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Bambis Kinder

Felix Salten: Bambis Kinder - Kapitel 1
Quellenangabe
authorFelix Salten
titleBambis Kinder
publisherAlbert Müller Verlag, A.-G.
printrunFünfte Auflage
year1940
illustratorHans Bertle
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
projectid0a73ca05
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Feierlich war die nächtliche Stille.

Der Wald schlief, die Bäume, die Sträucher schlummerten, die Vögel hatten ihre Köpfe unter den Fittichen versteckt, selbst die Luft der warmen Frühsommernacht ruhte.

Lautlos und duftend atmete der Wald, in dem Traum seines Blühens befangen.

Klang zuweilen der wehmütig schöne Sang der Eule oder das kurze, gellende Schreien, das der Kauz hin und wieder ausstieß, so wurde dadurch die Stille noch tiefer.

Das Wild, Hirsche, Rehe, Hasen, vom Menschen seit undenklichen Zeiten gezwungen, sich tagsüber zu verbergen, streifte in der Finsternis auf Wiesen, Blößen, Schneisen umher und genoß Nahrung in Sicherheit.

Fuchs, Marder, Iltis, Wiesel vollführten ihre Raubzüge. Sie wurden minder gefürchtet als der Mensch, dessen Gegenwart auch sie mieden.

Noch blinkten die Sterne am Himmel, doch sie fingen an zu erblassen.

Ein allererster, fahler Schein frühester Dämmerung lockerte die Schwärze der Nacht, ohne sie merkbar zu erhellen.

»Wer geht denn da?« schäkerte erwachend die Elster.

Ihr Gefährte hob den Kopf aus dem Flügel, darin er ihn während des Schlummers geborgen hatte, und meinte: »Niemand! Wer soll auch jetzt schon kommen? Es dämmert ja kaum. Und ich höre nichts. Keinen Laut!«

Unten, vom Gebüsch her, wisperten die Meisen: »Doch! sicherlich! Jemand ist unterwegs. Das hat uns geweckt. Seltsam! Wir staunen.«

Mit schlaftrunkener Stimme zirpte die Amsel: »Ich wundere mich gleichfalls. So früh! So früh!«

Da kreischte der Häher: »Faline! Hach! Faline und ihre Kinder!«

Jetzt fing der Specht zu trommeln an: »Die brave Faline!« Er lachte gellend. »Die dumme Faline! Zu komisch!« Er hielt nämlich alle Geschöpfe für dumm außer sich selbst, und er trommelte stürmisch; das klang alarmierend.

Aus den Nestern flatterten die Krähen. »Faline!« krächzten sie mißbilligend, »Faline tut, was die Kinder befehlen! Eine Erziehung! Unerhört!« Sie stoben flügelklatschend davon.

In den Baumwipfeln regten sich die Tauben. »Stillsitzen!« mahnten sie einander, »sitzen bleiben, bis es hell wird. Noch lauert die Eule! Noch jagt der Kauz!«

Nun vernahmen alle leise zögernde Schritte.

Auf dem schmalen Pfad bogen sich die Zweige zur Seite; sie hingen schwer von Tau, und dicke Tropfen näßten das Fell der Rehe, die hier täglich gingen.

»Du bist merkwürdig, Geno«, sagte Faline zu ihrem Sohn, »warum drängst du immer so sehr, dich hinzulegen?«

»Weil ich müde bin«, antwortete Geno kurz.

»Er ist gar nicht müde«, ließ sich Gurri vernehmen, die immer dicht an der Flanke Falinens blieb. »Ich hätte noch so gerne draußen auf der Wiese gespielt.«

»Lauf doch hinaus!« rief Geno, »lauf nur! Ich bin müde und schläfrig.«

»Aber nein!« widersprach die Schwester, »das glaub ich dir nicht.«

»Dann laß es bleiben«, murrte jetzt Geno unwirsch.

»Kinder ... Kinder ...«, beschwichtigte Faline.

Die Geschwister neckten einander. Sie waren ganz jung, waren kaum im Begriff, die weißen Sprenkel zu verlieren, die sie bei ihrer Geburt mit auf die Welt gebracht hatten. Ihre roten Röckchen färbten sich um einen Schatten dunkler.

»Boso und Lana sind gewiß noch draußen«, klagte Gurri, »die warten, bis ihnen die Mutter das Zeichen gibt, einzuziehen. Nur du wartest nie! Aber so früh wie heute ...!«

Geno schwieg.

»Tante Rolla wird mit ihnen nun gewiß schon zur Ruhe gehen«, sagte Faline.

»Ach, es ist noch lang Zeit«, plauderte Gurri, »und ich hab die beiden so gerne, Boso und Lana.«

»Ich mache mir gar nichts aus ihnen«, urteilte Geno.

»Sie sind so fröhlich«, wandte Gurri ein.

»Albern sind sie!« beharrte Geno.

»Natürlich! Nur du bist gescheit!«

»Ich? Ich bin ein Kind!«

»Wir alle sind Kinder. Und Boso ist reizend.«

»Meinetwegen.«

»Lana hat ein ... sie schaut entzückend aus.«

»Lana?« Geno wollte spotten, da entfuhr ihm ein Schreckensruf. »Ba –« Er sprang mit allen vier Läufen hoch.

Durch Farne und Lattich raschelte etwas.

»Wer war das?« Geno zitterte am ganzen Leib.

»Nur der Iltis«, gab Faline Auskunft, »der tut dir nichts. Hab keine Angst.«

Doch Geno wurde schwer wieder ruhig; die Witterung atmend, stotterte er: »Dieser Iltis ... riecht fürchterlich.«

Gurri erklärte: »Geno hat immer Angst. Immer ist er bange. Deshalb müssen wir auch gar so zeitig ...«

»Schwatz nicht«, unterbrach sie Geno, »sicher ist sicher. Du wirst noch einmal mit deinem Leichtsinn ins Unglück geraten. Sicherheit bleibt das Allerbeste.«

»Er zittert noch«, lächelte Gurri, »auch auf der Wiese waren wir sicher.«

»Hier sind wir es viel mehr.«

»Als ob hier drinnen nichts passieren könnte!« Gurri lachte. »Wenn der Iltis vorbeihuscht, kannst du dich nicht fassen.«

»Ich bin eben erschrocken«, rechtfertigte sich Geno, »und der Bursche stinkt entsetzlich.«

»Laß deinen Bruder«, mengte sich Faline in das kindliche Geplänkel, »Geno hat recht. Vorsicht ist für uns notwendig. Wachsamkeit bleibt unsere Bestimmung. Die Welt mag wundervoll herrlich sein, aber sie birgt zahllose Gefahren. Wer von uns lange leben, wer sich an der Welt erfreuen will, darf in der hellsten Lustigkeit niemals vergessen, wie viele Gefahren uns umlauern. Beständig müssen wir auf der Hut sein. Dann ist alles schön. Wir können uns nicht sonderlich wehren. Unsere Waffen sind Aufpassen, uns verbergen und rechtzeitige Flucht. Lieber zu früh von der Wiese fort als zu spät. Geno ist klug, und er wird hoffentlich lange leben.«

Die Kinder lauschten.

Geno ging stolz in dem leise schwankenden Schritt ganz junger Rehe.

Gurri ließ die Ermahnungen der Mutter von sich abgleiten; sie nahm das oft Gehörte leicht. Die Stimme der Mutter klang angenehm zärtlich, doch was sie sagte, berührte die Kleine nur oberflächlich, und Gurri blieb heiter.

Nun waren sie angelangt.

Ein enger Platz, umhegt von dichtem Buschwerk, überschattet von hohen alten Eschen, Buchen und Eichen, bot ihnen Heimstätte, gewährte so guten Schutz, wie man nur überhaupt verlangen konnte. Eine hohe Pappel überragte schlank die anderen Bäume. Gleich Mauern standen hier Haselstauden, Holundersträucher, wuchsen Hartriegel, Liguster, und weiches, duftendes Moos deckte die schwarze Walderde beinahe völlig. Hier hatte Faline ihre Kinder geboren. Das Eichhörnchen kam zu dieser schweren Stunde damals neugierig und teilnahmsvoll herbei und blieb seither Faline wie den Kindern freundschaftlich verbunden. Hier unten im Gebüsch, oben in den Wipfeln nisteten noch andere Freunde, die Elster, der Häher, der Specht, die Schar der Meisen, und alle behüteten den Schlaf der Rehe, alle gaben Warnungszeichen, wenn sich jemand näherte, der vielleicht böse Absichten hatte.

Behaglich tat sich Faline nieder; Geno und Gurri schmiegten sich an ihren warmen Leib. Geno bat: »Mutter, erzähl uns etwas.«

»Ich hab' geglaubt«, rief Gurri dazwischen, »ich hab' geglaubt, du bist schläfrig.«

»Was soll ich erzählen?« fragte Faline.

»Erzähle von deinem Bruder Gobo«, schlug Geno vor.

»Ja, ja!« stimmte Gurri ein, »von Gobo, von Gobo!«

»Die Geschichte habt ihr doch schon oft gehört.«

»Das macht nichts«, meinte Geno, »sie ist so spannend.«

Und Gurri sagte eifrig: »Diese Geschichte kann ich immer hören, immer! Dabei fürchte ich mich so schön.«

»Der arme Gobo«, seufzte Faline, »er war als Kind sehr schwach, und den Winter vermochte er nicht zu ertragen.«

»Was ist das, Winter?« begehrte Geno Auskunft.

»Er fragt schon wieder«, ärgerte sich Gurri, »wie oft soll die Mutter dir sagen, was Winter ist?«

»Weißt du es denn so genau?« erwiderte Geno.

Und bekam die Antwort: »Winter ist, wenn man Hunger hat.«

»Dann hab ich jeden Tag Winter«, erklärte Geno und bat die Mutter: »Sag also, was Winter ist – das gehört zur Geschichte.«

»Ja«, sprach Faline, »es ist schon richtig, was Gurri sagt. Man hungert und man findet nur wenig, oft auch gar nichts zu essen. Die Bäume und Sträucher stehen nackt; ihr Laub welkt auf der Erde, das Gras verdorrt mit allen Kräutern; sie sind tot, schmecken bitter oder sauer. Man friert vor Kälte und muß froh sein, wenn einem der Schnee nicht die Füße blutig reißt.«

»Gleich wird er fragen, was Schnee ist«, meldete Gurri.

»Gewiß frage ich«, versicherte Geno, »denn das macht die Geschichte so fürchterlich.«

»Schnee«, berichtete die Mutter, »fällt vom Himmel, weiß und kalt. Schnee bleibt am Boden liegen, zuweilen so hoch, daß es Plage kostet, ja daß es unmöglich wird, sich ein bißchen Nahrung hervorzuscharren. Das Gehen, erst gar das Laufen oder Springen wird sehr mühsam. Man braucht Kraft.«

»Jetzt weiter von Gobo«, bat Geno. Faline erzählte: »Der arme Gobo hatte keine Kraft. Als der wilde Schrecken durch den Wald tobte, mußten wir alle flüchten. Viele sind von der Donnerhand getroffen worden, nicht nur Rehe. Viele Fasanen und Hasen, sogar Füchse. Auch der Vater hat an diesem entsetzlichen Tag seine Mutter verloren. Gobo ist im Schnee zusammengestürzt. Der Vater war damals ein Kind, nicht älter als Gobo, aber gesund und stark. Er kam an Gobo vorbei; er hat ihn gesehen, hat mit ihm gesprochen, hat ihm zugeredet, ihn gebeten, sich aufzuraffen, doch mein unglücklicher Bruder vermochte das nicht, und die beiden haben Abschied voneinander genommen; sie glaubten für immer. Wir alle dachten, es sei aus und zu Ende mit Gobo.«

»Und dann?« drängten die Kinder.

»Dann ist Gobo wieder gekommen. Plötzlich war er da! Groß, gesund und schön. Unsere Mutter hatte eine riesige Freude, Gobo hatte Freude, wir alle haben uns gefreut. Nur der alte Fürst sagte ›Unglücklicher!‹ Wir waren dem Ehrwürdigen deswegen gram, aber leider hat der alte Fürst recht behalten. Dafür war er eben der Fürst und klüger als alle anderen. Gobo wußte nicht genug zu schildern, wie gut Er zu ihm gewesen, wie Er ihn aus dem Schnee gehoben, wie Er ihn gepflegt und genährt hat. Gobo glaubte fest, Er wäre sein Freund ...«

Ein lauter Donnerschlag unterbrach Faline. Sie zuckte ein wenig. Aber die Kinder sprangen in die Höhe und standen bebend da.

Endlich stammelte Geno: »Wenn ... jetzt ... der Vater getroffen ist ...«

Gurri fing an zu wimmern.

»Seid ruhig, Kinder«, beschwichtigte Faline, »sorgt euch nicht um den Vater; den kriegt Er nie! Jetzt ist der Vater dahier im Wald der Fürst.«

Ringsum herrschte nach dem kurzen Donner tiefes Schweigen.

Die Kinder legten sich wieder zur Mutter. Sie vergaßen das Erschrecken sehr rasch.

Das Eichhörnchen kam herbeigesaust und jubelte: »Den Marder hat Er vom Baum geholt! Den Marder, den blutgierigen, den unbarmherzigen Marder!«

Im Einschlafen vernahmen es die Kinder, und Faline flüsterte: »Gut, daß es keiner unserer Verwandten war.«

Es wurde immer lichter, es wurde hell.

Mit berstendem Schrei flatterten, schwingenknatternd, die Fasane von ihren Schlummerplätzen zu Boden.

Auf den höchsten Spitzen der Baumwipfel flöteten, trillerten die Amseln ihr Morgenlied.

Der Kuckuck rief nah und fern und ließ ein leises, kehliges Lachen vernehmen.

Die Tauben begannen ihren eintönigen, melodischen Liebesgesang.

Der Pirol schleuderte sich wie ein goldener Ball von Baum zu Baum und wiederholte sein Jauchzen: »Ich bin so froh!«

Die Meisen führten in den Büschen ihr lebhaftes zartes Wispergespräch.

Der Häher schnarrte von Zeit zu Zeit jäh auf, als wäre er zornig. Eigentlich war er immer zornig.

Lustig schmetterten Finken und Rotkehlchen.

Der Specht trommelte an den Baumstämmen und stieß oft ein gellendes Lachen aus.

Geschäftig schäkerten die Elstern.

Am Boden raschelten die Mäuse.

Hoch in den Lüften scholl kühner Falkenruf, sauste schwirrender Entenflug.

Faline und die Kinder schliefen friedlich. Der Wald war erwacht.

Ein sachter Wind strich durch die Bäume, daß sie leise rauschten. Feurig stieg die Sonne empor, eine am Himmel lodernde, aber wohltuend zärtliche Flamme.

 

* * *

 

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