heiligen verschwanden unten,
Haben nie mehr heraufgefunden.

So krumm voll Unkraut unterm Himmel,
Schön, einst voll Bilder, jetzt voll Schimmel,

Belegt mit Meersalz und zerfallen,
Glich ich den achtzehn Kathedralen.

Dreht sich die Welt dir so ganz um,
Siehst du auch gute Dinge krumm.

Bei meiner Stadt steht nämlich Wald,
Der ist schon mythologisch alt;

Wildschweine hausen hinter Eichen,
Wo Borsten sie an Rinden streichen.

Es rauchen Meiler still verstohlen,
Zum Bügeln macht man dort die Kohlen.

Still ist es, wie in jedem Wald,
Und eingeschlafen ist man bald.

Sehr früh ist dann die Morgenstund',
Denn Vögel halten schwer den Mund.

Sie ziehen ihre Töne lang,
Dann ist der Wald voll Vogelsang.

Zum Wald kam ich im Sommer hin,
Doch abfärbend schien mir sein Grün,

Leichengrün spielten meine Hände,
Und ringsum nahm der Wald kein Ende.

Die Wege waren regenglatt,
Denn Sonne fand nur draußen statt;

Die Regenschnecken, schwarz wie Grauen,
Krochen wie Finger, abgehauen;

Stinkpilze saßen da verlegen
Und konnten sich wie Dreck nicht regen;

Mit einem Wort, mir war's nicht wohl
Und mir war nicht, wie mir's sein soll.

Und ist solch' Tag dann endlich aus,
Dann schläft man in dem Waldwirtshaus.

Und dort ich's Mohrle treffen tat,
Nacht war's, und sie kam an mein Bett.

Ich mußte tiefen Atem holen,
Als würde wieder was gestohlen.

Sie tat an meinem Bette stehn,
Ich bat, sie sollt' nicht näher gehn.

Ich sprach: "Ich bin noch seelenkrank,
Geh fort und fürcht meinen Gestank.

Vorläufig hass' ich jedes Lieben,
Vergib, daß du mir treu geblieben."

Sie war der Mutter still entwichen,
Im Hemd verklärt hereingeschlichen,

Sie kam wie Zigarettenduft
In meine Seelenzimmerluft,

War für die Nase Rosenholz
Und für das Herz ein Armbrustbolz,

War wie das Rote in dem Blut
Und wie ein Blutkörperlein gut.

Doch trug sie in dem Aug' die Nacht,
Die mir Königin tot gemacht,

Wie Flecken, die nicht weitergehn
Und jeder Wäsche widerstehn.

Sie zitterte auf nackten Zehen,
Tat wie ein Streichholz leis ausgehen,

Sprang früh wild in den Wald hinaus
Und kam des abends erst nach Haus.

Trat ihre roten Schuhe schief,
Als sie im Wald nach Schweinen lief;

Hat sich im Wald ganz hart gesessen,
Wünschend, ein Wildschwein mög' sie fressen,

Wünschend, ein Pilz mög' sie vergiften,
Oder sonst was den Tod ihr stiften.

Die Schweine ließen sie in Ruh',
Die Pilze sahen ihr nur zu.

Bäume standen wie Wand an Wand,
Daß sie mit Einsicht stille stand.

Sie kam zu einem Weiher hin
Und auf dem Kopf sah sie sich drin,

Sie weinte auf ihr Spiegelbild,
Das machte sie mit sich so mild.

Sie sprach: "Bin ich wo zu Besuch,
Heimlich ich oft in Büchern such'

Ein Ammenlied, man sag's als Kind,
Und von dem Lied ich's End' nie find'.

Wie dieses Lied macht mir jetzt Not
Die Lieb', ich find' nicht ihren Tod.

Ich brauch' ins Wasser nicht zu tunken,
Ich fühle mich schon halb ertrunken,

Heimkehre ich erst recht jetzt heiter,
Leb' noch mit einer Hälfte weiter.

Sie nahm ihr Tüchlein aus der Taschen,
Hat die Pupillen rein gewaschen.

Blaße sah das ganze Mohrle aus,
Und es erkannt' sie kaum das Haus.

Die Haustür stand vor Staunen offen,
Dort hat den Balzer sie getroffen.

"Bist du gestorben," fragte er,
"Blaß bist du wie das weiße Meer?"

"Ich bin nicht tot und nicht begraben,
Das Wildschwein nicht mal wollt' mich haben,

Ich fühle mich nur ausgerottet,
Daß es jeder Beschreibung spottet."

Da seufzte Balzer: "Du weißt dies:
Frau Königin mich kalt entließ,

Heut hat sie Einen krönen lassen,
Ich bin entthront und tu mich hassen.

Dachte, daß man stets Liebe spielt,
Doch macht's die Königinnen wild,

Und schwarze Mohrle werden weiß,
Weil ich sie wie der Tod anbeiß!

Verpfändet fühl' ich meine Glieder,
Ich lege mich verschlafen nieder,

Fühle mich, wie Kamele gehn,
Vorläufig tu ich Wüsten sehn.

Doch einst komm' ich an deine Brüste,
Fata Morgana in der Wüste,

Du weißt, unlöschbar ist mein Durst.
Bin hoffentlich dir dann nicht Wurst?"

"Topp" rief das Mohrle, "angenommen,
Kannst gehen und kannst wiederkommen,

Kamel, dein Mohrle wird dich tränken,
Dir in Oasen Palmschnaps schenken.

Denn sieh, ich sprach niemals im Fieber,
Liebe geht nicht nur so vorüber,

Du kannst verachten mich und schlagen,
Kannst kopfstehn selbst auf meinem Magen,

Kannst alle Schaltjahr wiederkommen,
Wirst wie der Sonntag angenommen.

Statt daß ich mit dem Tode tausch',
Wünsch' ich mir oft noch deinen Rausch,

Wollen mit Seufzern nichts verderben,
Helden sollen berauscht nur sterben."

Mein Magen, der von Leid ganz klein,
Ließ kaum den Durst und Hunger ein;

Mein Geld war längst in fremden Händen,
Ich lebte schon mit lahmen Lenden;

Lehrreich ist zwar Philosophie,
Sehr sättigend ist sie doch nie,

Und niemand einem etwas schenkt,
Für all das Geld, das man sich denkt.

Wollt' mich vom Leben nicht entfernen,
Fabrizierte Nachtlichtlaternen,

Laternen, schön aus buntem Glas,
Leuchten zu Haus und auf der Straß',

Darauf male ich manchen Reim,
Leute leuchten sich damit heim.

Doch öfters leg' ich mir die Karten,
Denn wünscht man was, tut man's erwarten.

Noch einmal wünsch' Frau Königin
Ich mir an meinen Busen hin.

Nur eine Nacht, voll von Vergessen,
Soll sie sich liebend mit mir messen,

Und dann soll kommen was da will,
Das Leben bringt ja stets so viel. –

Wie man von Loreley es weiß,
Ihr Haar tötete gern mit Fleiß.

Tat sie beim Kämmen auch noch singen,
Gleich ganze Schiffe untergingen.

Jetzt wie ein Spuk es öfters war,
Braun bin ich und fand blondes Haar,

Fand's noch im Ärmelfutter hängen
Und weiblich waren seine Längen.

Die Uhr blieb mir vor Schreck dann stehn,
Sehnsüchtig tat ich um mich sehn.

Das Goldhärlein flog zitternd hoch,
Der Kopf dazu fehlte jedoch.

Tief seufzend fiel ich jedenfalls
Dem goldnen Härlein um den Hals.

So kommt sie stellenweis nur an
Als Schattenbild zum Schattenmann.

Guckt mir der Abend in die Fenster,
Nahn glucksend die Liebesgespenster,

Schneuzend brauch' ich dann Taschentücher,
Stöhnend wie über schöne Bücher.

Seh' sacht Frau Königin entstehn,
Aus der Tapet ins Zimmer gehn,

Verrückt wird dann das ganze Haus,
Schwimmt als ein Schloß ins Meer hinaus,

Die Pfützentümpel auf der Straße,
Die werden Austerbänke, blasse,

Mein Herz schlägt schwerer als ein Gong,
Königin tritt zum Schloßbalkon,

Wo sie dem Meer sich zeigen läßt,
Und alle Fische halten Fest.

Fische schnellen zum Speisesaal
Auf Silberplatten ohne Zahl,

Hirsche vom Walde springen hin
Auf Monsterplatten, schwer aus Zinn,

Und Schafe tuen lieblich blöken
Und nicht wider den Bratspieß löken,

Alle sind Frau Königin gut
Und braten sich aus Liebesglut.

Und jedes Bein vom Speisetisch,
Blüht flott als Weinstock grün und frisch

Und trägt schon zum Dessert die Trauben;
Man wird das wahrscheinlich kaum glauben.

Königin spricht: "Glück war Geruch,
War wie etwas im Taschentuch,

Glück lag tief vor uns auf dem Bauch
Und räucherte wie Weiherauch,

Glücksgeruch badete mein Blut,
Ich roch einst selber mir so gut,

Ließ Sonne nach Belieben scheinen,
Selbst Meerrettich machte nicht weinen."

Sie tut die Sonn' vom Nagel nehmen,
Damit die Stern' als Lampen kämen.

Wir tuen dann den Mond aufhängen
Und drunter Lipp' an Lippe drängen.

Die Uhr schlägt wie die Nachtigall
Und sagt nicht mehr der Stunden Zahl. . .

So träum' ich nächtlich ins Nachtlicht;
Seufzend geht's aus, das Zimmer riecht

Nach weichem Öl und warmem Rauch,
Mond lehnt mir leer und kühl am Bauch,

Aus Zeitungspapier scheint der Mond,
Alt, daß sich nichts zu lesen lohnt.

Die Häuser, Droschken, Ladenfenster
Sind nur Pappendeckelgespenster,

Gleich Papierpüppchen anzuschaun,
Tänzeln vorbei Herren und Fraun.

Und geh' ich früh zur Stadt hinaus,
Sehn Wolken wie Nachtmützen aus.

Es gähnen Bäum', Wolken, Erdscholl',
Schafherden gähnen weiß aus Woll',

Es gähnt das Feuer in der Schmied',
Ein Riesenschlaf aus allem zieht,

Der Pflug im Acker fällt um still,
Weil Gaul und Bauer gähnen will,

Der Bach sich dicht ans Ufer lehnt,
Wasser, Luft, Erde, Feuer gähnt,

Türme kein Gleichgewicht mehr haben,
Gähnend fallen auf mich die Raben,

Seh' alle Ding' im Schlaf fortschweben,
Frage mich: "Bin ich noch am Leben?"

Vielleicht sind's tausend Jahre bald,
Seit ich einschlief und schlief mich alt.

Möchts gern noch allen Leuten sagen,
Wie schön's war, Liebe zu ertragen.

Die Liebe ich allmächtig fand,
Der Tod ist nur interessant.

Werden mir dunkel jetzt die Fenster,
Seh' ich im Tode nicht Gespenster.

Mache nur still die Augen zu,
Weh tat noch keinem Mensch die Ruh'.

Das Essen uns nur teilweis zündet,
Wenn es uns so behaglich ründet.

Weisheit erquickt, wenn sie uns paßt,
Man fühlt sich blendend angefaßt.

Doch Liebe uns ganz voll entzückt,
Verliebt fühlt sich der Floh entrückt.

Die Liebe ist im Weltall Trumpf,
Auch unten bei dem Frosch im Sumpf.

Verliebtsein ist das Himmelreich,
Da sind sich Mensch, Tier, Pflanze gleich.

Verliebt geht man aus sich heraus,
Pflanze, Tier, Mensch sehn prachtvoll aus.

Liebe im Mittelpunkt dasteht,
Die ganze Welt sich darum dreht.

Und tut ein altes Herz verderben,
Um nett zu lieben, kann es sterben.

Doch mach' ich aus dem Tod kein Fest,
Da man sich gern beweinen läßt.

Und nicht wie sterbend ein Cäsar,
Befiehlt Applaus der Balthasar.

Ich ruf, wenn ich den Leib fortschiebe:
"Die Lieb' ist tot! Es leb' die Liebe!"

Wie süß ist es, sprach man von sich.
Man ist nicht mehr ein stummes Ich,
Man kann sich fast mit sich versöhnen
Und sich das Leben abgewöhnen.
Man wird zum zarten Spiegelbild
Und sieht und denkt und grinst so mild,
Denn was gewesen, ist geschehn,
Und jeder hat's ja nicht gesehn;

Und was gewesen, kommt nie wieder,
Und darum schreibt man es wohl nieder.
Man muß es sich nur eingestehn:
Das Leben will vorübergehn.
Denn seht, im Alter kommt ein Jahr
Wo, was gewesen, nie ganz war,
Dummheit von dazumal und Sünden
Die werden dann zu reichen Pfründen,
Erinnerung wird Kapital
Datiert auf Annodazumal.
Denn wenn man es bei Licht besieht,
Wenn was Geheimes wo geschieht,
Das Heimlichste, das wird ein Fest,
Wenn's später sich erzählen läßt.








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