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Balladen

Carl Spitteler: Balladen - Kapitel 11
Quellenangabe
typeballad
booktitleBalladen
authorCarl Spitteler
firstpub1896
year1896
publisherAlbert Müller's Verlag
addressZürich
titleBalladen
pages1-157
created20041214
sendergerd.bouillon
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III.
Heldenballaden.

Die Hochzeit des Theseus.

           

Stolz bauschen sich die Segel, vom Morgenwind gebläht.
Vom Bug der Atalante der junge Theseus späht
Ueber den Meeresspiegel, der Frohsinn blitzt und blaut,
Nach Minos' schöner Tochter, Ariadne, seiner Braut.

Kein Wölklein trübt den Himmel, kein Felsen droht, noch Riff.
Im Tanze durch die Wellen fliegt das beschwingte Schiff.
Doch wie sie längs der Küste der äginetischen Bucht
Streiften der Tempel-Haine schattige Gartenflucht,
Da senkte sich verstohlen durch einen Eichenbaum
Auf seinen Königsscheitel ein sonniger Heldentraum.

Ihm war, als schwebte hernieder der Götter selige Schar
Und Jeder böt' im Wettstreit ihm Hochzeitsspenden dar,
So daß von goldenem Segen die Gondel überquoll
Und übersät mit Früchten der blaue Pontus schwoll.
»Auf, wähle Dir einen Pathen zum Fest aus unserer Zahl.«
Da musterte der König die Götter allzumal:
»Ich bin ein Aegeide, von fürstlichem Geblüt.
Nach minderm Preis zu langen, hab' ich mich nie bemüht.
Der wird sich nie erkühnen, der niemals sich erfrecht,
Zeus selbst, der Weltbeherrscher, ist mir als Pate recht.«

*           *
*

Und als am Hochzeitstage der Bund geschlossen war
Und festlich Volk umjauchzte das junge Königspaar,
Da schwebte vor dem Throne, der die Vermählten trug,
In prächtigen Schraubenzügen ein Aar in stolzem Flug.
Und durch die Menge schob sich in atemlosen Lauf
Ein schweißbedeckter Bote, der hielt die Sänfte auf.
»Kehr' um, erhab'ner König, erlauchter Heldensproß!
Und wende Deine Schritte zum Hafen Phaleros.
Ein Schifflein kommt geflohen, fern her vom Chersonnes.
Es trägt den Knaben Hyllos, den Sohn des Herakles.
Von Haus und Hof vertrieb ihn Eurystheus Eigennutz.
Verfolgt von feigen Mördern, fleht er um Deinen Schutz.
Horch, wie sein Hülfejammern vom Meer herüber dringt!
Bald ist's um ihn geschehen, der Feind hat ihn umringt.«

»Ein Schrei aus bangen Nöten ist Jovis heiliger Ruf.
Dank Zeus, der mir zum Feste so edle Arbeit schuf.
Erbarmen und Beschützen ist rechte Hochzeitslust.
Wem jetzt mein Dienst gebühret, des bin ich mir bewußt.«
Schnell sprang er von dem Throne, verlassend das Gemahl.
Sammelt' in aller Eile von Kriegern eine Zahl,
Bemannte sechs Trieren mit einer festen Macht
Und fuhr mit raschen Rudern hinaus zur frommen Schlacht.
Und als der Feind betroffen vor seinem Ansturm wich,
Und mit zerfetzten Segeln blntrünstig heimwärts schlich,
Geleitete der Sieger den gottgesandten Gast,
Den edlen Herakliden zuvor in den Palast,
Weckte mit Trostesreden und Zuspruch seinen Mut
Und dient' ihm allerwegen mit Trank und Speise gut.
Dann reinigt' er im Bade den blutbefleckten Leib
Und flog auf Sehnsuchtsflügeln zu seinem jungen Weib.

»Weh' mir, der Ungeliebten! bedeckt mit ewiger Schmach!
Litt jemals Neuvermählte so schimpflich Ungemach?
In Hymens heiliger Stunde, da Hermes selber weilt,
Verschmäht mich mein Gebieter, der in die Ferne eilt.
Statt sanfter Freundesworte, statt Kuß und Liebesschwur,
Vernehm' ich Kampfgetöse und schaurig Morden nur.
O, daß nach Ioniens Strande ich nie den Fuß gekehrt!
In meines Vaters Hause da war ich baß geehrt.«

»Genug der eitlen Thränen! Ist jetzt zum Weinen Zeit?
Sieh' mich zu Deinen Füßen zur Buße froh bereit.
Wenn Du Behagen suchtest und träges Wohlergeh'n
So durftest Du nicht freien den König von Athen.
Windstille herrscht im Sumpfe, der Blitz fegt um den Turm.
Die Wipfel und die Kronen besucht zumeist der Sturm.
Ein schwächlich Liebesfeuer hat einen ruhigen Docht,
Allein im Heldenbusen da schäumt's und kocht und pocht.
Schau, wie der gold'ne Morgen die trübe Nacht durchbricht,
Er weiß, Ariadnens Schönheit erträgt das Tageslicht.
Laß finstere Barbaren im Dunkeln selig sein,
Doch des Hellenen Hochzeit begehrt den Sonnenschein.
Sieh' mich von Wohlthun heiter, von hoher Arbeit groß,
Und Jovis Huld und Segen leg' ich in Deinen Schoß.«

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