Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Spitteler >

Balladen

Carl Spitteler: Balladen - Kapitel 6
Quellenangabe
typeballad
booktitleBalladen
authorCarl Spitteler
firstpub1896
year1896
publisherAlbert Müller's Verlag
addressZürich
titleBalladen
pages1-157
created20041214
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Die tote Erde.

Legende.

           

Zwölf Engel hielten am Himmelsthor:
»Ihr Türmer herunter, ihr Wächter hervor.«
»»Was bringt ihr? ihr lieben Leute?««
»Wir kommen geritten vom Erdenrund,
Gar frohe Botschaft bringt unser Mund,
Stimm' an die Glocken und läute!«

Und als das Pförtchen war aufgethan,
Da setzten sie die Posaunen an
Und bliesen aus vollen Wangen:
»Juchhe, ihr Völker, juchhe haja!
Herbei ihr alle, halleluja!
Die frohe Post zu empfangen:

Worum wir inbrünstig gebetet oft,
Was jeder ersehnte, was keiner gehofft,
Es hat sich in Gnaden begeben;
Wir kommen geritten von Erden fern:
Erloschen, verglommen der blutige Stern,
Verhaucht das unselige Leben.«

Da flogen die Thüren und Fenster auf
Und alle die Seligen eilten zu Hauf
Und zogen zu Fuß und zu Pferde,
Mit Pfeifern und Trommlern und Saitenspiel
Und fröhlichem Schwatzen und Lachen viel,
Hinab auf die einsame Erde.

Doch als sie im glitzernden Sternenreich
Gewahrten die traurige Weltenleich',
Verkohlt in den Wolken schwimmen,
Da ging den Pfeifern der Atem aus,
Und mancher wischt sich ein Thränlein aus
Und thät ein Greinen anstimmen.

Dann schlichen sie auf dem Riesengrab
Mit heimlichem Flüstern thalauf und thalab
Und erzählten mit Bangen und Zagen
Von alter verschollener Menschenzeit,
Von Krankheit und Sterben, von Zank und Streit
Einander die schaurigen Sagen.

Sie stifteten einen Sühnaltar,
Drauf brachten die Priester die Messe dar
Beim Klange der Trauerlieder.
Ein Requiem aeternam lallt' ihr Mund,
Weihwasser sprengten sie auf den Grund
Und flehten den Segen hernieder.

Der Segen, der schwebte wohl über die Welt,
Das Weihwasser rann übers Ackerfeld, –
Doch sieh! was will das bedeuten?
Der Segen flog ängstlich im Kreis herum,
Das Weihwasser wälzte sich um und um –
Sagt an, was soll das bedeuten?

Da sprach das Weihwasser: »Ich sehe, ich seh'
Auf Erden kein Plätzchen, wohin ich auch späh',
Das nie eine Thräne benetzt hat.«
Und der Segen, der sprach: »Ich suche, ich such'
Einen Fleck, einen kleinen, den nicht der Fluch,
Den nicht der Mord schon besetzt hat.«

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.